Betrachtung über Philipper (Synopsis)

Kapitel 1

Betrachtung über Philipper (Synopsis)

Die verschiedenen Umstände, die wir berührt haben, brachten den Apostel in ein besonders inniges Verhältnis zu den Gläubigen in Philippi; und er und Timotheus, der ihn bei seinen Arbeiten in Macedonien begleitet hatte, sein treuer Sohn im Glauben und im Werk, wenden sich an die Heiligen dieser merkwürdigen Versammlung und an die, die ein Amt in ihr verwalteten. Der Brief erhebt sich nicht zu der Höhe der Ratschlüsse Gottes, wie der an die Epheser; auch beschäftigt er sich nicht mit der Regelung der göttlichen Ordnung, die allenthalben den Christen geziemt, wie die beiden Briefe an die Korinther; ebenso wenig stellt er die Grundlage der Beziehung einer Seele zu Gott fest, wie der Brief an die Römer. Auch war er nicht dazu bestimmt, die Christen gegen die Irrtümer, die sich unter ihnen einschlichen, zu schützen, wie einige der anderen Briefe unseres Apostels. Er stellt sich vielmehr auf den Boden des köstlichen, inneren Lebens der gemeinsamen Liebe der Christen zueinander, einer Liebe aber, wie sie im Herzen des Paulus, belebt und geleitet durch den Heiligen Geist, in Tätigkeit war. Deshalb finden wir hier auch die gewohnheitsmäßigen Verhältnisse, die innerhalb einer Versammlung bestanden: da waren Aufseher und Diener, und es war umso wichtiger, sie zu erwähnen, weil die unmittelbare Fürsorge des Apostels für die Philipper nicht länger möglich war. Das Fehlen dieser Fürsorge bildet die Grundlage der Unterweisungen des Apostels hier und gibt dem Brief seine besondere Wichtigkeit.

Die Liebe der Philipper, die in der Sendung einer Unterstützung an den Apostel ihren Ausdruck fand, erinnerte ihn an den Geist, den sie immer gezeigt hatten; sie hatten von Herzen an den Mühen und Trübsalen des Evangeliums teilgenommen. Und dieser Gedanke führt den Apostel höher, zu dem hin, was den (für uns höchst köstlichen) Gedankengang in dem Brief beherrscht. Wer hatte in den Philippern diesen Geist der Liebe und der Hingebung für die Interessen des Evangeliums gewirkt? Es war ohne Frage der Gott der frohen Botschaft und der Liebe; und diese Tatsache bürgte dafür, dass Der, der das gute Werk angefangen hatte, es auch vollführen würde bis auf den Tag Christi. Ein lieblicher Gedanke für die Jetztzeit, wo wir weder den Apostel noch Aufseher und Diener mehr haben, wie die Philipper sie in jenen Tagen besaßen! Gott kann uns nicht genommen werden; die wahre und lebendige Quelle aller Segnungen bleibt uns unveränderlich, und sie ist erhaben über die Schwachheiten und selbst über die Fehler, die die Christen aller vermittelnden Hilfsquellen berauben. Der Apostel hatte Gott in den Philippern wirksam gesehen. Die Früchte gaben Zeugnis von der Quelle. Deshalb rechnete er auf die ununterbrochene Fortdauer des Segens, den sie genossen. jedoch muss Glaube vorhanden sein, um diese Schlüsse zu ziehen. Die christliche Liebe sieht klar und ist voll Vertrauen hinsichtlich ihrer Gegenstände, weil Gott selbst und die Wirksamkeit seiner Gnade in dieser Liebe sind.

Geradeso ist es, um zu dem Grundsatz zurückzukehren, mit der Versammlung Gottes. Sie mag viel verloren haben hinsichtlich der äußeren Mittel zur Auferbauung und jener Offenbarungen der Gegenwart Gottes, die mit der Verantwortlichkeit des Menschen in Verbindung stehen; allein die wirkliche Gnade Gottes kann nie verloren gehen. Der Glaube kann stets auf sie rechnen. Es waren die Früchte der Gnade, die dem Apostel dieses Vertrauen gaben, geradeso wie in Heb 6,9–10; 1. Thes 1,3–4. In 1. Kor 1,8 und in dem Brief an die Galater rechnete er freilich auf die Treue Christi, trotz vieler schmerzlicher Dinge. Die Treue des Herrn ermutigte ihn in Bezug auf Christen, deren Zustand in anderer Hinsicht Ursache zu großer Besorgnis gab. Doch hier (was gewiss ein weit glücklicherer Fall ist) führte ihn der Wandel der Christen selbst zu der Quelle des Vertrauens ihretwegen. Er erinnerte sich mit zärtlicher Liebe daran, wie sie stets gegen ihn gehandelt hatten, und das bringt den Wunsch in ihm hervor, dass der Gott, der diese Dinge gewirkt hatte, zu ihrem eigenen Segen die vollkommenen und reichlichen Früchte jener Liebe hervorbringen möchte.

Zugleich öffnet er ihnen sein eigenes Herz. Indem dieselbe Gnade in ihnen wirkte, nahmen sie teil an dem Werk der Gnade Gottes in dem Apostel, und sie taten es mit einer Liebe, die sich mit ihm und seinem Werk einsmachte; und das Herz des Apostels wandte sich ihnen zu mit überströmender Gegenliebe und mit Wünschen für ihr Wohl. Gott, der die Quelle dieser Gefühle war, und vor dem Paulus alles kundwerden ließ, was in seinem Herzen vorging – derselbe Gott, der in den Philippern wirkte, war ein Zeuge zwischen ihnen (da Paulus durch seine Arbeit unter ihnen, ihnen kein Zeugnis mehr von seiner Liebe geben konnte), wie sehr er sich nach ihnen allen sehnte. Er fühlte ihre Liebe, aber er wünschte auch, dass diese Liebe nicht nur herzlich und wirksam sein, sondern dass sie auch geleitet werden möchte durch eine von Gott gegebene Erkenntnis und Einsicht, durch eine göttliche, durch die Kraft seines Geistes gewirkte Unterscheidung des Guten und Bösen. Er wünschte, dass die Philipper, indem sie in Liebe handelten, auch nach jener Erkenntnis wandeln und prüfen möchten, was in der finsteren Welt wirklich dem göttlichen Licht und der göttlichen Vollkommenheit entsprechend sei, damit sie unanstößig seien auf den Tag Christi. Wie verschieden ist das von dem kalten Meiden tatsächlicher Sünde, womit viele Christen sich begnügen! Was das christliche Leben kennzeichnet, ist das ernste Verlangen nach jeder Vortrefflichkeit Christi und nach einer völligen Ähnlichkeit mit Ihm, wie das göttliche Licht sie uns dann offenbaren kann.

Die hervorgebrachten Früchte waren nun schon ein Zeichen, dass Gott mit den Philippern war, und gaben dem Apostel die gute Zuversicht, dass Er das Werk bis ans Ende vollführen werde. Doch wünschte der Apostel, dass die Philipper auf dem ganzen Weg nach dem von Gott gegebenen Lichte wandeln möchten, damit, wenn sie ihren Lauf vollendet hätten, nichts vorhanden wäre, worüber sie getadelt werden konnten; im Gegenteil, frei von allem, was sie schwächen oder irreführen könnte, sollten sie erfüllt sein mit den Früchten der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus sind zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes. Ein schönes, praktisches Bild des regelrechten Zustandes eines Christen in seinem täglichen Wandel dem Ziel entgegen; denn im Philipperbrief sind wir immer auf dem Weg nach unserer himmlischen Ruhe, die die Erlösung uns bereitet hat.

Das ist die Einleitung zu dem vorliegenden Brief. Nachdem der Apostel auf diese Weise den Wünschen seines Herzens für die Philipper Ausdruck gegeben hat, spricht er, auf die Liebe rechnend, von seinen Banden, derer sie gedacht hatten; aber er bringt es in Verbindung mit Christus und dem Evangelium, das ihm vor allem anderen am Herzen lag. Bevor ich indes weitergehe und den Gegenstand des Briefes selbst behandle, möchte ich kurz die Gedanken hervorheben, die den in ihm ausgedrückten Gefühlen zugrunde liegen.

Drei Hauptgedanken drücken diesem Brief ihren Charakter auf.

Erstens spricht er von der Pilgerschaft des Christen in der Wüste, und die Errettung oder Seligkeit wird betrachtet als ein Ergebnis, das am Ende der Reise erlangt wird. Freilich ist die durch Christus vollbrachte Erlösung die Grundlage dieser Pilgerschaft (wie dies mit Israel bei seinem Eintritt in die Wüste der Fall war); aber der Gegenstand des Briefes und das, was hier „Seligkeit“ genannt wird, ist unsere Darstellung als Auferstandene vor Gott in Herrlichkeit, nachdem wir den Sieg über die Schwierigkeit davongetragen haben.

Zweitens wird die Stellung der Philipper durch die Abwesenheit des Apostels gekennzeichnet. Die Versammlung selbst hatte jetzt den Kampf zu führen. Sie musste überwinden, anstatt den Sieg zu genießen, den der Apostel über die Macht des Feindes davongetragen hatte, als er bei ihnen war und allen Schwachen ein Schwacher sein konnte.

Und drittens wird die schon erwähnte wichtige Wahrheit vorgestellt, dass die Versammlung in diesen Umständen unmittelbarer auf Gott geworfen war, auf die unerschöpfliche Quelle aller Gnade und Kraft für sie. Diese Hilfsquelle, die niemals versiegen konnte, sollte sie sich in unmittelbarer Weise durch den Glauben zunutze machen 1.

Nehmen wir jetzt die Betrachtung des Textes wieder auf. Mit dem 12. Verse des ersten Kapitels, nach der vorangegangenen Einleitung, beginnt der eigentliche Brief. Paulus war ein Gefangener zu Rom. Der Feind schien einen großen Sieg errungen zu haben, indem er den Apostel auf diese Weise in seiner Wirksamkeit hemmte; aber durch die Kraft Gottes, der alle Dinge leitet und der in dem Apostel wirkte, hatten die Anschläge des Feindes sogar zur Förderung des Evangeliums gedient. Zunächst ließ die Gefangenschaft des Apostels das Evangelium da bekannt werden, wo es sonst nicht verkündigt worden wäre, nämlich in den hohen Kreisen in Rom; und viele andere Brüder, indem sie betreffs der Lage des Apostels wieder Vertrauen gewonnen hatten 2, erkühnten sich viel mehr, das Evangelium ohne Furcht zu predigen. Doch die Abwesenheit des Apostels äußerte auch noch in anderer Weise ihre Wirkung. Manche, die angesichts seiner Kraft und seiner Gaben notwendigerweise kraftlose und unbedeutende Personen waren, konnten sich einigermaßen wichtig machen, wenn in den unausforschlichen, aber vollkommenen Wegen Gottes dieses mächtige Werkzeug seiner Gnade beiseite gesetzt war. Sie konnten hoffen zu glänzen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wenn die Strahlen dieses glänzenden Lichtes durch die Mauern eines Gefängnisses aufgehalten wurden. Diese eifersüchtigen Menschen, die sich zurückzogen, wenn er gegenwärtig war, benutzten seine Abwesenheit, um sich hervorzutun. Entweder waren es falsche Brüder oder eifersüchtige Christen, die in seiner Abwesenheit seine Autorität in der Versammlung und sein Glück zu beeinträchtigen suchten. Allein sie vermehrten nur beides. Gott war mit seinem Knecht; und anstatt der Selbstsucht, durch die diese traurigen Prediger der Wahrheit getrieben wurden, fand sich bei Paulus der reine Wunsch für die Verkündigung der guten Botschaft von Christus, deren ganzen Wert er tief fühlte, und nach der er über alles verlangte, auf welche Weise sie auch geschehen mochte.

Für seine eigene Lage findet der Apostel seinen Trost darin, dass Gott hinsichtlich der von ihm gebrauchten Mittel unabhängig von der geistlichen Ordnung seines Hauses wirksam ist. Der regelrechte Zustand der Versammlung ist, dass der Geist Gottes in den Gliedern des Leibes wirkt, in jedem Glied an seinem Platz zur Offenbarung der Einheit des Leibes und der gegenseitigen Tätigkeit seiner Glieder. Christus erfüllt, nachdem Er Satan überwunden, mit seinem eigenen Geist diejenigen, die Er aus der Hand jenes Feindes errettet hat. Zugleich sollten sie die Kraft Gottes und die Wahrheit ihrer Befreiung aus der Gewalt des Feindes offenbaren und dies in einem Wandel zeigen, der, als Ausdruck der Gesinnung und der Kraft Gottes selbst, keinen Raum lässt für die Gesinnung und die Kraft des Feindes. Die Christen bilden das Heer und das Zeugnis Gottes in dieser Welt wider den Feind. Zudem aber ist jedes einzelne Glied, vom Apostel bis zum schwächsten Christen, in wirksamer Weise an seinem eigenen Platz tätig. Die Macht Satans ist ausgeschlossen. Das Äußere entspricht dem Inneren und damit dem Werk Christi. Der, der in ihnen ist, ist größer als der, der in der Welt ist. Aber immerhin ist hierzu Kraft und ein einfältiges Auge nötig. Es gibt auch einen anderen Zustand der Dinge: obwohl nicht alles an seinem Platz nach dem Maß der Gabe des Christus in Tätigkeit ist, schützt dennoch die wiederherstellende Kraft des Geistes in einem Werkzeug gleich dem Apostel die Versammlung oder führt sie zu ihrem normalen Zustand zurück, wenn sie in ihren einzelnen Teilen gefehlt hat. Beide Formen der Geschichte der Versammlung finden sich in den Briefen des Apostels dargestellt, die erste in dem Brief an die Epheser, die zweite in den Briefen an die Korinther und Galater.

Der Brief an die Philipper behandelt – jedoch mit der Feder eines göttlich inspirierten Apostels – einen Zustand der Dinge, in dem diese letzte Hilfsquelle fehlte. Der Apostel konnte jetzt nicht in derselben Weise arbeiten wie früher, aber er konnte uns die Gedanken des Geistes über den Zustand der Versammlung mitteilen, wenn sie, nach der Weisheit Gottes, dieser normalen Kräfte beraubt war. Gott konnte ihr nicht genommen werden. Ohne Zweifel war die Versammlung damals nicht so weit von ihrem regelrechten Zustand abgewichen, wie es heute der Fall ist; aber das Übel sprosste schon auf. – „Alle suchen das Ihrige“, sagt der Apostel, „nicht das, was Jesu Christi ist“ (Phil 2,21); und Gott erlaubte, dass es also bei Lebzeiten der Apostel war, damit wir die Offenbarung seiner Gedanken darüber haben und zu den wahren Hilfsquellen seiner Gnade – in solchen Umständen – geleitet werden möchten.

Paulus selbst musste diese Wahrheit an erster Stelle erfahren. Die Bande, die ihn mit der Versammlung und mit dem Werk des Evangeliums verknüpften, waren die stärksten, die es auf Erden gibt; allein er war genötigt, das Evangelium und die Versammlung dem Gott zu überlassen, dem sie gehörten. Das war schmerzlich; aber es hatte die Wirkung, den Gehorsam, das Vertrauen, die Einfalt des Auges und die Selbstverleugnung im Herzen zu vervollkommnen, d. h. sie zu vervollkommnen nach dem Maß der Wirksamkeit des Glaubens. Nichtsdestoweniger zeigt der dem Apostel verursachte Schmerz die Unfähigkeit des Menschen, das Werk Gottes auf seiner Höhe zu erhalten. Aber das alles geschieht, damit Gott die ganze Ehre hinsichtlich des Werkes empfange; und es ist notwendig, damit das Geschöpf in jeder Hinsicht der Wahrheit gemäß offenbar werde. Es ist überaus gesegnet zu sehen, wie sowohl hier als auch in dem zweiten Brief an Timotheus der Verfall des Lebens in den einzelnen Gläubigen und der Rückgang der Kraft in der Versammlung als Gesamtheit eine viel größere Entfaltung von persönlicher Gnade einerseits und von dienender Energie andererseits (da wo Glauben ist) hervorbringt, als sonst wo gefunden wird. Es ist tatsächlich immer so. Männer wie Mose, David und Elia werden gefunden in den Zeiten eines Pharao, eines Saul und eines Ahab.

Der Apostel war zur Untätigkeit verurteilt. Er musste sehen, wie das Evangelium ohne ihn gepredigt wurde, von einigen aus Neid und Streit, von anderen aus Liebe. Die letzteren, durch die Bande des Apostels ermuntert, wünschten ihm diese Bande zu erleichtern, indem sie sein Werk fortsetzten. Auf alle Weise wurde Christus gepredigt, und das Herz des Apostels erhob sich über die Beweggründe, welche die Prediger beseelen mochten, indem er die unermesslich große Tatsache anschaute, dass ein Heiland, der von Gott gesandte Erlöser, der Welt verkündigt wurde. Christus und selbst die Seelen waren wertvoller für Paulus, als dass das Werk durch ihn selbst betrieben wurde. Gott setzte es fort; und deshalb würde es für Paulus, der sich mit den Absichten Gottes einsmachte, zum Triumph gereichen 3. Er verstand den großen Kampf, der zwischen Christus (in seinen Gliedern) und dem Feind geführt wurde; und wenn dieser scheinbar dadurch einen Sieg davongetragen hatte, dass er Paulus ins Gefängnis brachte, benutzte Gott dieses Ereignis zur Förderung des Werkes Christi durch das Evangelium und also in Wirklichkeit zur Erlangung neuer Siege über Satan – Siege, mit denen Paulus in Verbindung stand, weil er zur Verantwortung jenes Evangeliums gesetzt war. Deshalb schlug das alles für ihn zur Seligkeit aus, indem sein Glaub durch diese Wege eines treuen Gottes, der die Augen seines treuen Knechtes völliger auf Sich selbst richtete, befestigt wurde. Unterstützt durch die Gebete anderer und durch die Darreichung des Geistes Jesu Christi, rühmt er sich, anstatt vom Feind niedergeworfen und erschreckt zu werden, mehr und mehr des gewissen Sieges Christi, an dem er teilhatte. Demgemäß drückt er seine unerschütterliche Überzeugung aus, dass er in nichts würde zuschanden werden, sondern dass es ihm gegeben werden würde, alle Freimütigkeit zu gebrauchen, und dass Christus in ihm verherrlicht werden würde, sei es durch sein Leben oder durch seinen Tod; und den Tod hatte er vor Augen. Berufen, vor dem Kaiser zu erscheinen, konnte ihm sein Leben durch dessen Urteil genommen werden; menschlich gesprochen, war der Ausgang ganz ungewiss. Er spielt darauf an in Phil 1,22+30; 2,17; 3,10. Aber sei es, dass er leben oder sterben sollte, sein Auge war jetzt mehr auf Christus gerichtet, als selbst auf das Werk, welch hohen Platz dieses auch in dem Herzen eines Mannes einnehmen mochte, dessen Leben sich in dem einen Wort zusammenfassen ließ: „Christus.“ Das Leben war für ihn nicht das Werk an und für sich, auch nicht, dass die Gläubigen im Evangelium feststehen möchten, obwohl das nicht von dem Gedanken an Christus getrennt werden konnte, weil sie Glieder seines Leibes waren, sondern das Leben war für ihn Christus; das Sterben war Gewinn, denn alsdann würde er bei Christus sein.

Das war die läuternde Wirkung der Wege Gottes, der den Apostel durch die für ihn so schreckliche Prüfung hatte gehen lassen, jahrelang (vielleicht vier Jahre) von seinem Werk für den Herrn getrennt zu sein. Der Herr selbst hatte den Platz des Werkes eingenommen, insoweit es wenigstens mit Paulus persönlich verbunden war; und das Werk war dem Herrn selbst übergeben. Vielleicht hatte die Tatsache, dass der Apostel so sehr mit dem Werk erfüllt war, dazu beigetragen, seine Gefangenschaft zu veranlassen; denn nur der Gedanke an Christus erhält die Seele im Gleichgewicht und gibt allem seinen richtigen Platz. Gott bediente sich dieser Gefangenschaft als eines Mittels, um Christus für den Apostel alles werden zu lassen. Nicht dass das Werk sein Interesse für ihn verloren hätte, sondern die Wirkung war, dass Christus allein den ersten Platz einnahm, und dass Paulus alles, sogar das Werk, in Ihm sah.

Wenn wir vielleicht fühlen, dass unsere Schwachheit offenbar geworden ist, und dass wir nicht verstanden haben, nach der Kraft Gottes zu handeln, welch ein Trost liegt dann für unser Herz in der Gewissheit, dass Der, der allein ein Recht auf Verherrlichung hat, nimmer fehlt! Nun, da Christus für Paulus alles war, so war es offenbar ein Gewinn, zu sterben, denn dann würde er bei Ihm sein. Dennoch war es der Mühe wert, zu leben, denn das Leben war Christus und sein Dienst; und er wusste nicht, was er wählen sollte. Wenn er starb, so gewann er Christus für sich: das war weit besser. Wenn er lebte, so diente er Christus; er hatte dann mehr, was das Werk betrifft, weil zu leben für ihn Christus war, und der Tod würde dem selbstverständlich ein Ende gemacht haben. So wurde er von beidem bedrängt. Doch hatte er gelernt, sich selbst in Christus zu vergessen; und er sah Christus nach seiner vollkommenen Weisheit ganz und gar mit der Versammlung beschäftigt. Das entschied die Frage; denn da er also von Gott gelehrt war und für sich nicht wusste, was er wählen sollte, verlor Paulus sich selbst aus dem Auge und dachte nur an das Bedürfnis der Versammlung, in Übereinstimmung mit dem Herzen Christi. Es war gut für die Versammlung, ja, selbst für eine Versammlung, dass er blieb: somit würde er bleiben. Und sieh, welch einen Frieden gibt dem Knecht Gottes dieses Schauen auf Jesum, das alle Selbstsucht in dem Werk zerstörte! Christus hat ja doch alle Gewalt im Himmel und auf Erden, und Er ordnet alle Dinge nach seinem Willen. Wenn also sein Wille bekannt ist (und sein Wille ist Liebe für die Versammlung), so kann ich sagen, dass dieser geschehen wird. Paulus entscheidet über sein eigenes Los und kümmert sich dabei weder um das, was der Kaiser tun würde, noch um die Zeitverhältnisse. Christus liebte die Versammlung. Es war für die Versammlung gut, dass Paulus blieb; also wird Paulus bleiben. Wie völlig ist Christus hier alles! Welch ein Licht eines einfältigen Auges, welch eine Ruhe eines in der Liebe des Herrn erfahrenen Herzens! Wie gesegnet, das ich so gänzlich beseitigt und die Liebe Christi zu der Versammlung auf solche Weise als den Boden zu sehen, auf dem alles geordnet ist!

Da nun Christus das alles für den Apostel und für die Versammlung war, wünschte er, dass sie auch das sein möchte, was sie sein sollte für Christuus und dadurch für sein eigenes Herz, dem Christus alles war. Deshalb wendet sich sein Herz jetzt der Versammlung zu. Die Freude der Philipper würde überströmend sein durch seine Wiederkunft zu ihnen; aber sein Wunsch ist, dass ihr Wandel, ob er nun kommen oder nicht kommen würde, des Evangeliums Christi würdig sei. Zwei Dinge beschäftigen das Herz des Apostels: dass sie, sei es, dass er sie sehe oder von ihnen höre, untereinander feststehen möchten in der Einheit des Geistes und der Seele, und dass sie im Blick auf den Feind ohne Furcht sein möchten in dem Kampf, den sie wider ihn zu bestehen hatten; die Kraft zu diesem Kampf würde ihnen gerade jene Einheit geben. Dadurch würde die Gegenwart und Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Versammlung während der Abwesenheit des Apostels bezeugt werden. Der Geist hält die Christen durch seine Gegenwart zusammen; sie haben nur ein Herz und nur einen Gegenstand. Sie handeln gemeinschaftlich durch den Geist. Und weil Gott da ist, verschwindet die Furcht, die der böse Geist und ihre Widersacher ihnen einflößen möchten – es ist das, was er stets zu tun sucht (vgl. 1. Pet 3,6). Sie wandeln im Geist der Liebe und der Kraft und in einem gesunden Sinn. So ist ihr Zustand ein augenscheinlicher Beweis des Heils, der völligen und endlichen Errettung, da sie in ihrem Kampf mit dem Feind keine Furcht fühlen, indem die Gegenwart Gottes sie mit anderen Gedanken erfüllt. In ihren Widersachern bringt die Entdeckung der Machtlosigkeit all ihrer Anstrengungen das Gefühl der Unzulänglichkeit ihrer Hilfsquellen hervor. Obwohl ihnen die ganze Macht der Welt und des Fürsten der Welt zu Gebote stand, waren sie doch einer der ihrigen überlegenen Macht begegnet – der Macht Gottes; und dieser Macht standen sie als Widersacher gegenüber. Eine schreckliche Überzeugung auf der einen Seite, hohe Freude auf der anderen, denn hier war auf diese Weise nicht nur die Gewissheit der Errettung und des Heils vorhanden, sondern auch der sichere Beweis, dass dieses Heil und diese Errettung aus der Hand Gottes selbst kamen. Die Tatsache also, dass die Versammlung im Kampf stand und der Apostel abwesend war (obwohl er selbst wider die ganze Macht des Feindes kämpfte), war ein Geschenk von Seiten Gottes. Ein köstlicher Gedanke! Es war den Philippern geschenkt worden, sowohl für Christus zu leiden, als auch an Ihn zu glauben. Sie hatten ein köstliches Teil vorab, indem sie mit und sogar für Christus litten; und die Gemeinschaft mit seinem treuen Knecht im Leiden um Christi willen vereinigte sie inniger in Ihm.

Beachten wir, dass wir bis hierher das Zeugnis des Geistes von einem Leben haben, das über dem Fleisch steht und nicht nach dem Fleisch ist. In nichts war der Apostel zuschanden geworden, und er war völlig gewiss, dass das auch nie geschehen werde, sondern dass Christus, wie dies allezeit der Fall gewesen, hoch erhoben werden würde an seinem Leib, mochte das Leben oder der Tod sein Los sein. Er wusste nicht, ob er das Leben oder den Tod wählen sollte; beides war so gesegnet: das Leben war Christus, das Sterben Gewinn, obwohl in letzterem Fall die Arbeit vorbei war. Er setzte ein solches Vertrauen auf die Liebe Christi zu der Versammlung, dass er seine Sache vor Nero durch das entschied, was diese Liebe tun würde. Mochten auch etliche durch Neid und Streit gegen ihn geleitet werden, Christus zu predigen, so konnte es für ihn doch nur siegreiche Ergebnisse haben: er war zufrieden, wenn Christus gepredigt wurde. Diese Überlegenheit über das Fleisch, indem er in seinem Leben so völlig über ihm stand, war nicht ein Beweis, dass das Fleisch nicht mehr in ihm vorhanden war oder dass seine Natur verändert gewesen wäre; er hatte ja, wie wir in 2. Kor 12 lesen, einen Dorn für das Fleisch, einen Engel Satans, um ihn mit Fäusten zu schlagen; aber sie ist ein herrliches Zeugnis für die Macht und Wirksamkeit des Geistes Gottes.

Fußnoten

  • 1 Wir werden hier den ganzen Inhalt eines Lebens finden, das der Ausdruck der darin hervorgebrachten Kraft des Geistes Gottes war. Der Umstand, dass die Sünde oder das Fleisch, als in uns wirksam, in dem Brief nicht erwähnt wird, ist bezeichnend dafür. Wir sehen die Formen und charakteristischen Merkmale des Lebens Christi; denn wenn wir im Geist leben, so sollen wir im Geist wandeln. Wir werden die Schönheit des christlichen Lebens in Kapitel 2 finden, die Energie desselben in Kapitel 3 und seine Erhabenheit über alle Umstände in Kapitel 4. Das 1. Kapitel erschließt uns naturgemäß mehr das Herz des Apostels bezüglich seiner gegenwärtigen Umstände und Gefühle. Die Ermahnung beginnt mit dem 2. Kapitel. Doch auch im 1. Kapitel finden wir den Apostel in der Kraft des geistlichen Lebens ganz über die Umstände erhaben.
  • 2 Sie waren in Gefahr, sich seiner zu schämen, als wäre er ein Missetäter.
  • 3 Darin zeigt sich ein gesegneter Glaube. Aber es kann nur so sein, wenn ein Mensch das Werk zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Paulus konnte sagen: „Das Leben ist für mich Christus.“ Weil das der Fall war, war er glücklich, wenn das Werk gedieh; wenn nur Christus verherrlicht wurde, so war er zufrieden, mochte der Herr ihn selbst auch beiseite gesetzt haben.
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