Der Brief an die Philipper

Kapitel 1

Der Brief an die Philipper

Zu Beginn stellt sich Paulus nicht als Apostel, sondern nur als „Knecht Jesu Christi“ vor. Deshalb dürfen wir auch nicht die Erfahrungen, von denen er berichtet, als etwas Apostolisches und deshalb jenseits der Reichweite gewöhnlicher Christen ansehen. Ganz im Gegenteil sind es die Erfahrungen eines Dieners oder Knechtes, wie wir alle es sind. Paulus wendet sich an die Philipper und nennt sie „Heilige in Christus Jesus“. Da sie in Christus waren, waren sie für Gott abgesondert. Sie hatten zwar Aufseher und Diener in ihrer Mitte, doch werden diese nicht als erste genannt. Diese Männer, die in dieser örtlichen Versammlung bestimmte Ämter ausübten, nahmen eine wichtige und ehrenvolle Stellung ein, aber sie waren nicht Herren über das Erbe Gottes, die überall den ersten Platz beanspruchen konnten. Außerdem gab es nicht einen Aufseher (Bischof), der mehreren Versammlungen vorstand, sondern statt dessen mehrere Aufseher in einer Versammlung.

Unmittelbar nach dem einleitenden Gruß bezeugt der Apostel seine freudige Erinnerung an die Gläubigen in Philippi. Sie zeichneten sich vor allem durch die Teilnahme am Evangelium aus. Sie hatten Paulus besonders im Herzen gehabt (Vers 7), und sie hatten ihm als Mitarbeiter zur Seite gestanden. Das alles war ein Beweis für das Werk Gottes in ihnen. Gott hatte durch den Heiligen Geist ein gutes Werk in ihnen angefangen, das auf diese Weise offenbar geworden war. Und was Gott einmal begonnen hatte, würde Er auch vollenden, nämlich am Tag Jesu Christi.

Offensichtlich zeichnete sie eine große Liebe zum Evangelium und in praktischer Hinsicht eine herzliche Gemeinschaft aus, und das nicht nur mit dem Evangelium, sondern auch mit Paulus, der dessen Botschafter war. Und dadurch wurden sie seine „Mitteilnehmer der Gnade“ (V. 7). Sie nahmen nicht nur teil an der Bestätigung des Evangeliums durch die großartigen Ergebnisse, die es bewirkte, sondern auch an seiner Verteidigung gegen alle Feinde und an den Fesseln, in denen sein Botschafter lag. Es gibt sicher viele, die an der Bestätigung, vielleicht auch an der Verteidigung des Evangeliums teilnehmen wollen, die sich aber nicht mehr so sehr drängen, wenn dies Gefängnis und Leiden bedeutet. Das Gefängnis ist der Prüfstein, und die Bereitwilligkeit, auch in dieser Hinsicht teilzunehmen, ist ein deutlicherer Beweis für das Werk Gottes im Inneren als große Gelehrsamkeit in der christlichen Lehre.

Vers 8 versichert uns, wie herzlich Paulus all die Zuneigungen der Philipper erwiderte und sogar übertraf. Die Verse 9 und 10 zeigen uns seinen Herzenswunsch für sie, daß sie nämlich fortwährend an Liebe, Erkenntnis, Einsicht, Reinheit und Fruchtbarkeit zunehmen sollten. Der Apostel fand sehr viel bei ihnen, woran er sich erfreuen konnte, und dennoch faßt er sein Verlangen in den Worten „noch mehr und mehr“ zusammen.

Während das Werk Gottes für uns ein für allemal durch den Herrn Jesus vollbracht worden ist, ist das Werk Gottes in uns durch den Heiligen Geist ein beständiger Prozeß. Es geht vor allem darum, daß wir mehr und mehr in der Liebe überströmen, denn wenn wir das tun, werden auch unsere Erkenntnis und unsere Einsicht zunehmen. Mehr und mehr werden wir erkennen, was das „Vorzüglichere“ ist, und werden uns daran erfreuen und uns von allem fernhalten, was dies behindern könnte; und so werden auch wir mit den Früchten erfüllt sein, die durch die Gerechtigkeit zu Gottes Herrlichkeit und zu Seinem Preise hervorgebracht werden. Die Liebe ist wirklich die göttliche Natur. In dieser Natur sollen wir durch das Werk Gottes in uns wachsen, und dieses Werk wird bis zum Ende unserer Fremdlingschaft hier andauern und zur Erfüllung gebracht werden. Und schließlich wird es gesehen werden, wenn der Tag Christi anbricht.

In Vers 12 bezieht sich der Apostel zum erstenmal auf seine eigenen Umstände, doch nicht, um sich etwa zu beklagen oder unsere Gedanken damit in Beschlag zu nehmen. Er möchte vielmehr zeigen, wie Gott, der über allen Umständen steht, sie zur Förderung des Evangeliums benutzte.

Was für ein Schlag mußte es für die Gläubigen damals gewesen sein, als Paulus durch die eiserne Hand Roms gefangengesetzt wurde! Seine unvergleichliche Arbeit, seine einzigartigen Triumphe im Evangelium schienen plötzlich ausgelöscht zu sein. Es muß ihnen wie eine schwere Katastrophe vorgekommen sein. Aber das war es keineswegs; es war eher das Gegenteil. In den folgenden Versen erfahren wir, wie Gott das alles zum Guten benutzt hat.

Der Verlauf der Ereignisse wirkte deutlich zum Guten, denn dadurch wurde offenbar, daß Paulus nur um des Evangeliums willen im Gefängnis saß. Den höchsten wie den niedrigsten Kreisen in Rom wurde völlig klar, daß er um Christi willen gebunden war und nicht als gewöhnlicher Verbrecher.

Noch mehr wirkte es zum Guten, daß die meisten Brüder durch seine Gefangenschaft so richtig wachgerüttelt wurden. Sie wurden dadurch weder niedergedrückt noch eingeschüchtert, sondern vertrauten um so fester auf den Herrn und waren deshalb auch um so unerschrockener, Sein Wort zu verkündigen. Es gab zwar eine unglückliche Minderheit, die aus bösen Beweggründen an dieser Verkündigung teilnahm - sie waren dem Apostel nämlich feindlich gesinnt und wollten ihm so noch mehr Schwierigkeiten zufügen -, aber sie predigten doch jedenfalls Christus, und darum würde Gott ihre Predigt segnen.

Hier wird uns ein eindrucksvoller Einblick in das innere Leben und die Gesinnung des Apostels gewährt. Seine Prüfungen waren sehr schwer. Nicht nur hätte seine Gefangenschaft sein Inneres verwunden können; auch das Vorgehen dieser neidischen und streitsüchtigen Bruder mußte überaus betrüblich sein. Aber hier ist er ruhig, vertrauensvoll, milde, ohne jede Spur der Enttäuschung. Das ist wirklich ein Sieg der Macht Gottes. Das Geheimnis bestand offensichtlich darin, daß er gelernt hatte, sich selbst zu vergessen und alles nur aus der Sicht Gottes zu betrachten. Was für ihn ausschlaggebend war, das war nicht, wie sehr all das ihn selbst beeinträchtigte, sondern wie es Christus und Seine Interessen betraf. Für Paulus mochte es übel gewesen sein, doch wenn es für Christus zum Guten war, brauchte weiter nichts dazu gesagt zu werden, denn das war das einzige, was ihm etwas bedeutete.

Deshalb konnte der Apostel auch sagen: „Und darüber freue ich mich, ja, ich werde mich auch freuen“ (V. 18). Er freute sich, wenn Christus verkündigt wurde, und er freute sich in der Gewißheit, daß alles, was jetzt so sehr gegen ihn zu sein schien, letztendlich zu seinem Heil ausschlagen würde und daß die Philipper dabei durch Gebet mithalfen und ihm der Geist Jesu Christi allezeit zu Hilfe kommen würde.

In Vers 19 ist von einer gegenwärtigen Errettung die Rede, wie sie Paulus selbst brauchte und erwartete. Ihr Wesen wird uns klar, wenn wir Vers 20 betrachten. Sein sehnliches Verlangen und seine Erwartung war, daß Christus an seinem Leib erhoben würde, sei es durch Leben oder durch den Tod. Die Erfüllung dieses Wunsches wäre Errettung, denn natürlicherweise versuchen wir, uns durch unseren Leib selbst zu erheben und zu befriedigen. Haben wir alle schon entdeckt, welch eine großartige gegenwärtige Errettung darin liegt, die Richtung und den Inhalt unseres Lebens von uns selbst auf Christus verlagert zu haben?

Die gegenwärtige Errettung liegt nämlich darin, daß wir uns selbst ganz aufgeben und Christus erheben. Das ist nicht nur Errettung, sondern wirkliches Leben. Als der Apostel sagte: „Denn das Leben ist für mich Christus“, sprach er nicht über eine Tatsache der christlichen Lehre, sondern über seine eigene Erfahrung. Natürlich ist es eine Tatsache, daß Christus das Leben der Seinen ist, aber hier sehen wir, daß Paulus diese Tatsache in das Leben und die Erfahrung umsetzte, so daß sein Leben in einem Wort zusammengefaßt werden konnte: CHRISTUS. Christus lebte in Paulus und durch Paulus. Er war der Zweck und das Ziel seines Lebens, und Christi Wesen wurde in ihm offenbar, obwohl natürlich jetzt noch nicht in vollem Maß.

Wenn Leben bedeutete, daß Christus in Paulus lebte, dann bedeutete der Tod, daß Paulus bei Christus sein würde. Deshalb fügte er hinzu: „und das Sterben Gewinn.“ Für jeden Christen IST das Sterben Gewinn, wenn es soweit ist, aber es ist auch ganz offensichtlich, daß nur wenige sich dieser Tatsache bewußt sind. Wenn unsere Lieben, die gläubig sind, von uns genommen werden, trösten wir uns mit dem Gedanken, daß der Tod für sie bedeutet, bei Christus zu sein, was weit besser ist. Doch wir selbst hängen weiterhin sehr beharrlich an dem Leben in dieser Welt. Sind wir jemals „von beidem bedrängt“ worden wie Paulus? Den weitaus meisten von uns würde es wohl nicht schwer fallen, sich zu entscheiden, wenn wir die Wahl hätten! Wir würden auf der Stelle das wählen, wovon es nicht heißt, daß es weit besser ist.

Sterben ist Gewinn, und Paulus wußte, daß es Gewinn ist. Er wurde, wie wir uns erinnern, Jahre zuvor bis in den dritten Himmel entrückt; ob im Leib oder außer dem Leib, wußte er nicht zu sagen (2. Kor 12,2-5). Was auch immer geschah, auf diese Weise war ihm ein Vorgeschmack der Segnung gewährt worden, bei Christus zu sein. So können wir die Worte „weit besser“ als Paulus' eigenes Urteil nach dieser wunderbaren Erfahrung verstehen, aber auch als Offenbarung Gottes, durch die uns eine wunderbare Tatsache enthüllt wird.

Wenn er nun sagt: „Was ich erwählen soll, weiß ich nicht“, dürfen wir das nicht so verstehen, als hätte er tatsächlich die Wahl gehabt, zu sterben oder zu leben. So verstehen wir es jedenfalls. Er schreibt sehr vertraut und freimütig an seine geliebten Philipper und hält deshalb auch nicht inne, um zu sagen: „wenn ich die Wahl hätte“. Er wußte, daß es nicht nur besser, sondern weit besser wäre, bei Christus zu sein, und dennoch entscheidet er diese Frage nicht nach seinen eigenen Gefühlen. Wir sehen erneut, daß für ihn nur eins zählte - das, was am meisten die Interessen seines Herrn zu fördern versprach. Er empfand, daß es hilfreicher für die Gläubigen sein würde, wenn er noch eine Weile unter ihnen lebte, und deshalb hatte er auch, wie er in Vers 25 schreibt, die Zuversicht, daß er bei ihnen bleiben würde.

Wir wollen uns alle völlig im klaren darüber sein, daß das Abscheiden, wovon der Apostel hier spricht, nichts mit der Wiederkunft des Herrn zu tun hat. Er bezieht sich vielmehr auf den Zwischenzustand, den „entkleideten“ Zustand, auf den er sich auch in 2. Korinther 5,4 bezieht. Dort zeigt er, daß der „überkleidete“ Zustand (wenn wir mit unseren Leibern der Herrlichkeit „überkleidet“ sein werden) in jeder Hinsicht besser ist als der „entkleidete“. Hier spricht er jedoch davon, daß der „entkleidete“ Zustand weit besser ist als der beste Zustand, den wir kennen können, solange wir mit unseren gegenwärtigen Leibern der Niedrigkeit bekleidet sind. Was das alles in seinen Einzelheiten bedeutet, können wir uns natürlich in unserem gegenwärtigen Zustand noch nicht vorstellen. Doch wir können sicher sein, daß ein Segen vor uns liegt, der all unser Vorstellungsvermögen übersteigt.

Es scheint ziemlich sicher, daß Paulus mit seiner Zuversicht recht hatte und wirklich noch einige Jahre lang mit und bei ihnen blieb zu ihrer geistlichen Förderung und Freude. Es würde für sie Grund zu weiterer Freude sein, wenn er für eine kurze Zeit zu ihnen kommen würde.

Allerdings hatte er einen großen Wunsch an sie, gleichgültig, ob er bei ihnen war oder nicht: daß sie sich würdig des Evangeliums verhielten. Sie sollten nicht allein feststehen, sondern „in einem Geist“ feststehen. Sie sollten nicht nur „mit dem Glauben des Evangeliums“ mitkämpfen, sondern sie sollten das „mit einer Seele“ tun.

Dieses ausdrückliche Gebot des Apostels sollte unsere Herzen zutiefst berühren. Warum zeigt sich soviel Kraftlosigkeit in Verbindung mit dem Evangelium, sowohl was seine Fortschritte unter den Verlorenen betrifft, als auch was die Standfestigkeit derer betrifft, die errettet sind? Beachte, daß das Feststehen dem Kämpfen vorausgeht. Von dem hier mit kämpfen übersetzten Wort leiten wir unseren Ausdruck „Athlet“ ab. Das Wort scheint daher weniger das Kämpfen mit Worten oder Argumenten zu bezeichnen, um die Wahrheit des Evangeliums zu verteidigen, als vielmehr den Kampf in Form tatkräftiger Arbeit zugunsten des Evangeliums.

In Römer 15,30 und Judas 3 haben wir ebenfalls das Wort „kämpfen“, aber dort steht im Griechischen ein anderes Wort, von dem unser Wort „Agonie“ (Todeskampf) abgeleitet ist. Die Gläubigen sollten sowohl zusammen mit Paulus im Gebet kämpfen als auch ernstlich für den Glauben kämpfen. Hier wird uns eingeschärft, zusammen mit dem Evangelium zu kämpfen (oder zu „athletisieren“, um ein neues Wort zu prägen). Zu Beginn des 4. Kapitels lesen wir von zwei Frauen, die so mit Paulus zusammen gearbeitet hatten, denn dort wird das gleiche Wort gebraucht. Wenn es nur mehr gemeinsames Ringen im Gebet und mehr gemeinsames Athletisieren zugunsten des Evangeliums gäbe, so würden wir auch mehr Frucht sehen.

Wenn wir diesen Brief weiter betrachten, werden wir entdecken, daß dieses Einssein in der Gesinnung und im Geist die größte Sorge war, die der Apostel im Blick auf die Philipper hatte. Uneinigkeit ist nämlich ein Übel, das sich bei den geistlichsten und treuesten Christen auf verschiedene raffinierte Weisen einschleicht.

Wenn Uneinigkeit gebannt werden kann und Eintracht unter den Gläubigen herrscht, erscheinen die Widersacher nicht so erschreckend, und die Bereitschaft zu leiden ist größer. Wir brauchen tatsächlich niemals vor Feinden, die offen in Erscheinung treten, zu erschrecken. Gerade die Tatsache, daß sie Feinde sind, wird für sie zu einem Beweis des Verderbens, wenn Gott eingreift. Und wenn Er eingreift, wird das für Sein Volk Errettung bedeuten. Während wir aber auf Sein Eingreifen warten, ist es unsere Sache, für Ihn zu kämpfen und zu leiden. Das hatten die Philipper an Paulus gesehen, wie Apostelgeschichte 16 bezeugt, und jetzt hatten sie gehört, daß ihm das gleiche in Rom widerfahren war.

Für Christus und Sein Evangelium zu leiden wird uns hier als Vorrecht vorgestellt, das uns als Gläubigen gewährt wird. Wären wir nicht in so trauriger Weise durch Uneinigkeit und Zwietracht, die in der Versammlung herrschen, und durch die Einflüsse und den Geist dieser Welt geschwächt, könnten wir das deutlicher in diesem Licht sehen. Wie überreichlich würden wir dadurch gesegnet werden

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