Der Prophet Jona

Der Sturm

Der Prophet Jona

Wir haben Jona vom Hafen von Japho an Bord eines Schiffes Richtung Tarsis ablegen lassen, nachdem er sein Fährgeld bezahlt hat. Soweit der unsinnige Gedanke, vor dem Angesicht des HERRN zu fliehen. Doch der HERR, der seinen untreuen Diener sieht und ihm folgt und ihn zurückführen will, warf „einen heftigen Sturm auf das Meer“. Wenn Er möchte, macht Er Winde zu seinen Boten, Er gebietet selbst den Winden und Wassern und sie gehorchen ihm (Lk 8,25). Aber in diesem großen Wind, der auf dem Meer einen so großen Sturm auslöste, dass das Schiff zu sinken drohte, war gewissermaßen eine feierliche Stimme Gottes zu hören, die sich an den Propheten richtete, wenn dieser auf sie geachtet hätte. An Bord des Schiffes war Jona derjenige, der es nötig hatte, zurückgebracht zu werden, ihm musste die Nachricht überbracht werden. Die armen Seeleute, die ohne Zweifel Heiden waren, waren schon oft Stürmen ausgesetzt gewesen. Für sie gab es darin nichts neues, nichts außergewöhnliches, nicht mehr als das, was Menschen begegnet, die auf den großen Wassern navigieren. Doch es befand sich eine Person an Bord, für die der große Wind und das große Unwetter eine ganz besondere und außergewöhnliche Sache war. Er allein war es, den der große Wind suchte, den der Sturm rief. Während die Seeleute angesichts der unmittelbar bevorstehenden Bedrohung in ihrer Angst jeder zu seinem Gott schrieen, war Jona zum Schiffsgrund hinabgestiegen, wo er tief und fest schlief. Etwa 900 Jahre später war ein anderer Diener des Herrn, nämlich der Apostel Petrus in großer Gefahr, da er bei Tagesanbruch jedem menschlichen Anschein nach getötet werden sollte nach Anordnung des Königs Herodes. Auch er schlief tief und fest in seinem Gefängnis, mit Ketten gefesselt zwischen zwei Soldaten (Apg 12,6). Doch welch ein Unterschied zwischen diesen beiden Männern Gottes und zwischen ihrem Schlaf. Bei dem Propheten war es das Vergessen Gottes und seiner Gerichte, die ihn in einer schuldhaften Unbekümmertheit schlafen ließen. Vielleicht war es auch eine vermeintliche Befriedigung, einem für ihn unangenehmen Auftrag souverän entflohen zu sein. (An einer anderen Stelle hatte auch Petrus geschlafen, als er nicht hätte schlafen sollen. Er und seine beiden Begleiter waren auf dem Berg, als sie einen Blick auf die wunderbare Herrlichkeit tun durften vom Schlaf beschwert (Lk 9,32). Und in Gethsemane hatte der von Traurigkeit übermannte Jesus dieselben drei Jüngern gesagt: „Wacht mit mir“ und zwei Mal fand er sie eingeschlafen (Mt 26,36–45)). Vielleicht hatte Petrus auch die Gewissheit, dass er als Antwort auf die beständigen Gebete, die von der Versammlung für ihn geschahen, von Gott ganz aus der Macht des Herodes befreit werden würde, wie Er es auch tat. In dem Fall erinnerte er sich vielleicht an die Ankündigung seines Meister: „Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und hinbringen, wohin du nicht willst. Dies aber sagte er, andeutend, mit welchem Tod er Gott verherrlichen sollte“ (Joh 21,18–19), eine Ankündigung, an die Petrus zurückdachte, als er tatsächlich alt geworden war (1. Pet 5,1; 2. Pet 1,14). Wie glücklich sind die, die mit der Ruhe des Geistes und der guten Hoffnung eines Petrus schlafen können. Aber wehe denen, die schlafen, wenn sie wachen sollten, wenn sie nämlich am Rand eines Abgrunds oder an der Schwelle zur Ewigkeit stehen! Sollten sie nichtsdestoweniger Diener Gottes wie Jona Diener Gottes sein, richtet sich diese ernste Ermahnung geradewegs an sie: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!“ (Eph 5,14). Das Leben ist ernst, jede Art von Gefahr bedroht uns, wir sind ihnen vielleicht alle ebenso ausgeliefert wie Jona oder der Apostel Petrus. Auch uns sagt Jesus Christus: „Wacht!“ (Mk 13,37), denn er sagt es allen. Ja, es ist so, „dass die Stunde schon da ist, dass wir aus dem Schlaf aufwachen sollen… Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe“ (Röm 13,11–12). In der Tat muss man, um wach zu sein, vorher aufwachen.

Aber kommen wir zurück zu Jona, der im Bauch des Schiffes schläft. Der Obersteuermann kommt zu ihm und ruft ihm zu: „Was ist mit dir, du Schläfer? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird der Gott unser gedenken, dass wir nicht umkommen“. Es ist überaus traurig und beschämend für einen Propheten des HERRN, sich solch verdiente Vorwürfe vonseiten eines Heiden anhören zu müssen, der die folgenden Worte an ihn richtet: Jetzt ist sicherlich nicht die Zeit zu schlafen, denn wir sind an dem Punkt angelangt, dass wir von den Fluten in die Tiefe hinabgerissen werden. Steh auf, flehe zu deinem Gott. Jeder von uns hat zu seinem Gott gerufen, aber vergeblich, denn der Sturm hört nicht auf. Vielleicht ist dein Gott mächtiger als die unseren und kann uns erlösen.

In ihrer wachsenden Angst kommt schließlich den Seeleuten der vielleicht von Gott eingegebene Gedanke, dass sich auf dem Schiff ein Gesetzesbrecher aufhält, den auf dem Meer die himmlische Rache verfolgt und sie sagen zueinander: „Kommt und lasst uns Lose werfen, damit wir erfahren, um wessentwillen dieses Unglück uns trifft. Und sie warfen Lose, und das Los fiel auf Jona“ (1,7). Das Alte Testament liefert uns einige Beispiele von Heiden, die das Los befragen, um zu erfahren, ob sie in gewissen Zwangslagen handeln oder warten sollen. Auch die Hebräer befragten es oft, und manchmal auf Anweisung des HERRN hin. Die römischen Soldaten warfen das Los, um die Kleidung des Herrn unter sich zu verteilen (Mt 27,35), damit das erfüllt würde, was durch den königlichen Propheten angekündigt worden war (Ps 22,19). Ebenfalls durch das Los wurde Matthias als Ersatz für Judas zu den Aposteln gewählt (Apg 1,26). Aber in dem letzten Fall hatten die Gläubigen noch nicht den Heiligen Geist empfangen, der sie in die ganze Wahrheit leiten sollte. Es ist ebenfalls das letzte Mal, dass in der Schrift davon geredet wird, dass eine Frage durch das Los entschieden wird. Als dieses Mittel noch rechtmäßig angewandt wurde, behielt sich Gott vor, das Ergebnis so zu lenken, dass Sein Wille bekannt wurde. Das geht aus der Stelle in Sprüche 16,33 hervor: „Das Los wird im Gewandbausch geworfen, aber all seine Entscheidung kommt von dem HERRN“. Genau das traf auch im Fall Jonas ein. Für ihn bewahrheitete sich auch dieser andere Spruch: „Wer in Lauterkeit wandelt, wandelt sicher; wer aber seine Wege krümmt, wird bekannt werden“ (Spr 10,9). Die Wege, denen Jona folgte, waren so stark gekrümmt, dass Gott sie enttarnen wollte: das Los fiel auf ihn. Also befragten ihn die Seeleute: „Tu uns doch kund, um wessentwillen uns dieses Unglück trifft! Was ist dein Beruf, und woher kommst du?“ (1,8) und er antwortete er ihnen: „Ich bin ein Hebräer; und ich fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat“ (1,9). Danach bekannte er ihnen, dass es seinetwegen war, dass dieser schreckliche Sturm über sie gekommen war. Und da das Unwetter immer heftiger wurde, fragten sie sich angsterfüllt, was sie machen könnten, damit das Meer sich beruhige. Jona sagte ihnen: „Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer von euch ablassen“ (1,12). Hat der von Gott gesandte Sturm sein Ziel erreicht? Wurde seine Stimme gehört? Wurde das Gewissen des pflichtvergessenen Propheten in der Art erreicht, dass er sich aufgrund seines Ungehorsams des Todes schuldig fühlte? Oder aber bewies dieses Bekenntnis einzig und allein, dass er lieber ertrinken als nach Ninive zu gehen wollte? Ohne ein Urteil fällen zu wollen scheint es uns, dass das Ziel Gottes erst später vollständig erreicht wurde, wie wir bei der Betrachtung des zweiten Kapitels sehen werden.

Was es auch sein mag, Jonas Vorschlag in sie versetzte die armen Seeleute in größte Ratlosigkeit. Sie hätten den Reden über Wunder der Allmacht des Gottes Israels zuhören können, hätten als Thema die Furcht vor Strafe haben können für den Fall, wenn sie einen Anbeter dieses großen Gottes zu Tod brächten. In jedem Fall verabscheuten sie es zutiefst, ihren Reisegefährten zu opfern. Ebenso brachten sie erneut jede Anstrengung auf, um gegen den Sturm anzukämpfen und an Land zu gelangen. Doch alles ist nutzlos: das Meer wurde immer wütender, was andeutet, dass die Botschaft Gottes noch nicht mit Macht an die Ohren und Herzen dessen gelangt war, an die sie gerichtet war.

Am Ende übernehmen diese armen Menschen die Aufgabe, zu dem HERRN zu schreien und ihn zu bitten, ihnen den Mord an diesem Mann nicht zuzurechnen, und sie fügen hinzu: „Denn du, HERR, hast getan, wie es dir gefallen hat“ (1,14). Daraufhin stoßen sie Jona in die unbändigen Fluten hinab. Im gleichen Moment verstummte das Unwetter und die Wut des Meeres war vorbei. Angesichts dieses Wunders anerkannten sie den HERRN als den einzig wahren Gott und gleich nachdem sie das Land erreicht hatten, brachten sie ihm Opfer als Erfüllung ihrer Gelübde und als Danksagung für ihre Befreiung dar.

Lasst uns unsere Aufmerksamkeit noch auf einen zweiten Kontrast zwischen dem Propheten Jona und einem anderen Apostel lenken. Dieser Kontrast ist umso beschämender für den Propheten von Gat-Hepher. Wir haben ihn schlafend gesehen, während alle seine Gefährten ihre Götter anriefen. Es war ein Heide, der ihn wecken und zum Beten aufrufen musste. Schließlich muss er sich schuldig bekennen, nachdem er verkündet hatte, den HERRN, den Gott des Himmels zu fürchten. Er selbst befielt, dass man ihn ins Meer werfen soll. Alles das demonstriert, dass er sich von Gott entfernt hatte und auf einem Weg der Verirrung und Untreue befand. Das, was die Seeleute dazu bringt, den HERRN zu fürchten und Ihm Opfer zu bringen ist weder Folge des Zeugnisses vonseiten des Sohnes Amittais, noch seiner Warnungen, noch seiner Gebete. Es ist ausschließlich die glückliche und direkte Folge davon, dass das Gericht des HERRN über seinen rebellischen Diener ausgeführt wird.

Wenn wir jetzt Apostelgeschichte 27 lesen, finden wir dort den Bericht eines Ereignisses, der einige Ähnlichkeiten, aber weit mehr Unterschiede zu der Szene zeigt, mit der wir uns beschäftigt haben. Auch dort handelt es sich um ein Schiff, das dem Sturm ausgesetzt ist. Auch dort gab es einen Diener Gottes, der sich jedoch auf einem Weg der Treue befand. Er wird als Gefangener nach Rom geführt wegen des Zeugnisses, dass er über die Gnade Gottes gegeben hatte. Dass sich das Schiff in Gefahr befindet, ist nicht die Schuld des Apostels Paulus, sondern die Folge daraus, dass man seinen Meinungen und Ratschlägen keinen Glauben geschenkt hatte. Er ist mit Gott und nah bei dem Gott, von dem er offen sagt: „… dem ich diene“ (Apg 27,23). Er wird auch gleich nach dem Verlassen des Schiffs von Gott mit Mitteilungen geehrt und auch von den Anwesenden geehrt, für die er ihr Retter geworden war. Denn ein Engel spricht zu ihm: „Gott hat dir alle geschenkt, die mit dir fahren“ (Apg 27,24). Und tatsächlich wurden alle gerettet. Paulus ist also das Gegenteil Jonas: dieser ist nämlich die Ursache der Gefahr, in der sich das Schiff befindet und die Ursache seines eigenen Ruins. Paulus kann dort nicht untergehen, weil Gott wünscht, dass er vor dem Kaiser erscheint. Und durch die Gnade Gottes wird das Leben all derer, die mit ihm an Bord sind, seinetwegen ebenfalls verschont. Folglich zieht Ungehorsam immer Unheil mit sich, während Treue immer mit Segen für den Treuen und oft auch für andere verbunden ist.

Möge der HERR uns treu machen, damit wir zu der Menge gehören, die mit einem größeren als Paulus unterwegs sind, nämlich dem Erlöser, der bald zu seinem Vater sagen wird: „Von denen, die du mir gegeben hast, habe ich keinen verloren“ (Joh 18,9).

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht