Betrachtung über den Propheten Jona (Synopsis)

Kapitel 3

Betrachtung über den Propheten Jona (Synopsis)

Und nun beginnt das zweite Zeugnis. Mit allem, was Israel hätte sein können, was von dem natürlichen Menschen auf dem Boden der Verantwortlichkeit zu erwarten gewesen wäre, ist es für immer vorbei; Christus selbst, der wirklich Getreue, ist verworfen worden. Daher ist Israel als Gefäß des Zeugnisses für Gott, das im Fleisch abgelegt werden sollte, beiseite gesetzt worden. Der Auferstandene allein ist es jetzt, der Zeugnis abzulegen vermag, und zwar kann Er dies, wie wir hinzufügen können, Selbst Israel gegenüber tun, das nun aus einem Gefäß der Verheißung und des Zeugnisses zu einem Gegenstand des Erbarmens geworden ist. Doch dies veranlasst Gott, wenn ich mich so ausdrücken darf, Sich wieder zu seinem eigentlichen Wesen, der Güte, zurückzuwenden. Ist Israel nicht imstande, in gerechtem Verhalten das Gefäß eines Zeugnisses der Gerechtigkeit zu sein, ja, hat es dieses Zeugnis in seiner Sünde sogar verworfen, dann wendet Gott sich als ein treuer Schöpfer zu seinem eigentlichen gnadenvollen Wesen zurück. Er hatte sich desselben in den verborgenen Tiefen seines Innern ja nie entkleidet, wiewohl Er den Menschen, indem Er ihn in Beziehung zu sich setzte, unter Gewährung jedes nur erdenkbaren Vorteils auf die Probe gestellt hatte, damit es sich offenbare, ob derselbe ein Zeuge der Gerechtigkeit, ein wahrer Zeuge Gottes auf Erden sein könne oder nicht. Jona war es in seinem Herzen nicht verborgen, dass Gott gnädig war. Sowohl er als auch sein Volk hatten dies sicher reichlich erfahren. Hier aber wollte er nur dann etwas mit dem Zeugnis zu tun haben, wenn die Gerechtigkeit von aller Gnade losgelöst wäre, damit ihm, der als Zeuge einer solchen Gerechtigkeit dastand, Ehre zuteil würde; er wollte dann der Träger desselben sein, wenn diese Gerechtigkeit auch die Rache zur Ausführung kommen ließe, damit er, der Zeuge derselben, erhoben würde. Infolgedessen wurde er unfähig, das Zeugnis abzulegen. Denn Gott war in Wahrheit gnädig; und daher war ein solcher Zeuge von Ihm, wie Jona ihn haben wollte, eine Unmöglichkeit, es wäre kein wahrer Zeuge Gottes gewesen.

Aus diesem Grund ist die Gnade (d. h. die Offenbarung der Gnade) gleichbedeutend mit der Begnadigung der Nationen. „Ist Gott der Gott der Juden allein?“ Nein, wahrlich nicht, Er ist auch der Gott der Nationen. Die Verstoßung der Juden als Juden wird zur Versöhnung der Welt. Derselbe Herr ist reich für alle, die Ihn anrufen, auf dass die Nationen Gott verherrlichen um der Begnadigung willen 1.

Das ist der Punkt, über den Gott zum Schluss mit Jona verhandelt. Dieser wollte Gott das Recht absprechen, Sich seiner hilflosen Geschöpfe erbarmen zu dürfen. Er bestand darauf, dass Gott das Urteil über die heidnische Welt mit aller Schärfe zur Ausführung brächte, ohne derselben auch nur Raum zur Buße zu lassen. Indem Gott ihm antwortet, entfaltet Er nicht sofort seine Gnadenratschlüsse, sondern beruft sich vielmehr auf die Rechte seiner unumschränkten Güte, auf seine Natur, auf sein eigentliches Wesen. Ninive hatte Gott Gehör gegeben. Nun, wenn Gott droht, so geschieht es doch nur deshalb, damit der Mensch sich von seiner Ungerechtigkeit abkehre und verschont bleibe. Aus was für einem anderen Grund sollte Gott den Sünder warnen? Warum ihn dann nicht lieber ungewarnt dem Gericht entgegenreifen lassen? So sind aber nicht die Wege Gottes.

Wir mögen hier noch bemerken, dass es sich bei Ninive nicht, wie bei den von Furcht erfüllten Seeleuten, um Glauben an den HERRN handelt. Jene schrecklichen Drangsale, von denen Israel, der untreue Zeuge des HERRN, richterlicher Weise in den letzten Tagen betroffen werden wird, werden die Wirkung haben, dass der Gott, der diese Gerichte ausübt, bekannt, und dass der große Name des HERRN auf der ganzen Erde verherrlicht werden wird (Jona 1, 14. 16). Dass das nämliche sowohl von allen Propheten 2 als auch in den Psalmen 3 bezüglich der letzten Tage bezeugt wird, haben wir bereits gesehen.

Bei Ninive handelt es sich einfach um Gott. Die Einwohner der Stadt glaubten Gott. Es war dies die Wirkung, die das Wort Gottes auf ihre Gewissen ausübte. Sie bekennen ihre Sünde und kehren von derselben um. Sie erkennen an, dass das Urteil Gottes gerecht und sein Wort wahr ist, und Gott vergibt ihnen und lässt Sein Gericht nicht zur Ausführung kommen. Es steht dies ebenfalls in Übereinstimmung mit dem, was uns durch Jeremia von den Wegen Gottes mitgeteilt wird.

Fußnoten

  • 1 Wir können noch hinzufügen, dass um deswillen die Gnade in ihrer Vollendung auch mit der Auferstehung verbunden ist. Es hat dies allerdings eine tiefere Ursache: den natürlichen Zustand des Menschen; doch offenbarte sich derselbe unter der Verwaltung Gottes eben in dem bösen Verhalten der Juden Christus gegenüber, als Dieser im Fleisch erschien.
  • 2 Siehe Jesaja 66; Hesekiel 36, 36; 37, 28; 39, 7. 22; Sacharja 2, 11; 14 sowie viele andere Stellen.
  • 3 Siehe Psalm 9, 15. 16; 83, 18 sowie alle Psalmen am Schluss jenes Buches.
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