Der ewige „ICH BIN“

Der Messias – Ich bin's (Joh. 4,1-30 und 39-45)

Der ewige „ICH BIN“

Wenn man sich mit den „Ich bin“ des Johannesevangeliums beschäftigt, so denkt man sicherlich in erster Linie an die sieben bekannten Aussagen wie „Ich bin das Brot des Lebens“ oder „Ich bin das Licht der Welt“. Diese Aussagen sind äußerst einprägsam, kurz und haben sehr wichtige Inhalte. Deshalb sind sie wohl fast allen geläufig. Doch darüber hinaus enthält das Johannesevangelium noch weitere „Ich bin“ des Herrn Jesus. Sie stehen ohne jeden weiteren Zusatz, doch sind sie darum nicht minder wertvoll. Sie stellen den Herrn Jesus von verschiedenen Seiten dar und zeigen einige seiner Schönheiten. Die erste dieser weniger bekannten Stellen findet sich in Kapitel 4,26 dieses Evangeliums.

In diesem Kapitel stellt sich der Herr Jesus als der Messias, der Christus seines Volkes, vor. Er offenbart sich auf diese Weise der samaritischen Frau an der Quelle Jakobs.

Was war der Anlass dafür, dass der Herr Jesus gerade zu jenem Zeitpunkt durch Samaria zog. Der äußere Grund war der, dass er wegen des Neides und der Ablehnung der Pharisäer Judäa verlassen und wieder nach Galiläa gehen wollte. Wäre er in Judäa geblieben, so hätte es scheinen können, als sei er ein Führer neben Johannes. Johannes wollte von sich aus einen niedrigen Platz einnehmen, den Platz, der ihm zustand. Er hatte dem Herrn den höheren Platz zugewiesen. Das kommt in seinen Worten in Johannes 3,30 zum Ausdruck: „Er muss wachsen, ich aber abnehmen; der von oben kommt, ist über allen; der von der Erde ist, ist von der Erde und redet von der Erde.“

Doch der Herr Jesus zieht sich aus dem Wirkungskreis des Johannes zurück. Die Pharisäer hatten gehört, dass er „mehr Jünger mache und taufe als Johannes“ (Joh 4,1). Sie würden dies ausnutzen und es als eine Rivalität zwischen beiden darstellen. Das hätte zum einen die Arbeit des Johannes geschädigt, zum anderen aber wäre auch der Herr Jesus selbst dadurch erniedrigt worden. Sein Weggehen aus Judäa ist darum ein Schutz für seinen Diener Johannes, ja eine Bewahrung für das Werk Gottes.

Doch es liegt noch mehr darin. Es ist sehr ernst, wenn es heisst: „er verließ Judäa“ (Joh 4,3). Er war dort auf Ablehnung gestoßen und nun verließ er dieses Gebiet, wenn er auch später wieder dorthin zurückkehrt. Warum? Um sich den Juden in Galiläa zuzuwenden? Sicherlich auch, doch nicht nur. „Er musste durch Samaria ziehen“ (Joh 4,4). Zunächst wendet er sich von denen ab, die ihn nicht wollten, um sich denen zuzuwenden, die von den Juden gehasst werden – den Samaritern. So ist es auch heute noch. Der Herr Jesus bemüht sich lange um jeden Menschen. Doch wenn er abgelehnt wird, so geht er letztlich weg, um sich anderen zuzuwenden. Darum: Wenn der Herr Jesus sich um dich bemüht, so tue ihm auf. Erkenne dich in seinem Licht als verloren, tue Buße und nimm ihn als deinen persönlichen Heiland an. Du weisst nicht, wie lange er sich noch um dich bemüht, bevor er weitergeht.

„Er musste durch Samaria ziehen“ – das war sicherlich ein weiterer tieferer Grund, weshalb er Judäa verließ. Es war zunächst einmal eine geographische Notwendigkeit, wenn er auf kürzestem Wege nach Galiläa ziehen wollte, ohne den Umweg über Peräa und Dekapolis (das Ostjordanland) zu machen. Doch liegt ein tieferes, ja göttliches „Muss“ in diesem Satz. Die Gnade Gottes musste sich an solchen offenbaren, die nicht direkt zu dem auserwählten Volk der Juden gehörten. Und unter diesen gerade an einer Frau und noch dazu an einer, wie man heute sagen würde, „losen Frau“ – hatte sie doch fünf Männer gehabt und lebte jetzt mit einem sechsten in loser Verbindung zusammen. Gerade denen, die am niedrigsten standen, ihnen musste sich die Gnade Gottes kundtun.

Dieses Kapitel gibt auch Anschauungsunterricht, wie das persönliche Gespräch mit einem Menschen genutzt werden kann. Jeder persönlich soll ja das Werk eines Evangelisten tun und mancher stellt sich die Frage: Wie kann ich das tun? Hier finden wir ein schönes Beispiel für die persönliche Verkündigung des Evangeliums.

Scheinbar zufällig kommt er nach Sichar und findet dort vor der Stadt den üblichen Brunnen, eine Quelle Jakobs. Doch es ist kein Zufall; er musste durch Samaria ziehen, er musste nach Sichar kommen. Zunächst zeigt sich nun, dass der Herr Jesus wahrer Mensch war, genau wie wir, nur ohne Sünde: „Jesus nun, ermüdet von der Reise, setzte sich also an der Quelle nieder“ (Joh 4,6). Zeigt sich hier nicht eine Herrlichkeit, die der menschliche Verstand nicht fassen kann, der Glaube aber verstehen darf? Der Schöpfer des ganzen Universums, der Herr über alles, der Gott, der von Ewigkeit zu Ewigkeit ist, dessen Macht unermesslich groß ist, der alles in seiner Hand hält, dieser sitzt an einer Quelle, ermüdet von der Reise. Welch eine Erniedrigung und welche Erhabenheit zeigt sich hier dem staunenden Auge des Glaubens!

„Es war aber um die sechste Stunde“ (Joh 4,6) – Man mag sich fragen, ob diese Angabe von Bedeutung sei. Ist es denn nicht gleichgültig, zu welcher Zeit sich diese Begebenheit abspielte? Oberflächlich betrachtet gewiss. Doch ist es eine sehr wichtige Angabe.

Die sechste Stunde wäre nach der damaligen jüdischen Zeitrechnung, bei der der Tag mit der ersten Stunde (etwa 6 Uhr unserer Zeitrechnung) begann, etwa 12 Uhr mittags. Zu dieser Zeit steht die Sonne am höchsten und es ist sehr heiß, sodass man zu dieser Zeit möglichst schattige Orte aufsucht. So ist es wohl verständlich, dass der Herr Jesus ermüdet war und auch durstig. Diese Auslegung findet man wohl am häufigsten in den verschiedenen Schriften.

Dem steht jedoch entgegen, dass Johannes in seinem Evangelium, entgegen den andern Evangelisten, römische Zeitrechnung benutzt. Die römischen Stunden wurden jedoch von Mitternacht bis zum Mittag und vom Mittag bis Mitternacht in zwei Perioden von jeweils 12 Stunden gezählt. Am wahrscheinlichsten wäre nach dieser Auslegung dann, dass der Herr mit den Jüngern in der Kühle der Nacht gereist war und etwa gegen 6 Uhr morgens zum Brunnen kam. Diese Auslegung ist in gewisser Weise wahrscheinlicher als die erste fast überall zu findende, denn es wäre nicht einzusehen, warum Johannes in seinem ganzen Evangelium römische Stundenzählung benutzt und dann ausgerechnet hier in diesem Kapitel jüdische Zählung einführt.

Dass es sich um die sechste Stunde der zweiten Periode handeln könnte, also etwa 6 Uhr nachmittags, kann nicht ausgeschlossen werden, ist jedoch relativ unwahrscheinlich, da dann das überwiegende Geschehen des vierten Kapitels in der Dunkelheit nach Sonnenuntergang erfolgt wäre. Außerdem wäre dies die Zeit, zu der auch andere Frauen am Brunnen anwesend gewesen wären.

Um diese Zeit war bestimmt nicht damit zu rechnen, dass jemand Wasser holte. Es herrschte um diese Zeit am Brunnen Stille. Und gerade um diese Zeit sucht die Frau aus Sichar, die bei ihren Mitbürgern sicher nicht hoch angesehen war, den Brunnen auf, um Wasser zu schöpfen. Jeder Mensch, der mit dem Herrn Jesus in Berührung kommt, hat dazu eine bestimmte Zeit. Nikodemus kam bei Nacht zu dem Herrn Jesus (Joh 3), diese Frau wird von dem Herrn Jesus frühmorgens aufgesucht. Er wusste, dass sie zum Brunnen kommen würde und darum macht er gerade hier halt. Die Jünger waren in die Stadt gegangen, um etwas Verpflegung zu kaufen (Joh 4,8 – auch dies spricht gegen 6 Uhr abends). So war er also mit der Frau allein.

Er benutzt die gegebenen Umstände und keine allgemeine Floskel, wie wir es gern tun, um mit der Frau ins Gespräch zu kommen. „Gib mir zu trinken“ (Joh 4,7), so spricht er zu ihr. Dieser Wunsch war unter den gegebenen Umständen durchaus verständlich. Doch die Frau stellt eine Gegenfrage: „Wie bittest du, der du ein Jude bist, von mir zu trinken, die ich ein samaritisches Weib bin?“ (Joh 4,9). Den Juden war dieses Mischvolk der Samariter so verhasst, dass sie nicht einmal mit einem Samariter sprachen, geschweige denn mit einer Frau dieses Volkes. Die Bitte musste dieser Frau daher ungewöhnlich vorkommen. Doch der Herr Jesus hatte sein Ziel erreicht: Die Frau war neugierig geworden. Was war das für ein Mann, ein Jude, der sie um einen Trunk Wassers bat?

Das ist ein wichtiger Hinweis für jeden Gläubigen. Im persönlichen Gespräch sollten die gegebenen Umstände dazu benutzt werden, den Ungläubigen neugierig zu machen. Das geschieht sicherlich nicht durch eine so alltägliche Bemerkung wie: „Schönes Wetter heute, nicht wahr?“

Der Herr Jesus knüpft nun an ihre Frage an und stellt ihr das lebendige Wasser vor: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest, und wer es ist, der zu dir spricht, gib mir zu trinken, so würdest du ihn gebeten haben, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. (Joh 4,10). Das ist für diese Frau vollkommen unverständlich. Sie ist erstaunt und neugierig. Sie versteht noch nicht den tiefen Sinn, der in der Gabe Gottes verborgen liegt. Wie will dieser Mann ohne Schöpfgefäß aus dem tiefen Brunnen Wasser schöpfen oder woher hat er denn das lebendige Wasser bereits geholt? Ist dieser Mann etwa größer als Jakob, der diesen Brunnen gegraben hat?

Doch welch ein Segen liegt in der Antwort des Herrn Jesus verborgen. Sein heiliger Geist ist die Gabe Gottes, das lebendige Wasser. Er würde allen, die nur wollen, dieses lebendige Wasser geben. Die Frau erkannte noch nicht, mit wem sie redete und die Zeit der Offenbarung war noch nicht gekommen. Der Herr Jesus lässt ihr Zeit und führt das Gespräch von Stufe zu Stufe weiter, bis sie selbst seine Person anspricht, wie wir später sehen werden.

Zunächst gibt er in den Versen 13 und 14 weitere Belehrungen über das lebendige Wasser. Anhand des Brunnens erklärt der Herr Jesus dieser Frau das lebendige Wasser. Er stellt es dem Wasser des Brunnens gegenüber. Auch das ist sehr wichtig. Man kann einem Menschen dieser Welt nicht unbekannte Dinge sagen, sodass er sie nicht versteht. Durch den Vergleich mit Dingen, die er kennt, kann das Neue deutlich gemacht werden.

Das Wasser des Brunnens stillte keinen Durst für immer. Selbst wenn man viel davon trank, nach einer gewissen Zeit würde man wieder durstig werden. So ist es auch heute noch. Die Wasser dieser Welt, das will sagen, die Vergnügungen dieser Welt, stillen den Durst der Seele nach wahrem Glück nicht. Sie mögen für eine gewisse Zeit den Durst unterdrücken, doch wird man unweigerlich wieder Verlangen danach bekommen.

Vollkommen anders ist es mit dem Wasser, das der Herr Jesus gibt. Es stillt den Durst der Seele für alle Ewigkeit: „Wer irgend von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit“ (Joh 4,14). Dieses Wasser rettet auf ewig. Der Durst der Seele wird vollkommen gestillt. Doch nicht nur das! Das Wasser wird, wenn es einmal getrunken wurde, nie mehr versiegen. Es wird vielmehr zu einem Strom, zu einem großen überschäumenden Fluss werden. Es wird selbst der Ausgangspunkt für lebendiges Wasser werden: „es wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt“ (Joh 4,14).

Die Frau kann das immer noch nicht verstehen. Sie meint, dieses Wasser sei für diese Erde gut und bittet darum, damit sie nicht mehr zur Quelle kommen müsse. Die Frau hatte noch keinen echten Durst nach diesem lebendigen Wasser. Erst dann, wenn dieser geweckt wurde, konnte er ihr wirklich von diesem Wasser geben. Dazu muss der Herr Jesus den Finger auf eine wunde Stelle in ihrem Leben legen. Sie muss erkennen, dass vor ihm nichts, aber auch gar nichts verborgen ist. Solange der Mensch meint, ihm nicht alles sagen zu müssen, etwas verheimlichen zu können, solange ist er noch nicht reif für das lebendige Wasser.

Der Herr Jesus weiß genau, wie er den Durst nach diesem Wasser bei dieser Frau wecken kann. Beachten wir genau, wie er vorgegangen ist. Erst jetzt kommt er auf das zu sprechen, was in ihrem Leben nicht stimmt. Wir fangen oft gerade mit diesen Dingen an und stoßen damit denjenigen, den wir gewinnen möchten, geradezu „vor den Kopf“. Erst hat der Herr Jesus unter den gegebenen Umständen das Gespräch begonnen, die Neugier der Frau geweckt und dann erst, als der Zeitpunkt da war, den dunklen Punkt im Leben dieser Frau angesprochen: „Gehe hin, rufe deinen Mann und komm hierher“ (Joh 4,16).

Sie musste ihm antworten: „Ich habe keinen Mann“ (Joh 4,17), doch das hätte nicht unbedingt negativ zu sein brauchen, deshalb sagt der Herr Jesus ihr ganz klar: „Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann; denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; hierin hast du wahr geredet“ (Joh 4,18). Jetzt musste die Frau erkennen, dass dieser Jude nicht ein Mann wie jeder andere war und sie sagt dies auch frei heraus: „Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist“ (Joh 4,19).

Doch wie meist dann, wenn das Unangenehme angesprochen wird, weicht sie aus und das auf eine sehr geschickte Weise. Nein, sie ist gewiss keine Heidin, sie ist ja auch religiös. Und so wechselt sie den Gesprächsgegenstand und kommt auf die unterschiedlichen Auffassungen der Anbetung zu sprechen: „Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr saget, dass in Jerusalem der Ort sei, wo man anbeten müsse“ (Joh 4,20). Sie versucht auf diese Weise, ihre eigene persönliche Sünde auszuklammern und eine religiöse Diskussion zu beginnen.

Doch der Herr Jesus geht auf dieses Ansinnen nicht ein. Die Frage der Anbetung war schon lange ein Streitpunkt zwischen Juden und Samaritern, und doch hätte es keiner Frage bedurft. Hatte Gott nicht deutlich gesagt, welches der Ort sei, wo man ihn anbeten sollte? Bestimmt: „Hüte dich, dass du nicht deine Brandopfer an jedem Orte opferst, den du siehst! sondern an dem Ort, welchen der Herr in einem deiner Stämme erwählen wird, daselbst sollst du deine Brandopfer opfern und daselbst alles tun, was ich dir gebiete“ (5. Mo 12,13.14). Hatte sich das Wort Gottes etwa verändert– Hatte der Berg Gerizim etwa den Berg Morija ersetzt– Hatte Jahwe Gerizim erwählt? Gewiss nicht!

Der Herr Jesus benutzt daher die Gelegenheit, dieser Frau zu zeigen, dass nicht nur sie persönlich gesündigt hatte, sondern dass auch die Art der Anbetung ihres Volkes Sünde war: „Ihr betet an und wisset nicht, was“ (Joh 4,22). Wenn er dann noch hinzufügt „wir beten an und wissen, was, denn das Heil ist aus den Juden“ (Joh 4,22), so stellt er ihr den verlorenen Zustand ihres Volkes, aber auch ihren eigenen verlorenen Zustand vor. Sie hatte kein Heil, denn dieses war aus den Juden, nicht aus dem Mischvolk der Samariter. Sie stand unter den Nationen, „entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißungen, keine Hoffnung habend und ohne Gott in der Welt“ (Eph 2,12). Auch in diesem Punkt der Anbetung musste sie ihr Gewissen anklagen.

Doch zuvor erklärt ihr der Herr Jesus noch, dass eine Zeit kommen würde, wo weder in Jerusalem noch auf dem Berg Gerizim der Vater angebetet werden würde. Welch eine Gnade offenbart sich doch in diesen Worten. Er offenbart ihr den Jahwe Gott des alten Bundes als den Vater. Daraus ergibt sich eine vollkommen andere Art der Anbetung. Unter Gesetz, so haben wir gesehen, war wahre Anbetung mit einem heiligen Ort, mit dem Ort verbunden, den Jahwe sich in einem der Stämme Israels erwählen würde.

Jetzt, nachdem der Vater geoffenbart ist, findet Anbetung an jedem Ort statt, unabhängig von irgendwelchen Vorschriften und Ritualen. Anbetung ist jetzt nicht mehr an einen sichtbaren geographischen Ort gebunden, sondern die wahrhaftigen Anbeter würden den Vater nun in „Geist und Wahrheit“ anbeten (Joh 4,23). Anbetung steht jetzt in Verbindung mit einem geistlichen Haus, mit der einen Versammlung des lebendigen Gottes. Der Herr Jesus zeigt ihr, dass der Vater nun solche als seine Anbeter sucht. Weiter wird klar, dass diese Stunde, dieser Zeitabschnitt damals noch nicht angebrochen war, aber im Begriff stand anzubrechen.

Es ist wichtig, darauf zu achten, wie Anbetung stattfindet und warum das so ist. „Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten“ (Joh 4,24). Man kann Gott nicht irgendwie anbeten. Er ist ein Geist und möchte in der Person des Vaters angebetet werden. Das geht nicht nach unserem Gutdünken oder nach unserer Meinung. Als Geist muss Gott in „Geist und Wahrheit“ angebetet werden. Von diesem Grundsatz kann der Mensch nicht einfach abweichen und denken: ‘Wichtig ist doch, dass ich Gott anbete. Er soll damit zufrieden sein und mir nicht Vorschriften darüber machen, wie ich ihm nahe.’ Diese Einstellung ist vollkommen falsch. Wenn Gott sich soweit erniedrigt, dass er sündige Menschen als seine Anbeter sucht – Menschen, die ihm in Feindschaft gegenüber stehen, so hat er wohl ein Recht darauf, uns zu sagen, wie er angebetet werden kann, ja angebetet werden muss.

Anbetung muss in „Geist“ geschehen. Man kann nur dann wirklich anbeten, wenn der Geist Gottes, dieses „lebendige Wasser“, wirklich Wohnung gemacht hat. Der Her Jesus weist damit auch darauf hin, dass Gott nicht – wie heute in der Christenheit üblich – durch irgendwelche Rituale oder menschliche Einrichtungen angebetet werden kann, sondern nur durch die Kraft und in der Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Anbetung kann nur nach geistlichen Grundsätzen, aber niemals nach fleischlichen Grundsätzen geschehen.

Der zweite Hinweis ist, dass der Vater in „Wahrheit“ angebetet werden muss. Wie wir später noch sehen werden, ist der Herr Jesus selbst „die Wahrheit“ (Joh 14,6) und nur in dieser Wahrheit kann der Vater angebetet werde. Es muss erkannt werden, was er uns in Christus geworden ist. Nur auf diesem Grundsatz kann wahre Anbetung stattfinden. Das ist auch ein Hinweis darauf, dass wir Gott nicht verstandesmäßig nahen können, sondern nur in der wahrhaftigen Erkenntnis, die wir durch sein Licht, das in Christus geoffenbart ist, erlangt haben.

Interessant ist die Reaktion der Frau auf diese Hinweise. Spürte sie etwas davon, dass dieser Mensch, der vor ihr stand, der Messias war? Sie antwortet unter dem Eindruck des Gehörten und der Erkenntnis ihres sündigen verlorenen Zustandes: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus genannt wird, wenn jener kommt, wird er uns alles verkündigen“ (Joh 4,25). Jetzt war der Herr Jesus mit dieser Frau zu seinem Ziel gekommen. Sie hatte ihren Zustand erkannt und war bereit, ihn anzunehmen als den, der für sein Volk gekommen war, um es von seinen Sünden zu erlösen.

Er wartet nun nicht länger und offenbart sich ihr sofort: „Ich bin’s, der mit dir redet“ (Joh 4,26). Welch ein kurzes Wort und doch – wie inhaltsreich! Hier wird überdeutlich, wie er, der ewige „Ich bin“, der Jahwe des alten Bundes, „sich selbst zunichts gemacht hat und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte“ (Phil 2,7.8). In ihm hat das Alte ein Ende gefunden und ein neuer Anfang ist gemacht. Der Herr Jesus offenbart sich hier als der Messias seines Volkes Israel, als der Christus. Und doch geht er darüber hinaus, denn diese samaritische Frau gehörte nicht zu dem Volk der Juden. Sie kannte zwar die Verheißungen, aber sie hatte erkannt, dass für sie, so wie sie war, keine Hoffnung war. Sie wusste nicht, was sie anbetete; das Heil war nicht für sie, sondern aus den Juden. In diesem „Ich bin’s“ strahlt daher die Gnade Gottes hervor. Sie hatte keinerlei Anrechte an diesem Messias und doch offenbart er sich gerade ihr.

Diese große Gnade nimmt sie sofort ohne jede weitere Frage oder Einschränkung an. Sie erfasst, dass dieser, der ihr alles gesagt hat, wirklich der Messias, der Christus ist. Das muss sie weiter erzählen, davon kann sie nicht schweigen. So wendet sie sich sofort um und geht weg in die Stadt. Sie lässt alles stehen und liegen, sie lässt ihren Wasserkrug zurück, um ihren Mitmenschen zu verkünden, was ihr widerfahren ist: Sie hat den Messias gesehen! Das ist ihr so groß, dass sie das, was sie tun wollte, nämlich Wasser schöpfen, nicht tut, sondern erst den Leuten der Stadt von diesem Menschen berichtet. Sie lässt das Alte zurück, denn sie hat nun etwas Neues, Besseres. Sie gibt Lebenswasser weiter. So vertauscht auch jemand, der den Herrn Jesus annimmt, die Wasser der Welt mit wahrem Wasser und lässt das Alte zurück.

Als seine Jünger kommen, sehen wir bei ihnen ähnlichen Unverstand wie bei der Frau. Sie können nicht verstehen, dass ihr Herr mit einer Frau redet. Doch ist es schön zu sehen, dass sie ihm nicht wehren oder eine Frage diesbezüglich stellen. So sollten auch wir handeln. Wir können nicht immer verstehen, warum der Herr Jesus dieses oder jenes tut, aber wir können sicher sein: Er tut das Richtige! Vielleicht fragen auch wir manchmal, wie wir diesem oder jenem das Evangelium verkündigen könnten. Wir müssten uns vielleicht zu ihm herablassen und das ist uns unangenehm. Was werden die anderen sagen, wenn wir uns mit diesem oder jenem abgeben? Doch der Herr Jesus fragt nicht so. Er hat sich selbst zunichts gemacht und sich erniedrigt. Er beugte sich zu dieser Sünderin herab, die nicht einmal dem irdischen Volk Gottes angehörte. „Er musste aber durch Samaria ziehen“ (Joh 4,4). Sollten wir nicht seinem Beispiel folgen?

Die Frau hat in ihrem Glauben den Menschen aus Sichar alles verkündigt, was sie erlebt hatte: „Kommt und seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was irgend ich getan habe“ (Joh 4,29). Hatte er ihr denn wirklich alles gesagt? Sicherlich nicht in Einzelheiten. Aber er konnte ihr Gewissen so berühren, dass sie ihr ganzes Leben im Augenblick an sich vorüberziehen sah und es konnte unter einem einzigen Wort zusammengefasst werden: „Sünde“. Sie war in ihrem Gewissen getroffen worden und darum sagt sie: „Er hat mir alles gesagt, was irgend ich getan habe.“

Welch ein schönes Ergebnis hatte ihr abgelegtes Zeugnis: „Aus jener Stadt glaubten viele von den Samaritern an ihn um des Wortes des Weibes willen“ (Joh 4,39). Sie brauchten keine Zeichen mehr zu sehen wie die Juden, sie glaubten um des Wortes jener Frau willen, die von ihm gezeugt hatte. Ihr Glaube hatte bereits Früchte getragen. Sie hatte von dem lebendigen Wasser getrunken und es war in ihr „eine Quelle Wassers geworden, das ins ewige Leben quillt“ (Joh 4,14).

Die Samariter luden ihn ein, bei ihnen zu bleiben und er kam dieser Bitte nach. In Judäa konnte er nicht bleiben, aber in dem von den Juden verhassten Samaria war ein wahres Dürsten nach dem lebendigen Wasser. Diesen Durst wollte er stillen und so blieb er noch zwei Tage bei ihnen. Endlich kam es dahin, dass „viele mehr glaubten um seines Wortes willen“ (Joh 4,41). Seine Worte waren Worte ewigen Lebens. Hier fand er Frucht, die er auch in Judäa gesucht, aber bei den selbstgerechten Juden nur wenig gefunden hatte. Welch ein schönes und herrliches Ergebnis durch das Zeugnis der einen Frau!

Sie hatte den Messias gefunden, aber die Erkenntnis der Person des Christus machte schnell Fortschritte in dieser Stadt der Samariter. Sie sagen zu ihr: „Wir glauben nicht mehr um deines Redens willen, denn wir selbst haben gehört und wissen, dass dieser wahrhaftig der Heiland der Welt ist“ (Joh 4,41). Das geht über die Erkenntnis des Messias hinaus. Er war gekommen für Juden und Griechen, ja für die ganze Welt. Diesen Titel gibt ihm niemand als nur die Samariter: nicht die Pharisärer, die Schriftgelehrten, die Priester, die Leviten, die Juden im allgemeinen oder selbst seine Jünger.

Hätten sie nicht stolz sein können, dass der Messias auch für sie, die Samariter, gekommen war, dass sie also mit den Juden gleichgestellt waren. Gewiss! Doch ihr Glaube führte sie weiter. Er war der Heiland der Welt. Sie hatten gehört und erkannt – dazwischen lag ihr Glaube. Jetzt waren sie nicht mehr ohne Gott in der Welt, sondern „in Christo, seid ihr, die ihr einst fern waret, durch das Blut des Christus nahe geworden. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung, nachdem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote der Satzungen, hinweggetan hatte, damit er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe“ (Eph 2,14.15). Das würde das volle Ergebnis seines Werkes sein und im Hinblick darauf würde das auch das Teil der Nationen und ihr, der Samariter, Teil sein.

Der Heilige Geist zeigt in dieser Begebenheit und besonders in dem „Ich bin’s“ des Herrn Jesus, dass Jesus der Christus ist. Nur wer dies glaubt, „ist aus Gott geboren“ (1. Joh 5,1). Diese Tatsache ist äußerst wichtig, denn gerade das leugnet der Antichrist (1. Joh 2,22). Diese Tatsache wird gerade von den Juden und in zunehmendem Maße auch von der bekennenden Christenheit geleugnet. Das war es, was auch die Apostel immer wieder den Zuhörern und vor allem den Juden verkündigten: „Das ganze Haus Israel wisse nun zuverlässig, dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt“ (Apg 2,36). Auch Paulus weist auf diese Tatsache hin: „und dass dieser, der Jesus, den ich euch verkündige, der Christus ist“ (Apg 17,3). Die Juden gingen schon zur Zeit des Herrn Jesus so weit zu sagen, „dass, wenn jemand ihn als Christus bekennen würde, er aus der Synagoge ausgeschlossen werden sollte“ (Joh 9,22). Und doch bleibt diese Wahrheit bestehen:

Der Messias, der Christus – Ich bin’s!

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