Die Versammlung des lebendigen Gottes

5. In Tagen des Verfalls

Die Versammlung des lebendigen Gottes

In den vorigen Kapiteln haben wir in erster Linie versucht, die Versammlung zu betrachten, wie Gott sie am Anfang geschaffen hat, und aus der Schrift zu entnehmen, worin ihr Charakter sowie ihre Ordnung besteht und wie sie gemäß Gottes Gedanken funktionieren soll. Wir haben die Versammlung in ihrem allgemeinen Charakter und in ihrem örtlichen Aspekt betrachtet und gesehen, was ein schriftgemäßes Zusammenkommen einer Versammlung von Gläubigen charakterisieren sollte – örtlich und in ihrer gemeinsamen Beziehung zu Versammlungen an anderen Orten. Wir haben hier und da angemerkt, wie außerordentlich weit sich die Christenheit von dem einfachen Muster der Versammlung, wie ursprünglich von Gott gegründet, entfernt hat, und haben des Öfteren bemerkt, dass die bekennende Kirche auf der Erde (die alle einschließt, die äußerlich den Namen Christi bekennen) sich in einem Zustand von allgemeinem Verfall, Niedergang und Unordnung befindet. Wir wollen jetzt die Versammlung in Tagen des Verfalls und den Weg Gottes für die Gläubigen inmitten dieses Verfalls betrachten.

Dieser Zustand des Verfalls der Versammlung und das Abweichen vom Wort Gottes war im Neuen Testament angekündigt und hat schon in den Tagen der Apostel begonnen. Dieser Zustand des Verfalls ist irreparabel und wird zunehmen, bis der Herr schließlich die wahren Gläubigen, seine Braut, in den Himmel holen, die falsche Kirche aus seinem Mund ausspeien und das Gericht ausführen wird (Mt 25,10–12; Off 3,16; 18,1–10; 19,11–21).

In der Schrift wird uns keine Hoffnung gegeben, dass die Kirche auf der Erde zu ihrem ursprünglichen Zustand, ihrer Einheit und geistlichen Kraft zurückkehren wird. Sie wird im Gegenteil im größten Abfall und im Götzendienst Babylons, der großen, und des Antichristen enden (Off 17 und 2. Thes 2,1–12). Dem ernsthaften Christen in Tagen des Verfalls wird nicht gesagt, dass er die Wiederherstellung der Kirche in ihren ursprünglichen Zustand anstreben soll. Es kommt ihm vielmehr zu, mit Trauer und Beschämung vor Gott den wahren Zustand des Verfalls und den niedrigen Zustand der Kirche (zu der wir alle gehören) anzuerkennen und ernstlich in Heiligkeit und Liebe für den Glauben zu kämpfen.

5.1 Anleitung durch 2. Timotheus 2

Wie groß der Verfall der Kirche auch werden mag – diejenigen, die wünschen dem Herrn zu gefallen und seinem Wort zu gehorchen, brauchen nicht zu verzweifeln. Gott, der Niedergang und Unordnung zu Beginn der Versammlung in der Zeit der Apostel zugelassen hat, hat uns auch durch seine Apostel umfangreiche Anleitung und Licht zur Erkenntnis seines Weges in den Tagen des Verfalls gegeben. 2. Thessalonicher, 2. Petrus, die drei Briefe des Johannes und der Brief von Judas sind uns alle als Anleitung und Hilfe in den Tagen des Niedergangs und Abfalls gegeben. Zusätzlich zu dem Vorhergehenden haben wir eine spezielle und eindeutige Anleitung für unsere Tage in 2. Timotheus 2, die speziell von Tagen des Verfalls und den letzten Tagen der Versammlung spricht. In diesem Brief scheint das Licht Gottes auf die zunehmende Dunkelheit und Verwirrung der bekennenden Kirche und weist die geübte Seele auf seinen Weg inmitten des Verfalls hin.

Im ersten Brief an Timotheus finden wir die Ordnung der Dinge, die in der Versammlung vorherrschen sollte, und wie jemand sich im Haus Gottes verhalten soll, das die Versammlung des lebendigen Gottes ist. Der zweite Brief an Timotheus wurde geschrieben, als Unordnung und Böses in das äußere Haus Gottes eingedrungen war und keine Kraft in der Versammlung da war, um dem zu begegnen. In diesem Brief wurde Timotheus mitgeteilt, wie er inmitten der Unordnung, des Bösen und der Abweichung vom Wort Gottes leben sollte und was er zu tun hatte.

Als der erste Brief an Timotheus geschrieben wurde, war die bekennende Kirche das Haus Gottes, aber als der zweite Brief an Timotheus geschrieben wurde, ist aus der Kirche auf der Erde ein großes Haus geworden, bestehend aus Gefäßen zur Ehre und Unehre. Es wurde dann für jeden notwendig, sich von den Gefäßen zur Unehre wegzureinigen, um ein Gefäß zur Ehre zu sein, das dem Hausherrn nützlich ist. Dementsprechend gibt der Apostel in diesem letzten Brief an Timotheus seine Anordnungen.

Der Gegenstand des großen Hauses der Christenheit mit ihren Gefäßen zur Ehre und zur Unehre und der göttliche Weg für die treue und fromme Seele werden deutlich in 2. Timotheus 2,19–26 skizziert. Dieser Brief ist der letzte von 14 göttlich inspirierten Briefen des Apostels Paulus (dieser letzte Brief wurde kurz vor seinem Märtyrertod geschrieben), den wir haben. Besonders in den genannten Versen finden wir die letzten Anweisungen Gottes über die Wahrheit der Versammlung und der Gemeinschaft von Versammlungen, die dem Apostel Paulus anvertraut wurde.

Dieser Teil der Schrift ist deshalb sehr wichtig und braucht besondere Beachtung. Er gibt uns göttliche Anweisung und Anleitung in Bezug auf den Weg, den der einzelne Gläubige gehen sollte, wenn die Kirche sich in Unordnung, Verfall und Abfall befindet.

Der feste Grund

Bevor uns Anweisungen über den göttlichen Weg, den der geübte Gläubige in den bösen Tagen gehen sollte, gegeben werden, spricht der Apostel Paulus über den festen Grund Gottes: „Doch der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die sein sind, und: Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit!“ (V. 19). Der allgemeine Zustand der bekennenden Kirche war zu der Zeit, als Paulus diesen Brief an Timotheus schrieb, sehr schlecht. Versammlungen fielen vom Glauben ab, und einige brachten falsche Lehren und zerstörten den Glauben anderer, wie Hymenäus und Philetus, von denen der Apostel in den Versen 17 und 18 spricht.

Böse Taten und böse Lehren nahmen überhand und würden zunehmen – aber inmitten dieses verwirrenden und entmutigenden Zustandes gibt es ein Wort des Zuspruchs und der Ermunterung. Paulus konnte schreiben: „Der feste Grund Gottes steht.“ Im Bewusstsein des beunruhigenden Abfalls wendet sich Paulus zu dem, was unbeweglich und bleibend ist – dem festen Grund Gottes. Das, was Gott gegeben hat, bleibt als ein unveränderliches, zuverlässiges Fundament. Alles, was dem Menschen übergeben wird, misslingt, aber was von Gott ist, bleibt unantastbar, ganz gleich wie groß auch der Verfall der bekennenden Kirche sein wird.

Zuvor hatte Paulus den Korinthern geschrieben: „Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1. Kor 3,11). Er, der ewige Sohn Gottes und Sohn des Menschen, ist der feste Grund, der Fels, auf dem die wahre Versammlung gebaut ist, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen (Mt 16,16–18). Christus ist der Eckstein, über den Jesaja prophezeite: „Siehe, ich gründe einen Stein in Zion, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, aufs Festeste gegründet“ (Jes 28,16).

Hier in 2. Timotheus werden wir nicht belehrt, worin der Grund besteht. Der Geist Gottes hat es absichtlich allgemein gehalten. Unzweifelhaft ist dieser Grund Jesus Christus und er schließt auch alle unveränderlichen und beständigen Dinge ein, die Gott uns in ihm gegeben hat. Was für eine Ermunterung ist das in den Tagen des Abfalls für uns, wenn das Fundament des Glaubens von bösen Menschen untergraben und zerstört wird. „Denn so viele der Verheißungen Gottes sind, in ihm ist das Ja, darum auch durch ihn das Amen“ (2. Kor 1,20). Christus und seine Verheißungen sind ein sicheres und verlässliches Fundament für den Gläubigen.

Während viele schöne Dinge uns in Christus sicher sind, gibt es drei Dinge, die besonders wertvoll und hervorstechend sind:

  1. Die bleibende Gegenwart Christi selbst in all seiner Fülle und Genügsamkeit ist uns verheißen. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Mt 28,20). „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Das ist tatsächlich eine wertvolle Verheißung in Tagen des Verfalls.
  2. Die beständige Gegenwart des Heiligen Geistes ist für den Gläubigen sichergestellt. „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Sachwalter geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit (...), denn er bleibt bei euch und wird in euch sein“ (Joh 14,16.17).
  3. Das Wort Gottes bleibt uns bestehen. „Erde und Himmel werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen“ (Mt 24,35).

Was für eine nachhaltige Ermunterung für den Gläubigen in den Tagen des Verfalls finden wir in der beständigen Gegenwart des Sohnes Gottes, des Geistes Gottes und des Wortes Gottes! Genauso wurde der Überrest in den Tagen Haggais ermuntert: „Denn ich bin mit euch, spricht der Herr der Heerscharen. Das Wort, das ich mit euch eingegangen bin, als ihr aus Ägypten zogt und mein Geist bestehen in eurer Mitte: Fürchtet euch nicht!“ (Hag 2,4.5).

Das Siegel

Diesem festen Grund Gottes ist ein Siegel mit einer göttlichen und einer menschlichen Seite angeheftet – „dieses Siegel: Der Herr kennt, die sein sind“. Das ist die göttliche Seite. Inmitten der Verwirrung und des Übels der Christenheit sieht und kennt der Herr jeden, der eine lebendige Beziehung zu Ihm hat und wirklich sein ist. Wir kennen nicht alle Gläubigen, selbst nicht die an einem bestimmten Ort, aber er kennt sie. Auf dieses Wissen des Herrn müssen wir immer noch zurückgreifen, als ein Hilfsmittel in dem gegenwärtigen Verfall der Kirche.

Der Wandel einiger bekennender Christen ist derart, dass man keine Gewissheit hat, ob ihr Bekenntnis echt ist. Solche müssen dem Herrn überlassen werden, der die kennt, die sein sind, und der zur rechten Zeit offenbar machen wird, wer wirklich sein ist und wer nicht.

Auf der anderen Seite werden die wahren Gläubigen und ihr Vertrauen zu dem Herrn oft missverstanden, verleumdet und von der Welt oder weltlichen Bekennern angegriffen, weil sie sich der Welt und der bekennenden Kirche in ihren bösen Taten nicht anschließen. Jemandes Haltung in Bezug auf die Versammlung mag verurteilt werden und es mag schlecht darüber gesprochen werden – ein solcher mag alleine stehen und von der christlichen Welt verachtet werden. Es ist ein echter Trost und eine sichere Kraftquelle zu wissen, dass der Herr einen jeden kennt, der sein ist, und um alle ihre Umstände weiß. Er versteht uns, wenn andere uns anzweifeln.

Es gibt aber noch eine andere Seite des göttlichen Siegels, die Seite der menschlichen Verantwortung. „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit!“ Jeder, der den Namen des Herrn bekennt und für sich beansprucht ein Christ zu sein, steht in der echten Pflicht, dem Herrn in Gerechtigkeit zu folgen und alle Ungerechtigkeit abzulehnen. Wenn sich jemand zum Namen des Herrn bekennt, muss er in Übereinstimmung mit jenem heiligen Namen leben und darf diesen nicht mit irgendeiner Art von Ungerechtigkeit in Verbindung bringen. Als Herr hat Er Anspruch auf Gehorsam und die Unterwerfung unter seine Autorität.

Absonderung vom Bösen ist ein Grundsatz, den wir durchweg in der Bibel finden. Er wird besonders betont als wichtigste Notwendigkeit für die fromme Seele in Tagen des Verfalls. Dadurch gibt man einen sichtbaren Beweis der Aktivität der göttlichen Natur, die Böses hasst und Gutes liebt, und wünscht dem Herrn zu gehorchen und Ihn zu ehren. „Hört auf, Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun“ (Jes 1,16.17); das ist immer Gottes Anordnung. Der erste Schritt ist die Absonderung vom Bösen, und dann wird Gott einem solchen seinen Willen lehren und wird ihm den nächsten Schritt zeigen.

Alles, was nicht völlig dem Willen Gottes unterworfen ist, ist Ungerechtigkeit. Es mag eine bestimmte Sache oder ein religiöses System sein, das Ungerechtigkeit für jemand bedeutet und wovon man sich absondern muss. Manchmal stellt sich Ungerechtigkeit als etwas Schönes für das menschliche Herz dar, aber wenn es im Gegensatz zum offenbarten Willen Gottes und seinem Wort steht, dann ist es böse und man muss sich davon absondern.

Das große Haus

„In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre“ (V. 20). Der Apostel benutzt hier das Bild eines großen Hauses mit seinen verschiedenartigen Gefäßen zur Ehre und zur Unehre. Es ist ein Bild davon, wozu sich die bekennende Christenheit entwickelte, als Paulus diesen Brief schrieb. Sie konnte nicht länger als „Haus Gottes, (...) die Versammlung des lebendigen Gottes (...), der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ bezeichnet werden, wie es zu der Zeit war, als der erste Brief an Timotheus geschrieben wurde (1. Tim 3,15).

Das, was für sich beanspruchte, das Haus Gottes zu sein, wurde schnell zu dem, was es heute unter den Menschen ist – ein großes Haus mit gemischten Gefäßen. Es trug nicht länger diesen ausschließlich göttlichen Stempel, Gottes Haus zu sein, gekennzeichnet von Heiligkeit und Gerechtigkeit. Es hatte seinen Charakter der Heiligkeit und Wahrheit verloren. Das war der Zustand der bekennenden Kirche am Ende des Lebens von Paulus und dieser Zustand bestand fort und hat sich seitdem immer mehr weiterentwickelt, so dass die Christenheit heute mehr denn je ein großes Haus mit verschiedenen Gefäßen ist, einige zur Ehre und einige zur Unehre.

Gefäße aus Gold und Silber sind die Gefäße, die für den Dienst im Hause Gottes passend sind. Nebukadnezar hatte einst die goldenen und silbernen Gefäße aus dem Tempel in Jerusalem weggenommen und nach Babylon gebracht (Dan 5,2–3). Gefäße aus Holz oder Ton sollten nicht im Haus Gottes sein. Aus Römer 9,21–23 entnehmen wir, dass solche Gefäße „Gefäße des Zorns, zubereitet zum Verderben“, und dass Gefäße zur Ehre „Gefäße der Begnadigung, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat“, sind. Deshalb kann man im Allgemeinen sagen, dass Gefäße aus Gold und Silber wahre Gläubige darstellen, sie sind die Gefäße zur Ehre – „Gefäße der Begnadigung“, während die Gefäße aus Holz und Ton ungläubige Bekenner in der Kirche symbolisieren – Gefäße zur Unehre und zum Zorn.

Allerdings kann ein goldenes Gefäß auch zur Unehre gebraucht werden, wie Belsazar es tat, als er die geheiligten Gefäße des Tempels bei seinem götzendienerischen Fest benutzte. In ähnlicher Weise kann auch im großen Haus der Christenheit, in dem die Gefäße Personen darstellen, ein wahrer Gläubiger etwas tun, was den Herrn verunehrt, oder sich mit Gefäßen zur Unehre verbinden und so ein Gefäß zur Unehre werden. Der Herr kann nicht den Dienst von jemandem anerkennen, der mit Bösem in Verbindung steht. Daher ist in Vers 21 die Trennung von den Gefäßen zur Unehre als Bedingung festgelegt, um ein Gefäß zur Ehre zu sein.

Das ist also das göttliche Bild der bekennenden Kirche mit ihrer unheiligen Mischung aus Erretteten und nicht Erretteten, wahren und falschen Gläubigen. Das ist der Zustand in den Tagen des Verfalls. Die Gesamtheit dessen, was sich christlich nennt, wird als ein großes Haus mit gemischten Gefäßen angesehen. Äußerlich gehört jeder Christ dazu, wie wahrhaftig sein Herz und seine Absichten gegenüber dem Herrn auch sein mögen, denn das große Haus besteht aus allem, was sich christlich nennt. Aber der ernste und treue Gläubige ist aufgerufen, sich selbst persönlich von allen Gefäßen zur Unehre in diesem Haus zu reinigen, auch wenn er niemals dieses Haus selbst verlassen kann.

Sich selbst reinigen

„Wenn nun jemand sich von diesen reinigt (durch die Trennung von ihnen), so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet“ (V. 21). Wenn die Christenheit nicht länger dem Charakter der Versammlung, wie Gott sie gebildet hat, entspricht, wird die Treue des Einzelnen angesprochen und die Verantwortung des einzelnen Gläubigen betont, sich von allem, was der Ehre des Christus widerspricht, zu trennen. Hier wird der Einzelne angesprochen und berufen, sich selbst von den Gefäßen zur Unehre zu reinigen, indem er sich von ihnen trennt.

Wenn jemand ein Gefäß zur Ehre und dem Hausherrn nützlich sein möchte, muss er sich fernhalten von allem, was falsch, verdorben und entgegen dem Wort Gottes ist und darf sich nicht damit verunreinigen. Man kann nicht in Verbindung sein mit solchen, die Christus verunehren, seine Gottheit oder seine vollkommene Menschheit leugnen, an einer anderen bösen Lehre festhalten oder Böses in der Praxis zulassen, und gleichzeitig versuchen, den Herrn in seinem Wandel zu ehren und ein geheiligtes Gefäß zum Nutzen des Hausherrn zu sein. Kein Gläubiger kann dem Herrn richtig dienen, während er mit Bösem verbunden ist oder die Verbindung zu einem religiösen System oder einer Vereinigung aufrechterhält, wo Böses erlaubt ist oder der nicht errettete Personen (die Gefäße zur Unehre sind) zugehörig sind. Man muss ein reines Gefäß sein, bevor der Herr jemanden benutzen kann, und die notwendige Bedingung, um ein geheiligtes, nützliches Gefäß für den Hausherrn zu sein, wird hier deutlich mit der Trennung von den Gefäßen zur Unehre angegeben.

Wenn eine Versammlung sich nicht vom Bösen in ihrer Mitte reinigt, wie es in 1. Korinther 5 befohlen wird, muss der treue Gläubige, nachdem eine gebührende Warnung und Geduld ausgeübt worden sind, sich selbst von ihr reinigen. Man kann nicht Gemeinschaft mit Bösem haben und ein reines Gefäß sein. „Ein wenig Sauerteig durchsäuert die ganze Masse“. „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit“. Nur dann, wenn man vom Bösen getrennt ist, versteht man, was Gottes Heiligkeit ist, was seine Ansprüche an uns sind und wie unvereinbar seine Natur mit Bösem ist.

Natürlich erfahren diejenigen, die danach streben, Gottes Gebot der Trennung von den Gefäßen zur Unehre, von der Ungerechtigkeit und von allem, was im Gegensatz zum Wort Gottes ist, oft Widerstand und Missbilligung. So, wie es in den Tagen Jesajas war, ist es auch heute: „die Wahrheit ist gestrauchelt auf dem Markt (...) ja, die Wahrheit wird vermisst; und wer das Böse meidet, setzt sich der Beraubung aus“ (Jes 59,14.15). Gott gemäße Absonderung kostet viel, ist aber auch ein großer Gewinn. Der Schmerz der Trennung und ihre Schmach muss getragen werden, wenn man dem Herrn vor allen anderen gefallen und ein Gefäß sein möchte, das für den Gebrauch des Hausherrn passend ist. Dann lernt man, dass „Gehorchen besser ist als Schlachtopfer, und Aufmerken besser als das Fett der Widder“ (1. Sam 15,22). Wer gehorsam ist, wird erfahren, dass er reiche Segnungen und neue Kraft für die Seele empfängt.

Manche mögen die Einheit der Versammlung betonen und unter dem Vorwand, die Einheit nicht zerbrechen und keine Spaltungen verursachen zu wollen, an der Zulassung von Bösem festhalten. Solche Gedanken werden aber durch die gebietenden Worte des Apostels „reinigt euch von diesen“ getadelt.

Wenn sich Versagen und Böses in der Versammlung niedergelassen hat, besteht die Gefahr, dass der Wunsch nach äußerlicher Einheit sogar treue Gläubige überzeugt, lieber Böses zu akzeptieren und Gemeinschaft damit zu haben als die Einheit zu brechen. Aber 2. Timotheus 2,21 legt den Grundsatz der persönlichen Treue und der persönlichen Verantwortung, sich vom Bösen zu trennen, fest und stellt ihn über alle anderen Überlegungen. Einheit darf nie auf Kosten von Wahrheit und Gerechtigkeit aufrechterhalten werden, denn das ist der Natur Gottes selbst entgegen, der Licht ist. In Tagen des Verfalls wird die Trennung vom Bösen über die äußerliche Einheit gestellt.

Manche lehren und verfechten die Ansicht, dass man in einer Kirche oder Versammlung bleiben sollte (auch wenn dort Dinge nicht richtig und entgegen dem Wort Gottes sind) und versuchen sollte, so weit wie möglich die Situation zu verbessern, oder dass man an diesem Platz für den Herrn ein Zeugnis sein sollte. Aus der Sicht der Schriftstellen, die wir betrachtet haben, sollte es unseren Lesern klar sein, wie fehlerhaft diese Lehre ist und wie sehr sie der Anweisung Gottes entgegensteht. Man kann nur in der Trennung von Gefäßen der Unehre ein reines Gefäß sein, das „nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet“ ist. Dann kann der Herr jemanden zum Segen für Seelen gebrauchen. Man muss zuerst aus dem Morast herauskommen, bevor man dem helfen kann, der sich darin befindet.

In den bösen Tagen, in denen Jeremia lebte, sagte Gott zu ihm: „Wenn du umkehrst, so will ich dich zurückbringen, dass du vor mir stehst; und wenn du das Kostbare vom Verachteten absonderst, so sollst du wie mein Mund sein. Jene sollen zu dir umkehren, du aber sollst nicht zu ihnen umkehren“ (Jer 15,19). Jeremia hatte in seinem Herzen Freude am Wort Gottes und sagte: „Ich saß nicht im Kreis der Scherzenden und frohlockte; wegen deiner Hand saß ich allein“ (Jer 15,16.17). Daher konnte Gott ihn gebrauchen, kostbare Seelen vom Bösen Israels zu trennen. Er würde ihn als seinen Mund gebrauchen, um sein Wort zu reden. Aber er durfte nicht zu dem zurückkehren, wovon er sich getrennt hatte. „Jene sollen zu dir umkehren.“

Ein anderes deutliches Gebot zur Absonderung finden wir in 2. Korinther 6,14–18: „Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen. Denn welche Genossenschaft haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? (...) Darum geht aus ihrer Mitte hinaus und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt Unreines nicht an, und ich werde euch aufnehmen; und ich werde euch zum Vater sein, und ihr werdet mir zu Söhnen und Töchtern sein, spricht der Herr, der Allmächtige.“ Möge jeder Leser diese Worte der Ermahnung und Ermunterung beachten und treu für Christus seinen Weg gehen, inmitten des Bösen der bekennenden Christenheit.

Der persönliche Wandel

„Die jugendlichen Begierden aber fliehe; strebe aber nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (V. 22). Wir haben aus dem vorigen Vers gesehen, dass die Trennung von den Gefäßen zur Unehre im großen Haus der Christenheit nötig ist, wenn man ein reines Gefäß und zu jedem guten Werk bereitet sein möchte. Nun warnt der Apostel vor Gefahren für den Einzelnen, wenn er von öffentlichem Bösem in Anspruch genommen wird und sich mit der notwendigen Trennung davon beschäftigt. Die Ermahnung richtet sich hier an den einzelnen Gläubigen, was seinen persönlichen Wandel und die persönlichen Gaben betrifft, in denen er sich als ein abgesondertes Gefäß bewahren muss. Wir sollen uns nicht nur mit der negativen Seite der Trennung vom Bösen beschäftigen, sondern auch an der positiven Seite festhalten, indem wir der Gerechtigkeit, dem Glauben, und der Liebe mit anderen gleichgesinnten Gläubigen nachstreben.

Bei der Trennung von kirchlichem Bösen ist es von größter Wichtigkeit, dass der Gläubige auf sein eigenes Betragen achtet und an einem praktischen Wandel in Gerechtigkeit nach dem Vorbild von Christus festhält. Es ist vergeblich, gegen das Böse Zeugnis abzulegen und sich davon zu trennen, wenn man im persönlichen Wandel versagt, der öffentlich sichtbar ist und von solchen zu Recht als unchristlich bezeichnet wird, die von der Ungerechtigkeit verführt wurden und von denen man sich getrennt hat. Daher ermahnt der Apostel hier Timotheus und jeden Gläubigen, der treu sein möchte, ernstlich, sich vor allem zu hüten, was sein Zeugnis in der Absonderung vom Bösen behindern und zunichte machen würde.

Den jugendlichen Begierden muss ausgewichen werden. Es sollen nicht nur weltliche und fleischliche Begierden vermieden werden, sondern auch die Begierden, die für die Jugend kennzeichnend sind, wie z. B. Selbstvertrauen, Leichtfertigkeit, Ungeduld, Ungestüm, das Prahlen mit dem eigenen Wissen und Streitsucht. Alle diese Dinge, die so natürlich für die Jugend sind, können auch in einem älteren Gläubigen aufkommen und sein Zeugnis verunreinigen. Ein Gefäß zur Ehre darf nicht von diesen Begierden geprägt sein, die so typisch für die Jugend in ihrer Selbstzufriedenheit sind. Er muss vor jeder Neigung fliehen, diesen jugendlichen Lüsten nachzugeben, und alles meiden, was das Fehlen eines nüchternen, demütigen und bescheidenen Geistes offenbart, der denjenigen kennzeichnet, der mit Gott wandelt.

Der abgesonderte Gläubige muss der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe und dem Frieden nachstreben. Man muss in praktischer Gerechtigkeit wandeln, was bedeutet, dass man das erstrebt, was vor Gott und Menschen richtig ist, und entsprechend handelt. Wir sollten bemerken, dass die Gerechtigkeit zuerst angeführt wird, dann der Glaube, dann die Liebe und als letztes der Friede. Die Gerechtigkeit wird als erstes in Betracht gezogen, nicht die Liebe und der Friede. Wenn man zuerst Liebe und Friede berücksichtigt, kann man in die Gefahr kommen, die Wahrheit aufs Spiel zu setzen und die Gerechtigkeit zu opfern. Böses kann unter dem Vorwand der Liebe und mit dem Wunsch nach Frieden toleriert werden. Wir alle sollen der Liebe und dem Frieden nachjagen, aber wir können keinen Frieden auf Kosten der Gerechtigkeit haben, daher müssen wir zuallererst nach Gerechtigkeit streben. Es kann keinen Frieden mit Bösem oder mit den Feinden Christi geben.

Zusammen mit der Gerechtigkeit muss auch dem Glauben nachgestrebt werden, da dies einen in Gemeinschaft mit Gott und in Abhängigkeit von Ihm erhält, um das Herz auf dem Pfad der Gerechtigkeit und der Absonderung vom Bösen zu stützen. Der Glaube stellt Gott vor die Seele und bewahrt davor, die Dinge vom Standpunkt rein menschlicher Zweckmäßigkeit und Argumentation aus zu sehen. Der Glaube ist notwendig für das Ausharren auf dem Pfad der Gerechtigkeit. Mose „hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren“ (Heb 11,27).

Ohne Glauben und Liebe wird unser Streben nach Gerechtigkeit wahrscheinlich eine kalte und gesetzliche Sache mit einem Beigeschmack von Pharisäertum. Deshalb müssen Glaube und Liebe mit der Gerechtigkeit verbunden sein. Der Glaube kommt in diesem Vers vor der Liebe, denn das Auge muss auf Gott, die Quelle der Liebe, gerichtet sein, bevor wahre christliche Liebe in Aktion treten kann. Die Liebe muss durch die Gerechtigkeit und den Glauben bewahrt werden.

Wenn der Glaube aktiv ist, wird Gott vor die Seele gestellt werden, seine Liebe wird das Herz erfüllen und der Wandel wird von göttlicher Liebe gekennzeichnet sein. Dies ist sehr nötig für einen Gläubigen, der ein Gefäß zur Ehre sein möchte. Er muss der Liebe nachgehen und die Liebe des Christus in allen seinen Taten offenbaren.

Dann wird das Ergebnis des Strebens nach Gerechtigkeit, Glauben und Liebe der Friede sein – Friede auf einer gerechten Grundlage. Der abgesonderte Gläubige soll nicht seinen eigenen Willen durchsetzen oder Streit hervorrufen, sondern „dem nachstreben, was zum Frieden (...) dient“. „Wenn möglich, soviel an euch liegt, lebt mit allen Menschen in Frieden“ (Röm 14,19; 12,18). Eine streitsüchtige, störende Person ist eine Unehre für Christus und offenbart, dass sie nicht nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden strebt.

Die Verse 23–25 geben uns weitere Anweisungen über den persönlichen Wandel, der ein geheiligtes Gefäß zur Ehre kennzeichnen sollte. Er soll törichte und ungereimte Streitfragen meiden, die Unfrieden erzeugen, und mit niemandem streiten, „sondern gegen alle milde, sein, lehrfähig, duldsam, der in Sanftmut die Widersacher zurechtweist“. Streit und Unfriede über die Wahrheit oder über törichte Fragen helfen und nützen niemandem. Die Wahrheit Gottes sollte in klarer und gütiger Weise erklärt und gelehrt werden, in aller Geduld, Freundlichkeit und Sanftmut, auch gegenüber solchen, die sich widersetzen, aber der Diener des Herrn soll nicht mit denen streiten, die der Wahrheit widerstehen.

Das sind die Anweisungen für den persönlichen Wandel von Gläubigen, die darum bemüht sind, dem Herrn zu gefallen und geheiligte und brauchbare Gefäße zur Ehre zu sein inmitten des Verfalls des großen Hauses der Christenheit. Möge der Herr uns Gnade geben, dadurch gekennzeichnet zu sein.

Mit wem wir uns verbinden sollen

Wenn wir zu Vers 22 zurückkommen, bemerken wir, dass der abgesonderte Gläubige nicht nur als Einzelner der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe und dem Frieden nachstreben soll, sondern „mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“. Er wird ermutigt, diesen Gnadengaben nachzustreben in Verbindung und Gemeinschaft mit anderen, die dasselbe tun und den Herrn aus reinem Herzen anrufen.

Dem treuen Gläubigen ist es also gegeben, auf dem Weg der Absonderung von den Gefäßen zur Unehre die Gesellschaft anderer zu erwarten. Da er aus göttlichem Antrieb die Gemeinschaft der Heiligen liebt, wird er auf diese Weise durch die Aussicht ermuntert, auf dem neuen Weg, zu dem die Treue zu Gott und seinem Wort ihn berufen hat, Gemeinschaft mit anderen Christen zu haben.

Man braucht keine Isolation als Folge der Absonderung vom Bösen zu befürchten, auch sollte ein Gläubiger sich nicht dafür entscheiden, allein zu bleiben. Gott wird in den Herzen anderer Gläubigen wirken und sie gleicherweise dahin führen, sich von der Ungerechtigkeit zu trennen und nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden zu streben, indem sie den Herrn aus reinem Herzen anrufen. Wir werden aufgefordert, uns mit denen, die so handeln, in christlicher Gemeinschaft zu verbinden. Das sind in Tagen des Verfalls für den ernsten Gläubigen der Weg und der Kreis der Gemeinschaft, der den Gedanken Gottes entspricht.

Es mögen an einem Ort nur zwei oder drei sein, die diesen moralischen Eigenschaften entsprechen. Wenn dies so ist, sollen sie nicht verachtet werden, sondern als solche anerkannt werden, in deren Herz der Herr in gleicher Weise das Verlangen und die Absicht bewirkt hat, seinen Willen zu tun, und als solche, mit denen ich in glücklicher Gemeinschaft den Weg gehen soll. Jemand hat zu Recht geschrieben: „Wer kein Herz für die zwei oder drei hat, ist nur Ballast, wenn er unter zehntausend wäre“ (W. Kelly). Zahlen machen auf den weltlichen Geist einen großen Eindruck, aber sie dürfen nicht den beeinflussen, der Christus treu sein möchte.

Der Herr hat solche Zustände vorhergesehen, wie sie in den dunklen Tagen des Bösen in der bekennenden Kirche entstanden sind, und in seiner Gnade gerade dafür vorgesorgt. Daher hat er verheißen, dass „wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Er wusste, dass es so weit kommen würde, dass nur zwei oder drei an einem Ort versammelt wären, die den Wunsch haben würden, seine Zustimmung zu finden und seinem Wort zu gehorchen. Deshalb hat er ihnen in liebevoller Weise seine Gegenwart zugesichert, wenn sie sich allein in seinem Namen versammeln. Wie tröstlich und kostbar! Was könnte man mehr verlangen?

Wir möchten hier betonen, dass die Isolation und das Alleinbleiben ohne die Verbindung mit anderen Gläubigen für keinen Christen zu keiner Zeit der Weg Gottes ist. Er soll weder im Bösen fortfahren, noch soll er allein stehen und die Zugehörigkeit zu anderen Gläubigen verweigern. 2. Timotheus 2,22 lehrt dies sehr deutlich. Es ist Gottes Wille, dass wir nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden streben „mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“. Man mag an genau dem Ort, wo man lebt, niemanden finden, mit dem man sich schriftgemäß versammeln kann, aber der Herr wird sicherlich anderswo einige Gläubige geben, mit denen man in gerechter Gemeinschaft den Weg gehen kann.

Manche werden den Standpunkt einnehmen, dass die Umstände in der Kirche so schlecht geworden sind, dass es keine Gruppe von Gläubigen mehr gibt, mit der man Gemeinschaft in Gerechtigkeit usw. haben kann, sodass sie allein und abseits von allem stehen. Dies ist sicherlich entgegen der Schrift und wir fürchten, dass sich darin ein Geist des Stolzes offenbart, der sich selbst allem und allen anderen gegenüber für überlegen hält. Als Elia dachte, er sei der Einzige, der für Gott einstände, musste er lernen, dass es noch 7.000 gab, die ihre Knie nicht vor dem Baal gebeugt hatten (1. Kön 19,14–18). Gott hat sich immer einen Überrest treuer Gläubiger erhalten, zum Zeugnis für ihn in jedem Zeitalter.

Als abgesonderter Gläubiger ist man also in Gemeinschaft mit solchen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden streben und gemeinsam die Reinheit des Herzens bewahren. Dies ist die Gesellschaft, mit der der aufrichtige Gläubige seinen Weg gehen sollte. Diejenigen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen, sind es, die durch die oben genannten Charakterzüge deutlich als solche offenbar werden. Wir können das Herz nur durch das praktische Leben erkennen.

Jemand hat über diesen Vers wie folgt geschrieben: „Was der Geist Gottes hier im Sinn hat, ist gemeinschaftliche Reinheit, d. h. eine Reinheit, die die Verbindungen kennzeichnet. Diejenigen, die sich gemäß der Verbindung versammeln, von der hier gesprochen wird, sind die, die auf der Grundlage des Wortes Gottes zusammenkommen. Sie zeichnen sich durch eine Hingabe und Liebe zum Herrn Jesus Christus aus und sind um die Aufrechterhaltung seines Namens, seiner Wahrheit und seiner Ehre bemüht, indem sie nichts dulden, was Ihm nicht angemessen wäre. Das ist es, so glaube ich, was der Apostel meint, wenn er sagt: ‚die den Herrn anrufen aus reinem Herzen‘: Reinheit des Herzens, Aufrichtigkeit des Herzens und persönliche Hingabe an Christus sind die charakteristischen Kennzeichen der Verbindung, die ich mir suchen muss, wenn ich mich persönlich gereinigt habe“ (W. T. Turpin).

Wer diese schriftgemäße Gemeinschaft gefunden hat, muss diesen Platz in Geduld, Sanftmut und Milde bewahren, wie in den Versen 23–25 festgestellt wird, die wir im Zusammenhang mit dem „persönlichen Wandel“ schon vorher erwähnt hatten.

Wir haben wirklich ausreichende und tröstliche Anleitung in 2. Timotheus 2, was den gottgemäßen Weg in Tagen des Verfalls betrifft. Mögen Leser und Schreiber auf diesem Weg gefunden werden, bis der Herr kommt.

5.2 Außerhalb des Lagers

Nachdem der inspirierte Schreiber des Hebräerbriefes auf so wunderbare Weise die Größe der Person und des Werkes der Person des Herrn Jesus beschrieben hat, sagt er am Ende des Briefes: „Darum hat auch Jesus, damit er durch sein eigenes Blut das Volk heiligte, außerhalb des Tores gelitten. Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,12.13). Diese Worte geben uns einen weiteren wichtigen Grundsatz für den Gläubigen, der ihm in den Tagen des kirchlichen Verfalls Wegweisung ist. Diese wichtige Wahrheit sollten auch wir bedenken und beachten.

Der Apostel richtet in diesen Versen unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass Christus außerhalb des Tores von Jerusalem, dem Mittelpunkt des Judentums, gekreuzigt wurde. Der Gläubige wird aufgefordert, mit Ihm, dem Verworfenen, hinauszugehen und außerhalb des Lagers seine Schmach zu tragen. Aber bevor wir im Einzelnen über diesen Abschnitt nachdenken, möchten wir uns mit dem Lager Israels und mit Mose selbst beschäftigen, der außerhalb des Lagers das Zelt der Zusammenkunft aufgeschlagen hatte.

Götzendienst im Lager Israels

In 2. Mose 32, wo von dem Lager Israels die Rede ist, sehen wir, dass sich Gott wegen des Götzendienstes, der in der Aufrichtung des goldenen Kalbes bestand, nicht mehr im Lager aufhalten konnte. Sein Zorn entbrannte und es kam Gericht über sein Volk (2. Mo 32,10.27.28). Das Lager Israels war Gottes Eigentum gewesen und Er hatte auch in ihrer Mitte gewohnt. Aber als das goldene Kalb aufgerichtet und angebetet wurde, konnte Er dieses Volk nicht mehr als sein eigenes Volk ansehen.

Der Mensch war eifrig damit beschäftigt gewesen, mit seinen eigenen Werkzeugen einen Götzen zu machen, einen eigenen Altar zu bauen, seine eigenen Feste auszurufen, eigenwillige Opfer zu bringen und sich zu setzen, um zu essen, zu trinken und sich zu belustigen (2. Mo 32,4–6). Das Volk hat sich selbst verdorben und Gott konnte mit ihnen keine Gemeinschaft haben in einem Lager, das von Götzendienst gekennzeichnet war.

In 2. Mose 33 sehen wir Mose, der ein feines Empfinden für die Heiligkeit Gottes angesichts dieses Bösen hatte und sich von dem Lager Israels absonderte. „Und Mose nahm das Zelt und schlug es sich außerhalb des Lagers auf, fern vom Lager, und nannte es: Zelt der Zusammenkunft. Und es geschah, jeder, der den Herrn suchte, ging hinaus zum Zelt der Zusammenkunft, das außerhalb des Lagers war. (...) Und es geschah, wenn Mose in das Zelt trat, so stieg die Wolkensäule herab und stand im Eingang des Zeltes; und der Herr redete mit Mose. (...) Und der Herr redete mit Mose, wie ein Mann mit seinem Freund redet“ (2. Mo 33,7–11).

Das ist ein deutliches Beispiel davon, was es bedeutet aus dem Lager herauszugehen und wie wichtig dies ist, wenn wir die Gegenwart des Herrn in einer Zeit des Verfalls und des Bösen im Lager erfahren wollen. Der Herr war jetzt nicht mehr im Lager Israels und auch Mose wandte sich davon ab und schlug das Zelt – möglicherweise sein eigenes Zelt – außerhalb des von Götzendienst erfüllten Lagers auf. Sehr bemerkenswert ist, dass Mose nicht nur das Lager verlassen hat, sondern dass er das Zelt „fern vom Lager“ aufschlug und es „Zelt der Zusammenkunft“ nannte.

Dieses Zelt wurde der Mittelpunkt für alle, die den Herrn suchten. Sie verließen das verdorbene Lager und gingen hinaus zu diesem Zelt der Zusammenkunft. Der Herr erkannte diese Handlung Moses und der wenigen, die ihm gefolgt waren und sich vor dem Eingang des Zeltes versammelt hatten, an. Auch der Ort der Zusammenkunft wurde durch die Wolkensäule, die ein sichtbares Symbol seiner Gegenwart war, von Gott bestätigt. Gott redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freund redet.

Das ganze Volk im Lager konnte die Wolkensäule sehen, die am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft stand, und jeder stand am Eingang seines Zeltes auf, um anzubeten. Das zeigt, dass sie einsahen, dass der Herr nicht länger in dem Lager gegenwärtig sein konnte, das durch den Götzendienst verunreinigt worden war. Der Herr hatte jetzt einen neuen Ort des Zusammenkommens außerhalb des Lagers. Und doch scheint es, dass die Mehrheit sich nicht von dem verunreinigten Lager absonderte, denn sie waren alle „am Eingang ihres Zeltes“ (2. Mo 32,10) und hatten das Lager nicht verlassen, um zu dem Zelt der Zusammenkunft zu gehen.

Die Anwendung dieser Ereignisse auf den gegenwärtigen Zustand der Christenheit ist für eine Seele, die in Gemeinschaft mit dem Herrn lebt, sehr nahe liegend. Ergänzend zu der direkten Aufforderung in Hebräer 13,13 zum Herrn Jesus hinauszugehen, haben wir in Römer 15,4 die Aussage, dass „alles, was zuvor geschrieben worden ist, (...) zu unserer Belehrung geschrieben worden (ist).“ Auf diese Weise wird der Gläubige durch dieses Beispiel von Mose und anderen, die sich von dem Götzendienst und dem Bösen im Lager Israels absonderten, mit einem Grundsatz ausgerüstet, der uns in den Tagen des Verfalls der bekennenden Christenheit Ausrichtung und Wegweisung gibt.

Die Christenheit ist inzwischen wie das Lager Israels zu einem Lager des Götzendienstes geworden. Christus ist beiseite gesetzt worden, und in weiten Teilen der bekennenden Christenheit wird Götzendienst praktiziert. Der Mensch ist eifrig damit beschäftigt, sich selbst mit seinen eigenen Mitteln Altäre und Götzen zu bauen.

Ganze religiöse Systeme wurden aufgerichtet, ohne auf Gottes Gedanken in Bezug auf die Versammlung Rücksicht zu nehmen, wie sie in der Heiligen Schrift offenbart sind. Die Autorität Christi und die souveräne Wirkung des Heiligen Geistes wurden durch menschliche Systeme praktisch beiseite gesetzt.

In der Christenheit, die ein „Babylon“ der Verwirrung und des Verderbens geworden ist, gibt es jegliche Arten böser Lehren und des moralischen Bösen. Offenbarung 18 vermittelt uns ein prophetisches Bild dieses Babylons in seinem endgültigen Zustand und in der vollen Entwicklung des Bösen und zeigt uns das Gericht Gottes, das über Babylon kommen wird. Dort lesen wir: „Gefallen, gefallen ist Babylon, die große, und ist eine Behausung von Dämonen geworden und ein Gewahrsam jedes unreinen Geistes und ein Gewahrsam jedes unreinen und gehassten Vogels. (...) Geht aus ihr hinaus, mein Volk, damit ihr nicht ihrer Sünden teilhaftig werdet…“ (Off 18,2.4).

So wie Mose damals sollen auch wir aus dem Lager des Götzendienstes herausgehen und uns fern von allem seinem Bösen und Verderben aufhalten, wenn wir die Zustimmung des Herrn erfahren und seine Gegenwart genießen möchten. Wie traurig ist es, wenn man manche treuen Gläubigen sieht, die sich an den verschiedenen Systemen in dem verdorbenen Lager der Christenheit festklammern, anstatt sie zu verlassen. Wie auch so viele Israeliten, beten sie an den Türen ihrer eigenen Zelte an, die sich in dem abtrünnigen Lager befinden, das Christus verlassen hat.

Sollte das auf einen Leser dieses Buches zutreffen, dann ist es mein Gebet, dass Gottes Stimme gehört und befolgt wird: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk, damit ihr nicht ihrer Sünden teilhaftig werdet“ (Off 18,4).

Das Lager des Judentums

Nun möchten wir uns mit diesem Lager beschäftigen, das zu verlassen der Apostel die hebräischen Gläubigen in Hebräer 13,13 auffordert, um zu Jesus Christus hinauszugehen, der als das wahre Sündopfer außerhalb des Tores gelitten hat. Der inspirierte Schreiber zeigt, dass Christus sich außerhalb dieses abgefallenen, religiösen Lagers des Judentums befindet, deshalb sollen die, die Ihn lieben, „zu ihm hinausgehen, seine Schmach tragend“.

Dies war das dritte Mal, dass sich Gottes Herrlichkeit außerhalb von Israel befand. Zuerst war es in der Wüste der Fall, wie wir in 2. Mose 33 gesehen haben, zweitens in Jerusalem zur Zeit Hesekiels (Hes 10,18.19; 11,23) und zum dritten Mal bei der Kreuzigung Christi, in welchem dem Glauben die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi offenbart wurde (2. Kor 4,6). Daher müssen die, die den Herrn Jesus sehen und seine Gegenwart genießen möchten, zu Ihm hinausgehen an den Ort der Verwerfung und Schmach, an den die heutige Welt Ihn setzt – außerhalb des Lagers.

Es mag gut für uns sein, das Wesen des jüdischen Lagers zu untersuchen, aus dem Christus hinausgetan wurde. In Hebräer 9,1–10 haben wir eine Beschreibung dieses Lagers, aus der wir die folgenden Merkmale zusammenstellen:

  1. Es war durch ein „weltliches Heiligtum“ gekennzeichnet, ein Heiligtum von dieser Welt, mit majestätischer Ausstattung und ebensolchen Gefäßen (V. 1,2).
  2. Es gab einen inneren Teil dieses irdischen Heiligtums, bekannt als „Allerheiligstes“, mit einem Vorhang zum übrigen Teil des Heiligtums. Die Priester gingen in den ersten Teil der Stiftshütte, um den Gottesdienst auszuüben, aber nur der Hohepriester konnte einmal im Jahr mit Blut für seine Sünden und die des Volkes in das „Allerheiligste“ eintreten (V. 3–7). Gott war eingeschlossen und der Mensch war ausgeschlossen.
  3. Daher gab es in diesem System des Gottesdienstes keinen freien Zugang zu Gott. „wodurch der Heilige Geist dieses anzeigt, dass der Weg zum Heiligtum noch nicht offenbart ist“ (V.8).
  4. Es gab eine ordinierte Priesterschaft, eine vom Volk unterschiedene Klasse von Priestern, die sich dem Dienst des Heiligtums widmeten und zwischen dem Volk und Gott vermittelten. Das Volk hatte keinen unmittelbaren Anteil am Dienst des Heiligtums (V.6).
  5. Das weltliche Heiligtum mit seinen Priestern und Opfern konnte den Anbetern kein gereinigtes Gewissen geben oder den Opfernden vor Gott vollkommen machen (Heb 9,9; 10,1–3).
  6. Es war ein gottesdienstliches System, das von Gott für das irdische Volk Israel verordnet war und das gesamte Volk in diesem Lager umfasste. Es wurde weder vorausgesetzt noch gefordert, dass die Anbeter von neuem geboren sein sollten. Deshalb waren sie eine Mischung aus Gläubigen und Ungläubigen auf der Grundlage der Gerechtigkeit aus dem Halten des Gesetzes (Heb 3–4).
  7. Es handelte sich um eine irdische Religion, die auf der Erde eingesetzt und an den natürlichen Menschen angepasst war, ohne dass darin einen Vorwurf gesehen wird (Gal 5,11; 6,12.13).

Das Obige ist eine kurze Übersicht der wesentlichen Eigenschaften des jüdischen Lagers, die der Leser im Gedächtnis behalten sollte, da wir kurz auf diese Punkte zurückkommen werden, wenn wir die im Gegensatz dazu stehenden Kennzeichen des wahren Teils und der wahren Stellung des Christen, sowie die Ähnlichkeit des gegenwärtigen Lagers der Christenheit mit dem Judentum betrachten.

Gott sandte seinen Sohn, den verheißenen Messias, in dieses Lager des Judentums hinein, aber er wurde verworfen und außerhalb der Tore Jerusalems getötet. Das Kreuz Christi setzte dem religiösen System dieses Lagers mit seinen Abbildern und Schatten ein Ende und führte den neuen Bund der Gnade und eine vollbrachte Erlösung in Christus ein. Allerdings ertrug Gott das Volk bis zur Steinigung des Stephanus. Dann wurde Israel als Volk völlig beiseite gesetzt und das Lager des Judentums ganz von Gott verstoßen.

Aber es gab solche, die wirklich an Christus glaubten und am Judentum festhielten, und einige hebräische Gläubige standen in Gefahr, das christliche Bekenntnis aufzugeben und in dieses Lager zurückzukehren. Deshalb wurde etwa 30 Jahre nach dem Kreuz der Hebräerbrief geschrieben, der sie auf die Fülle des Segens in Christus und seinem Werk hinwies und sie ermahnte, zu Christus hinauszugehen und das abgefallene und verworfene Lager des Judentums hinter sich zu lassen. Dies ist der für die Versammlung angemessene Ort, denn der neue Wein des Christentums kann nicht in die alten Schläuche des gesetzlichen Systems des Lagers gefüllt werden (Lk 5,37.38). Man kann Christus nicht dort nachfolgen und Ihn verehren, wo er verworfen ist.

Der Gegensatz zum Christentum

Auf der Grundlage des einen vollkommenen und sühnenden Opfers Christi am Kreuz bildete Gott am Tag der Pfingsten durch das Herabkommen und die Taufe des Heiligen Geistes die Versammlung und gründete das Christentum in seinem himmlischen Charakter als das, was Er besitzt und woran Er Freude hat. Dies ist, in seinem wahren, von der Schrift gezeigten Charakter, das genaue Gegenteil der typischen Kennzeichen des Judentums, wie wir sie gerade betrachtet haben. Kurz gesagt sind die entgegengesetzten Punkte des Christentums (die der Leser mit den entsprechenden vorher aufgezählten Punkten des Judentums vergleichen kann) die folgenden:

  1. Das Heiligtum des Christen befindet sich im Himmel und nicht auf der Erde. Christus ist in den Himmel selbst eingegangen und erscheint in der Gegenwart Gottes für uns als Diener des himmlischen Heiligtums und der wahren Hütte (Heb 8,2; 9,24).
  2. Der Vorhang in das Allerheiligste ist zerrissen und wir haben Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Weg, durch den zerrissenen Vorhang (Heb 10,19.20). Gott ist in Christus zu den Menschen herausgekommen und Christus ist für den Gläubigen zu Gott hineingegangen und hat den Weg für uns geöffnet, damit wir ebenfalls in das Allerheiligste eintreten könnten. Der Platz innerhalb des Vorhangs des himmlischen Heiligtums gehört jedem Christen.
  3. Daher gibt es vollen Zugang zu Gott. „Durch ihn haben wir beide (Juden und Nationen) den Zugang durch einen Geist zu dem Vater“ (Eph 2,18).
  4. Jeder, der an Christus glaubt, ist ein heiliger und königlicher Priester und besitzt das Vorrecht, Gott geistliche Schlachtopfer darzubringen. Es gibt im Christentum nach den Grundsätzen des Neuen Testamentes keine besondere Klasse der Priester mehr, die sich vom Volk unterscheidet (1. Pet 2,5.9)
  5. Durch das eine vollkommene Opfer Christi besitzen die Gläubigen gereinigte Gewissen und sind geheiligt und für immer vor Gott vollkommen gemacht. Sie haben die Sicherheit, dass nie mehr an ihre Sünden und Übertretungen gedacht wird (Heb 9,14; 10,10.14–17).
  6. Die Versammlung Christi setzt sich aus Menschen zusammen, die durch die neue Geburt in lebendiger Beziehung zu Gott stehen. Sie umfasst niemanden, der eine nur äußerliche Beziehung zu Gott hat, wie es in Israel durch die natürliche Geburt der Fall war. Nur solche, die „von neuem geboren“ sind, gehören zur Versammlung und sind fähig, „in Geist und Wahrheit anzubeten“ (Joh 3,3; 4,24). In der Anbetung der wahren Versammlung gibt es keine Vermischung von erretteten und nicht erretteten Personen.
  7. Das Christentum hat einen eindeutig himmlischen Charakter. „Unser Bürgertum ist in den Himmeln“ (Phil 3,20). Es passt daher nicht zu dem natürlichen Menschen, sondern es ist ihm ein Ärgernis. Daher ist wahre christliche Anbetung mit der Schmach des Kreuzes und der Verwerfung Christi verbunden. „So viele im Fleisch wohl angesehen sein wollen, die nötigen euch, beschnitten zu werden (Judentum), nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden“ (Gal 6,12).

Dies sind einige der wesentlichen Charakterzüge des neutestamentlichen Christentums im Gegensatz zu dem Lager des Judentums. Wahres Christentum ist daher nicht ein religiöses Lager auf der Erde, sondern eine herausgerufene Gemeinschaft von Gläubigen, die zu Christus hin, ihrem verherrlichten Haupt im Himmel, vereint sind. Gläubige sollen zu Ihm hinausgehen, aus dem Lager der irdischen Religion hinaus.

Das Lager der Christenheit

Wir haben die Charakterzüge und die Stellung des wahren Christentums festgestellt. Ein Studium des Neuen Testamentes wird uns zeigen, wie sie sich in der Versammlung zur Zeit der Apostel zeigten. Aber schon ein kurzer Blick auf die Geschichte der bekennenden Kirche seitdem und in ihrem gegenwärtigen Zustand offenbart die traurige Tatsache, dass sie bald ihren himmlischen Charakter und die unverwechselbaren Eigenschaften der wahren christlichen Stellung verloren hat.

Das, was den Namen des Christentums und der Versammlung trug, was wir „Christenheit“ nennen mögen, ließ sich bald auf der Erde nieder und wurde ein Gemisch aus Judentum und Christentum. Die Versammlung nahm schnell jüdische Züge an; die Grundsätze des Judentums, einer Religion, die an den nicht wiedergeborenen Menschen im Fleisch angepasst ist, wurden angenommen und mit ein wenig christlicher Wahrheit vermischt. Die Christenheit wurde bald ein religiöses Lager auf der Erde, ähnlich dem götzendienerischen Lager Israels in den Tagen Moses und dem abgefallenen Lager des Judentums.

Lasst uns die wesentlichen Züge des Judentums in Erinnerung rufen und feststellen, wie sie mehr oder weniger die verschiedenen religiösen Systeme der Christenheit prägen. Einige dieser Punkte sind die folgenden:

  1. Sie haben ein irdisches Heiligtum von majestätischer Erscheinung, Ausstattung und ebensolchen Gefäßen, die alle dem Auge des Fleisches gefallen.
  2. Es gibt einen abgetrennten inneren Bereich, in den nur der amtierende Priester geht.
  3. Es gibt keinen direkten, freien Zugang zu Gott. Gott ist entfernt und wird als „Allmächtiger Gott“, „Höchster“, etc. angeredet, aber kaum als „Abba, Vater“, was der Ruf des wahren Kindes Gottes ist (Gal 4,5.6). Darin schon offenbart sich die „ferne“ Stellung des Judentums.
  4. Es gibt eine ordinierte, besondere Klasse von Priestern und Dienern, die im Allgemeinen unter der Leitung höherer Amtsinhaber dienen und zwischen dem Volk und Gott stehen, indem sie einen Unterschied zwischen den so genannten „Laien“ und dem „Klerus“ machen. Die Leitung des Heiligen Geistes wird so durch menschliche Organisation und Führerschaft beiseite gesetzt.
  5. Ein gereinigtes Gewissen, das Bewusstsein der Sündenvergebung und der Annahme vor Gott wird im Allgemeinen nicht gekannt. Zu sagen, dass jemand errettet sei und die Gewissheit des Himmels habe, wird sogar als Anmaßung bezeichnet und ist im größten Teil der Christenheit nicht möglich.
  6. Gläubige und Ungläubige, bekehrte und nicht wiedergeborene Personen beten gemeinsam öffentlich an auf dem Boden von Werken und dem Halten des Gesetzes für die Errettung.
  7. Diese Systeme erkennen den Menschen im Fleisch an, sie sprechen den Menschen im Fleisch an und sind so eingerichtet, dass sie den Menschen im Fleisch aufnehmen. Daher gibt es kein Ärgernis für den Menschen im Fleisch oder irgendeine Schmach des Christus und seines Kreuzes zu tragen.

Dies sind die Charakterzüge der Christenheit, die in Wirklichkeit wie – oder vielleicht noch mehr als das Judentum – ein abgefallenes, religiöses Lager ist. Deshalb sind die religiösen Systeme der Christenheit das Lager, das zu verlassen die Gläubigen der Zeitepoche der Gnade aufgerufen sind, um zu Christus hinauszugehen – Gottes wahrem Mittelpunkt des Zusammenkommens.

Was das Lager betrifft, so hat jemand treffend gesagt: „Es ist überall dort, wo Christus dem Namen nach ist, aber nicht in Wirklichkeit auf dem höchsten Platz thronend. Es kümmert mich nicht, wie alt die Autorität sein mag … wo es eine menschliche Organisation gibt, die Christus verdrängt, die nicht in Übereinstimmung mit dem Wort Gottes ist, wie es uns im Neuen Testament gegeben ist, und vor allem, wo Christus nicht direkt und unmittelbar als absolute Autorität durch sein Wort und seinen Geist anerkannt wird – dort haben wir das Lager.“ (S. Ridout). Das Lager, das die Gläubigen zu verlassen aufgefordert sind, ist die Christenheit, wo Menschen jüdische Elemente unter dem Deckmantel der Gnade wiederbelebt haben. Jedes System, wo die Autorität des Menschen eingerichtet wird, um in der Praxis die Autorität Christi zu leugnen (was überall dort getan wird, wo ein von den „Laien“ unterschiedener „Klerus“ anerkannt wird), ist ein Lager, das verlassen werden muss. Das Lager ist ein System der irdischen und weltlichen, von Menschen eingerichteten Religion, ein Ort, wo Gott verunehrt wird, sein Wort beiseite gesetzt wird und wo der Mensch tun kann, was er will.

Wir vertrauen darauf, dass diese Bemerkungen unseren Lesern helfen, zu sehen, was das Lager in der gegenwärtigen Zeit ist, und sie befähigen, besser zu verstehen, was in Hebräer 13,13 gemeint ist: „Lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“. Möge jeder, der dies versteht, vom Heiligen Geist angetrieben werden, nach dieser göttlichen Vorschrift zu handeln. Nur dort, in der Trennung von allem, was Christus verdrängt und verunehrt, kann seine liebliche Gegenwart genossen werden und Anbetung in Geist und Wahrheit wirklich gekannt werden. Hier außerhalb des Lagers zu sein, mit Christus verworfen, ist das, was unserem himmlischen Teil mit Ihm in der Höhe entspricht. Um wahrhaft als Anbeter in das Innere des Vorhangs hineinzugehen, müssen wir mit Christus außerhalb des Lagers hier auf der Erde sein. Dies ist ein großer und wichtiger Grundsatz, nach dem der Gläubige in den Tagen des Verfalls und der Unordnung der Versammlung handeln soll.

Zu Christus hinausgehen

Wir möchten betonen, dass das Hinausgehen zu Christus die positive Seite dieser Absonderung von dem Lager ist und das darstellt, was wirklich Beweggrund und Ziel der Trennung von dem Lager sein sollte. Dies allein wird uns in dem aufrechterhalten, was die negative Seite dieses Weges der Absonderung mit seinen Mühen und seinem Kummer betrifft. Christus in allen seinen Schönheiten, Herrlichkeiten und in seiner Allgenügsamkeit muss der Gegenstand unserer Herzen und der Eine sein, den die Seele begehrt und zu dem sie sich hin absondert. Daher stellt der Schreiber des Hebräerbriefes im ganzen Brief die Herrlichkeiten und die Allgenügsamkeit Christi und seines Werkes vor, bevor er im letzten Kapitel dazu aufruft, sich von dem Lager des Judentums zu trennen.

Die Seele muss ein Verlangen nach Christus haben und den Wunsch besitzen, mit Ihm zu leben und unter seiner Leitung und unter der Autorität des Heiligen Geistes zu sein. Jede andere Art der Trennung wird hinter dem Hinausgehen zu Christus zurückbleiben. Wer sich nur von einem religiösen System trennt, weil es dort Böses gibt, kann ein anderes System gründen oder Teil eines Systems mit mehr Heiligkeit und Wahrheit werden, das aber immer noch ein System ist, in dem Christus nicht der alleinige Mittelpunkt des Zusammenkommens ist und wo Ihm nicht durch das ungehinderte Wirken des Heiligen Geistes der höchste Platz der Autorität gegeben wird. Daher ist ein solcher immer noch ein Teil des Lagers der Christenheit, obwohl er sich vielleicht am äußeren Rand davon befindet. Wie Mose, müssen wir unser Zelt „fern vom Lager“ aufschlagen (2. Mo 33,7) und uns ausschließlich zu Christus hin versammeln. Möge der Leser und Schreiber diesen gesegneten Platz mit Christus außerhalb des Lagers besser kennen lernen.

5.3 Der Schiffbruch aus Apostelgeschichte 27

Es ist nicht ohne Bedeutung, dass die Apostelgeschichte, die mit der Bildung der Versammlung am Tag der Pfingsten beginnt und mit der Schilderung ihrer durch Kraft und Wachstum gekennzeichneten ersten Tage fortfährt, mit Einzelheiten über eine Reise nach Rom schließt, die im Schiffbruch und mit der Gefängnishaft des Apostels Paulus in Rom endet. Wir glauben, dass die eingehende Schilderung dieser Reise, des Schiffbruchs und der Gefängnishaft des Paulus, der ein besonderer Apostel für die Versammlung war, uns ein symbolisches Bild gibt von dem Weg der bekennenden Christenheit von ihrer apostolischen Herrlichkeit hin zu den letzten Tagen des Verfalls, des Schiffbruchs und der Versklavung durch das päpstliche Rom. Der Geist Gottes hätte sicher nicht alle diese Einzelheiten der Reise und des Schiffbruchs aufzeichnen lassen, wenn sie nur von geschichtlicher Bedeutung wären. Er möchte, dass wir geistliche Belehrungen daraus ziehen und dass wir uns die Tatsachen vor Augen führen, denn „alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre“ (2. Tim 3,16).

Unsere Absicht ist nicht, jede symbolische Einzelheit dieser Reise herauszustellen, die ihr Gegenstück in der Geschichte der bekennenden Kirche findet, sondern daraus Ermunterung und Leitung für unseren Weg in den Tagen des Verfalls innerhalb der Versammlung zu erlangen. Dennoch werden wir zunächst einige Dinge anmerken, die uns ein bezeichnendes Bild des Niedergangs in der Versammlung geben.

Schritte hin zum Schiffbruch

Wie an vielen Stellen im Wort Gottes erschließen sich hier für uns geistliche Belehrungen durch die Bedeutung von Namen. Der Name der Stadt, von der aus die Reise beginnt, ist „Adramyttium“, was „nicht im Rennen“ bedeutet. Hebräer 12,1.2 spricht von dem Wettlauf, den wir zum himmlischen Ziel zu laufen haben. Es ist daher offenbar, dass, als die Versammlung aufhörte, diesen himmlischen Wettlauf zu laufen und stattdessen auf der Erde Fuß fasste, der Weg begann, der im Schiffbruch endet.

In Vers 2 lesen wir von einem gewissen Aristarchus, der mit an Bord des Schiffes war. Sein Name bedeutet „der beste Gebieter“, doch wir hören während der ganzen Reise nichts mehr von ihm. Der sicherlich beste Gebieter für die Versammlung ist der Heilige Geist, doch seine Führung und Leitung wurden in der bekennenden Christenheit schon bald beiseite gesetzt und menschliche Organisationen und Vorschriften traten an seine Stelle.

Sidon und Zypern, Orte, die auf der Reise gestreift wurden, bedeuten „die Beute nehmen“ und „Blüte“, was darauf hindeutet, wie die Kirche sich auf der Erde niederließ, indem sie nach Besitztümern strebte, und sich mit der Natur, der alten Schöpfung, beschäftigte, anstatt sich der neuen Schöpfung in Christus Jesus bewusst zu sein.

Das zweite Schiff, mit dem die Reise von Alexandria aus fortgesetzt wird, kommt aus Ägypten und spricht von dieser Welt und ihrer Unabhängigkeit von Gott. Wir wissen, dass die Kirche sich bald mit der Welt verband und ihre Grundsätze annahm, statt in Absonderung von ihr zu leben. Dieses Schiff ist es, das später vollständig in Stücke zerfällt. Der Apostel Paulus warnte sie während der Reise vor dem kommenden Unglück, doch sein Hinweis wurde nicht beachtet.

So hatte auch die Versammlung die Warnungen der Apostel, die für uns in der Schrift aufgezeichnet sind, doch sie fanden keine Beachtung, so dass die bekennende Christenheit weiterhin auf Verfall und Schiffbruch zusteuert.

Keine Hoffnung auf Wiederherstellung

Als nächstes lesen wir, dass sich stürmische Winde erheben und Bemühungen unternommen werden, das Schiff zu bewahren. Der Sturm spricht vom Widerstand Satans, den die Versammlung erfährt. „Da aber mehrere Tage lang weder Sonne noch Sterne schienen und ein nicht geringes Unwetter auf uns lag, war zuletzt alle Hoffnung auf unsere Rettung entschwunden“ (V. 20). Alles war dunkel und hoffnungslos, und so ist auch die Aussicht der bekennenden Christenheit heute. Die Finsternis böser Lehren, des Abfalls und des moralischen Verderbens verdichtet sich und es besteht keine Hoffnung auf Wiederherstellung. Die prophetischen Schriften zeigen uns dieses Bild der Finsternis und des Bösen in den letzten Tagen der Christenheit.

2. Thessalonicher 2, 2. Timotheus 3, 2. Petrus 2 und der Judasbrief beschreiben diese durch Finsternis, hoffnungslose Zustände und Zunahme des Bösen gekennzeichneten Tage.

Die Ermutigung und das Zeugnis des Paulus

Doch inmitten der Finsternis gibt es Zuspruch und Ermutigung für die, die wirklich dem Herrn gehören. Während des Sturms erscheint Paulus ein Engel Gottes, der ihm sagt, er solle sich nicht fürchten, denn er würde vor dem Kaiser erscheinen und Gott habe ihm alle Mitfahrenden geschenkt (V. 22–25). Auch hier sehen wir, wie der Herr die Seinen nicht verlässt, sondern ihnen in den dunklen Tagen des Verfalls und der Verzweiflung Ermunterung schenkt. Daher dürfen auch wir in unseren Tagen der Finsternis und des Verfalls in der Versammlung uns die Gegenwart des Herrn bewusst machen und guten Mutes sein.

Selbst ermutigt und gestärkt durch die Gegenwart des Herrn und die Botschaft der Ermunterung und des Zuspruchs, ermahnt Paulus die Mitreisenden guten Mutes zu sein und bezeugt ihnen von dem Herrn: „Ein Engel Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, trat (...) zu mir.“ Er verkündet deutlich, wem er gehört und wem er dient. Gleicherweise sollte jeder Glaubende den Menschen in seiner Umgebung ein Zeugnis für den Herrn sein und ihnen von der Errettung, Sicherheit und Freude in Christus erzählen. Paulus bezeugt weiter: „Denn ich vertraue Gott, dass es so sein wird, wie zu mir geredet worden ist“. Mit Nachdruck bezeugt er sein Vertrauen in das Wort des Herrn. Inmitten des Unglaubens und Abfalls unserer Tage sollen auch wir den Menschen sagen: „Ich vertraue Gott. Was die Schrift sagt, wird geschehen.“ Ganz gleich ob die Menschen der Bibel glauben oder nicht, sollen wir unmissverständlich bekunden „Ich glaube Gott“ und sie vor dem kommenden Gericht warnen.

Es lag für Paulus auch eine Ermunterung in der Zusicherung, dass Gott ihm alle Mitfahrenden geschenkt hatte. Wenn wir das geistlich auf unsere Tage anwenden, sehen wir darin, dass wir nicht alleine stehen und verzweifeln müssen, sondern treu von dem Herrn zeugen und auf Gott zählen sollen, dass er uns Seelen schenkt, die mit uns zum himmlischen Hafen fahren. Wir sollten nicht mit dem Niedergang, der Dunkelheit und dem Verderben der Kirche beschäftigt sein und mutlos werden, sondern mit dem Herrn leben, indem wir die Botschaft der Freude und Errettung in Christus weitergeben und nach Seelen Ausschau halten, damit sie gerettet werden und den Weg mit uns gehen.

Das Schiff würde zugrunde gehen, wie Paulus gesagt wurde, doch es sollte kein Leben verloren gehen. So wird auch die bekennende Kirche als ein Gefäß des Zeugnisses im Schiffbruch enden, doch jeden wahrhaft Gläubigen wird der Herr herausnehmen zu sich selbst in die Herrlichkeit. Alle, die mit Paulus reisen, die – wie er – Christus gehören und Gott vertrauen, werden in Sicherheit Immanuels Land erreichen.

Vier Anker

„Und da sie fürchteten, wir könnten auf felsige Stellen verschlagen werden, warfen sie vom Hinterschiff vier Anker aus und wünschten, dass es Tag würde“ (V. 29). Dadurch wurden sie während der Nacht sicher bewahrt vor den Felsen und dem drohenden Schiffbruch. Hier haben wir für uns ein wichtiges Beispiel und eine bildliche Darstellung des sicheren Weges in unseren Tagen inmitten der Stürme des Widerstands Satans. Um uns herum gibt es viele Felsen, die unseren Glauben zum Schiffbruch führen können, wenn wir auf sie auflaufen. Wenn Paulus an Timotheus schreibt, ermahnt er ihn, den Glauben und ein gutes Gewissen zu bewahren, „das einige von sich gestoßen und so, was den Glauben betrifft, Schiffbruch erlitten haben“ (1. Tim 1,19).

Um in der dunklen Nacht des Abfalls von Gott bewahrt zu werden, müssen wir ebenso vier Anker haben und unsere Seelen fest an sie klammern. Mir scheint, dass der Judasbrief, der ein Bild der Finsternis der letzten Tage des Christentums zeichnet, uns die Entsprechung der vier Anker aus Apostelgeschichte 27,29 zeigt.

Nachdem er von dem schrecklichen Abfall und dem Bösen geredet hat, wendet sich Judas an die Glaubenden und mahnt sie, vier Dinge zu tun. „Ihr aber, Geliebte, (1) euch selbst erbauend auf euren allerheiligsten Glauben, (2) betend im Heiligen Geist, (3) erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes, (4) indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben“ (Jud 20.21). Das sind vier für den bösen Tag notwendige Dinge. Es sind starke, praktische Übungen der Seele, die uns fernhalten von den Felsen des Bösen um uns herum und davon, am Glauben Schiffbruch zu erleiden.

Zunächst sollen wir uns selbst auf unseren allerheiligsten Glauben erbauen. Wir müssen auf der Wahrheit in aller ihrer heiligenden und bewahrenden Kraft beharren und dürfen den Maßstab der Wahrheit kein Stückchen herabsetzen. Zu den Ältesten aus Ephesus sagte Paulus: „Und nun befehle ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade an, das vermag, aufzuerbauen und das Erbe zu geben unter allen Geheiligten“ (Apg 20,32). Es ist das Wort Gottes, das erbaut und uns stärkt und festigt. Wir müssen uns von ihm nähren und es als Grundlage unseres Tuns nutzen und uns selbst damit auf der Grundlage unseres allerheiligsten Glaubens erbauen. Das ist ein wahrer Anker der Seele.

Als zweiten Anker brauchen wir das Beten im Heiligen Geist. Es ist die wichtigste geistliche Tätigkeit eines jeden Gläubigen. Gebete im Geist geben das nötige Gleichgewicht zum Nähren vom Wort Gottes und halten unsere Seelen frisch vor Gott und in Gemeinschaft mit Ihm. Für das Gebet im Geist sind ein Wandel im Geist und die Ausübung von Selbstgericht nötig. Das Gebet ist zu jeder Zeit die Kraftquelle des Christen; es bietet besonders in finsteren Tagen des Verfalls und der Unordnung Rückhalt und ist ein Mittel der Ermunterung.

Drittens müssen wir uns selbst in der Liebe Gottes erhalten. Wenn wir das tun, werden wir einen wahren Anker der Seele haben in den Tagen der Macht Satans und der Tätigkeit des Bösen. Es geht nicht darum, dass wir Gott lieben sollen, was natürlich wahr ist, sondern darum, dass wir unsere Seelen in dem Genuss seiner Liebe erhalten müssen. Es ist, wie wenn wir uns im Sonnenschein aufhalten – es ist gesund und spendet Wärme und Freude.

Das bedeutet, dass wir immer Vertrauen in Gott haben und nie an seiner Liebe zweifeln sollen, gleich welcher Art die Umstände und Prüfungen sein mögen. Nichts kann seine Liebe zu uns verändern, nicht einmal unsere eigenen Fehler, wenngleich wir für den Genuss seiner Liebe im Geist wandeln müssen, damit wir sie in unseren Seelen bewusst erfassen können. Satan sucht immer, uns zu Zweifeln an Gottes Liebe zu führen und sich zwischen unsere Seelen und seine Liebe zu stellen. Doch indem wir eingetaucht bleiben in der unermüdlichen und unveränderlichen Liebe Gottes, können wir unsere Seelen fest ankern gegen jeden Wind und jede Welle Satans und werden vor dem Schiffbruch bewahrt.

Als vierten Anker werden wir ermahnt „die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zu erwarten zum ewigen Leben“. Das ist die strahlende Aussicht – die Barmherzigkeit des Herrn entlang des ganzen Weges bis zum Ende, seinem Kommen für uns, das uns in die Fülle des ewigen Lebens bringen wird. Wegen der großen Not an dem bösen Tag, wegen des Elends, der Schwachheit und allem dessen, was einen niedergeschlagen sein lässt, werden wir ermahnt, die Barmherzigkeit Gottes zu erwarten. Sein Kommen wird die barmherzige Befreiung der Seinen aus allem Verfall der Kirche und des sie umgebenden Bösen sein. Daher ist die Hoffnung der Barmherzigkeit des Herrn, besonders bei seinem Kommen, ein wahrer Anker für den Gläubigen. Es ist bemerkenswert, dass sie in Apostelgeschichte 27,29 die vier Anker auswarfen und wünschten, dass es Tag würde. Der Tag seines Kommens ist die Hoffnung und die strahlende Aussicht der wahren Kirche.

Die obigen vier Anker werden uns bei jedem stürmischen Wind unbewegt bewahren während der Nacht der Abwesenheit Christi. Zusätzlich zu diesen haben wir den Anker aus Hebräer 6,19.20: „Die Hoffnung, die wir als einen sicheren und festen Anker der Seele haben, der auch in das Innere des Vorhangs hineingeht, wohin Jesus als Vorläufer für uns hineingegangen ist.“ Dieser Anker ist an unseren Erretter Jesus im Heiligtum des Himmels gebunden.

Wenn wir nun zu Apostelgeschichte 27 zurückkehren, bemerken wir, dass das Schiff bewahrt wurde, solange es vor Anker lag, doch am nächsten Tag, als sie die Anker gekappt hatten und sie im Meerließen und auf eine Landzunge gerieten, zerschellte das Schiff. Das zeigt uns deutlich, wie wichtig es ist, verankert zu sein und wie schnell der Schiffbruch folgt, wenn die Anker beiseite geworfen werden. Wenn wir als einzelne einen oder mehrere dieser uns gebotenen Anker aufgeben, wird uns dies geistlicherweise zum Verhängnis werden. Die Christenheit wirft bereits alle Anker von Judas 20 weg. Die Bibel wird nicht mehr als das unfehlbare Wort Gottes angenommen, man fällt vom Glauben ab, das Gebet wird aufgegeben, die Liebe Gottes ist unbekannt und der Glaube an die Hoffnung der Wiederkunft Christi und die Erwartung dieser Dinge sind verschwunden. Bald wird der Schiffbruch kommen und Gott wird die Christenheit verleugnen.

Alle, die in dem Schiff waren, kamen auf Brettern oder Stücken vom Schiff sicher an das Land. Nach drei Monaten betreten sie ein drittes Schiff, das das Zeichen der Dioskuren (Castor und Pollux) hatte. In der heidnischen Mythologie sind diese die Söhne Jupiters und Hüter der Schifffahrt. In diesem Schiff wird die Reise nach Rom fortgesetzt, wo Paulus als Gefangener gehalten werden soll. Dies mag versinnbildlichen, was an einer anderen Stelle im Neuen Testament gelehrt wird, nämlich wie die abgefallene Kirche im heidnischen Götzendienst Babylons, der großen, und des Antichristen enden und die ganze paulinische Wahrheit durch Rom eingeschlossen werden wird (Off 13,17.18).

Mögen wir, die wir den Herrn kennen, treu für Ihn zeugen inmitten des Abfalls und Verderbens der Christenheit, indem wir nach Seelen Ausschau halten, damit sie mit uns den Weg gehen, an den Ankern festhalten und den Tag seiner Wiederkunft erwarten.

5.4 Das Zeugnis des Überrestes

In der ganzen Schrift finden wir, ganz gleich wie groß das Verderben, das Versagen und die moralische Dunkelheit des allgemeinen Zeugnisses oder der Zeit sind, dass Gott immer einige treue Gläubige hatte, die abgesondert von den verderbten und gottlosen Massen oder dem toten Bekenntnis derer, die behaupteten, Gott zu gehören, und durch wahre Hingabe an Gott und seine Interessen gekennzeichnet waren. So sehen wir, dass Gott nie zulässt, dass es keine Zeugen gibt, die für Ihn als Lichter in der Finsternis scheinen. Ein „Überrest“ bezeichnet solche, die als Zeugen für Gott übrig bleiben, wenn die Mehrheit sich von Ihm und seinem Wort abgewandt und sich mit den Sünden um sie herum verdorben hat.

Wir finden den Ausdruck „Überrest“ einige Male in der Bibel. Esra hat in seinem Bekenntnis-Gebet zu Gott gesagt: „Und nun ist uns für einen kleinen Augenblick Gnade von Seiten des HERRN, unseres Gottes, zuteil geworden, indem er uns Entronnene 1 übrig gelassen (...) hat“ (Esra 9,8). In Hesekiel 6,7–8 sagt Gott: „Und Erschlagene sollen in eurer Mitte fallen (...) Doch ich will einen Überrest lassen, indem ihr unter den Nationen solche haben werdet, die dem Schwert entronnen sind.“ Und der Apostel Paulus sagt, wenn er vom Volk Israel spricht: „So besteht nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Auswahl der Gnade“ (Röm 11,5). Das sind einige Beispiele für das Vorkommen des Ausdrucks „Überrest“.

Wie es im Alten Testament immer einen Überrest von wahren und treuen Gläubigen gab, so finden wir im Neuen Testament, dass Gott inmitten des Verderbens und Abfalls Israels und der Versammlung immer einen Überrest aus treuen und wahrhaftigen Gläubigen hat, denen Er sich mitteilt und sich selbst in besonderer Weise offenbart. In den Tagen des Verderbens und Abfalls der bekennenden Christenheit sind also diejenigen, die dem Herrn und seinem Wort treu sein möchten, nur ein kleiner Überrest inmitten der großen Masse von Bekennern.

Allgemeine Eigenschaften

Es ist daher hilfreich und ermutigend für alle, die dem Herrn in diesen letzten Tagen der Versammlung treu sein möchten, die Eigenschaften der Überreste von treuen Gläubigen in den verschiedenen Zeiten zu untersuchen und zu beachten, wie sie in bösen Tagen von Gott gestützt und ermuntert worden sind. Auf diesen Seiten können wir nur auf wenige Wesenszüge einiger Überreste früherer Tage hinweisen, doch der Leser ist gehalten, dieses Thema selbst ausführlich zu betrachten. (Die Schrift „The Remnant: Past and Present“ (Der Überrest, gestern und heute) von C. H. Mackintosh kann sich dazu als nützliche Hilfe erweisen.)

Zu Beginn können wir feststellen, dass die Tatsache, dass es einen Überrest gibt, das Versagen des äußeren Zeugnisses oder bekennenden Körpers (egal ob jüdisch oder christlich), ein wahres Zeugnis für Gott zu sein, beweist. Wenn alle treu wären, gäbe es keinen Grund für die Hervorhebung einiger aus dem bekennenden Volk Gottes. Der Überrest wird zu jeder Zeit als aus denen bestehend gesehen, die das gemeinsame Versagen und Verderben des allgemeinen Zeugnisses fühlen und bekennen, aber auf Gott zählen und sich an sein Wort klammern, während sie in Absonderung vom Bösen leben.

Es zeigt sich, dass je größer der Verfall des äußeren Zeugnisses ist, umso reicher die göttliche Gnade in dem Überrest dargestellt wird – je tiefer die Dunkelheit des Tages, umso heller strahlt die Treue des Einzelnen zu Gott hervor. Obwohl der Mensch stets versagt hat zu bewahren, was Gott ihm anvertraut hat, steht Gott immer treu, gnädig und wahrhaftig zu seinen Verheißungen und hält beständig ein Zeugnis für sich aufrecht. Das ist es, was sich uns durch das Studium der Überreste in der Schrift offenbart.

Das oben Erwähnte ist eine große Ermutigung für jedes aufrichtige Kind Gottes, das den hoffnungslosen Verfall und Untergang der bekennenden Christenheit fühlt und eingesteht. Es ist für uns wirklich ermunternd, sicher sein zu können, dass – wie groß das Versagen der Kirche auch sein mag – es das Vorrecht des einzelnen Gläubigen ist, die Gemeinschaft mit Gott genauso voll und kostbar genießen und auf ebenso hohem Pfad des Gehorsams und Segens wandeln zu dürfen wie in den hellsten Tagen der Geschichte der Versammlung.

Hiskias Tage

In 2. Chronika 30 finden wir den Bericht einer Erweckung in den Tagen Hiskias zu einer Zeit, in der die äußere Einheit des Volkes zerbrochen war und alles in Israel sich in einem sehr niedrigen Zustand befand. Obwohl der Aufruf Hiskias an ganz Israel und Juda, zum Haus des Herrn nach Jerusalem zu kommen, um das Passah zu feiern, von der Mehrheit verachtet wurde und man den Boten mit Spott begegnete, demütigten sich doch einige aus dem Volk von verschiedenen Stämmen und kamen nach Jerusalem. Dort feierten sie im zweiten Monat das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote mit großer Freudigkeit. „Und es war große Freude in Jerusalem; denn seit den Tagen Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel, war so etwas in Jerusalem nicht gewesen“ (V. 26).

Die Gnade Gottes begegnete denen aus seinem Volk, die ihre Sünden und Verfehlungen vor Gott eingestanden und den wahren Platz der Demütigung vor Ihm einnahmen. Es war viel Schwachheit in ihrem Gehorsam gegenüber Gottes Wort, doch der Herr war gnädig und segnete sie reichlich und schenkte eine große Erweckung. Sie maßten sich nicht an, „die vor Gott Bewährten“ zu sein, und meinten nicht, selbst etwas zu sein, sondern nahmen in Schlichtheit den Platz der Demütigung und des Bekenntnisses vor Gott ein und waren bestrebt, seinem Wort zu gehorchen. Das Ergebnis war, dass sie solch große Freude erfuhren, wie es sie seit den Tagen Salomos nicht in Jerusalem gegeben hatte. Was für ein Vorbild und was für eine Ermunterung für jeden wahren Gläubigen heute!

Daniel und seine Gefährten

Im Buch Daniel finden wir den Bericht von Daniel und seinen Gefährten, in dem wir ein weiteres Beispiel eines gottesfürchtigen Überrestes von treuen Gläubigen in Tagen von Bosheit und Verfall finden. Obwohl Jerusalem und der Tempel dort, wohin Gott seinen Namen gesetzt hatte, in Schutt lagen und Israel nach Babylon in die Gefangenschaft geführt worden war, gab es diese kleine Schar von Männern voller Hingabe, die inmitten der Unreinheiten und Gräuel des babylonischen Götzendienstes, Gottes Wort treu waren. Sie lebten in Absonderung von allen diesen Dingen und ertrugen lieber den Feuerofen und die Löwengrube, als dass sie in Bezug auf die Wahrheit Gottes Kompromisse eingingen.

Sie nahmen sich in ihren Herzen vor, sich nicht zu verunreinigen. Sie waren in ernstem Gebet vor Gott und empfingen die Offenbarung seiner Geheimnisse. Daniel fühlte den großen Verfall des Zeugnisses und die Sünden Israels und bekannte sie vor Gott. Er machte sich mit allem diesem eins, indem er sagte: „Wir haben gesündigt und verkehrt und gottlos gehandelt“ (Dan 9,5). Sie zählten auf die Barmherzigkeit Gottes und flehten um seine Gnade in vertrauensvollem Glauben an seine Verheißungen mit der sich daraus ergebenden Darstellung von Macht und wunderbaren prophetischen Offenbarungen. Wahrlich wunderbare Lektionen für uns in den Zeiten des Verfalls in der Christenheit!

Die Zeit nach der Gefangenschaft

In den Büchern Esra, Nehemia und Haggai haben wir Aufzeichnungen über einen Überrest, der von der Möglichkeit Gebrauch machte, die Gefangenschaft in Babylon zu verlassen und nach Jerusalem zurückzukehren, um den Tempel und die Stadtmauer wieder aufzubauen. Sie waren nur eine kleine und schwache Gruppe aus dem Volk Israel, die ein Herz hatte für die Anbetung des Herrn. Als sie nach Jerusalem zurückgekehrt waren, gaben sie nicht vor „Israel“ zu sein – sie wollten ganz Israel im Auge haben. Das sehen wir, wenn wir lesen, dass sie „den Altar des Gottes Israels (bauten), um Brandopfer darauf zu opfern, wie geschrieben steht im Gesetz Moses, des Mannes Gottes“ (Esra 3,2). Auch „richteten (sie) den Altar auf an seiner Stätte“ und „feierten das Laubhüttenfest, wie es vorgeschrieben ist“ (Esra 3,3.4).

Ihr erstes Anliegen war die Anbetung des Herrn und sie kehrten zurück zur göttlichen Ordnung und taten so, „wie geschrieben steht im Gesetz Moses“. Sie bauten nicht etwas Neues auf, sondern kehrten zu dem zurück, was Gott zuvor eingesetzt hatte. Sie feierten das Passah – „jeder, der sich von der Unreinheit der Nationen des Landes zu ihnen abgesondert hatte, um den HERRN, den Gott Israels, zu suchen“ (Esra 6,19–21). Somit waren sie eine vom Bösen abgesonderte und Gott ergebene Gruppe, die alle aufnehmen wollte, die sich selbst ebenso vom Bösen abgesondert hatten. Als später Versagen und Sünde eindrang, gab es ein Bekenntnis, Zittern vor Gott und ein Wegtun des Bösen (Esra 9,10). Kostbare Ermunterung und Beispiel für uns in Tagen des Verfalls!

Im Buch Maleachi sehen wir den gleichen Überrest einige Jahre später. Obwohl sie in der göttlichen Stellung vor Gott waren, war ihr Zustand traurig und schlecht. Aber immer noch finden wir unter ihnen solche, die dem Herrn treu waren und seine Anerkennung fanden. Sie waren sozusagen ein Überrest innerhalb eines Überrestes. Von diesen lesen wir: „Da unterredeten sich miteinander, die den Herrn fürchten, und der Herr merkte auf und hörte; und ein Gedenkbuch wurde vor ihm geschrieben für die, die den Herrn fürchten und die seinen Namen achten.“ (Mal 3,16). Wie erquickend, inmitten eines schrecklichen Schauplatzes des Bösen von solch einer Gruppe zu lesen, die den Herrn ehrt und liebt und in Ihm ihren Mittelpunkt und ihre Freude findet. Für sie wurde ein Gedenkbuch geschrieben, etwas, wovon wir in den herrlichen Tagen Moses, Josuas, Davids oder Salomos nichts hören. Wir können von diesem gottesfürchtigen Überrest der Zeit Maleachis viel lernen.

Im Neuen Testament

Im Judasbrief, wo auf die entsetzlichen Übel der abgefallenen Christenheit hingewiesen wird, finden wir einen christlichen Überrest, von und zu dem gesprochen wird. Der Brief ist an diesen Überrest gerichtet: „Den in Gott, dem Vater, geliebten und in Jesus Christus bewahrten Berufenen“. Inmitten des Bösen und des Verfalls um sie herum werden sie ermahnt, sich selbst auf den allerheiligsten Glauben aufzuerbauen, im Heiligen Geist zu beten und die Barmherzigkeit des Herrn Jesus Christus zu erwarten (V. 20.21) – Ermahnungen, die wir in unseren vorigen Studien betrachtet haben. Wir möchten hier die ausgezeichneten Ausführungen von C. H. Mackintosh über diesen Überrest und das, was in dem christlichen Überrest heutiger Tage gefunden werden sollte, zitieren: „Hier haben wir ein liebliches Bild des wahren christlichen Überrestes und dessen, womit er sich beschäftigt. Es gibt keine Anmaßung, keine Voraussetzung (...). Kein Versuch, den heillosen und hoffnungslosen Verfall der bekennenden Kirche zu ignorieren. Es ist ein christlicher Überrest inmitten des Verfalls der Christenheit, wahrhaftig der Person Christi gegenüber, wahrhaftig gegenüber seinem Wort, miteinander verknüpft in Liebe. Dabei handelt es sich um wahre christliche Liebe, nicht um Liebe zu einer Sekte, Partei, Gruppe oder Gesellschaft, sondern um eine Liebe, die sich ausdrückt in wahrer Hingabe an Christus und seine kostbaren Interessen sowie im liebevollen Dienst an allen, die versuchen, Ihn in allen ihren Wegen widerzuspiegeln. Es bedeutet nicht eine bloße Haltung ohne Berücksichtigung des gegenwärtigen Zustands (was ein schrecklicher Fallstrick des Teufels ist), sondern eine gesunde Vereinigung dieser beiden Seiten in einem Leben, das gekennzeichnet ist von gesunden Grundsätzen und einer gütigen Praxis, während das Reich Gottes im Herzen besteht und sich im ganzen praktischen Lebenswandel entwickelt.

Das ist nun die Stellung, der Zustand, die Praxis des wahren christlichen Überrestes; wir können sicher sein, dass, wo diese Dinge verwirklicht und ausgeübt werden, ein so reicher Genuss von Christus, eine so völlige Gemeinschaft mit Gott und ein so leuchtendes Zeugnis für die herrliche Wahrheit des neutestamentlichen Christentums sein wird wie in den hellsten Tagen der Geschichte der Versammlung. Mit einem Wort: es wird das vorhanden sein, was den Namen Gottes verherrlicht, das Herz des Christen erfreut und mit lebendiger Kraft zu den Herzen und Gewissen der Menschen spricht. Möge Gott in seiner unendlichen Güte uns geben, diese hellen Tatsachen in diesen dunklen und bösen Tagen zu sehen.

Wie früher in Israel, so wird in der bekennenden Kirche der Überrest aus denen bestehen, die Christus gegenüber aufrichtig sind, die angesichts alles anderen an seinem Wort festhalten, die sich seinen kostbaren Interessen hingeben und die seine Erscheinung lieben. Mit einem Wort: Es muss eine lebendige Wirklichkeit da sein und nicht die bloße Mitgliedschaft in einer Kirche oder irgendeiner Benennung. Außerdem geht es darum, wirklich zum Überrest zu gehören – nicht dem Namen nach, sondern in geistlicher Kraft. So wie der Apostel sagt: ‚Ich (...) werde nicht das Wort (...), sondern die Kraft erkennen‘ (1. Kor 4,19).“

Abschließend möchten wir die Aufmerksamkeit auf die Überreste richten, die in den Botschaften an die sieben Versammlungen hervorgehoben und getröstet werden. In Thyatira finden wir zum ersten Mal die Ansprache an einen Überrest und in diesen Botschaften lesen wir zum ersten Mal von dem Kommen des Herrn. Außerdem wird hier nicht mehr in der Versammlung, sondern bei dem Überwinder das hörende Ohr gesucht (Off 2,24–29). Dies zeigt, dass alle Hoffnung auf eine Wiederherstellung der bekennenden Kirche als Ganzes hier aufgegeben ist. Aber der Überrest, der sich von Isebels Lehre und den Tiefen des Satans rein erhalten hatte, wird ermutigt, festzuhalten, was er hat, bis der Herr kommt. Ihm wird die Herrschaft mit Christus verheißen.

In Sardes wird den wenigen, die ihre Kleider nicht verunreinigt haben, versprochen, dass sie in weißen Kleidern mit Christus einhergehen werden und dass er ihre Namen vor seinem Vater und seinen Engeln bekennen wird (Off 3,4.5). In Philadelphia haben wir ein kostbares Bild einer Gemeinschaft von demütigen und schwachen Christen, die Christus gegenüber aufrichtig sind, sein Wort halten und seinen Namen nicht verleugnen (Off 3,7–13). In Laodizea, wo es eine herzlose Gleichgültigkeit Christus gegenüber und eine beklagenswerte Selbstzufriedenheit gibt, wird der Einzelne angesprochen. Christus ist außerhalb der Tür der Kirche und klopft an. „Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir“ (Off 3,20).

In jeder dieser Botschaften an die sieben Versammlungen wird der Überwinder angesprochen und ihm werden kostbare Verheißungen gegeben, wenn er überwindet und die Stimme des Geistes beachtet. So lernen wir, dass auch dann, wenn sich alles im Verfall, Versagen und Abfall befindet, der Herr Überwinder sucht, die seine Stimme hören und ihr gehorchen werden. Das ist der wahre Überrest der Kirche in jedem Abschnitt ihrer Geschichte. Möge der Herr uns befähigen, wahre Überwinder und das Zeugnis eines treuen Überrestes zu sein in diesen letzten Tagen des finsteren Verfalls der Kirche.

Hiermit schließen wir unsere Betrachtung des großen und herrlichen Themas der „Versammlung des lebendigen Gottes“ ab. Wir haben ihre Natur und ihre Ordnung unter dem universellen und örtlichen Gesichtspunkt betrachtet und haben die göttlichen Charakterzüge und ihre Ordnung gesehen, wie sie ursprünglich von Gott eingesetzt worden war, und ihren gegenwärtigen Zustand des Verfalls. Wir haben ihren Dienst und ihre Gaben von dem göttlichen Haupt gesehen, außerdem die gottgemäßen Beziehungen, die zwischen den örtlichen Darstellungen der Versammlung bestehen, und den Weg, der für uns in den Tagen des Verfalls bestimmt ist. Möge der Leser, wie die Beröer in früheren Tagen, das Wort mit aller Bereitschaft des Geistes aufnehmen und die Schrift untersuchen, ob diese Dinge sich so verhalten (Apg 17,11).

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Übers.: In den geläufigen englischen Bibelübersetzungen wird dieses Wort mit „a remnant“ übersetzt, was im Deutschen „Überrest“ bedeutet.
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