Einführender Vortrag zum 1. Thessalonicherbrief

Kapitel 4

Einführender Vortrag zum 1. Thessalonicherbrief

Der nächste Abschnitt bzw. die zweite Hälfte unseres Briefes beginnt mit praktischen Ermahnungen. Anfangs geht es um Reinheit, danach folgen einige Worte über Liebe. Es mag seltsam erscheinen, daß es nötig war, diese Erlösten, welche, wie wir gesehen haben, so einfältig und Freude erweckend wandelten, wegen unreiner Übertretungen in den engsten Lebensbeziehungen zu ermahnen - daß Christen vor Hurerei und Ehebruch gewarnt werden mußten. Aber wir wissen, daß der böse Zustand des Fleisches so hoffnungslos ist, daß weder Umstände noch Stellung, ja, sogar die Freude an den Segnungen der Gnade Gottes, ohne Übungen des Gewissens und Selbstgericht vor diesen Sünden bewahren. Darum lesen wir diese ernsten Ermahnungen von seiten des Herrn.

Sie waren insbesondere zu jener Zeit und vor allem in Griechenland angebracht; denn jene Vergehen wurden in der heidnischen Welt eher gut geheißen, als gerichtet. Sogar die allgemeine Menschheit späterer Zeit hat infolge des stattgefundenen Wechsels [durch das Christentum; Übs.] gewaltig gewonnen. Zweifellos vermag sie sich heute mit der Wahrheit zu schmücken und laut über Heiligkeit zu reden. Wie wenig wußten die Menschen indessen davon, bevor sie diese Auffassungen der Heiligen Schrift entnahmen! Alles, was wirklich Wert hat, ist gestohlenes Gut. Die Menschen, deren Nachfolger sie sind, waren unrein bis zum Äußersten. Die Aristotelesse und Platons 1 paßten in Wirklichkeit nicht in eine anständige Gesellschaft. Ich gebe zu: Unsere Graezisten 2 würden eine solche Einschätzung mit finsteren Blicken oder Spott beantworten. Ihnen fehlen jedoch die Grundlagen für ein angemessenes sittliches Urteil, oder sie sehen den Tatsachen - so klar sie sind - nicht ins Gesicht. Wenn sie wissentlich eine Moral, wie sie Platon für seine Republik 3 wünschenswert hält, gutheißen oder auf die leichte Schulter nehmen, offenbaren sie ohne Frage, wo sie selbst stehen. Zweifellos gibt es einige schöne Gedankenspielereien zum Thema - aber nicht mehr; denn der Mensch denkt, daß das  Reden über Sittlichkeit genauso viel wert ist wie die Sittlichkeit selbst. Es ist Christus und ausschließlich Christus, der die eigentliche Wahrheit Gottes in Wort und Tat zu uns gebracht hat. Vorher war sie den Menschen unbekannt. Das galt noch mehr von der Wahrheit, daß Gott Liebe ist, bevor der größtmögliche Beweis davon am Kreuz gegeben wurde. Christus zeigte als Erster unumschränkte Reinheit in gerade jener Natur, die bis dahin in Lüsten und Leidenschaften geschwelgt hatte.

Es mochte sein, daß die Thessalonicher im allgemeinen die Bedeutung der Reinheit noch nicht vollständig würdigten, da sie jung im Glauben waren. Zweifellos gab es guten Grund, warum der Apostel in seinem Schreiben an sie so großen Nachdruck auf Reinheit legen mußte. Tatsache ist, daß es damals eine Selbstverständlichkeit war, wenn die Menschen so lebten, wie es ihnen gefiel. Es gab keine Einschränkung, außer insoweit als menschliche Rache oder Strafe nach den Gesetzen sie abschreckte. Die Menschen frönten allen Begierden, sofern sie dieses gefahrlos tun konnten; und so ist es bis in unsere Tage, ausgenommen dort, wo das Christentum oder das Bekenntnis dazu die Menschen hemmt.

Nachdem der Apostel von Reinheit gesprochen hat, behandelt er die Liebe untereinander und fügt hinzu, daß es nicht nötig war, dazu viel zu sagen. Sie waren persönlich von Gott belehrt. Sie wußten, wozu sie berufen waren in brüderlicher Liebe. Doch er ermahnt sie, „still“ zu sein und ihre „eigenen Geschäfte“ zu tun, indem sie mit eigenen Händen arbeiteten. Das hatte er ihnen nicht nur, als er in ihrer Mitte weilte, geboten, sondern er verwirklichte es auch selbst Tag für Tag. Es lag ihm sehr auf dem Herzen, daß sie „ehrbarlich“ wandelten „gegen die, welche draußen sind“, und nichts und niemandes bedurften. (V. 11-12).

Im Folgenden kommen wir zu einem Hauptthema des Briefes. Die Thessalonicher waren in einen schwerwiegenden Irrtum verfallen bezüglich einiger Geschwister, die entschlafen waren. Sie fürchteten, daß diese abgeschiedenen Erlösten beim Kommen des Herrn vieles versäumen würden, vor allem nämlich ihr Teil an der freudevollen Begegnung zwischen dem Herrn Jesus und Seinen Heiligen. Das zeigt uns sofort, daß wir die Gläubigen aus Thessalonich nicht nach Maßstäben beurteilen dürfen, die erst durch deren Fehler vom Heiligen Geist bekannt gemacht wurden. Wir persönlich besitzen ja den Vorteil, daß die ganze Wahrheit inzwischen dargelegt worden ist. Vieles von dieser mitgeteilten Wahrheit beruht auf inspirierter Korrektur von bösen Dingen und Irrtümern. Wir müssen uns daran erinnern, daß das Neue Testament damals noch nicht geschrieben war. Es gab ein oder bestenfalls zwei Evangelien und nicht einen einzigen Brief. So besaßen die Thessalonicher nur die Belehrung von seiten des Apostels während seines verhältnismäßig kurzen Aufenthalts in Thessalonich; denn es gab wenig oder vielleicht sogar überhaupt keine Möglichkeit für sie, weiter in der Wahrheit belehrt zu werden; und wir wissen, wie schnell etwas, das wir nur hören, vergeht. Hierin dürfen wir die unermeßliche Segnung erkennen, welche wir genießen, indem wir nicht nur das Wort Gottes, sondern sogar dieses Wort in schriftlicher Form besitzen, nämlich als Heilige Schrift. Zur damaligen Zeit waren indessen die Bücher des Neuen Testaments zum größten Teil noch nicht geschrieben worden. Zudem handelte es sich gerade um jenen Teil, welcher diese Erlösten vor allem betraf. Darum sollten wir uns nicht wundern, daß sie unwissend waren bezüglich dessen, was ihre entschlafenen Geschwister betraf. Auf der anderen Seite besteht natürlich kein Anlaß anzunehmen, sie hätten irgendwelche Befürchtungen, diese könnten verloren gegangen sein. Dieser Gedanke konnte in solchen Seelen nicht aufsteigen, die sich auf jene Grundlage stützten, welche der Apostel  „unser Evangelium“ nannte. Auch deutet er keinesfalls an, als läge bei ihnen diesbezüglich Versagen vor. Wir dürfen wohl annehmen, daß es eine Frist gab, bevor sie in die volle Kenntnis der Segnung eintraten. Daher verstehen wir ihre Verwirrung aus Mangel an Licht in Hinsicht auf das Handeln des Herrn mit den Gestorbenen. Sie wußten nicht, ob letztere auch in das Reich eingehen würden - oder wie und wann. Das waren ungelöste Fragen.

Der Heilige Geist begegnet jetzt ihren Schwierigkeiten und sagt ihnen deshalb: „Wir wollen aber nicht, Brüder, daß ihr, was die Entschlafenen betrifft, unkundig seid, auf daß ihr euch nicht betrübet wie auch die übrigen, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, also wird auch Gott die durch Jesum Entschlafenen mit ihm bringen.“ (V. 13-14). Ganz offensichtlich lesen wir auch hier von dem Kommen des Herrn; und dabei bringt Er diese Erlösten mit. Es geht jetzt also nicht um den Herrn, wie Er sie zu sich nimmt, sondern wie Er sie mitbringt. Das bedeutet: Wir erfahren erneut von dem Kommen des Herrn in Herrlichkeit mit jenen Heiligen, die schon verherrlicht sind. Zu diesem Zeitpunkt werden sie auf jedem Fall bei Ihm sein. Das ist die erste Aussage des Apostels. Aber diese Wahrheit, welche einen Teil ihrer alten Schwierigkeit beendete, führte gleich zu einer neuen. Wie können die entschlafenen Heiligen mit Ihm kommen? Wie können alle Heiligen mit Ihm in Herrlichkeit erscheinen? Die Thessalonicher schienen verstanden zu haben, daß es, wenn der Herr kommt, Erlöste auf der Erde geben wird, die auf Christus warten; und diese sollten auf irgendeine Weise mit Ihm die Herrlichkeit erleben. Aber sie waren völlig verwirrt in Hinsicht auf die entschlafenen Erlösten. Sie wußten nicht, wie sie die Zwischenzeit zu nehmen hatten - falls sie überhaupt eine solche Zwischenzeit vermuteten. Sie kannten den Verlauf der Ereignisse nicht und wie der Herr mit den Gestorbenen handelt. Das wird hier erklärt.

„Denn dieses sagen wir euch im Worte des Herrn, daß wir, die Lebenden, die übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen werden.“ (V. 15). Falls sie am Leben geblieben wären, hätte es keine denkbaren Schwierigkeiten gegeben. So manche Menschen in unseren Tagen sind einigermaßen überrascht, daß es da Probleme geben kann. In Wahrheit entstammte indessen die Sorge der Thessalonicher aus der Einfalt ihres Glaubens; und wenn Menschen in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten sehen, so beruht das zum Teil darauf, daß sie keinen echten Glauben in dieser Angelegenheit besitzen. Besäßen sie mehr Glaube, wären auch sie verwirrter, und zwar nicht am Ende, sondern, wie üblich, am Anfang. So war es gewiß bei den Thessalonichern jener Zeit. Das ist stets die Wirkung zu Beginn des Glaubens. Neu entdecktes Licht läßt uns vieles annehmen, das wir nicht sofort vollkommen verstehen. Doch Gott greift ein, um den Gläubigen zu helfen, und löst für sie in Seiner Gnade und zu Seiner Zeit eine Schwierigkeit nach der anderen. So klärt der Apostel das Problem: „Wir, die Lebenden, die übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn ...“ Das mit „Ankunft“ übersetzte griechische Wort bedeutet auch „Anwesenheit“ im Gegensatz zu „Abwesenheit“. „Wir, die Lebenden, die übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, (werden) den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen.“ (...) 4

Wir werden „den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen.“  Setzen wir voraus, daß wir auf das Kommen Christi warten, und Er kommt - wir werden den schon vorher Abgeschiedenen nicht zuvorkommen. Wie kann das sein? Das wird im nächsten Vers beantwortet. „Denn der Herr selbst“, schreibt Paulus, „wird mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christo werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und also werden wir allezeit bei dem Herrn sein.“ (V. 16-17). Offensichtlich wird ein möglicher geringer Zeitunterschied zugunsten der Entschlafenen ausfallen und nicht derjenigen, die noch am Leben sind. Zuerst werden die Entschlafenen auferweckt. Halten wir im Gedächtnis: Der Todesschlaf betrifft nur den Leib. Nirgendwo wird in der Heiligen Schrift gesagt oder vorausgesetzt, daß die Seele entschläft. Jene, die in ihren Gräbern schlafen, werden durch den „Zuruf“ (κέλευσμα) des Herrn Jesus aufgeweckt. Das griechische Wort spricht von dem Ruf eines Heerführers an seine Soldaten oder eines Admirals an seine Seeleute. Dieser Ruf ergeht von einer Person, die Autorität über andere hat. Demnach spricht er nicht von einem unbestimmten Aufruf an Menschen, die das Kommando vielleicht nicht anerkennen. Es geht um die eigene Gefolgschaft.

Damit wird durch diese Worte - sowie andere Tatsachen - offensichtlich die von einigen Auslegern gepflegte Meinung zurückgewiesen, welche der Ansicht sind, daß dieser Ruf von der Menschheit an sich gehört werden müßte. Die Menschen im allgemeinen stehen nicht in einer solchen Beziehung zum Herrn. Es handelt sich um einen Ruf, der nur von denen gehört wird, die betroffen sind. Kein Wort spricht davon, daß dieser Aufruf solche mit einschließt, die keine Beziehung zu Christus haben - im Gegenteil! Mit anderen Worten: Hier lesen wir von dem Ruf des Herrn an die Seinen; und demnach erfolgt zuerst als unmittelbare Folge die Auferstehung der Toten in Christus. „Danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und also werden wir allezeit bei dem Herrn sein.“  Damit wird sofort die Schwierigkeit hinsichtlich der Entschlafenen beseitigt. Weit davon entfernt, den Augenblick des Zusammentreffens mit dem Herrn und den Seinen zu verpassen, findet zuerst ihre Auferstehung statt. Danach vereinigen wir uns mit ihnen; und so werden beide Gruppen zusammen hinaufgetragen, um dem Herrn in der Luft zu begegnen. So werden wir allezeit bei dem Herrn sein.

Fußnoten

  • 1 Aristoteles (384-322 v. Chr.) und Platon (427-348/47 v. Chr.): berühmte griechische Philosophen. (Übs.).
  • 2 Graezist: Fachmann für griechische Sprache und Kultur. (Übs.).
  • 3 z. B. in seinem berühmten Werk „Der Staat“ („Politeia“) (Übs.).
  • 4 Im Original folgt ein Satz zum englischen Bibeltext, der für uns keine Bedeutung hat, aber hier angeführt werden soll. (Übs.): „Ich nehme mir die Freiheit, das Wort „prevent“ aus dem alten Englisch gegen einen Ausdruck („precede“ = „zuvorkommen“) auszutauschen, der heutzutage dasselbe bedeutet, wie damals „prevent“. (W. K.).
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