Einführender Vortrag zum 1. Thessalonicherbrief

Kapitel 1

Einführender Vortrag zum 1. Thessalonicherbrief

Der Apostel schreibt an sie in einer Weise, die ihren Glauben stärkt. „Paulus und Silvanus und Timotheus der Versammlung der Thessalonicher in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus“ (V. 1). Damit will er keineswegs irgendeinen großen Fortschritt oder irgendeinen hohen geistlichen Zustand vonseiten der Gläubigen vorstellen, wie verschiedentlich aus diesen Worten geschlossen wurde, sondern eher das Gegenteil. Es war der noch kindliche Zustand der Versammlung von Thessalonich, welcher anscheinend diese Art der Anrede durch den Apostel veranlasste. So wie ein Säugling in einer Familie ein besonderer Gegenstand der Anteilnahme für einen Vater ist – insbesondere wenn ihn Gefahr umgibt –, so ermuntert der Apostel die Kirche der Thessalonicher, indem er davon spricht, dass sie in Gott dem Vater und dem Herrn Jesus Christus sind (vgl. Joh 10, 28–29!). Sie werden als Kinder gesehen, und zwar nicht in dem Sinn, dass sie als Wiedergeborene Gottes Kinder sind, sondern als Kleinkinder. So betrachtet der Heilige Geist die Versammlung der Thessalonicher. Als Beweis für die Richtigkeit unserer Anschauung sei angemerkt, dass zu jener Zeit offensichtlich in ihrer Mitte noch keine ordnungsgemäße Aufsicht bestanden hat. Wir lesen keinen Hinweis auf eingesetzte Älteste, genauso wenig wie bei den Korinthern. Sie zeigten nicht wenig Kraft; gleichzeitig trug diese Versammlung noch den Stempel der Jugend. Der frische Strom der Zuneigung füllte ihre Herzen; und der Glanz der Wahrheit war sozusagen gerade erst über ihren Seelen aufgegangen. Dieses und einiges mehr von gleicher Art kann leicht aufgespürt werden. Außerdem finden wir hier eine anschauliche Lektion, wie mit dem Eingang von Irrtum und der Gefahr, welche die Kinder Gottes bedroht, umgegangen werden sollte, vor allem unter solchen Erlösten, die im gemeinsamen Glauben noch recht unausgeprägt sind.

Nach seinem Gruß dankt der Apostel, wie üblich, Gott für sie alle, indem er an sie in seinen Gebeten denkt. „Indem wir euer erwähnen in unseren Gebeten, unablässig eingedenk eures Werkes des Glaubens und der Bemühung der Liebe und des Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus, vor unserem Gott und Vater“ (V. 2–3). Von Anfang an erkennen wir die in hohem Maß praktische Form, welche die Wahrheit hier einnimmt. So muss es tatsächlich immer sein, wo wir die Sorge und Wirksamkeit des Heiligen Geistes finden. Keine Wahrheit wurde gegeben, welche nicht das Herz formen und die Schritte der Erlösten leiten sollte, sodass daraus ein lebendiger und fruchtvoller Dienst für Gott hervorströmt. Das war der Fall auch bei den Thessalonichern. Ihr Werk war das Werk des Glaubens; die Quelle ihrer Bemühung (Arbeit) war Liebe; und darüber hinaus hatte sich ihre Hoffnung als solche erwiesen, die ihre göttliche Kraft durch die Stärke des Ausharrens inmitten von Anfechtungen zeigt. Wie gesagt wird, war es wirklich die Hoffnung auf Christus selbst – „Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus, vor unserem Gott und Vater.“  Folglich wurde, wie wir sehen, alles im Gewissen vor Gott beachtet; denn das ist die Bedeutung des Ausdrucks „vor unserem Gott und Vater.“

Diese Tatsachen gaben der Seele des Apostels volles Vertrauen ihretwegen, da sie Zeugen ungeteilten Herzens waren, und zwar nicht nur in Bezug auf die Wahrheit, sondern auch in Bezug auf Christus, den Herrn. „Denn unser Evangelium“, schreibt er, „war nicht bei euch im Worte allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geiste und in großer Gewißheit, wie ihr wisset, was wir unter euch waren um euretwillen“ (V. 5). Der Apostel vermochte unbeschwert und frei zu ihnen reden. Den Korinthern konnte er sein Herz nicht auf diese Weise öffnen. Unter ihnen war so viel fleischliches Prahlen, dass der Apostel zu ihnen nur mit großer Zurückhaltung sprach. Hier ist es anders. Da in ihren Herzen und Wegen sich brennende Liebe fand, konnte der Apostel auch aus einer solchen Liebe heraus reden; denn sicherlich war die Liebe auf seiner Seite keinesfalls kleiner. Darum konnte er sich mit Freude über das aussprechen, was vor ihm stand, nämlich die Art und Weise, wie das Evangelium zu ihnen gekommen war. Das ist in den Wegen Gottes von nicht geringer Bedeutung. Wir sollten niemals unberücksichtigt lassen, auf welche Weise Gott sich sowohl mit einzelnen Seelen als auch mit Erlösten insgesamt an einem bestimmten Ort beschäftigt; denn alles ist von Gott. Die Wirkung eines Verfolgungssturms, welcher die Einführung des Evangeliums begleitet, kann nicht ohne Einfluss auf die Charakterbildung der Gläubigen bleiben, welche die Wahrheit annehmen. Zudem würde die Handlungsweise Gottes zu jener Zeit – insbesondere in dem Träger jener Botschaft – sich den Umständen anpassen, um dem Evangelium eine solche Richtung zu geben, dass sie zur Verherrlichung und zum Preis des Herrn ausschlägt. Ich zweifle daher nicht daran, dass die Aufnahme, die der Apostel unter ihnen fand, die jenen Empfang begleitenden bemerkenswerten Umstände und der Glaube und die Liebe, welche sofort erprobt wurden, alle ihre Quelle in Gottes guter Lenkung fanden. Diese Erprobung des Glaubens gehört natürlich zum Erlösten; aber zu jenem besonderen Zeitpunkt stellte sie nichtsdestoweniger in einem bemerkenswerten Grad sofort den jungen Glauben der Thessalonicher auf die Probe. Dadurch sollten auch jene in ihren Schwierigkeiten gekräftigt und zubereitet werden, die in zukünftigen Zeiten demselben Glauben folgen und im Namen desselben Herrn zu leiden und standzuhalten haben. Kein Beispiel war dazu geeigneter als das der Thessalonicher.

Der Apostel zögert demnach nicht zu schreiben: „Ihr seid unsere Nachahmer geworden und des Herrn, indem ihr das Wort aufgenommen habt in vieler Drangsal mit Freude des Heiligen Geistes, sodaß ihr allen Gläubigen in Macedonien und in Achaja zu Vorbildern geworden seid“ (V. 6–7). Das galt so eindeutig, dass der Apostel dafür keinen Beweis anführen musste. Sogar die „Welt“ wunderte sich, wie das Wort Gottes unter diesen Thessalonichern wirkte. Die Menschen waren davon beeindruckt; und was die Menschen außerhalb der Versammlung vor allem verwunderte, war, dass sie nicht nur ihre Götzenbilder aufgaben, sondern außerdem hinfort nur noch dem  einen lebendigen und wahren Gott dienten und seinen Sohn aus dem Himmel erwarteten. Das war ihr Zeugnis – und es war ungewöhnlich strahlend. Aber tatsächlich besteht das Geheimnis der Freude an der Wahrheit sowie auch ihrer Annahme in der Einfalt des Herzens; und wir werden stets finden, dass letztere ein sicheres Zeichen von der Kraft Gottes in der Seele durch sein Wort und seinen Geist darstellt. Denn zwei Dinge kennzeichnen die göttliche Belehrung: Auf der einen Seite wahre Einfalt, auf der anderen jene Bestimmtheit, welche dem Christen die innere Überzeugung gibt, dass das, was er hat, die Wahrheit Gottes ist. Es wäre vielleicht zuviel verlangt, jetzt schon von den Thessalonichern eine volle Ausbildung bzw. größere Entfaltung einer solchen genauen Erkenntnis zu erwarten. Wir dürfen indessen sicher sein, dass dort, wo schon am Anfang wahre Einfalt vorliegt, eine Bestimmtheit im Urteil bald folgen wird. Einige Kennzeichen dieser Art werden wir zu unserer Belehrung in Kürze finden; und ich hoffe, darauf einzugehen, wenn sie vor uns treten.

Aber zuerst sollten wir besonders beachten, dass die erste Schilderung von ihnen in Bezug auf das Kommen des Herrn einfach in der Erwartung des Sohnes Gottes vom Himmel bestand. Es ist gut, diesem Ausdruck nicht größere Bedeutung zuzumessen, als er in sich trägt. Es scheint mir, dass nicht mehr gezeigt werden soll als die allgemeine Haltung eines Christen Ihm gegenüber, den er vom Himmel erwartet. Das ist die einfache Tatsache, dass sie denselben Heiland erwarteten, der schon einmal gekommen war und den sie kannten – jenen Jesus, der für sie starb und von den Toten auferweckt wurde, ihren Erlöser vor dem kommenden Zorn. So warteten sie also darauf, dass dieser mächtige und gnädige Heiland aus dem Himmel herabkommt. Wie Er kommen würde, wussten sie nicht. Über die Ergebnisse seines Kommens wussten sie ein wenig. Natürlich wussten sie nichts über den Zeitpunkt; diesen kennt kein Mensch. Er befindet sich sozusagen in den Händen unseres Gottes und Vaters. Doch sie warteten, wie es Kindlein zustand, nach seinem eigenen Wort auf den Herrn. Ich bin überzeugt, dass sie zu jener Zeit noch nicht einmal wussten, ob Er sie mit sich in den Himmel zurücknehmen oder sofort sein Königreich unter dem Himmel aufrichten würde.

Daher erscheint mir die Ansicht als ein Irrtum, welche diesem Text die Lehre entnimmt, dass Christus notwendigerweise kommen muss, um Erlöste in den Himmel zu holen. Unsere Bibelstelle lässt die Frage nach Ziel, Handlungsweise und Ergebnis vollkommen offen. Manchmal finden wir, dass wir der Heiligen Schrift in ähnlicher Weise Zwang antun. Seien wir jedoch versichert, dass wahre Weisheit darin besteht, aus der Schrift nur das zu entnehmen, was sie ausdrücklich mitteilen will. Es ist viel besser, zumal wenn es sich um nur wenige Schriftstellen handelt, ihren wahren Inhalt zu untersuchen. Wir werden schnell herausfinden, wie wichtig es ist, nicht aus einer bestimmten Absicht heraus Bibelzitate anzuhäufen, sondern vielmehr von Gott den von Ihm beabsichtigen Sinn einer jeden Schriftstelle zu erforschen. Alles, was der Apostel hier beabsichtigte, war, die Erlösten in Thessalonich daran zu erinnern, dass sie auf das Kommen desselben Befreiers aus dem Himmel warteten, der tot war und auferstanden ist. Es ist verständlich, dass die Darstellung seines Kommens im Charakter des Sohnes Gottes in einer geistlichen Gesinnung höhere Gedanken hervorruft. So wird es wahrscheinlich später auch bei den Empfängern des Briefes gewesen sein. Ich spreche indessen nur von dem, was im Zusammenhang mit ihrer kürzlichen Bekehrung wichtig ist. Das ist die einfache Wahrheit, dass die göttliche Person, welche sie liebte und für sie gestorben war, aus dem Himmel zurückkommen wird. Auf welche Weise das geschieht und die Folgen des Kommens hatten sie noch zu lernen. Sie warteten auf Ihn, dessen Liebe für sie sich als tiefer erwiesen hatte als Tod und Gericht. Wie konnten sie anders, als Ihn lieben und auf Ihn warten?

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