Christus vor Augen

Vers 2: Die Empfänger

Noch ein Wort zu Timotheus. Er war ein treuer Mann. Ich komme darauf, weil die Anrede hier sehr auffallend ist und einen Unterschied zum Epheserbrief aufzeigt. Dort heißt es einfach: „… den Heiligen und Treuen.“ Hier steht: „… der Bruder, den heiligen und treuen Brüdern in Christus.“ Uns fällt wieder der Zusatz auf: „Brüder.“

Der Ausdruck „in Christus“ bezieht sich sowohl auf „heilige Brüder“ als auch auf „treue Brüder“. Der Zusatz „Brüder“ weist dabei auf die gegenseitigen Beziehungen hin, die zwischen den Geschwistern bestanden. Denn es gibt unter Brüdern im Herrn Beziehungen; genau davon spricht dieses Wort. Es handelte sich um „heilige Brüder“, weil sie von Gott und für Gott abgesondert worden waren.

In diesem Brief und besonders im ersten Kapitel ist viel von „Fruchttragen“ die Rede. Wenn jemand inmitten von lauter „Unkraut“ geistliche Frucht tragen soll, muss gleichsam ein Zaun vorhanden sein, der dem Eindringen des Bösen Widerstand entgegensetzt. Sonst wird es nicht die Frucht geben, die Gott sucht. Diese grundsätzliche Heiligung oder Absonderung hat Gott bei dem Gläubigen bei dessen Bekehrung vorgenommen (1. Pet 1,2).

Zweitens muss Treue vorhanden sein. Treue ist die Antwort des Herzens des Erlösten auf das, was Gott gemacht hat. Gott hat jeden von uns - stellungsgemäß - abgesondert für sich, für seinen Sohn. Galater 1,4 sagt uns übrigens, dass der Herr Jesus dafür sterben musste! Ob uns das immer bewusst ist, dass der Herr Jesus sterben musste, um uns in diese Beziehung der Absonderung zu Ihm hin zu bringen? Unsere Antwort darauf ist Treue. Natürlich ist auch diese Treue letztlich nur „in Christus“ möglich. Deswegen heißt es: „Den … und treuen Brüdern in Christus.“ Einerseits beschreibt „in Christus“ unsere Stellung, in Ihm ist sie gesichert und fest. Andererseits steht aber auch, wie schon bemerkt, die Treue in Verbindung mit „in Christus“. Wir können nämlich außerhalb von Ihm nicht treu sein, obwohl Treue eine Erwiderung unsererseits auf erwiesene Gnade ist.

Ist das nicht auch heute für uns eine Herausforderung? Wollen nicht auch wir treu sein? Wenn Gott uns so viele geistliche Segnungen geschenkt und offenbart hat in Seinem Wort, dann sind wir schuldig, das uns anvertraute christliche Glaubensgut in Treue festzuhalten. Wir dürfen sie nicht einfach fahren lassen.

Die Treue von Timotheus

Timotheus war ein relativ junger Mann. Und er war treu, auch wenn es jetzt hier nicht ausdrücklich steht. Aber in 2. Timotheus 2 lesen wir, dass er treu war. Denn er sollte das, was er vom Apostel Paulus gehört hatte, treuen Leuten anvertrauen, die wiederum ihrerseits fähig sein würden, andere zu belehren. Welch ein Glück, wenn auch heute junge Gläubige treu sind. Wir reichen auch heute die Wahrheit weiter. Wie schön, wenn es dann solche Gläubige wie Timotheus gibt!

Timotheus war wahrscheinlich nicht direkt durch Paulus zum Glauben gekommen. Wenn er ihn ein „echtes Kind im Glauben“ nennt (1. Tim 1,2), dann nicht notwendigerweise deswegen, weil er direkt durch Paulus bekehrt worden ist. Natürlich ist Paulus zumindest indirekt das Werkzeug zu seiner Bekehrung gewesen. Aber er will mit diesem Ausdruck vor allem Folgendes sagen: Timotheus war ein Kind in „sittlicher“ Hinsicht, ein Kind nach dem Geist und der Lehre des Paulus. Er war ihm ähnlich und einer von der Art, wie Paulus es selbst war. Deswegen ist er ein echtes Kind, nicht nur gezeugt durch Paulus wie Onesimus (Phlm 1,10), sondern ein echtes Kind im Glauben, weil er das zeigte, was er von seinem irdischen Lehrmeister gelernt hatte. Insofern können auch wir heute noch echte Kinder des Paulus sein, wenn wir das, was er gelehrt hat, in Treue festhalten.

Treue ist gerade in Tagen der Endzeit ein Charakterzug, der von besonderem Wert ist. Timotheus war Paulus loyal geblieben, als alle anderen in Asien den Apostel verließen. Sie hatten Paulus aufgegeben, Timotheus dagegen stand weiter zu ihm, solange dieser lebte. Ist es nicht auch Treue, wenn man bei dem bleibt, was man gelernt hat? Auch heute noch gibt es solche treuen Brüder.

Gnade und Friede

Dann bedient Paulus den Strom der Gnade Gottes. Das lernen wir aus seinem Gruß. Im Allgemeinen lesen wir darüber hinweg, weil wir diese Stellen auswendig kennen, oder weil sie so oder so ähnlich oft vorkommen. Ich habe für mich die größte Angst gerade bei den Stellen, die ich am besten kenne. Warum? Ich kenne sie ja, wie ich meine. Dann lese ich so leicht darüber hinweg und habe vielleicht überhaupt nicht verstanden, was Gott mir sagen will.

In jedem Brief haben wir den Gruß mit Gnade und Friede. Paulus ist dafür lediglich das Instrument Gottes, denn die Gnade ist nicht seine Gnade, sondern Gottes Gnade. Paulus bedient bloß den Strom. Wie schön, wenn es auch heute noch Brüder gibt, die den Reichtum der Gnade Gottes einfach weitergeben, es möglich machen, dass er fließen kann durch diesen Dienst.

Gnade ist Liebe, die wir nicht verdient haben. Sie ist ein Wesenszug Gottes, der Seiner Liebe entspringt. Keiner von uns kann auch nur einen Tag oder eine Stunde ohne die Gnade gehen. Als ich jünger war, habe ich gesagt: keine Woche. Als ich ein bisschen älter wurde, habe ich gesagt: Keinen Tag geht das. Heute sage ich: keine Stunde. Vielleicht gibt es noch ältere Brüder, die sagen: keine Minute. Es gibt tatsächlich keinen Augenblick, an dem wir die Gnade Gottes entbehren könnten. Und je größer die Probleme sind, je tiefer die persönliche Not, je schlimmer die Krankheit, umso mehr empfinden wir die Notwendigkeit dieser Gnade.

Ich bin überzeugt, dass wir alle diese Gnade jeden Tag brauchen. Was mich so glücklich macht, ist, dass Gottes Wort sagt, dass uns diese Gnade jederzeit angeboten wird und zur Verfügung steht. Eigentlich handelt es sich ja um einen Gruß von Paulus. Aber es ist letztlich ein Gruß und Segen von Gott selbst. Paulus schreibt diese Worte als von Gott inspiriert. Das war nicht nur der persönliche Wunsch des Paulus. Nein, Gott möchte, dass diese Gnade von uns mehr genossen und gekannt wird.

Das Ergebnis der Gnade ist immer Friede. Ich kenne keine Stelle, wo wir die umgekehrte Reihenfolge finden: Friede und Gnade. Nein, Friede ist das Ergebnis und die Folge der Gnade. Wenn Gott uns seine Liebe zuwendet, in welcher Form auch immer wir sie nötig haben, ist das Ergebnis Friede. Er ist der Gott aller Gnade, es gibt kein Bedürfnis, das nicht durch Gott gestillt werden könnte ... Es ist eine wunderschöne Erfahrung, sich mit Gott in Übereinstimmung zu wissen. Und auch wenn man nicht immer verstehen kann, warum Er es jetzt gerade so macht, ist doch Friede das Ergebnis. Wo Gott also gnädig eintritt, ist Friede die Folge.

Umgekehrt ist es wie ein Ring, der sich schließt: Wenn ich den Frieden Gottes genieße, das wird jeder von uns bestätigen können, habe ich auch wieder ein gestiegenes Bewusstsein der Gnade. Das eine befruchtet das andere. Aber der Ursprung und die Quelle ist Gott in seiner Gnade.

Der Nachsatz „und dem Herrn Jesus Christus“ fehlt in manchen guten Handschriften, ist aber sicherlich völlig der Wahrheit entsprechend. Denn die Gnade findet im Herrn Jesus Christus ihren höchsten Ausdruck. Ich würde nicht wagen zu sagen, dass der Herr Jesus nur das Instrument wäre. Nein, Er ist zusammen mit dem Vater die Quelle. 

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