Das Buch Esther

Haman

Nun tritt eine ganz andere Persönlichkeit auf den Plan, Haman, der große Gegenspieler und Widersacher Mordokais. Sein Name bedeutet „Empörer“, „Widersacher“ und der seines Vaters Hamedatha, „allein“ = „ansehnlich“, beide Namen sind sehr bezeichnend als Vorbilder. Haman wird hier als Abkömmling Agags eingeführt, jenes Amalekiterkönigs, den Saul hätte töten und dessen Volk ausrotten sollen. Diese Namen sind wohl persischen Ursprungs. Agag war eine Landschaft in Persien; doch führt der Geist Gottes die Abstammung Hamans in bewusster Absicht auf Amalek, den ersten Feind, dem Israel auf seinem Weg ins gelobte Land begegnete, zurück. Amalek stammte aber von Esau ab und wohnte im Land Edom, dem Ursprung des Hasses gegen Israel. Im gleichen Sinn ist bei Mordokai auch Kis, der Vater Sauls als Urahne angegeben, um unmissverständlich klar zu machen, was hier dargestellt werden soll: der Kampf zwischen Gott und Satan um die Herrschaft der Welt.

Somit ist Haman hier das Abbild Satans, der ja je und je versucht hat, die Ratschlüsse Gottes in Seinem Sohn und Heiland der Welt zu Nichte zu machen durch Vernichtung des Stammes, aus dem der Erlöser kommen sollte. Freilich erfolglos, denn trotz seiner furchtbaren Macht ist sein Tun begrenzt und bleibt abhängig von der Zulassung Gottes, so wie Haman vom König abhängig war. Wie Ahasveros den Haman groß gemacht hat als Günstling über alles hinaus, so hat auch Gott den Teufel als Lichtfürsten (Luzifer) geschaffen und ihm den höchsten Platz im Weltall gegeben, aber das genügte diesem nicht; er wollte Gott selbst sein. Er weigerte sich, sich dem Sohn Gottes, Christus, zu unterwerfen; so ist er gestürzt und zum Satan, zum Widersacher, geworden (Jes 14,12–14; Hes 28,14–17). Als solchen sehen wir ihn immer wieder, wie er durch geeignete Werkzeuge vernichtende Schläge gegen den Stamm, aus dem Christus kommen sollte, zu führen sucht, ohne aber zum Ziel zu kommen. So gedachte er den Pharao in Ägypten zu benützen, um durch ihn das Volk der Juden auszurotten. Ferner durch Saul, der David, den Stammvater Jesus, nach dem Fleisch, töten wollte; dann Athalja, die den Samen Davids ausrotten wollte; dann wieder Herodes, bezeichnenderweise ein Idumäer, Nachkomme Esaus, vielleicht Amaleks, der das Knäblein Jesus töten wollte. Hinter allen diesen stand Satan als Anstifter; aber Gott hat seine Pläne zu neuen Offenbarungen Seiner Herrlichkeit und Ratschlüsse gewendet. In der Endzeit wird Satan noch einmal ansetzen und drei furchtbare Werkzeuge benutzen: das Tier, das Haupt des wiedererstehenden Römischen Weltreiches, den Antichristen in Jerusalem und den wütenden „König des Nordens“, hinter denen er selber als Anstifter wirkt. Da wir hier ja auf dem Boden der alttestamentlichen Prophezeiung stehen, in welcher der König des Nordens, der Assyrer, die „überflutende Geißel“, als der Hauptfeind Israels erscheint, muss er hier auch erwähnt werden. Ursprünglich hatte Gott selbst den Nationen die Herrschaft gegeben; aber diese haben sich auch selbst erhöht und Gott verworfen. Am Ende der Tage wird er, nachdem er aus dem Himmel auf die Erde geworfen sein wird, Gottes Regierung abzuschütteln trachten (Ps 2). Diese Feindschaft wird sich vor allem gegen Gottes Volk auf Erden richten, die Spitze aber wird im Grund, wie bei Haman gegen Mordokai, gegen den Gesalbten Gottes gerichtet sein.

Nach ein paar Jahren erhob König Ahasveros diesen Haman über alle übrigen Großen hinaus, so dass diesem königliche Ehre erwiesen werden musste. Alle in Susan taten dies, da sie ja im König ihren Gott sahen; nur einer weigerte sich: Mordokai. Er hielt sich aIs getreuer Jude an Gottes Gebot, nach welchem er ja nur Gott selbst anbeten durfte; und zudem war Haman als Nachfahre Amaleks ein Verfemter Jehovas. Erinnert uns dies nicht an das Ansinnen des Teufels an den Herrn Jesus, ihn, den Fürsten der Finsternis anzubeten und die Reiche der Welt von ihm entgegenzunehmen? Der Herr aber wies mit der Erwähnung des ersten Gebotes Satan zurück. Mordokai gibt als Grund seiner Weigerung nur seine Nationalität als Jude an, obwohl aus den Worten Hamans vor dem König (Vers 8) entnommen werden kann, dass Mordokai in Beachtung der göttlichen Gebote gehandelt hat. Es deutet aber den Zustand der heutigen Judenheit an, die zwar zu einem großen Teil formell und starr an ihren 615 Geboten festhalten, doch im Kampf um ihr nationales Dasein und um ihr Heimatland machen sie bis jetzt einseitig nur ihren nationalen Standpunkt geltend; ja der Zionismus schaltet bewusst die religiösen Belange aus seinem Programm aus.

Mordokai konnte sich allerdings damals nicht gut darauf berufen, wie es z. B. Daniel tat, dass er ein Knecht sei; denn um der damaligen Lage der Juden willen hätten alle spottend sagen können: „Wo ist denn euer Gott?“. Mordokai gibt seine Abstammung kund, obwohl er Esther verbietet, dies zu tun. So hat ja auch unser Herr, als man Ihn in Gethsemane gefangen nehmen wollte, seinen Häschern sein „Ich bin's!“ entgegen geworfen, ohne aber von Seiner Allmacht Gebrauch zu machen, aber gleichzeitig hat Er Seine schützende Hand über Seine Jünger gehalten, damit ihnen nichts angetan werde. Mordokai ist in der Tat in seinem ganzen Verhalten ein schönes Vorbild unseres Herrn, wovon wir noch manches Beispiel sehen werden.

Haman, der treue Diener Satans, suchte nun, um Mordokai zu beseitigen, dessen ganzes Volk zu vernichten, um auf diese Weise vor allem Gottes Ratschlüsse durchkreuzen zu können und den Gesalbten Gottes auszuschalten. Das war das Ziel Satans bei allen Schlägen im Lauf der Zeit, denn mit der Ausrottung des Volkes Israels wäre auch die Hoffnung auf den kommenden Messias wertlos geworden. Gegen Christus richtete sich im Grunde jede Anstrengung des Teufels; das ist ja auch beim Nationalsozialismus vergangener Tage ganz deutlich geworden. Dies prägt sich heute in der politischen Entwicklung immer markanter aus: wachsender, abgrundtiefer, unversöhnlicher Hass bei den Arabern, den Nachbarn Israels und zunehmender Antisemitismus bei allen Völkern, auch den bisherigen Freundvölkern, zum Teil von den Juden selbst verschuldet. Wie die Prophezeiungen der Bibel schon längst zeigen, ist Palästina bereits der Mittelpunkt des Weltgeschehens; schon heute lässt sich erkennen, wie Hass und Selbstsucht aller Völker in unerhörtem Maß gegen die Juden brandet und branden wird, bis ihr Messias erscheint und sie endgültig befreien wird.

Ahasveros ging bereitwillig auf das Ansinnen ein, ohne sich die geringste Rechenschaft darüber zu geben, ja er gab Haman sogar seinen Siegelring, so dass er nun in des Königs Namen handeln konnte, so recht nach der Laune eines orientalischen Despoten. Dennoch ist er trotz seiner Gottesfeindschaft nur ein Werkzeug in der Hand Gottes, zugelassen nach Seinem Plan zur Läuterung Seines Volkes. Ganz ebenso verhält es sich mit den Weltmächten der Endzeit. Denn der Grossteil der Juden wird um seiner völligen Unbußfertigkeit und Abtrünnigkeit willen im Gericht umkommen (siehe Sach 13,8–9; Jes 10,21–23 u. a. Stellen). Nur der gläubige Überrest wird in der großen Drangsal errettet werden und das Reich erben; aber eine ernste und gründliche Läuterung wird vorausgehen. Nicht umsonst gebraucht der Geist Gottes in Maleachi hierfür das Bild des Silberschmelzens, das langes aufmerksames Harren benötigt. Wie oft in der Geschichte Israels benutzte Gott die Feinde zur Züchtigung Seines Volkes, aber Er wird auch jene dafür ins Gericht bringen, weil sie dabei ihrer eigenen Bosheit und Ungerechtigkeit freien Lauf gelassen haben. Wie Haman keineswegs eigenmächtig handeln konnte, sondern vom König völlig abhängig war, so sind auch die Weltmächte und Satan selbst trotz aller Macht durchaus gebunden an Gottes Ratschluss und Willen und die von Ihm gesetzten Schranken.

Zwei Züge Hamans sind besonders charakteristisch gerade für die Ungläubigen und Gottlosen. Dem König gegenüber gibt sich Haman den Anschein, das Interesse des Königs wahren zu wollen (Verse 8.9). Ist dies nicht auch die Weise der Welteroberer und Aufrührer, dass sie, obwohl sie sich einen Pfifferling um Gott und Seinen Willen scheren, sich dennoch den Anschein geben, von Gott zu ihrem Tun bestimmt und gesandt zu sein. Allerdings meinen sie nicht so sehr den Gott im Himmel, als vielmehr den Gott ihrer eigenen Gedanken. So wird es im Grund auch in der Endzeit sein; denn hinter den großen Potentaten jener Zeit wird ja Satan selbst als Anstifter und Lenker tätig sein.

Der zweite Zug ist der Aberglaube Hamans. Er muss das Los werfen, um den günstigen Tag für sein Vorhaben herauszufinden, ein ganzes Jahr lässt er da an sich vorüberziehen bis zum letzten Monat und der dreizehnte Tag dieses Monats ist endlich der ersehnte Tag. Wie bezeichnend ist diese Zahl 13, welche bekanntlich für den Aberglauben die böseste Unglückszahl ist! Dieser Aberglaube ist ja auch heute weit verbreitet, so töricht er auch ist. Aber eben der Unglaube kann nicht ohne etwas sein, woran er sich klammern kann. Wenn er nicht an den wahren und lebendigen Gott glauben will, muss er etwas anderes, und zwar Unsinniges glauben. Das Wort „Aberglaube“ ist treffend hierfür: An die Wahrheit glaubt er nicht; aber dafür an etwas Ungereimtes! Was Haman da getan hat, das tun auch die gottlosen Führer von heute fast alle; denn außer den Gottgläubigen ist kaum einer, der sich nicht mehr oder weniger von okkulten Dingen, Wahrsagerei, Kartenaufschlagen, Astrologie, Spiritismus usw. beraten lässt. Nun im Fall Hamans hat dies zu einer Gnadenfrist für das verurteilte Volk gedient.

Wie gründlich ist Haman vorgegangen! In allen Provinzen ließ er das neue Gebot verkünden und zwar in der Sprache eines jeden Stammes, damit ja kein Jude entrinnen könne. Alles war so sorgfältig berechnet, dass das Netz, menschlich gerechnet, unfehlbar über die Juden zusammengezogen werden konnte. Aber mit zwei Umständen hat Haman nicht gerechnet, nicht rechnen können: Mit den Gegenzügen Mordokais durch die Königin Esther und mit der Hand Gottes, welche trotz allem seinen Teufelsplan zu Nichte machte. So groß, schrecklich und raffiniert die Macht Satans auch ist, so ist doch seine Macht zu kurz gegenüber dem glaubensvollen Gebet, das die Hand Gottes bewegen kann und gegen den Willen Gottes, der ihn niemals über die Seinigen wirklich triumphieren lässt. Das neue Gesetz, das Haman zur Sicherung seines Planes veranlasste, war im Grunde eine Herausforderung Gottes. Auch das Gesetz vom Sinai hat ja nicht zum ursprünglichen Ratschluss gehört, sondern es „kam daneben ein“, wegen der törichten Vermessenheit des Volkes, Gottes Willen erfüllen zu wollen. Das war eine Verblendung durch Satan, ebenso wie die Anbetung des goldenen Kalbes. Das hat Satan sicherlich auch verstanden, dass dies alles nur zum Tod des Volkes führen konnte; aber was er nicht kannte und nicht berechnen konnte, das war und ist die Gnade und Liebe Gottes, die retten will und dazu immer einen Weg findet, den nur Gott kennt und zu beschreiten vermag.

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