Die Gnade Gottes unterweist uns...

Kapitel 2

«Du aber rede, was der gesunden Lehre geziemt: dass die alten Männer nüchtern seien, würdig, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, im Ausharren; die alten Frauen desgleichen in ihrem Betragen, wie es dem heiligen Stande geziemt, nicht verleumderisch, nicht Sklavinnen von vielem Wein, Lehrerinnen des Guten; auf dass sie die jungen Frauen unterweisen, ihre Männer zu lieben, ihre Kinder zu lieben, besonnen, keusch, mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, gütig, den eigenen Männern unterwürfig zu sein, auf dass das Wort Gottes nicht verlästert werde. Die Jünglinge desgleichen ermahne, besonnen zu sein, indem du in allem dich selbst als ein Vorbild guter Werke darstellst; in der Lehre Unverderbtheit, würdigen Ernst, gesunde, nicht zu verurteilende Rede, auf dass der von der Gegenpartei sich schäme, indem er nichts Schlechtes über uns zu sagen hat. Die Knechte ermahne, ihren eigenen Herren unterwürfig zu sein, in allem sich wohlgefällig zu machen, nicht widerprechend, nichts unterschlagend, sondern alle gute Treue erweisend, auf dass sie die Lehre, die unseres Heiland-Gottes ist, zieren in allem» (V. 1-10).

«Du aber rede, was der gesunden Lehre geziemt.» Wie wir bereits darauf aufmerksam gemacht haben, ist jede Ordnung im Hause Gottes, alle christlichen Beziehungen der Glieder dieses Hauses untereinander, auf die «gesunde Lehre» gegründet, die in der Versammlung gelehrt und festgehalten wird, und ohne diese gibt es nur Verwirrung und Unordnung. Erklärt dies nicht zu einem grossen Teil die Abweichungen der Christenheit in den Dingen, womit sich der Titusbrief besonders auseinandersetzt: bezüglich der Gaben und Ämter, der Rolle der alten Männer und des Platzes der Frauen, alt oder jung, der Beziehungen der Knechte zu ihren Herren?

Es gibt Dinge, die der gesunden Lehre nicht geziemen, und diese Dinge könnten im Worte Gottes nie Unterstützung finden. Eine Lehre, wie erhaben sie auch in den Augen der Menschen sein mag, wäre nicht gesund, wenn sie die Christen nicht anspornen würde zu einem Leben der Heiligkeit und der praktischen Gerechtigkeit, das den Herrn ehrt. Diese Lehre betrifft alle Klassen der Familie Gottes, aber wir müssen sie vor allem auf uns selbst anwenden, in unserem Leben, unserem Wandel und unserer Hoffnung.

Die Gesundheit des Körpers ist immer mit dem Gleichgewicht seiner verschiedenen Teile verbunden; so betreffen auch die Dinge, die Titus lehren musste, alle Klassen derer, die zum Leib des Christus und zum Hause Gottes gehören.

Wie es sich gehört, beginnt der Apostel bei den alten Männern, die eine ehrwürdige Stellung einnehmen, und deshalb besonders verantwortlich sind, in der Familie Gottes ein Beispiel zu geben: «dass die alten Männer nüchtern seien, würdig, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe, im Ausharren» (V. 2). Nüchtern (nephalios) hat gewöhnlich eine Beziehung zu Getränken oder anderen Nahrungsmitteln. So mangelte es bei Isaak in seinen alten Tagen an Nüchternheit, was, zusätzlich zu den Gebrechen seines Alters, seine geistliche Sicht trübte. Hier jedoch, wie im 1. Timotheus-Brief, geht es mehr um Nüchternheit im bildlichen Sinn, um einen Geist, der sich nicht durch Leidenschaft berauschen lässt, weil er sich der Gegenwart Gottes bewusst ist. Gesund im Glauben: Ihre moralische Gesundheit sollte sich im verständnisvollen Erfassen der Gegenstände des Glaubens zeigen, die eine gesunde Lehre ihnen vorgestellt hatte, denn mit Glauben ist hier nicht die Aufnahme des göttlichen Zeugnisses in der Seele, sondern die Wahrheiten, welche das Wort Gottes dem Glauben vorstellt, gemeint. Wie wir bereits gesagt haben, setzt die Gesundheit ein gutes Gleichgewicht in allen Dingen voraus. Der erfahrene Christ muss Sorge tragen, dass er in der Belehrung nicht auf gewisse Dinge, unter denen die den Glauben ausmachen, ein unverhältnismässiges Gewicht legt. Um nur die wichtigsten Dinge zu nennen, könnte man zum Beispiel den ganzen Akzent auf die himmlische Stellung des Christen legen, ohne auf seinem Wandel und seinem Betragen zu bestehen, oder umgekehrt.

Gesund in der Liebe. Das gleiche geistliche Gleichgewicht muss sich in der Bruderliebe zeigen. Unterschiede zu machen, oder gewissen Gliedern des Hauses Gottes gegenüber andern den Vorzug zu geben (es handelt sich hier nicht um die Liebe für Christum, die selbstverständlich keine Abmessung erlaubt), das ist nicht gesund sein in der Liebe.

Gesund im Ausharren. Hier könnte sich der Mangel an Gesundheit in einer gewissen Gleichgültigkeit in der Prüfung zeigen was bei alten Männern oft der Fall ist - oder in einer gewissen Abstumpfung gegenüber dem nahen Kommen des Herrn.

All das, zusammen mit Würde und Besonnenheit [Der Ausdruck besonnen in den Versen 2,5,6 und 12 könnte übersetzt werden roh: sich selbst mässigen und in der Gewalt haben.] gibt den Eindruck von grosser Ausgeglichenheit im praktischen Leben der alten Männer und könnte nicht verwirklicht werden ohne die Nüchternheit, welche die Grundlage ihres ganzen Betragens bilden muss. Auf diese Weise werden sie zu erfahrenen Männern, bei denen man Rat holt, und die zum Wohlbefinden und zur guten Ordnung der ganzen Familie Gottes beitragen.

«Die alten Frauen desgleichen in ihrem Betragen, wie es dem heiligen Stande geziemt.»

Sie müssen in allen Dingen, in ihrem Wesen, ihrer Erscheinung, ihrem Äusseren, eine passende Haltung einnehmen, der besondere Schmuck der Frau; aber diese Haltung muss den Charakter innerer Heiligkeit widerspiegeln. Diese Ermahnung ist in Übereinstimmung mit dem, was uns in 1. Tim. 2,9-10 und 1. Petr. 3,2-5 von der christlichen Frau gesagt wird. Das Fehlen jeglichen weltlichen Einflusses soll sie in erster Linie charakterisieren.

Nicht verleumderisch. Sie müssen ihre Zunge im Zaum halten, übles Nachreden über den Nächsten vermeiden - eine besonders gefährliche Falle für ihr Geschlecht.

Nicht Sklavinnen von vielem Wein. Das ist eine Gefahr für alte Frauen, welche im Hinblick auf ihre abnehmende Gesundheit zu diesem Mittel Zuflucht nehmen, Wenn sie nicht genügend achtgeben auf sich selbst, verfallen sie in diese Sklaverei, deren der Feind sich zu ihrem moralischen Schaden bedient und um sie daran zu hindern, einen heilsamen Einfluss auf ihre Umgebung auszuüben. Eine solche Gebundenheit ist um so gefährlicher für die Frau, als ihr Gewissen ihr zeigen wird, wie unpassend solche Gewohnheiten sind und sie deshalb versuchen wird, diese zu verbergen. So verfällt sie in Heuchelei.

Es besteht ein kleiner Unterschied zwischen Sklavinnen sein und dem Wein ergeben sein, wie uns von den Aufsehern und Dienern in 1. Tim. 3,3.8 gesagt wird. Ergeben bezeichnet vielleicht eine Neigung, die man nicht zu verbergen sucht, etwas ganz anderes, als sich berauschen (Eph. 5,18), was eine Entwürdigung ist. In 1. Tim. 3,8 ist das kleine Wort «vielem», das bei den Aufsehern in V. 3 fehlt, bei den Dienern hinzugefügt. Dieses kleine Wort lehrt uns folgendes: je wichtiger die Funktionen im Hause Gottes, um so grösser die Verantwortung, alles zu meiden, was einer gesunden Einschätzung alles dessen, was die Verwaltung des Hauses Gottes betrifft, hinderlich sein könnte.

Lehrerinnen des Guten; auf dass sie die jungen Frauen unterweisen… Hier sind es die alten Frauen, die lehren sollen. Sie lehren in dem einzigen Bereich, worin die Frau es tun soll: im Hause. Sie müssen das Gute lehren, was sich geziemt, aber nie Männer unterweisen. Ihr Tätigkeitsbereich im Hause ist viel mannigfaltiger als das Lehren, denn er kann sich auf alle beziehen, auf Männer, alte Leute, Frauen und Kinder, Kranke, Arme, Ausgestossene; aber wenn es sich um das Lehren handelt, ist es auf die Frauen beschränkt. «Ich erlaube aber einem Weibe nicht, zu lehren», sagt der Apostel, «noch über den Mann zu herrschen, sondern still zu sein» (1. Tim. 2,12). Das Lehren der alten Frauen hat zum Ziel, dass die jungen Frauen in ihrem Leben ein vollständiges Zeugnis von der Belehrung des Wortes darstellen. Mit dem Wort «vollständig» spielen wir an auf die nachfolgenden sieben Ermahnungen an die jungen Frauen.

Die Zahl sieben kommt immer wieder vor in diesem Brief, und wir haben schon davon gesprochen. Sie bedeutet im Worte immer etwas Vollständiges, sei es gut oder böse, auf geistlichem Gebiet.

Kapitel 2, ab Vers 4

Die jungen Frauen sollen also unterwiesen werden, ihre Männer zu lieben, ihre Kinder zu lieben, besonnen, keusch, mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, gütig, den eigenen Männern unterwürfig zu sein, auf dass das Wort Gottes nicht verlästert werde. Die Belehrung an die jungen Frauen empfiehlt in erster Linie «zu lieben», vorab Liebe zu üben im engsten Familienkreis. Der Ehemann hat den ersten Platz in der rechtmässigen Zuneigung der Frau. Es kann in der christlichen Familie vorkommen, dass die Liebe der Frau zu ihren Kindern den Vorrang hat, was dann die Liebe, die sie ihrem Mann schuldig ist, unterdrückt. Die gesunde Unterweisung stellt alles an seinen Platz.

Besonnen sein. Dieses Wort bedeutet Mässigung, Bescheidenheit, Zurückhaltung, Selbstbeherrschung. Mangel an Zurückhaltung, selbst in den rechtmässigsten Zuneigungen, könnte in der Tat vorkommen, und das könnte den Gott gemässen Charakter der Zuneigungen in der Familie gefährden. Keusch. Die Keuschheit ist die notwendige Begleitung und die Folge der Zurückhaltung; denn es handelt sich hier um die Beziehungen der jungen Frau im intimsten Kreis. Die fleischliche Leidenschaft gegenüber ihrem Mann hat darin keinen Platz; und gegenüber den Kindern ist eine strenge Überwachung notwendig, damit keine unreine Neigung geduldet wird.

Mit häuslichen Arbeiten beschäftigt. Das Haus ist, wie wir gesagt haben, der Bereich, welcher der Frau zugeteilt ist. Dieser Bereich ist unendlich mannigfaltig, aber untersagt der christlichen Frau absolut, in den öffentlichen Bereich einzugreifen. Sie würde dadurch (und wie oft ist das leider heutzutage der Fall!) ihren eigentlichen Charakter, nach den Grundsätzen der Regierung Gottes, verlieren. Überall da, wo es sich um das Haus handelt, und zwar im weitesten Sinn dieses Wortes, hat die Frau somit ihren Platz: zeitliche und geistliche Fürsorge, Gebet, Lesen des Wortes, Ermahnung, Evangelisation, sogar Belehrung, (z.B. Apg. 18,26), wenn sie dabei nicht über ihre Grenzen hinausgeht, geistige und materielle Ordnung, Wohltätigkeit, Sorge um alte Leute, Kinder, Kranke und noch vieles andere, all das gehört zum Wirkungsbereich der Frau. In unserem Abschnitt handelt es sich für die jungen Frauen vor allem um die Fürsorge in ihrem eigenen Haus. Ihr Wirkungskreis wird sich mit zunehmendem Alter erweitern, ebenso wie der Kreis des jungen Mannes. Wir haben darin ein Beispiel in den heiligen Frauen, die dem Herrn nachfolgten und ihm dienten mit ihrer Habe (Lukas 8,1-3). Die «häuslichen Arbeiten» beziehen sich hier auf materielle Fürsorge, und wir haben eben gesehen, dass diese nicht vor allen andern den Vorrang haben; aber vom christlichen Standpunkt aus gesehen, sind sie keineswegs unwichtig. Die Ordnung im Hause Gottes lässt keine Unordnung im Hause Seiner Kinder zu. Es gibt eine Gott gemässe Ordnung, welcher sich Kinder und Dienstboten, unter der Leitung der Frau, unterwerfen müssen; in diesem verkleinerten Bereich des Hauses Gottes gilt es Ordnung zu halten, auszuteilen, Kleider auszubessern. für Nahrung und die verschiedenen Bedürfnisse aller besorgt zu sein. In allen diesen Dingen ist uns das wackere Weib der Sprüche als Vorbild gegeben (Sprüche 31,10-31).

Gütig. Die Güte erweist sich in Mitleid, Aufopferung und Hilfsbereitschaft für andere und wird hier angeführt als Mittel gegen den Egoismus, der durch die Sorge um das eigene Haus hervorgebracht werden könnte. Die Güte wendet sich in der Tat an alle, ohne Unterschied, und ist bemüht ihnen zu helfen. Den eigenen Männern unterwürfig. Die Unterwerfung kommt an letzter Stelle, sozusagen als Krönung der Eigenschaften der jungen Frau. Diese schöne Ausgeglichenheit in allen Dingen kann nicht bestehen ohne Selbstverleugnung und Abhängigkeit von der Autorität, welcher die Frau von seiten Gottes unterstellt ist. Das heisst für sie, sozusagen, durch Vermittlung des Mannes, welcher das Haupt der Frau ist, Gott unterwürfig sein, welchem er selbst unterworfen ist.

Alle diese Dinge zusammengefügt verhindern, dass die Frau eine dieser Eigenschaften überbetont, zum Nachteil des christlichen Lebens, wie im Fall von Martha, die «besorgt um viele Dinge» im Hause, die Gemeinschaft mit dem Herrn und Seinem Wort vernachlässigte. In einem Wort, diese Zusammenfügung ist es, was der Frau die Kraft gibt, das Gleichgewicht in allen Teilen ihres Zeugnisses zu bewahren.

Auf dass das Wort Gottes nicht verlästert werde. Wie wir hier sehen, gehört diese ganze Ordnung, selbst die materielle, zum christlichen Zeugnis. Die Welt, die sie sieht, findet so keinen Anlass, wegen Unordnung im christlichen Haus das Wort Gottes zu verlästern, indem sie dieses für das Böse verantwortlich macht. Die Autorität des Wortes kann nicht in Frage gezogen werden, wenn man dessen Früchte sieht. So sehen wir in diesem Kapitel die grosse Wahrheit immer wiederkehren, dass die gesunde Lehre die Basis der ganzen Praxis des christlichen Lebens bildet.

Die Jünglinge desgleichen ermahne, besonnen zu sein. Die Jünglinge zu ermahnen ist keinesfalls die Aufgabe der alten Frauen, sondern ist Titus anvertraut. Die einzige Ermahnung, die den Jünglingen gegeben wird (im Gegensatz zu den sieben Ermahnungen an die jungen Frauen) ist Besonnenheit, d.h. gesunder Sinn, Selbstzucht (siehe Fussnote zu 2. Tim. 1,7), denn, wie wir sehen werden, hatten sie in allen Dingen Titus und seinen Wandel in ihrer Mitte zum Vorbild. Deshalb wird von ihm gesagt: indem du in allem dich selbst als ein Vorbild guter Werke darstellst. Nichts durfte fehlen, und das wollte viel heissen, im praktischen Leben des Abgeordneten des Paulus. Wir haben uns schon weitgehend damit befasst, was «die guten Werke» bedeuten. Sie sind die sichtbaren Kennzeichen des Glaubens und der Liebe, wie wir es in 1. Thess. 1,3 sehen. Die Ermahnungen des Titus, der selbst jung war, an die Jünglinge mussten von seinem eigenen Beispiel begleitet sein; ohne dieses wären sie wertlos gewesen. Aber nebst diesem Beispiel war er dazu berufen zu lehren:

In der Lehre Unverderbtheit, würdigen Ernst, gesunde, nicht zu verurteilende Rede, auf dass der von der Gegenpartei sich schäme, indem er nichts Schlechtes über uns zu sagen hat.

Die Lehre des Titus musste drei Merkmale haben:

  1. Unverderbtheit in der Lehre. Es ist wichtig, dass die Lehre nicht mit zweifelhaften und fremden Elementen vermischt wird, Diese schlechten Zusätze könnten die Hörer dazu führen, die gesunden Teile der Lehre zu verwerfen, oder das Ganze ohne Unterscheidungsvermögen anzunehmen und selbst zu Verbreitern des Irrtums zu werden. Je weniger die Autorität dessen, der die Lehre bringt, bestritten ist, um so ernster ist die zuletzt erwähnte Gefahr.
  2. Würdiger Ernst in der Lehre. Diese Eigenschaft fehlt heute oft in der Predigt, in der man, um die Aufmerksamkeit anzuziehen, versucht, Eindruck zu erzeugen, die Einbildung anzusprechen, die Neugier zu wecken. Solche Gewohnheiten, derart leichtfertige oder unpassende Worte, zerstören die heilsame Wirkung der Wahrheit und nehmen ihr den göttlichen Charakter. Sie machen den Redner ungeeignet, und er verliert so das Recht, ein «Ausspruch Gottes» für die Hörer zu sein.
  3. Gesunde, nicht zu verurteilende Rede. Wer lehrt, wird immer Kritiker haben, und zwar häufig in den Reihen treuer Brüder, die seine Worte genau überprüfen, um Unrichtiges als Widerspruch zur gesunden Lehre zu verurteilen. Der «Lehrer» soll keinen Anlass zum Widerspruch geben. Worte, die zu wenig abgewogen und nicht wohlbegründet sind, kommen oft aus dem Wunsch, Neuheiten zu bringen, die den Redner hervorheben. Derartige Aussprüche werden zu einer Waffe in der Hand Übelgesinnter, um den, der lehrt, anzugreifen und blosszustellen. Wenn sein Wort «gesund» ist, so hat es Kraft in sich; man verurteilt kein Heilmittel, das denen, die es nehmen, Gesundheit bringt. Wer unser Reden angreift, ist dann gezwungen, sich beschämt zurückzuziehen, ohne einen annehmbaren Vorwand zum Widerspruch gefunden zu haben.

Kapitel 2, ab Vers 9

«Die Knechte ermahne, ihren eigenen Herren unterwürfig zu sein, in allem sich wohlgefällig zu machen, nicht widersprechend, nichts unterschlagend, sondern alle gute Treue erweisend, auf dass sie die Lehre, die unseres Heiland-Gottes ist, zieren in allem» (V. 9-10).

Ausser den Jünglingen musste Titus auch die Knechte ermahnen. Es war ihm nicht geboten worden, die alten Männer und Frauen zu ermahnen. Beachten wir, wie das Wort sich in den kleinsten Einzelheiten an das hält, was sich schickt. Das Benehmen der Knechte hatte zum Ziel, in allem die Lehre unseres Heiland-Gottes zu zieren. Wer sich bewusst ist, durch Gott selbst gerettet zu sein (und zu welchem Preis!), und wer einen solchen Gott kennt, hat nur den einen Wunsch, von Ihm unterwiesen zu werden und Frucht zu bringen, die mit der empfangenen Belehrung in Übereinstimmung ist. Wenn man das Betragen dieser Knechte sah, musste man sagen können: Sie dienen zur Illustration dessen, was sie von ihrem vortrefflichen Meister gelernt haben; man sieht an ihrem Benehmen welche Schule sie besucht haben; sie machen dieser Belehrung in allen Dingen Ehre. Im Herzen aufgenommen, bringt die «Lehre unseres Heiland-Gottes» bei den Knechten vier Resultate hervor:

  1. ihren eigenen Herren unterwürfig sein. Es gibt einen gewissen Unterschied zwischen Unterwürfigkeit und Gehorsam, und es ist wichtig, diesen nicht zu vergessen, wenn es sich um Autoritäten handelt. Gehorsam hat Bezug auf gegebene Befehle; er soll das Merkmal der Kinder wie auch der Knechte sein. Unterwürfigkeit ist mehr die Anerkennung einer höheren Autorität, unter die man sich beugen soll. Das ist die Haltung, die in einer ausschliesslichen Weise der Frau empfohlen wird, während beim Knecht Gehorsam und Unterwürfigkeit vereint sind
  2. in allem sich wohlgefällig machen. In der Schule des Heiland-Gottes lernt man, sich nicht selbst zu gefallen. Hat der Herr nicht selber Seinem Gott gegenüber den gleichen Weg verfolgt? Der Knecht muss immer wachsam sein, um die Dinge zu entdecken, die seinem Herrn gefallen können. 1
  3. Nicht widersprechen. Zu versuchen, seine eigene Meinung geltend zu machen und sie den Gedanken oder Anordnungen des Meisters, dem der Knecht unterstellt ist, entgegen zu setzen, würde heissen, seine untergeordnete Stellung verlassen.
  4. Nichts unterschlagend. Diese Gefahr ist mit einem Dienstverhältnis, das nicht ein Sohnesverhältnis ist, verbunden. Im Fall von Onesimus (Philemon 1,18) sieht man diese Unterschlagung bei einem unbekehrten Sklaven, der das Vertrauen seines Herrn missbrauchte. Im Gegensatz dazu hatte der christliche Sklave alle gute Treue zu erweisen, eine gewissenhafte Treue in dem, was ihm anvertraut war.

Beachten wir hier, wie oft Gott uns in diesem Brief als der Heiland-Gott vorgestellt wird. Kap. 1,3 hat uns schon den «Befehl unseres Heiland-Gottes» vorgestellt, und im folgenden Vers lesen wir von «Christo Jesu, unserem Heilande». In dem Vers, den wir soeben betrachtet haben (Kap. 2,10), sehen wir «die Lehre, die unseres Heiland-Gottes ist». Der 13. Vers im gleichen Kapitel spricht von der «Erscheinung… unseres grossen Gottes und Heilandes Jesus Christus». Kapitel 3,4 erwähnt, dass «die Güte und die Menschenliebe unseres Heiland-Gottes erschien», um uns zu erretten. Und schliesslich lesen wir im 6. Vers des gleichen Kapitels: «der Heilige Geist, welchen er reichlich über uns ausgegossen hat durch Jesum Christum, unseren Heiland».

So ist also Jesus Christus im Werk des Heils nie von Gott selbst getrennt, sondern Er bleibt immer in göttlicher und vollkommener Gemeinschaft mit Ihm. Gott gebietet, lehrt, und wird als grosser Gott in der Person des Christus erscheinen. In der gleichen Person ist Seine Liebe erschienen und hat Er uns errettet. Wir warten noch auf die Erscheinung Seiner Herrlichkeit in dieser gleichen Person. Unterdessen besitzen wir den Heiligen Geist, ausgegossen über uns durch diesen gleichen Herrn Jesus Christus, unseren Heiland. In einem Wort, das erworbene Heil, der uns gegebene Geist, die zukünftige Herrlichkeit, das alles ist abhängig von Christus, dem Retter, dem Bild des unsichtbaren Gottes, unseres Heilandes. Und, während wir auf diese Herrlichkeit warten, unterweist uns die Gnade (V. 11).

Der Unterschied zwischen dem Brief an Titus und den beiden Briefen an Timotheus ist sehr bemerkenswert, in mancher Beziehung, wovon ich nur die folgende hervorheben will. Der erste Brief an Timotheus spricht mehr zu uns von Gott, dem Schöpfer und Erhalter; der zweite, der uns den Verfall im Hause Gottes und den Weg des Treuen inmitten dieser Trümmer vorstellt, betont ganz besonders die Herrschaft des Christus. Herr, das ist der vorherrschende Titel, den Jesus Christus im zweiten Brief annimmt (1,2.8.16.18; 2,7.14.19.22.24; 3,11; 4,8.14.17.18.22). Die Missachtung der absoluten Rechte des Herrn über uns ist tatsächlich das, was die Menschen der letzten Tage charakterisiert. Der Apostel Petrus sagt von dieser gleichen Zeitperiode: «welche den Gebieter verleugnen, der sie erkauft hat» (2. Petr. 2,1). Daher sind wir Christen, die in der Endzeit leben, berufen, die Unterwerfung unter diese Autorität zu verkünden. Sie kann in keiner anderen Weise bewiesen werden, als durch die absolute Unterwürfigkeit unter Sein Wort. Es ist auffallend, dass uns im Brief an Titus, wo uns der Christ als einer gezeigt wird, der bei jedem Schritt unter die Belehrung dieses Wortes gestellt ist und dessen Autorität über sich verwirklicht, der Name des Herrn nicht ein einziges Mal vorgestellt wird.

Kapitel 2, ab Vers 11

Wir kommen nun zum zweiten Hauptthema dieses Briefes. Wir haben es in unserer Einleitung wie folgt bezeichnet: «Die Belehrung der Gnade über unseren Wandel und unser Verhalten in dieser Welt.»

«Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen, und unterweist uns, auf dass wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf, indem wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes Jesu Christi, der sich selbst für uns gegeben hat, auf dass er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und reinigte sich selbst ein Eigentumsvolk, eifrig in guten Werken» (V.11-14).

In diesem wunderbaren Abschnitt finden wir: 1. Was die Gnade ist. 2. Was sie bringt. 3. An wen sie sich wendet. 4. Was sie lehrt.

In Verbindung mit dem ganzen Inhalt dieses Briefes ist es besonders der letzte Punkt, die Belehrung [Das Wort, das hier für «unterweisen» gebraucht wird (paideuo anstatt didasko und didaskalia «Belehrung oder Lehre», denen man sonst überall in diesem Brief begegnet), scheint uns nicht «Lehrsätze», sondern eher praktische Unterweisung» zu bedeuten, wie sie Kindern gegeben wird: eine Frage des guten Benehmens, der guten Manieren, des Gehorsams und der Achtung, die den Eltern zukommt, des ausdauernden Fleisses im Lernen im Hinblick auf ein zukünftiges Resultat.] der Gnade, was in diesem Abschnitt betont wird. Er enthält einen so unerschöpflichen Reichtum, dass wir Mühe haben werden, nur in grossen Zügen auf seinen Inhalt einzugehen, ohne dabei Wesentliches auszulassen. Beschränken wir uns deshalb darauf, in aller Demut auszusprechen, was der Geist Gottes vor unsere Herzen bringt durch die Worte, die wir soeben angeführt haben.

Die Erwähnung des Heiland-Gottes (V. 10), die in diesem Brief so auffallend ist, führt notwendigerweise auch zur Erwähnung der Gnade und gibt ihr den ersten Platz.

Die Gnade ist nicht die Güte Gottes, auch nicht Seine Liebe; sie ist jenes herzliche Erbarmen, das sich bis zu den verlorenen Sündern herabneigt, um sie zu retten. Die Gnade ist hier eine Person (wie in Johannes 1 das fleischgewordene Wort), eine Person voller Gnade. Sie ist weder ein Grundsatz noch ein abstrakter Begriff; sie ist der Heiland-Gott selbst in der Person eines Menschen, erschienen in einer Weise, dass jeder Mensch sie sehen und empfangen konnte. Sie ist nicht erschienen, um vom Menschen etwas zu verlangen, sondern um ihm etwas Unschätzbares zu bringen: das Heil! Dass es die Gnade Gottes ist, gibt dieser Gnade solchen Wert. Sie ist unumschränkt und vollkommen; eine geringere Gnade als die von Gott kann nur unvollkommen und vorübergehend sein. Die Gnade Gottes ist ewig, wie Er. Die Gnade Gottes bringt das Heil. Sie verlangt und fordert nichts vom Menschen, um ihn zu retten, wie es das Gesetz tut; sie bringt ihm, ohne eine Gegenleistung von ihm zu verlangen. Und was bringt sie ihm? Das Heil.

Bevor wir betrachten, was dieses Heil, dieses «grosse Heil» ist, wollen wir beachten, dass dieser Abschnitt von zwei Erscheinungen spricht: zuerst von der Erscheinung der Gnade, herniedergekommen, um das Heil zu bringen; dann von der Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes Jesu Christi. Die erste Erscheinung bringt uns das Heil in Gnade, die zweite das Heil in Herrlichkeit. Das Heil in Gnade ist in der Vergangenheit völlig vollendet worden, das Heil in Herrlichkeit wird in einer ganz nahen Zukunft vollendet sein, so dass es für den Glauben schon jetzt wie gegenwärtig ist (Phil. 3,20.21).

Der Charakter der Gnade ist unumschränkt. Es heisst nicht, dass sie bringen wird, oder dass sie gebracht hat, sondern dass sie bringt. Das macht aus dem vollkommen vollendeten Heil eine gegenwärtige, unwandelbare Tatsache, die weder verändert noch widerrufen werden kann. Und hinzu kommt, dass sie allen Menschen erschienen ist. Ihre Tragweite ist universell, und niemand ist davon ausgeschlossen.

Diese Unentgeltlichkeit des Heils widerspricht allen Gedanken des Menschen seit dem Sündenfall. Sein Stolz will nicht annehmen, dass ihn die Gabe Gottes nichts kostet. Er nähme lieber einen Heiland-Gott an, der ihm befehlen würde, das Heil zu gewinnen, der ihm Seine Hilfe anböte, um es zu erlangen, oder schliesslich ihn belehrte über die verschiedenen Mittel zu dessen Erlangung. Er würde ein Heil als Resultat seines Eifers in guten Werken begreifen, aber nie ein ganz unentgeltliches Heil. Der Mensch möchte etwas anbieten, um das Heil zu erlangen und sich dann dessen rühmen zu können. In der Tat, wo ist der Mensch, der etwas sehr Kostbares zu niedrigem Preis gekauft hat, und darüber nicht stolz wäre?

Aber kommen wir auf das Heil selbst zurück. Wir haben schon gesagt, es ist eine Sache von unendlicher Grösse, deren Ausmass wir hienieden nicht ermessen können: wir werden die glückselige Ewigkeit brauchen, um seine Tragweite zu ergründen.

Für den Gläubigen ist das Heil nicht nur die Vergebung der Sünden, die er begangen hat. Die grosse Mehrheit der Christen bleibt bei dieser ersten Wahrheit stehen und verbringt ihr Leben ohne die wahre Befreiung zu kennen. Letztere ist nicht die Vergebung der Sünden, sondern die vollkommene Erlösung von der Sünde, der eigentlichen Wurzel, die in uns ist, auch «das Fleisch» und «die alte Natur» genannt, die diese schlechten Früchte hervorbringt: die Sünden. Diese Erlösung hat Christus bewirkt, indem Er an unserer Stelle zur Sünde gemacht wurde. Unsere alte Natur, «die Sünde im Fleische», wurde in Seiner Person gerichtet und gekreuzigt. Wir können uns daher fortan der Sünde für tot halten, und «es ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind.» Auf Grund dieser Tatsache sind für den Gläubigen alle Folgen der Sünde: die Sklaverei Satans, der Tod und das Gericht auf immer zunichte gemacht.

Aber so gross auch diese Erlösung ist, das Heil umschliesst noch viel mehr. Es ist nicht nur die Befreiung von der Sünde und all ihren Folgen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist die jetzige Einführung des Gläubigen in die Gegenwart Gottes, seine Annahme, gemäss der völligen Annahme Christi auf Grund Seines Werkes, durch Gott selbst. Diese Annahme ist dadurch öffentlich erklärt worden, dass Gott Jesum aus den Toten auferweckt hat und Ihn sich setzen liess zu Seiner Rechten. Die Resultate unserer Einführung in die Gegenwart Gottes werden uns unter anderen in folgenden Stellen beschrieben: Joh. 20,17; Römer 5,1-2; Eph. 1,2), usw.

Schliesslich ist das Heil auch die noch zukünftige Einführung in den vollkommenen und ununterbrochenen Genuss aller Dinge, die wir erst in Hoffnung besitzen, die aber in der Herrlichkeit geoffenbart werden (Phil. 3,20.21).

Ein solches Heil bringt uns die Gnade. Haben wir nicht Grund zu sagen, dass es grenzenlos ist?

Und unterweist uns. Die Gnade beginnt damit, dass sie das Heil allen Menschen bringt; danach belehrt sie uns. Der Gläubige befindet sich nun unter der Belehrung der Gnade, nicht wie Israel unter der des Gesetzes. Durch Glauben sind wir nicht mehr unter dem alten Zuchtmeister oder Lehrer, der beiseite gesetzt ist (Gal. 3,24), sondern unter der Gnade. Dieser neue Lehrer wurde in keiner Weise der Welt gegeben. Die Menschen müssen zuerst durch den Glauben errettet sein, erst dann können sie belehrt werden. Die Erretteten bilden fortan eine neue Familie, die Belehrung nötig hat. Die Gnade übernimmt diese Aufgabe; daher finden wir hier das kleine Wort: «und unterweist uns», das von grosser Bedeutung ist. Gott unterweist nicht die Welt, sondern die Gerechten. Gewiss, «er unterweist die Sünder in dem Wege» (Ps. 25,8), das heisst die, die im Bewusstsein ihrer Übertretungen Seine Gnade und Seine Vergebung anrufen. Wenn sie auf diese Weise Gott nahen, indem sie ihr Vertrauen auf Ihn setzen, dann rechnet Er sie zu den «Sanftmütigen» (V. 9 des gleichen Psalms).

Es könnte nie einen Boden der Übereinstimmung zwischen Sünde und Gnade geben, denn sie sind einander gänzlich entgegengesetzt. Die Gnade verbessert den Sünder nicht, sie rettet ihn. Die Sünde trennt den Sünder von Gott, die Gnade führt ihn zu Gott. Die Sünde bringt den Menschen unter das Joch Satans, die Gnade befreit ihn von dieser Sklaverei. Die Sünde bewirkt den Tod) die Gnade gibt das ewige Leben. Die Sünde führt den Menschen zum Gericht) die Gnade bringt ihm die Gerechtigkeit. Die Sünde hat die Verdammnis zur Folge, die Gnade nimmt diese auf immer weg.

Wir wollen nun sehen, worin die Belehrung der Gnade besteht:

Sie unterweist uns im Blick auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft: in bezug auf die Vergangenheit, um die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste zu verleugnen; in bezug auf die Gegenwart) um besonnen und gerecht und gottselig zu leben; in bezug auf die Zukunft, um die glückselige Hoffnung zu erwarten.

Wie wir sehen, ist diese Belehrung der Gnade ganz und gar praktischer Natur, was übrigens die ganze «Lehre oder Unterweisung» dieses Briefes kennzeichnet. Es gibt Belehrungen, die uns unsere himmlische Stellung und die unausforschlichen Reichtümer des Christus vorstellen, Gegenstände, die oft «Glaube» genannt werden, aber hier finden wir, dass uns die Gnade hinsichtlich unseres Wandels hienieden belehrt.

Kapitel 2, Vers 11-15

Lasst uns nun die drei Gegenstände dieser Belehrung näher betrachten:

1. Die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste verleugnen. Verleugnen heisst erklären, dass man eine Person oder einen Gegenstand, die man einmal kannte, nicht mehr kennt. Petrus ist davon ein Beispiel, als er Jesum verleugnete. Praktisch hat der Christ, durch die Gnade unterwiesen, mit den Dingen der Vergangenheit gebrochen: mit der Verachtung, die er gegen Christum zeigte, und mit der Gleichgültigkeit hinsichtlich seiner Beziehungen zu Gott. Gottlosigkeit heisst: ohne Gott sein in dieser Welt; die Lüste die der Augen und die des Fleisches, und der Hochmut des Lebens - gehören zur Welt und nicht zur neuen Natur. Sowohl das Kreuz Christi als auch die Herrlichkeit Christi sind mit diesen Dingen unvereinbar. Der ganze christliche Wandel, durch die Gnade belehrt, ist zwischen dem Ausgangspunkt des Gläubigen: dem Kreuz - und seinem Endziel: der Herrlichkeit - eingeschlossen. Dieser Wandel ist fortan allem gegenüber fremd, was unser Verhalten fern von Gott gekennzeichnet hatte.

2. Dass wir besonnen und gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf.

In dem jetzigen Zeitlauf. Durch die Tatsache, dass Christus «sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat», wurden wir «aus der gegenwärtigen bösen Welt herausgenommen» (Gal. 1,4). Wir gehören somit nicht mehr der Welt an, sondern sind vom Himmel, eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, aber als Christen sind wir immer in Gefahr, dieser Welt gleichförmig zu sein (Röm. 12,2), oder sie sogar zu lieben und so, wie Demas, das Zeugnis Christi zu verlassen (2. Tim. 4,10). Das will nicht heissen, dass wir nicht «in dem jetzigen Zeitlauf leben müssen», aber jede moralische Verbindung zur Welt muss abgebrochen sein. Wir sind in ihr zurückgelassen, um durch unseren Wandel als Erlöste zu zeigen, dass wir von nun an ganz andere Grundsätze des Wandels und Verhaltens haben als sie.

Besonnen und gerecht und gottselig. Was uns betrifft: besonnen; was unseren Nächsten betrifft: gerecht; was Gott betrifft: gottselig. Das soll unser ganzes Leben kennzeichnen, das sich in diesem jetzigen Zeitlauf abspielt, bis es in dem zukünftigen Zeitalter zu voller Entfaltung kommt.

Die drei Dinge, in denen die Gnade uns hier unterweist, bestimmen das praktische Leben aller Klassen von Gläubigen, von denen dieser Brief handelt. Besonnen: Die Besonnenheit oder Weisheit, die Mässigung in allen Dingen, die Zurückhaltung und Selbstbeherrschung kennzeichnen allein schon in diesem Kapitel die alten Männer und Frauen, die jungen Frauen und die Jünglinge (V. 2-6); in einem Wort: alle, die zusammen das Haus Gottes bilden. Gerecht: Wenn die praktische Gerechtigkeit zuerst darin besteht, der Sünde keinen Eingang in unsere Herzen und Wege zu gewähren, d.h. wenn sie uns gegenüber unserer eigenen Person unerbittlich macht, so haben wir aber auch allen anderen das zu geben, was ihnen zusteht. Die Gerechtigkeit muss sowohl unsere Beziehungen zu unseren Brüdern wie auch zur Welt regeln, und darin liegt, denke ich, die eigentliche Bedeutung des Wortes «gerecht». So ist es mit allen Punkten in diesem Brief. Die uneigennützige Fürsorge für die anderen, die jedem erwiesene Ehre, gewährleisten die Ordnung in allen Beziehungen der Glieder des Hauses Gottes zueinander.

Gottselig: Wir haben schon im ersten Vers dieses Briefes gesehen, was Gottseligkeit ist, und wie unzertrennlich sie mit der Erkenntnis der Wahrheit verbunden ist. Hier nun ist die Gottseligkeit die erhabenste der drei Eigenschaften. Gottselig leben heisst, die Beziehung unserer Seele zu Gott ununterbrochen aufrecht erhalten, sowohl in der Liebe und Ehrerbietung, als im Gehorsam und der Furcht, Ihm zu missfallen. Diese Dinge haben zu allen Zeiten die Gläubigen gekennzeichnet. Wie oft wird doch die Gottseligkeit in den Briefen an Timotheus empfohlen; wie manchmal werden uns die damit verbundenen Vorzüge und Segnungen vor Augen gestellt! (Siehe 1. Tim. 2,2; 3,16; 4,7.8; 6,3.5.6.11; 2. Tim 3,5.12 ).

3. Indem wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes Jesus Christus. Auch das ist ein Teil der Unterweisung der Gnade. Sie lehrt uns, das Kommen des Herrn, um uns zu sich zu nehmen, zu erwarten. Wie sollten wir diese Hoffnung nicht glückselig nennen? Sie ist mit keiner Furcht oder Besorgnis vermischt; keine Wolke verdunkelt sie; sie ist für den Erlösten der Triumph und die Krönung der Gnade. Aber für den, der durch die Gnade unterwiesen ist, lässt sich diese Hoffnung nicht von der Erscheinung der Herrlichkeit trennen. Obgleich zwei getrennte Geschehnisse, was ihren Zeitpunkt betrifft, gehören doch beide zum gleichen Ereignis, dem Kommen des Herrn, aber das eine ist Sein Kommen in Gnade, das andere Sein Kommen in Herrlichkeit; das eine ist Sein Kommen für die Heiligen, das andere Sein Kommen mit den Heiligen; das eine Kommen ist sichtbar für die Augen der Erlösten, das andere Kommen sichtbar für die Augen der Welt; das eine ist Sein Kommen zur unaussprechlichen Segnung der Seinigen, das andere Sein Kommen zum unbarmherzigen Gericht über die Welt; das eine ist Sein Kommen, um uns in die himmlischen Örter einzuführen, das andere Sein Kommen, um Seine Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens auf dieser Erde aufzurichten; das eine Kommen, um uns zu sich zu nehmen, das andere, um uns mit Ihm in Herrlichkeit zu offenbaren.

Die Erscheinung ist die «der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes Jesus Christus». Unseres grossen Gottes! Mit welch erhabener Würde, mit welcher Majestät wird der Herr Jesus bei Seiner Erscheinung bekleidet sein! Die Welt wird wehklagen und sich an die Brust schlagen, wenn sie Ihn mit den Wolken kommen sehen wird, aber unsere Herzen werden mit unaussprechlicher Freude erfüllt sein, denn wir werden sagen: Dieser grosse Gott ist unser Gott, dieser grosse Gott ist unser Heiland Jesus Christus. [Beachten wir, dass es in den Versen 12 und 13 sieben Gegenstände der Unterweisung der Gnade gibt. Das ist Fülle von Unterweisung für das praktische Leben und dasVerhalten der Erlösten in dieser Welt.]

Sobald er diesen Namen des «Heilandes» ausgesprochen hat, sieht sich der Apostel in die Gegenwart der Leiden Christi versetzt und betrachtet das praktische Ergebnis des Werkes, das Er vollbracht hat: Der sich selbst für uns gegeben hat, auf dass er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und reinigte sich selbst ein Eigentumsvolk, eifrig in guten Werken.

«Er hat sich selbst für uns gegeben!» Hier sehen wir, was unser Heiland ist, und wohin Ihn Seine Liebe geführt hat! Es ist nicht nur wahr, dass Gott Seinen eingeborenen Sohn gegeben hat, dass Er Ihn für uns geopfert hat, sondern Jesus hat sich auch selbst hingegeben, ganz hingegeben, für uns. Wie wir sehen werden, haben Sein Tod und Seine Leiden noch andere Ziele; aber hier sind wir das Ziel. Wunderbare Liebe für den, der vor Gott die Tiefe seiner eigenen Entwürdigung erkannt hat! Das ist die Geschichte des Schatzes und der sehr kostbaren Perle (Matth. 13). Für den Herrn Jesus sind wir so viel wert, dass Er Sein eigenes Leben gab, um uns zu erwerben. Er hat uns nicht so gesehen, wie wir waren, sondern in den Vollkommenheiten, mit denen Seine Liebe uns bekleiden wollte.

Lasst uns einige andere Stellen anführen, die uns das Ziel Seines Opfers zeigen:

1. Galater 2,20. «Der Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.»

Zusammen mit Titus 2,14 ist diese Stelle vielleicht eine der kostbarsten für unsere Herzen: Er hat sich hingegeben, um wen zu erwerben? Mich, ein einzelner Mensch. Wäre ich allein in der Welt gewesen, hätte Er sich für mich allein bis zum Tod geopfert! In Titus 2 ist es für uns, die Gesamtheit der Erlösten. Er will hier auf Erden ein Volk haben, das Ihm gehört. In Römer 5,8 sehen wir, dass Er für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Wie erhöht doch diese Tatsache die Grösse Seiner Liebe! Als wir nichts als Sünder waren, sah Er in uns schon die Ergebnisse des Werkes, das Er vollbringen würde. Er betrachtete uns im Licht der Erlösung, aber Seine Liebe hat sogar in der Sünde selbst einen Beweggrund gefunden, sich ganz einzusetzen.

2. 1. Korinther 15,3. «Christus ist für unsere Sünden gestorben, nach den Schriften.» Dieses Wort enthält das ganze Evangelium. Das ist der Hauptgrund des Todes Christi. Um uns zu besitzen, musste Er die Frage unserer Sünden regeln.

3. Galater 3,13. Er ist gestorben, um uns «loszukaufen von dem Fluche des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist.» Können wir es erfassen, dass der Heilige und Gerechte in Seiner Liebe so weit ging, sich mit Verfluchten zu identifizieren?

4. Galater 1,4. «Der sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit er uns herausnehme aus der gegenwärtigen bösen Welt.» Ich frage mich, ob wir Christen uns genügend Rechenschaft darüber geben, dass Christus, indem Er starb, um unsere Sünden zu sühnen, das Ziel verfolgte, uns von dieser Welt zu trennen, und ob wir dieses Ziel in unserem ganzen Wandel verwirklichen?

5. Johannes 11,52. «Jesus sollte nicht für die Nation allein sterben, sondern auf dass er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte.» Hier haben wir noch ein anderes Ziel Seines Todes. Er wollte die Seinigen in der Einheit der Familie Gottes hienieden versammeln. Wir sagen «Familie», weil Johannes nicht von der Versammlung spricht, auf die diese Stelle im übrigen ebenso gut angewandt werden kann. Wir müssen auch hier bemerken, dass die Christen dieses Ziel Christi in Seinem Tode kaum mehr anerkennen, als Sein Ziel im ersten Kapitel des Galaterbriefes.

6. 1.Petrus 3,18. «Denn es hat ja Christus einmal für Sünden gelitten…, auf dass er uns zu Gott führe.» Ein unermesslich grosses Resultat Seines Opfers! «Ich habe euch auf Adlers Flügeln getragen, spricht der Herr, und euch zu mir gebracht» (2. Mose 19,4). Und in Johannes 14,6 lesen wir: «Niemand kommt zum Vater, als nur durch mich.»

7. 2.Korinther 5,15. «Und er ist für alle gestorben, auf dass die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und ist auferweckt worden.» Die Wertschätzung des Todes Christi vernichtet in uns den Egoismus, der immer den Menschen zum Mittelpunkt macht, zum Gegenstand, für den er handelt und zu dem er alles in Beziehung bringt. Alle Dinge, von denen die Punkte 3 bis 7 sprechen, können nur verwirklicht werden, wenn wir ständig den Tod und die Leiden Dessen vor Augen haben, der sich selbst für uns hingegeben hat.

8. Epheser 5,25-27. «Christus hat die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben.» Er hat dieses Opfer der Liebe vollbracht, um Seine Braut zu erwerben, den teuersten Gegenstand Seines Herzens; und nachdem Er sie erworben hat, reinigt Er sie während der Wüstenreise, damit sie bei dem Eingang in die Herrlichkeit Seiner würdig sei. Trachten die Christen danach, nicht ihre Sekten zu lieben, sondern die Kirche, die Versammlung, weil Christus sie liebt?

Wir wollen nun zu unserem Abschnitt zurückkehren:

Indem Er sich selbst hingab, verfolgte der Erlöser drei Ziele:

  1. Das erste war, uns von aller Gesetzlosigkeit loszukaufen. Dieses Ergebnis ist durch die Erlösung ein für allemal erreicht worden, wogegen das Werk der täglichen Reinigung, das dazu bestimmt ist, die unterbrochene Gemeinschaft mit Gott wieder herzustellen, während unseres ganzen Wandels hienieden wiederholt werden muss: «Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.» Gott kann dies tun, weil Christus alle unsere Sünden am Kreuze gesühnt hat.
  2. Das zweite Ziel ist, sich selbst ein Eigentumsvolk zu reinigen. Dieses Volk hat Er sich durch Sein Opfer erworben. Die Reinigung, von der hier die Rede ist, hat ein für allemal durch Sein Wort stattgefunden, aber dieses Eigentumsvolk, für das Er sich selbst hingegeben hat, will Er für sich selbst haben, wie es durch Sein Werk geschehen ist, und wie Seine Heiligkeit es verlangt. Wie dieser Abschnitt uns zeigt, geschah dieses ganze Werk, um hienieden eine Familie zu bilden, ein Volk für Gott, eine Braut für Christum.
  3. Sein drittes Ziel ist, dass dieses Eigentumsvolk eifrig in guten Werken sei. Wir haben den Gegenstand der guten Werke schon behandelt und werden noch Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. Aber aus diesem Abschnitt geht hervor, dass der Herr mit der Erlösung bezweckt, Eifer und wirksame Tätigkeit im praktischen Leben Seiner Geliebten zu sehen. Entspricht unser Eifer diesem Wunsch Seines Herzens, oder muss der Herr nicht vielmehr auch zu uns, wie zu Laodicäa sagen: «Sei nun eifrig und tue Busse!»? «Dieses rede und ermahne und überführe mit aller Machtvollkommenheit. Lass dich niemand verachten» (V.15).

In diesem letzten Vers unseres Kapitels wird der Dienst des Titus zusammengefasst. Er musste von diesen Dingen reden (2,1), ermahnen (2,6), zurechtweisen (1,13). Die Autorität zu gebieten, die Titus gegeben war, sollte seinen Dienst inmitten dieses bösen, lügnerischen und faulen Geschlechts der Kreter charakterisieren. Es gibt Fälle, wo nur ein Handeln in gottgemässer Autorität, ausgeübt durch die, welche der Herr dazu bestimmt hat, die Ordnung in Seinem Hause aufrechtzuerhalten, imstande ist, die Flut des Bösen einzudämmen. Das will nicht sagen, dass «gebieten» die Hauptaufgabe sei. Durch Sanftmut, Gnade, Beistand und Liebe werden die Herzen gewonnen; das Handeln mit Autorität hält das Böse zurück. Der Herr selbst gebot mit Autorität den wilden Wellen des Sees, befahl mit Autorität den unreinen Geistern, aber das war nicht die wesentliche Seite Seiner Tätigkeit, so wenig wie die des Dienstes des Titus, des Beauftragten des Apostels. «Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig», hat der Herr gesagt. Sein Charakter, als wahrer Diener, ist nicht nur «durch sein Schelten das Meer auszutrocknen», sondern «den Müden durch ein Wort aufzurichten» (Jes. 50,2.4). Was Titus betrifft, war er nicht nur wegen der Umgebung, in der er berufen war, tätig zu sein, ein besonderer Fall, sondern auch wegen seines Alters. Wahrscheinlich war er, wie Timotheus, noch jung, und deshalb war es besonders wichtig, dass sein Verhalten keinen Anlass zu Verachtung gab, die auf das Wort Gottes, das ihm anvertraut war, zurückgefallen wäre. Darum fügt der Apostel hinzu: «Lass dich niemand verachten» (siehe auch 1. Tim. 4,12).

 

Fußnoten

  • 1 Beachte jedoch Eph 6,6; Kol 3,22 (Anm. d. Red.).
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