Auf dass Er uns zu Gott führe

Ewiges Leben

Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und unser Zeugnis nehmt ihr nicht an. Wenn ich euch das Irdische gesagt habe, und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sage? Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel als nur der, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen, [der im Himmel ist]. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, [nicht verloren gehe, sondern] ewiges Leben habe. Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. (Joh. 3,11–16)

Wir haben gestern abend gesehen, dass im besonderen zwei Dinge für einen Christen kennzeichnend sind, die ihn von den Gläubigen des Alten Testamentes und auch von den Gläubigen, die nach der Entrückung der Versammlung hier auf der Erde sein werden, unterscheiden: erstens die Innewohnung des Heiligen Geistes und zweitens der Besitz des ewigen Lebens. Wir haben uns mit der Innewohnung des Heiligen Geistes beschäftigt und festgestellt, dass Gott, der Heilige Geist, sowohl in jedem Gläubigen persönlich wohnt als auch in allen Gläubigen zusammen als der Versammlung Gottes, dem Haus Gottes.

Heute Abend nun wollen wir uns etwas näher mit dem ewigen Leben beschäftigen. Wie wir bereits gesehen haben, als wir gestern die ersten Verse dieses Kapitels streiften, ist für den Gläubigen in dieser Zeit – nach dem Werk des Herrn Jesus -mit der neuen Geburt der Besitz des ewigen Lebens verbunden. Wenn auch alle Gläubigen des Alten Testamentes von neuem geboren waren, so hatten sie doch nicht das ewige Leben in der Bedeutung, die das Neue Testament diesem Ausdruck gibt. Der Herr gebraucht den Ausdruck „von neuem geboren werden“ zu Beginn dieses Kapitels im Zusammenhang mit dem Reich. Er hatte zu Nikodemus gesagt, dass niemand, der nicht von neuem geboren wäre, das Reich Gottes sehen oder in das Reich eingehen könnte. Es handelt sich dabei um das Reich Gottes, das errichtet werden sollte, doch in Wirklichkeit in der Person des Herrn Jesus vor Nikodemus stand.

Nikodemus, der Führer der Juden, war zu dem Herrn Jesus gekommen, um mit Ihm über das Reich zu sprechen. Doch der Herr stellte ihm unmittelbar vor, dass es nicht ausreicht, ein fleischlicher Nachkomme Abrahams zu sein und äußerlich zu dem Volk Israel zu gehören, sondern dass eine neue Geburt unbedingt notwendig ist, um in das Reich Gottes eingehen zu können. Die Vorrechte, zum Volk Israel zu gehören, waren zwar groß, doch um in das Reich Gottes eingehen zu können, ist es nötig, ein neues, göttliches Leben zu haben, das durch den Heiligen Geist gewirkt ist und den Charakter des Heiligen Geistes trägt: „Was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (V. 6).

Nun sagt der Herr Jesus in Vers 11 zu Nikodemus: „Wir reden was wir wissen, und bezeugen was wir gesehen haben.“ Hier stand Derjenige vor Nikodemus, der allein sagen konnte: „Der ich von Anfang an das Ende verkünde“ (Jes 46,10). Etwas wissen, in der wirklichen Bedeutung dieses Wortes, kann allein Gott. Alles menschliche Wissen ist entweder von anderen gelernt, durch Wahrnehmung erworben oder durch eigenes Nachdenken erlangt. Oft meinen wir, dass das, was wir wissen, wahr ist. Doch wer hätte nicht schon erfahren, dass er sich geirrt hat. Hier aber stand der Sohn Gottes vor Nikodemus, der allein sagen konnte: „Wir reden was wir wissen, und bezeugen was wir gesehen haben.“

Zudem gebraucht der Herr hier die Mehrzahl „wir“. Er spricht nicht nur über sich selbst. In Johannes 14–16 lesen wir, wie der Herr Jesus davon spricht, dass der Heilige Geist vom Himmel auf die Erde kommen und die Jünger an alles erinnern würde, was Er ihnen auf der Erde gesagt hatte. Außerdem würde der Heilige Geist ihnen neue Dinge verkündigen, über die der Herr noch nicht zu ihnen sprechen konnte, weil sie noch nicht fähig waren, diese Dinge zu verstehen. Der Heilige Geist würde hier auf der Erde über das sprechen, was Er im Himmel sah: über den verherrlichten Herrn in der Herrlichkeit. Und es ist der Heilige Geist, durch den wir das Wort Gottes empfangen haben, das uns, wie 1. Korinther 2,9 sagt, die Dinge offenbart, die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und die in keines Menschen Herz gekommen sind; Dinge also, die kein Mensch ausdenken konnte. Der Heilige Geist hat sie uns in dem Wort Gottes offenbart. Doch auch der Herr Jesus offenbarte teilweise diese Dinge, als Er hier auf der Erde war, und der Heilige Geist erinnerte die Jünger an das, was der Herr gesagt hatte, und ließ sie es niederschreiben. Er inspirierte die Schreiber des Neuen Testamentes, so dass das, was der Herr sagte, ohne jeden Fehler zu uns gelangt ist.

Der Herr fährt hier in Vers 12 fort: „Wenn ich euch das Irdische gesagt habe, und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sage?' Das, worüber Er bis dahin mit Nikodemus gesprochen hatte, nennt Er hier das Irdische. Dabei ging es um die neue Geburt in Verbindung mit dem Reich Gottes auf der Erde. In dem zweiten Teil dieses Verses nun spricht der Herr über das Himmlische.

Er zeigt, dass Er nicht nur weiß, worüber Er spricht, sondern dass Er auch von dem, was Er sagt, tatsächlich sprechen kann: „Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel, als nur der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen, der im Himmel ist“ (V. 13). Er ist der Einzige, der über himmlische Dinge sprechen konnte, denn niemand anders ist jemals aus dem Himmel herabgestiegen. Wenn auch die entschlafenen Gläubigen, wie der Herr in Lukas 16,22 sagt, im Schoß Abrahams sind (das ist ohne Zweifel im Himmel), so ist doch niemand von dort zurückgekehrt, der etwas darüber hätte berichten können. Das, was die Gläubigen im Schoß Abrahams sehen, sind wunderbare Dinge, von Lazarus lesen wir, dass er dort getröstet wurde (Lk 16,25). Und doch sind die Dinge, die der Herr Jesus mitgeteilt hat, unvergleichlich höher. Er allein war im Haus des Vaters gewesen, ja, wir lesen sogar, dass Er, während Er mit Nikodemus sprach, im Schoß des Vaters war: „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). Kein Mensch und kein Engel ist jemals im Vaterhaus gewesen. Nur der Herr konnte davon sprechen, wer der Vater war und wer Gott war. Er selbst ist Gott, offenbart im Fleisch (1. Tim 3,16). Er allein kannte den Vater, denn Er war der Sohn. Die Engel kannten Gott, sie kannten auch den Herrn Jesus als ihren Schöpfer, als den HERRN. Aber sie kannten Gott nicht als Vater. Sie waren Diener. Allein der Herr Jesus kannte den Vater und konnte Ihn offenbaren.

Welche Herrlichkeit besaß doch der Herr Jesus. Alles, was im Himmel ist, gehört Ihm. Kolosser 1,16 sagt: „Denn durch ihn sind alle Dinge geschaffen worden, die in den Himmeln und die auf der Erde ... alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen.“ Und in dem ungeschaffenen Himmel, dem Vaterhaus, hat Er mit dem Vater und mit Gott, dem Heiligen Geist, in Ewigkeit gewohnt. Die ganze Herrlichkeit des Vaterhauses war nur die Offenbarung seiner eigenen Herrlichkeit, denn Er war der Mittelpunkt der ganzen Herrlichkeit des Vaterhauses. Er war Derjenige, der im Schoß des Vaters war, an seinem Herzen, als der Mittelpunkt all der Gefühle des Vaters. Die ganze Herrlichkeit der Liebe des Vaters war auf Ihn gerichtet. Und nun sagt der Herr hier, dass Er aus dem Himmel gekommen ist und uns die himmlischen Dinge mitteilen kann.

Und nicht nur das. Als der Herr mit Nikodemus redete, war Er bereits mehr als dreißig Jahre hier auf der Erde, und doch sagte Er: „ ...der Sohn des Menschen, der im Himmel ist.“ Während Er in dieser Nacht in Jerusalem mit Nikodemus sprach, war Er im Himmel und konnte zu Nikodemus über die Dinge sprechen, die Er im selben Augenblick im Himmel sah und hörte. Er war der Sohn des Menschen, der im Himmel ist. Welch ein wunderbarer Ausdruck! Wir hätten vielleicht geschrieben: „Der Sohn Gottes, der im Himmel ist.“ Doch der Herr Jesus sagt: „Der Sohn des Menschen, der im Himmel ist.“ Der Herr Jesus ist erst Mensch geworden, als Er auf diese Erde kam. Er war wirklich Mensch, hatte einen menschlichen Leib, eine menschliche Seele und einen menschlichen Geist, und doch war Er zugleich der wahrhaftige Gott. Er war eine Person, ein Christus, unzertrennbar in einer Person vollkommener Mensch und der wahrhaftige Gott. Wir können das niemals voneinander trennen, dass Er wahrhaftig Gott war und zur gleichen Zeit wahrhaftig Mensch, obwohl die Schrift das an manchen Stellen unterscheidet. An bestimmten Stellen sehen wir, dass Er wahrhaftig Mensch war, und an anderen wieder, dass Er der ewige Gott war.

So finden wir z. B. in Johannes 4, dass Er, der der ewige Gott ist, der nicht müde noch matt wird, sich müde von der Reise an den Jakobsbrunnen setzte und hungrig und durstig war. Trotzdem konnte Er zur gleichen Zeit dieser Frau mitteilen, dass Er lebendiges Wasser geben kann. Er sagte ihr sogar, dass Er der ewige Gott ist: „Wenn du die Gabe Gottes kenntest, und wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken,“ – Er war der ewige Gott – „so würdest du ihn gebeten haben, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“, nämlich den Heiligen Geist, der in ihr wohnen würde, so wie er jetzt in uns wohnt. Es ist der Heilige Geist, der das Wort Gottes in unseren Herzen lebendig macht, so dass wir durch das neue Leben, das wir erhalten haben, in eine lebendige Verbindung mit Ihm selbst als Gott, dem Sohn, gekommen sind.

Doch dann geht der Herr in Vers 14 unmittelbar dazu über, von seinem Sterben am Kreuz zu sprechen, worüber Er bis jetzt nicht mit Nikodemus gesprochen hatte. Wir haben gesehen, dass die neue Geburt auch das Teil der alttestamentlichen Gläubigen war und nicht nur derer, die nach dem Werk des Herrn Jesus mit ihrer Sünde und Schuld zu Gott gegangen sind. Natürlich wäre, wenn der Herr Jesus nicht das Werk am Kreuz vollbracht hätte, auch im Alten Testament kein Mensch gerettet worden. Ebenso waren auch alle Segnungen im Alten Testament nur im Blick auf das Kreuz möglich und wird Gott auch die Segnungen des 1000-jährigen Reiches in der Zukunft nur im Blick auf das Kreuz geben können. Nur weil Gott das Kreuz sah, konnte Er die Sünden im Alten Testament hingehen lassen (Röm 3,25) und konnte Er Menschen in der neuen Geburt ein neues Leben geben, ein Leben, das fähig ist, mit Ihm in Verbindung zu kommen und Segnungen zu kennen und zu genießen. Doch die Gläubigen des Alten Testamentes waren von neuem geboren, bevor der Herr Jesus das Werk auf dem Kreuz vollbrachte. So waren auch die Jünger, wie der Herr selbst sagt, von neuem geboren, bevor Er zum Kreuz ging: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe“ (Joh 15,3). Zu Petrus sagt Er: „Wer gebadet ist, hat nicht nötig, sich zu waschen, ausgenommen die Füße, sondern ist ganz rein“ (Joh 13,10). Der Herr spricht hier über die neue Geburt. Doch nachdem der Herr das Werk am Kreuz vollbracht hatte und aus den Toten auferstanden war, hauchte Er in sie und teilte ihnen das Auferstehungsleben mit (Joh 20,22). Das konnte Er tun als der Auferstandene. Und das ist es auch, was wir in Johannes 3,15 lesen, dass das ewige Leben nur aufgrund seines Werkes gegeben werden konnte: „Gleichwie Moses in der Wüste die Schlange erhöhte, also muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben habe“1.

Der Herr sagt also, dass diejenigen, die an Ihn glauben würden, ewiges Leben nur deshalb empfangen könnten, weil Er erhöht werden und sterben würde. Sein Werk am Kreuz war notwendig, damit Gläubige ewiges Leben erhalten konnten. So sehen wir auch, dass die Jünger erst nach der Auferstehung des Herrn Jesus sein Auferstehungsleben, das ewige Leben, bekamen. Welch eine wunderbare Tatsache ist das!

Der Ausdruck „ewiges Leben“ (bzw. „Leben bis in Ewigkeit“ kommt nur zweimal im Alten Testament vor, und zwar in Ps 133,3 und Dan 12,2). In beiden Fällen wird dieser Ausdruck im Blick auf das 1000-jährige Reich gebraucht, und in eben dieser Bedeutung finden wir ihn auch in Matthäus 25,46. Doch in der Bedeutung, wie der Ausdruck „ewiges Leben“ in Johannes 3 gebraucht wird, finden wir ihn nicht zuvor in der Schrift. Dabei ist die Wahrheit, dass wir das ewige Leben empfangen sollten, soviel wir wissen, das Erste, was feststand und was Gott vor Grundlegung der Welt festgelegt hat. In Titus 1,2 lesen wir: „ ... in der Hoffnung des ewigen Lebens, welches Gott, der nicht lügen kann, verheißen hat vor ewigen Zeiten.“ Gott hat also, bevor die Zeit begann, vor der Schöpfung, vor der Grundlegung der Welt, verheißen, das ewige Leben zu geben. Welch eine unergründliche, wunderbare Wahrheit ist das! Als noch kein Mensch da war und noch kein Engel erschaffen war, gab es nur einen einzigen, dem Gott diese Verheißung geben konnte: dem Sohn. Vor Grundlegung der Welt gab der Vater dem Sohn die Verheißung, uns ewiges Leben zu geben, allen denen, die mit Ihm, dem Sohn, aufgrund seines Werkes am Kreuz verbunden werden und das ewige Leben in Ihm empfangen sollten. Und um hervorzuheben, dass auch hier in Johannes 3 das ewige Leben kein neuer Gedanke ist (wenn auch erst das Werk des Herrn Jesus am Kreuz Gott die Grundlage gegeben hat, Menschen das ewige Leben mitzuteilen), und um zu zeigen, dass es schon vorher die Absicht des Herzens Gottes war, Menschen das ewige Leben zu geben, sagt der Herr anschließend in Vers 16: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“

Gott sandte seinen Sohn, und der Sohn musste sterben. Das war notwendig, damit die Verheißung Gottes erfüllt werden konnte. Der Herr Jesus starb nicht auf dieser Erde – Er wurde von dieser Erde erhöht und hat das Werk auf dem Kreuz vollbracht, aufgrund dessen alle, die an Ihn glauben, ewiges Leben erhalten. Auch darin sehen wir, dass das ewige Leben keine irdische, sondern eine himmlische Sache ist. Das Werk, das die Grundlage dafür ist, dass Gott uns ewiges Leben geben kann, fand nicht auf dieser Erde statt. Wenn auch das Kreuz auf der Erde stand, wurde Er, wie wir hier gelesen haben, doch von dieser Erde erhöht. Nur derjenige, der durch den Glauben an den Herrn Jesus teilhat an diesem Werk, erhält das ewige Leben.

Daraus ersehen wir, dass das ewige Leben in dieser Bedeutung erst das Teil derer sein konnte, die nach dem vollbrachten Werk des Herrn Jesus lebten und durch den Glauben teil an diesem Werk bekommen haben. Die alttestamentlichen Gläubigen waren von neuem geboren, hatten also göttliches Leben, aber nicht die Fülle dieses Lebens, wie sie in dem Ausdruck „ewiges Leben“ enthalten ist. In Johannes 6,54 sagt der Herr Jesus: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag; denn mein Fleisch ist wahrhaftig Speise, und mein Blut ist wahrhaftig Trank.“ Hier wird ausdrücklich gesagt, dass man das ewige Leben durch den Glauben an den Herrn Jesus und sein Werk am Kreuz erhält.

Allein diese Stelle – und es gibt noch viele andere – macht deutlich, dass nur wir, die wir in der Zeit nach dem vollbrachten Werk des Herrn Jesus leben, dieses ewige Leben haben. In Johannes 10,10 nennt der Herr dieses Leben „Leben in Überfluss“. Das war nicht das Teil der Gläubigen des Alten Testamentes, genausowenig wie sie ein Teil des Leibes Christi sind oder zur Braut gehören. Sie haben weder den Heiligen Geist empfangen, noch werden sie in Ewigkeit im Vaterhaus sein. Alle diese Segnungen sind das Teil der Gläubigen der jetzigen Haushaltung und sind verbunden mit dem Besitz des ewigen Lebens.

Wie wichtig ist es, dass wir verstehen, was Gottes Wort über die Bedeutung des Begriffes „ewiges Leben“ sagt. Viele Menschen, und sicherlich auch manche Gläubige, lesen Johannes 3,16 so, als stünde dort: Wer an den Sohn glaubt, kommt nicht in die Hölle, sondern in den Himmel. Aber hier wird gesagt, dass der, der an den Sohn glaubt, das „ewige Leben“ habe. „Ewig“ bedeutet nicht nur, dass etwas nie endet, sondern auch, dass es keinen Anfang hat. Wenn „ewig“ bedeuten würde, dass etwas lediglich nicht endet, wäre jeder Mensch ewig, denn auch das Leben eines natürlichen Menschen, eines Sünders, wird niemals enden. Sein Leib stirbt, aber sein Leben endet nie. Das Leben eines Menschen ist unsterblich, und der Ausdruck „sterblich“ wird in Gottes Wort nur auf den Leib angewandt, niemals auf den Geist und das natürliche Leben, die Seele eines Menschen. Wenn ein Ungläubiger stirbt, wie wir das in Lukas 16 bei dem reichen Mann gesehen haben, geht er in den Hades, in das Totenreich, wo die Ungläubigen bis zum Tage des Gerichts aufbewahrt werden. Der reiche Mann ist dort in vollem Bewusstsein. Er hat Gefühle, er spricht über Feuer, über Schmerzen und über Durst. Wenn die Ungläubigen auferweckt werden, werden ihre Leiber auferweckt, und ihre Seele und ihr Geist werden wieder mit dem Leib vereinigt. Dann stehen sie vor dem großen weißen Thron und werden nach ihren Werken gerichtet und in den Feuersee geworfen (Offb 20). Der Herr Jesus sagt von diesem Ort, dass dort das Feuer nicht erlischt und der Wurm nicht stirbt und dass dort Weinen und Zähneknirschen ist (Mk 9,44; Mt 8,12; Lk 13,28). Dieser Zustand wird niemals enden. Diese Menschen werden niemals aufhören zu existieren, ja, sie werden für immer im Feuersee sein. Welch ein schrecklicher Gedanke für jeden, der den Herrn Jesus nicht kennt!

Würde „ewig“ nicht auch bedeuten, dass etwas keinen Anfang hat, wäre also jeder Mensch ewig. Gottes Wort lehrt jedoch ausdrücklich, dass das nicht der Fall ist, denn es heißt: „Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben“ (Joh 3,36). Etwas, das ewig ist, hat also weder Anfang noch Ende. Nun stellt sich die Frage: Wie kann ich denn ewiges Leben haben? Denn auch als Gläubiger habe ich einen Anfang gehabt. Es gab einen Augenblick, in dem ich ewiges Leben empfing. Hat es also nicht einen Anfang? Doch Gottes Wort sagt niemals, dass ich ewiges Leben in mir habe, ich habe es in dem Sohn, in dem Herrn Jesus. Wie genau ist doch Gottes Wort. Er ist mein Leben. Und Er hat weder einen Anfang noch ein Ende. Der Ausdruck „ewiges Leben“ an sich besagt schon, dass Er mein Leben ist, denn allein Gott ist ewig. Gott, der Sohn, ist mein Leben. In Kolosser 3,4 lesen wir (wenn auch in einem anderen Zusammenhang), dass Christus unser Leben ist.

Wir haben ewiges Leben in dem Herrn Jesus, weil Er unser Leben geworden ist, Er, der von Ewigkeit ist und in alle Ewigkeit sein wird und der in 1. Johannes 5,20 „der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ genannt wird.

Welche wunderbaren Segnungen sind doch damit verbunden, dass der Herr Jesus mein Leben ist! Kann mein Leben etwas besitzen, was ich nicht besitze? Kann ich jemals getrennt werden von meinem Leben? Das ist unmöglich. Wenn der Sohn Gottes mein Leben ist, bin ich ein Sohn Gottes. Wenn Gott, der Vater, der Vater meines Lebens ist, dann ist Er mein Vater. Wenn mein Leben im Vaterhaus zu Hause ist, dann ist das mein Zuhause. Wenn mein Leben über die Welt herrschen wird, dann werde auch ich über die Welt herrschen. All die wunderbaren Verheißungen, die Gott uns in seinem Wort gegeben hat, sind in diesem einen Ausdruck „ewiges Leben“ enthalten. Wir, die wir in dieser Zeit an den Herrn Jesus geglaubt haben, haben durch die neue Geburt das ewige Leben erhalten. Welch eine wunderbare Tatsache, welch herrliche Dinge, die wir in Verbindung damit in Gottes Wort finden! In Johannes 17 hören wir den Herrn Jesus über das ewige Leben zu dem Vater sprechen. Er sagt es so, dass seine Jünger es hören konnten und auch wir es erfahren. In den Versen 2 und 3 lesen wir: „Gleichwie du ihm Gewalt gegeben hast über alles Fleisch, damit er allen, die du ihm gegeben, ewiges Leben gebe. Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen.“ Weil der Herr Jesus in diesen Versen den Vater anspricht, wie wir aus Vers 1 ersehen, können wir hier bei Gott an den Vater denken. Der Besitz des ewigen Lebens bedeutet also, dass wir Gott als unseren Vater kennen und dass wir den Herrn Jesus kennen. Sind wir uns dieser herrlichen Tatsache bewusst? Niemand im Alten Testament kannte Gott als Vater, außer dem Sohn selbst. Nicht einmal die Engel kannten Gott als Vater. Doch hier lesen wir, dass wir, sobald wir dieses Leben empfangen haben, den allein wahren Gott als Vater kennen, so wie der Herr Jesus von Ewigkeit den Vater gekannt hat. Und Er, der wusste, wer Gott als Vater ist, spricht hier darüber. Er allein kannte die volle Tragweite dieser Tatsache und die unendlichen Segnungen, die damit verbunden sind. Das sagt der Herr Jesus hier zu dem Vater, damit wir erfahren, was wir durch den Besitz des ewigen Lebens empfangen haben.

In Römer 8,29 lesen wir, dass es der Ratschluss Gottes war, dass wir dem Bild seines Sohne gleichförmig sein sollten, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern wäre. Wir sind also Brüder des Herrn Jesus, wobei Er selbstverständlich der Erstgeborene bleibt. Doch wenn wir seine Brüder geworden sind, dann ist sein Vater auch unser Vater. In Johannes 20,17 lesen wir, dass der Herr, nachdem Er das Werk vollbracht hatte, Maria zu seinen Jüngern sandte und sagte: „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott.“ Das war das erstemal, dass der Herr Jesus seine Jünger seine Brüder nannte. Und Er konnte das jetzt tun, weil Er das Werk vollbracht hatte und sie aufgrund dieses Werkes das ewige Leben empfangen konnten.

Gott ist nun unser Gott und auch unser Vater, so wie Er auch der Gott und Vater des Herrn Jesus ist (vgl. Eph 1,3). Für Ihn als Gott, der Sohn, war Gott sein Vater, und für Ihn als der Mensch Christus Jesus war Gott sein Gott. In Epheser 1,17 richtet Paulus sein Gebet an den „Gott unseres Herrn Jesus Christus“, und in Kapitel 3,14 beugt er seine Knie vor dem „Vater unseres Herrn Jesus Christus“. Es ist wichtig, dass wir den Unterschied klar sehen, weil wir sonst bestimmte Wahrheiten nicht verstehen können.

Welch eine wunderbare Tatsache ist es doch, dass der Gott und Vater des Herrn Jesus nun auch unser Gott und Vater ist. Und das ist nicht nur das Teil der Väter in Christo, die tiefer in die Wahrheit Gottes und all die herrlichen Wahrheiten eingedrungen sind, sondern das Teil eines jeden, der an den Herrn Jesus glaubt und sein Werk angenommen hat.

Wie kommt nun dieses neue Leben in uns zur Gestaltung? Die Antwort finden wir im ersten Brief des Johannes. Es wird zuweilen gesagt, dass dieser Brief unsere Stellung beschreibt. Ich glaube nicht, dass das ganz richtig ist. Unsere Stellung ist das, was wir in dem Herrn Jesus geworden sind, selbst wenn wir das in der Praxis nur wenig verwirklichen sollten. Unserer Stellung nach sind wir tadellos vor Gott, doch praktisch sind wir nicht tadellos vor dem Vater. Unserer Stellung nach befinden wir uns schon jetzt in dem Herrn Jesus im Himmel. Doch befinden wir uns nicht praktischerweise mit unseren Gefühlen und unseren Gedanken meistens auf der Erde? Aber darum geht es nicht in diesem Brief. Ich möchte das anhand eines Beispiels verdeutlichen.

Wenn jemand ein hohes Amt, z. B. das eines Präsidenten, innehat, kann man von ihm sagen, dass es seine Stellung ist, Präsident zu sein. Aber es ist niemals seine Stellung, der Sohn seiner Eltern zu sein. Die Sohnschaft ist seine persönliche Beziehung zu seinen Eltern, weil er von ihnen das Leben empfangen hat. So ist es auch bei uns. Es ist nicht unsere Stellung, Kinder des Vaters und Brüder des Herrn Jesus zu sein. Das sind wir durch die Geburt geworden; Gott ist unser Vater geworden. So kann Johannes schreiben: „Wiederum schreibe ich euch ein neues Gebot, das was wahr ist in ihm und in euch“ (1. Joh 2,8). Der Apostel zieht also die Schlussfolgerung: Das, was in dem Herrn Jesus wahr ist, ist auch wahr in mir. Johannes sagt in seinem Brief gleichsam: Wenn ihr wissen wollt, was und wie euer Leben ist, dann müsst ihr den Herrn Jesus betrachten. Denn in seinem Evangelium beschreibt Johannes vom ersten bis zum letzten Kapitel die Herrlichkeit des Herrn Jesus als Gott, der Sohn: Gott, offenbart im Fleisch. Johannes zeigt uns, wie der Herr Jesus Gott offenbart hat und wie Er auch die vollkommene Offenbarung des ewigen Lebens war. Und wenn wir Ihn in all seinen Herrlichkeiten betrachten, dann dürfen wir sagen: Das ist mein Leben. Wenn ich also wissen will, was das ewige Leben ist, das ich empfangen habe, dann muss ich den Herrn Jesus betrachten, wie Er im Johannesevangelium dargestellt wird, wo der Heilige Geist uns seine ganze Herrlichkeit zeigt. Und dann darf ich wissen: Das ist mein Leben. ist das nicht ein wunderbarer Gedanke? „Was wahr ist in ihm und in euch.“ Wenn Er mein Leben ist, dann trifft das, was von Ihm gesagt wird, auch auf mich zu.

Wenn sein Leben Licht ist, dann ist auch mein Leben Licht; und wenn sein Leben Liebe ist, dann liebe auch ich. Alle diese herrlichen Dinge können von meinem Leben gesagt werden, wie schwach wir dieses Leben auch praktisch verwirklichen mögen.

Nun ergeben sich noch weitere Schlussfolgerungen aus der Tatsache, dass der Herr Jesus mein Leben ist. In 1. Johannes 1,5 lesen wir: „Und dies ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: dass Gott Licht ist und gar keine Finsternis in ihm ist.“ Wenn der Sohn Gottes unser Leben und Licht ist, können wir auch verstehen, dass der Epheserbrief sagt: „Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht in dem Herrn, wandelt als Kinder des Lichts“ (Kap. 5,8). Und in 1. Johannes 1,7 lesen wir: „Wenn wir aber in dem Licht wandeln, wie er in dem Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde.“ Hier wird ausdrücklich gesagt, dass Er in dem Licht ist. Wenn mein Leben im Licht ist, dann bin auch ich im Licht. Dieser Vers sagt also deutlich, dass ein Gläubiger nicht in der Finsternis wandeln kann. Der Herr ist im Licht, und so sind auch wir im Licht. Jeder Gläubige, der das neue Leben empfangen hat, wandelt im Licht. Er kann nicht mehr in der Finsternis sein; er ist im Licht, weil sein Leben im Licht ist. Das heißt nicht, dass ein Gläubiger nicht der Finsternis entsprechend wandeln oder gleichsam auf die Finsternis zugehen kann, aber er kann nie in der Finsternis wandeln. Dagegen wandeln alle Ungläubigen in der Finsternis, sie können nicht im Licht wandeln. Es geht hier nicht um die Frage, wie der Gläubige wandelt, sondern wo er wandelt: wir wandeln in dem Licht. Ebenso heißt es, dass wir Gemeinschaft miteinander haben. Es wird einfach die Tatsache festgestellt, dass alle Gläubigen in dem Licht Gemeinschaft miteinander haben und dass das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, uns von aller Sünde reinigt. In dem Licht herrscht das Blut des Herrn Jesus. Es bewirkt, dass wir nicht verunreinigt werden können und dass unsere Verbindung zu Gott nicht unterbrochen werden kann. In den Augen Gottes können wir nicht mehr verunreinigt werden, weil wir an dem Blut des Herrn Jesus teilhaben. Sein Blut herrscht dort in der Gegenwart Gottes im Licht, wo wir sind.

Ich möchte wieder ein Bild gebrauchen, um das zu verdeutlichen. Wenn ich schmutzige Hände habe und sie mit Wasser und Seife wasche, können meine Hände solange nicht wieder schmutzig werden, wie sie im Seifenwasser bleiben. So ist es auch mit dem Licht. So wie der Herr Jesus in dem Licht ist, sind auch wir in dem Licht: weil Er unser Leben ist und kraft seines Blutes können wir dort nicht verunreinigt werden. Wir haben, wie Johannes 6 sagt, sein Fleisch gegessen und sein Blut getrunken, uns also von einem gestorbenen Heiland ernährt und dadurch das ewige Leben erhalten. Das bedeutet, dass wir an all den wunderbaren Ergebnissen seines Werkes teilhaben – dort in dem Licht, wo Er ist; und da ist das Blut, so dass wir niemals unrein werden können. Wenn ein Kind Gottes sündigt, wird dadurch seine Gemeinschaft mit dem Vater unterbrochen, weil der Vater keine Gemeinschaft mit Unreinigkeit haben kann. Doch wir bleiben Kinder des Vaters.

Unser Verhältnis als Menschen zu Gott bleibt davon völlig unangetastet, denn der Herr Jesus hat mit einem Opfer auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden (Hebr 10,14).

Wir haben nun gesehen, dass damit, dass wir ewiges Leben haben, auch die Tatsache verbunden ist, dass wir im Licht wandeln. Doch Gott ist nicht nur Licht, sondern auch Liebe. Und das bedeutet, dass, wenn wir die Natur Gottes empfangen haben, wir auch lieben. Deshalb lesen wir in 1. Johannes 4,12: „Niemand hat Gott jemals gesehen.“ Dieser Ausdruck kommt noch einmal vor in Johannes 1,18, und dort wird gleichsam als Antwort hinzugefügt: „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht.“ Gott in seiner absoluten Gottheit bewohnt ein unzugängliches Licht (1. Tim 6,16). Die Engel haben Gott, ihren Schöpfer, zum erstenmal gesehen, als der Sohn Gottes Mensch wurde (1. Tim 3,16). Darum lobten die Engel Gott auch auf dem Feld von Bethlehem. Der Sohn Gottes ist die einzige Offenbarung Gottes: „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1). Das Wort ist die Offenbarung dessen, was in einer Person ist. Der Herr Jesus ist das Wort Gottes. Er allein offenbart Gott. Der griechische Ausdruck „logos“ macht das noch klarer: damit ist nicht die „Rede“ oder äußere Form des Wortes gemeint, sondern das, was der Sprecher zum Ausdruck bringen will. „Logos“ ist der Ausdruck des inneren Gedankens dieser Person. So ist der Herr Jesus die Offenbarung Gottes. Als Er auf diese Erde kam, wurde Gott offenbart im Fleisch und, wie ich gesagt habe, sahen selbst die Engel da zum erstenmal ihren Schöpfer. Bis dahin hatten sie nur seine Taten gesehen. Sie jauchzten, als Gott die Schöpfung ins Dasein rief (Hiob 38,7). Sie sahen seine göttliche Herrlichkeit und seine Majestät in seinen Werken: doch Gott selbst sahen sie erst, als der Herr Jesus Mensch wurde und Gott offenbarte. Nur dadurch, dass der Herr Jesus Mensch wurde, konnten auch wir Menschen, wir Geschöpfe, Gott sehen und kennenlernen und konnte Gott die Verheißung des „ewigen Lebens“ an uns erfüllen (Tit 1,2).

Zur gleichen Zeit offenbarte der Herr Jesus auch den Vater. Wir lesen in Johannes 14,9: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Und in Kolosser 2,9 heißt es: „Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig.“ Wer den Herrn Jesus sah, sah Gott, den dreieinigen Gott, also den Vater und den Herrn Jesus und den Heiligen Geist. Er sieht die Fülle der Gottheit, Gott, offenbart im Fleisch. Wenn der Herr Jesus nicht Mensch geworden wäre, hätte kein Geschöpf jemals Gott sehen können. Gott in seiner absoluten Gottheit kann von einem Geschöpf nicht gesehen werden. Doch dadurch, dass der Herr Jesus Mensch wurde, wurde – wenn ich so sagen darf – die göttliche Herrlichkeit so gedämpft, dass unsere Augen und Herzen diese Herrlichkeit anschauen konnten und wir deshalb Gott kennen. Denn auch, wenn wir den Herrn Jesus als unser Leben empfangen haben, bleiben wir doch Geschöpfe mit allen Schwachheiten, die in dieser Zeit damit verbunden sind. In Johannes 14,20 sagt der Herr Jesus: „An jenem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin, und ihr in mir und ich in euch.“

Er gebraucht hier den Ausdruck „an jenem Tag“ und bezieht sich damit auf das Vorhergehende, wo Er sagt, dass Er den Vater bitten würde, uns einen anderen Sachwalter zu geben, der bei uns sein würde in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit (V. 16). Dann würden die Jünger erkennen, dass Er in dem Vater ist. Sie würden also erkennen, dass Er als Gott, der Sohn, vollkommen eins ist mit Gott, dem Vater. Doch dann fährt er fort: „. . . und ihr in mir und ich in euch.“ Mit anderen Worten: Ihr seid vollkommen einsgemacht mit mir, dem Sohn Gottes, der vollkommen eins ist mit dem Vater. Nein, wir konnten und können niemals in die Gottheit, den dreieinigen Gott, eingeführt werden. Das ist für ein Geschöpf unmöglich. Doch könnte es etwas geben, was dem näher kommt, als die Tatsache, dass wir vollkommen einsgemacht sind mit Ihm, der vollkommen eins ist mit dem Vater? Damit dies geschehen konnte, wurde er Mensch.

Wie gesagt, finden wir also hier in 1. Johannes 4,12 zum zweitenmal den Ausdruck: „Niemand hat Gott jemals gesehen.“ Doch nun heißt es weiter: „Wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist vollendet in uns.“ Bei diesem Vers ist es ähnlich wie bei dem Vers in Kapitel 2,8: „Das was wahr ist in ihm und in euch.“ Das, was von dem Herrn Jesus gesagt werden konnte, kann auch von uns gesagt werden, weil wir Ihn als unser Leben empfangen haben. So auch hier: „Niemand hat Gott jemals gesehen.“ Doch als der Herr Jesus hier auf der Erde war, konnten die Menschen Gott sehen: „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). Wenn es nun hier heißt, dass wir einander lieben, so geht es nicht darum, was wir davon in der Praxis verwirklichen, sondern um die Tatsache, dass wir das neue Leben empfangen haben. In 1. Johannes 4,8.16 heißt es: „Gott ist Liebe.“ Wenn wir die neue Natur erhalten haben oder, wie es in diesem Brief ausgedrückt wird, aus Gott geboren sind, dann lieben wir. Wenn Gott Liebe ist, dann liebe ich, weil ich den Herrn Jesus als mein Leben empfangen habe. Das ist der Grundsatz, um den es in diesem ganzen Brief geht. Man ist erst ein Christ, wenn man den Herrn Jesus als sein Leben empfangen hat. Wenn es also hier heißt: „Wenn wir einander lieben“, so bedeutet das: Wenn wir das neue Leben haben, aus Gott geboren sind, „so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist vollendet in uns“.

Was konnte Gott, der Liebe ist, mehr für uns tun als hier ausgedrückt wird: dass Er in uns ist? Konnte der allmächtige Gott mehr geben, als Er uns gegeben hat? Wir sind dem Bild seines Sohnes gleichförmig, sind Gottes eigene Kinder geworden, dürfen denselben Platz wie der Herr Jesus vor Gott einnehmen; wir sind gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus Jesus (Eph 1,3). Das bedeutet, dass Gott uns sein eigenes Teil und das Teil des Herrn Jesus gegeben hat, sonst besäßen wir nicht alle geistlichen Segnungen. Mehr konnte uns der allmächtige Gott nicht geben als sein eigenes Teil. Seine Liebe gibt uns alles, was Er hat, seine Freude, alle seine Segnungen. So ist Gottes Liebe in uns vollendet.

Was bedeutet nun „Niemand hat Gott jemals gesehen“ im Zusammenhang von 1. Johannes 4,12? Es ist wahr, niemand hat Gott jemals gesehen. Doch Gott wohnt in uns.

Die Welt kann Gott jetzt sehen, und sie sieht Ihn in uns, wie sie Gott sehen konnte, als der Herr Jesus hier auf der Erde war, denn Er war Gott, offenbart im Fleisch. Jetzt kann die Welt Gott in den Gläubigen sehen, denn sie haben die göttliche Natur, und soweit das neue Leben praktisch in ihrem Leben offenbar wird, sieht die Welt Gott in ihnen. Es geht hier, wie ich schon sagte, um den Grundsatz. Johannes spricht in diesem Brief nicht von unserem Fleisch und auch nicht davon, inwieweit wir das, was wir sind, praktisch verwirklichen. Die Wahrheit wird hier vorgestellt, wie sie grundsätzlich ist, in abstrakter Weise, ohne alle Nebeneinwirkungen. Weil wir den Herrn Jesus als unser Leben haben, sind wir jetzt die Offenbarung Gottes auf der Erde. Als der Herr Jesus auf der Erde war, offenbarte Er Gott, also offenbaren auch wir jetzt Gott, so dass das, was wir in 1. Johannes 2,8 gelesen haben, zutrifft: „Das, was wahr ist in ihm und in euch.“ Was von Ihm wahr ist, ist auch von uns wahr. Das, was bei Ihm gefunden wurde, muss notwendigerweise auch bei uns vorhanden sein. Ist das nicht eine wunderbare Tatsache?

So sehen wir, was ein Christ in Wirklichkeit ist. Kein Gläubiger im Alten Testament ist das je gewesen oder wird das sein, und auch kein Gläubiger in der Zeit nach der Entrückung. Ein Christ hat Christus, den Sohn Gottes, als sein Leben empfangen, und der Heilige Geist wohnt in ihm. Der Heilige Geist ist die göttliche Kraft, wodurch dieses Leben sich entfalten und alles genießen kann, was sein Teil ist. Das heißt, dass ein Gläubiger durch die Kraft des Heiligen Geistes die ganze Herrlichkeit und die Liebe des Vaters genießen kann, so wie Er sie in seinem Sohn offenbart hat und wie der Sohn sie in Ewigkeit genossen hat. In Johannes 17,23 sagt der Herr, dass der Vater uns so liebt, wie Er Ihn liebte. Der Heilige Geist ist die göttliche Kraft in uns, durch die wir diese Liebe und die Herrlichkeit des Vaters, aber auch die Liebe des Herrn Jesus sehen und in unsere Herzen aufnehmen und genießen können. In Johannes 4 sagt der Herr zu der samaritischen Frau, dass Er ihr Wasser geben würde, das zu einer Quelle lebendigen Wassers werden würde, das ins ewige Leben quillt (oder: zu einer Fontäne lebendigen Wassers, die aufspringt bis ins ewige Leben). Das neue Leben in uns wird durch den Heiligen Geist also in eine lebendige Verbindung mit der Quelle, mit Gott, dem Sohn, in der Herrlichkeit gebracht. So können wir jetzt schon auf der Erde Ihn genießen, solange wir noch hier sind und Er in der Herrlichkeit ist. In Ewigkeit wird der Heilige Geist die Kraft sein, die in dem neuen Leben wirkt, damit wir Ihn genießen können. Das neue Leben hat die Fähigkeit, Gott zu erkennen; aber die Kraft, durch die wir in der Lage sind, all das in Besitz zu nehmen und zu genießen, ist der Heilige Geist. Und schon jetzt, in dieser Zeit, ist das der Fall, aber es wird in Vollkommenheit so sein, wenn wir bei ihm sind, wo es keine Schwachheit und kein Hindernis mehr geben wird durch die Umstände, in denen wir hier leben.

Wenn wir das alles betrachten, sehen wir, was also ein Christ ist: Christus als Gott, der Sohn, ist sein Leben. Gott, der Heilige Geist, wohnt in ihm. Solange wir hier auf der Erde sind, ist Er unser Fürsprecher und verwendet Er sich für uns. Und im Himmel ist der Herr Jesus unser Fürsprecher, der sich dort für uns verwendet, solange wir auf der Erde sind.

Diese Dienste des Heiligen Geistes und auch des Herrn Jesus als Fürsprecher werden ihr Ende finden, wenn wir in der Herrlichkeit sind. Doch in alle Ewigkeit wird der Heilige Geist die Kraft bleiben, durch die wir alles, was im Himmel ist, in Besitz nehmen können. Gott, der Vater, ist unser Vater, und wir sind seine Kinder. Wir haben Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott. Der Vater liebte uns so, dass Er seinen Sohn gab, weil wir nur dadurch, dass der Sohn am Kreuz starb, das ewige Leben empfangen konnten. „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“ (Joh 3,16). Der Sohn gab sich selbst, der Sohn Gottes, „der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Er hat das Werk vollbracht, weil das der einzige Weg war, auf dem wir alle diese Segnungen empfangen konnten. Und Gott, der Heilige Geist, kam vom Himmel auf diese Erde, um in uns zu wohnen und uns durch die Wüste zu führen und in uns die Kraft zu sein, durch die wir schon jetzt und in Ewigkeit alles in Besitz nehmen und genießen können, was mit dem wunderbaren Verhältnis, in das wir gebracht sind, verbunden ist.

Fußnoten

  • 1 Der Zusatz „nicht verloren gehe, sondern“ steht in Vers 15 in Klammern und fehlt dort in den wichtigsten Handschriften.
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