Betrachtung über Esther

Kapitel 4

Betrachtung über Esther

Die Juden waren verständlicherweise in großer Bestürzung. Ihr Untergang war besiegelt; so schien es wenigstens. Und das um so mehr, als dass es im persischen Reich eine feste Regel war, dass ein einmal verabschiedetes Gesetz nie widerrufen wurde - „nach dem Gesetz der Meder und Perser, das unwiderruflich ist“ (Dan. 6,9; 13 , Anm. d. Ü.). So gab es offensichtlich keine Rettung für das Volk. Der Herrscher über 127 Landschaften hatte eine königliche Anordnung erlassen, mit seinem Siegel unterzeichnet und durch Boten im ganzen Reich verbreitet. Der Tag war bestimmt und die Juden als Opfer benannt. Der Untergang schien sicher; aber Mordokai zerreißt seine Kleider, legt Sacktuch an, geht mitten in die Stadt und erhebt ein lautes und bitteres Geschrei (Esther 4,1), aber auch wenn der Name Gottes nicht erwähnt wird, so hörte Er doch. Mordokai kam bis an das Tor des Königs, denn es durfte niemand hineingehen, der Sacktuch trug. So kam er bis zum Tor, ging aber nicht hinein. Esther hörte davon und wurde sehr bestürzt, obwohl sie den genauen Grund für sein Verhalten nicht kannte. Sie sendet einen der Kämmerer zu Mordokai und Mordokai berichtet ihm alles, was ihm geschehen war und von dem Preis, den Haman versprochen hatte zu zahlen und dass die Vertilgung der Juden nahe bevorstand.

Esther beauftragt daraufhin Hathak, um Mordokai von der Hoffnungslosigkeit der Situation zu überzeugen. Das beabsichtigte Ziel war, dass sie zum König gehen sollte, um Fürbitte zu tun. Aber wie sollte das geschehen? Es gab ein Gesetz im persischen Reich, nach dem niemand ungerufen zum König gehen konnte. Es war der König, der einen zu sich rief, und er hatte die Königin seit 30 Tagen nicht gerufen. Es war gegen das Gesetz, ein solches Wagnis zu unternehmen. Dementsprechend sendet Mordokai ihr eine sehr deutliche und schwerwiegende Nachricht. „Denke nicht in deinem Herzen“ sagt er, „dass du allein im Haus des Königs von allen Juden entkommen wirst. Denn wenn Du in dieser Zeit schweigst, so wird Befreiung und Errettung für die Juden von einem anderen Ort her erstehen“. Mit keinem Wort wird hier Gott erwähnt; Er ist hier verborgen. Mordokai meint Gott, aber Dessen Verborgenheit ist hier so vollkommen, dass er hier mit den bemerkenswerten Worten „so wird Befreiung und Errettung für die Juden von einem anderen Ort her erstehen“ nur eine vage Andeutung macht, denn Gott würde vom Himmel hernieder blicken; aber Mordokai erwähnt hier nur den Ort und nicht die Person - „du aber und deines Vaters Haus, ihr werdet umkommen. Und wer weiß, ob Du nicht für eine Zeit, wie diese, zum Königtum gelangt bist?“

Esther wird so dazu gebracht, die Situation richtig einzuschätzen. Sie teilt sowohl Mordokais Empfindungen für das Volk völlig, als auch sein Vertrauen, dass von einem anderen Ort her Befreiung kommen würde. So bittet sie Mordokai: „Geh hin, versammle alle Juden, die sich in Susan befinden; und fastet um meinetwillen, und esst nicht und trinkt nicht drei Tage lang, Nacht und Tag.“ Sie selbst würde es ebenso tun. „Auch ich werde mit meinen Mägden ebenso fasten. Und dann will ich zum König hineingehen.“ Mit keinem Wort werden jetzt Düfte und Wohlgerüche - also Dinge, die für die Gegenwart des Königs passend wären - erwähnt. Sie war fest entschlossen; es ging um das Gebot des Königs; und obwohl sie Gott nicht erwähnt, wird deutlich, wie sie innerlich steht. Und so geht sie mit dieser einzigartigen aber gerade hier so bewundernswerten Vorbereitung - dem Fasten - als starker Ausdruck der Demütigung vor Gott; und selbst hier wird der Name Gottes nicht erwähnt. Es ist keine Frage, dass Gott über allem und hinter den Geschehnissen steht, aber sichtbar wird nur das Fasten der Menschen und nicht der Gott, vor dem es geschah. „Und wenn ich umkomme, so komme ich um!“ Ihr Herz war fest entschlossen.

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