Das Herz gewinnen
Eine Auslegung zum Philemonbrief

Anhang 1: Praktische Lektionen für den Lebensalltag des Christen

Das Herz gewinnen

Unabhängig von den unmittelbaren Texterklärungen und den Anwendungen auf uns, möchte ich an dieser Stelle gerne auf einige wichtige generelle Lektionen hinweisen, die wir diesem Brief entnehmen können. Wir erinnern daran, dass Paulus zu Timotheus sagt, dass alle Schrift von Gott eingegeben ist und damit für uns zugleich einen praktischen Nutzen hat. Dieser Brief soll uns – wie alle anderen Briefe – helfen, vollkommen und zu jedem guten Werk völlig geschickt zu sein (2. Tim 3,17).

1. Der Mittler Paulus

Paulus zeigt auf eine sehr schöne Art und Weise, wie es möglich ist, als Vermittler zu fungieren, wenn Glaubensgeschwister Hilfe nötig haben. Es passiert immer wieder, dass es zwischen Brüdern und Schwestern zu Meinungsverschiedenheiten und Differenzen kommt, die es aussichtslos scheinen lassen, dass sie sich einigen. In solchen Fällen können andere als Mittler fungieren und sich für beide Seiten einsetzen. Genau das tut Paulus hier. Er vertritt in erster Linie die Position des Schwächeren, d. h. die von Onesimus. Dennoch vergisst er weder die Rechte, die Philemon hatte, noch das Unrecht, das ihm angetan worden war. Er sah die Wunde, die entstanden war, und versuchte sie zu heilen. Er wird mit Onesimus darüber gesprochen haben, dass das Unrecht in Ordnung gebracht werden musste, um die Beziehung zu reparieren. In diesem Sinn hat Paulus seine Hand auf beide gelegt und sich als Mittler erwiesen. H. C. Voorhoeve schreibt: „Wie innig fühlte sich Paulus mit dem reichen Philemon verbunden und mit welch einer Zuneigung hing er an dem armen, verachteten Onesimus. Beide waren wirklich in sein Herz geschrieben. Diese Liebe zu Philemon trieb den Apostel, ihn auf die zarteste Weise zu bitten, seinem entlaufenen und schuldigen Sklaven zu vergeben, ihn anzunehmen und dann freizulassen; und diese innere Zuneigung zu Onesimus war die Ursache, dass er in rührenden Worten dessen Seite bei seinem beleidigten Herrn vertrat.“1

Paulus sucht nicht einen faulen Kompromiss. Er sucht nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern er akzeptiert voll und ganz das Recht von Philemon und appelliert dennoch an ihn, Liebe und Gnade zu üben. So funktioniert richtige Mittlerschaft im Volk Gottes. Paulus bagatellisiert die Schuld von Onesimus nicht unnötig. Zugleich macht er sie nicht größer und spricht nicht lieblos darüber. Er befiehlt nicht, sondern appelliert an das Herz und an die Liebe. Gerade wenn es Schwierigkeiten unter Geschwistern gibt, sollten wir mit Regeln und Vorschriften sehr zurückhaltend sein. Damit halten wir die Entfremdung nicht auf und bringen keine Herzen zusammen. Was hilft, ist der Geist der Gnade und Liebe. Wir müssen das Bewusstsein der Gnade und Liebe groß vor die Herzen stellen und Geschwister so füreinander erwärmen.

Darüber hinaus geht Paulus brüderlich und vorsichtig an die Sache heran. Er fällt nicht mit der Tür ins Haus. Er anerkennt das, was die Gnade in beiden „Parteien“ bewirkt hat. Er vermeidet Vorwürfe und geht den unteren Weg der Demut. Er fordert nicht, sondern ist im Gegenteil bereit zu geben. All das sind wichtige Voraussetzungen, wenn man bei Zwistigkeiten eine echte Hilfe sein und vermitteln möchte.

2. Das Handeln Gottes

Der kurze Brief lehrt uns, wie Gott handelt:

  1. Die Souveränität Gottes in seinem Handeln: Wir können uns die Frage stellen, wie ein Mensch wie Onesimus, der weder Gott noch Paulus sucht, in einer Großstadt wie Rom ausgerechnet in die Arme von Paulus läuft. Wie kann es sein, dass dieser Paulus seinen Herrn kennt, dem er gerade weggelaufen ist? Wie kann es sein, dass sich dazu im Gefängnis ein Mann wie Epaphras findet, der ausgerechnet aus der gleichen Stadt kommt wie Philemon und vielleicht sogar die gleichen Zusammenkünfte besucht? Nach menschlichem Ermessen geht die Wahrscheinlichkeit gegen Null. So viele „Zufälle“ kann es gar nicht geben. Doch für Gott ist das alles kein Problem. Bei Ihm gibt es keine Zufälle. Gott hat Onesimus nicht einfach laufen lassen. Er hat jeden Schritt beobachtet und zur richtigen Zeit eingegriffen. Gleiches gilt für Paulus und Epaphras. Das Zusammentreffen der drei war kein Zufall, sondern Führung Gottes. So groß und so souverän ist Gott. Er überlässt keinen Menschen irgendeinem blinden Zufall. Das gilt für Ungläubige wie für Gläubige. Er hat den verlorenen Sohn ebenso gefunden wie Jona, die beide auf der Flucht waren. Allerdings – und das ist die Kehrseite – müssen wir Menschen uns finden lassen. Obwohl Gott souverän ist, zwingt Er sich keinem Menschen auf.
  2. Die verändernde Macht Gottes in der Bekehrung eines Menschen: Die Kehrtwende von Onesimus illustriert sehr praxisnah, was Bekehrung bedeutet, nämlich eine radikale Kehrtwende, die nach außen hin sichtbar wird. Während sich Buße und Glauben wesentlich im Inneren des Menschen abspielen und in erster Linie mit dem Herzen zu tun haben, steht Bekehrung mit dem Wandel in Verbindung. Ein Mensch ändert die Richtung seines bisherigen Lebens. Gottes Macht wird in der Veränderung dieses Mannes deutlich. Wo die Sünde überströmend ist, ist die Gnade noch überreichlicher (Röm 5,20). Wie sündig und verkehrt das Leben eines Menschen sein mag, Gott kann es komplett verändern. Während der Sünder vorher von Gott wegläuft, kehrt er nun zu Ihm zurück. Das war bei Onesimus nicht anders. Nach seiner Bekehrung ging er dahin zurück, wo er vorher gewesen war. Während er vorher unnütz war, wird er nun nützlich. Onesimus erlebte das, was die Thessalonicher erlebt hatten, als sie sich von den Götzenbildern zu Gott bekehrt hatten, um jetzt dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten (1. Thes 1,9.10).
  3. Die Liebe Gottes in den Gläubigen: Der Brief illustriert, wie die in unsere Herzen ausgegossene Liebe sich anderen gegenüber zeigt und wirksam wird. Wir sehen das erstens bei Paulus. Er hätte den ihm nützlichen Onesimus gerne bei sich behalten. Aus Liebe zu Philemon war er bereit zu verzichten, damit ein anderer den Nutzen und Segen hatte. „Die Liebe sucht nicht das Ihre“ (1. Kor 13,5). Zweitens sehen wir bei Philemon, wie sich die Liebe betätigt. Er hatte Liebe zu allen Heiligen. Er liebte sie – unabhängig davon, wie die Gläubigen sich ihm gegenüber verhielten. Die göttliche Liebe macht keine Unterschiede in der Person, sondern höchstens in der Ausdrucksweise, in der sie sich äußert. Im Herzen dürfen wir keinen Unterschied machen, sondern alle Kinder Gottes mit „Inbrunst aus reinem Herzen“ lieben (1. Pet 1,22). Drittens sehen wir bei Onesimus die Ergebnisse der Liebe Gottes. Es war Liebe, dass er Paulus diente, und es war Liebe, dass er bereit war, zu Philemon zurückzukehren und die Sache mit ihm in Ordnung zu bringen. Um diese Liebe praktizieren zu können, müssen wir sie zuerst selbst im Herzen haben und genießen. Mit Recht ist gesagt worden, dass Liebe das einzige Geschenk ist, das wir immer „zurückgeben“ sollten.

3. Das Handeln und die Gesinnung von Paulus

Paulus ist uns aus den Berichten in der Apostelgeschichte und seinen Briefen relativ gut bekannt, so dass wir uns an dieser Stelle auf einige wesentliche Punkte beschränken wollen, die wir von ihm in Verbindung mit unserem Brief lernen können:

  1. Paulus war ein Mann, der über den Umständen stand: Er war ein Gefangener der Römer und bezeichnete sich dennoch als Gefangener Jesu Christi. Paulus sah nicht so sehr die Rute, die ihn schlug, sondern er sah auf den, der die Rute in seiner Hand hatte – und das war Gott. Er beklagte sich nicht über die ungerechte Behandlung durch die Römer, sondern nahm alles aus Gottes Hand. W. W. Fereday schreibt: „Er seufzte nicht über die rohe Gewalt und die Ungerechtigkeit der römischen Machthaber, sondern blickte auf den Herrn. ... Christus war sein Kerkermeister.“2 Wenn wir in notvollen Umständen mehr diese Sichtweise hätten, könnten wir manches Ungemach viel besser ertragen.
  2. Paulus war ein Mann, der in jeder Situation ein Zeuge für seinen Herrn war und andere zu Ihm führte: Die Liebe des Christus drängte ihn, und er wusste um die Notwendigkeit, das Evangelium weiterzusagen (2. Kor 5,14). Er wurde das Werkzeug für Onesimus, sich zu bekehren. Wir liegen wohl richtig, wenn wir davon ausgehen, dass jeder, der mit Paulus zusammentraf, die Botschaft von dem Retter Jesus Christus hörte. Paulus nutzte die Gelegenheiten, die der Herr ihm gab (Kol 4,5). Wie oft nehmen wir widrige Umstände geradezu als Anlass, keine Zeugen für unseren Herrn zu sein und zu schweigen, wo wir reden sollten.
  3. Paulus war ein Mann, der apostolische Autorität besaß und dabei genau wusste, wann er davon Gebrauch machte und wann nicht: Er besaß nicht nur große Erkenntnis, sondern auch die Weisheit, sie richtig einzusetzen. Hier tritt er als jemand auf, der bittet und an das Herz appelliert. Niemand von uns besitzt heute apostolische Autorität. Gleichwohl lehrt uns das Beispiel von Paulus, dass wir die Herzen anderer viel eher in einer demütigen und bittenden Gesinnung erreichen, als wenn wir von oben herab agieren. Erkenntnis allein kann sehr kalt wirken. Deshalb ist Weisheit unabdingbar, um Erkenntnis richtig gebrauchen zu können.
  4. Paulus war ein Mann, der von der Liebe zu seinem Herrn und seinen Geschwistern getrieben wurde: Die Sache zwischen Onesimus und Philemon war ihm wichtig genug, einen Brief mit der eigenen Hand zu schreiben. Paulus kümmerte sich nicht nur um die „großen Dinge“ des Lebens, sondern zur gleichen Zeit um das Schicksal eines weggelaufenen Sklaven. Es war seine Liebe zu Philemon und zu Onesimus, die ihn veranlasste, sich als Mittler einzusetzen. Wir wollen daraus lernen, uns aus Liebe dem Einzelnen zuzuwenden, wenn er es nötig hat. Unser Herr ist das vollkommene Beispiel. Er kümmerte sich nicht nur um die Volksmengen, sondern setzte sich immer wieder für die Nöte Einzelner ein und half ihnen.
  5. Paulus war ein Mann, der die Gesinnung seinen Meisters hatte und an das Wohlergehen anderer dachte: Er verzichtete auf einen Diener, der ihm nützlich war und schickte ihn zu seinem irdischen Herrn zurück, der jetzt sein Bruder in Christus war. Paulus wusste nicht nur, dass Geben seliger ist als Nehmen, sondern er praktizierte es (Apg 20,35). Damit gibt er jedem von uns ein Beispiel. Wie oft ist unser Verhalten durch Egoismus und Eigenliebe geprägt statt von gebender Liebe und Verzicht.

4. Onesimus und sein Verhalten

  1. Die Geschichte von Onesimus illustriert uns nicht nur, was eine Bekehrung bedeutet und wie radikal Gott das Leben eines Menschen ändern kann, sondern sie zeigt uns darüber hinaus, wie aus einem unnützen Menschen ein nützlicher Diener Gottes wird. Sein Name wurde in der Tat sein Lebensprogramm. Vor seiner Bekehrung war er unnütz. Er hatte seinem irdischen Herrn sogar geschadet. Nach seiner Bekehrung war er nützlich – nicht nur Paulus und Philemon, sondern besonders seinem himmlischen Herrn.
    Die Anwendung für uns liegt auf der Hand. Vor unserer Bekehrung waren wir alle „unnütz“. Gott konnte uns nicht gebrauchen und nichts mit uns anfangen. Nach unserer Bekehrung sind wir in der Lage, nützliche Gefäße zur Ehre unseres Herrn zu sein (2. Tim 2, 21). Die Frage ist, ob wir das tatsächlich sind.
  2. Onesimus zeigte die Früchte des neuen Lebens in seinem Verhalten, indem er die Sache mit seinem Herrn in Ordnung brachte. Wir können nicht bestimmt sagen, von wem die Initiative, zu Philemon zurückzugehen, ausging. Vers 12 sagt zwar, dass Paulus ihn zurücksandte. Es ist jedoch nicht ganz auszuschließen, dass es ebenfalls der Wunsch von Onesiumus war. Zumindest musste Onesimus damit einverstanden sein und tatsächlich zurückkehren. Wir lernen daraus, dass ein bekehrter Sünder tatsächlich den Weg praktischer Gerechtigkeit betreten muss. Er muss sein Unrecht, das er Menschen angetan hat, bekennen und in Ordnung bringen. Das gehört zu den würdigen Früchten einer Buße nach Gottes Gedanken. Ein offenes Bekenntnis war nötig, damit die Sache in Ordnung kam.
  3. Das Beispiel von Onesimus belehrt uns über das wichtige Thema praktischer Wiederherstellung bei gestörten Beziehungen. Jeder von uns ist davon betroffen, weil wir leider immer wieder gegeneinander sündigen. Wiederherstellung ist deshalb notwendig und wichtig. Sie beginnt mit einem Bekenntnis vor Gott – und, je nach Sachlage, genauso vor Geschwistern. Das Bekenntnis vor Geschwistern fällt uns in der Regel schwerer, weil wir uns dann offenbaren müssen. Dennoch ist ein solches Bekenntnis notwendig (Jak 5,16). Es ist eine Sache, mit Gott versöhnt zu sein, es ist eine andere Sache, in versöhnten Beziehungen zu unseren Geschwistern zu leben. Gott möchte beides. Dazu müssen wir – wie Onesimus – an den Punkt zurück, wo wir abgewichen sind und uns versündigt haben.

Fußnoten

  • 1 H. C. Voorhoeve: Der Brief an Philemon
  • 2 W. W. Fereday: The Grace of God in Daily Life (The Letter to Philemon)
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