Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

IX. Gericht über die Führer der Juden und über das Volk Israel

Nachdem Jesus seine Unterredungen mit den ungläubigen Führern des Volkes Israel beendet hat, spricht Er nun noch ein Gerichtsurteil über dieses Volk aus. Damit ist ein großer Ernst verbunden. Wir haben immer wieder gesehen, dass das Volk seinen Messias abgelehnt und dieser diese Verwerfung angenommen hat. Dennoch ist Er weiterhin auf sein Volk zugegangen, um es für Gott zu gewinnen. Darin wird die Langmut Gottes sichtbar. Aber die Langmut ist irgendwann einmal ausgeschöpft. Dann bleibt nur noch ein furchtvolles Erwarten des Gerichts übrig (vgl. Heb 10,27).

In diesem Kapitel sehen wir, dass der Herr sich zunächst an seine Jünger und die Volksmengen insgesamt wendet. Er will sie vor der Bosheit der Schriftgelehrten und Pharisäer warnen. Bei den Schriftgelehrten handelt es sich um Juden, die das Amt von Schriftauslegern inne hatten. Dazu gehörten vor allem Pharisäer, aber nicht nur. Die Pharisäer wiederum als Gruppe sind eine jüdische Sekte gewesen, die sich von den Sadduzäern abgrenzten. Es waren orthodoxe Juden, die sich viel auf ihre besondere Heiligkeit und Gesetzesweihe einbildeten.

Im zweiten und größeren Teil des Kapitels spricht der Herr Jesus dann ein siebenfaches Wehe über die Schriftgelehrten und Pharisäer aus, die Er Heuchler nennt. Dieses große Wehe am Ende des Dienstes des Herrn steht den Glückseligpreisungen am Anfang des Dienstes des Herrn (Mt 5,1–12) direkt gegenüber. Zum Schluss zeigt der Herr Jesus dann das Gericht über das ganze Volk – Er spricht vom Gericht über Jerusalem. Trotz allem wird die unbegreifliche Liebe des Herrn deutlich, wenn Er das Gericht nicht ohne eine „Hoffnungstür“ verkündet – das künftige Wiederkommen des Messias.

Eine natürliche Gliederung dieses Kapitels liegt in den sieben Wehe-Rufen des Herrn. Insgesamt aber umfasst das Kapitel allerdings 14 wichtige Abschnitte – ein Hinweis auf das Vollmaß der Bosheit der Führer des Volkes Israel:

  1. Verse 1–12: Gegensatz zwischen Lehre und Werken der Schriftgelehrten und Pharisäern.
  2. Vers 13:1. Wehe über die Irreführung der Menschen
  3. Vers 15:2. Wehe über Sektenbildung
  4. Vers 16:3. Wehe über die Verdrehung göttlicher Maßstäbe
  5. Verse 17.18: Verurteilung falscher Maßstäbe
  6. Verse 19- 22: Verurteilung des falschen Schwörens
  7. Vers 23: Wehe über die Missachtung des eigentlichen Wesens des Gesetzes
  8. Vers 24: Verurteilung des falschen Vorbilds
  9. Verse 25: Wehe über das Übergehen innerer Unreinigkeit
  10. Vers 26: Mahnung zu innerer Reinigung
  11. Verse 27.28: Wehe über das Verbergen innerer Verdorbenheit
  12. Verse 29–32: Wehe über das Vollmaß der Bosheit
  13. Verse 33–36: Verurteilung der Schriftgelehrten und Pharisäer zum Gericht der Hölle
  14. Verse 37–39: Nationales Gerichtsurteil über Israel – Hoffnungstür des Wiederkommens Jesu

Dieses lange Kapitel ist eine Art Einleitung zur letzten großen Rede des Herrn in diesem Buch. Das Wehe über die Führer des Volkes Israel stellt eine Art Gerichtsurteil über das ganze Volk dar. Der Herr schließt diese Gedanken nicht ab, ohne die Wiederherstellung Israels anzukündigen. Damit diese aber eintreten kann, sind Gerichte über die Juden in künftigen Tagen nötig. Davon spricht Jesus dann in den ersten Abschnitten des 24. Kapitels.

Verse 1–12: Das Entlarven der Werke der Schriftgelehrten und Pharisäer

„Dann redete Jesus zu den Volksmengen und zu seinen Jüngern und sprach: Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl Moses gesetzt. Alles nun, was irgend sie euch sagen, tut und haltet; aber tut nicht nach ihren Werken, denn sie sagen es und tun es nicht. Sie binden aber schwere und schwer zu tragende Lasten zusammen und legen sie auf die Schultern der Menschen, sie selbst aber wollen sie nicht mit ihrem Finger bewegen. Alle ihre Werke aber tun sie, um sich vor den Menschen sehen zu lassen, denn sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten groß. Sie lieben aber den ersten Platz bei den Gastmählern und die ersten Sitze in den Synagogen und die Begrüßungen auf den Märkten und von den Menschen Rabbi genannt zu werden. Ihr aber, lasst euch nicht Rabbi nennen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder. Nennt auch niemand auf der Erde euren Vater, denn einer ist euer Vater – der im Himmel ist. Lasst euch auch nicht Meister nennen; denn euer Meister ist nur einer, der Christus. Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein. Wer aber sich selbst erhöhen wird, wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigen wird, wird erhöht werden“ (Verse 1–12).

Zum Verständnis dieser Verse ist es wichtig, die Position zu bedenken, in der sich die Jünger hier befinden. Es geht nicht um die Jünger als Bild der Versammlung Gottes oder als ihre Glieder. Sie gehörten damals zu den jüdischen Übriggebliebenen. Ihre Stellung ist die des Herrn selbst, der in Verbindung mit allem stand, was von Gott in dieser Nation noch vorhanden war. Noch war Israel das anerkannte Volk Gottes nach außen hin und dadurch mit dem Gesetz als dem, was vonseiten Gottes Autorität besitzt, verbunden.

Zugleich sind die Jünger ein Bild der gläubigen Juden, die nach der Entrückung der Versammlung auf ihren Messias warten werden. Allerdings befinden sich die Jünger in unserem Abschnitt in einer gemischten Stellung. Einerseits stehen sie in Verbindung mit dem Messias, auf den sie in Zukunft warten müssen. Andererseits sind sie aber auch nicht getrennt von den jüdischen Einrichtungen und Führern. Das lernen wir in diesen Versen zum Beispiel in Bezug auf den Stuhl Moses.

Es geht also in diesen Versen nicht um die christliche Zeit und die Stellung der Erlösten der heutigen Zeit. Wir gehören nicht zu den Juden, sondern wir sind getrennt vom Judentum (vgl. Heb 13,13). Wir werden auch nicht zum Gesetz zurückgebracht (vgl. Röm 10,4). Es handelt sich um Menschen, von denen wir auch in der Offenbarung in Bezug auf die Zukunft lernen: „Hier ist das Ausharren der Heiligen, welche die Gebote Gottes und den Glauben Jesu bewahren“ (Off 14,12). Dass die Worte des Herrn nicht nur eine Botschaft für die damalige Zeit enthielten, ist wahr. Das sollte uns allein dadurch deutlich sein, dass sie auch in das bleibende Wort Gottes aufgenommen worden sind. Ähnliches haben wir schon in Kapitel 5 gefunden. So werden die Jünger als Juden gesehen, die sich mit ihrem Messias, mit dem Herrn Jesus, verbunden wissen.

Auch in künftigen Tagen werden die treuen Juden eine solche, fast zwiespältige Stellung, einnehmen. Einerseits fühlen sie sich mit dem Herrn Jesus verbunden, andererseits aber sind sie im Judentum verwurzelt. So geben diese Verse nicht nur den Jüngern damals, sondern auch Jüngern künftiger Tage eine klare Beurteilungsgrundlage.

In diesen Versen entlarvt der Herr nicht nur den bösen Zustand der Schriftgelehrten. Er warnt seine Jünger zugleich vor der Falschheit der Schriftgelehrten und Pharisäer. Er will sie davor bewahren, auf die Raffinessen dieser jüdischen Führer hereinzufallen. Zudem sollen sie deren Zustand erkennen.

Sie hatten sich auf den Stuhl Moses gesetzt. Mose war der Gesetzgeber (Joh 1,17). Er war auch derjenige, der dem Volk das Gesetz erklärte. Er war die Autorität, die Gott auf der Erde gegeben hatte, wenn Dinge inmitten des Volkes Israel zu entscheiden waren. Das nahmen die Pharisäer und Schriftgelehrten jetzt für sich in Anspruch. Jesus spricht hier sicher nicht von der Lehrbefähigung dieser Menschen, sondern von der gesetzgeberischen Autorität, die diese Männer über das Volk ausübten.

Diesen Platz hatten die Schriftgelehrten und Pharisäer zu Beginn mit einem ehrlichen Eifer für das Gesetz auch eingenommen. Auch die Pharisäer hatten ursprünglich den ehrlichen Wunsch, sich von der Gesetzlosigkeit und weltlichen Gesinnung vieler Zeitgenossen abzusondern. In diesem Sinn waren sie zunächst im positiven Sinn „Abgesonderte“, die Übersetzung ihres Namens. Sehr früh aber verderbten sie sich.

In der Grundlage des Talmud, der Mischna, haben sie später vermerken lassen, dass Mose ihnen diesen Platz gesetzgeberischer Autorität zugebilligt habe. Aus diesem Grund müsse man ihnen Gehorsam leisten. Das aber war eine Lüge und der Beginn des eigentlichen Pharisäertums, wie wir ihn in den Evangelien finden. Trotz dieser Verdorbenheit verurteilt der Herr Jesus diesen Anspruch zunächst nicht, sondern lässt ihn unkommentiert. Er behandelt an dieser Stelle ebenfalls nicht, mit welchen Motiven diese Menschen das getan haben bzw. ob sie ein wirkliches Recht an dieser Stellung hatten.

Das ist für uns vorbildhaft. Auch wir haben heute zum Beispiel nicht die Aufgabe zu überprüfen, ob eine Regierung in direkter Übereinstimmung mit Gott an die Macht gekommen ist. Wir wissen, dass es heute keine Obrigkeit gibt, die nicht von Gott ist und von Ihm eingesetzt wurde (vgl. Röm 13,7). Und diesen Regierungen sollen wir uns unterordnen. In diesem Sinn werden wir in diesem Kapitel eine Reihe von Anregungen finden, die für uns Christen nützlich sind, auch wenn sich dieser Abschnitt an Gläubige aus dem Judentum richtet.

Die Diskrepanz zwischen Lehre und Lebenswandel

Die Warnung, die der Herr Jesus dann aber ausspricht, betrifft die Abweichung dieser Menschen zwischen Lehre und Lebenswandel. Vielleicht sind wir etwas überrascht über den ersten Teil der Aufforderung des Herrn: „Alles nun, was irgend sie euch sagen, tut und haltet“. Die Jünger sollten alles tun, was die Schriftgelehrten und Pharisäer sagten und lehrten. Wenn man die weiteren Verse dieses Kapitels liest (besonders die Verse 16–30), wird man nur zum Schluss kommen, dass „alles“ nicht absolut gemeint ist. Denn der Herr muss vieles an ihrer Lehre verurteilen – nicht nur an ihren Werken wie an dieser Stelle. Hinter vielen Gewohnheiten und Praktiken, die der Herr scharf verurteilen muss, stehen offensichtlich Festlegungen der Pharisäer, „eigene Lehren“, die sie aufgestellt haben.

Das heißt, dass sich der Herr hier nur auf die Auslegung des Gesetzes beziehen kann. Es war durchaus nicht alles verkehrt, was diese Menschen lehrten. In mancher Hinsicht waren sie Vorbilder, was den Wert des Gesetzes für sie und ihr Leben betraf. Daher sollten die Jünger auch das tun und halten, was diese Menschen sagten. Es geht also hier keineswegs um einen Freibrief, das zu lehren, was man persönlich meint (wie es die Pharisäer zum Teil taten). Sondern der Herr weist seine Jünger an, sich den geistlichen Obrigkeiten unterzuordnen – sofern sie nichts fordern, was im Widerspruch zu göttlichen Anordnungen steht.

Sie sollten sich allerdings nicht an den Werken dieser bösen Menschen orientieren. Denn diese lehrten manches, was zwar richtig war. Aber sie selbst taten nicht nach diesen Worten. Darin unterschieden sie sich von Esra, der das Gesetz erforschte, um es zu tun. Erst nach der persönlichen Verwirklichung lehrte er diese Dinge (Esra 7,10).

Auch wir werden aufgefordert: „Wenn ihr dies wisst, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut“ (Joh 13,17). Und in Römer 2,21 lesen wir in Bezug auf die Juden: „Der du nun einen anderen lehrst, du lehrst dich selbst nicht? Der du predigst, man solle nicht stehlen, du stiehlst?“ (Röm 2,21). So lernen wir aus diesen Versen, wie wir uns als Christen verhalten sollen. Wenn wir vom Herrn die Aufgabe übertragen bekommen haben zu lehren und andere zu unterweisen, müssen wir selbst zuerst Täter des Wortes sein. Paulus war ein Vorbild dafür. Er konnte an die Philipper schreiben: „Was ihr auch gelernt und empfangen und gehört und an mir gesehen habt, dies tut“ (4,9). „Du aber hast genau erkannt meine Lehre, mein Betragen, meinen Vorsatz, meinen Glauben ...“ (2. Tim 3,10).

Was aber ist, wenn wir mit Brüdern zusammenkommen, die in dem einen oder anderen Punkt diesen Schriftgelehrten und Pharisäern gleichen? Es ist ja nicht schwer, anderen Lasten aufzuerlegen, selbst aber nicht mit anzupacken. Man kann auf Äußerlichkeiten Wert legen, ohne den Kern des Christentums zu verwirklichen. Dann sollen wir das tun, was sie sagen, selbst wenn sie selbst nicht nach dem handeln, was sie sagen. Aber natürlich gilt das nur, insoweit sie auch wirklich das Wort Gottes lehren. Der Herr spricht hier nicht davon, dass wir zum Beispiel eine falsche, gesetzliche Belehrung verwirklichen und annehmen sollen. Aber wir dürfen den äußeren Lebenswandel eines Lehrers des Wortes Gottes nicht zum Anlass nehmen, seine Belehrung abzulehnen.

Wenn man sich mit Berichten über die damalige Zeit beschäftigt, wird man lesen, dass die Rabbiner Lasten, und zwar schwere und schwer zu tragende, auferlegten. Es gab zwei Schulen: die scharfe Schule des Hillel und die liberale des Schammai. Aber in diesem Punkt der Lasten unterscheiden sie sich nicht. Damit bilden sie einen Kontrast zum Herrn Jesus (vgl. Mt 11,28). Denn seine Last war sanft, und Er lud die Mühseligen und Beladenen ein, ihre Lasten zu Ihm zu bringen. Diese Menschen dagegen wollten ihre Mitbürger durch Gebote an sich binden.

Besonders schlimm ist es, wenn solche Lasten von Lehrern auferlegt werden, die selbst nicht bereit sind, auch nur den kleinen Finger zu bewegen. Es sind Menschen, die immer bestimmen und befehlen wollen. Wenn sie aber nicht bereit sind mitzuhelfen und einen Dienst zu tun, der in den Augen der Menschen niedrig aussieht, ist es böse.

Das Motiv der Schriftgelehrten und Pharisäer

Damit nicht genug. Jesus offenbart seinen Jüngern und den Volksmengen auch noch den Beweggrund des Handelns dieser Menschen. Ihnen ging es nur darum, in der Öffentlichkeit einen Ehrenplatz zu bekommen. Sie hatten eine Vorliebe dafür, von anderen Juden beachtet zu werden. Daher nahmen sie die Gebetsriemen, von denen wir in 2. Mose 13,9–16 und 5. Mose 6,4–9.13–21 (vgl. auch 11,18) lesen. Diese Tefillin (von hebräisch tefila, „Gebet“) sind Lederriemen und lederne „Gebetskapseln“, die beim jüdischen Gebet getragen werden und Texte aus der Tora enthalten.

Tefillin werden wochentags beim Schacharit-Gebet getragen. Sie bestehen aus einem Kopfteil und einem Handteil. Beide Teile sind von einem schwarzen Ledergehäuse umfasst, worin auf Pergament die oben genannten Tora1-Abschnitte geschrieben sind. Mit einem Lederriemen wird der Kopfteil an der Stirn gehalten und am linken Oberarm befestigt. Der Handteil wird siebenmal um den Arm und dann um die Hand gelegt, wobei der Riemen den Buchstaben Schin bildet, als Hinweis auf Schaddaj, den allmächtigen Gott. Traditionell werden Tefillin von Männern ab 13 Jahren getragen. Je breiter der Gebetsriemen war, der dann in der Öffentlichkeit „abgebetet“ wurde (vgl. Mt 6,5), umso frommer war man.2

Das Gleiche galt für die Quasten, von denen wir in 4. Mose 15,37–39 lesen. Dieser „Bommel“, der aus blauem Purpur an den Rand des Oberkleides gehängt wurde, erinnerte das Volk daran, die Gebote des himmlischen Gottes zu tun. Die Schriftgelehrten dagegen wollten durch besonders große Quasten die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken, nicht auf Gott. Daher liebten sie auch die ersten Plätze in den Synagogen und die Begrüßung in der Öffentlichkeit.

Uns erinnert diese Entlarvung daran, unser Leben nicht vor Menschen zu führen. Auch wir stehen in Gefahr, unser Leben nicht auf Gott auszurichten, sondern vor allem darauf, was Menschen von uns denken und (äußerlich) an uns sehen. So entsteht sehr leicht Heuchelei, weil man äußerlich einen besonderen Eindruck erwecken möchte, der im Inneren und im täglichen, praktischen Leben kein Fundament besitzt. Daher wollen wir darauf achten, was der Herr uns hier sagt.

Den ersten Platz in den Augen der Menschen und der Geschwister suchen

Zu dieser Haltung passt auch, dass die Schriftgelehrten und Pharisäer „den ersten Platz bei den Gastmählern und die ersten Sitze in den Synagogen und die Begrüßungen auf den Märkten“ liebten. Wo immer es um Ansehen bei Menschen ging, waren sie dabei. Wo immer ihre Größe, ihr Wissen, ihr Rang, ihr Können sichtbar werden konnte, ließen sie sich blicken. Für Gott war und ist solch eine Haltung ein Gräuel.

Damit kommt der Herr zu einem weiteren, wichtigen Punkt, den Er den Jüngern mitgeben möchte. Diese Menschen liebten es, mit Rabbi, Vater oder Meister angesprochen zu werden. Sie wollten also nicht nur äußerlich wichtig erscheinen, sondern entsprechend auch in besonderer Weise angesprochen werden, so dass ihr geistlicher und menschlicher Vorrang deutlich wurde. Der Herr verwirft solche Anreden vollständig. Er selbst, der Herr der Herren, wurde Rabbi, Lehrer und Meister genannt. Er war Gott, gepriesen in Ewigkeit. Diese sündigen Menschen jedoch stellten sich mit solchen Anredeformen auf den Platz Gottes. Das konnte der Herr bei diesen Heuchlern nicht durchgehen lassen.

Rabbi bedeutet eigentlich: mein Herr. Konnte sich einer der Juden – könnte sich einer heute – Herr nennen lassen, wo es doch nur einen Herrn gibt (vgl. 1. Kor 8,6; Eph 4,5)? Es gab auch nur einen Lehrer, den Herrn Jesus Christus (Joh 3,2). Er war gekommen, das Gesetz zur vollen Geltung zu bringen (Mt 5,17). So war Er auch der Einzige, der in vollem Maß das Gesetz erklären und lehren konnte. Wo ist ein Lehrer wie Er? Die Juden damals waren Brüder, im geistlichen Sinn war niemand Herr oder Meister des anderen. Wenn es solche gab, die auf dem Stuhl Moses saßen, dann in dienender Funktion. Der einzige Meister und Herr war, wie wir in Matthäus 20,28 gesehen haben, als Diener gekommen. Aber Er kam nicht, um zu herrschen, sondern um einen ewigen Dienst zu erfüllen. Das lesen wir hier noch einmal in Vers 11. Er war in Wahrheit der Größte und bewies das, indem Er den niedrigsten Platz für sich wählte. Was für ein Meister und Herr!

Niemand sollte Vater genannt werden, denn einer allein ist Vater, Gott im Himmel. Im Alten Testament war Gott für die Nation Israel der Vater: „Denn du bist unser Vater; denn Abraham weiß nicht von uns, und Israel kennt uns nicht; du, Herr, bist unser Vater; unser Erlöser von alters her ist dein Name“ (Jes 63,16). Ähnliches finden wir in 5. Mose 14,1 und 32,6. Für uns Christen ist Gott ganz persönlich unser Vater, wie der Herr Jesus seinen Jüngern über Maria ausrichten lässt: „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Gott ist unser Vater. Aber kein Mensch und auch kein Mitgläubiger ist in diesem geistlichen Sinn unser Vater.

Wie schlimm, wenn man bedenkt, wie heute von Millionen von Menschen ein sündiger Mensch „Vater“ (Papa, Papst) genannt wird und dieses ausdrückliche Wort des Herrn missachtet! Die Konstruktion, Stellvertreter Gottes oder des Herrn hier auf der Erde zu sein, kann nicht aus der Bibel abgeleitet werden. Dort finden wir diesen Gedanken nicht. Auch Meister (oder Lehrmeister, Führer) sollte sich niemand nennen lassen. Der heute verwendete Ausdruck „Katechet“ kommt von diesem Wort. Das sind Menschen, die als geistliche Begleiter oder auch Lehrer in der Sakramentenpastoral eingesetzt werden. Sie begleiten die Bewerber in der Zeit ihrer Vorbereitung auf den Sakramentenempfang. Dieser Titel und diese Tätigkeit haben vor allem für Taufe (Taufkatechese) und Firmung (Firmkatechese) eine lang zurückgehende Tradition. Genauso schlimm ist die Anrede „Reverend“ (Hochwürden), die als ehrenvolle Anrede für einen katholischen Geistlichen im Range eines Priesters verwendet wird.

Durch diese Bemerkungen sieht man, dass diese Worte, die in Bezug auf jüdische Führer ausgesprochen wurden, auch in der christlichen Zeit aktuell geblieben sind. Wie traurig, wenn Christen diese Worte des Herrn nicht ernst nehmen. Sie sind dem Herrn ungehorsam, wenn sie mit Namen oder auch nur von ihrer Haltung her als Meister, Vater oder Lehrer anerkannt werden wollen. Wir verstehen gut, dass es hier nicht um den Lehrer als Gabe geht, von der Paulus in Epheser 4,11 spricht. Diese Gabe an die Versammlung ist eine dienende und keine herrschende Aufgabe! Der Herr meint hier auch nicht die geistlichen Väter (vgl. 1. Kor 4,15), die es unter den Christen gibt. Diese würden sich niemals so ansprechen lassen. Gleiches gilt für die Führer an einem Ort, von denen wir in Hebräer 13,17 lesen. Das alles sind keine Titel sondern geistliche Aufgaben, die von bestimmten Brüdern aufgrund ihrer moralischen Autorität wahrgenommen werden.

Es gibt für uns alle nur einen Meister: Das ist Christus, unser Herr. Er hat uns vorgelebt, was Er hier seinen Jüngern, die eben auch in der Gefahr standen, sich einen Platz im Rampenlicht zu suchen, mit auf den Weg gibt: „Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein. Wer aber sich selbst erhöhen wird, wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigen wird, wird erhöht werden.“ Christus war der Größte – aber Er nahm den Platz des Dieners ein. Er wollte nicht herrschen, obwohl er als Einziger das Recht dazu besaß. Weil Er sich selbst erniedrigte, hat Gott Ihn über alles und jeden hinaus hoch erhoben (vgl. Phil 2,9–11).

In dem Sinn wie der Herr Jesus können wir uns nicht selbst erniedrigen. Denn selbst der Geistlichste unter den Christen ist „nichts“ (Gal 6,3). Aber wir können mit dem Platz zufrieden sein, den der Herr Jesus uns zugewiesen hat. Dann lernen wir Demut, und das sucht der Herr Jesus hier bei seinen Jüngern. „So demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zur rechten Zeit“ (1. Pet 5,6).

Vers 13: Das erste Wehe: Das Irreleiten der Menschen

„Wehe aber euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr verschließt das Reich der Himmel vor den Menschen; denn ihr geht nicht hinein, noch lasst ihr die hineingehen, die hineingehen wollen“ (Vers 13).

Damit kommen wir zu den sieben Wehe-Verkündigungen, die der Herr Jesus über die Schriftgelehrten und die Pharisäer ausspricht. Sie stehen im Gegensatz zu den Glückseligpreisungen derjenigen, die sich dem Herrn Jesus unterwerfen (Mt 5). Wie wir bereits gesehen haben, sind Heuchler Menschen, die vorgeben, etwas Gutes zu sein, was sie nicht sind, oder etwas Gutes zu tun, was sie dann doch nicht ausführen. Die Pharisäer gaben vor, sehr geistlich und fromm zu sein. In Wirklichkeit aber ging es ihnen nur um die eigene Ehre.

Aus Amos 3,2 lernen wir, warum der Herr ein solch scharfes Urteil über diese Heuchler aussprechen musste: „Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde ich alle eure Ungerechtigkeiten an euch heimsuchen.“ Das Volk Israel war derart bevorrechtigt und die Führer des Volkes im Besonderen, dass das Gericht Gottes bei Untreue umso schärfer ausfallen musste.

Der Herr spricht hier nicht das Gericht über solche aus, die in offener Gesetzlosigkeit, Verdorbenheit oder Brutalität lebten. Er wendet sich auch nicht an die skeptischen Sadduzäer. Seine Botschaft richtet sich an diejenigen, die im Allgemeinen den besten Ruf in Israel besaßen. Denn sie waren die religiösen Führer, die über Wissen und ein heiliges Leben „verfügten“.

In der ersten Anklage wirft der Herr ihnen vor, selbst nicht in das Königreich der Himmel eingegangen zu sein. Sie waren nicht bereit, sich unter die Autorität Gottes und die seines Messias zu beugen. Doch was noch schlimmer war: Sie versperrten den Weg in das Königreich auch für solche, die hineingehen wollten. Und dies taten sie nicht etwa nur passiv, indem sie es versäumten, die Menschen über den rechten Weg zu belehren. Nein, sie versuchten mit allen Mitteln, alle zu ihren eigenen Jüngern zu machen. Wer aber ihnen nachfolgte, konnte nicht in das Reich eingehen, da sie selbst ja nicht bereit waren, in das Königreich der Himmel einzugehen. Dabei gab es Juden, die dies wollten. Aber sie wurden von diesen Heuchlern, die vorgaben, Gott zu dienen, daran gehindert, Gott wahren Gottesdienst zu bringen.

In der Parallelstelle in Lukas 11,52 spricht der Herr Jesus davon, dass sie den Schlüssel der Erkenntnis, den sie besaßen, weggenommen haben. Sie hätten das Volk Gottes auf den richtigen Weg und in den richtigen Bereich führen können. Denn sie wussten, was man tun musste: sich Gott von Herzen unterordnen. Aber sie lehnten den Herrn ab und verhinderten daher, dass die Erkenntnis zum normalen Volk durchdrang.

Nur der Güte des Herrn ist es zu verdanken, dass ihnen das nicht vollständig gelang. Denn er selbst kümmerte sich um das Volk. Und der Vater offenbarte seine Gnade den Unmündigen (Mt 11,25). Darüber hinaus hatte Er die Seinen belehrt, dass es nur einen Weg gab, in dieses Reich hineinzukommen: werden wie die Kinder (vgl. Mt 18,3; 19,14).

Vers 14: nicht inspiriert

In späteren Handschriften befindet sich der Vers: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr verschlingt die Häuser der Witwen und haltet zum Vorwand lange Gebete; deswegen werdet ihr ein schwereres Gericht empfangen.“

Wir müssen davon ausgehen, dass es ich bei diesem Vers um eine Hinzufügung späterer Gläubiger handelt. Die darin genannten Inhalte sich bedenkenswert, gehören aber wahrscheinlich nicht zum inspirierten Wort Gottes.

Vers 15: Das zweite Wehe: Das Forcieren von Sekten

„Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr zieht über das Meer und das trockene Land, um einen Proselyten zu machen; und wenn er es geworden ist, macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr“ (Vers 15).

Mancher Leser mag überrascht sein, dass es in der Elberfelder Übersetzung (CSV) keinen Vers 14 gibt. Das liegt daran, dass man deutlich erkennen kann, dass dieser Vers ursprünglich nicht im Matthäusevangelium vorhanden war. Offenbar waren Abschreiber der Meinung, dass dieser Vers aus dem Markusevangelium hier eingefügt werden muss. Aber wo immer der Mensch meint, die Dinge besser beurteilen zu können als Gott, führt das in die Irre. Daher fehlt dieses (dann insgesamt) achte Wehe mit Recht in den meisten Bibelausgaben.

Bei dem (wirklich) zweiten Wehe geht der Herr gegen das Bestreben der Schriftgelehrten und Pharisäer vor, Anhänger für ihre Sekte3 zu finden. Ihnen war kein Weg zu weit und kein Hindernis zu groß, um einen Proselyten zu machen. Das Wort Proselyt kommt aus dem Griechischen (proselutos) und bedeutet Hinzugekommener. Es geht um Nichtjuden, die dem jüdischen Glauben beitraten und so an den Vorrechten des Judentums Anteil bekamen.

Nun war es nicht per se verkehrt, Proselyten zu machen. Hätten die Pharisäer diese Menschen „in das Reich der Himmel geführt (vgl. Vers 13), wären sie zu dem Herrn geführt worden. Da diesem Handeln aber sektiererischer Eifer und Machtstreben zugrunde lag, war dies zu verurteilen (vgl. Apg 5,17). Zudem ging es den Pharisäern um möglichst viele Anhänger, unabhängig davon, ob diese Jünger auch das Evangelium des Königreiches angenommen hatten oder nicht.

Noch ein Wort zu der geschichtlichen Entwicklung des Proselytentums. Das Judentum hat sich, außer in der Zeit von ca. 150 v. Chr. bis ca. 50 n. Chr., gegenüber Nichtjuden nicht missionarisch betätigt. Das hatte Gott im Gesetz auch nicht angeordnet. In Israel wurde zudem von den Rabbinern gelehrt, dass auch Nichtjuden, d. h. alle Menschen, einen Platz im erwarteten Gottesreich haben könnten. Das geht aus den sogenannten sieben Geboten Gottes an Noah hervor, die man zu zählen meinte, die aber keineswegs von Gott gegeben worden waren. Als Kriterium für die Aufnahme ins öffentliche Königreich galt daher fälschlicherweise nicht die Zugehörigkeit zum Judentum oder der rechte Glaube, sondern das moralische Handeln eines Menschen. Daher war die Zahl der Übertritte ins Judentum im Allgemeinen gering gewesen.

In der Zeit des Herrn aber galt es offenbar, so viele Nachfolger wie möglich zu machen. Dadurch erhöhte sich der eigene Einfluss, man hatte noch mehr Zuschauer beim „würdevollen“ Handeln und Reden (vgl. Mt 6) und konnte somit auf eine große Schülerschar verweisen. Besonders schlimm war nun, dass die Schriftgelehrten und Pharisäer ihre neu hinzugekommenen Schüler geradezu darauf dressierten, noch extremer zu sein als sie selbst. Nur so meinte man, seinen Einfluss inmitten des Volkes sicherstellen und erhöhen zu können. Dadurch wurde man verantwortlich, diese zuerst unwissenden und unbedarften Menschen sogar zu „Söhnen der Hölle“ gemacht zu haben, ein einzigartiger Ausdruck, den der Herr hier verwendet.

Es handelt sich hier um ein durchaus aktuelles Thema. Petrus warnt in Bezug auf die Endzeit davor: „Auch unter euch werden falsche Lehrer sein, die Verderben bringende Sekten nebeneinführen werden und den Gebieter verleugnen, der sie erkauft hat, und sich selbst schnelles Verderben zuziehen“ (2. Pet 2,1). Sektenbildung war schon immer ein großes Problem. So zog man Menschen von Gott weg und führte sie hinter sich her.

In anderem Zusammenhang spricht Paulus davon: „So viele im Fleisch gut angesehen sein wollen, die nötigen euch, beschnitten zu werden, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden. Denn auch sie selbst, die beschnitten sind, befolgen das Gesetz nicht, sondern sie wollen, dass ihr beschnitten werdet, damit sie sich eures Fleisches rühmen“ (Gal 6,12.13). Das waren solche Heuchler, die von anderen Menschen Dinge forderten, die sie selbst nicht taten. Und das sie antreibende Motiv war, Ehre zu bekommen und sich rühmen zu können. Es ging ihnen nicht um Hingabe an Gott, sondern um Selbstbeweihräucherung. Das machte ihre Haltung zu einem Gräuel für Gott.

Verse 16–22: Das dritte Wehe: Die Missachtung Gottes

Wehe euch, blinde Leiter, die ihr sagt: Wer irgend bei dem Tempel schwört, das ist nichts; wer aber irgend bei dem Gold des Tempels schwört, ist schuldig. Ihr Narren und Blinden! Was ist denn größer, das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? Und: Wer irgend bei dem Altar schwört, das ist nichts; wer aber irgend bei der Gabe schwört, die darauf ist, ist schuldig. Ihr Narren und Blinden! Was ist denn größer, die Gabe oder der Altar, der die Gabe heiligt? Wer nun bei dem Altar schwört, schwört bei ihm und bei allem, was darauf ist. Und wer bei dem Tempel schwört, schwört bei ihm und bei dem, der ihn bewohnt. Und wer bei dem Himmel schwört, schwört bei dem Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt“ (Verse 16–22)

Das dritte Wehe ist letztlich eine Anklage gegen die Missachtung Gottes. Diese Führer hatten phantasievolle Lehren entwickelt, die dazu führten, dass sie selbst bestimmen konnten, wann ein Schwur gültig war und wann nicht.

Jesus bezeichnet die Pharisäer und Schriftgelehrten hier als:

  1. blinde Leiter: Sie selbst waren blind über sich selbst und über Gott, über den eigenen Weg der Heuchelei und über den Weg Gottes. Sie kannten die Gedanken Gottes letztlich überhaupt nicht und maßten sich dennoch an, andere anleiten zu können.
  2. Narren: Dieser Ausdruck kommt siebenmal in diesem Evangelium vor und bezeichnet einen törichten, dummen Menschen, dem es an einem reifen Urteil mangelt. Dabei geht es nicht um einen Mangel an menschlicher Intelligenz, sondern um die fehlende Erkenntnis göttlicher Gedanken. Er mochte vorgeben, Führer in Israel zu sein. Sein Verständnis und seine wirkliche moralische Autorität standen dem jedoch entgegen.
  3. Blinde: Der Herr verstärkt durch die zweite Nennung der Blindheit diesen Verweis. Es waren wirklich Menschen, die keine geistliche Einsicht besaßen. Sie kannten weder sich selbst noch Gott. Sie waren verblendet (vgl. Joh 9,40.41).Und sie kannten auch nicht den wahren Weg Gottes, weil sie selbst diesen nicht gingen.

Trotz – oder gerade wegen – ihrer Blindheit meinten diese Menschen, einen Unterschied zwischen dem Gold des Tempels und dem Tempel machen zu können. Sie unterschieden zwischen der Opfergabe auf dem Altar und dem Altar, zwischen dem Himmel und dem Thron Gottes. In ihren Augen war das Gold, die Opfergabe und der Himmel das Bedeutendere im Vergleich zu den drei anderen Dingen.

Das Gold des Tempels

Der Herr muss ihnen widersprechen und offenbart ihre Torheit:

  1. Zwar spricht das Gold des Tempels von der Herrlichkeit Gottes. Aber das ist nur deshalb so, weil es durch den Tempel, die ausdrückliche Wohnstätte Gottes, geheiligt wird. Der Tempel spricht von der Herrlichkeit Gottes. Dadurch wird auch das Gold innerhalb des Tempels von dieser Herrlichkeit geprägt. Gold allein hätte in den Augen Gottes keinen Wert. Nur die Verbindung zum Heiligtum machte dieses Gold wertvoll.
  2. Die Opfergabe ist ein bildlicher Hinweis auf die Person und das Werk des Herrn Jesus. Sie ist wertvoll. Aber auch sie ist nur deshalb so wertvoll, weil sie auf den Altar Gottes kam, den Brandopferaltar. Auf jedem anderen Altar war eine Opfergabe ohne Wert für Gott. Nur durch den Altar wird diese Opfergabe geheiligt. Denn der Altar spricht von der Person des Herrn Jesus. Nur dadurch, dass Er vollkommen war, konnte Er auch dieses Opfer auf dem Altar stellen. Wenn also ein Unterschied gemacht werden sollte, dann war der Altar das Wesentliche, das Größere, das Höhere. Das hatten diese blinden Leiter nicht verstanden – sie konnten und wollten es auch nicht.
  3. Gleiches gilt für den Himmel und den Thron Gottes. Der Himmel hat nur dadurch eine besondere Bedeutung für uns, dass dort der Thron Gottes steht. Ohne diesen Thron hätte der Himmel keinen Wert. Weil Gott dort wohnt, ist der Himmel erhaben. So ist es Gott, der als Throninhaber den Himmel erfüllt. Nicht der Himmel heiligt den Thron Gottes, sondern umgekehrt.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten feinsinnige Arten von Schwüren entwickelt. Aber eines hatten sie ganz vergessen: Gott hatte tatsächlich einen Schwur gegeben. Dieser sollte aber ein feierliches Gelöbnis im Bewusstsein sein, dass sie vor dem heiligen Gott standen. Er hatte gesagt: „Den Herrn, deinen Gott, sollst du fürchten und ihm dienen, und bei seinem Namen sollst du schwören“ (5. Mo 6,13).

So zeigt der Herr diesen Menschen, dass sie in ihren Überlegungen Gott ausschlossen und so einen Fehler nach dem anderen machten. Sie missachteten seine Herrlichkeit und auch das, was Er gegeben hatte. Abgesehen davon hatte der Herr Jesus schon früher gelehrt, dass man am besten gar nicht schwören soll (vgl. Mt 5,33–37).

Verse 23.24: Das vierte Wehe: Das eigentliche Wesen des Gesetzes wird abgelehnt

„Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr verzehntet die Minze und den Dill und den Kümmel und habt die wichtigeren Dinge des Gesetzes beiseitegelassen: das Gericht und die Barmherzigkeit und den Glauben. Diese aber hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen. Blinde Leiter, die ihr die Mücke seiht, das Kamel aber verschluckt!“ (Verse 23.24).

Das vierte Wehe wendet sich gegen die falschen Maßstäbe dieser Führer. Damit lehnten sie letztlich das eigentliche Wesen des Gesetzes und damit das Gesetz als solches ab. Sie waren wirklich Heuchler. Denn sie verzehnteten die kleinsten vorstellbaren Erträge und Früchte: Minze, Dill und Kümmel. Das war nicht verkehrt, denn auch diese Dinge fielen unter das Gesetz des Zehnten. Das Schlimme aber war, dass sie die wesentlichen Dinge des Gesetzes beiseiteließen:

  1. Sie schoben ein vernünftiges Urteilsvermögen zur Seite. Damit untergruben sie gesetzmäßige Beurteilungen und verwarfen gerechte Urteilssprüche.
  2. Das Üben von Barmherzigkeit war ihnen nicht wichtig. Dabei gehörte es zum eigentlichen Wesen des Gesetzes. Gott wollte die Menschen mit seinen Geboten nicht drangsalieren, sondern Barmherzigkeit üben bzw. üben lassen. Diese Heuchler forderten im Gegensatz dazu in strengster Weise das Einhalten bestimmter Zehnten-Gesetze. Das Widerstrahlen der Barmherzigkeit Gottes ließen sie jedoch vollkommen außen vor. Dabei nimmt dieses in den Glückseligpreisungen einen wichtigen Platz ein.
  3. Praktischer Glaube, Glaubensvertrauen und Treue fehlte diesen Menschen. Sie gaben vor, in der Nähe Gottes zu leben. In Wirklichkeit kannten sie Gott nicht, blieben Ihm nicht treu und kannten auch kein Glaubensvertrauen zu Ihm.

Der Herr verurteilt nicht das Halten des Zehnten-Gebots. Aber Er weist darauf hin, dass diese Menschen drei Punkte, die das Wesen des Gesetzes ausmachten, bewusst ignorierten. So waren sie blinde Leiter, die in Kleinigkeiten (Mücke seihen, herausfiltern) sehr engagiert waren, weil das Menschen in ihre Abhängigkeit brachte. Bei großen Dingen (Kamel verschlucken) aber waren sie untreu und ungehorsam. Bei anderen sahen sie vieles sehr eng, selbst in kleinsten Dingen. Aber bei sich selbst ließen sie große Sünden gerne durchgehen.

Das offenbarte, dass es ihnen gar nicht wirklich um die Heiligkeit Gottes ging, sondern um ihre eigene Macht, Dinge zu bestimmen. Zudem waren ihre Maßstäbe nicht in Ordnung. Offenbar wollten sie sich besonders dadurch auszeichnen, dass sie bei den kleinsten Kleinigkeit sehr genau waren. Vielleicht konnte man bei großen Dingen seine Autorität nicht so ausspielen, weil ja jeder sah, was der andere tat. Wenn es aber um so Dinge wie Dill und Kümmel ging, war das nicht für jeden einsichtig. Hier Kontrollen einzuführen erhöhte die richterliche Gewalt der Pharisäer und Schriftgelehrten. Als Heuchler und blinde Leiter hatten sie aber vergessen, dass sie damit Gott gegen sich stehen hatten.

Diese Menschen waren kleinlich, wo sie großzügig hätten sein sollen. Sie waren kalt und lau im Blick auf Gott, jedoch eifrig für sich selbst und ihre eigene Ehre. In diesem Evangelium werden wir noch ein weiteres treffendes Beispiel für die Unverhältnismäßigkeit der Führer der Juden sehen. Nachdem Judas das Verrätergeld für das Blut Jesu zurückbrachte, lesen wir: „Die Hohenpriester aber nahmen die Silberstücke und sprachen: Es ist nicht erlaubt, sie zu dem Korban zu geben, da es ja Blutgeld ist“ (Mt 27,6). Die Blutschuld Jesu war für sie unerheblich, die selbstgemachte Regel dagegen, solches Geld nicht zum Korban zu geben, hielten sie hoch. Ähnliches finden wir auch in Johannes 18,28. Dort heißt es, dass die Juden nicht in das Prätorium hineingingen, um sich nicht zu verunreinigen. Die größte Verunreinigung jedoch kam auf sie, als sie Jesus zum Tod überlieferten.

Was hat das uns zu sagen? Wir sollten nie versuchen, auf bestimmten Kleinigkeiten „herumzuhacken“, wenn zugleich das eigentliche Wesen des Wortes Gottes verletzt oder ignoriert wird. Man soll das eine tun und das andere nicht lassen – das zeigt die Ausgewogenheit des Herrn in diesen Fragen.

Verse 25.26: Das fünfte Wehe: Äußere Reinheit statt innerer Reinheit

„Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr reinigt das Äußere des Bechers und der Schüssel, innen aber sind sie voll von Raub und Unenthaltsamkeit. Blinder Pharisäer! Reinige zuerst das Innere des Bechers und der Schüssel, damit auch ihr Äußeres rein werde“ (Verse 25.26).

Das fünfte Wehe betrifft die Torheit dieser Heuchler, zwar auf äußerliche Reinheit zu achten, die innere und damit viel wichtigere Reinheit jedoch zu missachten. Schon einmal hatte der Herr diesen Punkt in diesem Evangelium angesprochen, als es um das Waschen der Hände vor dem Essen ging (Kapitel 15,2.11). Jetzt weist Er ein weiteres Mal auf die Bosheit dieser Führer in ihrem Inneren hin. Sie konnten diese nicht dadurch wettmachen, dass sie äußerlich sehr fromm taten. Im Gegenteil: Das war nichts anderes als Heuchelei. Denn das Äußere kann in den Augen Gottes nur dann sauber sein, wenn zuvor das Innere des Menschen in Ordnung gekommen ist.

Darüber aber waren diese Menschen genauso erblindet wie über viele andere Gedanken und Gebote Gottes. Ihnen war allein wichtig, nach außen hin rein und edel dazustehen. Was aber Gott von Ihnen dachte, spielte in ihren Überlegungen keine Rolle.

Auch wir stehen in Gefahr, uns selbst und andere dann als rein anzusehen, wenn äußerlich alles in Ordnung erscheint. Sind Kleider und Haare in Ordnung, ist alles bestens bei gläubigen Frauen – könnten manche denken. Ist jemand getauft und nimmt am Brotbrechen teil, gibt es nichts auszusetzen – so könnte man glauben. Das aber wären ungöttliche Maßstäbe. Auch hier bleibt der Herr ausgewogen. Wir sehen, dass Er das Äußerliche nicht als unwichtig darstellt. Aber Er macht klar, dass es in erster Linie um das Innere geht. Wenn wir uns darin richtig verhalten, wird sich auch das Äußerliche entsprechend ergeben. Noch einmal könnte man auf Galater 6,12 verweisen. Diese Gefahr des äußerlichen Rühmens und der damit verbundenen Heuchelei lehnt der Herr Jesus entschieden ab.

Sehen wir uns Vers 25 noch etwas genauer an. Diese Führer des Volks der Juden legten größten Wert darauf, dass ein Becher, den sie in die Hand bekamen, rituell gereinigt wurde. Im Talmud kann man nachlesen, dass ein Gebrauchsgegenstand, der von einem Heiden erworben wurde, durch Untertauchen, Abbrühen oder Ausglühen zu reinigen war. So handelten sie auch hier. Aber das, was dann in diese Becher gefüllt wurde, konnte gestohlen worden sein oder das Ergebnis von Unenthaltsamkeit sein. Damit prangert der Herr nicht nur die Heuchelei der Pharisäer an, sondern auch ihre Habsucht (vgl. Lk 11,41). Sie meinten, dass es genüge, äußerlich rein zu sein, selbst wenn ihr Leben durch Habgier geprägt war. Darin irrten sie sehr.

Verse 27.28: Das sechste Wehe: Unehrliches Verbergen innerer Verdorbenheit

„Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen zwar schön scheinen, innen aber voll von Totengebeinen und aller Unreinigkeit sind. So erscheint auch ihr zwar von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit“ (Verse 27.28).

Im sechsten Wehe geißelt Jesus das bewusste Verbergen innerer Verdorbenheit. Diese Schriftgelehrten und Pharisäern glichen übertünchten Gräbern. Man strich die Gräber weiß, damit sie nicht mehr als „hässliche“ Gräber erkenntlich waren. So mochten solche Gräber äußerlich zwar schön sein, es konnte aber nicht geleugnet werden, dass in ihnen Tote lagen. Die große Gefahr war nun, dass sie von unbedarften Juden berührt wurden, die sich dadurch verunreinigten. Dies geht aus dem Gesetz der roten jungen Kuh hervor: „Und jeder, der auf freiem Feld einen mit dem Schwert Erschlagenen oder einen Gestorbenen oder das Gebein eines Menschen oder ein Grab berührt, wird sieben Tage unrein sein“ (4. Mo 19,16). Verunreinigt wurde man also nicht nur von einem Toten, den man direkt berührte, sondern auch von einem Toten, den man gar nicht mehr sehen konnte, weil er in einem Grab verwahrt wurde.

In gleicher Weise machten sich diese Führer vor, durch einen äußerlich attraktiven Anstrich die innere Unreinigkeit verbergen zu können. Aber was zählte das vor Gott, der die innere Heuchelei und Gesetzlosigkeit erkannte und brandmarken musste. Spätestens vor dem Richterstuhl Gottes (vgl. Röm 14,10) wird diese Heuchelei entlarvt werden. Denn Gott sieht durch unsere äußere Hülle hindurch. Und der Herr Jesus, der Gott ist, nahm dieses Urteil über die Führer Israels damals schon vorweg. Sie waren für Gott in ihrer Gesetzlosigkeit vollkommen tot. Es nützt einem Menschen nichts, äußerlich gerecht zu erscheinen, wenn er innerlich gesetzlos ist. Die Meinung von Menschen vergeht schnell, das Urteil Gottes dagegen bleibt in Ewigkeit.

Hinzu kommt, dass die Masse des Volkes meinte, Kontakt mit den Pharisäern pflegen zu können. Diese waren ja „weiß getüncht“. Kaum einer merkte, welche Bosheit und Schlechtigkeit in ihren Herzen waren. Sie erschienen den Menschen gerecht. Aber durch diesen Kontakt wurden die Menschen verunreinigt; die boshafte Heuchelei und Gesetzlosigkeit der Pharisäer wirkte ansteckend..

Verse 29–36: Das siebte Wehe: Das Maß der Bosheit wird voll gemacht

„Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr baut die Gräber der Propheten und schmückt die Grabmäler der Gerechten und sagt: Wären wir in den Tagen unserer Väter gewesen, so würden wir nicht ihre Teilhaber an dem Blut der Propheten gewesen sein. Also gebt ihr euch selbst Zeugnis, dass ihr Söhne derer seid, welche die Propheten ermordet haben; und ihr – macht das Maß eurer Väter voll! Ihr Schlangen! Ihr Otternbrut! Wie solltet ihr dem Gericht der Hölle entfliehen? Darum siehe, ich sende Propheten und Weise und Schriftgelehrte zu euch; und einige von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, und einige von ihnen werdet ihr in euren Synagogen geißeln und werdet sie verfolgen von Stadt zu Stadt; damit über euch komme alles gerechte Blut, das auf der Erde vergossen wurde: von dem Blut Abels, des Gerechten, bis zu dem Blut Sacharjas, des Sohnes Berekjas, den ihr zwischen dem Tempel und dem Altar ermordet habt. Wahrlich, ich sage euch, dies alles wird über dieses Geschlecht kommen“ (Verse 29–36).

Damit kommen wir zum letzten Wehe des Gerichts, das der Herr Jesus über diese Menschen aussprechen musste. Sie rühmten sich, besser als ihre gesetzlosen Väter zu sein. In Wirklichkeit aber machten sie das Maß ihrer Väter voll. Die Propheten, die durch ihre Vorfahren umgebracht worden waren, ehrten diese Pharisäer und Schriftgelehrten auf äußerliche Weise, indem sie ihre Grabmäler schmückten. Diese Propheten waren wirklich Gerechte gewesen, und so war es richtig, ihrer mit Respekt zu gedenken. Was aber sollte dieser Zusatz: „Wären wir in den Tagen unserer Väter gewesen, so würden wir nicht ihre Teilhaber an dem Blut der Propheten gewesen sein.“

Genau das war Heuchelei, denn sie trieben es in ihrer Zeit viel schlimmer mit den Propheten Gottes. Der Herr hatte ihnen im Gleichnis vom Weinberg schon ins Gewissen geredet, dass sie nicht nur die Knechte, sondern den König selbst umbringen würden. Es ist nichts als Hochmut des Menschen, wenn dieser meint, er wäre geistlicher und weiter als seine Väter. Er mag noch so sehr angeben, offener und im positiven Sinn toleranter als diese zu sein: Wer das von sich selbst behauptet, zeigt letztlich nur Hochmut. Man kann dann fast immer sicher sein, dass das Gegenteil wahr ist.

Wir alle wissen im Übrigen auch, wie leicht man Tote ehren kann, die sich nicht mehr äußern können. So kann man etwas vorgeben, was innerlich nie vorhanden gewesen ist. Es mag gut aussehen, wenn man Verstorbene in hoher Ehre hält. Wenn man sich aber nur des Namens rühmt, nicht jedoch die Belehrung desjenigen ernst nimmt, ist das alles wertlos.

Jesus klagt diese Menschen zunächst an:

  1. Ihr seid Söhne derer, welche die Propheten ermordet haben. Das hatten sie selbst bezeugt, indem sie sagten, dass diese Mörder ihre „Väter“ waren. Der Herr meint mit diesem Ausdruck „Söhne“ aber nicht nur, dass sie blutsverwandte Nachkommen waren. Sie waren vielmehr Nachfahren geistlicher Art, die eben keinen anderen Charakter trugen als die Väter.
  2. Sie machten das Maß der Sünde ihrer Väter voll. Zwar sonderten sie sich äußerlich von dem Fehlverhalten ihrer Väter ab. In Wirklichkeit aber machten sie es nicht nur nicht besser, sondern noch schlimmer. Damit wurden sie doppelt schuldig. Die Schuld ihrer Väter wurde zu ihrer Schuld, denn sie erkannten das Verhalten ihrer Väter als Schuld an, machten aber letztlich dasselbe. Die zweite Schuld aber lag daran, dass sie sogar den König Gottes und darüber hinaus weitere Propheten usw. töteten und kreuzigten.
  3. Der Herr Jesus nennt diese Menschen Schlangen und Otternbrut. Diesen Ausdruck hatte zuerst Johannes der Täufer für dieselbe Menschengruppe verwendet (Mt 3,7). Später nannte auch Jesus diese Menschen Otternbrut (Mt 12,34). Sie waren Kinder des Teufels und gehörten somit zur Familie dieser Schlange und des Widersachers Gottes. Dessen Kennzeichen trugen sie: Gesetzlosigkeit, Hochmut, Falschheit.
  4. Solche Menschen können dem Gericht der Hölle nicht entfliehen. Wenn auch die Hölle für Satan und seine Engel gemacht worden ist (Mt 25,41), werden auch diejenigen in Ewigkeit dort sein, die zur Familie Satans gehören. Diese Menschen, zu denen der Herr hier sprach, gehörten an erster Stelle dazu.

Ein weiterer Grund für das scharfe Urteil des Herrn über die Führer Israels

Im 34. Vers finden wir die abschließende Erklärung für das scharfe Gerichtsurteil des Herrn: Die Schriftgelehrten und Pharisäer behaupteten, auf der Seite der Propheten zu stehen, die von den Vätern umgebracht wurden. Gott nimmt dieses Bekenntnis zum Anlass, ihnen noch eine zweite Bewährungschance zu geben. Er spricht nicht von sich und dem Kommen seines Sohnes, sondern vom Senden von „Propheten und Weisen und Schriftgelehrten“.

Man muss sich die Frage stellen, wer darunter zu verstehen ist. Die Antwort ist: Es sind die christlichen Propheten und Apostel. Der Herr spricht von den Lehrern des Wortes Gottes, die Er am Anfang der christlichen Zeit auch nach seiner Kreuzigung zu seinem Volk schicken würde. Wir haben diese Gruppe im letzten Gleichnis dieses Evangeliums in Kapitel 22 schon vor uns gehabt (Vers 4). Wenn man so will, war der Herr Jesus als der Prophet Gottes der erste dieser Gesandten (vgl. Apg 3,22–26).

Einer der bekanntesten Männer des Neuen Testaments gehörte zunächst zu diesen Schriftgelehrten und Pharisäern, welche die Propheten und Weisen des Herrn umbrachten: Paulus. „Der ich diesen Weg verfolgt habe bis zum Tod, indem ich sowohl Männer als auch Frauen band und in die Gefängnisse überlieferte, wie auch der Hohepriester mir Zeugnis gibt und die ganze Ältestenschaft, von denen ich auch Briefe an die Brüder empfing und nach Damaskus reiste, um auch diejenigen, die dort, waren, gebunden nach Jerusalem zu führen, damit sie bestraft würden“ (Apg 22,4.5; vgl. Apg 26,10–12).

Was für ein Wunder der Gnade Gottes, dass Er aus dieser „Otternbrut“ Menschen herausretten konnte wie Paulus (vgl. Phil 3,5–7) und Nikodemus (vgl. Joh 7,50.51; 19,39). Aber der Großteil dieser Heuchler blieb bei seiner ablehnenden Haltung gegenüber Gott und seinen Knechten. Stephanus wurde von ihnen kaltblütig umgebracht. Es hat sogar den Anschein, dass alle Apostel eines Märtyrertodes sterben mussten.

Leider haben die Pharisäer und Schriftgelehrten geistlicherweise Nachfolger in der christlichen Zeit bekommen. Nicht von ungefähr lesen wir in Offenbarung 17,6: „Und ich sah die Frau trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu.“ Gemeint ist hier die Römisch-Katholische Kirche in ihrem Endzustand. Diese Kirche hat nicht nur im Mittelalter wahre Christen wie die Hugenotten und viele andere bis aufs Blut verfolgt. Das wird sie in der Endzeit noch einmal tun. Das ist die Zeit, von der die ersten Abschnitte des nächsten Kapitels zeugen.

Interessant ist in dieser Verbindung auch Offenbarung 18,20: „Sei fröhlich über sie, du Himmel, und ihr Heiligen und ihr Apostel und ihr Propheten! Denn Gott hat euer Urteil an ihr vollzogen“ (vgl. auch die Verse 21 -24). Es wird einmal ein Urteil kommen über alle, welche die Diener des Herrn verfolgt, gegeißelt und umgebracht haben. Denn Gott ist gerecht. Dieses Urteil wird dann auch an den Vertretern der soeben genannten falschen Kirche vollzogen. Sie gibt vor, Kirche Gottes zu sein, verfolgt aber in Wirklichkeit diejenigen, die zur wahren Kirche Gottes gehören.

Was die Schriftgelehrten und Pharisäer der Zeit Jesu und der Apostel betrifft: Diese bösen Menschen werden die gesamte Blutschuld für das tragen müssen, was sie gegen die Zeugen Christi getan haben. In Matthäus 27,25 lesen wir, dass sie diese Blutschuld freiwillig auf sich nehmen, ohne wirklich zu wissen, was das bedeutete. Zwar wollen die wenigsten Juden heute einsehen, dass diese Blutschuld inzwischen schon 2.000 Jahre auf ihnen liegt. Gerade wir in Deutschland wissen, was das für dieses Volk bedeutet (ohne dass damit die Schuld derer, die wie das Naziregime über die Juden hergefallen sind, in irgendeiner Weise aufgehoben würde).

In Vers 35 spricht der Herr Jesus von der Blutschuld der geistlichen Vorfahren der Schriftgelehrten und Pharisäer. Er bezieht sich dabei auf die Zeit des Alten Testaments: anfangend vom Blut Abels, das durch den ersten „Pharisäer“ Kain vergossen wurde (1. Mo 4,8), bis hin zu dem Blut Sacharjas (vgl. Sach 1,1)4, des Sohnes Berekjas, der sogar direkt im Heiligtum ermordet worden ist, lag Schuld auf ihnen. Davon lesen wir erst hier. Aber Gott übersieht solche furchtbaren Taten nicht.

Damit schließen die Wehe über die Pharisäer und Schriftgelehrten ab: „Wahrlich, ich sage euch, dies alles wird über dieses Geschlecht kommen.“ Das Urteil steht fest und ist unabänderlich. Jeder, der sich weiter zu diesen Menschen zählen wollte, musste die entsprechende Konsequenz auf sich nehmen.

Verse 37–39: Gericht über Israel und Zukunft der Hoffnung

„Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: ‚Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!‘“ (Verse 37–39).

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Herr Jesus diesen Abschnitt nicht mit den Weherufen beschließen wollte. Die letzten drei Verse stellen nach dem abschließenden Gerichtsurteil über die Verantwortlichen in Israel einen letzten Appell der Liebe an das Volk Israel dar. Er spricht hier als Jahwe, als König Israels, der sein Volk – hier als Stadt Jerusalem gesehen – liebt und um diese Stadt trauert. Es sind Worte des Erbarmens, die uns an den Schluss des Chronikbuchs denken lassen: „Und der Herr, der Gott ihrer Väter, sandte zu ihnen durch seine Boten, früh sich aufmachend und sendend; denn er erbarmte sich seines Volkes und seiner Wohnung“ (2. Chr 36,15).

Diese heilige Stadt Jerusalem (vgl. Mt 4,5; 27,53) war zu einer mörderischen Stadt geworden (vgl. auch Mt 27,25). Es war die Stadt des großen Königs (vgl. Mt 5,35; Ps 48,3). Aber diesen Titel wird die Stadt erst wieder in Zukunft erhalten. Dann werden die Juden bereit sein, sich als Kinder, wie von einer Henne, die ihre Küken unter ihre Flügel versammelt, zusammenbringen zu lassen. Dann, wenn der Herr Jesus ein zweites Mal kommen wird, werden die Treuen rufen: „Denn du bist mir zur Hilfe gewesen, und ich werde jubeln im Schatten deiner Flügel“ (Ps 63,8).

Damals jedoch musste der Herr voller Trauer sagen, dass die Juden nicht gewollt hatten. Hier geht es nicht mehr um die Führer allein, sondern um das Volk als Ganzes. Weil sie nicht wollten, gäbe es nur einen Gerichtsweg als Antwort Gottes. Auf diesem Weg würde sie Gott zudem nach langer Zeit zur Umkehr führen: Ihr Haus wurde öde gelassen. Der Herr kann hier nicht mehr von dem Haus Gottes oder von seinem Haus sprechen. Es ist das Haus der Juden, „ihr Haus“. Das erinnert uns an das Gericht Gottes in den Tagen von Zedekia, als die Herrlichkeit Gottes den Tempel verließ (vgl. Hes 9–11). Gott konnte den Tempel und das Volk schon damals nicht mehr als seinen Tempel und sein Volk anerkennen.

Die Öde, von der Jesus hier spricht, ist auch heute noch Realität. Noch immer haben die Juden keinen Tempel. Tatsächlich wird es der Antichrist sein, der einen Tempel in götzendienerischer Weise bauen wird. Auch das wird kein Tempel Gottes sein. Zum Gericht dieses gottlosen Menschen wird der Herr Jesus als König auf diese Erde zurückkommen und dann seinen eigenen Tempel, den Tempel Gottes, wieder bauen.

So lange wird das Volk Israel seinen König aber nicht mehr sehen, bis ... Dieses bis ist von großer Bedeutung. Wir haben es schon in Kapitel 22,44 kennengelernt. Dort ist es das Warten des Christus, bis Gott Ihn als Herrn auf diese Erde zurückführen wird. Hier ist es die Beiseitestellung Israels, bis der Herr Jesus wiederkommen wird. Erst dann wird das Volk von ganzem Herzen sprechen: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar (Röm 11,29). Das zeigt, dass es eine Zukunft für das Volk Israel geben wird, auch wenn diese nun schon 2.000 Jahre lang noch nicht begonnen hat. „Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist; und so wird ganz Israel errettet werden“ (Röm 11,25.26).

Schon die Propheten des Alten Testaments hatten vielfach von der Wiederherstellung Israels gesprochen. „Wie schwirrende Vögel, so wird der Herr der Heerscharen Jerusalem beschirmen: beschirmen und erretten, verschonen und befreien“ (Jes 31,5). Dieser Vers erinnert uns an Matthäus 23,37. Im nächsten Kapitel heißt es: „Denn der Palast ist aufgegeben, verlassen das Getümmel der Stadt; Ophel und Wachturm dienen zu Höhlen in Ewigkeit, zur Freude der Wildesel, zum Weideplatz der Herden, bis der Geist über uns ausgegossen wird aus der Höhe und die Wüste zum Baumgarten wird und der Baumgarten dem Wald gleichgeachtet wird ...“ (Jes 32,14.15). In Hesekiel 21 lesen wir in Bezug auf die Stadt Jerusalem: „Umgestürzt, umgestürzt, umgestürzt will ich sie machen; auch dies wird nicht mehr sein – bis der kommt, dem das Recht gehört: Dem werde ich es geben“ (Vers 32).

So endet dieses traurige Kapitel des Gerichts und der Wehe-Ausrufe mit einem Segensspruch. Das ist nichts anderes als die unüberwindliche Liebe des Königs und Herrn. Auch wenn Er von den Seinen verworfen und ans Kreuz gebracht wurde, gab Er sie nicht vollständig auf. Er musste sich jetzt für eine Zeitlang von ihnen abwenden. Aber es würde eine Erweckung geben.

Fußnoten

  • 1 Die fünf Bücher Mose werden als „Tora“ bezeichnet. Dieses Wort bedeutet Gebot, Weisung, Belehrung.
  • 2 Mit diesen Gebetsriemen waren teilweise äußerst mystische Vorstellungen verbunden. In einem Traktat des Talmud heißt es beispielsweise, dass das Tragen dieser Riemen auch des Nachts die Dämonen vertreiben würde.
  • 3 Dass es sich bei den Pharisäern um eine Sekte handelte, wird z. B. durch die Worte des Apostels Paulus in Apostelgeschichte 26,5 bestätigt.
  • 4 Manche meinen, dass mit Sacharja (oder Sekarja, vgl. die Fußnote in der Elberfelder Übersetzung, CSV) der Priester Sekarja, der Sohn Jojadas gemeint sei (vgl. 2. Chr 24,20–22). Dort heißt es tatsächlich, dass er „im Hof des Hauses des Herrn“ ermordet wurde (Vers 21). Manche fügen hinzu, dass das Buch Chronika im hebräischen Alten Testament zudem das letzte Buch sei, auf das der Herr Jesus sich hier bezieht. Da es jedoch keinen Hinweis auf irgendeinen Vater des Priesters Sekarja gibt, der Berekja hieß, kann das nicht stimmen. Zudem gilt es zu bedenken, dass zur Zeit Jesu die Septuaginta, eine griechische Übersetzung des Alten Testaments, die gebräuchliche Bibel war. Und dort ist, wie auch in unserer Bibel, Sacharja das zweitletzte Buch des Alten Testaments. Daher kann sich der Herr Jesus nur auf diesen Propheten beziehen. Dass wir in dem Prophetenbuch nichts über den Tod Sacharjas lesen, muss uns nicht überraschen. Das finden wir in keinem dieser prophetischen Bücher. Aber der Herr offenbart uns hier, wie dieser treue Mann Gottes ums Leben gekommen ist.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht