Der Brief an die Galater

Galater 3

Der Brief an die Galater

„O unverständige Galater! Wer hat euch bezaubert, denen Jesus Christus, als (unter euch) gekreuzigt, vor Augen gemalt wurde?“ (Vers 1). Wohl hatte der Apostel Ursache, so zu ihnen zu sprechen. Es war noch nicht lange her, dass sie durch seine Predigt in den Genuss der Segnungen des Christentums gekommen waren; und ach, schon waren sie in Gefahr, sich abzuwenden. Sie hatten das glückselige Bewusstsein der Gnade in ihren Seelen verloren und waren zum Gesetz zurückgekehrt. Paulus hatte ihnen Jesus Christus vor die Augen gemalt, als wäre Er unter ihnen gekreuzigt worden; und die Galater hatten, durch Seine Liebe angezogen, sich in den Segnungen, zu denen das Kreuz ihnen den Zugang verschaffte, erfreut. O, bedenkt doch, sagt Paulus, was ihr tut. Das Kreuz des Christus zeigt die Verdorbenheit der menschlichen Natur, die Häßlichkeit der Sünde und die Feindschaft des Fleisches gegen Gott. Das Kreuz zeugt vom heiligen und ewigen Gericht Gottes und beweist zugleich, wie hoffnungslos es ist, durch das Gesetz die Segnungen zu erwarten. Die Wahrheit habt ihr, o Galater! mit euerm ganzen Herzen angenommen; nun wollt ihr den Blick vom Kreuz abwenden, um eure Errettung vom Halten von Satzungen abhängig zu machen! „Dies allein will ich von euch lernen: Habt ihr den Geist aus Gesetzeswerken empfangen oder aus der Botschaft des Glaubens?“ (Vers 2).

Im vorhergehenden Kapitel spricht der Apostel vom Leben, hier vom Heiligen Geist. Er bezweifelt die Gegenwart des Heiligen Geistes in ihrer Mitte nicht, aber versucht unter ihnen das Bewusstsein zu wecken, dass der Geist mit dem Glauben und keineswegs mit dem Gesetz in Verbindung steht. Der Zustand der Galater war sicherlich sehr traurig. Sie hatten schon so viele Vorrechte unter dem Evangelium genossen und doch wollten sie nun im Fleisch endigen. „Seid ihr so unverständig? Nachdem ihr im Geist angefangen habt, wollt Ihr jetzt im Fleisch vollenden?“ (Vers 3). Mancherlei hatten sie schon für das Evangelium gelitten; doch Satan hat sie durch seine List so weit gebracht, dass der Apostel sie fragen muss: „Habt ihr so vieles vergeblich gelitten?“ (Vers 4). Aber wie schlimm ihr Zustand auch war, der Heilige Geist hatte sie doch nicht verlassen; Er wohnte noch in ihrer Mitte; Er wollte dort noch wirken, damit sie wieder zurückkehren würden. Welch ein Trost auch für uns! Wie tief die Versammlung auch gefallen ist, so hat doch Gott den Heiligen Geist als Quelle des Genusses in Christus nicht weggenommen. Er wohnt in der Versammlung und bleibt in ihr wohnen, bis sie diese Erde verlässt.

Paulus verzweifelt darum auch nicht an den Galatern. Er hat sie noch nicht aufgegeben; noch will er nicht annehmen, dass der Feind bereits einen solchen Sieg über sie davongetragen hat; er nimmt lieber an, dass sie diesen Zustand bald verlassen werden, und deshalb lässt er, wenn er sie fragt: „Habt ihr so vieles vergeblich gelitten?“ nachfolgen: „wenn anders auch vergeblich!“ als wollte er sagen: Ich hoffe, dass alles noch gut werden wird und dass es also nicht umsonst sein soll.

Was der Apostel gesagt hatte war eine Berufung auf seine Erfahrung. Die Galater hatten den Geist empfangen; sie hatten für das Evangelium gelitten; es waren Kräfte unter ihnen geweckt worden, und das alles war die Frucht seiner Predigt gewesen; Gott hatte den Apostel als Mittel gebraucht, um ihnen diese Segnungen zu geben. Sie konnten das nicht leugnen; es war nun lediglich die Frage, ob sie das alles aus den Werken des Gesetzes oder aus der Predigt des Glaubens empfangen hatten. „Der euch nun den Geist darreicht und Wunderwerke unter euch wirkt, ist es aus Gesetzeswerken oder aus der Kunde des Glaubens?“ (Vers 5). Natürlich aus der Predigt des Glaubens. Und dies ist nicht nur jetzt der Fall, sondern war es schon bei Abraham. Auch Abraham hat die Segnungen aus dem Glauben und keineswegs durch das Gesetz empfangen. Denn wann glaubte Abraham an Gott, und wann wurde ihm dies zur Gerechtigkeit gerechnet? Bevor die Beschneidung gekommen war; denn die Beschneidung kam, nachdem Abraham bereits viele Beweise seines Glaubens geliefert und Gott ihm versichert hatte, dass er aus Glauben gerechtfertigt war. Wenn also die jüdisch gesinnten Lehrer das Gesetz und die Beschneidung wieder einführen wollten, handelten sie ganz gegen den Grundsatz aus dem Abraham, den sie doch ihren Vater nannten und auf den sie sich beriefen, gerechtfertigt war. Darum sagt der Apostel denn auch: „Gleichwie Abraham Gott glaubte und es ihm zur Gerechtigkeit gerechnet wurde. Erkennt denn: Die aus Glauben sind, diese sind Abrahams Söhne“ (Vers 6, 7). Denn wenn Abraham die Segnung durch den Glauben erlangte, so ist sein Same auf dieselbe Weise gesegnet. Paulus beginnt hier mit dem natürlichen Samen, den Juden; doch kommt er nachher auch zu den Nationen: „Die Schrift aber, voraussehend, dass Gott die Nationen aus Glauben rechtfertigen würde, verkündigte dem Abraham die gute Botschaft zuvor:,In dir werden gesegnet alle Nationen'“ (Vers 8). Die Nationen sollten als Nationen gesegnet werden und keineswegs, nachdem sie zuerst Juden geworden waren; der Segen soll über „die Nationen“ kommen. „Also werden die, welche aus Glauben sind, mit dem gläubigen Abraham gesegnet“ (Vers 9). Gleichwie sein Segen vom Glauben abhing, so hing auch der ihre davon ab.

Nachdem der Apostel bewiesen hat, dass die Segnungen vom Glauben und nicht von den Werken des Gesetzes oder von der Beschneidung abhängen, fügt er die ernsten und feierlichen Worte bei: „Denn so viele aus Gesetzeswerken sind, sind unter dem Fluch, denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun!“ (Vers 10). Möchten doch jene, die Lehrer des Gesetzes sein wollen, diese Worte in Wahrheit verstehen und zu Herzen nehmen! Nicht nur so viele das Gesetz gebrochen haben, sind unter dem Fluch, sondern auch die, welche auf einem gesetzlichen Boden stehen. Jeder, der auf diesem Fundament Gott angenehm sein will, ist verflucht. Das Gesetz verdammt notwendig einen jeden, der es zur Richtschnur nimmt, sobald er es übertritt. „Denn so viele aus Gesetzeswerken sind, sind unter dem Fluch.“ Wenn ich nicht in allem bleibe, was im Buch des Gesetzes geschrieben steht – wenn es mir nicht gelingt, alles ohne Fehler zu erfüllen, dann bin ich verflucht. Passt ein solcher Standpunkt für den Christen? Unmöglich; und darum ist bei denen, die so sprechen, alles in Verwirrung. Was sagt Paulus? „Dass aber durch Gesetz niemand vor Gott gerechtfertigt wird, ist offenbar, denn“ – und hier führt er eine andere Bibelstelle an – „der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Vers 11; Hab 2, 4). In 5. Mose 27 wurden die zwölf Stämme in zwei Hälften geteilt, die eine, um den Segen, die andere, um den Fluch zu verkündigen. Die Flüche allein werden ausgesprochen, während die Segnungen ganz weggelassen werden. Die Schrift zeigte schon in jener Zeit, dass die Gesetzeswerke keineswegs rechtfertigen konnten, weil sie sagt: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Nun war aber das Gesetz nicht aus Glauben, sondern: „Wer diese Dinge getan hat, wird durch sie leben“ (Vers 12). Es gibt aber einen noch treffenderen Beweis. „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem Er ein Fluch für uns geworden ist! denn es steht geschrieben:,Verflucht ist jeder, der am Holz hängt!'“ (Vers 13). Dass der Apostel hier mit „uns“ die jüdischen Gläubigen meint, ergibt sich deutlich aus dem folgenden Vers, wo er im besondern von den Nationen spricht, „damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Nationen käme“. In der zweiten Hälfte dieses Verses nimmt er dann Juden und Nationen zusammen: „Auf dass wir die Verheißung des Geistes empfingen durch den Glauben.“ Es ist vollkommen wahr, dass auch wir durch die Sünde unter den Fluch gekommen wären, wenn es Christus nicht verhindert hätte. Wir hatten ihn ebenso sehr verdient, obwohl wir niemals unter dem Gesetz waren. Das Gesetz war Israel und keineswegs den Nationen gegeben. Und darum muss man Israel etwas anderes sagen als den Nationen. Dem ersteren konnte der Apostel sagen: „Wir hatten Christus nötig, weil wir nicht in allem geblieben sind, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun, und Er ist gekommen und hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem Er ein Fluch für uns geworden ist.“ Aber den Gläubigen aus den Nationen, die nie etwas mit dem Gesetz zu tun gehabt hatten, konnte er sagen: „Wie sucht ihr nun auf dem Boden gesegnet zu werden, auf dem wir nur den Fluch ernten konnten?“

Die Gläubigen können nun durch die Gnade Gottes sagen. „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem Er ein Fluch für uns geworden ist.“ Christus hat sich eins gemacht mit uns; Er ist an unsere Stelle getreten; darum sind wir nun frei vom Gesetz; der Strom der Segnungen, einmal geöffnet, erstreckt sich viel weiter als früher: „Auf dass der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Nationen käme.“ Gott musste zuerst den Fluch wegnehmen; und nachdem dies für die gläubigen Juden auf eine heilige Weise geschehen war, kam die Gnade durch das Kreuz des Christus auch zu den Nationen. Christus hatte das Werk der Erlösung vollendet, und damit war jedes Hindernis weggeräumt. Er hatte für den Gläubigen den Fluch des Gesetzes, den es über den Schuldigen aussprach, getragen. Darum hatte das Gesetz seine Macht über die Juden, die an Christus glaubten, verloren; und das durch dieselbe Tat, die das treffendste Zeugnis seiner Macht war. Und nun konnte die Verheißung, die früher dem Abraham ohne Bedingung gegeben worden war, zu den Nationen kommen. Beide, Juden und Nationen, konnten jetzt durch den Glauben an Ihn den Heiligen Geist empfangen. Während das Gesetz denen die Segnungen nicht schenkte, die unter ihm waren, und niemals ein Mittel sein konnte zum Empfang des Heiligen Geistes als der Kraft, um Christus zu genießen, wird man durch den Glauben in den Besitz aller Segnungen gebracht. Durch die Erlösung ist das Heil nicht allein für den stolzen, aber dem Fluch unterworfenen Juden, sondern auch für den armen, verlorenen Heiden, und wird bereits gesehen im vornehmsten und reichsten Teil der Segnung – in der Verheißung des Heiligen Geistes.

Nachdem Paulus bewiesen hat, dass die Segnung keineswegs durch das Gesetz, sondern aus Gnaden gegeben wurde, behandelt der Apostel nun die Beziehung zwischen Gesetz und Verheißung. „Brüder, ich rede nach Menschenweise; selbst eines Menschen Bund, der bestätigt ist, hebt niemand auf oder verordnet etwas hinzu. Dem Abraham aber waren die Verheißungen zugesagt und seinem Samen“ (Vers 15). Das Gesetz ist ihm nicht gegeben worden. Weder Abraham noch sein Same wussten etwas vom Gesetz; und doch kann man nicht leugnen, dass er die Segnung empfing. Die Verheißungen wurden ihm nicht nur gegeben, sondern auch bestätigt, und selbst wenn es nur ein menschlicher Bund gewesen wäre, konnte nichts dazu und nichts davon getan werden. Die Frage ist nun: Wozu diente denn das Gesetz, nachdem die unveränderliche Verheißung gegeben war, der die Erbschaft unbedingt folgen musste? Wie ist das Gesetz Gottes mit Seinen Verheißungen zu vereinigen? Warum gab Er beide? Hatten sie dasselbe Ziel und dieselbe Grundlage? Wir werden sehen, dass der Heilige Geist alle diese Fragen beantwortet.

„Dem Abraham aber waren die Verheißungen zugesagt und seinem Samen. Er sagt nicht:,und den Samen', als von vielen, sondern als von einem:,und deinem Samen', welcher Christus ist“ (Vers 16). Es ist klar, dass dies eine Anspielung ist auf zwei bestimmte Ereignisse in Abrahams Geschichte. Beim ersten Ereignis in 1. Mose 12 ist allein von Abraham die Rede, beim zweiten, in 1. Mose 22, von Isaak. Und im letzten Kapitel wird sowohl vom zahlreichen Samen, als auch vom einzelnen gesprochen. Mit der Verheißung des zahlreichen Samens verbindet Gott den Besitz der Tore seiner Feinde (Vers 17), d. h. die jüdische Herrschaft. Die Juden sollen ihre Feinde unterwerfen. Israel wird auf Erden erhöht werden, was Gott den Nationen nicht verheißen hat. Der Christ ist nicht berufen seine Feinde zu unterdrücken. In 1. Mose 22 werden denn auch diese zwei Dinge genau unterschieden. Wenn vom Samen in der Einzahl geredet wird (Vers 18), dann findet man die Segnung der Nationen; doch wenn gesagt wird, dass der Same so zahlreich sein soll wie die Sterne und der Sand, dann ist der Charakter der Segnung jüdisch. Der Apostel will nun offenbar sagen, dass wo Christus typisch durch Isaak vorgebildet ist, es einfach heißt „deinem Samen“, und es ist keine Rede von unzählbarem Samen. „Dem Abraham aber waren die Verheißungen zugesagt und seinem Samen“; nämlich die Verheißungen der Segnung und nicht der Unterdrückung der Heiden. Die Verheißungen wurden zuerst Abraham gegeben und hernach seinem Samen bestätigt. Und dieser Same ist Christus, von dem Isaak ein vorlaufendes Schattenbild war.

Verweilen wir einen Augenblick bei den Umständen, unter denen Gott die Verheißungen in Isaak, dem Vorbild auf Christus, gab. In 1. Mose 22 finden wir Isaak als Opfer zubereitet. Bis zum letzten Augenblick wusste Abraham nichts anderes, als dass sein Sohn sterben sollte. Isaak war drei Tage lang unter dem Urteil des Todes. Doch Abraham hatte Vertrauen zu Gott, der verheißen hatte, dass er in Isaak das Land besitzen sollte, und darum war er gewiss, dass gerade in diesem Einen die Verheißung erfüllt würde. Er dachte nicht daran, dass Sara einen anderen Sohn bekommen sollte; denn die Verheißung war für diesen einzigen. Er war darum sicher, dass Gott ihn aus den Toten auferwecken würde, um das Haupt des jüdischen Geschlechts zu werden. Hier haben wir ein treffendes Vorbild von dem Nichtverschonen von Gottes eingeborenem Sohn. Abraham hatte seinen Sohn so gut wie geopfert, und Gott gab Isaak nicht nur zurück, sondern gab zugleich die Verheißung: „In dir sollen alle Nationen der Erde gesegnet werden.“ So ist es bei uns. Christus ist vollkommen frei, die Völker zu segnen, nachdem Er gestorben und auferstanden ist. Solange Er Seinen Aufenthalt auf Erden hatte, sagte Er: „Ich bin nicht gesandt als nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels“, aber nach Seiner Auferstehung war alles verändert. Da gab Er Seinen Jüngern den Befehl: „Geht hin und lehrt alle Nationen“. Und dies ist von größter Wichtigkeit, weil Christus unter dem Gesetz war, solange Er auf Erden lebte. Auferstanden aus den Toten, steht Er in keiner Beziehung mehr zum Gesetz. Das Gesetz hat nichts mit einem Menschen zu tun, der gestorben ist. Und da der Gläubige mit dem gestorbenen und auferstandenen Christus ein Organimus geworden ist, so ist er aus seinem alten Zustand herausgenommen – das Gesetz hat kein Recht mehr an ihn.

Aber wenn die Verheißung vor dem Gesetz gekommen ist, macht dann das Gesetz nicht die Verheißung zunichte? – könnte man fragen. Keineswegs, antwortet Paulus: „Dieses aber sage ich: Einen vorher von Gott bestätigten Bund macht das vierhundertunddreißig Jahre danach entstandene Gesetz nicht ungültig, um die Verheißung aufzuheben“ (Vers 17). Gott trug Sorge, dass zwischen der Verheißung an Abraham und Isaak und dem Geben des Gesetzes ein Zeitraum von mehr als vierhundert Jahren bestand, damit niemand sagen konnte, dass die Verheißung und das Gesetz ein und dieselbe Sache wären. Es ist nun klar, dass Verheißung und Gesetz ganz verschieden sind und dass beide ihren besonderen Zweck haben. Als Gott zu Abraham sagte: „Ich werde dir und deinem Samen nach dir das ganze Land Kanaan zum ewigen Besitztum geben“, fügte Er nicht hinzu: Wenn du so und so handeln wirst. Die Verheißung war bedingungslos; sie hing allein von der Güte Gottes ab und darum konnte sie durch das Gesetz nicht aufgehoben werden. Beim Gesetz dagegen hing alles vom Wandel ab; „wer diese Dinge tut, soll dadurch leben“ und „verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun.“ Das Gesetz stellt den Menschen auf einen ganz andern Boden. Wenn ich etwas empfange, indem ich etwas dafür gegeben oder getan habe, so ist das nicht mehr aus Gnaden, sondern aus Verdienst. „Denn wenn die Erbschaft aus Gesetz ist, so nicht mehr aus Verheißung“ (Vers 18) – und also nicht mehr aus Gnaden. Und wenn dies wahr ist, wie sollten wir dann jemals die Verheißung empfangen können, da alles, was wir verdient haben, der Fluch ist?

Aber wozu denn das Gesetz? Wenn Gott die Erbschaft durch die Verheißung geben wollte, warum gab Er denn das Gesetz? Weil noch eine andere Frage zwischen Gott und den Menschen behandelt werden musste, nämlich die Frage der Gerechtigkeit. Die Gnade, welche die Segnungen schenken will und bereits vorher verheißt, ist nicht die einzige Sache, die Gott beschäftigt, wiewohl sie für uns die einzige Quelle des Segens ist. Die Sünde und die Schuld des Menschen mussten ganz ans Licht treten und der Mensch zum Bewusstsein seiner Verantwortlichkeit gebracht werden. Warum nun das Gesetz? „Es wurde der Übertretungen wegen hinzugefügt“ (Vers 19). Es wird nicht gesagt: um der Sünde willen, da Gott nie etwas tun kann, um den Menschen zum Sünder zu machen; aber „um der Übertretungen willen.“ Die Sünde war in jedem Menschen, ehe das Gesetz kam; der Wille des Menschen war schon vor dieser Zeit im Aufstand gegen Gott. Die Sünde ist also nicht durch das Gesetz, sondern das Gesetz wurde gegeben, um die Sünde offenbar zu machen, um zu zeigen, wie die Verachtung von Gottes Gerechtigkeit alle Grenzen überschritt. Das Gesetz stellt den wahren sittlichen Zustand der Menschen ans Licht; es offenbart den furchtbaren Verfall, in den der Mensch durch die Sünde gekommen ist. Das zu erkennen ist von großer Wichtigkeit; wie sollten wir sonst die Gnade verstehen können?

Nachdem Gott also den Israeliten das Gesetz gegeben hatte, waren sie nicht allein Sünder, sondern auch Übertreter. „Das Gesetz aber kam daneben ein, damit die Übertretung überströmend würde.“ Bevor die zehn Gebote gegeben waren, konnte man mit einigem Recht sagen: Wir sehen nicht ein, dass Götzendienst oder das Nichthalten des Sabbats Sünde ist. Aber das Gesetz nahm jede Entschuldigung weg. Doch „für einen Gerechten ist das Gesetz nicht bestimmt“, wiewohl man es in unseren Tagen oft als Richtschnur des Lebens gebrauchen will. Das Gesetz war die Richtschnur des Todes für einen Sünder; Christus ist die Richtschnur des Lebens für einen Heiligen. Das Gesetz wurde „der Übertretungen wegen hinzugefügt, bis der Same käme, dem die Verheißung gemacht war“ (Vers 19). Dieser Same, Christus, ist nun gekommen, und das Gesetz hat sein Ende erreicht. Es bleibt stets sehr wichtig, um den Sünder davon zu überzeugen, was der Mensch vor Gott sein sollte, aber es ist weder der Abglanz Gottes noch die Richtschnur für den Heiligen. Christus ist beides, und Christus allein.

Außerdem ist es „angeordnet durch die Engel durch die Hand eines Mittlers“ (Vers 19). Dies zeigt noch deutlicher den Unterschied gegenüber der Verheißung, die unmittelbar durch Gott dem Menschen gegeben wurde ohne die Vermittlung durch Engel oder durch einen menschlichen Schiedsrichter. Beim Gesetz tritt die Vermittlung durch den Menschen in den Vordergrund. Es war nicht nur ein Gebot, es machte den Empfang der Verheißung nicht nur von der Treue Gottes, sondern auch von derjenigen der Menschen abhängig. Es mussten notwendigerweise zwei Parteien sein, sonst wäre kein Mittler nötig gewesen. Die Engel der Herrlichkeit, die kein Teil an der Verheißung hatten, begleiteten nach dem Willen Gottes die Bekanntmachung des Gesetzes mit dem Glanz ihres Angesichts.

Aber Er selbst, der Gott der Engel und Israels, war verborgen; Er war in Seiner Heiligkeit von Wolken und Feuer und dichter Finsternis umgeben. Welch ein unendlicher Unterschied ist also zwischen Gesetz und Verheißung. Beim Erstem zeugte alles von dem Abstand, der zwischen Gott und dem Volk bestand; beim Letztem sehen wir, dass Gott persönlich in Liebe kommt und spricht. Es ist kein Mittler nötig, da die Verheißung bedingungslos auf Christus gegründet ist. Gott wendet sich direkt an jede bekehrte Seele, gleichwie Er sich an Abraham wandte; ja, wir stehen Ihm nun, seitdem die Erlösung vollbracht und Christus auferstanden ist, viel näher.

„Ein Mittler aber ist nicht Mittler von einem; Gott aber ist einer“ (Vers 20). Unter dem Gesetz stehen Gott und der Mensch als zwei Parteien einander gegenüber; und zwischen den beiden ist ein Mittler. Moses brachte die Worte des Herrn zu Israel und Israels Antwort dem Herrn. Moses stand also zwischen Gott und dem Menschen; und was war die Folge? Auf Gottes Seite blieb alles sicher; auf Seiten des Menschen wurde alles gebrochen. So war es, so ist es und kann nicht anders sein; und dies nicht durch einen Mangel am Gesetz, sondern durch die Schuld und Verdorbenheit des Menschen. Das Gesetz hängt – ausgenommen in seinen Forderungen – nicht allein von Gott ab; aber die Verheißung hängt – Gott sei Dank – allein von Ihm ab. Unter dem Gesetz ist der Mensch gewissermaßen die handelnde Person. Er gibt Gott und nicht Gott ihm. Als Gott dem Abraham das Land verhieß, war es Seine eigene freie, unabhängige Gabe. Im Gesetz sind zwei Parteien, und alles verfällt zu nichts, da der Mensch die eine Partei ist, um die sich alles bewegt; und was ist von ihm zu erwarten? Bei der Verheißung ist nur eine Partei; und da kann nichts gebrochen werden, weil Gott sich weder verändern noch lügen kann; Seine Verheißung muss erfüllt werden. Darum ist die Folgerung des Apostels vollkommen richtig: „Ein Mittler ist nicht Mittler von einem“; das will sagen: Wo die gesetzliche Vermittlung nötig ist, müssen zwei Parteien sein; die eine Partei ist in diesem Fall der Sünder, und deshalb ist alles verloren. „Gott aber ist einer.“ Dies ist der Charakter und die Kraft der Verheißung. Gott steht allein; Er führt alles aus – alles, was Er verheißen hat; und der Gläubige hat lediglich zu danken, den Segen zu genießen und würdig darin zu wandeln.

„Ist denn das Gesetz wider die Verheißungen Gottes? Das sei ferne! Denn wenn ein Gesetz gegeben worden wäre, das lebendig zu machen vermöchte, dann wäre wirklich die Gerechtigkeit aus Gesetz“ (Vers 21). Das Gesetz verhieß den Segen unter der Bedingung des Gehorsams des Menschen. Hätte es nun zugleich das Leben geben können, dann wäre dieser Gehorsam befolgt und die Verheißung erlangt worden. Aber nun fand das Gegenteil statt; denn sowohl Juden wie Heiden waren von Natur Sünder. Ohne Gesetz ist der Mensch ein Sklave seiner ungezügelten Leidenschaften, und unter dem Gesetz beweist er deren Kraft in der Übertretung. Darum sagt Paulus. „Die Schrift hat alles unter die Sünde eingeschlossen.“ Die Wahrheit der Schrift ist ein Siegel, das alles – die Juden durch Übertretung und die Nationen durch Gesetzlosigkeit – unter die Sünde eingeschlossen hat; „damit die Verheißung aus Glauben an Jesus Christus denen gegeben würde, die da glauben“ (Vers 22); nicht den Juden als solchen, sondern „den Glaubenden“. „Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden“ (Verse 23. 24). Das Gesetz hielt die Juden in Bewahrung wie in einer Festung oder in einem Gefängnis; es war zugleich ein Zuchtmeister bis Christus kam; gleichwie schon früher gesagt wurde: „Der Übertretungen wegen wurde es hinzugefügt, bis der Same käme, dem die Verheißung gemacht war.“

Das Gesetz war keineswegs der Führer des Volkes zu Christus; denn die Wirkung des Gesetzes ist vielmehr ein Amt des Todes und der Verdammnis, wie 2. Korinther 3 deutlich lehrt. Wohl konnte Gott das Volk unter das Urteil des Todes bringen und es später durch Christus wieder davon erlösen; aber eine in sich selber tötende Kraft kann nie das Mittel sein, um das Volk zu Christus zu bringen. „Das Gesetz war unser Zuchtmeister.“ Es hatte den Dienst eines Knechtes, der die Aufsicht über Unmündige hat, und es behandelte diejenigen, die unter ihm standen, mit Strenge, bis Christus kam. Obgleich sie Kinder des Königreichs waren, wurden sie doch als Knechte unter das Gesetz gestellt. Die Galater waren Heiden und sind deshalb nie unter dem Gesetz gewesen; aber der Apostel macht sie mit der Handlungsweise Gottes gegen die Juden bekannt, damit sie um so besser die Gnade verstehen sollten. Denn die Juden offenbarten, gerade als Übertreter des Gesetzes, wie böse und verdorben das menschliche Herz ist. Es wird darin deutlich, dass keine Hoffnung auf Rettung war, außer in Christus. Durch Ihn wird man freigemacht vom Gesetz. „Da aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter einem Zuchtmeister“ (Vers 25). Selbst die gläubigen Juden waren nicht mehr unter dem Gesetz. Sobald sie Christus annahmen, verließen sie die Herrschaft des Gesetzes und unterwarfen sich Christus. Er ist der Herr und Meister der Christen. Der Jude hatte das Gesetz als seinen Erzieher gehabt; doch sobald er Christus besaß, hörte der Dienst des Gesetzes auf und er kam unter eine ganz neue Herrschaft.

Man beachte jetzt den merkwürdigen Wechsel in Vers 26. Paulus schreibt nicht mehr „wir“, sondern „ihr“. „Denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus“ (Vers 26). Er wendet sich nun an die Galater, die natürlich Sünder aus den Nationen gewesen waren und sich doch dieser engen Gemeinschaft als Söhne Gottes erfreuen konnten. Ihr – das ist der Gedankengang des Apostels – seid durch den Glauben an Christus zu dieser hohen Gemeinschaft gebracht worden ohne die Vermittlung des Gesetzes. Paulus hatte ihnen nicht zuerst das Gesetz und darnach Christus verkündigt, sondern einfach „Jesus und die Auferstehung“. Und durch den Glauben an diesen Jesus waren sowohl Nationen wie Juden Söhne Gottes; denn dieser Glaube bringt den Menschen unmittelbar in die Gegenwart Gottes und macht aus ihm einen Sohn des Vaters der Herrlichkeit. Es blieb kein Platz übrig für den Zuchtmeister; man war nicht mehr unmündig, sondern Sohn, und man hatte teil an den Vorrechten, die in Christus sind. „Denn so viele euer auf Christus getauft worden sind, ihr habt Christus angezogen“ (Vers 27). Durch unsere Taufe bekennen wir, dass wir einem Heiland angehören, Der für uns gestorben und auferstanden ist. „Wisst ihr nicht“, sagt der Apostel anderswo, „dass so viele auf Jesus Christus getauft wurden, auf Seinen Tod getauft worden sind?“ Und der Tod des Christus schließt für immer eine Verbindung mit dem Gesetz aus. Bis an den Tod hatte das Gesetz eine rechtmäßige Forderung an den Juden, aber wenn er Christus als gestorben und auferstanden annimmt, ist er von ihm frei und kommt in einen ganz neuen Zustand. Seine Verbindung mit dem ersten Mann ist gelöst; er gehört nun einem andern. Wenn er später versucht, Christus und das Gesetz zu vereinigen, dann gleicht er einer Frau, die zwei Männer hat. Die Folgen sind leicht zu begreifen. Wer hat nicht schon einen Christen angetroffen, der sich heute freut und morgen niedergeschlagen ist? Er ist unsicher, ob er das ewige Leben hat; er fürchtet sich bei dem Gedanken an die Wiederkunft des Herrn, obschon er Christus lieb hat und anbetet. Wie kommt das? Weil er nicht weiß, was es heißt, dem Gesetz gestorben zu sein. Es ist darum kein Wunder, dass er unglücklich ist; denn das Gesetz verurteilt ihn und lässt ihn fürchten, doch noch umzukommen. Wie herrlich ist es darum zu hören, dass Christus alle Bande der Sünde zerbrochen hat. Meine Taufe ist das Bekenntnis, selbst wenn ich ein Jude bin, dass ich dem Gesetz gestorben bin; „da wir dem gestorben sind, in welchem wir festgehalten wurden“. „Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet worden durch den Leib des Christus, um eines andern zu werden, des aus den Toten Auferweckten.“ Es wäre sehr gefährlich, wenn wir, vom Gesetz freigemacht, nicht eines andern würden. Man könnte dann leicht denken: „Nun kann ich tun, was ich will“. Wenn man aber Christus angehört, kommt man in ein ganz neues Verhältnis, Ich gehöre Ihm an und ich tue nur das, was Ihm wohlgefällig ist.

Der Zweck des Ganzen ist, zu zeigen, dass, wie wichtig das Gesetz auch sein mochte, um die Übertretungen des Volkes ans Licht zu bringen, es nicht für denjenigen ist, der Christus besitzt, da seine Sünde verurteilt und er in eine ganz neue Stellung gekommen ist. „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus. Wenn ihr aber des Christus seid, so seid ihr denn Abrahams Same und nach Verheißung Erben“ (Verse 28. 29). Um die Verheißung zu erlangen, war es nicht nötig, ein Jude unter dem Gesetz zu sein; man musste in Christus sein; das war der genügende, ja der einzig mögliche Weg, um sie zu empfangen. Wenn man sie durchs Gesetz erlangen will, verliert man sie; wenn man aber Christus annimmt, ist sie unser. Christus ist der wahre Same Abrahams, und besitze ich Ihn, dann besitze ich alle Verheißungen Gottes. „Denn so viele der Verheißungen Gottes sind, in Ihm ist das Ja und in Ihm das Amen, Gott zur Herrlichkeit durch uns.“

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