Leben mit Ziel
Eine Auslegung zu 4. Mose 6

Teil 3: Die Erfüllung der Tage der Absonderung (6,13-21)

Leben mit Ziel

Das Gesetz des Nasirs (6,13)

Und dies ist das Gesetz des Nasirs: An dem Tag, an dem die Tage seiner Absonderung erfüllt sind, soll man ihn an den Eingang des Zeltes der Zusammenkunft bringen“ (6,13).

Im dritten Teil des Kapitels kommen wir zu dem schönen Thema der Erfüllung des Gelübdes. Es steht damit in einem gewissen Gegensatz zu dem soeben besprochenen zweiten Teil, der einen traurigen Charakter hat. Die Schlüsselworte hier sind nicht mehr Versagen und Unterbrechung, sondern Erfüllung und Freude: „Und danach darf der Nasir Wein trinken“ (4. Mo 6,20).

Auf den ersten Blick mag man erstaunt sein, die Worte „Und dies ist das Gesetz des Nasirs“ an dieser Stelle und nicht am Anfang oder am Ende des Kapitels zu finden. In Vers 21 wird diese Formulierung noch einmal wiederholt. Sie rahmen also diesen dritten Teil ein und beschränken damit das eigentliche Gesetz des Nasirs auf die Vorschriften, die den letzten Tag betreffen, den letzten Tag dieses unter Umständen langen Zeitraums „alle die Tage seiner Absonderung“. Der gesamte Zeitraum, in dem der Nasir als dem HERRN geweiht gelebt hatte, fand also seinen Höhepunkt in diesem letzten Tag. Alles war auf diesen Tag ausgerichtet.

Insbesondere gehörte der Fall der Unterbrechung der Weihe (V. 9–12) nicht zum eigentlichen Gesetz des Nasirs. Dürfen wir hier nicht eine Parallele in der Tatsache sehen, dass wir zwar noch das Fleisch in uns tragen (Röm 7,17.18) und deshalb zwar noch sündigen können (1. Joh 2,1b), aber dass wir es nicht tun sollten (1. Joh 2,1a) und auch nicht mehr zu tun brauchen? Wir stehen nicht mehr unter der Macht der Sünde (Röm 6,14). Eine Sünde im Leben eines Gläubigen ist ein tragischer – selbst verschuldeter – Unfall, nicht etwas, das vorgesehen oder normal wäre.

Außerdem wird der Blick auf das Ziel gerichtet. Das eigentlich Wesentliche ist weder die Möglichkeit des Versagens (Teil 2) noch die Entbehrung (Teil 1), sondern die Freude danach (Teil 3)!

Der letzte Tag seiner Absonderung

Das Leben des Gläubigen ist auch auf einen Endpunkt ausgerichtet. „Alle die Tage“ (vgl. V. 4) unseres Lebens hier auf der Erde, alles was wir hier in Hingabe für den Herrn sein können, findet Höhepunkt und Motivation in dem großen Finale, wenn der Herr „unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit“ (Phil 3,21). Dann wird wahr werden, was wir in 1. Johannes 3,2 lesen: „Denn wir werden ihn sehen, wie er ist“. Dieses Ziel hat der Nasir „alle Tage seiner Weihe“ vor Augen gehabt: „Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, gleichwie er rein ist“ (1. Joh 3,3).

Am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft

Wieder sehen wir den Nasir am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft (vgl. V. 10), also an dem Ort der Gegenwart Gottes. Allerdings gibt es einen Unterschied zu Vers 10, wo es heißt, dass er etwas an den Eingang des Zeltes der Zusammenkunft bringen sollte, nämlich zwei Turteltauben oder junge Tauben. Hier wird er selbst gebracht.

So wird es einmal allen Gläubigen gehen. Sie werden in die Gegenwart Gottes gebracht werden, nicht etwa um sich mit Verunreinigung oder Sünde zu beschäftigen, sondern um ewige Freude zu genießen. Gläubige, die durch den Tod gehen, sind sofort „bei Christus“, wo es „weit besser“ ist (Phil 1,23). Andererseits werden die zum Zeitpunkt der Entrückung lebenden Glaubenden – zusammen mit den auferweckten Entschlafenen – entrückt werden, um dann „allezeit bei dem Herrn“ zu sein (1. Thes 4,16.17).

„Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht, Lieblichkeiten in deiner Rechten immerdar“ (Ps 16,11).

„Ich aber werde dein Angesicht schauen in Gerechtigkeit, werde gesättigt werden, wenn ich erwache, mit deinem Bild“ (Ps 17,15).

Diese beiden Verse, die in erster Linie Christus im Blickfeld haben, werden sich auch im Blick auf Gläubige erfüllen.

Christus

Der Herr Jesus hat – ohne Unterbrechung – als wahrer Nasir für Gott gelebt: „Alle die Tage …“ Dann kam für Ihn der Augenblick, wo die Tage seiner Absonderung hier auf der Erde „erfüllt“ waren. So besprachen Mose und Elias mit Ihm „seinen Ausgang, den er in Jerusalem erfüllen sollte“ (Lk 9,31).

Nach vollbrachtem Werk wurde Er in die Gegenwart Gottes gebracht. Als Sohn Gottes konnte Er zum Vater „gehen“, „kommen“ und „auffahren“ (Joh 13,1; 17,13; 20,17). Als Mensch wurde Er „hinaufgetragen in den Himmel“ (Lk 24,51). Als Knecht wurde Er „in den Himmel aufgenommen“ (Mk 16,19).

Es ist interessant, dass gerade in diesem Zusammenhang auch das Zelt der Zusammenkunft erwähnt wird. So heißt es in Hebräer 9,11.12: „Christus aber – gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter, in Verbindung mit der größeren und vollkommeneren Hütte, die nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut – ist ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte.“

Er wurde nicht nur wie der Nasir zum Zelt der Zusammenkunft gebracht, sondern übertraf dieses Vorbild bei Weitem:

  • Er wurde nicht nur zum Zelt der Zusammenkunft gebracht, sondern ging ins Heiligtum hinein.
  • Es war ein besseres Heiligtum als zur Zeit des Alten Testamentes („größere und vollkommenere Hütte“).
  • Er hatte nicht nur Gott geweiht gelebt, sondern war gestorben und hatte in seinem Tod eine „ewige Erlösung erfunden“.

Er war „der Urheber ewigen Heils geworden“ und war „von Gott begrüßt worden als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks“ (Heb 5,9.10). In einem anderen Sinn ist Er allerdings jetzt noch als Nasir abgesondert und geheiligt (Joh 17,19). Er wartet noch auf die Freude, von seinem Volk wieder angenommen zu werden. Vielleicht kann man sagen, dass Er schon „am Zelt der Zusammenkunft“ ist, aber noch darauf wartet, den Wein der Freude über sein irdisches Volk zu genießen (vgl. V. 20b).

Das Brandopfer und das Sündopfer (6,14a)

Und er soll dem HERRN seine Opfergabe darbringen: ein einjähriges Lamm ohne Fehl zum Brandopfer, und ein einjähriges weibliches Lamm ohne Fehl zum Sündopfer“ (6,14a).

Wie in Vers 11 begegnen uns hier wieder das Brandopfer und das Sündopfer, so dass die beiden grundlegenden Seiten des Werkes des Herrn am Kreuz – sein Werk für Gott (Brandopfer) und sein Werk für uns (Sündopfer) – vorgestellt werden. Allerdings handelt es sich dabei jetzt nicht mehr um Turteltauben oder junge Tauben, sondern jeweils um ein Lamm. Wenn wir einmal bei dem Herrn sind und Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen, werden wir eine höhere Wertschätzung haben, als es hier je der Fall gewesen ist, besonders verglichen mit den Gelegenheiten, wo die Notwendigkeit der Reinigung im Vordergrund gestanden hatte.

In beiden Fällen, beim Brand- und beim Sündopfer, ist es ein einjähriges Lamm ohne Fehl. Hier wird darauf hingewiesen, dass es beim Herrn kein Versagen und nichts Ungeziemendes (Lk 23,41) gegeben hat – und das ist erprobt und bewiesen worden in dem ganzen Zeitraum seines Lebens hier auf der Erde. Von diesem Zeitraum spricht das „eine Jahr“.

Es heißt, dass ein weibliches Lamm zum Sündopfer gebracht werden sollte. Wenn es um das Werk geht, dass der Herr Jesus für Gott vollbracht hat (die objektive Seite) wie zum Beispiel im Brandopfer, dann musste ein männliches Tier benutzt werden (3. Mo 1,3). Wenn es um unseren Zustand geht (die subjektive Seite) wie zum Beispiel beim Sündopfer einer einzelnen Person (3. Mo 4,28), wurde ein weibliches Tier benutzt. Beim Friedensopfer, das von unserer Gemeinschaft mit Gott spricht, konnte ein männliches oder ein weibliches Tier gebracht werden (3. Mo 3,1). Daher wird hier beim Sündopfer, wo es um unsere Seite geht, um die Sünden, die wir getan haben, ein weibliches Lamm gebracht.

So lenkt das „Gesetz des Nasirs“ (V. 13–21) unseren Blick auf etwas Zukünftiges, wenn das ganze Ergebnis des Werkes Christi ans Licht treten wird.

In unserem Abschnitt werden diese Opfer durch den Nasir gebracht. Er hat bewusst für Gott gelebt. In neutestamentlicher Sprache ausgedrückt: Er hat die Schmach des Christus getragen (Heb 11,26; 13,13). Das versetzt ihn in die Lage, mehr auf die Gedanken Gottes über seinen Sohn und dessen Werk einzugehen.

Das Friedensopfer (6,14b)

„… einen Widder ohne Fehl zum Friedensopfer“ (6,14b).

Im Gegensatz zum Brandopfer, das für Gott allein war, und im Gegensatz1 zum Sündopfer, durfte jeder Israelit vom Friedensopfer essen, sofern er rein war. So heißt es im Blick auf das Friedensopfer: „Und was das Fleisch betrifft, jeder Reine darf das Fleisch essen“ (3. Mo 7,19). Das untermauert den Gedanken, dass das Friedensopfer von Gemeinschaft spricht.

Außerdem – und sicher gerade, weil es mit Gemeinschaft zu tun hat – spricht das Friedensopfer von Freude. So heißt es in 5. Mose 27,7: „Und du sollst Friedensopfer opfern, und dort essen und dich freuen vor dem HERRN, deinem Gott“. – Daher wurde es auch oft zum Dank gefeiert (vgl. 3. Mo 7,12–15).

Diese Verbindung von Gemeinschaft und Freude besteht heute noch: Der Apostel Johannes schreibt, dass die Gemeinschaft der Apostel „mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus“ war (1. Joh 1,3) und dass sie diese Dinge („was von Anfang war“) den Empfängern des Briefes verkündigten, damit auch sie Gemeinschaft mit ihnen hätten. Was war der Zweck und das Ziel dieser Mitteilungen und dieser Gemeinschaft? Es war Freude: „Und dies schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei“ (1. Joh 1,4).

Ein Widder

Für das Friedensopfer sollte ein Widder gebracht werden. Der Widder steht mit Kraft und Energie in Verbindung. Schon im ersten Buch Mose werden die Hörner des Widders erwähnt (1. Mo 22,13) – und Hörner stehen bekanntlich für Kraft (vgl. 1. Sam 2,1.10). Interessanterweise ist das hebräische Wort für „Widder“ von „Kraft“ oder „Stärke“ abgeleitet. Tatsächlich wird es auch mit „stark“ (oder ähnlich) übersetzt: „die Starken Moabs“ (2. Mo 15,15) und „die Mächtigen des Landes“ (2. Kön 24,15).

Der Widder stellt die Stärke und Energie des Herrn Jesus dar, mit der Er das Ziel seines Lebens verfolgte, nämlich Gott Ehre zu bringen und den Willen seines Vaters zu tun. So zeigt uns das Friedensopfer, dass wir diese Dinge genießen können, die Gott genießt, und dass wir sie Ihm in Lob und Anbetung bringen dürfen.

Vielleicht sind wir mit diesen Gedanken schon lange vertraut. Aber genießen wir es immer noch, dieses gewaltige Vorrecht zu haben, dass es etwas gibt, an dem Gott und wir ein gemeinsames Interesse und gemeinsame Freude haben? Wir haben ein gemeinsames Thema: Christus und sein Werk am Kreuz.

Ohne Fehl

Wieder wird darauf hingewiesen, dass auch der Widder zum Friedensopfer „ohne Fehl“ sein musste. Gott wacht darüber, dass die Opfer, die von seinem Sohn sprechen, immer wieder betonen, dass Er vollkommen war – nicht nur frei von Verunreinigung („Flecken“), sondern auch „ohne Fehl“. Es gab keine positive Eigenschaft, die bei Christus „gefehlt“ oder nicht im richtigen Maß vorhanden gewesen wäre.

Die Speisopfer (6,15)

… und einen Korb mit Ungesäuertem: Feinmehlkuchen, gemengt mit Öl, und ungesäuerte Fladen, gesalbt mit Öl; und ihr Speisopfer“ (6,15).

Dieser Vers deutet an, dass zwei Arten von Speisopfern gebracht wurden:

  • Ein spezielles Speisopfer (Feinmehlkuchen wie in 3. Mo 2,4). Ohne hier auf die Einzelheiten des Speisopfers nach 3. Mose 2 einzugehen, wird doch klar, dass dieser Vers auf das vollkommene Leben unseres Herrn, des wahren Nasirs, hinweist: Da war nichts Böses (kein Sauerteig), Er war nach Lukas 1,35 vom Heiligen Geist gezeugt („gemengt mit Öl“) und nach Apostelgeschichte 10,38 mit Heiligem Geist gesalbt („gesalbt mit Öl“). In der Kraft des Heiligen Geistes hatte Er ein Leben geführt, das Gott vollkommen wohlgefällig war und in dem es keine Unregelmäßigkeiten gegeben hatte (Feinmehl).
    1. Die Speisopfer, die zu den anderen Opfern gehörten („und ihr Speisopfer“). So lesen wir auch in 4. Mose 15,4.6.9, dass Feueropfer von Speisopfern begleitet sein mussten (vgl. 4. Mo 28,5). Diese Tatsache macht klar, dass das Opfer Christi ohne sein vollkommenes Leben auf der Erde gar nicht möglich gewesen wäre. Beides gehört zusammen – so war es auch beim beständigen Morgen- und Abendbrandopfer (vgl. 2. Mo 29,39.40).

    Auch in Bezug auf das Leben unseres Herrn werden wir einmal eine vollere Wertschätzung haben, als es jetzt der Fall ist. Der Nasir hatte den Wunsch gehabt, für Gott zu leben. Am Ende der Tage seiner Weihe erkennt er gern an, dass Christus der Einzige war, der dies in Vollkommenheit getan hatte.

    Die Trankopfer (6,15b)

    „… und ihren Trankopfern“ (6,15b).

    Bestimmte Opfer wurden von Trankopfern begleitet. Letztere bestanden aus Wein, ein Bild der Freude (Ri 9,13, Ps 104,15). Eine aufschlussreiche Stelle über Trankopfer ist 4. Mose 15, wo wir lernen, dass Trankopfer zu solchen Feueropfern gehörten, die einen „lieblichen Geruch“ für Gott hatten, d.h. zu Brand- und Friedensopfern: „Wenn ihr in das Land eurer Wohnsitze kommt, das ich euch geben werde, und ihr dem HERRN ein Feueropfer opfert, ein Brandopfer oder ein Schlachtopfer, um ein Gelübde zu erfüllen, oder eine freiwillige Gabe, oder an euren Festen, um dem HERRN einen lieblichen Geruch zu bereiten, vom Rind- oder vom Kleinvieh, so soll der, der dem HERRN seine Opfergabe darbringt, als Speisopfer ein Zehntel Feinmehl darbringen, gemengt mit einem viertel Hin Öl. Und als Trankopfer sollst du ein viertel 2 Hin Wein opfern zu dem Brandopfer oder zu dem Schlachtopfer, bei jedem Schaf“ (4. Mo 15,2–5).

    Diese beiden Punkte (der Wein und der liebliche Geruch) machen klar, dass es beim Trankopfer um die Freude Gottes an dem vollbrachten Werk seines Sohnes geht und nicht so sehr um unsere Freude daran. Dabei ist es bemerkenswert, dass Trankopfer immer am Ende zu stehen scheinen, d.h. wenn etwas zur Vollendung gekommen ist, und insbesondere dann, wenn Gott sein Ziel mit der betreffenden Seele erreicht hat. Einige Beispiele mögen das verdeutlichen:

    Das erste Trankopfer in der Schrift finden wir in 1. Mose 35. Jakob war geflohen und hatte in der Schule Gottes vieles lernen müssen. Am Ende dieses Prozesses, als er zurückgekehrt war nach Bethel, erscheint Gott ihm und gibt ihm einen neuen Namen. Als dieser Punkt im Leben Jakobs erreicht ist, bringt er ein Trankopfer (1. Mo 35,14).

    Die Trankopfer in 4. Mose 15 zeigen, dass sie sozusagen an ein Opfer „angehängt“ wurden. Die eigentliche Sache waren die Feueropfer. Die Trankopfer gehörten dazu, es waren „ihre Trankopfer“. Diese Stelle macht auch klar, dass Trankopfer erst im Land Kanaan gebracht werden konnten, nicht in der Wüste: „Wenn ihr in das Land eurer Wohnsitze kommt, das ich euch geben werde“ (4. Mo 15,2). Sicher gab es dafür auch praktische Gründe, aber die geistliche Belehrung liegt darin, dass Trankopfer erst dann gebracht werden konnten, wenn Gott sein Ziel mit dem Volk erreicht hatte.

    Im Neuen Testament finden wir zwei Erwähnungen des Trankopfers. Beide Male geht es um Paulus und beide Male – und darum geht es uns jetzt – steht das Trankopfer am Ende (nämlich des Lebens des Apostels): „Wenn ich aber auch als Trankopfer über das Opfer und den Dienst eures Glaubens gesprengt werde, so freue ich mich und freue mich mit euch allen“ (Phil 2,17). Und: „Denn ich werde schon als Trankopfer gesprengt, und die Zeit meines Abscheidens ist gekommen“ (2. Tim 4,6). Beide Male betrachtet Paulus das Ende seines Lebens auf der Erde. Er denkt an den Augenblick, wo er seinen Dienst erfüllt hat und sagt im Blick darauf, dass sein Leben und Dienst ein Trankopfer ist.

    So ist es auch hier in unserem Kapitel. An dem Tag, an dem das Gelübde des Nasirs erfüllt worden ist, spendet er das Trankopfer. Wenn die Zeit unserer Absonderung für den Herrn vorüber ist, werden wir eine vollere Wertschätzung der Freude bekommen, die Gott an dem vollbrachten Opfer seines Sohnes gehabt hat.

    Das Darbringen der Opfer (6,16.17)

    Und der Priester soll sie vor dem HERRN darbringen und sein Sündopfer und sein Brandopfer opfern. Und den Widder soll er als Friedensopfer dem HERRN opfern samt dem Korb des Ungesäuerten; und der Priester soll dessen Speisopfer und dessen Trankopfer opfern“ (6,16.17).

    Die Opfer, die der Nasir zum Zelt der Zusammenkunft gebracht hatte, wurden dann durch den Priester geopfert. Erinnert uns das nicht einerseits daran, dass unser Herr „sich selbst“ Gott geopfert hat? So lesen wir: „… wie viel mehr wird das Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen!“ (Heb 9,14).

    Und andererseits werden wir an die Tatsache erinnert, dass unsere geistlichen Schlachtopfer der Anbetung „Gott wohlangenehm“ sind – nicht etwa durch die Erhabenheit unserer eigenen Gedanken oder gar unsere Wortwahl oder Rhetorik, sondern „durch Jesus Christus“: „um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesus Christus“ (1. Pet 2,5).

    Eine Übersicht der Opfer

    Bei der Reinigung des Nasirs (V. 11) hatte es kein Friedensopfer gegeben – und auch kein Speisopfer und kein Trankopfer (V. 15–17). Andererseits fehlt im Fall der Erfüllung des Gelübdes das Schuldopfer.

    Die folgende Übersicht mag helfen, sich diese Unterschiede zu vergegenwärtigen:

    Reinigung des Nasirs:

    • Brandopfer: Turteltaube oder junge Taube (V. 11)
    • Sündopfer: Turteltaube oder junge Taube (V. 11)
    • Schuldopfer: ein Lamm (V. 12)

    Erfüllung des Gelübdes:

    • Brandopfer: ein Lamm (V. 14)
    • Speisopfer: Speisopfer / Feinmehlkuchen / Fladen
    • Friedensopfer: ein Widder (V. 14)
    • Sündopfer: ein weibliches Lamm (V. 14)
    • Trankopfer: Trankopfer von Wein (V. 15)

    Diese Unterschiede sind bemerkenswert und aufschlussreich:

    Sowohl das Brandopfer als auch das Sündopfer kommen in beiden Fällen vor, aber im Fall der Erfüllung des Gelübdes ist es jeweils ein größeres Opfer als im Fall der Reinigung: ein Lamm statt einer Turteltaube oder Taube.

    Das Speisopfer spricht von dem sündlosen Leben des Herrn Jesus unter der Leitung des Heiligen Geistes. Die Verunreinigung des Nasirs stand dazu eher im Gegensatz. Aber bei der Erfüllung durfte das Speisopfer nicht fehlen. Es war die Erinnerung daran, dass das Leben dessen, der das Brand- und das Sündopfer gestellt hatte, das einzige wirklich vollkomme Leben gewesen war.

    Das Friedensopfer spricht von der Gemeinschaft des Opfernden mit seinem Gott, dem er opfert. Die Verunreinigung des Nasirs war dafür nicht der passende Anlass, wohl aber der Tag, an dem der Nasir sein Gelübde erfüllte.

    Das Schuldopfer hatte offensichtlich im Fall der Verunreinigung des Nasirs seinen Platz, nicht aber im Fall, wo die Absonderung für Gott während der gesamten Dauer des Gelübdes eingehalten worden war.

    Das Trankopfer spricht von der Freude Gottes an dem Opfer seines Sohnes. Verständlicherweise hat das Trankopfer daher im Fall der Erfüllung des Gelübdes seinen Platz, nicht aber im Fall der Verunreinigung.

    Das Haupt seiner Weihe (6,18)

    Und der Nasir soll an dem Eingang des Zeltes der Zusammenkunft das Haupt seiner Weihe scheren und das Haar des Hauptes seiner Weihe nehmen und es auf das Feuer legen, das unter dem Friedensopfer ist“ (6,18).

    Der Nasir soll nun sein Haupt scheren. Oberflächlich gesehen erinnert uns das an Vers 9, wo der Nasir auch sein Haupt scheren sollte. Doch welch ein Unterschied besteht zwischen diesen beiden Situationen! In Vers 9 ging es darum, dass die bisherige Zeit der Weihe „verloren“ oder „verfallen“ war (V. 12). Hier dagegen liegt die Sache ganz anders.

    Eine erste Andeutung des Unterschiedes liegt darin, dass es bei der Reinigung heißt, dass das „Haupt“ geschoren werden sollte, während es hier das „Haupt seiner Weihe“ ist. Zweimal steht dieser Ausdruck in unserem Vers. In Vers 9 stand zwar, dass das „Haupt seiner Weihe“ verunreinigt war, doch wenn es um das Scheren geht, heißt es nur noch „Haupt“. Mit anderen Worten gesagt: die Weihe war das, was er verloren oder verunreinigt hatte (also das, was es vor seiner Verunreinigung gewesen war). Umso auffälliger ist es, dass in unserem Vers der Ausdruck „das Haupt seiner Weihe“ zweimal genannt wird. Das zeigt doch, dass das Fehlen der Worte „seiner Weihe“ beim zweiten Mal in Vers 9 eine Bedeutung hat und es nicht einfach darum geht, eine Wiederholung zu vermeiden. Wie genau ist das Wort Gottes!

    Scheren

    Doch was bedeutet dann das Scheren der Haare am Tag der Erfüllung des Gelübdes? Für den männlichen Nasir ist es das Ablegen des Zeichens der Schmach oder der Verachtung, die seine Unterwürfigkeit ihm während der Zeit seiner Absonderung eingebracht hatte. Doch alles das, was er für seinen Gott und wegen seiner Hingabe für Ihn erduldet hat, ist nun Vergangenheit. Angewandt auf uns bedeutet es, dass die Zeit, in der der Gläubige die Verwerfung von Christus geteilt hat, dann vorüber ist. Doch was die Gläubigen in ihrem Leben für Gott getan oder auch erduldet haben, wird Er nie vergessen.

    Auf der anderen Seite hat es eine positive Bedeutung, zu der wir im nächsten Teil des Satzes kommen.

    Das Haar des Hauptes

    Das Haar des Nasirs, das während der Zeit seiner Weihe gewachsen war, darf er also nun auf den Altar legen. Das ist etwas absolut Einmaliges in den levitischen Opfervorschriften: Ein Teil des menschlichen Körpers wird buchstäblich (nicht im übertragenen Sinn wie in Römer 12,2) auf dem Altar geopfert. Es wird nicht zum eigentlichen Opfer, aber es kommt doch auf den Altar, in das Feuer, das sich unter dem eigentlichen Opfer befindet.

    Was ist nun das Ergebnis davon, dass die Haare des Nasirs auf das Feuer gelegt werden? Einerseits erhöht es die Intensität des Feuers, es nährt das Feuer, „das unter dem Friedensopfer ist“. Zeigt das nicht, dass unsere Hingabe für den Herrn (die Haare) den Genuss der Gemeinschaft erhöht, die im Friedensopfer vorgeschattet wird?

    Andererseits vermischt sich nun der Geruch der verbrennenden Haare mit dem lieblichen Geruch des Friedensopfers – und Gott lässt das zu, mehr noch, Er ordnet es sogar an! In alle Ewigkeit wird das Friedensopfer vor uns stehen als Erinnerung daran, was Christus vollbracht hat, um uns den Weg zu öffnen, und zwar den Weg in die ewige Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Wenn Gott nun anordnet, dass die Haare des Nasirs in das Feuer unter dem Friedensopfer gelegt werden, dann sagt Er uns dadurch gewissermaßen, dass das, was Gläubige in ihrem Leben für Gott gewesen sind, sich mit dem lieblichen Geruch des Friedensopfers verbinden und vermischen soll und in Ewigkeit in diesem für Gott wohlannehmlichen Geruch aufsteigen soll zu Gott. Welch ein Gedanke! Ist das nicht Gnade, die unsere Herzen berührt? Ist es nicht der Mühe wert, für einen solchen Gott zu leben?

    Wenn es auch selbstverständlich niemanden gibt, der sich mit dem vergleichen könnte, der sich selbst hingegeben hat und durch dessen gewaltiges und wunderbares Opfer Millionen von Menschen gerettet worden sind und durch das Gott verherrlicht worden ist, dann will Gott doch in seiner Gnade nichts von dem vergessen, was eins seiner Kinder auf der Erde für Ihn gewesen ist. Mehr noch, Er will es sogar vermischt und verbunden sehen mit dem Wohlgeruch, der von dem unvergleichlich größeren Werk herrührt, das sein Sohn vollbracht hat.

    Jeder Christ, der jetzt aus Hingabe zum Herrn auf etwas verzichtet und diesen Verzicht spürt, darf an das denken, was einmal gesehen werden wird, wenn er „am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft“, in der Gegenwart Gottes, sein wird.

    Wenn es auch einen gewaltigen Wechsel geben wird, dann wird doch eins bleiben – und damit kommen wir noch einmal auf den Ausdruck „Haupt seiner Weihe“ zurück: seine Weihe oder Absonderung für Gott. Diese ist ewig. Wir sind „für Gott erkauft“, wir sind durch das ein für alle Mal geschehene Opfer geheiligt. Aber die Form oder die Auswirkung dieser Weihe ändert sich: Auf der Erde ist es das lange Haar und die damit verbundene Verachtung, in Ewigkeit wird diese Weihe, wie einmal jemand gesagt hat, „absorbiert werden“ in der Gemeinschaft mit Gott, so dass die Absonderung, die hier durch Verzicht gekennzeichnet wird, im Himmel ihre Fortsetzung in ewiger Gemeinschaft findet.

    Die Schulter des Widders (6,19)

    Und der Priester nehme die gekochte Schulter von dem Widder und einen ungesäuerten Kuchen und einen ungesäuerten Fladen aus dem Korb und lege sie auf die Hände des Nasirs, nachdem er das Zeichen seiner Weihe geschoren hat“ (6,19).

    Mit Vers 19 kommen wir zu dem eigentlichen Friedensopfer zurück. Der Priester sollte nun die Schulter des Widders nehmen und sie zusammen mit dem Speisopfer (einem Kuchen und einem Fladen, beide ungesäuert) auf die Hände des Nasirs legen, „nachdem er (der Nasir) das Zeichen seiner Weihe geschoren hat“. So steht nun der Nasir vor Gott, nicht mit dem Haar seiner Weihe, sondern mit dem Friedensopfer. Das spricht von dem Gläubigen, der weiß, dass nun seine Freude auf dem Opfer Christi beruht, und nicht von dem Grad seiner Hingabe abhängt.

    Das Wort für Schulter, das auch mit „Bug“ übersetzt wird, bedeutet eigentlich (je nach Zusammenhang) „Arm“ oder „Vorderbein“. Wenn es im übertragenen Sinn benutzt wird, spricht es von „Kraft“ oder „Macht“ 3. Es wird in Hiob 22,8 mit „Gewalt“ und in Hesekiel 22,6 mit „Kraft“ übersetzt. Das erste Mal kommt es im Segen Josephs vor (1. Mo 49,24): „Aber sein Bogen bleibt fest, und gelenkig sind die Arme seiner Hände durch die Hände des Mächtigen Jakobs“. Hier und auch in anderen Stellen, wie z.B. in 2. Mose 6,6: „Mit ausgestrecktem Arm …“ steht es auch klar mit Kraft in Verbindung. So darf der Nasir sich daran erinnern, dass sein Herr die ganze Verantwortung getragen hat und das Werk in seiner Kraft vollbracht hat (siehe „durch sich selbst“ in Heb 1,3).

    Außerdem hat der Nasir nun das Speisopfer in seiner Hand. Es geht nicht mehr um das Leben, das er selbst geführt hat, sondern um das Leben eines anderen, das einzige vollkommene Leben. Wir sind natürlich nicht durch das Leben des Herrn gerettet worden – warum wäre Er dann gestorben (Gal 2,21)? Aber das Speisopfer in der Hand des Nasirs weist darauf hin, dass sein eigenes Leben zurückbleibt und nicht mehr erwähnenswert ist im Vergleich mit dem Leben von Christus, das die Voraussetzung dafür war, dass Er am Kreuz das Erlösungswerk vollbringen konnte. Und Christus wird in Ewigkeit Mensch bleiben, so dass wir Ihn sehen können (1. Joh 3,2). Dann werden wir die Gemeinschaft mit Ihm vollkommen genießen.

    Das Web- und Hebopfer (6,20a)

    „Und der Priester webe sie als Webopfer vor dem HERRN; es ist dem Priester heilig mit der Brust des Webopfers und mit dem Schenkel des Hebopfers“ (6,20a).

    Der Priester sollte nun das Friedensopfer als „Webopfer“ und als „Hebopfer“ darbringen. Der Ausdruck Webopfer deutet an, dass die Opfergabe hin- und her bewegt wird und so vor allen und insbesondere vor Gott gezeigt wird. Der Ausdruck für Hebopfer dagegen betont die Bewegung nach oben, also zu Gott hin, mit anderen Worten die Tatsache, dass die Gabe geopfert, dass sie Gott dargebracht wird 4.

    Entsprechende Anweisungen waren auch im Blick auf den „Einweihungswidder“ gegeben worden, der anlässlich der Weihung Aarons und seiner Söhne als Friedensopfer dargebracht worden war: Die Brust war als Webopfer dargebracht worden und der Schenkel als Hebopfer (2. Mo 29,24.26.27). So war es dann auch im „Gesetz des Friedensopfers“ generell für Friedensopfer festgelegt worden (3. Mo 7,11–35).

    Die Brust des Webopfers erinnert uns an die „die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus“ (Eph 3,19), die Ihn dazu bewog, dieses Opfer zu bringen. Was auch immer der Nasir in seinem Leben hat tun können, es war nur möglich durch die Liebe des Christus.

    Der Schenkel des Hebopfers erinnert uns an den vollkommenen Wandel des Herrn. Er ging seinen Weg auf der Erde – von der Krippe bis zum Kreuz – zu Gottes Ehre. Er hatte sein Angesicht festgestellt, „hinaufzugehen“ nach Jerusalem, um dieses Werk zu vollbringen (Lk 9,51).

    Der Gläubige, der für Gott gelebt hat – darf in Ewigkeit die Liebe des Christus genießen und seine Energie, in der Er hinging, um das Erlösungswerk am Kreuz zu vollbringen.

    Die Freude danach (6,20b)

    „Und danach mag der Nasir Wein trinken“ (6,20b).

    So lange die Zeit der Weihe auch gedauert hatte, es gab ein „danach“. Nasiräertum ist eine Sache, die zeitlich begrenzt ist und daher „Wüstencharakter“ hat und genau in das 4. Buch Mose hineinpasst (siehe Bemerkungen zu „alle Tage“ in Vers 4).

    Die ganze Zeit der Weihe hatte diesen Augenblick als Ziel vor sich. Nun darf der Nasir Wein trinken. Enthaltung und Verzicht machen Platz für Genuss und Freude.

    Für uns als Gläubige umfasst die Zeit der Weihe unser ganzes Leben. Wenn wir beim Herrn sind, wird Wachsamkeit nicht mehr nötig sein. Dann wird es weder Neigung noch Gelegenheit zur Verunreinigung geben. Wenn alle Dinge so geordnet und geregelt sind, dass sie zur Ehre Gottes sind und wir das Fleisch nicht mehr in uns haben, dann wird „selbst der Nasir Wein trinken“.

    In seiner Gnade wird Gott uns dahin bringen – und dafür dürfen wir Ihn schon jetzt preisen: „Dem aber, der euch ohne Straucheln zu bewahren und vor seiner Herrlichkeit untadelig darzustellen vermag mit Frohlocken, dem alleinigen Gott, unserem Heiland, durch Jesus Christus, unseren Herrn, sei Herrlichkeit, Majestät, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und in alle Ewigkeit! Amen“ (Jud 24.25).

    Sicher dürfen wir auch Psalm 16,11 auf uns anwenden: „Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht, Lieblichkeiten in deiner Rechten immerdar.“ Wie groß diese Freude sein wird, können wir uns wohl kaum vorstellen. Als die Jünger den Herrn als Auferstandenen sahen, heißt es, dass sie vor Freude nicht glauben konnten (Lk 24,41). Sie waren noch auf der Erde, noch nicht verherrlicht, hatten noch nicht den Augenblick des Richterstuhls des Christus erlebt (an dem alles, das zwischen uns und dem Herrn stehen könnte, weggetan wird). Wie groß wird dann erst die Freude sein, wenn diese Dinge eingetroffen sind. Dann wird es heißen: „Lasst uns fröhlich sein und frohlocken und ihm Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Frau hat sich bereitet“ (Off 19,7). Die Tatsache, dass wir einen Herrlichkeitsleib benötigen, um diesen Augenblick erleben zu können (Phil 3,21) spricht für sich.

    Wenn es heißt, dass „der Nasir“ Wein trinkt, scheint es ein Widerspruch in sich selbst zu sein. Nasir spricht von Verzicht, Wein spricht von Freude. Aber es ist kein Widerspruch. Es gibt sogar einen engen und ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Verzicht und der Freude, zwischen Entsagung und Genuss, zwischen dem Teilen der Verwerfung des Herrn und dem Teilhaben an seiner Herrschaft. So lesen wir: „Wenn wir nämlich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden“ (Röm 8,17) und „wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,12). Die Korinther schienen das nicht verstanden zu haben. Sie wollten schon herrschen, obwohl es noch die Zeit der Verwerfung des Herrn war. So musste Paulus sagen: „Schon seid ihr gesättigt, schon seid ihr reich geworden; ihr habt ohne uns geherrscht, und ich wollte wohl, dass ihr herrschtet, damit auch wir mit euch herrschen möchten“ (1. Kor 4,8).

    Petrus forderte die Empfänger seines Briefes auf, die Leiden des Christus zu ertragen, und zwar im Blick auf die Freude, die folgen sollte: „Insoweit ihr der Leiden des Christus teilhaftig seid, freut euch, damit ihr auch in der Offenbarung seiner Herrlichkeit mit Frohlocken euch freut“ (1. Pet 4,13).

    Natürlich wird es eine Freude geben, die alle Glaubenden erleben werden. Die Entrückung ist ein Akt der Gnade und alle dann lebenden Gläubigen werden daran teilhaben. Aber es wird auch eine Freude geben, die eine direkte Antwort auf das ist, was wir hier für den Herrn gewesen sind oder haben tun dürfen. So heißt es in Matthäus 25,21: „Sein Herr sprach zu ihm: Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; gehe ein in die Freude deines Herrn“. Diese Aufforderung, in die Freude seines Herrn einzugehen, war eine direkte Antwort auf die Treue des Knechtes in der Zeit der Abwesenheit seines Herrn. Das ist die Seite des Reiches: Es geht um Verantwortung und Belohnung.

    Christus

    Der Herr selbst ist als der wahre Nasir der, „der die Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete“ (Heb 12,2). Wie groß muss diese Freude sein, die Ihn dazu bewog, das Kreuz zu erdulden!

    Wann beginnt nun diese Freude für Christus? Der oben zitierte Vers aus Hebräer 12 fährt fort: „… und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes“. Schon jetzt ist Er dort, „der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ (Heb 2,9). Er wurde „in den Himmel aufgenommen“ (Mk 16,19) und von Gott als Hoherpriester begrüßt: „Und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden, von Gott begrüßt als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks“ (Heb 5,9.10). Insofern hat für unseren Herrn die Freude bereits begonnen.

    Auf der anderen Seite gibt es aber eine Freude für den Herrn Jesus, die auch heute noch zukünftig ist. Man mag dabei an die folgenden Ereignisse denken, die für den Herrn eine große Freude sein werden, die aber heute noch zukünftig sind:

    Die Heimholung seiner Braut – ihr gehört seine Zuneigung als Bräutigam. Man mag dabei auch an den Ausdruck „Ausharren des Christus“ denken (2. Thes 3,5).

    Der Sieg über seine Feinde: Noch wartet Er auf diesen Augenblick: „Fortan wartend, bis seine Feinde hingelegt sind als Schemel seiner Füße“ (Heb 10,13).

    Die Umkehr seines irdischen Volkes Israel und das dann beginnende Reich (Lk 22,18).

    Es ist interessant, dass der Herr gerade im Zusammenhang mit diesem letzten Punkt ein Bild benutzt, um diese Freude zu beschreiben, das uns direkt an den Nasir erinnert, nämlich das Gewächs des Weinstocks: „Denn ich sage euch, dass ich von jetzt an nicht von dem Gewächs des Weinstocks trinken werde, bis das Reich Gottes kommt“ (Lk 22,18). In der Parallelstelle im Matthäusevangelium sagt Er dabei: „… bis zu jenem Tag, wenn ich es neu mit euch trinke in dem Reich meines Vaters“ (Mt 26,29). Wenn Er „mit euch“ sagt, hat Er den jüdischen Überrest im Blick, der einmal Buße tun und Ihn als Messias annehmen wird. Dann wird für den Nasir die Zeit gekommen sein, Wein zu trinken.

    Wir hatten Psalm 16,11 schon auf uns angewandt, doch in erster Linie stellt dieser Psalm Christus vor, wie Er als Mensch in vollkommener Abhängigkeit seinen Weg gegangen ist. Auch für Ihn wird am Ende die Freude stehen: „Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht“.

    In Psalm 126 ist sogar von Jubel die Rede. Und dieser Jubel wird direkt mit den Leiden verbunden, die vorausgegangen waren, zunächst im Blick auf die gläubigen Juden, die aus der Gefangenschaft nach Zion zurückkehren: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten“. Doch dann wechselt der Schreiber plötzlich von „sie“ (Plural) auf „er“ und sagt: „Er geht hin unter Weinen und trägt den Samen zur Aussaat; er kommt heim mit Jubel und trägt seine Garben“ (Ps 126,5.6), und kommt damit auf die unermesslichen Leiden unseres Herrn und auf die Freude, ja den Jubel danach, zu sprechen.

    Israel und der Überrest

    Wir hatten schon gesehen, dass Israel eigentlich als Nasir für Gott abgesondert leben sollte, aber sich dann verunreinigt und dadurch seine Stellung als Nasir Gottes verloren hatte.

    In seiner unendlichen Gnade lässt Gott die Geschichte seines irdischen Volkes hier nicht enden. Er wird auch in diesem eine Gelegenheit geben, sich neu für Gott abzusondern (V. 12) und dann wird der Augenblick der Freude kommen, und zwar auf der Grundlage des neuen Bundes (Jer 31,31).

    Dann wird tatsächlich eine Zeit größten Segens für Israel anbrechen. So heißt es in Jeremia 31: „In jener Zeit, spricht der HERR, werde ich der Gott aller Geschlechter Israels sein, und sie werden mein Volk sein. So spricht der HERR: Das Volk der dem Schwert Entronnenen hat Gnade gefunden in der Wüste. Ich will gehen, um Israel zur Ruhe zu bringen. Der HERR ist mir von fern erschienen: Ja, mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dir fortdauern lassen meine Güte. Ich will dich wieder bauen, und du wirst gebaut werden, Jungfrau Israel! Du wirst dich wieder mit deinen Tamburinen schmücken und ausziehen im Reigen der Tanzenden. Du wirst wieder Weinberge pflanzen auf den Bergen Samarias; die Pflanzer werden pflanzen und genießen. Denn es wird einen Tag geben, an dem die Wächter auf dem Gebirge Ephraim rufen werden: Macht euch auf und lasst uns nach Zion hinaufziehen zu dem HERRN, unserem Gott! Denn so spricht der HERR: Jubelt über Jakob mit Freuden und jauchzt an der Spitze der Nationen! Lobsingt laut und sprecht: Rette dein Volk, HERR, den Überrest Israels!“ (Jer 31,1–7). In Jeremia 31,13 fügt der Prophet hinzu: „Dann wird die Jungfrau sich freuen beim Reigen, und Jünglinge und Greise miteinander; und ich will ihre Trauer in Freude verwandeln“.

    Dann wird in der Tat die Zeit gekommen sein, wenn Israel als Nasir Gottes Wein trinken, d.h. Freude genießen kann. Dann wird auf Entbehrung Genuss folgen. Dann wird Christus mit Freude auf sein Volk blicken, das Volk, das einmal eine besondere Rolle in seiner Verwerfung gespielt hatte, und wird sich über dieses Volk freuen können: „Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein rettender Held. Er freut sich über dich mit Wonne, er schweigt in seiner Liebe, frohlockt über dich mit Jubel“ (Zeph 3,17); und diese Freude wird Er mit seinem Volk teilen. So wird Er sagen: „Esst, Freunde; trinkt und trinkt euch fröhlich, Geliebte!“ (Hld 5,1). Wie einmal jemand 5 gesagt hat: „Die Propheten, angefangen von Jesaja bis hin zu Maleachi sind voll von glühenden und bewegenden Anspielungen auf diesen hellen und herrlichen Tag“. Diese Stellen alle anzuführen würde buchstäblich viele Bände füllen.

    Die Zusammenfassung (6,21)

    Das ist das Gesetz des Nasirs, der ein Gelübde tut, und seine Opfergabe dem HERRN wegen seiner Weihe, außer dem, was seine Hand aufbringen kann. Entsprechend seinem Gelübde, das er getan hat, so soll er tun nach dem Gesetz seiner Weihe“ (6,21).

    Durch die Wiederholung des Satzes „das ist das Gesetz des Nasirs“ (V. 13) wird dieser Abschnitt (V. 13–21) eingerahmt. Wie bereits erwähnt, finden wir hier – im Gegensatz zu dem mittleren Abschnitt des Kapitels – das, worauf die ganze Zeit der Absonderung des Nasirs abzielt und hinausläuft.

    Die Opfer, die in diesem Abschnitt vorgeschrieben waren, sollten den Nasir nicht daran hindern, darüber hinausgehende freiwillige Opfer zu bringen: „… außer dem, was seine Hand aufbringen kann“. Freiwillige Hingabe war der Ausgangspunkt des Nasirs und dieses ganzen Kapitels gewesen: „Wenn ein Mann oder eine Frau sich weiht“ (V. 2). So wird auch zum Zeitpunkt der Erfüllung Raum gelassen, zusätzlich etwas zu geben.

    Der Maßstab dabei ist nicht, was vorgeschrieben ist, sondern „was seine Hand aufbringen kann“. Gott erwartet nicht, dass der Nasir so viel gibt, wie er muss, sondern dass er so viel gibt, wie er kann.

    So schließt der Hauptteil dieses Kapitels mit der vollständigen Erfüllung des Gelübdes des Nasirs: „Gemäß seinem Gelübde, das er getan hat, also soll er tun nach dem Gesetz seiner Weihe“.

    Fußnoten

    • 1 Das Wort für Brandopfer bedeutet ja „das Aufsteigende“. Es war ganz für Gott. Vom Sündopfer durfte man essen, aber nur der Priester, der es darbrachte, und nur „an heiligem Ort“, am Zelt der Zusammenkunft (3. Mo 6,19), und nur im Fall der Sünde einer einzelnen Person (Fürst oder einer aus dem Volk – im Fall der Sünde des Hohenpriesters oder des gesamten Volkes wurde das Sündopfer vollständig verbrannt [3. Mo 4,12.21]).
    • 2 Die Menge richtete sich nach der Art des Schlachtopfers (4. Mo 15,5–10): Die Menge des Weins entsprach genau der Menge des Öls, und diese Menge (an Wein bzw. Öl) war größer, je größer die Menge des Mehls war. Diese Tatsache illustriert einen sehr schönen Zusammenhang: Je mehr der Heilige Geist (Öl) uns mit der Vortrefflichkeit Christi (Feinmehl) beschäftigen kann, desto mehr werden wir Freude (Wein) genießen.
    • 3 Strong's Hebrew Dictionary.
    • 4 Manche haben auch das Hebopfer mit Christus als dem Auferstandenen und das Webopfer mit Ihm als den Verherrlichten verbunden.
    • 5 Charles Henry Mackintosh in „Being A Nazarite“ (www.biblecentre.org).
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