Leben mit Ziel
Eine Auslegung zu 4. Mose 6

Teil 2: Eine Unterbrechung der Weihe (6,9-12)

Leben mit Ziel

Die Folgen (6,9)

Und wenn jemand unversehens, plötzlich, bei ihm stirbt, und er das Haupt seiner Weihe verunreinigt, so soll er sein Haupt an dem Tag seiner Reinigung scheren; am siebten Tag soll er es scheren“ (6,9).

Der zweite Teil des Kapitels (4. Mo 6,9–12) behandelt den Fall der Unterbrechung der Weihe eines Nasirs. Dieser Abschnitt ist einerseits sehr ernst, andererseits ist er ungemein tröstlich, denn wir werden sehen, dass Gott für diesen Fall ein besonderes Opfer vorgesehen hat (4. Mo 6,10) und dass Er einen Neubeginn ermöglicht (4. Mo 6,11.12).

Wenn … plötzlich

Das „wenn“ am Anfang von Vers 9 weist darauf hin, dass eine Unterbrechung der Weihe nicht etwa eintreten musste oder als normal angesehen wurde. Vielmehr handelt es sich um einen möglichen Fall, gewissermaßen ein Unglück.

Dabei wird nicht etwa davon ausgegangen, dass der Nasir absichtlich seine Weihe unterbricht. Es geht um den Fall des plötzlichen Todes, wo jemand unerwarteter Weise stirbt und alle, die sich im Zelt befinden, verunreinigt werden (4. Mo 19,14). Aber die Tatsache, dass keine Absicht vorlag, bedeutete nicht, dass man einfach über das hinweggehen konnte, was geschehen war.

Unumgängliche Konsequenzen

Vers 9 zeigt eine Reihe von Konsequenzen, die für den Nasir unumgänglich waren:

  • Es war Verunreinigung eingetreten.
  • Er musste sich einer Reinigung unterziehen.
  • Er musste seine Haare abschneiden bzw. scheren.

Die weiteren Verse 10 und 11, auf die wir später eingehen, zeigen eine weitere Konsequenz auf:

  • Er musste bestimmte Opfer bringen.

In Gottes Augen lag eine Verunreinigung vor. Der Betroffene war ein Nasir, der bewusst für Gott leben wollte. Er hatte den Kontakt mit dem Tod weder geplant noch beabsichtigt. Doch dieses alles änderte nichts daran, dass eine Verunreinigung vorlag.

Der Tag seiner Reinigung nach 4. Mose 19

Da nun eine Verunreinigung eingetreten war, musste eine Reinigungsprozedur stattfinden, und zwar so wie in 4. Mose 19 beschrieben. Dort finden wir die Erklärung für diesen „Tag der Reinigung“, den „siebten Tag“. Wir müssen daher, um unseren Vers hier gut zu verstehen, kurz auf dieses wichtige Kapitel eingehen. Gott zeigt uns in 4. Mose 19 wie Er für den Fall, dass eine Verunreinigung durch Berührung mit dem Tod eintrat, Vorsorge treffen ließ. Es zeigt uns, dass Verunreinigung eine sehr ernste Sache ist. Zunächst hatte dafür eine junge rote Kuh geopfert werden müssen, und zwar „ohne Fehl, an der kein Gebrechen ist, auf die kein Joch gekommen ist“ (4. Mo 19,2) – ein klares Bild von Christus, der vollkommen war, frei von Verfehlungen jeder Art, und der nie unter dem Joch der Sünde gewesen war. Das Blut dieser jungen roten Kuh hatte dann von Eleasar sieben Mal gegen das Zelt der Zusammenkunft gesprengt werden müssen (4. Mo 19,4). Das weist darauf hin, dass nur auf der Grundlage des vollbrachten Sühnungswerks Reinigung geschehen kann.

Diese junge rote Kuh hatte außerhalb des Lagers verbrannt werden müssen, und zwar komplett: „Ihre Haut und ihr Fleisch und ihr Blut samt ihrem Mist soll man verbrennen“ (4. Mo 19,3–5). Der Priester, der Zedernholz, Ysop und Karmesin in das Feuer werfen musste, war dabei selbst verunreinigt worden und hatte seine Kleider waschen müssen, ebenso wie derjenige, der die Kuh verbrennen musste (4. Mo 19,6–8). Dann hatte ein reiner Mann die Asche sammeln müssen, die für solche Fälle der Verunreinigung aufbewahrt wurde. Diese Asche spricht von der Erinnerung an das Feuer des Gerichts, dass der Herr unserer Sünden wegen ertragen hat. Auch der Mann, der die Asche eingesammelt hatte, war unrein geworden bis an den Abend.

Wenn nun eine Verunreinigung durch Berührung mit dem Tod in der einen oder anderen Form eintrat (4. Mo 19,11–16), dann musste die Asche der jungen roten Kuh genommen werden und mit lebendigem Wasser vermischt werden (4. Mo 19,17). Es ist beachtenswert, dass hier die Asche im Vordergrund steht, nicht das Blut. Bei der Asche geht es um die Erinnerung an die sühnenden Leiden des Herrn Jesus. Diese Asche war in lebendiges Wasser gemischt worden. Das spricht vom Heiligen Geist, der die Erinnerung an die sühnenden Leiden des Herrn Jesus auf unsere Herzen anwendet.

Dann wurde dieses Wasser durch einen reinen Mann auf den Unreinen und auf alles, das verunreinigt worden war, gesprengt, und zwar am dritten und am siebten Tag (4. Mo 19,18–19). Auch dieser reine Mann wurde dadurch selbst unrein bis an den Abend.

Dieser zweistufige Reinigungsprozess, nämlich eine Besprengung am dritten und eine am siebten Tag, zeigt uns, dass eine gewisse Zeit notwendig ist, um uns bewusst zu machen, was Sünde in den Augen Gottes ist, wie wir Ihn verunehrt haben, und wie der Herr dafür leiden musste. Auf diesen „siebten Tag“ (aus 4. Mo 19,19) wird in unserem Vers angespielt: „an dem Tag seiner Reinigung … am siebten Tag soll er es scheren“.

Somit kommen beim Nasir die allgemeinen Anweisungen zum Tragen, die Gott für den Fall der Verunreinigung gegeben hatte – nur dass beim Nasir die Anweisungen erweitert werden und, wie wir sehen werden, zusätzliche Opfer gebracht werden mussten.

Das Scheren des Hauptes

Die Folge, die in unserem Vers betont wird, war für den Nasir äußerst tragisch. Es war nicht dasselbe wie das Scheren der Haare im Fall des Aussätzigen, der gereinigt wurde (3. Mo 14,8). Für den Nasir war das Haar, das seit Beginn seiner Weihe frei gewachsen war, das erste sichtbare äußere Zeichen seiner Weihe geworden. Es konnte sein, dass es viele Wochen oder Monate gedauert hatte, bis es diese Länge erreicht hatte. Doch nun schien alles verloren – wegen einer einzigen Verunreinigung.

So durfte der Nasir nicht leichtfertig über eine Verunreinigung hinweggehen. Er musste sich, bildlich gesprochen, klar werden, in welchem Zustand er war. Dazu waren sieben Tage – eine vollkommene Zeitspanne – erforderlich, und die Reinigung selbst.

Wir können sicher sein, dass ein Nasir wachsam war und alles tat, um seinen Weg so einzurichten, dass die Gefahr einer solchen Verunreinigung vermieden wurde. Das erfordert einen Herzensentschluss, den wir als Gläubige heute genauso nötig haben wie Daniel in Babylon (Dan 1,8), denn wir leben in einer Welt, die sozusagen den Stempel des Todes trägt. Tatsächlich kann „alles was in der Welt ist“, auf eine einfache Formel reduziert werden: „die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens“ (1. Joh 2,16). Die Erscheinungsformen sind zahlreich (insofern ist die Welt sehr „interessant“), aber die Grundkomponenten, aus denen alles zusammengesetzt ist, sind sehr schlicht und einfach: diese drei Dinge. Dazu kommt, dass Satan uns versucht und dass er nicht nur große Erfahrung hat, sondern auch in unserem Fleisch einen willigen Helfer findet.

Aber Gott hat uns auch Hilfsmittel gegeben:

  • die Fürbitte des Herrn Jesus, wenn wir in Gefahr sind (Lk 22,32). Er verwendet sich für uns (Heb 7,25),
  • sein Wort, das uns bewahrt (Ps 119,11) und
  • seinen Geist, der uns in der Gemeinschaft mit dem Herrn erhalten will (indem Er uns mit Ihm beschäftigt (Joh 15,26; 16,14), und der uns die Kraft gibt, so zu leben, dass es Gott gefällt (Röm 8,4).

Die Gemeinschaft mit Ihm ist tatsächlich der einzig sichere Ort. Und wenn dennoch der traurige Fall eintritt, dass wir sündigen, dann haben wir einen Sachwalter, Jesus Christus, den Gerechten (1. Joh 2,1), und das Wort, das uns reinigt (Eph 5,26; vgl. Joh 13; 1. Joh 1,9). Das wird Selbstgericht erfordern, aber es wird uns zurückführen in den Genuss der Gemeinschaft mit dem Herrn, in der wir dann auch wieder ein Leben der Hingabe für Gott führen können.

So lässt uns dieser mittlere Teil unseres Kapitels (V. 9–12), so ernst er einerseits auch ist, nicht ohne Hoffnung. Auch für den Nasir war nicht alles vorbei. In seiner Gnade gab Gott ein Opfer (V. 10–11) und sogar die Möglichkeit eines Neubeginns (V. 12)!

Christus

Den meisten Lesern wird es klar sein, aber wir wollen es ausdrücklich betonen: Hier gibt es keine Parallele zu Christus. Unser Herr wurde nie verunreinigt. Er brauchte nie seine Weihe zu unterbrechen. Sein Leben war ein Leben ununterbrochener Hingabe an seinen Gott.

Wir haben bereits gesehen, dass Paulus, Petrus und Johannes seine Reinheit bezeugen (2. Kor 5,21; 1. Pet 2,22; 1. Joh 3,5). Unser Herr konnte nicht sündigen. Er war vollkommen Mensch, aber Er hatte keine gefallene Natur. Er ist „in allem versucht worden, in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde“ (Heb 4,15).

Dennoch werden wir auch in diesem Teil unseres Kapitels Christus finden – nur dass Er hier nicht in dem Nasir gesehen wird, sondern in den Opfern, die für den Nasir gebracht wurden. Die Opfer bewirken seine Reinigung und ermöglichen ihm einen Neubeginn.

Die Opfer (6,10.11)

„Und am achten Tag soll er zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben zum Priester bringen an den Eingang des Zeltes der Zusammenkunft. Und der Priester soll eine zum Sündopfer und eine zum Brandopfer opfern, und Sühnung für ihn tun, weil er sich an der Leiche versündigt hat; und er soll sein Haupt an selbigem Tag heiligen“ (6,10.11).

Gott hatte in seiner Gnade – die sogar im Alten Testament immer wieder sichtbar wird – speziell für diesen Fall der Unterbrechung der Weihe eines Nasirs ein Opfer vorgesehen. Dieses Opfer umfasste mehrere Opfertiere und mehrere Arten von Opfern:

  • ein Sündopfer (Turteltaube oder Taube)
  • ein Brandopfer (Turteltaube oder Taube)
  • ein Schuldopfer (ein Lamm, V. 12)

Es ist sicher bemerkenswert, dass folgende Opfer hier nicht vorkommen:

  • Speisopfer
  • Friedensopfer
  • Trankopfer

Das ist umso auffälliger, als diese Opfer uns im letzten Teil des Kapitels wieder begegnen; doch hier fehlen sie. Mehr dazu in den Ausführungen zu Teil 3 (4. Mo 6,13–21).

Das Brandopfer und das Sündopfer zeigen die beiden grundlegenden Seiten des Werkes des Herrn Jesus am Kreuz: Er opferte sich Gott zu einem duftenden Wohlgeruch (Eph 5,2), und in Ihm sind wir angenehm gemacht vor Gott (siehe Anm. zu Eph 1,6 in der Elberfelder Übersetzung); aber sein Opfer geschah auch, um dem Problem unserer Sünden zu begegnen, wie wir es im Sündopfer vorgeschattet finden (3. Mo 4; Heb 9,26). Die ganze Kraft und Wirkung des Todes Christi ist notwendig, um die Verunreinigung wegzunehmen.

Auf das Schuldopfer werden wir in den Bemerkungen zu Vers 12 zu sprechen kommen.

Zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben

Nach 3. Mose 1 war es erlaubt, ein Brandopfer von den Turteltauben oder jungen Tauben zu bringen. Allerdings war es das Geringste der Opfer, was von einem verhältnismäßig geringen geistlichen Verständnis des Anbeters spricht – natürlich im Blick auf dasselbe vollkommene Opfer Christi. Um ein Schaf oder einen Stier zu bringen, musste man vermögend sein. Dagegen waren gerade im Fall der Armut zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben erlaubt. Sie waren bei verschiedenen Opfern ausdrücklich als Ersatz für ein Lamm gestattet, falls der Opfernde zu arm war, um ein Lamm zu bringen. So war es beim Schuldopfer (3. Mo 5,7), bei der Reinigung einer Frau, nachdem sie ein Kind geboren hatte (3. Mo 12,8), und im Fall der Reinigung des Aussätzigen (3. Mo 14,21.22.30). Im Fall der Reinigung in 3. Mose 15 waren dagegen „zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben“ als Normalfall vorgesehen (also nicht nur im Fall der Armut). So war es auch im Fall des Nasirs, dessen Weihe unterbrochen worden war.

Einerseits können wir aus diesen Stellen entnehmen, dass es sich beim Opfer der Turteltauben oder jungen Tauben normalerweise um Fälle handelte, in denen es um Schuld bzw. Unreinheit ging, in der zwangsläufig ein Opfer gebracht werden musste. Leider war der Nasir in eine solche Situation geraten.

Andererseits erinnert uns dieses Brand- und Sündopfer daran, dass das Werk des Herrn Jesus ausreicht – auch für den traurigen Fall der Verunreinigung des Gläubigen. Nicht dass wir „zurückkehren zum Kreuz“, wie manchmal gesagt wird, um uns etwa „neu zu bekehren“. Vielmehr geht es darum, dass uns klar wird, dass – obwohl wir ein für alle Mal gerettet sind – unser Herr auch dafür gestorben ist – auch für den Fall einer unbeabsichtigten Verunreinigung.

Am achten Tag

Das Brandopfer und das Sündopfer sollten am achten Tag geopfert werden. Es war der Tag, der auf die sieben Tage der Unreinheit folgte (V. 9). Zum anderen spricht der achte Tag von einem neuen Anfang. Glücklicherweise wird es auch für den wieder gereinigten Nasir einen neuen Anfang geben.

Dazu ist der achte Tag der erste Tag einer neuen Woche, und wir sehen darin einen Hinweis auf die Auferstehung. Wir wissen, dass Er „unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist“ (Röm 4,25). Die Auferstehung Christi ist der Beweis, dass Gott sein Opfer angenommen hat, der Beweis und das Zeichen unserer Rechtfertigung und der Beginn der neuen Schöpfung.

Der interessierte Leser wird weitere Stellen im Wort Gottes finden, die vom achten Tag sprechen und diese Bedeutung weiter untermauern: 2. Mose 22,29; 3. Mose 9,1; 12,3; 14,10.23; 15,14.29; 22,27; 23,36.39; 4. Mose 29,35.

Am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft

Der Nasir musste das Brandopfer und das Sündopfer zum Priester bringen, und zwar nicht außerhalb des Lagers oder an einem beliebigen Ort, sondern zum Zelt der Zusammenkunft, dem Wohnort Gottes.

Jede Sünde ist eine Sünde gegen Gott. Deshalb muss das Opfer zu Gott gebracht werden. Wir müssen uns neu bewusst machen, dass es um unsere Beziehung zu Gott geht. Durch das Opfer Christi ist unser Sündenproblem gelöst worden (Sündopfer) und wir sind angenehm gemacht worden vor Ihm, so dass wir in seiner Gunst stehen (Brandopfer).

An einer Leiche versündigen

In 4. Mose 6,9–12 werden drei verschiedene Ausdrücke benutzt, um zu beschreiben, was vorgefallen war:

  • Er hat „das Haupt seiner Weihe verunreinigt“ (V. 9)
  • Er hat sich „an der Leiche versündigt“ (V. 11)
  • „Seine Weihe ist verunreinigt worden“ (V. 12)

Wenn es in Vers 9 und in Vers 12 um die Tatsache geht, dass die Weihe bzw. das Haupt seiner Weihe verunreinigt worden ist, dann wird in Vers 11 der Nachdruck darauf gelegt, dass Verunreinigung in den Augen Gottes Sünde ist.

Er soll sein Haupt an selbigem Tage heiligen

Das Haupt seiner Weihe war verunreinigt worden (V. 9), aber damit war nicht alles aus. Er darf nun an diesem achten Tag, an dem er das Brandopfer und das Sündopfer gebracht hatte, sein Haupt wieder heiligen. Das führt zu dem Neubeginn, von dem wir in Vers 12 mehr lesen.

Ein Neubeginn (6,12)

Und er soll die Tage seiner Absonderung nochmals für den HERRN absondern und ein einjähriges Lamm zum Schuldopfer bringen; die vorigen Tage aber sind verfallen, denn seine Weihe ist verunreinigt worden“ (6,12).

Dieser Vers zeigt uns, dass der Nasir sich noch einmal für Gott absondern konnte, um für Ihn zu leben, so wie es ursprünglich in seinem Herzen gewesen war. Es ist schön zu sehen, wie hier die Gnade Gottes sichtbar wird. In dieser Gnade erlaubte Er dem Nasir, noch einmal zu beginnen.

Petrus

An dieser Stelle möchten wir jedem Mut machen, der sein eigenes Versagen in der Nachfolge des Herrn spürt und vielleicht denkt, es sei nun „alles vorbei“. In dieser Verfassung muss Petrus sich befunden haben, als er sagte „ich gehe hin fischen“ (Joh 21,3). Der Herr war ihm bereits als Auferstandener begegnet (Lk 24,34, 1. Kor 15,5). In diesem Einzelgespräch war zweifellos die Verleugnung zur Sprache gekommen und ist bereinigt worden.

Warum sagt Petrus nun: „Ich gehe hin fischen“? Der Herr hatte ihn doch zu einem Menschenfischer gemacht und die Sache der Verleugnung war geklärt worden – wenn auch noch nicht öffentlich, was erst später in diesem Kapitel geschieht. Petrus muss gedacht haben, dass er zwar Vergebung bekommen hatte, dass es aber nun mit seinem Dienst aus war. Hatte er nun seine Chance verpasst? Der Herr beantwortet diese Frage auf zweifache Weise:

  1. Er zeigt, dass Er Petrus in seinem Dienst benutzen will: „Weide meine Lämmer“, „Hüte meine Schafe“, „Weide meine Schafe“ (Joh 21,15.16.17).
  2. Er zeigt, dass Petrus – der die Gelegenheit verpasst hatte, so wie er es versprochen hatte, für seinen Herrn zu sterben – auch eine neue Gelegenheit bekommen sollte, den Herrn durch den Märtyrertod zu ehren (Joh 21,18.19).

Wie gnädig ist doch der Herr!

Die Apostelgeschichte zeigt uns dann, dass es ein echter Neubeginn war und dass der Herr Petrus tatsächlich wieder gebrauchen konnte. Es ist beeindruckend, in Apostelgeschichte 1 zu sehen, welche Einsicht Petrus in die Schriften hatte (die Bedeutung und Anwendung von Ps 69 und Ps 109 auf den Fall Judas), und wie der Herr gerade Petrus benutzt, um Richtungsweisung zu geben. In Kapitel 2 ist es dann wieder Petrus, der aufsteht und in großer Klarheit und mit großer Autorität darlegt, was es eigentlich mit den Ereignissen des Pfingsttages auf sich hatte. In Kapitel 3 lesen wir, wie er wieder vom Herrn benutzt wurde, um öffentlich zu predigen. Er konnte sogar darauf hinweisen, dass sie (die ungläubigen Juden) den Herrn „verleugnet“ hatten (Apg 3,13.14).

Schließlich zeigen uns die Briefe des Petrus, dass er tatsächlich „zurückgekehrt“ war und so „seine Brüder stärken“ konnte (Lk 22,32). Der Herr hatte einen echten Neubeginn gegeben.

Ein einjähriges Lamm zum Schuldopfer

Nun sollte der Nasir das dritte Opfer bringen, und zwar ein Lamm zum Schuldopfer. Wenn es bei dem Sündopfer (3. Mo 4) mehr um den Charakter und das Problem der Sünde als solche geht, zielt das Schuldopfer (3. Mo 5) auf entstandenen Schaden ab. Es geht darum, diesen Schaden zu erstatten. In bestimmten Fällen musste der Schaden erstattet und zusätzlich ein Fünftel gezahlt werden (3. Mo 5,16).

So waren also alle drei Opfer zu bringen, die mit Sühnung zu tun haben: das Brandopfer (V. 11), das Sündopfer (V. 11) und das Schuldopfer (V. 12). Dadurch wird gezeigt, dass alle diese Aspekte des Werkes von Christus am Kreuz notwendig waren, um dem Fall einer einzigen Verunreinigung zu begegnen. Wie ernst ist doch Sünde in den Augen Gottes!

Das einzige Opfer, das auch vom Tod des Herrn spricht und hier nicht erwähnt wird, ist das Friedensopfer. Der Grund liegt sicher darin, dass das Friedensopfer von dem Genuss der Gemeinschaft mit Gott im Blick auf den Tod seines Sohnes, also von der gemeinsamen Freude an Christus und seinem Werk spricht.

Das Lamm weist besonders auf die Reinheit Christi und auf seine Bereitschaft hin, still und stumm zu leiden ohne zu klagen (Jes 53,7; 1. Pet 1,19). Dieses Lamm musste ein Jahr alt sein. So war es ein ganzes Jahr lang zu sehen gewesen und als rein und fleckenlos befunden worden. Andererseits war es noch so jung, dass es sozusagen mitten aus dem Leben gerissen wurde. So heißt es prophetisch in Bezug auf den Herrn Jesus: „Denn er wurde abgeschnitten aus dem Land der Lebendigen“ (Jes 53,8).

Die verlorenen Tage der Weihe

Allerdings gibt es – wie hell die Gnade Gottes bei diesem Neubeginn auch hervorstrahlt – auch eine ernste Seite. Es waren nicht nur die Tage der Reinigung, die verloren waren, sondern auch die Tage der vorigen Weihung: „Die vorigen Tage aber sind verfallen“. Wir sollten festhalten, dass Gott heute in der Zeit des Neuen Testaments vollkommen wiederherstellt. Wir hatten schon gesehen, dass Petrus den Herrn verleugnet hatte und doch ganz wiederhergestellt wurde. Dennoch bleibt der ernste Hinweis bestehen, dass Gott kontinuierliche Hingabe sucht und Unterbrechungen oder Zwischenfälle nicht einfach übersieht.

Die Verunreinigung der Weihe

Hier finden wir den dritten Ausdruck, auf den wir in den Bemerkungen zu Vers 11 hingewiesen hatten: Seine „Weihe ist verunreinigt worden“. Diese Formulierung enthält einen krassen Gegensatz und auf den ersten Blick erscheint es wie ein Widerspruch: Die Weihe spricht gerade davon, für Gott da zu sein und allem den Rücken zu kehren, was Gott nicht wünscht oder in einem Leben für Ihn nicht nützlich ist. Nun war die Weihe verunreinigt worden. Wir hatten bei Vers 4 bereits darüber nachgedacht, dass das Wort, das mit „Weihe“ oder „Absonderung“ übersetzt wird, an manchen Stellen auch mit „Krone“ wiedergegeben wird. Der Nasir hatte das verunreinigt, was seine Würde und Krone ausmachte.

Israel

Auch das Volk Israel hatte ein Gelübde abgelegt. Es hatte gesagt: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun!“ (2. Mo 19,8; 24,3.7). Allerdings hatte es kurz darauf das Gesetz gebrochen. Doch endgültig hat sich das Volk verunreinigt, als es den Messias verwarf, Ihn ans Kreuz brachte und ausrief: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“ (Mt 27,25).

Somit hat Israel – um mit 4. Mose 6 zu sprechen – „seine Weihe verunreinigt“. Aber Gott hatte in seiner Gnade Vorsorge dafür getroffen, dass diese Weihe wieder erneuert werden kann. So lesen wir: „Und es wird geschehen, wenn alle diese Worte über dich kommen, der Segen und der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, und du es zu Herzen nimmst unter all den Nationen, wohin der HERR, dein Gott, dich vertrieben hat, und umkehrst zu dem HERRN, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchst nach allem, was ich dir heute gebiete, du und deine Kinder, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele – so wird der HERR, dein Gott, deine Gefangenschaft wenden und sich deiner erbarmen; und er wird dich wieder sammeln aus allen Völkern, wohin der HERR, dein Gott, dich zerstreut hat“ (5. Mo 30,1–3).

Salomo hatte später in seinem Gebet bei der Einweihung des Tempels auch ins Auge gefasst, dass das Volk sündigen könnte. So hatte Er darum gebeten, dass Gott in einem solchen Fall auf ihr Gebet hören würde: „Wenn sie gegen dich sündigen – denn da ist kein Mensch, der nicht sündigt – und du über sie erzürnst und sie vor dem Feind hingibst und ihre Besieger sie gefangen wegführen in das Land des Feindes, ein fernes oder ein nahes, und sie nehmen es zu Herzen in dem Land, wohin sie gefangen weggeführt sind, und kehren um und flehen zu dir in dem Land derer, die sie gefangen weggeführt haben, und sprechen: Wir haben gesündigt und haben verkehrt gehandelt, wir haben gottlos gehandelt; und sie kehren zu dir um mit ihrem ganzen Herzen und mit ihrer ganzen Seele im Land ihrer Feinde, die sie gefangen weggeführt haben, und sie beten zu dir zu ihrem Land hin, das du ihren Vätern gegeben, zu der Stadt, die du erwählt hast, und dem Haus, das ich deinem Namen gebaut habe, so höre im Himmel, der Stätte deiner Wohnung, ihr Gebet und ihr Flehen, und führe ihr Recht aus und vergib deinem Volk, was sie gegen dich gesündigt haben, und alle ihre Übertretungen, womit sie gegen dich übertreten haben; und lass sie Barmherzigkeit finden vor denen, die sie gefangen weggeführt haben, dass sie sich ihrer erbarmen; denn sie sind dein Volk“ (1. Kön 8,46–51).

Und genau so ist es geschehen. Als die zwei Stämme nach Babylon deportiert worden waren und Daniel nach Jerusalem hin betete, hörte Gott und zeigte ihm, dass die Zeit des Exils mit ihrem 70. Jahr zu Ende kommen sollte (Dan 9,2). Das Buch Esra berichtet davon, wie diese Verheißungen in Erfüllung gingen.

Doch dann kreuzigten die Juden den Sohn Gottes. So wurden sie wieder aus dem Land vertrieben (im Jahr 70 nach Christus) und sind bis heute in viele Länder verstreut. Im Jahr 1948 geschah das, was man für unmöglich gehalten hatte – es sei denn man wusste aus dem Wort Gottes etwas über die Zukunft Israels: Der Staat Israel wurde gegründet. Doch das ist bestenfalls eine vorbereitende Entwicklung. Der Augenblick, wenn Israel bzw. der gläubige Überrest (Röm 9,27) Christus als Messias erkennt und annimmt, liegt noch in der Zukunft und wird erst nach der Entrückung der Versammlung eintreffen. Dann werden sie das Brandopfer und das Sündopfer und Schuldopfer bringen (siehe das Bekenntnis des Überrestes, das prophetisch in Jesaja 53 aufgezeichnet ist) und Gott wird den „Geist der Gnade und des Flehens“ über sie ausgießen, wenn sie auf den „blicken, den sie durchbohrt haben“ und dann „bitterlich über ihn Leid tragen“ werden (Sach 12,10).

Dann wird Gott Israel – vertreten durch diesen Überrest – wieder annehmen und sie werden wieder sein Volk sein (Hos 2,25). Dann werden sie sich nach der langen Unterbrechung ihres Nasiräertums „nochmals für den HERRN absondern“.

Wie hoffnungslos es für den Nasir Israel auch ausgesehen hatte (ohne Tempel, ohne Beziehung zu Gott, unter viele Nationen zerstreut, etc.), es gab doch einen Weg der Heilung, nämlich den der Umkehr: „Wenn du umkehrst zu dem HERRN, deinem Gott“ (5. Mo 30,2). Für diesen Fall hatte Gott einen Segen vorgesehen, der sogar über den der Väter hinausgehen sollte: „Und der HERR, dein Gott, wird dich in das Land bringen, das deine Väter besessen haben, und du wirst es besitzen; und er wird dir Gutes tun und dich mehren über deine Väter hinaus. Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele“ (5. Mo 30,5.6). So groß ist die Gnade Gottes!

Der Weg zur Umkehr ist immer offen und Gott antwortet mit einem reichen Segen, wenn er beschritten wird.

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