Briefe an junge Menschen

Dienst

Liebe Freunde!

Das Leben eines Christen soll ein ausgewogenes Nehmen und Geben sein. Es soll wie ein Stausee sein, bei dem das Wasser an einer Seite einfließen und an der anderen ausströmen kann. Ein Christ, der nur empfängt, aber niemals weiter gibt, wird zu einem verträumten Mystiker. Umgekehrt wird ein Christ, der sich so verausgabt, dass er keine Zeit findet, selbst zu empfangen, geistlich Bankrott machen.

In einem der vorigen Briefe wies ich schon darauf hin, dass jeder Dienst von dem Platz „zu den Füßen des Herrn Jesus“ ausgehen muss, wo wir ihm lauschen und mit ihm Gemeinschaft haben. Wir haben dies bezüglich der Anbetung besonders bei Maria gesehen. Sie konnte im richtigen Augenblick die Füße des Herrn Jesus mit der kostbaren Narde salben, weil sie so oft zu seinen Füßen gesessen hatte und daher seine Person und seine Gedanken kannte. Bei Martha finden wir auch, dass sie ihm diente, nachdem sie zuvor in ihrem Kummer von Ihm empfangen hatte.

In diesen zwei Bildern sehen wir die beiden Seiten des christlichen Dienstes. In Maria wird uns die auf den Herrn, auf Gott, gerichtete und in Martha die den Menschen zugewandte Seite vorgestellt. So lesen wir in 1. Petrus 2, dass wir eine „heilige Priesterschaft“ sind, „um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlangenehm durch Jesus Christus“. Danach aber finden wir, dass wir „eine königliche Priesterschaft“ sind, damit wir die Tugenden dessen verkündigen, der uns berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Mit dieser zweiten Seite des Dienstes wollen wir uns ein wenig beschäftigen. Die erste Seite haben wir schon beim Abendmahl und der Anbetung behandelt.

Es ist ein wichtiger Grundsatz der Heiligen Schrift, dass jeder Dienst im Auftrag des Herrn und in der Verantwortlichkeit gegen ihn ausgeübt werden muss. Jedem, der nachdenkt, ist das auch völlig klar. Ein Diener des Herrn übermittelt den Menschen eine Botschaft Gottes. Kann es dann anders sein, als dass Gott selbst seine Diener beruft und ihnen Gaben darreicht, die sie nötig haben? - Nun, in Epheser 4,7-12 (in Verbindung mit Psalm 68,18) steht, dass der auferstandene Herr diese Gaben empfangen hat und sie den Seinen austeilt. Alle anderen Stellen der Schrift, in denen dieser Punkt behandelt wird, bestätigen das.

Er ruft, wen er selbst will

„Und er steigt auf den Berg und ruft herzu, welche er selbst wollte. Und sie kamen zu ihm; und er bestellte zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende zu predigen“ (Mk 3,13.14). Es geht in diesem Abschnitt um die Berufung der zwölf Apostel. Den Auftrag, den sie empfingen, können wir nicht mit dem vergleichen, den der Herr jetzt seinen Knechten gibt. Nach Matthäus 10 sollten sie nur den Juden predigen. Nachdem der Herr von Israel verworfen war und er das Erlösungswerk am Kreuz vollbracht hatte, gab er ihnen in Markus 16,15 den neuen Auftrag, in die ganze Welt auszugehen. Aber die Grundsätze seiner Berufung sind die gleichen.

Wir finden in Markus 3,13.14 drei wichtige Dinge. Erstens: Der Herr ruft, wen er will. Zweitens: Er ruft sie, damit sie bei ihm seien. Drittens: Er sendet sie aus, um zu predigen.

Das Erste ist der oben erwähnte Grundsatz. Der Herr ruft seine Arbeiter nach seinem eigenen freien Willen. Zu Jeremia sagt er: „Bevor ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt, und bevor du aus dem Mutterschoß hervor kamst, habe ich dich geheiligt: Zum Propheten an die Nationen habe ich dich bestellt“ (Jer 1,5). Über Johannes den Täufer wurde nach demselben Grundsatz ähnliches durch den Engel des Herrn vorhergesagt (Lk 1,13-17). Auch Paulus schreibt von sich: „Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leib an abgesondert und durch seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Nationen verkündigte,...“ (Gal 1,15.16).

Kein Mensch, kein Knecht Gottes und ebenso wenig die Versammlung haben etwas mit der Berufung der Arbeiter des Herrn zu tun. Der Herr hat sich dieses Recht ausdrücklich vorbehalten. Wie wir in Jeremia und im Galaterbrief gelesen haben, beginnt die Vorbereitung für diese Berufungen schon vor der Geburt und setzt sich fort, bis der Herr nach der Bekehrung die Berufung ausspricht.

Um bei Ihm zu sein

Aber wozu beruft der Herr? Beruft er uns gleich nach der Bekehrung, ein großes Werk zu tun? Er beruft, „damit sie bei ihm seien“. Eine notwendige Voraussetzung für einen wirklichen Dienst für den Herrn ist, erst bei ihm gewesen und so von ihm belehrt worden zu sein. Zwischen Markus 3,13 und Markus 6,7 (wo der Herr die Jünger aussandte), liegt eine lange Zeit. Nachdem sie ihren besonderen Auftrag erfüllt hatten, nahm der Herr sie wieder allein zu sich. Kein Dienst kann wahrhaft gesegnet sein, wenn der Knecht nicht aus der Gegenwart des Herrn kommt und nach dem Dienst wieder dorthin zurückkehrt. Machen wir es wie die Apostel? „Und die Apostel versammelten sich bei Jesus; und sie berichteten ihm alles, was sie getan und was sie gelehrt hatten.“ Wie gesegnet und lehrreich muss es für sie gewesen sein, von dem Herrn beiseite genommen zu werden! So konnte er mit ihnen in Ruhe über alles sprechen, was sie getan und gelehrt hatten. Wenn wir das auch mehr suchten, würde unser Dienst dann nicht viel gesegneter sein?

Wir können jetzt nicht mehr leiblich bei dem Herrn Jesus sein wie einst die Jünger, geistlich aber wohl. In Johannes 14,21 steht: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer aber mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden; und ich werde ihn lieben und mich selbst ihm offenbaren“. Und dann folgt in Vers 23: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“.

Die Liebe zum Herrn wird bewiesen, indem wir seine Gebote halten. Siehe auch 1. Johannes 5,3. Welch ein Widerspruch ist es, wenn jemand behauptet, den Herrn lieb zu haben, dabei aber im Gegensatz zu den Geboten des Herrn handelt! Vers 23 geht noch weiter: Wenn jemand den Herrn Jesus wirklich liebt, ist er nicht damit zufrieden, nur das zu tun, was der Herr ausdrücklich gebietet. Für einen solchen ist ein Wunsch des Herrn genug.

Die Liebe verlangt danach, ihm wohlgefällig zu sein. Im Neuen Testament stehen nicht viele ausdrückliche Gebote. Aber der Herr offenbart in seinem Wort seine Gedanken mit der Erwartung, dass dies für die Seinen genügt, um danach zu handeln. Und wo das gefunden wird, kommen der Vater und der Sohn, um Wohnung in einem solchen zu machen. So können wir also auch jetzt bei ihm sein. Und das ist notwendig, um wirklich von ihm für den Dienst fähig gemacht zu werden, den er uns tun lassen will.

Von ihm ausgesandt

In Markus 6,7 sendet der Herr die Jünger aus. Er hat sie belehrt, und daher sind sie zu dem von ihm aufgetragenen Dienst fähig. Nach dem Urteil der Menschen war das nicht so. Sie sahen in den Aposteln „ungelehrte und ungebildete Leute“ (Apg 4,13). Und nach menschlichen Maßstäben waren sie das auch. Sie hatten die Theologie jener Tage nicht studiert. Sie wussten nicht, wie die verschiedenen Rabbiner die Bibel auslegten. Der Herr hatte sie geradewegs aus ihrem gewohnten Beruf herausgerufen. Aber sie waren bei ihm gewesen.

Das sahen selbst ihre Feinde (Apg 4,13). Darum konnte der Herr sie für den wichtigen Dienst, den es zu tun gab, gebrauchen. Durch die Predigt des Petrus wurden an einem Tag dreitausend Menschen bekehrt. Ihre Lehre und ihre Gemeinschaft waren die Grundlage des neuen Werkes, das Gott an jenem Tag begann: Die Gründung der Versammlung des lebendigen Gottes (Apg 2,42).

Es war nicht so, dass sie vor diesem Tag nichts getan hatten. Vom ersten Tag an, da sie bei dem Herrn waren, hatte er etwas für sie zu tun. Aber sie taten Hilfsarbeiten, einfache Verrichtungen. Sie hatten Teil an der Mühsal und der Feindschaft wegen des Evangeliums (Mk 3). Sie ruderten, als der Herr über das Meer fuhr (Mk 4,35-41), usw.

Von dem ersten Tag unserer Bekehrung an will der Herr uns gebrauchen, wenn wir bei ihm sind. Es gibt immer etwas zu tun, wenn wir für den Herrn wirken wollen. Wir können Traktate verteilen, wir können zu Evangelisationen und Wortbetrachtungen einladen, wir können Hilfsdienste tun, um diese Zusammenkünfte vorzubereiten usw. Wenn wir etwas tun wollen, wird der Herr uns stets Arbeit geben. Das setzt aber voraus, dass wir alles, was er uns aufträgt, bereit sind zu tun. Wir dürfen nicht erwarten, vom Herrn gleich zu Anfang große Aufgaben zu erhalten.

In Matthäus 25 gibt der Herr „einem jeden seiner Knechte nach seiner eigenen Fähigkeit“. Es ist sehr zu beachten, dass nicht der Knecht mit den fünf oder der mit den zwei Talenten, sondern der mit dem einen Talent nichts schafft und von dem Herrn ein böser und fauler Knecht genannt wird. Weil jener Knecht dies eine Talent nicht verwertet, wird es ihm genommen und dem gegeben, der mit den Talenten, die ihm anvertraut waren, hart gearbeitet hatte. Auf diese Weise erhält dieser noch mehr. Je eifriger wir in den kleinen Dingen sind, die der Herr uns aufträgt (d.h., die er uns vor die Füße legt), desto eher kann er uns größere Werke tun lassen; wenigstens, wenn wir diese kleinen Werke wirklich im Gehorsam und in Abhängigkeit von ihm tun.

Vor etlichen Jahren lebte in einer bergigen Gegend Amerikas ein einfaches Dienstmädchen, das nicht länger als drei Monate die Schule besucht hatte. Sie verdiente vier Dollar, wovon sie einen für das Lokal, einen für die Mission und die übrigen zwei ihrem armen Vater gab, der eine große Familie zu ernähren hatte. Sie war der größte Geber in der ganzen Umgebung. Abends, oft bis spät in die Nacht hinein, tat sie noch andere Arbeit, womit sie das Geld für ihre eigenen Kleider verdiente. Ein Diener Gottes besuchte diesen Ort. Weil es wenig Unterkunftsmöglichkeiten gab, stellte sie ihr kleines Zimmer zur Verfügung. Auf ihrem Tisch lag ihre Bibel, in der er fast auf jeder Seite Bemerkungen fand. Am meisten aber war er von der Bemerkung bei Markus 16,15 getroffen, wo es heißt: „Geht hin in die ganze Welt und predigt der ganzen Schöpfung das Evangelium“; denn mit großen, deutlichen Buchstaben stand dabei geschrieben: „O, wenn ich das auch tun könnte!“

Am folgenden Tag sprach er mit ihr darüber, worauf sie so sehr zu weinen anfing, dass er kein Wort aus ihr herausbringen konnte. Später hörte er ihre Geschichte. Sie war als Mädchen von 14 Jahren bekehrt worden. Als sie einmal nach Hause kam, lag dort ein Zettel mit der Aufschrift: „Chinas Ruf nach dem Evangelium“. Woher der Zettel gekommen war, wusste niemand. Aber von diesem Augenblick an waren ihre Gedanken mit China erfüllt. Zehn Jahre lang hatte sie Tag für Tag den Herrn gebeten, sie nach China zu senden. Aber erst seit kurzer Zeit hatte sich das geändert. Sie war nämlich zu dem Schluss gekommen, dass sie sich geirrt hatte und dass der Herr sie nicht zu einer Missionarin in China. sondern zu einer Missionarin in der Küche bestimmt hatte. Von dem Augenblick an hatte sie gebetet: „Mache mich willig, für Dich eine Missionarin in der Küche zu sein“. Und der Herr hatte ihr Gebet erhört. Zehn Jahre hatte sie nach großen Dingen getrachtet, obwohl sie die kleinen Dinge nicht versäumte. Davon zeugten ihre finanziellen Opfer. Aber nun war sie willig gemacht worden, die ganz kleinen Dinge zu tun, eben als Zeugin für den Herrn in dem kleinen Kreis eines Küchenmädchens zu leuchten. Erst jetzt konnte der Herr sie für ein sehr gesegnetes Werk in China gebrauchen. Denn der Diener Gottes wurde überzeugt, dass er gerade in dieses Dorf geschickt worden war, um diesem Mädchen zu helfen. Und schließlich ging sie nach China. „Wer im Geringsten treu ist, ist auch in vielem treu“ (Lk 16,10).

Abhängigkeit vom Herrn

Wir haben gesehen, dass die Diener des Herrn von ihm selbst, nach seinem eigenen Willen berufen und auch allein von ihm ausgesandt werden. Aber das ist nicht alles! Der Dienst selbst muss auch in Abhängigkeit vom Herrn ausgeübt werden. „Es sind Verschiedenheiten von Diensten, und derselbe Herr“ (1. Kor 12,5). Die Knechte in Matthäus 25 müssen abrechnen und sich vor dem Herrn verantworten. Die Jünger kamen in Markus 6,30 „und berichteten ihm alles, was sie getan und was sie gelehrt hatten“. Siehe hierzu 1. Korinther 3,10 bis 4,5.

Damit wir dieser Verantwortlichkeit entsprechen können, haben wir den Heiligen Geist empfangen. Dieser will uns in allen Dingen leiten, damit wir niemals unseren eigenen Willen tun (Gal 5,17). Das ist in besonderem Maß bei dem „Dienst“ wichtig. „Die wir durch den Geist Gottes dienen“ (Phil 3,3; siehe auch Apg 16,6-10). „Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend, wie er will“ (1. Kor 12,11). Wir werden also in unserem Dienst durch den Heiligen Geist geleitet. Aber wir tun den Dienst in Abhängigkeit und Verantwortung gegenüber dem Herrn.

Das ist von außergewöhnlicher Bedeutung. Zunächst gibt es uns große Freimütigkeit. Wenn ein Gläubiger auf sich selbst sieht, hat er niemals Freimütigkeit, etwas zu tun. Er sieht bei sich so viele Schwachheiten und oft auch Verkehrtheiten, dass er keinen Mut hat, etwas zu tun. Selbst wenn er gut weiß, eine Gabe vom Herrn empfangen zu haben und von ihm berufen zu sein, ist er sich tief bewusst, keinen einzigen Segen vermitteln zu können. Noch nie ist ein Sünder durch Worte eines Menschen zur Bekehrung gekommen, und ebenso wenig kann ein Gläubiger durch menschliche Worte gesegnet werden. Wie kann jemand wissen, was die Bedürfnisse der Menschen sind, zu denen er spricht?

Wenn wir aber vom Heiligen Geist gebraucht werden, so wird das stets einen Segen zur Folge haben. Er weiß, welche Bedürfnisse in diesem Augenblick bestehen und wie ihnen abzuhelfen ist. Er gibt denen, die er gebraucht, geistliche Worte, um geistliche Dinge mitzuteilen (1. Kor 2,13).

Das ist gleichzeitig eine große Verantwortlichkeit. Wir haben ganz genau auf die Leitung des Heiligen Geistes zu achten, damit er den gebrauchen kann, den er will; denn es gibt nur einen, der die Freiheit hat, uns persönlich und den Dienst in den Versammlungen zu leiten.

Es steht völlig im Widerspruch zur Heiligen Schrift und ist in Wahrheit eine Verachtung der Anwesenheit des Heiligen Geistes, wenn wir meinen, wir könnten bestimmen, wer in den Versammlungen den Dienst tut. Das gilt ebenfalls, wenn wir sagen, alle könnten sich am Dienst beteiligen, oder wenn wir dieses Recht auf eine oder wenige Personen beschränken. Der Heilige Geist allein hat das Recht zu bestimmen, wen er gebrauchen will. Das aber bedeutet, dass es unsere Pflicht ist, in den Zusammenkünften bereit zu sein, von ihm gebraucht zu werden, wenn er das will.

Es ist uns klar, dass der Heilige Geist in den Zusammenkünften, in denen öffentlich gesprochen wird, die Gaben benutzt, die der Herr selbst zu diesem Zweck bestimmt hat. Aber er hat auch das Recht, kleinere Gaben zu gebrauchen, wenn größere anwesend sind. Was das Beten und Danksagen oder das Vorschlagen der Lieder betrifft, so gibt es dafür keine Gaben. Was Menschen manchmal eine Gabe des Gebetes nennen, ist gewöhnlich eine Äußerung des Fleisches. Für das Bitten und Danken kann der Heilige Geist jeden gebrauchen, dessen geistlicher Zustand so ist, dass er gebraucht werden kann.

Welch eine Verantwortlichkeit besteht dann für einen jeden von uns, sowohl für den Jüngsten als auch den Ältesten, so in den Versammlungen zu sein, dass der Heilige Geist uns gebrauchen kann und dass wir uns - wenn er es will - gebrauchen lassen.

Mit herzlichen Grüßen,

Euer im Dienst des Herrn verbundener Bruder H.L.H.

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