Das Evangelium nach Matthäus

Kapitel 22

Das Evangelium nach Matthäus

Doch der Herr fuhr ruhig fort in dem, was Er ihnen zu sagen hatte, und so beginnt das neue Kapitel mit dem Gleichnis von dem König, der seinem Sohn Hochzeit machte. Dieses Gleichnis kündigt den Tag des Evangeliums an, der bevorstand. Hier entfällt Seine Frage „Was dünkt euch?“, denn dieses Gleichnis erhebt sich hoch über rein menschliches Sinnen und Denken. Schon seine Einleitungsworte „Das Reich der Himmel ist gleich geworden“ unterscheiden es von den beiden anderen Gleichnissen. Menschen kommen unter die Rechtshoheit des Himmels, wenn sie die Einladung des Evangeliums annehmen, nachdem der nationale Zusammenbruch stattgefunden hat, der in den vorher mitgeteilten Gleichnissen vorgebildet wurde. Wir werden nun wieder, so wie in Kapitel 13, etwas Neues hören.

In diesem Gleichnis stellt der König an niemand irgendeine Forderung. Statt dass er fordert, gibt er. Auch er hat einen „Sohn“, dem er ein Hochzeitsfest bereitet, und er sendet seine Knechte aus, um Menschen hereinzurufen. Wie trefflich bringt der Ruf die Botschaft des Evangeliums zum Ausdruck: -.. habe ich bereitet,... alles ist bereit; kommt zur Hochzeit!“ „Bereitet“ durch das Opfer Christi. „Bereit“, seit Er Sein Werk vollbracht hat. Deshalb heißt es jetzt nicht „Geht, arbeitet“, sondern „Kommt“.

Die Einladung erging zunächst einmal an „Geladene“, eine Anzahl besonders bevorrechtigter Leute. Die Erfüllung davon sehen wir in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte. Für eine kurze Zeit richtete sich die Botschaft des Evangeliums allein an die Juden, doch in ihrer Gesamtheit nahmen sie es nicht ernst, waren mit weltlichem Gewinnstreben beschäftigt, einige leisteten aktiven Widerstand, verfolgten und erschlugen einige der frühen Boten, wie wir es bei Stephanus sehen. Diese erste Phase endete mit der Zerstörung Jerusalems, wie Vers 7 es voraussagt.

Dann wird die Einladung ausgeweitet, wie wir in den Versen 9 und 10 sehen. In dem Gleichnis in Lukas 14 finden wir nur einen Knecht, der zweifellos ein Bild von dem Heiligen Geist ist. Hier sind es viele Knechte, und wir denken an Menschen, die der Heilige Geist als Werkzeuge gebrauchen mag. Sie gehen hinaus auf die Landstraßen und laden alle ein, die ihnen begegnen, sowohl Böse als Gute. Der Geist kann Menschen „nötigen“, hereinzukommen, wie in Lukas 14. Die Knechte sind angewiesen, jeden und alle, die sie treffen, zu laden. Nicht alle werden die Einladung annehmen, dennoch wird die Hochzeit auf diese Weise zur vollen Zahl ihrer Gäste kommen. Ein Evangelist braucht nicht bekümmert zu sein um die Frage nach Gottes Gnadenauswahl. Er hat einfach das Wort an alle zu richten, denen er begegnet, und zu sammeln, die herzukommen, denn Gottes Sache ist es, die Herzen der Menschen aufzuschließen.

Der zweite Teil des Gleichnisses in den Versen 11- 14 zeigt, dass da, wo es um den Dienst von Menschen geht, sich auch Unechtes einzuschleichen und für eine Zeit zu bleiben vermag. Der Mann hatte das Hochzeitskleid nicht angenommen und dadurch dem Sohn des Königs die Ehre verweigert. Als der König hereinkam und ihn sah, wurde er an den ihm gebührenden Platz in der Finsternis draußen gebracht. Gottes Gegenwart wird alles Unechte entlarven und alles entwirren. Wir sahen das schon in Kapitel 13 und werden es wiederum in Kapitel 25 finden.

Dass die Pharisäer allmählich in äußerste Verlegenheit gerieten, lässt sich daran erkennen, dass sie sich mit den Herodianern, die sie sonst verabscheuten, jetzt zusammentaten. Ihre Frage wegen der Steuer war geschickt formuliert in der Absicht, Seinen Namen entweder beim Kaiser oder bei dem Volk in Verruf zu bringen. Sie begannen mit Worten, die schmeichlerisch gemeint waren, aber zugleich nüchtern die Wahrheit aussagten. Er war wahrhaftig. Er lehrte den Weg Gottes in Wahrheit. Er stand weit darüber, die Person der Menschen anzusehen. Er verlangte eine Steuermünze und zeigte ihnen, dass sie offensichtlich dem Kaiser gehörte, denn sie trug sein Bild. Wenn sie ihm gehörte, dann musste sie ihm gegeben werden. Aber dann stellte Er sie in die Gegenwart Gottes. Gaben sie Gott, was Gottes war? Diese gewaltige Antwort verblüffte sie nicht nur, sie traf auch ihre Gewissen, so dass sie fort gingen. Jesus hatte einen wichtigen Grundsatz ausgesprochen, der auch für all unser Tun und Lassen gilt, solange wir der Oberhoheit irgendeiner Art von Regierung unterstehen. Wir müssen dem Kaiser geben, worauf er Anspruch hat. Aber die Dinge Gottes sind weitaus höher und weitreichender als diese.

Die von den Sadduzäern vorgebrachte Frage war ebenso schlau bedacht und zielte darauf ab, einmal Jesus in Verlegenheit zu bringen und zum anderen den Glauben an die Auferstehung lächerlich zu machen. Auferstehung bedeutete ihrer Meinung nach nur eine Wiederherstellung zum Leben unter gewöhnlichen Bedingungen in dieser Welt. Zweifellos waren sie überzeugt, dass sie Jesus mit dieser Frage aus der Fassung bringen und sich selbst in ihrem Unglauben bestärken könnten. Doch Seine Antwort enthüllte, dass Auferstehung in eine andere Welt einführt, wo andere Bedingungen herrschen, und Er führte 2. Mose 3,6 an, um zu zeigen, dass in den Tagen Moses die Patriarchen in jener anderen Welt lebten, obwohl sie noch nicht von den Toten auferweckt waren. Die Tatsache, dass ihre Geister dort waren, verbürgte, dass sie am Ende auch mit auferweckten Leibern dort sein würden.

Auch die Priester waren in jenen Tagen weitgehend der Überzeugung der Sadduzäer. Der Herr schont sie nicht in der Direktheit Seiner Zurechtweisung. „Ihr irret“, ist Seine klare Antwort, und Er deckt die Quelle ihres Irrtums auf. Sie kannten weder die Schriften, die auszulegen sie vorgaben, noch die Kraft Gottes, dem sie angeblich dienten. Dieser zweifache Irrtum liegt auch allem modernen religiösen Unglauben zugrunde. Erstens werden die Schriften häufig falsch zitiert und immer missverstanden. Und zweitens ist Gott in ihren Gedanken so sehr all Seiner Macht und Herrlichkeit entkleidet, dass sich endlose Schwierigkeiten einstellen. Mögen sie doch mit Seiner Kraft rechnen, und die Schwierigkeiten hören auf.

Die Antwort des Herrn setzte alle, die sie hörten, in Erstaunen. Das war ihnen offensichtlich neu, selbst den Pharisäern, denen es nie gelungen war, die Sadduzäer in solcher Weise zum Schweigen zu bringen. Als die Pharisäer das hörten, versammelten sie sich, und einer von ihnen befragte den Herrn über das Gesetz, indem er einen Punkt zur Sprache brachte, den sie ohne Zweifel oft unter sich diskutiert hatten. Er dachte an die zehn Gebote in 2. Mose 20, doch der Herr kam auf 5. Mose 6,5 zu sprechen und fügte 3. Mose 19,18 hinzu. Was das Gesetz fordert, lässt sich in einem Wort zusammenfassen – Liebe. Zuerst Liebe zu Gott, zweitens Liebe zum Nächsten. Wenn Paulus uns sagt: „So ist nun die Liebe die Summe des Gesetzes“ (Röm 13, 10), stellt er nur mit anderen Worten fest, was Jesus hier sagte (Vers 40).

Die drei Gleichnisse hatten sie mit der Gnade des Evangeliums konfrontiert. Die drei Fragen fanden eine Antwort, die ihnen die Liebe als die höchste Forderung des Gesetzes einschärfte. Diese Liebe war ihnen unbekannt. Indem die Pharisäer noch versammelt waren, legte Jesus ihnen Seine wichtige Frage vor: „Was dünkt euch von dem Christus? wessen Sohn ist er?“ Sie wussten, dass Er der Sohn Davids sein sollte, aber warum David Ihn dann in Psalm 110 seinen Herrn nannte, das wussten sie nicht. Die einzig mögliche Lösung zu diesem Problem ist im ersten Kapitel unseres Evangeliums gegeben worden: Jesus Christus, der Sohn Davids“ ist „Emmanuel, was verdolmetscht ist: Gott mit uns“. Wenn der Glaube das einmal ergreift, ist die ganze Lage so klar wie Sonnenlicht. Wenn man das ablehnt, wie es diese armen Pharisäer taten, ist alles dunkel. Sie waren in Finsternis. Kein Wort konnten sie antworten, und ihre Niederlage war so vollständig, dass sie nicht wagten, Ihn ferner zu befragen.

Aber wenn sie auch mit Ihm am Ende waren, so doch Er noch nicht mit ihnen. Die Zeit war jetzt gekommen, diesen Heuchlern die Maske abzureißen, und das in Gegenwart der Volksmengen, die unter ihrem Einfluss standen.

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