Der zweite Brief an die Korinther

Kapitel 11

Der zweite Brief an die Korinther

Der Apostel sah sich genötigt, um noch völliger dem Einfluss der falschen Lehrer auf die korinthische Versammlung zu begegnen, auf eine noch bestimmtere Weise von sich selbst zu reden. Er nannte dies eine Torheit, aber er war dazu gezwungen, weil die Gläubigen zu Korinth im Allgemeinen nicht nüchtern und geistlich genug waren, um jene falschen Lehrer unterscheiden zu können und ihrem verderblichen Einfluss mit Entschiedenheit entgegenzutreten. „Ich wollte“, sagt er, „ihr möchtet ein wenig Torheit von mir ertragen, doch ertragt mich auch. Denn ich eifere um euch mit Gottes Eifer, denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau dem Christus darzustellen. Ich fürchte aber, dass, wie die Schlange Eva verführte durch ihre List, also auch etwa euer Sinn verderbt und abgewandt werde von der Einfalt gegen den Christus“ (Verse 1–3). Paulus hatte ein ganzes Herz für Christus, und die Korinther waren seine Kinder, an denen er mit der innigsten und zärtlichsten Liebe hing. Der Apostel hatte sie als eine keusche Jungfrau Christus verlobt und war aufs eifrigste und sorgfältigste bemüht, sie in dieser Keuschheit und Reinheit zu erhalten. Mit der Eifersucht Gottes, Der das Herz der Seinigen allein zu besitzen wünscht, war er eifersüchtig in Betreff seiner geliebten Korinther, um ihr Herz allein für Christus zu bewahren; aber ach! er war in Furcht, dass dieselbe listige Schlange, die ihren Weg zu dem Herzen Evas gefunden hatte, auch ihren keuschen Sinn gegen Christus verderben und von der Einfalt, die in Ihm ist, verrücken möchte. Und er hatte Ursache zu dieser Furcht, weil sie jene unter sich duldeten, die nur gekommen waren, um das traurige Handwerk Satans auszuüben!

Paulus hatte Christus unter ihnen verkündigt; durch seinen Dienst hatten sie das Evangelium gehört und den Geist empfangen; was aber hatten jene Lehrer, die jetzt unter sie gekommen waren, ihnen gebracht? „Denn“, sagt er, „wenn der, welcher kommt, einen andern Jesus predigt, den wir nicht gepredigt haben, oder ihr einen andern Geist empfangt, den ihr nicht empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, das ihr nicht angenommen habt, so ertrügt ihr es gut“ (Vers 4). Aber sie hatten nichts von diesen falschen Aposteln empfangen, sondern diese suchten im Gegenteil, sie dessen zu berauben, worin sie allein ihr Heil gefunden hatten. Wie töricht war es nun, auf solche zu hören, solche aufzunehmen und sich von dem abzuwenden, durch dessen Dienst sie alle Segnungen empfangen hatten, und der in Wahrheit sagen konnte: „Denn ich achte, dass ich in nichts den vornehmsten Aposteln nachstehe. Wenn ich aber auch ein Unkundiger in der Rede bin, so doch nicht in der Erkenntnis, sondern in jeder Weise sind wir in allen Stücken bei euch offenbar geworden“ (Verse 5–6). Der Geist Gottes hatte Paulus und seine Mitarbeiter völlig als Apostel und Diener des Christus unter ihnen legitimiert. Ihr Vorhandensein als Versammlung Gottes, ihr Glaube, ihr Reichtum an Rede und Erkenntnis und jeglicher Gabe bezeugte aufs schlagendste die göttliche Berufung und Sendung des Apostels.

Hatte aber der Apostel etwa darin gesündigt, dass er ihnen das Evangelium umsonst verkündigt, indem er sich selbst erniedrigt und sie erhöht hatte? (Vers 7). Die falschen Lehrer nahmen von ihnen Unterstützung an und mochten sich dessen vielleicht sogar als einen Beweis ihrer Liebe rühmen; aber Paulus war ihnen nie beschwerlich geworden und wollte es auch fernerhin nicht werden. Er war von andern Versammlungen unterstützt worden, namentlich von Brüdern aus Mazedonien, um ihnen dienen zu können (Verse 8–9). Und dieses Rühmen, in den Gegenden von Achaja das Evangelium umsonst verkündigt zu haben, wovon er auch schon im ersten Brief spricht, will er sich um keinen Preis nehmen lassen (Vers 10). Seine Feinde mochten dies als Kälte und Lieblosigkeit gegen die Korinther auslegen, indem er sich weigere, den Beweis ihrer Liebe anzunehmen, und darum begegnet er hier solch argwöhnischen Gedanken mit der Frage: „Warum? Weil ich euch nicht liebe? Gott weiß es. Was ich aber tue, das werde ich auch tun, damit ich denen die Gelegenheit abschneide, die eine Gelegenheit wollen, damit sie, worin sie sich rühmen, ebenso erfunden werden wie wir“ (Verse 11–12). Er tat es einfach, um den falschen Lehrern die Gelegenheit abzuschneiden, sich selbst etwa durch freiwillige Arbeit unter den Korinthern zu empfehlen, während der Apostel Geld von ihnen empfing. Jetzt freilich schienen sie das Gegenteil zu tun und das kostenfreie Wirken des Apostels als Lieblosigkeit zu deuten. Wie dem aber auch sei, wir haben hier ein schönes Zeugnis von der Lauterkeit und Selbstverleugnung, womit Paulus seinen Dienst erfüllte. Da wo es das Wohl der Versammlung erheischte, machte er nicht einmal Gebrauch von seinem Recht, sich vom Evangelium zu ernähren, sondern wies vielmehr jede Gabe mit aller Beharrlichkeit zurück und arbeitete lieber Tag und Nacht mit seinen Händen, um niemandem zur Last zu fallen. Und wenn dies nicht sein konnte, so wusste er, dass der Herr, Dessen Werk er trieb, fähig war, ihn auf alle Weise zu versorgen. Und er täuschte sich nicht. Während er sich weigerte, von den Korinthern etwas zu nehmen, um den Einfluss der falschen Lehrer zu hemmen, hatte Gott die Herzen der Mazedonier willig gemacht, ihm in seinem Mangel auszuhelfen. Köstliche Erfahrung der treuen Fürsorge Gottes!

In den Versen 13–15 bezeichnet nun der Apostel den wahren Charakter jener falschen Lehrer, indem er sagt: „Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter, welche die Gestalt von Aposteln des Christus annehmen. Und kein Wunder, denn Satan selbst nimmt die Gestalt eines Engels des Lichtes an, es ist daher nichts Großes, wenn auch seine Diener die Gestalt als Diener der Gerechtigkeit annehmen, deren Ende sein wird nach ihren Werken.“ Sie handeln ganz und gar im Sinn und Geiste Satans und werden ein schreckliches Urteil über sich bringen. Wie ernst ist aber auch die Verantwortlichkeit all derer, die solche Lehrer hören und sich durch sie leiten lassen, Lehrer, die nur bemüht sind, das gläubige Herz von der Einfalt gegen Christus zu verrücken und zu elenden Menschensatzungen hinzuleiten!

Der Apostel fährt dann fort, von sich selbst zu reden. Er bekennt, dass es eine rechte Torheit sei, von sich selbst zu reden; aber die Schwachheit der Korinther, die sich durch die fleischliche Selbstüberhebung der falschen Lehrer täuschen ließen, nötigte ihn, wie ein Tor zu handeln. Er wünscht nicht, für töricht gehalten zu werden; aber wenn sie nicht anders wollen, so mögen sie ihn als einen Törichten annehmen (Vers 16). Doch bekennt er im Voraus von dieser Zuversicht des Rühmens, auf die er sich gezwungenermaßen einlässt: „Was ich rede, rede ich nicht nach dem Herrn“, d. h. nicht in besonderem Auftrag Seinerseits, vielmehr aus persönlicher Überzeugung, „als in Torheit“ (Vers 17). Viele rühmten sich nach dem Fleisch und fanden Eingang unter den Korinthern; so wollte auch er einmal von dieser Art Empfehlung Gebrauch machen und sich nach dem Fleisch rühmen, d. h. seine äußern oder menschlichen Vorzüge aufzählen (Vers 18). „Denn“, sagt er, „ihr ertragt gern die Toren, da ihr weise seid. Denn ihr ertragt es, wenn jemand euch knechtet, wenn jemand euch aufzehrt, wenn jemand von euch nimmt, wenn jemand sich überhebt, wenn jemand euch ins Gesicht schlägt“ (Verse 19–20). Sie waren so weise, wie es den Anschein hatte, dass sie sich die Toren, jene prahlerischen, falschen Apostel gefallen ließen, und so duldsam, dass sie ihre Tyrannei, ihre Habsucht, ihre List, ihre Hoffart, ihre Beschimpfungen ganz ruhig entgegennahmen. So hatte allerdings Paulus nicht unter ihnen gewandelt, und das wurde ihm zur Unehre gerechnet! Er war ihnen in keinerlei Weise beschwerlich gewesen; er hatte stets mit großer Sanftmut und Gelindigkeit unter ihnen verkehrt; aber ach! das hielten sie für Schwachheit. „Ich rede in Bezug auf die Unehre, als ob wir schwach gewesen wären. Worin aber irgendjemand dreist ist (ich rede in Torheit), bin auch ich dreist“ (Vers 21). Wenn jene falschen Apostel sich ein Ansehen als Juden gaben, sich mit der alten Religion Gottes, geheiligt durch ihr Alter und ihre Überlieferungen, brüsteten, so konnte er es auch. Er besaß alle Anrechte zum Rühmen, worin sie sich groß machten. „Sind sie Hebräer? Ich auch. Sind sie Israeliten? Ich auch. Sind sie Abrahams Samen? Ich auch“ (Vers 22). Handelte es sich um den christlichen Dienst, so konnte er sagen: „Sind sie Diener des Christus? (Ich rede als von Sinnen.) Ich über die Maßen“ (Vers 23). Im Blick auf seine Hingabe und auf das, was er in seinem Dienst erlitten und durchgemacht hatte, stand er über jenen, welche vorgaben, Diener des Christus zu sein. „In Mühen überschwänglicher, in Schlägen übermäßig, in Gefängnissen überschwänglicher, in Todesgefahren oft. Von den Juden habe ich empfangen fünfmal vierzig Streiche weniger einen1. Dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden, dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht habe ich in der Tiefe zugebracht“ (Verse 23–25). Wahrscheinlich hatte er nach einem erlittenen Schiffbruch einen Tag und eine Nacht auf Schiffstrümmern in offener See zubringen müssen. „Oft auf Reisen, in Gefahren auf Flüssen, in Gefahren von Räubern, in Gefahren von meinem Geschlecht, in Gefahren von den Nationen, in Gefahren in der Stadt, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren auf dem Meer, in Gefahren unter falschen Brüdern; in Arbeit und Mühe, in Wachen oft, in Hunger und Durst, in Tasten oft, in Kälte und Blöße, ohne, was außergewöhnlich ist“ – was in feindlicher Weise auf ihn eindrang –, „noch das, was täglich auf mich andringt, die Sorge um alle Versammlungen. Wer ist schwach, und ich bin nicht schwach?“ – Kraft der Gemeinschaft stellte er sich dem Schwachen zur Seite, auf gleichen Boden mit ihm. „Wer wird geärgert, und ich brenne nicht?“ (Verse 26–29). Er selbst wurde zwar nicht geärgert, d. h. zum Unglauben oder zur Sünde verleitet, aber in seinem Herzen fühlte er den tiefsten Schmerz.

Welch ein schönes Gemälde eines Lebens, das in völliger Unterwürfigkeit sich dem Dienst des Herrn widmete! Trübsal und Gefahren aller Art äußerlich, unaufhörliche Angst innerlich, ein Mut, der in keiner Gefahr verzagte und eine Liebe für verlorene Sünder und für die Versammlung Gottes, die durch nichts geschwächt werden konnte; gewiss, eine solche Hingebung muss das unempfindlichste Herz bewegen. Sie lässt uns unsere Selbstsucht tief fühlen und macht, dass wir uns beschämt vor Dem niederwerfen, Der die lebendige Quelle der Unterwürfigkeit des gesegneten Apostels war, und woraus auch wir allein alle Weisheit und Kraft im Dienst des Herrn zu schöpfen vermögen. Zugleich sehen wir hier, wie das elende Treiben jener falschen Lehrer, um das Ansehen und den Dienst des Apostels zugrunde zu richten, dazu dienen musste, uns mit der unermüdlichen Arbeit des Apostels, die er in tausendfachen Umständen ausgeübt hat, bekannt zu machen, die uns sonst nirgends in solcher Ausdehnung mitgeteilt wird. In der Apostelgeschichte finden wir nur einiges davon. Der vornehmste Zweck jenes Buches ist, uns mit der Befestigung der Kirche in den großen Grundsätzen bekannt zu machen und uns zu zeigen, wie sie immer mehr ihren irdischen Charakter verlor und als der eine Leib des verherrlichten Hauptes, Christus, ans Licht trat. Und wenn der Herr kommt, um Seine geliebte Versammlung zu sich aufzunehmen, so wird Paulus sicher nicht vergessen sein. Er wird seinen Lohn empfangen nach seiner Hingabe, Aufopferung und Treue. Es soll aber auch unsere Mühe im Herrn nicht vergeblich sein; und in diesem Bewusstsein kann die Erkenntnis der christlichen Ergebenheit, wie wir sie hier beim Apostel finden, für unsern Glauben von großem Nutzen sein.

Es war nun aber sicher höchst schmerzlich für den Apostel, so viel von sich selbst reden zu müssen; er fühlte sich außerhalb seiner gewöhnlichen Sphäre und ruft deshalb aus: „Wenn es gerühmt sein muss, so will ich mich dessen rühmen, was meine Schwachheit betrifft“ (Vers 30). Bei all seinen Erlebnissen, bei all den überstandenen großen Versuchungen hatte er erfahren, dass er ein schwacher Mensch war. Schwachheit und Ohnmacht waren in allen Umständen stets auf seiner Seite gewesen, die Macht und Hilfe aber auf Seiten Gottes. Und er bekennt es hier vor allen; er will nur als ein schwacher Mensch gekannt sein, damit dem Herrn allein aller Ruhm bleibe. Er beweist es sogar durch eine Tatsache, deren Wahrheit er auf das feierlichste bezeugt. „Der Gott und Vater unsers Herrn Jesu, Der gepriesen ist in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge. Zu Damaskus verwahrte der Statthalter des Königs Aretas die Stadt der Damaszener, indem er mich greifen wollte, und ich wurde durch ein Fenster in einem Korb an der Mauer hinab gelassen und entrann seinen Händen“ (Verse 31–33). Der Apostel, der so vieles ertragen, der so großen Gefahren und selbst so oft dem Tod entronnen war, offenbarte in diesem Ereignis seine ganze Schwachheit; er musste in einem Korb zum Fenster an der Mauer heruntergelassen werden. Doch hiermit charakterisiert er alle seine Durchhilfen, und deshalb gebührte nicht ihm, sondern in allen seinen Umständen allein dem Herrn die Ehre.

Fußnoten

  • 1 Nach 5. Mose 25, 3 durften einem Schuldigen vor Gericht nicht mehr als vierzig Schläge gegeben werden, und deshalb war es in der späteren jüdischen Rechtspflege gebräuchlich, nur 39 zu geben, aus Vorsicht, um nicht durch zu viele Schläge das Gesetz zu übertreten. Diese Art Strafe wurde gewöhnlich in den Synagogen vollzogen. (Vergl. Matth. 10,17.)
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