Vorträge über die Sendschreiben

Thyatira

Die Zeit erlaubt mir nicht, mehr als einen flüchtigen Blick auf Thyatira zu werfen. Wenn Jesabel auf den Schauplatz tritt, so sehen wir eine Veränderung. Wohl ist sie eine Prophetin, aber sie selbst wird Mutter von Kindern: eine ganze Klasse von Personen empfängt ihr Dasein aus diesem Verderben. Von Personen, die mit diesem Verderben und diesem Bösen ihr Spiel treiben, sowie auch von einfachen, irregeführten Seelen, sagt Christus: „Diese will ich in große Drangsal bringen, sofern sie nicht Buße tun.“ Doch jene, die ihre moralische Existenz aus diesem Verderben herleiten, will ich töten; „ihre Kinder werde ich mit Tod töten.“ Sobald aber dieser Zustand der Versammlung, als Erzeuger des Verderbens, ans Licht tritt, kommt auch das Gericht der Nationen zur Sprache: „wie Töpfergefäße werden sie zerschmettert werden,“ und das Herz des Gläubigen wird auf das Kommen des Herrn gerichtet:  „Ich will ihm den Morgenstern geben.“

Gern schließe ich die heutige Betrachtung mit dieser Verheißung; sie ist voll von Segnung. Bis zu ihrer Erfüllung ist der Herr selbst für uns das verborgene Manna. Er möge uns und allen Seinen Heiligen Gnade geben, alles zu vermeiden, was dem Geist und der Lehre Balaams gleicht. Wir sind eins mit Jesu, sind Glieder Seines Leibes, von Seinem Fleisch und von Seinen Gebeinen. Nichts als diese Einheit mit Christo wird bestehen bleiben. Die Kenntnis dieser Einheit mit Ihm und die Verwirklichung derselben in unsern Seelen ist auch der einzige Schutz vor dem verführerischen Geiste unsrer Tage. Der Herr gebe, dass wir treu sind im Blick auf die gesegnete Wahrheit, dass wir eins sind mit Ihm, der zur Rechten Gottes ist; alsdann werden andere vergeblich versuchen, durch ihre Satzungen oder ihr Priestertum zwischen uns und Gott zu treten; dann kann ich sagen: „Ich bin zu nahe zu Gott gekommen, als dass ihr zwischen Ihn und mich treten könntet, und auch zu nahe, als dass ihr mich näher zu Ihm zu bringen vermöchtet. An diesen gesegneten Platz hat mich die Gnade gestellt, und alles andere ist nur armselige Torheit.“ Wir sind berufen, das Böse in der Versammlung zu richten; denn Gott kann Balaam und Jesabel nicht anerkennen, wenn auch wir es können. Mögen wir deshalb durch des Herrn Gnade daran denken, dass der Verfall in der Versammlung gerichtet werden muss. Wir haben in der jetzigen Zeit besonders darauf zu achten, dass die Kirche, weil sie selbst unter dem Gericht steht, weder für den Glauben, noch für irgendetwas anderes Sicherheit bieten kann.

In diesem Teil des Kapitels betreten wir, sozusagen, einen neuen Boden. Dies offenbart sich in zweifacher Weise. Der Geist Gottes, der weit über all unsern Abfall erhaben ist, richtet das Auge des treuen Überrestes auf das Kommen des Herrn Jesu, und die Ermahnung: „Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Versammlungen sagt,“ steht von jetzt ab nicht mehr in Verbindung mit der Anrede an die Versammlungen im allgemeinen, sondern folgt erst auf die Verheißungen, die den Überwindern gegeben werden. Die Stellung des Überrestes wird dadurch in besonderer Weise gekennzeichnet, als nicht mehr in Verbindung stehend mit dem allgemeinen Körper der Versammlung, sondern mit dem Platz derer, denen die Verheißung gegeben ist: „dem, der überwindet.“

Das entscheidende Element, welches wir in der Versammlung zu Pergamus eingeführt fanden, bestand darin, dass die Welt der Thron Satans ist; demzufolge muss die Versammlung in einer der beiden folgenden Stellungen sein: entweder sie ist wegen ihrer Treue eine verfolgte und leidende Versammlung in der Welt, oder sie verliert diesen Charakter, bequemt sich der Welt an und geht mit ihr. In Pergamus fanden verderbliche Lehren ihren Weg in die Versammlung als Körperschaft, und nicht nur zu Einzelnen; sie wirkten und verdarben das, was innerhalb der Versammlung war, so dass jetzt das Böse dort seinen Ausgangspunkt fand. Balaam, der falsche Prophet, verführte die Versammlung und verband sie mit der Welt: „du hast dort, die an der Lehre Balaams halten.“ Hier aber in Thyatira geht es weiter: „du lässest das Weib Jesabel,“ - das Böse wird gestattet. Wir haben gesehen, dass Balaam, als es ihm misslang, Gott zum Verfluchen Israels zu  bewegen, den Versuch machte, die Israeliten dadurch in Trübsal zu bringen, dass er sie mit dem Volke des Widersachers im Bösen vereinigte.

Ebenso ist das Böse in die bekennende Kirche eingedrungen. In Thyatira haben wir deshalb einen noch schrecklicheren Zustand, als in Pergamus. Es findet sich nicht nur falsche Lehre vor - „diejenigen, die an der Lehre Balaams halten“ - sondern eine Person hat sich darin niedergelassen, und sie hat Kinder, die aus dieser Verführung geboren werden. Nicht nur werden die Heiligen zum Bösen verführt, sondern Jesabel ist, sozusagen, in Thyatira so sehr zu Hause, dass Kinder geboren werden, die ihre Heimat und ihren Geburtsort im Bösen haben, ja, die dem Verderben selbst entsprossen sind. Doch beachten wir, dass wir angesichts dieses wachsenden Bösen und all dieser Gottlosigkeit eine zunehmende Energie seitens der Getreuen finden; denn Gott hat inmitten dieses Bösen einen Überrest, dessen Treue wegen der großen Finsternis ringsum nur umso deutlicher hervortrat. Ähnliche Beispiele finden wir in der Geschichte Israels. Inmitten der götzendienerischen Anbetung des goldenen Kalbes oder während der Regierung der blutdürstigen Jesabel, wurden tatkräftige Männer, wie Elias und Elisa, erweckt, die mit einer besonderen Kraft des Zeugnisses für Gott ausgerüstet waren; auf diese Weise zeigt Gott, dass Er für die Bedürfnisse Seines Volkes stets genügend ist.

Wenn das Böse eine solche Höhe erreicht hat, dass es den Getreuen unmöglich wird, mit demselben länger voran zu gehen, so gelangen sie in der Absonderung von diesem Bösen zu einer weit höheren Erkenntnis und Kraft, (obwohl es unter großer Trübsal sein mag) als zu der Zeit, da sich die Versammlung in einem glücklicheren Zustande befand. Zur Zeit des Elias bewahrte Gott Seinen .Namen in ganz besonderer Weise. Das ganze Volk Israel hatte sich so schrecklich verderbt, dass Gott genötigt gewesen wäre, es gänzlich zu vertilgen; allein die Zeit war noch nicht gekommen. Alles war in Unordnung; weder Tempel, noch Opfer, noch Priestertum war auf dem Berge Karmel; dessen ungeachtet gab sich Gott den wenigen Getreuen in einer Weise kund, von welcher das Volk in Jerusalem weder Kenntnis noch Genuss hatte; die mächtige Kraft Gottes war vorhanden, um dem Worte Seines Propheten Zeugnis zu geben. Ebenso war es bei Mose: er wandelte treu mit Jehova, während das ganze Volk um ihn her sich im Abfall befand. Nicht als Israel gut wandelte, war Mose Gott am nächsten, sondern als sie alle fehl gingen. Als Israel das goldene Kalb gemacht hatte, „nahm Mose das Zelt und schlug es sich auf außerhalb des Lagers, fern vom Lager,“ und dann ging er in die Gegenwart Gottes, und daselbst ..redete Jehova mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann redet mit seinem Freunde.“ (2.Mo. 32+33) Und an diese herrliche Auszeichnung erinnert Jehova in 4. Mo. 12, als Mirjam wider Mose geredet hatte. Er sagt dort: „Warum habt ihr euch nicht gefürchtet, zu reden wider meinen Knecht, wider Mose?“ „In meinem ganzen Hause ist er treu. Zu ihm rede ich von Mund zu Mund.“ Das Zusammentreffen mit Gott im Zelte außerhalb des Lagers zeichnete Mose mehr aus, als selbst seine Berufung auf den Gipfel des Sinai. Es ist ein feststehender Grundsatz in der Schrift, dass Gott da, wo der Abfall ganz allgemein und offenbar ist, durch Seine Getreuen ein viel lauteres Zeugnis und größere Macht an den Tag treten lässt, als vorher in dem Körper, in seiner Gesamtheit betrachtet, bekannt war. Auf diese Weise bestätigen sich die Worte Jehovas: „In der Sache, worin sie übermütig waren, (durch ihre Sünde und Auflehnung gegen Gott) kam Er über sie“ in Gnade und Macht. (2.Mose 18,11) Dieselbe Erscheinung wiederholt sich in den Tagen des Herrn Jesu. Er war ein höchst gesegnetes und herrliches Beispiel zu diesem Grundsatz; denn Er selbst legte das vollständigste und gesegnetste Zeugnis von der Gnade und Gerechtigkeit ab, um auf die Wege der Welt und Seines eignen Volkes einzuwirken, gerade zu der Zeit, als Israel und' die Welt im Begriff standen, die schrecklichste Sünde in der Kreuzigung des Sohnes Gottes zu begehen. Als das Herz Israels dick geworden war - als es sich in einem Zustande befand, geeignet, um sieben andere Geister aufzunehmen, böser als derjenige, von dem es früher besessen war - als es, mit einem Wort, im Begriff stand, in den letzten, traurigsten Zustand zu versinken, da redete Gott, der schon auf mancherlei Weise, durch die Opfer, die Vorbilder und Propheten, zu ihnen geredet hatte, zuletzt zu ihnen in Seinem Sohne, in der Person des sanftmütigen und demütigen Jesus.

Den vorhin erwähnten Grundsatz finden wir auch hier in Thyatira, sobald Jesabel Eingang gefunden hat. „Ich kenne deine Werke ... und dass deiner letzten Werke mehr sind als der ersten.“ Der Zustand der bekennenden Kirche hatte zur Folge, dass die Heiligen eine Energie entfalteten, die ihnen vorher unbekannt war. Dies zeigte sich stets in der Geschichte der Kirche während der so genannten „finstern Jahrhunderte“ des Mittelalters. Das treueste Zeugnis offenbarte sich und ein Maß von Hingebung, wie es zu andern Zeiten unbekannt war, und wie man es heutzutage so gern in irgendeiner Weise sehen möchte. Man wagte das eigne Leben, um für Gott Zeugnis abzulegen. Ach! wie wenig sieht man davon in unserm Jahrhundert der Bequemlichkeit und der Schlaffheit!

„Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deinen Dienst und dein Ausharren, und dass deiner letzten Werke mehr sind als der ersten.“ Hier sind die Liebe und der Glaube wirksam, die in Ephesus mangelten. Der Herr ermuntert daher die Gläubigen durch „Hoffnung,“ (V.25.) so dass wir hier Glaube, Hoffnung und Liebe finden, diese drei großen Grundsätze des Christentums. Wenn sie sich auch nicht, wie bei den Thessalonichern, in ihrer gesegneten Ordnung vorfanden, so waren sie doch alle in irgendeiner Weise vorhanden. Zugleich bemerken wir auch hier wieder, wie Gott stets bereit ist,  das  Gute  anzuerkennen,  ehe Er von  dem  Bösen redet.

„Dieses sagt der Sohn Gottes, der Seine Augen hat wie eine Feuerflamme und Seine Füße gleich glänzendem Kupfer.“ Das Feuer ist das Sinnbild des unfehlbaren Gerichts; es durchdringt alles, wie das Auge Gottes. Was aber sieht Christus zuerst? Ohne Zweifel durchschaut Er sofort das schreckliche Böse; aber zuerst erwähnt Er das, woran Sein Herz Wohlgefallen findet. Er sieht in diesem verachteten Häuflein, um welches sich niemand im geringsten kümmert, das, was Ihn erfreut; und obwohl Seine Füße gleich glänzendem Kupfer den unveränderlichen Charakter der Gerechtigkeit bezeichnen, welche Gott (in Seinen geistlichen Handlungen mit dem Menschen und in Seinen Anforderungen an ihn) hienieden offenbart, und welche in dem Menschen, in Christo, göttlich erfüllt war und Seine Person charakterisierte, so ruht dennoch das Auge Gottes stets auf dem kleinsten Funken von Treue inmitten des Bösen. Kein Pulsschlag eines Herzens, das Ihm inmitten der überströmenden Ungerechtigkeit treu ergeben ist, bleibt von Ihm unbeachtet; und das ist es, was das Herz inmitten der widerwärtigen Umstände stets aufrecht hält. Wie köstlich ist es für uns, in der Einfalt des Glaubens die volle Tragweite dieser zwei Wörtchen: „Ich kenne,“ zu verstehen und sie mit Kraft in unsern Seelen zu verwirklichen, und also in dem glückseligen Bewusstsein voranzugehen, dass das Auge Gottes stets auf unserm Wandel und auf unsern Wegen ruht!

„Aber ich habe wider dich, dass du lassest das Weib Jesabel usw.“ (V. 20.) Hier wird die Versammlung, als ein Ganzes, dadurch gekennzeichnet, dass sie das Böse duldet. Es heißt nicht mehr wie früher: „Du kannst die Bösen nicht ertragen;“ nein, der Geist des Bösen in der Versammlung wurde jetzt völlig und öffentlich gestattet. Das war ein weit höherer Grad von Verfall, als nur die falsche Lehre unter sich zu haben. „Du lassest das Weib Jesabel, die da sagt, sie sei eine Prophetin, und sie lehrt und verführt meine Knechte.“ Man duldet ein Weib, das einen erklärten Charakter in der Versammlung besaß: sie nannte sich Prophetin. Sie war ohne Zweifel eine falsche Prophetin, allein sie gab vor, in der Versammlung das Wort Gottes zu halten und zu lehren. „Ich gab ihr Zeit, auf dass sie Buße tue, und sie will nicht Buße tun.“ Gott geht nicht gleich mit ihr ins Gericht, sondern lässt ihr Zeit zur Buße. Er handelt in Geduld mit ihr, aber sie tut keine Buße. Gott hat es hier nicht mit den Heiden zu tun - ihnen lässt Er das Evangelium predigen, um ihre Seelen für Christum zu gewinnen - sondern es ist eine Person, die sich Prophetin in der Versammlung nennt und die Knechte Gottes lehrt, „Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen;“ demgemäß handelt Gott mit ihr auf diesem Boden ihres Bekenntnisses. Er „gibt ihr Zeit, Buße zu tun wegen ihrer Hurerei, aber sie tut keine Buße;“ deshalb muss er das Gericht vollziehen. Es heißt hier nicht, was wohl zu beachten ist: „Ich werde deinen Leuchter wegtun aus seiner Stelle, wofern du nicht Buße tust.“ (Kap. 2,5) Jesabel wird durchaus nicht als Leuchter anerkannt.

Es ist hier von zweierlei Gericht die Rede, weil nicht alle Kinder Jesabels waren. Der Ausdruck „Hurerei treiben“ wird in der Schrift häufig gebraucht, um eine Gemeinschaft mit dem Bösen, besonders mit dem Götzendienst zu bezeichnen: das Volk Gottes gibt sich einem andern hin, als Ihm, dem es angehört. Zuerst heißt es: „Siehe, ich werfe sie in ein Bett, und die, welche mit ihr Ehebruch treiben, in große Drangsal, wofern sie nicht Buße tun von ihren Werken;“ dann: „Und ihre Kinder werde ich mit Tod töten.“ Es gibt solche, die nicht ihre Kinder sind, aber mit ihr im Verkehr stehen und sich willig mit dem Bösen verbinden und Gemeinschaft mit ihr haben. Diese will ich strafen, sagt der Herr; sie werden die Frucht ihrer Wege ernten, „und alle Versammlungen werden erkennen, dass ich es bin, der Nieren und Herzen erforscht.“ Ich werde untersuchen, wer zufrieden ist, mit dem Strom des Bösen abwärts zu schwimmen, und wer in Treue gegen mich ausharrt. Diejenigen, welche mit Jesabel Ehebruch getrieben, die sich mit diesem Geiste der falschen Prophezeiung abgegeben haben, „werde ich in große Drangsal werfen, wofern sie nicht Buße tun.“ Ihre Kinder aber, die durch diese falsche Lehre ihren christlichen Platz und Namen bekommen haben, wird ein völliges Gericht treffen: „ihre Kinder werde ich mit Tod töten.“ Für diese handelt es sich nicht nur um Drangsal, sondern sie sind die Gegenstände eines vollendeten Gerichts. Nachdem ihnen vergeblich Zeit zur Buße gelassen worden ist, wird ein unmittelbares Gericht sie erreichen.

Wie betrübend, ja wie überaus betrübend ist es, zu sehen, dass sich Christen so oft an solchem Bösen beteiligen! Nehmen wir z. B. die Galater. Unter ihnen gab es Heilige, die sich mit dem Judentum abgaben und das Gesetz einzuführen trachteten. Nicht, als ob sie keine Christen gewesen wären; allein sie verbanden sich mit einer Sache, die Gott ganz und gar verhasst war. Deshalb sagt Paulus zu ihnen: „Ich bin eurethalben in Verlegenheit,“ obschon sein Glaube sie hernach mit ihrem auferstandenen Haupte verbindet, und er, kraft der unfehlbaren Gnade Christi und ihrer Vollendung in Ihm, ausrufen kann: „Ich habe Vertrauen zu euch im Herrn.“ Es ist große Wachsamkeit nötig, da die Seele immer in Gefahr steht, sich mit Grundsätzen einzulassen, die Gott völlig hasst. Die Kolosser hielten die Verbindung mit Christo, ihrem Haupte nicht fest; sie stellten etwas zwischen das Haupt und die Glieder. Der Apostel Paulus war stets in großer Besorgnis, wenn er irgendetwas eindringen sah, was die unmittelbare, eigene und persönliche Verbindung der Heiligen mit Christo stören konnte. Wenn ein wahrer Christ auf diese Weise Gemeinschaft mit dem Bösen macht, so muss er in Drangsal kommen, um für Gott geläutert zu werden; tut es ein Unbekehrter, so gibt es für ihn nichts als das Gericht. So wird es auch der christlichen Welt unsrer Tage gehen, welche sich an dem Verderben des Christentums beteiligt, das in Thyatira durch Jesabel dargestellt ist; alle, die nicht Buße tun von ihren Werken, werden einem verzweiflungsvollen Elend übergeben werden. Es ist ein sehr ernster, aber wahrer Gedanke, dass ein jeder, der etwas zwischen die Gläubigen und ihr verherrlichtes Haupt stellt, nachdem Gott sie gelehrt hat, dass sie eins sind mit Christo, das Christentum tatsächlich verleugnet. Das war die große Wahrheit, deren Entfaltung dem Apostel Paulus anvertraut war; es war dasjenige, was er speziell von dem Herrn empfangen hatte: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Deshalb war es für ihn so tief betrübend, wenn sich irgend etwas, mochten es Gesetzeswerke, das Priestertum oder irgend etwas anderes sein, zwischen die Seele und Christum stellte und somit die große Wahrheit, die er gelernt hatte, verleugnete — die Wahrheit, zu der er bekehrt worden war, dass nämlich die Versammlung eins ist mit Christo, Glieder Seines Leibes, von Seinem Fleisch und von Seinen Gebeinen. Wenn diese gesegnete Wahrheit in der Einfalt des Glaubens festgehalten wird, so verleiht sie der Seele Kraft und räumt in dem ganzen täglichen Leben des Christen alles hinweg, was sich zwischen seiner Seele und Christo befindet. Wäre ich ein Jude, so bedürfte ich etwas auf der Erde und hätte eine Mittelsperson nötig zwischen mir und dem Gott, von welchem ich nur eine dunkle Kenntnis besäße. Ich bin aber ein Christ, und deshalb ist alles, was ich bedarf, im Himmel. Ich wiederhole es noch einmal mit allem Nachdruck: Bin ich ein Christ, so bin ich mit Christo verbunden, bin ich eins mit Ihm; aus diesem Verbunden- und Einssein mit Ihm aber folgt, dass nichts, gar nichts zwischen Ihn und mich kommen kann, so dass jeder Versuch, etwas zwischen uns zu bringen, tatsächlich nichts anders ist, als eine gänzliche Beseitigung des Christentums. Viele Christen würden erschrecken, wenn sie wüssten, wie vieles sie zwischen sich und Christum stellen und dadurch tatsächlich ihre  Einheit mit Christo im Himmel verleugnen. Sobald ich einen Priester auf Erden, irgend einen andern als Christum im Himmel, zwischen mich und Gott stelle, so zerstöre ich dadurch mein Vorrecht; denn wenn Christus ein Priester ist, und ich eins bin mit Ihm, so muss auch ich ein Priester sein. Wird aber dieses Priestertum auf der Erde verwirklicht? Nein, sein Platz ist im Himmel. Ein irdisches Priestertum verleugnet das Christentum auf doppelte Weise. Es macht das System und  die Stellung irdisch und leugnet unsere Verbindung mit Christo. Wäre ich ein Jude, so würde ich ganz richtig handeln, wenn ich in einen irdischen Tempel ginge; da ich aber ein Christ bin, so muss ich, wenn ich mich Gott nahe, im Himmel sein. Vereinigt mit Christo, kann ich, wiewohl mein Leib auf der Erde ist, hienieden keinen Platz der Anbetung haben. Christus ist von der Erde verworfen, und ich bin in Ihm im Himmel. Will ich mich nun eines Priesters auf der Erde bedienen, so muss ich den Himmel verlassen und hernieder kommen. Das Priestertum wird an dem Orte ausgeübt, welchem es angehört. Ein irdisches Priestertum war ganz an seinem Platze, als Gott auf der Erde, hinter dem Vorhang und zwischen den Cherubim, thronte. Ein himmlisches Priestertum aber findet seine Ausübung in dem Himmel. Ja, meine lieben Freunde, wenn unsere Seelen in dem Blute Christi gewaschen sind, so findet sich alles, was wir nur irgend bedürfen können, im Himmel. „Euer Leben ist verborgen in dem Christus in Gott“; deshalb geziemte uns notwendigerweise „ein solcher Hoherpriester, der heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von Sünden und höher denn die Himmel geworden.“ Möchte der gütige Herr Seiner gesegneten Wahrheit mehr Kraft in unsern Seelen verleihen! Es werden dann alle Fragen hinsichtlich eines irdischen Priestertums, irdischer Satzungen und dergleichen bald verschwinden. Ich muss einen wahren Priester im Himmel  haben, anders habe ich keinen wahren Christus für meine Seele.

Werfen wir jetzt einen Blick auf den Charakter, mit welchem Gott sich hier bekleidet: „Ich bin es, der Herzen und Nieren erforscht.“ Er sagt gleichsam: Ihr werdet mir nicht entfliehen; so annehmlich das Böse auch scheinen mag, und so sehr ihr es mit dem Namen des Herrn zu verbinden trachtet, (wie Israel einst den Namen Jehovas mit dem goldenen Kalbe verband, indem es sagte: „Dies sind deine Götter, Israel... Ein Fest dem Jehova ist morgen!“ 2. Mose 32, 4+5) so wird euch dennoch ein völliges Gericht erreichen, denn ihr habt meine Heiligen in eine niedrigere Stellung gesetzt, wie ich sie in Christo gesetzt habe, und ihr habt die Wahrheit Gottes durch Götzendienst verdorben. In Vers 24 und weiterhin wendet sich der Herr an den treuen Überrest, und deshalb sehen wir Ihn in anderer Weise verfahren: „Euch aber sage ich, den Übrigen, die zu Thyatira sind, so viele diese Lehre nicht haben,“ (Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen) „welche die Tiefen des Satans, wie sie sagen, nicht gekannt haben. Ich will nicht eine Last auf euch werfen.“ Dieses Sichfernhalten vom Bösen ist, wenn auch sehr gesegnet, dennoch nicht das Wachstum der Seele von Kraft zu Kraft bis zu dem vollen  Wüchse des Christus,  sondern:  „Was ihr habt,  das haltet fest.“  Ich werde  „ihre  Kinder mit  Tod  töten.....doch ihr, was ihr habt, das haltet fest, bis ich komme.“ Es ist Sein Kommen, worauf Er jetzt den Glauben der wenigen Getreuen, das Auge ihrer Seelen richtet. Er erwartet nicht, dass sie zu dem Standpunkte zurückkehren, von welchem die Versammlung abgewichen ist, sondern Er richtet ihren Blick vorwärts auf Sein Kommen. Er ist bereit, das Gericht zu vollziehen. „Ihre Kinder werde ich mit Tod töten.“ Ihr dürft deshalb nicht erwarten, dass Jesabel zurecht gebracht oder in die Stellung eines Leuchters gelangen wird; nein, euer Auge muss auf etwas anderem ruhen. Dann wird die Hoffnung eingeführt, jedoch nicht in Form jener herrlichen und gesegneten Hoffnung, wie sie die Gläubigen im Anfang, z. B. die Thessalonicher, empfingen, von denen gesagt wird, dass sie sich „von den Götzenbildern zu Gott“ bekehrten, „zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu erwarten Seinen Sohn aus den Himmeln.“ Sie trägt hier einen veränderten Charakter, indem sie als die Zuflucht des Getreuen dargestellt wird, weil da, wo Gerechtigkeit hätte sein sollen, jetzt der Gesetzlose war. (Pred. 3,16) „Bis ich komme,“ das ist der Trost, der inmitten des allgemeinen Verfalls dargeboten wird. Der Herr erkennt wohl die vorhandenen Werke, die Liebe, den Glauben, den Dienst und das Ausharren an. Ihr habt nur dieses Wenige erlangt; „doch was ihr habt, das haltet fest, bis ich komme.“ Es ist etwas ganz anderes, wenn das Kommen des Herrn einigen wenigen Getreuen, die sich inmitten des verderbten Jesabel-Zustandes der Kirche befinden, als ein Trost und eine Befreiung vorgestellt wird, oder wenn dieses Kommen die herrliche und gesegnete Hoffnung der Versammlung bildet, die sie aufrecht hält und über das Verderben der Welt erhebt. Es ist aber nicht nur die Tatsache Seines Kommens, es ist die Herrlichkeit dessen, der kommt, was allein das Verlangen des Herzens befriedigen kann.

In Vers 26-28 zeigt der Herr die Folgen Seiner Ankunft für die Nationen und für die Versammlung: „Dem will ich Gewalt geben über die Nationen.“ Dies ist ein bemerkenswerter Ausdruck; wir finden nichts der Art, so lange die Versammlung noch in ihrer vollen Blüte stand. Da jetzt aber die bekennende Kirche in eine Stellung gekommen ist, die für den Heiligen eine Gelegenheit zur ernstesten Prüfung wird, und ihre Verbindung mit der Welt sie - die bekennende Kirche, das, was den Namen Versammlung trägt - zur Mutter von Kindern des Verderbens gemacht hat, so empfangen die Getreuen, inmitten von diesem allen, besondere Verheißungen, als Stütze für ihre Seelen. Wir wissen aus der Geschichte, wie in den finstersten Zeiten Männer des Glaubens sich Bahn brechen mussten durch das Böse in der Kirche, wie sie in Gefahr standen, von denen verraten zu werden, welche sich selbst die Kirche nannten, und wie sehr sie von den regierenden Mächten der Erde verfolgt wurden. Die Namenkirche war in der Tat die Verderben bringende Macht Satans, ausgeübt durch die Nationen. So gehen auch hier in Thyatira die Heiligen, welche Glauben und Ausharren besitzen, standhaft durch jede Schwierigkeit hindurch, mag sie in Jesabel und ihren Kindern, welche sich die Kirche nennen, bestehen, oder in der Verfolgung der Nationen. Der Gegenstand der Verheißung ist die Vereinigung mit Jesu selbst, dem glänzenden Morgenstern; und wo Glaube an diese Verheißung vorhanden gewesen ist, da wird Gewalt verliehen werden über die Nationen. Die Welt, welche unter der Macht Satans die Prüfung der Heiligen verursachte, wird ihnen unterworfen sein. „Wer überwindet und meine Worte bewahrt bis ans Ende (inmitten des Verderbens, welches noch den Namen und die Verantwortlichkeit einer Kirche trägt) will ich Gewalt geben über die Nationen.“ (In Mt. 24 finden wir dem Grundsatz nach dieselbe Sache, wiewohl mit Bezug auf eine andere Zeit: „Wer ausharrt bis ans Ende, dieser wird errettet werden,“) „Ich will ihm den Morgenstern geben.“ So gibt der Herr dem getreuen Überrest, während er sich in dieser Lage befindet, das besondere Bewusstsein seiner Verbindung mit Ihm. Die Schwierigkeit seiner Stellung besteht darin, dass alles um ihn her zu Jesabel und ihrem Verderben sich wendet, um Götzenopfer zu essen und Hurerei zu treiben. Doch auf seine Frage: „Was sollen wir tun?“ erwidert der Herr: „Folget mir nach - bewahret meine Werke bis ans Ende,“ und dann werdet ihr am Ende mein Teil haben: „wie auch ich von meinem Vater empfangen habe.“

In dieser, den Getreuen gemachten Verheißung wird das Kommen des Herrn in einem zwiefachen Charakter dargestellt. Der erste betrifft ihre Stellung der Welt gegenüber: es wird ihnen Gewalt gegeben über die Nationen; der zweite ihre eigentliche Segnung: der Morgenstern wird ihr Teil. Schon in Ps. 2,9 findet sich eine Anspielung auf jenen ersten Charakter. Die Versammlung des lebendigen Gottes hätte durch ihren Wandel auf dieser Erde die Welt richten sollen; da sie aber mit derselben Hurerei getrieben, so hat sie keine Macht, sie zu richten; deshalb sagt der Herr: „Ich muss richten;“ weil die Kirche ermangelt hat, die Welt durch einen Wandel der Heiligkeit und Abgeschiedenheit zu verurteilen, so muss der Herr im Gericht zeigen, was die Welt ist. Wenn auch die Verfolgten sich der Autorität der Welt, als von Gott verordnet, unterwarfen, so waren sie doch moralisch von ihr getrennt. So groß der Einfluss Jesabels auch sein mochte - sie hielten sich mit Abscheu von diesem Verderben fern, und deshalb ward ihnen die Ehre des Märtyrertums zu Teil. In den letzten Tagen werden sich die Mächte der Welt wider den Gesalbten Gottes verbünden, aber trotz allem wird Er Seine Herrschaft über die Nationen antreten. Und was wird dann der Platz und das Teil der Versammlung sein? Christus sitzt jetzt zur Rechten Gottes, und der Heilige Geist ist hernieder gekommen, um die Kirche zu sammeln; und wenn der Herr die Heiligen zu sich genommen hat, wird Er erscheinen und  die  Welt  richten.

„Habe doch ich meinen König gesalbt auf Zion, dem Berge meiner Heiligkeit! Vom Beschluss will ich erzählen; Jehova sprach zu mir: Du bist mein Sohn, heute habe ich Dich gezeugt.“

Der Name Sohn trägt hier nicht den Charakter des ewigen Sohnes des Vaters, sondern der Herr wird betrachtet als in der Welt geboren, als der Mensch, der in Herrlichkeit eingesetzt ist, um über die Erde zu herrschen. „Fordere von mir, und ich will Dir zum Erbteil geben die Nationen.“ Dies tut Christus jetzt nicht; Er bittet jetzt nicht für die Welt. Sobald Er Gott in Bezug auf die Welt, bittet, so wird das Gericht derselben die unmittelbare Folge sein. „Mit eisernem Szepter wirst Du sie zerschmettern.“ In Johannes 17 sagt Christus: „Nicht bitte ich für die Welt, sondern für die, die Du mir gegeben hast.“ Er schließt die Welt nicht in Seine Bitten ein. Während der gegenwärtigen Zeit zerschmettert Er die Nationen nicht, sondern lässt ihnen Sein gesegnetes Evangelium verkündigen, um Seelen aus der Welt zu sammeln; und der Heilige Geist ist beschäftigt, dieselben mit Christo zu verbinden und so die Versammlung zu bilden. Wenn Er aber einmal um die Nationen bitten wird, so geschieht es, um sie wie Töpfergefäße zu zerschmettern. Das wird das Gericht der Lebendigen sein. Deshalb finden wir am Ende von Psalm 2 ein Wort der Warnung: „Und nun, ihr Könige, seid verständig.... Küsset den Sohn, dass Er nicht zürne.“ Denn wenn ihr jetzt dieser Aufforderung nicht Folge leistet, die euch in Langmut Gelegenheit zur Buße gibt, so müsst ihr euch einst vor dem Zorne des Lammes beugen. „Mir wird jegliches Knie sich beugen.“

Wir sehen hier also, was das Teil der Versammlung, als eins mit Christo, ist. „Wer überwindet,... dem will ich Gewalt geben über die Nationen... wie auch ich von meinem Vater empfangen habe.“ Und von Christo wird gesagt: „Er wird sie weiden mit eiserner Rute.“ Die Welt muss wieder zu Recht gebracht werden; Christus wird kommen und das Gericht über sie vollziehen, und die Versammlung wird Ihm darin beigesellt sein. Jetzt aber wohnt sie da, wo der Thron Satans ist; das Böse umringt sie von allen Seiten, und es ist nicht ihre Sache, sich mit der Zurechtbringung desselben zu beschäftigen. Und deshalb ruft Christus Seinem treuen Überrest gleichsam zu: „Fürchtet euch nicht; seid nicht in Unruhe wegen der Verfolgungen, auch nicht wegen des Verderben Jesabels; dies eine aber tut: „Bewahrt meine Werke bis ans Ende.“ Es ist jetzt die Zeit der Geduld und der demütigen Treue. Wandelt durch die Welt, wie ich inmitten Israels gewandelt habe, und dann will ich euch „Gewalt geben über die Nationen ... wie auch ich von meinem Vater empfangen habe.“ Die Gewalt wird euer Teil sein, sobald ich die Meinige übernehmen und regieren werde. Das ist der besondere Charakter der Verbindung mit Christo in Macht.

Was sollen wir aber inzwischen tun, um die Welt zu Recht zu bringen? Nichts; und das kann das Fleisch nicht begreifen. Wir sollen uns weder mit dem Toben der Nationen einlassen, noch uns um ihre Bündnisse bekümmern, (obwohl wir zu gleicher Zeit nicht vergessen dürfen, dass wir den bestehenden Gewalten, als von Gott verordnet, Unterwerfung und Gehorsam schuldig sind,) noch endlich durch das Böse Jesabels uns verunreinigen, sondern auf Gott harren. „Bewahret meine Werke bis ans Ende“ und wartet mit Ausharren. Denn wenn Christus die Oberhand hat, so haben auch wir sie. Unsere Interessen sind die Seinigen und die Seinigen unsere; sie sind so innig mit einander verbunden, dass sie unmöglich getrennt werden können. Wir lesen in Kol. 2, 20: „Wenn ihr mit Christo den Elementen der Welt gestorben seid, was unterwerfet ihr euch den Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt?“ Das will sagen: Er ist in Gott verborgen, deshalb sind auch wir es. Sein Leben ist unser Leben. „Ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott.“ Er macht Seinen Zustand so sehr zu dem unsrigen, dass, wenn Er in Gott verborgen ist, auch wir es sind. Und wenn von Seiner Erscheinung die Rede ist, so heißt es: „Wenn Er offenbar werden wird, dann werdet auch ihr mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ Da wir ganz eins sind mit Christo, während Er auf dem Throne des Vaters wartet, so sind wir berufen, mit Ihm im Geiste hienieden zu warten.

Im Vorübergehen möchte ich bemerken, dass wir in Psalm 110 in etwa eine Erklärung der Worte finden: „von jenem Tage und Stunde weiß niemand,“ weder die Engel noch der Sohn. Der Sohn sitzt zur Rechten Gottes und wird in prophetischem Sinne als dort wartend betrachtet, nach den Worten Jehovas: „Sitze zu meiner Rechten, bis ich Deine Feinde lege zum Schemel Deiner Füße.“ In diesem Sinne nun, als prophetischer Diener der geoffenbarten Wahrheit, (und als solcher redete Er in Israel, vgl. Heb. 1) kann gesagt werden, dass Er weder den Tag noch die Stunde kannte. Paulus spricht in Heb. 10 von Ihm, als „fortan wartend, bis Seine Feinde gelegt sind zum Schemel Seiner Füße,“ bis zu dem Augenblicke, wo sie auch zu unsern Füßen liegen werden. In Übereinstimmung damit werden wir in dem Sendschreiben an Philadelphia ermahnt, das Wort Seines Ausharrens zu bewahren, und wenn Er wartet, so ist es nicht zu verwundern, dass auch wir zu warten haben; und das beste von allem, was wir erwarten, ist Er Selbst. Die Verbindung mit Ihm ist das eigentümliche und besondere Teil der Versammlung; die Gewalt über die Nationen ist nur die Frucht und Folge davon. Er muss richten; für uns aber ist Er der „Morgenstern.“ Das Richten ist gleichsam Sein „fremdes Werk.“ Er ist langsam zum Zorn, aber Er muss Gericht ausüben, da Er die Ungerechtigkeit nicht für immer fortschreiten lassen kann. Er steht im Begriff, Seinen eigenen Thron in Besitz zu nehmen, und Er kann dies nicht tun in Verbindung mit dem Throne Satans und seinem Bösen. Er muss deshalb das Böse beseitigen; Er kann es nicht zulassen. Die antichristliche Welt muss niedergeworfen werden; denn Er kann Seinen Thron nicht aufrichten und zugleich jene Macht bestehen lassen, wie in Ps. 94 geschrieben steht:  „Sollte mit Dir vereinigt werden der Thron der Ungerechtigkeit?“ Es ist völlig unmöglich. Darum muss Er Sein „fremdes Werk“ tun; Sein eigentliches Werk aber besteht, sozusagen, darin, dass Er in Seinem himmlischen Glänze leuchtet, und unser Teil ist es, dort mit Ihm vereinigt zu sein.

„Ich will ihm den Morgenstern geben.“ Fragen wir, wer den Morgenstern sieht, so ist die Antwort: Derjenige, welcher wacht, während es Nacht ist. Die Sonne in ihrem Glänze wird von allen gesehen werden: aber nur diejenigen, welche nicht von der Nacht sind, jedoch wissen, dass die moralische Nacht herrscht - diese und nur diese sehen den Morgenstern und empfangen ihn als ihr Teil. Sie sind nicht Söhne der Nacht, sondern des Tages, und deshalb warten sie auf den Anbruch des Tages. Als der Stern aufging, welcher Jesum, den gebornen König der Juden, begrüßen sollte, gab es Hanna's und Simeon's, die auf den Trost Israels warteten. Und die Freunde Hanna's in diesen Tagen der Finsternis waren solche, die auf die Erlösung in Israel warteten; zu ihnen redete sie von Ihm. So erfüllte sich an ihnen das Wort des Propheten Maleachi: „Da redeten, die Jehova fürchten, einer zu dem andern.“ (Kap 3,16) Wir sehen, dass sie einander kannten und mit einander im Geiste den Trost von dem genossen, was wir in Mal. 4,2 lesen: „Euch, die ihr meinen Namen fürchtet, wird aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit, und es wird Heilung sein unter ihren Flügeln.“ Sie bildeten ein armes, verachtetes Häuflein — nur wenig gekannt und noch weniger beachtet; aber sie „warteten“ auf die Erlösung in Israel. Sie fühlten den Verfall und das Böse um sich her, weil sie ein lebendiges Bewusstsein von der Herrlichkeit Gottes und von dem Von echt hatten, Sein Volk zu sein. Wir finden in ihnen, so schwach sie sein mochten, eine herrlichere Kundgebung des Glaubens, als selbst in Elias, da er das Feuer vom Himmel fallen ließ. Sie stellten nicht den Tempel wieder her, sondern unterhielten sich über die Gedanken Gottes. Elias beschäftigte sich mit der Wiederherstellung äußerer Dinge, aber für die inneren hatte er keinen Glauben. 1 Er hatte kein rechtes Vertrauen auf die unfehlbare Gnade Gottes dem Überrest gegenüber. Das Gesetz war der Maßstab, nach welchem er alles beurteilte; Hanna und Simeon hingegen besaßen das Geheimnis Gottes in ihren Seelen; denn „das Geheimnis Jehovas ist für die, welche Ihn fürchten, und Sein Bund - um ihnen denselben kund zu tun.“ (Ps. 25,14) Sie wandelten auf dem schmalen und stillen Pfade des Glaubens. Sie versuchen nicht, den Tempel wieder herzustellen, aber sie redeten zu allen, die auf Erlösung warteten in Israel. Waren sie denn mit dem Zustande der Dinge zufrieden? Nein, aber getrennt vom Bösen, warteten sie auf den Trost Israels, der allein das Böse auf seinen Platz setzen konnte. Genau so ist es in unsern Tagen. Der Christ kann Jesabel nicht verändern, noch kann er sich mit den bloßen Tempel-Anbetern, den so genannten religiösen Systemen unserer Zeit, vermengen. Indem er ihr Gericht dem Herrn anheim stellt, enthält er sich eines jeden gewalttätigen Angriffs auf sie und wandelt in stiller Trennung von allem Bösen. Er wacht während der langen, finsteren Nacht der Leiden und wartet mit Ausharren auf den Morgenstern des Tages der Herrlichkeit. „Dem, der überwindet .... will ich den Morgenstern geben;“ und dieser Morgenstern ist Christus Selbst. In dieser Weise wird Er von denen gekannt, welche, wiewohl in der Nacht, doch nicht von der Nacht sind; sie sind Kinder des Tages. Der Morgenstern wird verschwinden, bevor die Welt die Sonne sieht, bevor die Sonne aufgeht und der Tag anbricht. Doch ehe sie aufgeht, ist der Morgenstern da für diejenigen, welche während der Nacht wachen. Die Welt wird die Sonne sehen, aber der Morgenstern ist, so weit die Welt in Betracht kommt, verschwunden, ehe die Sonne erscheint. Ebenso werden auch wir verschwunden sein und bei dem Morgenstern weilen, ehe der Tag Christi für die Welt anbricht; und wenn Christus offenbar werden wird, dann werden auch wir mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit.

Es gibt drei Stellen, die sich auf diesen Morgenstern beziehen, und es ist wichtig, sie etwas näher zu betrachten. In 2. Petrus 1 lesen wir: „Und wir haben das prophetische Wort befestigt, auf welches zu achten ihr wohl tut, (als auf eine Lampe, welche leuchtet in einem dunkeln Orte) bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euern Herzen.“ Die Propheten in Israel hatten den Tag völligen Segens für die Erde zuvor angekündigt: „Mache dich auf, leuchte; denn dein Licht kommt;“ (Jes. 60,1) „siehe, ein König wird regieren in Gerechtigkeit;“ (Jes. 32,1) und ihr Zeugnis wurde den Jüngern durch die Erscheinung auf dem heiligen Berge bestätigt. Sie prophezeiten auch von Ereignissen, welche über diese Welt kommen sollten, als ein Gericht über alle die Formen ihres widersetzlichen Willens und ihrer rebellischen Macht - von Ninive und Babylon, von den Tieren, welche sich von der Erde erheben sollten - von Jerusalem und seinem Los, als abgewichen von Gott. Indem auf diese Weise das Gericht bestimmt angekündigt war, gab es eine warnende Lampe, die inmitten der Finsternis dieser Welt ein Licht verbreitete, welches diejenigen, die darauf Acht hatten, ermahnte, den Frevel des menschlichen Willens, der das göttliche Gericht herbeiführte, zu meiden. Und sie taten wohl, auf dieses prophetische Wort zu achten, bis der Morgenstern in ihren Herzen aufging; Es war eine Lampe an einem dunkeln Ort. Der Morgenstern selbst  aber war noch etwas weit  köstlicheres.

Die Prophezeiungen sind einfach, und ihre Ermahnungen klar. Sie warnen uns vor dem Geiste der Welt, deren Gericht angekündigt wird. In der Offenbarung (Kap. 16.) lesen wir von unreinen Geistern, gleich Fröschen, welche ausgehen zu den Königen des ganzen Erdkreises, um sie zu versammeln zu dem Kriege jenes großen Tages Gottes, des Allmächtigen. Wenn wir selbst nicht genau verstehen, wer diese Frösche sind und was sie bedeuten, so ist doch der Hauptgedanke der Prophezeiung unzweifelhaft. Es handelt sich nicht um die Macht des Guten, denn sie verführen die Könige der Erde zum Kriege jenes großen Tages Gottes. Das prophetische Wort ist also eine Lampe an einem dunkeln Orte, in der Nacht der Geschichte dieser Welt, während der Abwesenheit Christi. Der Morgenstern hingegen ist Christus selbst, wie wir dies aus Offenbarung 22 ersehen. Er ist der glänzende Morgenstern. Wenn Christus erscheint, wird Er die Sonne der Gerechtigkeit für die Welt sein, und dann wird das Gericht beginnen. Die Gesetzlosen werden zertreten werden wie Asche unter den Fußsohlen, wie Staub - „an dem Tage, den ich machen werde, spricht Jehova der Heerscharen“ - und der Tag Jehovas wird sein wie Feuer. Der Stern aber erscheint denen, welche wachen, ehe die Sonne den Blicken der Welt erscheint; denn ebenso wie ich durch die prophetische Warnung verstehen kann, dass dieser dunkle Ort bald dem Gericht anheim fallen wird, „dass die Nacht weit vorgerückt und der Tag nahe ist,“ so weiß ich auch, dass es jetzt Nacht ist, was immer auch die Menschen darüber denken mögen. Was ich bedarf, ist der Morgenstern in meinem Herzen - die Hoffnung der Ankunft Christi, um die Versammlung zu sich zu nehmen vor dem Anbruch des Tages; denn der Morgenstern wird denen gegeben, welche überwinden. Ich muss Ihn haben, damit meine Seele erquickt werde während der langen und schrecklichen Nacht, die jetzt weit vorgerückt und noch dunkler ist wie damals, gleichwie die Finsternis der Nacht stets zunimmt, bis die Dämmerung eines neuen Tages am anderen Ende des Himmels anbricht und der Morgenstern dem Auge der wachenden und wartenden Seele aufgeht und das Herz durch eine gewisse und sichere Hoffnung erfreut. Und was bedürfen wir von den Dingen dieses dunkeln Ortes, dieser Welt, welche unter dem Gericht steht, weil sie den Sohn Gottes ans Kreuz genagelt hat? Lasst uns doch nicht die Reichtümer, die Ehre und Macht dieser Welt suchen, über welche Christus bei Seiner Ankunft das Gericht ausüben wird. Ein einziger Strahl der Herrlichkeit Christi wird alle Herrlichkeit dieser verunreinigten Welt hinwelken lassen, gleich einem herbstlichen Blatte. Möge daher der Herr uns bewahren, dass wir uns nicht mit der Welt vermengen, noch Reichtümer aufhäufen. Was wollen wir damit, wenn Christus kommt? Erinnern wir uns, dass der Herr nahe ist. Indessen möchte gefragt werden: Soll ich mich denn nur deshalb von dieser Welt getrennt halten, weil sie dem Gericht verfallen ist? gewiss nicht. Mein ganzes Teil für Zeit und Ewigkeit ist in Christo, und der Morgenstern ist aufgegangen in meinem Herzen. Nicht die Furcht, sondern die Liebe soll mich von der Welt trennen.

Die Ankunft Christi als Morgenstern unterscheidet sich, wie wir gesehen haben, von dem Aufgang der Sonne; sobald diese über der Welt aufgeht, ist das Gericht da. (Jes. 2; Mal. 4,1-3 ) Doch außer und vor diesem allen haben wir unser Teil in Christo. Wir sind nicht von dieser Welt, sondern sind aus derselben erlöst und gehören Christo an. Wir werden droben mit Ihm vereinigt sein, bevor Er zum Gericht dieser Welt erscheinen wird. Die Donner des Gerichts werden uns nicht erreichen können, weil wir mit Ihm im Himmel sitzen, von woher die Gerichte kommen. In Offb. 4 haben- wir ein überaus gesegnetes und tröstliches Bild von der Stellung der Versammlung. Dort sitzen die 24 Ältesten auf ihren Thronen, rings um den Thron, aus welchem Blitze und Stimmen und Donner hervorgehen, und sie bleiben vollkommen ruhig. Ist dies Unempfindlichkeit? Keineswegs; denn sobald Gott nach Seinem heiligen Charakter erwähnt wird, fallen sie augenblicklich nieder und werfen ihre Kronen vor Ihn hin. (V. 8 -11.) Sie zeigen nicht die geringste Furcht, wenn die lebendigen Wesen die dreifache Heiligkeit dessen verkündigen, der auf dem Throne sitzt; dies ruft vielmehr ihre Anbetung hervor, sie fallen nieder und werfen ihre Kronen vor Ihn hin in dem überströmenden Gefühl der Würde Dessen, der allein auf dem Throne sitzt.

Christus ist also dieser Morgenstern, und wenn der Tag angebrochen und der Morgenstern in unsern Herzen aufgegangen ist, so erkennen wir unsre Verbindung mit Christo selbst, innerhalb jenes Ortes, von wo die Gerichte ausgehen. Am Ende der Offenbarung finden wir den Stern wieder. (Offb. 22,16) Der Herr führt uns von dem prophetischen Zeugnis zu Sich Selbst zurück. „Ich, Jesus, habe gesandt meinen Engel.“ „Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, (dieser Titel steht in Verbindung mit Ihm, als der Quelle und dem Erbe der Verheißung, als König in Zion: „Herrsche inmitten deiner Feinde,“) der glänzende Morgenstern.“ Und sobald Er sich als den glänzenden Morgenstern ankündigt, rufen der Geist und die Braut: „Komm!“ Der Heilige Geist in der Versammlung sagt: „Komm!“ Diese Antwort steht in Verbindung mit Ihm; Seine persönliche Anmeldung verursacht und erweckt die Antwort des Geistes. Gott hat in der Liebe Seines eigenen Herzens die Versammlung mit Christo vereinigt, und sobald nun Sein Name erwähnt wird, ertönt der Ruf: „Komm!“, denn die bloße Erwähnung dieses köstlichen Namens berührt eine Saite in dem Herzen der Gläubigen, welche augenblicklich Antwort gibt. Der Herr sagt hier nicht: „Ich komme bald!“ Es handelt sich hier an dieser Stelle nicht darum, wann Er kommen wird, sondern dass Er Selbst es ist, der kommt. Er spricht nicht von Seinem Kommen, wie köstlich dieser Gedanke auch sein mag, sondern Er offenbart Sich Selbst; und dies erweckt die Antwort des Herzens durch die Kraft des Heiligen Geistes. Wir sind für Ihn und werden bei Ihm sein; nichts Geringeres als das ist möglich, denn Er nennt uns „Seinen Leib.“ Welch ein bewunderungswürdiger - ja mehr als das - welch ein herrlicher Platz! Wir sind völlig eins gemacht mit dem Christus Gottes. Keine Erklärung des prophetischen Teiles der Schrift (wie schön und wahr sie auch sein und welchen Nutzen sie haben mag als eine feierliche Warnung in Bezug auf diese Welt) kann je in einer von Gott unterwiesenen Seele den Platz der Kenntnis ihrer lebendigen Vereinigung mit einem kommenden Jesus und der gegenwärtigen Erwartung Seiner Selbst einnehmen. Die Hoffnung des Heiligen ist keine bloße Auslegung Seiner Ankunft, als Lehre. Sie ist keine Prophezeiung, sondern die wahrhaftige, gesegnete und heiligende Erwartung einer Seele, die Jesum kennt und sich darnach sehnt, Ihn zu sehen und bei Ihm zu sein. Die Braut allein hört die Stimme des Bräutigams, und der Klang derselben ruft alsbald den Ausdruck ihres Verlangens nach Seiner Ankunft wach. Er antwortet auf ihren Ruf und versichert sie, dass Er kommen werde. Das ist der Schluss der Offenbarung. Er lässt ihr diese Erwartung zurück, welcher Art auch die Mitteilungen gewesen sein mögen, die Er ihr zuvor in Bezug auf das Gericht dieser Welt, zu der sie nicht gehört, gemacht hat. Der Herr Jesus wird dargestellt als weggehend und wiederkommend, um Seine Braut zu sich zu nehmen. Und dann, wenn die Welt sagen wird: „Friede und Sicherheit, dann kommt ein plötzliches Verderben über sie ... und sie werden nicht entfliehen.“

Paulus schließt das vierte Kapitel seines ersten Briefes an die Thessalonicher mit den Worten: „Also werden wir allezeit bei dem Herrn sein.“ Ist das alles? Ja, das ist alles; denn einem Herzen, das Ihn lieben gelernt hat, kann nichts Höheres gesagt werden. Dann fügt er hinzu: „Was aber Zeit und Zeiten betrifft, Brüder, so habt ihr nicht nötig, dass euch geschrieben werde.“ 2 Ihr seid Kinder des Tages; ihr wartet auf diesen Tag. Eine Auslegung hierüber, in Form einer Lehre, könnte nie das Herz erreichen. Es ist unmöglich, jemanden ein Verhältnis zu erklären; um es zu verstehen, muss er sich selbst darin befinden. Eine nicht erneuerte Seele mag in gewisser Beziehung den Sinn der Weissagung verstehen; aber nur das Bewusstsein und der Genuss unsrer Vereinigung mit Christo erweckt das Verlangen nach Seiner persönlichen Ankunft. Und warum das? In Offb. 22,16 ist das Verhältnis gekannt, die Zuneigung ist wach gerufen, und die Antwort erfolgt alsbald.

Ich führe zur Erläuterung des Gesagten ein Beispiel an. Eine Frau erwartet ihren Mann. Er klopft an die Tür. Noch kein Wort hat er gesprochen, und doch weiß sie schon, wer draußen steht. Er ist es, den sie liebt. Die einer Frau natürlichen Gefühle und Zuneigungen werden wach, sobald die Saite berührt wird durch das, was auf jene einwirkt. Aber das Band muss im Herzen, die Liebe muss vorhanden sein, um die Antwort hervorzurufen; die Saite, welche durch die gesegnete Wahrheit von der Ankunft Jesu in Bewegung gesetzt wird, muss da sein, um durch diese zum Klingen gebracht werden zu können. Durch die Kraft des Geistes Gottes ist das Bewusstsein der Einheit mit Jesu so stark, dass, sobald in diesem Charakter von Ihm die Rede ist, die Saite berührt wird, und ganz gewiss der Ruf erschallt: „Komm!“ Ein bloßes Verständnis, so entwickelt es auch sein mag, kann nie diesen Ruf hervorbringen. Welch ein Unterschied besteht zwischen der Erwartung des Herrn, weil Er mich und Seine Heiligen zu einem Teil von Sich Selbst und zu Seiner Braut gemacht hat, und dem Ausschauen nach Ihm als demjenigen, welcher verlorene Sünder richten wird! Die praktische Wirkung dieser Erwartung Jesu ist groß. Sie nimmt uns aus der Welt heraus und versetzt uns in den Himmel. Wenn meine Liebe zu Ihm wirklich und wahr ist, so ist mein Blick so unverrückt nach oben gerichtet, dass ich nicht Acht habe auf das, was mich umgibt. Es gibt in dieser Welt allerlei Dinge um mich her, Überfluss an Unruhe und Geräusch; aber das stört nicht die süße Ruhe meiner Seele, denn nichts kann meine unauflösliche Verbindung mit einem kommenden Jesus lockern, wie mich auch nichts von der Hoffnung einer Erwartung trennen sollte.

Versteht man diese Ankunft des Herrn Jesu für die Versammlung, so bekommen unzählige Schriftstellen einen ganz anderen Charakter. So z.B. die Psalmen, welche von dem Gericht über die Gottlosen reden. „Er (der Gerechte) wird Seine Füße waschen im Blute des Gesetzlosen.“ Wir sind es nicht, die dies sagen. Es ist die Sprache der Juden, ja die Sprache frommer Juden, welche durch den Stab Seiner Macht, der ihre Feinde schlägt, befreit werden, wenn alle Stämme des Landes über Ihn wehklagen. Müssen aber meine Feinde vernichtet werden, damit ich zu Christo komme? Gewiss nicht; ich werde sie zurücklassen, um bei Ihm zu sein. Es ist in der Tat ein schmerzlicher Gedanke, obwohl wir darin das gerechte Urteil Gottes anerkennen müssen, dass ein solches Gericht über hereinbrechen wird, welche Ihn und Seine Gnade verachten. Was aber mich betrifft, so gehe ich geraden Weges zu Christo in den Himmel. Mein Platz ist in Ihm, während Er in Gott verborgen ist; ich stehe in der nächsten und innigsten Verbindung mit Ihm. Ich gehöre zur Braut, ich bin ein Glied Seines Leibes, ich bin von Seinem Fleisch und von Seinen Gebeinen. Wenn wir diesen gesegneten Mittelpunkt, Christum und mit Ihm Gott Selbst erfasst haben, so bekommt jede Schriftstelle den ihr zugehörenden Platz; und durch den Heiligen Geist erlangen wir ein geistliches Verständnis über die Dinge in den Himmeln und die Dinge auf der Erde, sowie über unsre Verbindung mit den ersteren und unsre Abgeschiedenheit von den letzteren. Vor allem aber nehmen unsre Herzen den ihnen gebührenden Platz ein: denn wenn unsre Blicke auf Jesum gerichtet sind, so warten wir auch auf Ihn. Wenn Er offenbar werden wird, dann werden auch wir mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit; aber wir werden allezeit bei dem Herrn sein.

Der Herr gebe uns ein solches Verständnis von der Erlösung und unsrer Stellung in Ihm, dass wir unsre Herzen fest auf Ihn richten, damit wir hienieden täglich als solche wandeln, die ihren Herrn erwarten, der verheißen hat, zu kommen und uns zu sich zu nehmen - uns, die wir wachen inmitten einer Nacht der Finsternis, in dem Bewusstsein, dass es Nacht ist, obschon wir nicht von der Nacht sind, sondern wachen und den Tag erwarten, indem der Morgenstern bereits aufgegangen ist in unsern Herzen. Der Herr wolle uns bewahren vor den Götzen und vor allem, was irgendwie Jesabel gleicht, damit wir vorsichtig seien, aus Furcht, Ihn zu betrüben durch irgend eines jener Dinge, welche eingedrungen sind, um das zu verderben und zu verwüsten, was Er einst so herrlich gepflanzt und bestimmt hatte, zur Offenbarung Seiner Herrlichkeit in dieser finstern und argen Welt zu dienen!

Fußnoten

  • 1 Beachten wir hier den Charakter Christi. Selbst vollkommen unter dem Gesetz stehend, ließ Er durch die unermüdliche Geduld Seiner Gnade, und indem Er alles ertrug, die Stimme des guten Hirten an jedes Schaf der Herde gelangen, wahrend der arme Elias, so ergeben er auch war, Feuer vom Himmel hernieder kommen ließ auf die Widerspenstigen, aber nicht zu den siebentausend gelangte, die Gott kannte. Christus schlug es aus, Feuer vom Himmel fallen zu lassen. Er unterzog sich dem Gericht, während Er das Gesetz hielt, und scheute keine Mühe, um die Stimme Jehovas dem ärm¬sten, schuldigsten und verborgensten Gliede der Herde nahe zu bringen. Die Folge - und in der Tat auch die Ursache - hiervon ist, dass die Schafe der Herde Ihm angehören, und dass Ihm die richterliche Gewalt über alles gegeben ist.
  • 2 Ich zweifle nicht daran, dass Kap. 5 in unmittelbarem Zusammenhang steht mit Kap. 4,14; die Verse 15—18 des 4. Kapitels bilden eine Parenthese.
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