Botschafter des Heils in Christo 1912

Betrachtungen über das zweite Buch der Könige (Fortsetzung)

Oft folgt auf eine Zeit der Erweckung ein umso schnellerer Niedergang. Und beachten wir, es ist nicht gesagt, dass Gott einen solchen Zustand der Dinge in besonderer Weise durch Seine Gerichte zu erkennen gebe. So ist z. B. die durch ein wahres Überfluten des Götzendienstes gekennzeichnete Regierungszeit Manasses die längste, welche die Geschichte der Könige von Juda und Israel aufzuweisen hat. Man kann den Zustand der Menschen nicht nach der größeren oder geringeren Strenge der Wege Gottes mit ihnen beurteilen. Das war gerade der Irrtum der Freunde Hiobs, welche seinen Charakter nach den ihm auferlegten Prüfungen beurteilten und meinten, aus dem Fehlen von Prüfungen auf eine dementsprechende Gerechtigkeit des Menschen schließen zu können. Manasse beginnt seine Regierung in dem Alter von zwölf Jahren und setzt sie 55 Jahre lang zu Jerusalem fort. Der Name seiner Mutter war Hephzi-Bah, „meine Lust an ihr“, der Name, den der HERR sogar dem wiederhergestellten Jerusalem geben wird (vgl. Jes 62,4). Für jenen Augenblick hatte Hephzi-Bah leider ein Scheusal geboren, einen Gegenstand des Missfallens des HERRN. Ist das vielleicht der Grund, weshalb weder der Vater noch der Geburtsort der Mutter Manasses erwähnt werden?

Manasse baut die von seinem Vater zerstörten Höhen wieder auf, errichtet dem Baal Altäre, macht ein Bild der Venus Astarte, deren unreiner Dienst sogar die Götzendiener entehrte, stellt ihr Bild in den Tempel, errichtet Altäre im Haus des HERRN und in den beiden Vorhöfen, dient den Sternen des Himmels, opfert seinen Sohn dem Moloch, treibt Wahrsagerei und Zauberei und verleitet durch sein ganzes Verhalten das Volk des HERRN zum Bösen. Es hat in Juda nie einen schrecklicheren König gegeben als ihn. Dennoch war seine Regierungszeit äußerlich günstig. Sie währte zunächst außergewöhnlich lang, und dann sehen wir nicht, mit Ausnahme eines Falles, dass Manasse sein Volk in besondere Schwierigkeiten gebracht hätte. Wir wiederholen deshalb: Gott beurteilt die Handlungen der Menschen nach dem, was sie Ihm gegenüber sind, Er urteilt nicht nach ihrem Verhalten gegen die Welt. Ist wohl ein Gottesleugner in Gottes Augen weniger schuldig, wenn er sich irgendeiner menschenfreundlichen Bestrebung widmet? Keineswegs. Die Menschen werden danach beurteilt, wie sie Gott und Seinen Christus geachtet haben, und wenn ihre Werke nicht den Vater und den Sohn zum Gegenstand haben, so sind diese Werke böse. So war es bei Kain, der durch die reichen Früchte seiner Arbeit sich ein Verdienst zu erwerben meinte, während er seinen Bruder Abel hasste.

Die Taten Manasses riefen das Gericht herbei, aber Gott hatte mit seinem Zeugnis in Juda noch nicht aufgehört. „Da redete der HERR durch seine Knechte, die Propheten“ (V. 10). So bleibt das Wort Gottes noch die einzige Zuflucht in diesen bösen Zeiten, obwohl es nur noch das Zeugnis ist von dem nahe bevorstehenden Gericht für das Volk, einem Gericht oder Urteilsspruch, wogegen es keine Berufung gab. „Und ich werde über Jerusalem die Messschnur Samarias ziehen und das Senkblei des Hauses Ahabs, und ich werde Jerusalem auswischen, wie man eine Schüssel auswischt: Hat man sie ausgewischt, so kehrt man sie um auf ihre Oberseite. Und ich werde den Überrest meines Erbteils verstoßen und sie in die Hand ihrer Feinde geben, und sie werden allen ihren Feinden zum Raub und zur Plünderung werden; weil sie getanhaben, was böse ist in meinen Augen, und mich stets gereizt haben von dem Tag an, da ihre Väter aus Ägypten gezogen sind, bis auf diesen Tag“ (V. 13–15). Der HERR verbindet so den Zustand des Volkes Gottes mit dem Auszug aus Ägypten. Von diesem Augenblick an hatten sie gesündigt. Konnte man sagen, oder wird man sagen können, dass Gott nicht Geduld geübt habe gegen die, über welche sein Name angerufen wurde?

Das Wort fügt hinzu: „Und Manasse vergoss auch sehr viel unschuldiges Blut, bis er Jerusalem damit füllte von einem Ende bis zum anderen“ (V. 16). Manasse verfolgte also das Volk Gottes, diejenigen, welche an allen diesen Schändlichkeiten unschuldig waren. Gott lässt uns hier bei diesem schrecklichen Schauspiel, welches die göttliche Rache herbeiführt, stehen, aber die Chroniken, denen es immer gefällt, das Wirken der Gnade festzustellen, geben uns Auskunft über das Ende der Geschichte Manasses. Er hatte bis zu einem gewissen Punkt in seiner Geschichte die Oberherrschaft der Könige von Assyrien ertragen. Auf Sanherib war Esar-Haddon gefolgt (2. Kön 19,37), dann dessen Sohn Asurbanipal. Babel, welches das Joch Assurs unter Berobal-Baladan abgeschüttelt hatte, war halb wieder erobert und unter die Herrschaft der Könige von Assyrien zurückgebracht worden. Manasse, der wahrscheinlich in eine Verschwörung dieser orientalischen Könige gegen die harte Dienstbarkeit Assyriens verwickelt war, wird mit ehernen Ketten gefesselt nach Babel gebracht. Das sind, soweit man aus der Geschichte schließen kann, die wahrscheinlichen Ursachen dieser grausamen Gefangenschaft, doch die wahre Ursache wird uns im Wort enthüllt, wenn wir lesen: „der HERR ließ über sie (d. i. über Manasse und sein Volk) die Heerobersten des Königs von Assyrien kommen“ (2. Chr 33,11).

Die Absicht Gottes, der nicht den Tod des Sünders will, wurde erreicht. Manasse demütigte sich, indem er sein ganzes Verhalten vor Gott verurteilte, und Gott führte ihn nach Jerusalem und in sein Reich zurück. Dann wurde er ebenso eifrig, das, was er angebetet hatte, zu verbrennen, wie die gottesfürchtigen Könige, die seinem Vater Hiskia vorangegangen waren und das Volk betrat denselben Weg. Doch die Höhen wurden nicht zerstört. Es war nicht eine eigentliche Erweckung, sondern eine Umkehr zu Gott infolge der Trübsal, die bewirkt, dass der Elende zu Ihm schreit und die Errettung aus allen seinen Ängsten empfängt. Wir werden diesen Gegenstand später, bei der Betrachtung der Chroniken, wieder aufnehmen. Das Buch der Könige hält in seinem Bericht inne, wenn es die Verantwortlichkeit des Königs dargestellt hat. Das der Chroniken zeigt uns, wie die Gnade durch die Gerichte handelt, um den König wiederherzustellen. Welch ein köstlicher Gedanke, dass die verhärtetsten Herzen Gegenstände der Gnade werden können! Wie viele werden wir bei dem Herrn antreffen, deren Laufbahn, wie hier, durch das Gericht abgeschlossen zu sein schien, und die doch, ohne dass wir es vermuteten, durch eine „Buße zum Heil“ berührt worden sind!

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