Betrachtungen über den Epheserbrief

Allgemeine Übersicht

Die Stadt Ephesus

Von dieser Stadt – an der Westküste Kleinasiens gelegen und zugleich dessen Hauptstadt – ging ein bedeutender Einfluss auf das politische und religiöse Leben jener Tage aus.

Die meisten Einwohner jener Stadt waren griechischen Ursprungs, doch gab es unter ihnen auch viele Handel treibende Juden (Apg 18, 19–24; 19, 1.17.34).

In Ephesus befand sich der Tempel einer Göttin, die sowohl Römer als Griechen verehrten. Die Römer nannten sie „Diana“, die Griechen „Artemis“. Dieser Tempel wurde für eins der sieben Weltwunder gehalten. Er war vollständig aus Marmor erbaut, maß ca. 140 m in der Länge und ca.70 m in der Breite. Seine Decke wurde durch 127 Marmorsäulen getragen, von denen jede ca. 20 m hoch war. Die Bauzeit für diesen Tempel betrug über 200 Jahre.

Es scheint, als ob der Heilige Geist gerade diesen herrlichen Tempel zum Anlass nahm, die Gläubigen zu der Kenntnis des „geistlichen Tempels“, des Hauses Gottes, zu bringen, in welchem Jesus Christus Selbst der Eckstein ist, „in welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn“ (vgl. Eph 2, 19–21).

Der Tempel der Göttin Diana wurde im Jahre 262 n. Chr. durch die Goten zerstört; aber die Versammlung, das Haus Gottes, wird selbst durch des Hades Pforten nicht überwältigt werden.

Ephesus war zu jener Zeit ein wichtiges Zentrum heidnischen Götzendienstes, der noch durch die vorwitzigen Werke der Zauberei Auftrieb erhielt, zumal jedermann in Asien glaubte, dass dieses Bild der Göttin vom Himmel herabgefallen sei (Apg 19, 35).

In der Stadt Ephesus gab es auch eine jüdische Synagoge, die jedoch – durch verschiedene gesetzliche Vorschriften gebunden – nicht imstande war, die heidnische Finsternis zu vertreiben, in der nicht nur die Epheser, sondern alle Bewohner Asiens lebten.

Aber gepriesen sei Gott! Hier geschah etwas Wunderbares. Das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus, welches die Kraft Gottes zur Errettung ist, wurde in Ephesus verkündigt, und alle, die in Asien wohnten, hörten es. Es vernichtete die Größe dieser falschen Göttin für immer, denn nie wurde ihre Verehrung wieder hergestellt.

Dieses Evangelium war imstande, gerade das zu bewirken, wovor sich der Silberschmied Demetrius in dieser Stadt gefürchtet hatte. Es vernichtete den Tempel und seine Gottheit.

Die Verkündigung des Evangeliums in Ephesus

Wir wissen nicht genau, wann und wie das Evangelium zuerst in Ephesus verkündigt wurde. Aber wir wissen, dass am Tage der Pfingsten, als der Heilige Geist auf die versammelten Gläubigen herniederkam, auch einige Leute aus Asien in Jerusalem anwesend waren. Von dieser Provinz war Ephesus die Hauptstadt. Diese nun hörten die Predigt des Evangeliums, taten Buße und glaubten an Christum (Apg 2, 9–41).

Der Apostel Paulus besuchte Ephesus zum ersten Male auf seiner Reise von Korinth nach Syrien. Das war auf seiner zweiten Missionsreise ca. 54 nach Chr. Dort ging er in die Synagoge und unterredete sich mit den Juden. Doch blieb er nicht lange in Ephesus, sondern  ließ Aquila und Priscilla dort zurück (Apg 18, 19. 20 u. 26).

Wir wissen auch, dass hier der Herr den Apollos benutzte, der – aus Alexandrien gebürtig – ein beredter Mann und mächtig in den Schriften war. Er war in den Wegen des Herrn unterwiesen, und brennend im Geist redete und lehrte er sorgfältig die Dinge von Jesus, obwohl er nur die Taufe Johannes kannte.

Zudem ist uns bekannt, dass der Apostel Paulus Ephesus ein zweites Mal besuchte. Diesmal verweilte er drei Jahre dort, indem er Tag und Nacht nicht aufhörte, „einen jeden mit Tränen zu ermahnen“ (Apg 20, 31). Dieser Dienst brachte viel Frucht, sowohl in der Errettung vieler Menschen als auch in der tiefen Unterweisung der Gläubigen.

Bei seiner Ankunft in Ephesus traf Paulus dort zwölf Jünger an, die nur mit der Taufe Johannes getauft, aber in Unkenntnis waren über die ganze Wahrheit des Evangeliums der Gnade und über die Innewohnung des Heiligen Geistes in dem Gläubigen. Da der Apostel dies in seinem Gespräch mit ihnen sogleich wahrnahm, stellte er ihnen zwei Fragen:

  1. „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, nachdem ihr gläubig geworden seid?“
  2. „Worauf seid ihr denn getauft worden?“

Auf die erste Frage erhielt er die Antwort: „Wir haben nicht einmal gehört, ob der Heilige Geist da ist.“ Hieraus wurde ersichtlich, dass ihr Glaube nicht auf das Werk des Herrn Jesu gegründet war, der am Kreuz starb und aus den Toten auferstanden war. Sie waren in Bezug auf das Evangelium unwissend und wussten nicht, dass der Heilige Geist als Person herabgekommen war, um sogleich in der Seele dessen Wohnung zu nehmen, der den Herrn Jesus als seinen Erretter annimmt. Es ist eine göttliche Wahrheit, dass die Innewohnung des Heiligen Geistes im Herzen des Menschen tatsächlich der wichtigste Beweis ist, dass er ein wahrer Christ ist. „Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“ (Röm 8, 9).

Die Antwort dieser Männer auf die zweite Frage des Apostels lautete: „Auf die Taufe des Johannes.“ Ihr geringes Verständnis war sicherlich eine Folge der Predigt des Apollos, der selber nicht mehr als die Taufe Johannes kannte. Sie waren daher unwissend über die Wahrheit von der vollkommenen Erlösung, die unser Herr Jesus Christus am Kreuz vollbracht hat, über Seine Auferstehung aus den Toten und Seine Auffahrt in den Himmel.

Apollos kannte zweifellos die Taufe zur Buße, die den kommenden König zum Gegenstand hat. Die christliche Taufe jedoch weist zurück auf das vollbrachte Erlösungswerk, auf Seinen Opfertod, auf Sein siegreiches Auferstehen, auf Seine Auffahrt in den Himmel und auf das Einnehmen Seines Platzes zur Rechten des Vaters.

Die christliche Taufe ist der Beweis für das Einssein aller Kinder Gottes mit Christus in Seinem Tode, in Seinem Begräbnis und Seiner Auferstehung.

Der Apostel Paulus gab daraufhin diesen Jüngern die nötigen Belehrungen mit dem Ergebnis, dass sie auf den Namen des Herrn Jesu getauft wurden (Apg 19, 1–7).

Wenn wir nun dem Apostel Paulus weiter in seinem Dienst in Ephesus folgen, so finden wir ihn in der jüdischen Synagoge, wo er sich freimütig drei Monate lang unterredete und sie von den Dingen des Reiches Gottes überzeugte (Apg 19, 8). „Als aber einige sich verhärteten und nicht glaubten und vor der Menge übel redeten von dem Weg, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab, indem er sich täglich in der Schule des Tyrannus unterredete“ (Vers 9). Paulus lehnte es ab, irgendwelche Gemeinschaft mit denen zu haben, die seinen Herrn verleugneten. „Welche Gemeinschaft hat Licht mit Finsternis und welche Übereinstimmung Christus mit Belial?“ Das Gebot Gottes ist unmissverständlich: „Geht aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr“ (2. Kor 6, 17).

Kein treuer Diener Christi wird zögern, sich unverzüglich von solchen zu trennen, die den Namen seines Herrn oder den Wert Seines Erlösungswerkes verleugnen.

Zwei Jahre lang hat der Apostel in der Schule des Tyrannus täglich das Wort des Herrn verkündigt, so dass es alle hörten, die in Asien wohnten, sowohl Juden als Griechen.

Zudem bekräftigte Gott Seine Zustimmung zu der Predigt Seines Knechtes durch die ungewöhnlichen Wunderwerke, die Er durch die Hände des Paulus tat (Apg 19, 11. 12).

Das Werk der Gnade in den Herzen derer, die glaubten, trug wirkliche Früchte und ward dadurch deutlich sichtbar, dass sie freiwillig von jenen Dingen Abstand nahmen, die vorher Wert für sie gehabt hatten (Apg 19, 18–19).

„So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und nahm überhand“ (Vers 20).

Der Widerstand gegen die Verkündigung in Ephesus

Trotz der reichen Frucht seiner Predigt fand der Apostel doch den starken Widerstand Satans und seiner Diener. Dieser Widerstand begann, als einige Juden ihre Herzen verhärteten und nicht glaubten, sondern übel redeten von dem Wege, den Paulus lehrte. Doch das war noch gering im Vergleich zu dem, was er später dort erfuhr, wovon wir in 1. Kor 15,32 lesen: „Wenn ich, nach Menschenweise zu reden, mit wilden Tieren gekämpft habe in Ephesus...“ Hier weist er zweifellos hin auf den starken Widerstand, den ihm in Sonderheit die Juden dort entgegenbrachten. Gleicherweise sagt er in 1. Kor 16,8–9: „Ich werde aber bis Pfingsten in Ephesus bleiben; denn eine große und wirkungsvolle Tür ist mir aufgetan und der Widersacher sind viele.“ Und weiter lesen wir in 2. Kor 1, 8: „Denn wir wollen nicht, dass euch  unbekannt sei, Brüder, was unsere Bedrängnis betrifft, die uns in Asien widerfahren ist, dass wir übermäßig beschwert wurden, über Vermögen, so dass wir sogar am Leben verzweifelten“.

Satan benutzte verschiedene Werkzeuge, um das Werk Gottes zu hindern,  indem er es auch nachahmte, durch die sieben Söhne des Skeva, der ein jüdischer Hoherpriester war. „Aber auch einige von den umherziehenden jüdischen Beschwörern unternahmen es, über die, die böse Geister hatten, den Namen des Herrn Jesus anzurufen, indem sie sagten: Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt! Es waren aber sieben Söhne eines gewissen jüdischen Hohenpriesters Skeva, die dies taten“ (Apg 19, 13.14). Diese elenden und unwissenden Menschen mussten erfahren, dass man den heiligen und hochgepriesenen Namen des Herrn Jesu keineswegs zu Zauberei und Beschwörung ungestraft missbrauchen darf. Denn „der Mensch, in dem der böse Geist war, sprang auf sie los und bemächtigte sich beider und überwältigte sie, so dass sie nackt  und verwundet aus jenem Hause entflohen“ (Vers 16). Der Erfolg davon war, dass dies allen, die in Ephesus wohnten, bekannt wurde; „und  Furcht fiel auf sie alle, und der Name des Herrn Jesus wurde erhoben“ (Vers 17). Gepriesen sei der Herr, dass Sein Wort – und ist der Angriff Satans und seiner Diener noch so heftig – nicht leer zu Ihm zurückkehren wird!

Doch das war nicht der einzige Widerstand, den der Apostel Paulus in Ephesus erfuhr. „Denn ein gewisser Silberschmied, mit Namen Demetrius, der silberne Tempel der Artemis machte, verschaffte den Künstlern einen nicht geringen Erwerb; und nachdem er diese samt den damit beschäftigten Arbeitern versammelt hatte, sprach er: Männer, ihr wisst, dass aus diesem Erwerb unser Wohlstand ist; und ihr sehet und hört, dass dieser Paulus nicht allein von Ephesus, sondern beinahe von ganz Asien eine große Volksmenge überredet und umgestimmt hat, indem er sagt, dass das keine Götter seien, die mit Händen gemacht werden. Nicht allein aber bestehet für uns Gefahr, dass dieses Geschäft in Verruf  kommt, sondern auch, dass der Tempel der großen Göttin Artemis für nichts geachtet und auch ihre herrliche Größe, die ganz Asien und der Erdkreis verehrt, vernichtet werde. Als sie aber das hörten und voll Wut wurden, schrien sie und sagten: Groß ist die Artemis der Epheser!“ (Apg 19, 24–28). Der Herr wachte jedoch über Seinen Knecht, der Stadtschreiber wusste durch eine beruhigende Rede die zusammengeströmte, wütende Volksmenge zu bewegen, wieder nach Hause zu gehen (Apg 19,35–41).

Nach dieser Begebenheit verließ der Apostel Ephesus, nachdem er von den Jüngern Abschied genommen hatte. In der Heiligen Schrift wird uns nicht gesagt, dass er später noch einmal dorthin zurückgekehrt wäre. Wohl hat er bekanntlich von Milet aus (das dicht bei Ephesus liegt) nach Ephesus gesandt und die „Ältesten der Versammlung zu sich gerufen, um Abschied von ihnen zu nehmen und ihnen noch wichtige Ermahnungen mitzugeben (Apg 20,17–38).

Die Frucht des Dienstes des Apostels in Ephesus

Die Frucht des Dienstes des Apostels Paulus in Ephesus oder, mit anderen Worten, der Sieg des Evangeliums nicht nur in Ephesus, sondern in ganz Asien wird in Apg 19,10 erwähnt. Sie hörten nicht nur das Wort Gottes, sondern viele nahmen es in ihre Herzen auf.  Was dies betrifft, hatte Demetrius recht, als er sagte: „dass dieser Paulus nicht allein von Ephesus, sondern beinahe von ganz Asien eine große Volksmenge überredet und umgestimmt habe“ (Apg 19,26).

Möglicherweise sind durch den Dienst des Apostels nicht nur in Ephesus, sondern auch an anderen Orten Kleinasiens Versammlungen entstanden (vgl. Off 1,11).

Leider muss der Apostel in seinem 2. Brief an Timotheus einen Rückgang in der Versammlung zu Ephesus feststellen, wenn er schreibt: „Du weißt dieses, dass alle, die in Asien sind, sich von mir abgewandt haben“ (2. Tim 1, 15). Unter diesen Gläubigen, die sich von ihm abwandten, befanden sich also auch die Epheser! Und in seinem 1.Brief an Timotheus, in dem er diesen bat, in Ephesus zu bleiben, gibt er seinem Mitarbeiter den Auftrag, etlichen zu gebieten, „nicht andere Lehren zu lehren, noch mit Fabeln und endlosen Geschlechtsregistern sich abzugeben, die mehr Streitfragen hervorbringen, als die Verwaltung Gottes fördern“ (1. Tim 1, 3. 4). Die Sorge des Apostels wird auch aus der Tatsache ersichtlich, dass er aus dem Gefängnis zu Rom Tychikus zu ihnen sendet (2. Tim 4, 12).

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