Der Herr ist Rettung

Einleitung

Geschichtlicher Hintergrund

Jesaja („Jehova/Jahwe ist Rettung“), der Sohn des Amoz, war nach alter jüdischer Überlieferung der Sohn eines Bruders von König Amazja. Jesaja hatte relativ freien Zugang zum Königshof in Jerusalem (Jes 7,3; 38,1; 39,3). Er war verheiratet und hatte zwei Söhne; der eine hieß Schear-Jaschub (hebr. „ein Überrest wird umkehren“), der andere Maher-Schalal-Chasch-Bas (hebr. „Der Raub eilt, die Beute kommt bald“).

Seine Prophetie richtet sich im Wesentlichen an das Zweistämmereich Juda und dessen Hauptstadt Jerusalem im Süden des Landes Kanaan. Das Volk Israel war bereits seit dem Regierungsantritt Rehabeams in zwei Reiche geteilt, und das Zehnstämmereich im Norden wurde wegen seines Götzendienstes während der „Dienstzeit“ Jesajas im Jahr 721 v. Chr. in die assyrische Gefangenschaft geführt. Die Könige von Juda, während deren Regierungszeiten Jesaja seinen Dienst ausübte, waren Ussija oder Asarja, der ca. 791–740 v. Chr. regierte, Jotham (ca. 750–732 oder 751–735), Ahas (ca. 742–726 oder 735–716) und Jehiskia oder Hiskia (ca. 726–697 oder 716–687). Die Regierungszeiten dieser Könige überschneiden sich teilweise.

Zwar war im Reich Juda der Abfall von Gott noch nicht so weit fortgeschritten wie in Israel, weil hier noch treue Könige wie Josaphat, Jotham und Hiskia regierten, doch es gab auch viel Böses. Ussija handelte auf der Höhe seiner Macht treulos gegen Gott, und Ahas trieb denselben Götzendienst wie die Könige von Israel. Jesaja lebte und wirkte also in einer schweren Zeit. Von außen wurde das Reich Juda von Edom, Syrien und den Philistern bedrängt. Auch die gottlosen Könige des Nordreiches verbündeten sich mit Syrien und griffen Juda immer wieder an (2. Kön 15,37; 16,5–6; 2. Chr 28,5–6). Anstatt auf den Herrn zu vertrauen, suchten die Könige von Juda Beistand bei Assyrien (2. Kön 16,7; 2. Chr 28,16), ohne dadurch wirkliche Hilfe zu erlangen (2. Chr 28,20; 32,1). Jesaja erlebte, wie das Nordreich sich mit Ägypten gegen Assyrien verbündete und schließlich doch besiegt wurde und 721 v. Chr. in die assyrische Gefangenschaft kam (2. Kön 17).

Als Juda unter Hiskia von der Großmacht Assyrien bedroht wurde, kam der Herr ihnen zu Hilfe (2. Kön 18,7; 2. Chr 32). Aber kurz danach musste Jesaja die Verbindung zu der anderen Großmacht Babel verurteilen und die ca. 100 Jahre später eintretende babylonische Gefangenschaft des Zweistämmereiches Juda ankündigen (2. Kön 18,7; 20,12–19).

Zur Auslegung des Buches Jesaja

Die Themen der Weissagungen Jesajas sind vor allem das irdische Volk Gottes, die damaligen Großmächte Assyrien, Babel und Ägypten, aber auch die kleineren Völker der Umgebung.

Doch damit sind Inhalt und Umfang der Prophetie des Buches Jesaja keineswegs erschöpft. Sein Hauptgegenstand ist der Messias, der von Gott gesandte König Israels, ja, der ganzen Welt, der Herr Jesus. Jesaja nennt Seine Geburt von einer Jungfrau (Kap. 7,14), die Tatsache, dass Er Gottes Sohn ist (Kap. 9,5), Sein Leiden und Sterben für sündige, verlorene Menschen (Kap. 53), Seine Erscheinung zum Gericht am „Tag des Herrn“ (Kap. 13,6.9), vor allem aber Seine segensreiche Herrschaft im Tausendjährigen Reich (Kap. 9,1–7; 11,1–10; 32,1 usw.). Der Herr Jesus sagt selbst, dass die Schriften von Ihm zeugen, und Petrus bestätigt, dass die Propheten des Alten Testaments durch den Heiligen Geist von den Leiden und der Herrlichkeit des Christus zeugten (Joh 5,39; 1. Pet 1,10.11). Christus ist also der Hauptgegenstand der Weissagung Jesajas.

Daraus ergibt sich, dass diese Prophezeiungen nicht auf damals unmittelbar bevorstehende Ereignisse eingeengt werden können, sondern dass Völker wie Assyrien in der Zukunft nochmals eine Rolle spielen werden 1. Die damaligen Geschehnisse sind teilweise nur „Vor-Erfüllungen“ oder Beispiele von prophetischen Ereignissen, die auch jetzt noch bevorstehen! Die Aussagen Jesajas gehen manchmal weit über die damaligen „Vor-Erfüllungen“ hinaus, wie zum Beispiel der häufig vorkommende Ausdruck „an jenem Tag“ zeigt, der auf das zukünftige Kommen des Herrn Jesus als König zum Gericht über die Nationen und zur Aufrichtung Seines Reiches hinweist2.

Eine Grundvoraussetzung für das Verständnis der biblischen Prophetie ist die Tatsache, dass Israel, das irdische Volk Gottes, eine herrliche Zukunft auf der Erde haben wird, nachdem es zuvor durch tiefe Drangsale gegangen sein wird. Nach fast 2000 Jahren ist es jetzt wieder – wenn auch noch im Unglauben – in das von Gott verheißene Land zurückgekehrt. Nach der Entrückung der Versammlung (Gemeinde) Gottes wird Gott sich ihm jedoch wieder in Gnade, aber auch in Gericht zuwenden, bis alle Weissagungen über dieses Volk in Erfüllung gehen und es unter der Herrschaft seines bislang verworfenen Königs, des Herrn Jesus, den vollen Segen Gottes genießen wird (vgl. Röm 11,25.26).

Die so genannte „Vergeistlichungs-Theorie“, die besagt, dass Israel als Volk keine Zukunft mehr hat und alle Vorhersagen sich auf die Kirche in der Gnadenzeit beziehen, übersieht vollkommen, dass Gott Seine unbereubaren Zusagen an Sein irdisches Volk Israel voll und ganz zur Erfüllung bringen wird (Röm 11,29). Darüber hinaus wird übersehen, dass die Versammlung (Ekklesia) Gottes in der Zeit des Alten Testaments ein verborgenes Geheimnis war, das erst durch den Heiligen Geist im Neuen Testament offenbart worden ist (Röm 16,25–27; 1. Kor 2,6. 7; Eph 3,1–12; Kol 1,27). Das bedeutet, dass im Alten Testament keine prophetische Aussage über die Versammlung enthalten ist! Alle Weissagungen über Israel müssen daher auf dieses Volk bezogen werden und gelten nicht für die Versammlung.

Damit soll jedoch nicht gesagt werden, dass die prophetischen Bücher des Alten wie des Neuen Testaments uns nichts zu sagen hätten und nicht praktisch auf die gegenwärtige Zeit angewandt werden könnten. Im Gegenteil, auch dieser Teil der Heiligen Schrift soll uns zur Ermunterung und Ermahnung dienen, denn „alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben“ (Röm 15,4).

Die Einheit des Buches Jesaja

Schon im Mittelalter wurde von jüdischen Rabbinern erstmalig die Vermutung geäußert, dass nicht alle 66 Kapitel des Buches vom Propheten Jesaja selbst stammen könnten. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, also in der Zeit der Aufklärung, begannen evangelische Theologen in verstärktem Maß an der Einheit des Buches Jesaja zu zweifeln. Die wesentlichen Gründe für diese bis heute immer weiter ausgebaute „Kritik“ – die in Wirklichkeit nichts anderes ist als Zweifel an der göttlichen Inspiration – sind neben sprachlichen und thematischen Unterschieden die Erwähnung des Königs Ko-res (Kyros) von Persien über 150 Jahre vor seiner Geburt (s. Jes 44,28; 45,1), denn für die moderne kritische Theologie gibt es keine echte Weissagung. Der Unglaube folgert also, dass die entsprechenden Kapitel erst nach den darin beschriebenen Ereignissen entstanden sein können!

Doch die Namensnennung von Kores so lange vor seiner Geburt ist kein Einzelfall. So erwähnte der Mann Gottes aus Juda gegenüber dem König Jerobeam I. den Namen des Königs Josia ungefähr 300 Jahre, bevor dieser lebte (1. Kön 13,2). Der jüdische Schriftsteller Flavius Josephus schreibt, dass Kores staunend die Weissagung Jesajas über ihn gelesen und daraufhin den Befehl zur Rückkehr der Juden erlassen habe (Jüdische Altertümer XI 1.1–2; vgl. Esra 1,1–4).

Unbestreitbar bestehen zwischen Jesaja 139 und Jesaja 4066 (dem so genannten „Deutero-Jesaja“) Unterschiede sowohl in der Ausdrucksweise als auch hinsichtlich der Themenkreise. In den Werken vieler weltlicher Autoren sind stilistische und thematische Unterschiede festzustellen, ohne dass deshalb an ihrer Herkunft vom gleichen Verfasser gezweifelt werden kann. Der Themenkreis, den Jesaja im ersten Teil behandelt, betrifft mehr die äußere Geschichte Israels und seiner Nachbarvölker, während es im zweiten Teil um die innere Entwicklung des irdischen Volkes Gottes geht.

Andererseits weist das Buch Jesaja verschiedene Merkmale auf, die auf einen und denselben Verfasser hinweisen. Hier ist zunächst das Vorkommen des Ausdrucks „der Heilige Israels“ zu nennen. Er nimmt unter den verschiedenen Namen Gottes einen besonderen Platz ein, denn er kommt bei Jesaja insgesamt 25 Mal vor, und zwar 12 Mal in Kapitel 1–39 und 13 Mal in Kapitel 40–66 (siehe die Erklärung zu Jes 1,4 mit Fußnote). Besonders unterstrichen wird dies Zeugnis noch dadurch, dass Jesaja selbst ihn in 2. Könige 19,22 benutzt! Darüber hinaus finden wir „der Heilige Israels“ nur noch in Psalm 71,22; Psalm 78,41; Psalm 89,19 und Jeremia 50,29; 51,5.

Auch die Bezeichnung „Gott Israels“, die von den übrigen Propheten seltener gebraucht wird, kommt bei Jesaja am häufigsten vor, nämlich 13 Mal, davon 7 Mal im ersten Teil und 6 Mal im zweiten Teil (Jes 17,6; 21,10.17; 24,15; 29,23; 37,16.21; 41,17; 45,3.15; 48,1.2; 52,12).

Ein weiteres „Schlüsselwort“ Jesajas ist „Heil“ oder „Rettung/Errettung“ (hebr. jescha, jeschu'a, teschu'a, wovon der Name Je(ho)schua, Josua = griech. Jesus „der HERR/Jahwe ist Retter“ abgeleitet ist). Es kommt hier insgesamt 25 Mal vor, und zwar 8 Mal im ersten Teil und 17 Mal im zweiten Teil (siehe die Erklärung zu Jes 12,2 mit Fußnote). Das häufige Vorkommen dieses Wortes hat wohl mit dazu beigetragen, dass Jesaja den Beinamen „Evangelist unter den Propheten“ erhielt.

Im Neuen Testament wird das Buch Jesaja ungefähr 70 Mal zitiert, mehr als alle übrigen Propheten zusammen. Davon stammen 28 Zitate aus den Kapiteln 40–66, wobei 11 Mal ausdrücklich der Name Jesajas erwähnt wird (Mt 3,3; 8,17; 12,17; Lk 3,4; 4,17; Joh 1,23; 12,38; Apg 8,28–33; Röm 10,16.20.21). Am bemerkenswertesten ist in diesem Zusammenhang Johannes 12,38–41, denn dort wird aus den Kapiteln 53 und 6 zitiert – also erst aus dem zweiten und dann aus dem ersten Teil –, wobei drei Mal der Name Jesajas erwähnt wird.

Ein bemerkenswertes Zeugnis für die Einheit des Buches Jesaja fand man unter den Schriftrollen vom Toten Meer. In Qumran wurde 1947 unter anderem eine Lederrolle mit dem vollständigen hebräischen Text des Buches Jesaja aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. gefunden. Nirgendwo lässt diese Rolle erkennen, dass es sich um eine Sammlung von Texten verschiedener Autoren aus drei oder mehr Jahrhunderten handelt. Kapitel 40 – angeblich der Anfang des „Deutero-Jesaja“ – beginnt ohne irgendein besonderes Merkmal auf der letzten Zeile einer Spalte. Offensichtlich wusste der Schreiber nichts von verschiedenen Werken verschiedener Autoren.

Fußnoten

  • 1 S. den Abschnitt „Der Assyrer“
  • 2 S. Jesaja 2,11 usw.
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