Lasst uns die Mauer Jerusalems aufbauen!

Die Zubereitung des Dieners

Im einführenden Kapitel werden uns die verborgenen Übungen beschrieben, durch die Gott das Gefäss für die besondere Aufgabe, die es in Angriff zu nehmen hat, zubereitet. Esra, das Werkzeug einer früheren Erweckung, war nicht nur ein Priester, sondern auch ein Schriftgelehrter – einer, der im Wort Gottes gut bewandert war. Nehemia war eher ein praktischer Mann der Dinge. Als Mundschenk des Königs nahm er in der Burg Susan eine verantwortliche weltliche Stellung ein. Aber weder die angenehmen Umstände des Palastes, noch die einträgliche Stellung, die er hatte, noch die Gunst des Königs, in der er stand, verminderten sein Interesse am Volk Gottes und der Stadt Jerusalem.

Er benutzt die Gelegenheit der Ankunft einer seiner Brüder, der mit andern von Jerusalem gekommen war, um sich über den Zustand des entronnenen Überrests und der Stadt Jerusalem zu erkundigen.

Er erfährt, dass trotz früherer Erweckungen, das Volk in grossem Unglück und in Schmach ist, und dass die Mauer von Jerusalem niedergerissen und die Tore mit Feuer verbrannt sind.

Das Volk Gottes mag in Unglück sein, durch Verfolgung aufgrund seines treuen Zeugnisses, und es mag in Schmach sein, um des Namens Gottes willen. Wenn das der Fall ist, steht es gut um dasselbe, denn der Herr selbst sagt: „Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen ... um meinetwillen“ (Mt 5,11). Auch ein Apostel kann schreiben: „Wenn ihr im Namen Christi geschmäht werdet, glückselig seid ihr!“ (1. Pet 4,14). Aber leider kann das Volk Gottes auch in Unglück geraten wegen seines niedrigen moralischen Zustandes und in Schmach seitens der Welt durch die Ungereimtheit seines Wandels und seiner Wege. Dass dies in den Tagen Nehemias der Fall war, wird bezeugt durch die Tatsache, dass die Mauer von Jerusalem „niedergerissen“ und ihre Tore „mit Feuer verbrannt' waren. Die Folge davon war die Verwüstung Jerusalems und deshalb der Beweis des niedrigen Zustandes des Volkes.

Die Mauer stellt bildlich die Aufrechterhaltung der Absonderung vom Bösen dar; die Tore reden von Ausübung göttlicher Sorgfalt in Zulassung und Zucht. In jedem Zeitalter sind Lockerung der Verbindungen und Nachlässigkeit in der Zucht unter dem Volk Gottes sichere Zeichen eines niedrigen geistlichen Zustandes.

Es kann kein geistliches Gedeihen unter dem Volk Gottes geben ohne aufrechterhaltene Absonderung zwischen den Gläubigen und der Welt. Sei es nun die Welt religiösen Heidentums, wie in Nehemias Tagen, oder die Welt eines verdorbenen Judentums, wie in den Tagen der Jünger, oder die Welt verdorbenen Christentums unserer eigenen Tage.

Das war also der unglückliche Zustand des zurückgekehrten Überrestes. Sie waren in Unglück und Schmach. Aber die Zeit war gekommen, in der Gott im Begriff stand, eine Erweckung zu gewähren. Der Weg, den Gott beschreitet, um dies zu erreichen, ist beachtenswert. Gott beginnt ein grosses Werk durch einen Mann, und dieser Mann war einer, der mit gebrochenem Herzen auf seinen Knien lag. Wir lesen, dass Nehemia „weinte und Leid trug tagelang“; und er „fastete und betete vor dem Gott des Himmels“ (V. 4). Seine Tränen waren das äussere Zeichen eines bedrückten Herzens. Sein Leidtragen zeugte davon, wie ernst er auf das Elend des Volkes Gottes einging. Sein Fasten bewies, dass der Stachel so tief in seine Seele gedrungen war, dass er auf die Annehmlichkeiten des Lebens verzichtete und sie vergass. Aber alle inneren Übungen dieses niedergedrückten Mannes fanden einen Ausweg im Gebet. Er kannte die Macht dieses Wortes lange bevor Jakobus es gesprochen hatte: „Leidet jemand unter euch Trübsal? Er bete“.

In diesem Gebet rechtfertigt Nehemia Gott, bekennt die Sünden der Nation und tritt für das Volk ein.

Zuerst rechtfertigt Nehemia den Charakter und die Wege Gottes. Jehova ist der „Gott des Himmels, der grosse und furchtbare Gott“ und ausserdem ist Er der treue Gott, der „den Bund und die Güte denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten“ (V.5).

Zweitens bekennt er die Sünden der Kinder Israel; und dabei macht er sich eins mit ihnen. -“Auch wir, ich und meines Vaters Haus, haben gesündigt.“ „Wir haben“, so sagt er, anstatt Jehova zu lieben und seine Gebote zu halten, „sehr verderbt gegen dich gehandelt und haben nicht beobachtet die Gebote und die Satzungen und die Rechte, welche du deinem Knechte Mose geboten hast.“ Damit hatten sie alle Ansprüche auf die Güte Gottes aufgrund des Gehorsams verwirkt (V. 6,7).

Und drittens, nachdem er Gott gerechtfertigt und die Sünden des Volkes bekannt hat, tritt er jetzt für das Volk ein. Mit der Kühnheit des Glaubens bringt er in seiner Fürsprache vier verschiedene Gründe vor für Gottes Eingreifen. Der erste ist Gottes Treue gegenüber seinem eigenen Wort. Soeben hatte er zugegeben, dass sie die Gebote, die Gott durch Mose gegeben hatte, nicht gehalten hatten. Aber es gab noch etwas anderes, das Gott durch Mose gegeben hatte. Neben den Geboten des Gesetzes gab es auch die Verheissungen des Gesetzes. Und Nehemia bittet Gott, dieses Wortes der Verheissung, durch Mose gegeben, zu gedenken. Darin hatte Gott gesagt, dass, wenn das Volk treulos handeln sollte, Er es zerstreuen würde; wenn sie aber Busse täten, Gott sie wieder sammeln und an den Ort bringen wollte, den Jehova erwählt hatte, um seinen Namen daselbst wohnen zu lassen. Dann geht Nehemia zum zweiten Grund über. Das Volk, für das er bittet, ist Gottes Volk, es sind seine Knechte. Ferner ist der dritte Grund der, dass sie nicht nur Gottes Volk sind, sondern Gottes Volk durch das Erlösungswerk Gottes. Endlich schliesst er seine Fürbitte, indem er sich mit allen denen einsmacht, die den Namen Gottes fürchten, und um Gottes Barmherzigkeit fleht (V. 8–11).

Nachdem er also Gott gerechtfertigt und die Sünde des Volkes bekannt hat, verwendet er sich bei Gott, indem er Gottes Wort, Gottes Volk, Gottes Werk der Erlösung und Gottes Barmherzigkeit vorbringt.

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