Das Lied der Erlösung
Das Lied der Erlösung

Gottes Triumpf über den Feind

„Damals sangen Mose und die Kinder Israel dem HERRN dieses Lied und sprachen so: Singen will ich dem HERRN, denn hoch erhaben ist er; das Pferd und seinen Reiter hat er ins Meer gestürzt.

Meine Stärke und mein Gesang ist Jah, denn er ist mir zur Rettung geworden; dieser ist mein Gott, und ich will ihn verherrlichen, meines Vaters Gott, und ich will ihn erheben.

Der HERR ist ein Kriegsmann, HERR ist sein Name.

Die Wagen des Pharaos und seine Heeresmacht hat er ins Meer gestürzt, und die Auserlesenen seiner Wagenkämpfer sind versunken im Schilfmeer.

Die Fluten bedeckten sie, sie sind hinuntergefahren in die Tiefen wie ein Stein.

Deine Rechte, HERR, ist herrlich in Macht; deine Rechte, HERR, hat zerschmettert den Feind.

Und in der Größe deiner Hoheit hast du niedergerissen, die sich gegen dich erhoben. Du ließest deine Zornglut los: Sie hat sie verzehrt wie Stoppeln.

Und durch den Hauch deiner Nase türmten sich die Wasser, es standen die Strömungen wie ein Damm, es gerannen die Fluten im Herzen des Meeres.

Der Feind sprach: Ich will nachjagen, einholen, Beute teilen. Meine Gier soll sich sättigen an ihnen; ich will mein Schwert ziehen, meine Hand soll sie vertilgen.

Du hauchtest mit deinem Odem: Das Meer bedeckte sie; sie sanken unter wie Blei in die gewaltigen Wasser.

Wer ist dir gleich unter den Göttern, HERR! Wer ist dir gleich, herrlich in Heiligkeit, furchtbar an Ruhm, Wunder tuend!

Du strecktest deine Rechte aus: Die Erde verschlang sie“ (2. Mose 15,1–12).

Der Gegenstand des Liedes

Das Lied war nicht nur ein Lied für den Herrn, sondern ebenso von dem Herrn. Es spricht erstens davon, wer Gott ist und zweitens davon, was Er getan hat.

  1. Wer Gott ist: Sie sprechen nicht zuerst über sich, sondern über Gott. Über zehnmal ist die Rede von „dem Herrn“. Sie besingen Ihn als ihre Stärke, ihren Gesang, ihre Rettung, sie rühmen seine Macht, seine Hoheit und sprechen von seiner Rechten, dem Hauch seiner Nase, seiner Heiligkeit, seinen Wundern, seiner Güte und der Größe seines Armes. Ihr Ruhm galt nicht Menschen, sondern Gott. Er ist der „Rahmen“ und der „Inhalt“ des Liedes. Es beginnt damit, dass der Herr ihre Stärke und ihr Gesang ist und endet damit, dass der Herr König sein wird immer und ewig.
  2. Was Er getan hat: Das geht in zwei Richtungen: Zum einen ist die Rede von der Rettung des Volkes. Zum anderen geht es um Gericht an den Feinden. Beides war am Roten Meer geschehen. Beides hat der Herr durch sein Werk am Kreuz getan. Sie singen nicht von dem, was sie getan haben, sondern was Gott getan hat. Sie erkennen seine Stärke und Rettung an. Er ist ihr Erlöser und Führer.

Dieses erste Lied gibt uns Anschauungsunterricht für unseren Lobpreis und unsere Lieder. Wenn wir unseren Herrn preisen, wollen wir zuerst daran denken, wer Er ist. Dann sehen wir, was Er getan hat. Und schließlich vergessen wir nicht, welche Ergebnisse sein Werk für uns hat.

Wenn wir unserem Herrn Loblieder singen, geht es nicht so sehr um unsere Erfahrungen. Es geht nicht um Empfindungen und Emotionen. Modernes christliches Liedgut ist oft davon geprägt. In sogenannten „Lobpreisliedern“ und „Gottesdiensten“ werden häufig die Gefühle angesprochen. Was man Anbetung nennt, ist dabei eher überschäumende Freude mit wenig Tiefgang. Stattdessen wollen wir daran denken, dass unser Herr „hoch erhaben“ ist. Er ist der Sieger, der „das Pferd und den Reiter“ ins Meer gestürzt hat.

Meine Stärke, mein Gesang und meine Rettung

Zuerst werden Stärke und Gesang miteinander in Verbindung gebracht (vgl. Ps 118,14). Das erinnert an die Worte Nehemias: „Denn die Freude an dem Herrn ist eure Stärke“ (Neh 8,10). Heilssicherheit führt zu Freude und Lobpreis. Freude brauchen wir, um unseren Weg durch die vor uns liegende Wüste gehen zu können. Das einst unterdrückte Volk hat die Macht und Stärke Gottes ebenso kennengelernt wie seine Rettung. Rettung war für sie nicht nur eine Tatsache, sondern verbunden mit einer Person.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist zwar im zweiten Buch Mose bereits einige Male von Errettung die Rede gewesen, jedoch immer als etwas, das noch in der Zukunft liegt (vgl. 2. Mo 3,8; 6,6; 14,13). Doch jetzt in Verbindung mit dem Roten Meer wird es als eine vollende Tatsache gezeigt. Dort hatte das Volk stillgestanden und die Rettung Gottes gesehen. Jetzt erinnern sie sich dankbar an diese Rettung, die eine vollendete Tatsche war. David sagt: „Auf Gott ruht mein Heil und meine Herrlichkeit; der Fels meiner Stärke, meine Zuflucht, ist in Gott“ (Ps 62,8). Auch für uns ist das Heil untrennbar mit einer Person verbunden. Es ist unser „Heiland“, unser „Retter“.

Das Volk spricht dann von „meinem Gott1“ und von „meines Vaters Gott“. Sie hatten eine persönliche Beziehung zu Ihm und wussten gleichzeitig, dass es der Gott war, der den Vätern seine Zusagen gegeben hatte. Diesen Gott wollten sie verherrlichen, d. h. sie wollten von seinen Vorzügen und Vortrefflichkeiten singen2. Auch wir können nie vergessen, was auf Golgatha geschah. Die Ewigkeit wird damit ausgefüllt sein, das Lob unseres Retters zu besingen und Ihn zu erheben.

Der Sieg Gottes

Die Verse 3–10 beschreiben den Sieg Gottes über den Feind. Der Herr wird als Kriegsmann besungen. Das wird Er für Israel einmal sein. Für uns ist der größte Sieg auf Golgatha errungen. Dort hat Er dem Feind die Macht des Todes genommen. Was einst wie eine große Bedrohung vor ihnen gestanden hatte, war durch das Meer verschlungen worden. Tod und Teufel sind besiegt. Gottes Macht ist größer. Alle Waffen, die der Feind hatte (Wagen, Heeresmacht und Auserlesene seiner Wagenkämpfer) waren vom Meer bedeckt. So ist der Feind komplett besiegt.

Wie könnten wir je vergessen, dass der Herr am Kreuz der „Gewalt der Finsternis“ begegnet ist (Lk 22,53). Aber das ist Vergangenheit. Der Tod ist besiegt. Welche Freude zu wissen, dass der Feind uns nie wieder bedrücken und verfolgen kann. Er ist wie ein Stein in die Tiefe hinabgefahren und wie Blei im Wasser untergegangen.

Die Absicht des Feindes war eine ganz andere: Er wollte nachjagen, einholen, Beute machen und vertilgen. Gott hingegen sorgte dafür, dass dieser Plan nicht umgesetzt werden konnte. Im Gegenteil: Er vernichtete den Feind ganz und gar. Der Teufel mag heute umhergehen wie ein brüllender Löwe. Gegen die Kraft Gottes ist er völlig machtlos. In seinen Augen waren sie wie Stoppeln, die verzehrt wurden.

Die Verse 6–8 nennen vier Dinge, die den Feind besiegt haben: die Rechte des Herrn, die Größe seiner Hoheit, seine Zornglut und der Hauch seiner Nase.

  • Die Rechte Gottes wird zweimal in Vers 6 und einmal in Vers 12 erwähnt. Gemeint ist nicht die Gerechtigkeit Gottes, sondern seine rechte Hand. Sie spricht von seiner Macht und ist ein Hinweis auf Christus, in dem Gott seine Macht gewirkt hat. „Deine Hand sei auf dem Mann deiner Rechten, auf dem Menschensohn, den du dir gestärkt hast!“ (Ps 80,18). Die rechte Hand hat den Feind zerschmettert.
  • Von der Größe seiner Hoheit spricht der Prophet Habakuk. „Es ist schrecklich und furchtbar; sein Recht und seine Hoheit gehen von ihm aus“ (Hab 1,7). Gott ist hoch und erhaben. Ihm kann sich niemand widersetzen.
  • Die Zornglut Gottes hat die Feinde verzehrt wie Stoppeln. Wir kennen Gott als gnädigen Gott, und das ist Er in der Tat. Dennoch ist Gott ebenfalls heilig und gerecht. Wenn Er zürnt, ist es furchtbar, der Gegenstand dieses Zorns zu sein. Jesaja sagt: „Siehe, der Tag des HERRN kommt grausam mit Grimm und Zornglut, um die Erde zur Wüste zu machen; und ihre Sünder wird er von ihr vertilgen… Darum werde ich die Himmel erzittern lassen, und die Erde wird aufbeben von ihrer Stelle beim Grimm des HERRN der Heerscharen und am Tag seiner Zornglut“ (Jes 13,9.13).
  • Während die rechte Hand von der Macht Gottes spricht, mit der jeder Feind besiegt wird, lässt uns der Hauch (Verse 8 und 10), daran denken, mit welcher Leichtigkeit der Feind besiegt wurde. Der „Hauch seiner Nase“ reichte aus, um das Wasser des Meeres aufzutürmen. Sein „Odem“ genügte, um das Meer über sie kommen zu lassen. Darin liegt eindeutig ein prophetischer Hinweis auf den zukünftigen Sieg über alle Feinde: „Und der HERR wird die Meereszunge Ägyptens zerstören; und er wird seine Hand über den Strom schwingen mit der Glut seines Hauches und ihn in sieben Bäche zerschlagen und machen, dass man mit Schuhen hindurchgeht. Und so wird eine Straße sein von Assyrien her für den Überrest seines Volkes, der übrig bleiben wird, wie eine Straße für Israel war an dem Tag, als es aus dem Land Ägypten heraufzog“ (Jes 11,15.16). Um den kommenden Antichristen einmal zu besiegen, reicht tatsächlich ein „Hauch“: „Denn längst ist eine Gräuelstätte zugerichtet; auch für den König ist sie bereitet. Tief, weit hat er sie gemacht, ihr Holzstoß hat Feuer und Holz in Menge; wie ein Schwefelstrom setzt der Hauch des Herrn ihn in Brand“ (Jes 30,33; vgl. 2. Thes 2,8).

Die Verse 11 und 12 fassen den ersten Teil des Liedes zusammen. Wieder geht es zuerst um die Größe Gottes und dann um das, was Er getan hat. Gleich zweimal wird die Frage gestellt: „Wer ist dir gleich“? Gott ist einzigartig und unvergleichlich. Der Psalmdichter sagt: „Und deine Gerechtigkeit, o Gott, reicht bis zur Höhe; du, der du große Dinge getan hast, o Gott, wer ist wie du?“ (Ps 71,19). Die Frage ist nicht zu beantworten, obwohl die Antwort klar ist. Am Ende seines Lebens sagt Mose – und man könnte das wie eine Antwort auf diese Frage interpretieren: „Keiner ist wie der Gott Jeschuruns3, der auf den Himmeln einherfährt zu deiner Hilfe, und in seiner Hoheit auf den Wolken“ (5. Mo 33,26).

Gottes Herrlichkeit zeigt sich in seiner Heiligkeit. An dieser Stelle wird zum ersten Mal in der Bibel von Heiligkeit gesprochen4. Das Neue Testament sagt uns, dass Gott Licht ist (1. Joh 1,5). Er hasst das Böse und kann es nicht sehen. Er handelt auf der Grundlage seiner Heiligkeit und nicht einfach in willkürlicher Machtausübung. Er gebraucht seine Macht in Wahrheit und tut Wunder. Die Erde verschlang die Feinde. Damit endet dieser erste Teil des Liedes. Der zweite Teil beginnt mit einer ganz anderen Seite der Herrlichkeit Gottes, nämlich seiner Güte.

Fußnoten

  • 1 Hier sehen wir wieder den prophetischen Aspekt. „Mein Gott“ ist das, was der gläubige Überrest einmal erkennen wird, wenn der Herr auf diese Erde zurückkommen wird (vgl. das Bekenntnis von Thomas in Joh 21,28).
  • 2 Auf die alternative Lesart „ich will ihm eine Wohnung machen“, kommen wir später zurück.
  • 3 Jeschurun bedeutet „gerecht“. Auf Israel angewandt, bezeichnet das ein von Gott gerechtfertigtes Volk oder ein in den Augen Gottes gerechtes Volk (vgl. 4. Mo 23,21).
  • 4 Die Tatsache, dass Gott etwas heiligt, finden wird natürlich vorher schon. Als Substantiv steht es hier jedoch zum ersten Mal.
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