Eine Fülle von Herrlichkeiten Christi

... dargestellt auf der Erde

Eine Fülle von Herrlichkeiten Christi

Das größte Wunder

Bislang haben wir vorwiegend himmlische Herrlichkeiten des Herrn Jesus betrachtet, die sich auf Seine ewige Gottheit beziehen – sei es den Lichtglanz Seiner göttlichen Herrlichkeit, den eingeborenen Sohn vom Vater, Sein Dienst als großer Hoherpriester im Himmel oder die Harmonie innerhalb der ewigen Gottheit selbst. Dennoch stehen diese Herrlichkeiten auch unmittelbar mit Seiner vollkommenen Menschheit in Verbindung: Das Licht göttlicher Herrlichkeit konnte nur durch Seine Menschwerdung offenbar werden, denn als Mensch ist Er das Bild des unsichtbaren Gottes geworden. Ebenso haben wir gesehen, dass der Eingeborene vom Vater auch der Erstgeborene ist, der als Mensch den Vorrang vor allen Dingen hat. Und auch dem Dienst als großer Hoherpriester im Himmel ging Sein Sterben als Mensch auf der Erde voraus. Unter diesem Blickwinkel wollen wir nun im weiteren Verlauf der Betrachtung auf Herrlichkeiten Christi eingehen, die nicht allein vom Himmel her zur Darstellung kommen, sondern die Er als Mensch von der Erde aus zum Ausdruck gebracht hat. Dabei ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes ein beispielloses, göttliches Wunder: Der Schöpfer lebte auf der Erde in der Gestalt eines Geschöpfes.

Als Gläubige standen wir schon oft anbetend vor dieser Herrlichkeit Seiner Person. Und je öfter wir damit beschäftigt sind, umso unergründlicher erscheint es uns, dass der Herr nie aufgehört hat, Gott zu sein, obwohl Er Mensch wurde und dass Er nie aufhören wird, Mensch zu sein, obwohl Er Gott ist. Beide Seiten Seiner Person bestehen seit Seiner Menschheit immer gleichzeitig. Und wenn Er hier auf der Erde rein äußerlich nicht von den übrigen Menschen zu unterscheiden war, so zeigt das, wie tief sich der Herr der Herrlichkeit im Zuge Seiner Menschwerdung erniedrigt hat. Wie ein Mantel lag Sein Menschsein über Seiner göttlichen Person und verbarg Seine Herrlichkeit, ohne jedoch Seine ewige Macht einzuschränken!

Obwohl Er Mensch war, blieb Er Gott. Vor der Gruft von Lazarus vergoss Er als Mensch im Anblick des Todes Tränen (Joh 11,35). Doch als dieser Mensch Seine Stimme erhob und den Gestorbenen rief, musste Lazarus aus dem Grab hervorkommen, denn es war die Stimme des Sohnes Gottes. Oder denken wir an die Szene auf dem See Genezareth, als der Herr, soeben vom Schlaf erwacht (ein Ausdruck Seiner vollkommenen Menschheit), mit göttlicher Vollmacht dem Sturm und den Wellen Einhalt gebot.

Wie groß und herrlich erscheint dabei die Person unseres Herrn: Gott und Mensch zugleich – kann es ein größeres Wunder geben?

Eingetreten in Raum und Zeit

Auswirkungen von unerforschlicher Tragweite nahm der Herr in Verbindung mit Seiner Menschwerdung in Kauf. Wir denken jetzt nicht an die sühnenden Leiden wegen unserer Sündenschuld, die Er am Kreuz erduldete; auch nicht an die Leiden um der Gerechtigkeit willen, die Er als der einzig gerechte Mensch in vollkommener Tiefe ertrug, sondern allein an die vielen alltäglichen Umstände, in die der Herr Jesus kam, weil Er als wahrhaftiger Mensch hier lebte. Müdigkeit, Hunger und Durst lernte Er in gleicher Weise wie wir kennen – aber noch mehr: Freiwillig ist Er auch in die örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten des Lebens auf der Erde eingetreten. Uns mag das weniger bedeutungsvoll erscheinen, denn wir sind in Raum und Zeit hineingeboren, wir kennen nichts anderes. Aber für Ihn bedeuteten diese Folgen Seiner Menschwerdung eine tiefe Erniedrigung.

Der ewige Gott steht über Raum und Zeit. Er ist allgegenwärtig. Die Ewigkeit kennt keine Grenzen. Raum und Zeit kennzeichnen die Schöpfung, nicht den Schöpfer. Aber als Mensch lebte Er im Einklang mit den Gesetzen Seiner Schöpfung und unterwarf sich den Einschränkungen von Raum und Zeit!

Erinnern wir uns noch einmal an die Begebenheit in Johannes 11. Dort wird diese Einschränkung aufgrund Seiner vollkommenen Menschheit auch so besonders deutlich. Als Lazarus erkrankte und starb, war der Herr zu dieser Zeit an einem anderen Ort. Als Er dann erst Tage später eintraf, konnten beide Schwestern bezeugen: „Herr, wenn du hier gewesen wärest, so wäre mein Bruder nicht gestorben“ (Joh 11,21.32). Da hatten sie Recht. Aber hatte Er nicht den Knecht des Hauptmanns von Kapernaum aus der Entfernung geheilt? Und hatte Er nicht auf übernatürliche Weise die Entfernung vom Berg zu den Jüngern mitten auf dem See überwunden, um dem Sturm zu stillen? Unmöglichkeiten gab es doch für Ihn nicht, auch nicht „in den Tagen seines Fleisches“. Die Antwort lautet: „Diese Krankheit ist ... um der Herrlichkeit Gottes willen“ (V. 4). Alles in Seinem Leben diente der Verherrlichung Gottes, auch Sein Verhalten inmitten Seiner Schöpfung, und offenbarte zugleich Seine eigene Herrlichkeit.

Jesus von Nazareth

Wenn nun der Herr Jesus in Seiner Niedrigkeit auf der Erde als vollkommener Mensch entsprechend den irdischen Gesetzmäßigkeiten auch an Ort und Zeit gebunden war, so hatte ein bestimmter Ort für die längste Zeit Seines Erdenlebens eine besondere Bedeutung: Nazareth. Es ist der Ort, wo Er als Mensch aufwuchs – dort lebte Er etwa 30 Jahre im Verborgenen, bevor Er öffentlich auftrat. Somit verbrachte der Herr die meiste Zeit Seines Lebens auf der Erde in Nazareth. Daher nannte man Ihn „Jesus von Nazareth“.

Nazareth lag in der damals verachteten Provinz Galiläa im Norden Israels. In den Tagen Jerobeams hingen die Stämme aus diesem Landstrich dem Götzendienst an. Deshalb wurde dieses Gebiet „Galiläa der Nationen“ genannt – ein Volk, „das in Finsternis und Todesschatten sitzt“ (Jes 9,1.2; Mt 4,15.16).

Zudem war Nazareth selbst unter den Bewohnern Galiläas ein gering geachteter Ort. Aus den Worten Nathanaels, der wohl auch aus dem verachteten Galiläa stammte, wird diese besondere Geringschätzung deutlich: „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?“, fragte er, als er von Philippus auf „Jesus, den Sohn Joseph, den von Nazareth“ hingewiesen wurde (Joh 1,45.46).

Während Seines Lebens

Nach dem Willen Gottes sollte Sein Sohn gerade in dieser Gegend als Mensch aufwachsen – nicht etwa in Jerusalem oder in einer anderen angesehen Stadt, sondern in dem verachteten Ort Nazareth. So empfing Joseph nach dem Tod von Herodes im Traum eine göttliche Weisung und zog hin „in das Gebiet von Galiläa und kam und wohnte in einer Stadt, genannt Nazareth, damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: Er wird Nazaräer genannt werden“ (Mt 2,22.23).

Die Menschen nannten den Herrn Jesus oft „Nazarener“, um ihre Verachtung Ihm gegenüber zum Ausdruck zu bringen (z.B. Mk 14,67). Doch bei Gott steht dieser „Titel“ mit wunderbaren Herrlichkeiten Seines Sohnes in Verbindung, der bereit war, in Niedrigkeit zu kommen und Schmach zu tragen. Auch hier bewahrheitet sich, dass Christus als Mensch zwar von Menschen verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar ist (1. Pet 2,4).

Nach Seiner Auferstehung

Dass es sich bei dem Titel „Jesus von Nazareth“ aus göttlicher Sicht um einen kostbaren Namen handelt, macht die Berichterstattung der Heiligen Schrift nach der Auferstehung Christi deutlich.

Zuerst ist es ein Engel, der den auferstandenen Herrn so bezeichnet: „Ihr sucht Jesus, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden“ (Mk 16,6), rief er den ängstlichen Frauen in der offenen Gruft zu. Später verwendet der Apostel Petrus sogleich in seiner ersten Predigt diesen Namen: „Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus, den Nazaräer, ... (Apg 2,22 u.a.). Und sogar der Herr Jesus selbst wendet sich mit diesem Titel vom Himmel her an Saul, der ihn verfolgte: „Ich bin Jesus, der Nazaräer, den du verfolgst“ (Apg 22,8). Kommt nicht die besondere Wertschätzung Gottes dadurch zum Ausdruck, dass jetzt Engel, Apostel und der verherrlichte Herr selbst diesen Namen verwenden, den zuvor meist noch die Menschen in verachtender Weise gebrauchten?

Vor Seiner Geburt

Schon die alttestamentlichen Propheten wiesen auf die Bedeutung dieses Namens in Bezug auf Christus hin: „Er wird Nazaräer genannt werden“ (Mt 2,23). Zwar finden wir nicht genau diese neutestamentlichen Worte in den prophetischen Schriften, wohl aber den Hinweis darauf, dass der kommende Christus von den Menschen verachtet werden würde. Jesaja deutet darauf hin, dass „er verachtet und verlassen von den Menschen war“ (Jes 53,3), und David redete in prophetischer Weise von Ihm als „den vom Volk Verachteten“ (Ps 22,7).

So war Er in den Augen der Menschen der Verachtete und wurde Nazarener genannt, aus göttlicher Sicht aber ist dieser Name ein Ehrentitel, weil es die moralische Herrlichkeit des Herrn Jesus zeigt, der bereit war, sich zu erniedrigen und den Weg der Verachtung zu gehen.

Nichts habend – alles besitzend

So ist der Herr Jesus freiwillig im Zuge Seiner Menschwerdung in die Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit eingetreten und in der verachteten Stadt Nazareth aufgewachsen. Aber nicht nur das. Innerhalb dieser Einschränkungen erniedrigte Er sich noch tiefer, sodass Er, der reich war, „um unsertwillen arm wurde“ (2. Kor 8,9). Als Mensch hatte er keine irdischen Besitztümer, ja noch nicht einmal einen dauerhaften Ruheplatz: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege“ (Mt 8,20). Als Mensch hatte Er nichts, obwohl Er als der Schöpfer-Gott alles besitzt! Auch vor dieser moralischen Herrlichkeit unseres Herrn als Mensch wollen wir mit anbetendem Herzen einen Augenblick stehen bleiben.

Auf den ersten Blick scheint es unmöglich zu sein, nichts zu haben und gleichzeitig alles zu besitzen. Doch beides ist in Christus gleichermaßen Wirklichkeit gewesen, als Er hier auf der Erde lebte. Hier haben wir wieder ein Beispiel für die kontrastreiche Betrachtungsweise der Schrift, um uns bedeutsame Wesenszüge Seiner Person zu schildern. Zuletzt hatten wir dies bei der Betrachtung des Herrn Jesus als Bild des unsichtbaren Gottes gesehen. Solche Gegensätze finden sich in Ihm vereint und machen so die Größe Seiner Person deutlich, denn sie heben gleichzeitig Sein göttliches Wesen und Sein Menschsein hervor. So erklärt es sich, dass Er als Mensch zwar nichts haben, aber zugleich als der Schöpfer-Gott alles besitzen konnte. Wie groß ist das!

Die Tiefe Seiner Erniedrigung

So ging Er hin und „verkaufte alles, was Er hatte“, sodass das Urteil der Menschen um Ihn her lautete: „Ist dieser nicht der Sohn des Zimmermanns?“ (Mt 13,55). Wie hat sich da das Prophetenwort erfüllt: „Er hatte keine Gestalt und keine Pracht, und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir ihn begehrt hätten“ (Jes 53,2). Er, der sich als Mensch „zu nichts machte“ (Phil 2,7), wurde von den Menschen „für nichts geachtet“ (Jes 53,3)!

Aber damit nicht genug. In Seinem Leben als Mensch erfüllte sich buchstäblich, dass Er „nichts hatte“: Als die Einnehmer der Tempelsteuer zu Petrus kamen, musste der Herr durch ein Wunder das benötigte Geldstück beschaffen, weil Er selbst keines bei sich hatte – und zugleich bewies Er damit Seine Göttlichkeit (Mt 17,27). Auch die Steuermünze für Seine Belehrungen zur Steuerpflicht ließ Er sich von den Zuhörern reichen, denn Er selbst besaß eine solche Münze nicht (Mt 22,19). Als Mensch lebte Er in solch einer Armut, dass Er Hunger litt und auf die Rückkehr Seiner Jünger wartete, die ausgegangen waren, um Brot zu kaufen – gleichzeitig aber war Er als der alles besitzende Gott in der Lage, 5000 Männer auf einmal zu sättigen! So verlief alles nach einem göttlichen Plan, sowohl Sein Handeln als Mensch als auch die Kundgebung Seiner Gottheit.

Moralische Herrlichkeiten

Unsere Herzen sind voll Bewunderung, wenn wir sehen, wie der Herr sich als Mensch zu nichts machte und dabei doch der Sohn Gottes blieb, dem alles zu Gebote stand. Es sind moralische Herrlichkeiten der Person Christi, der hier auf der Erde nichts hatte und doch alles besaß. Obwohl Er seine äußere Herrlichkeit abgelegt hatte, blieb doch Seine moralische Herrlichkeit denen, die der Vater Ihm gegeben hatte (Joh 17,6), nicht verborgen. „Wir“, so sagt Johannes stellvertretend für sie alle, „haben seine Herrlichkeit angeschaut“ (Joh 1,14).

Leben, Licht, Liebe

Mehr als andere neutestamentliche Schreiber stellt der Apostel Johannes die moralischen Herrlichkeiten Christi zur Verherrlichung des Vaters heraus. Parallel dazu offenbart er aber auch Seine persönlichen Herrlichkeiten, die der Herr weitestgehend unter dem Mantel Seiner Niedrigkeit als Mensch verbarg. Johannes stellt also eine zweifache Betrachtungsweise der Herrlichkeiten Christi vor: Er zeigt nicht nur, was Sein Wesen kennzeichnet (moralische Herrlichkeiten), sondern auch, wer der Herr Jesus ist (persönliche Herrlichkeiten).

Persönliche Herrlichkeiten Christi

Besonders deutlich wird diese parallele Darstellung gleich zu Beginn des Johannes-Evangeliums. Dort finden wir in den ersten drei Versen zunächst persönliche Herrlichkeiten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eins, das geworden ist“ (Joh 1,1–3). Wir sehen also Christus als das ewige Wort (V. 1), den ewigen Gott (V. 2) und den allmächtigen Schöpfer (V. 3). Diese Herrlichkeiten Christi sind ausschließlich persönlicher Natur, denn sie stehen nicht mit anderen Menschen oder Geschöpfen in Verbindung (wie z.B. Seine Herrlichkeit als Haupt der Versammlung und der ganzen Schöpfung), sondern kommen in Seiner Person allein zum Ausdruck.

Moralische Herrlichkeiten Christi

Im unmittelbaren Anschluss daran stellt Johannes moralische Herrlichkeiten Christi in den Vordergrund: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,4.5). Jetzt sind wir nicht mehr mit dem beschäftigt, wer Er ist (V. 1–3), sondern mit dem, was Er in Seinem Wesen ist: Leben und Licht. Ohne auf die Bedeutung dieser Wesensmerkmale näher einzugehen, fügen wir noch aus dem ersten Johannesbrief die Liebe Gottes hinzu, um alle drei durch den Apostel Johannes offenbarten Wesenszüge des Herrn Jesus zusammenzustellen: Leben, Licht und Liebe.

Zu betonen ist noch, dass beim Herrn Jesus alle Wesenszüge in derselben Vollkommenheit hervortreten – im Gegensatz zu uns Menschen, bei denen oft ein Charakterzug auf Kosten des anderen ausgeprägt ist.

Leben, Licht und Liebe ...

Leben, Licht und Liebe – diese drei Wesenszüge des Herrn Jesus kennzeichnen die Schriften des Apostels Johannes ganz deutlich, oftmals liegen sie sogar der Gliederung Seiner Aufzeichnungen zugrunde! Das lässt sich beim Johannes-Evangelium und dem ersten Johannesbrief gut beobachten.

... im Johannes-Evangelium

Beim Johannes-Evangelium wird diese Gliederung am Übergang zum dreizehnten Kapitel erkennbar. Die ersten zwölf Kapitel zeigen den Herrn noch vorwiegend in Verbindung mit den Juden, Seinem irdischen Volk. Dabei begegnete Er sowohl der ganzen Volksmenge als auch einzelnen Personen (z.B. Nikodemus in Johannes 3 oder der Frau an der Quelle Jakobs in Johannes 4) und offenbarte allen, dass Er Licht und Leben ist. Er ist das Licht der Welt (Joh 8,12; 9,5) und das Brot des Lebens (Joh 6,35). Diese beiden Wesenszüge Seiner Person werden insbesondere in den ersten zwölf Kapiteln des Johannes-Evangeliums oft erwähnt.

Doch ab Kapitel 13 tritt viel deutlicher die Liebe des Heilandes in den Vordergrund: Der Herr lässt dort als Verworfener Sein irdisches Volk zurück und umgibt sich stattdessen mit den Seinen. In dieser innigen Atmosphäre offenbarte Er ihnen Seine göttliche Liebe, die Ihn kurze Zeit später ans Kreuz von Golgatha führte – „da er die Seinen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende“ (Joh 13,1).

... im ersten Johannes-Brief

Noch deutlicher wird diese Aufteilung beim ersten Brief des Apostels. In den beiden ersten Kapiteln wird der Schwerpunkt darauf gelegt, dass Gott Licht ist (1. Joh 1,5) und dass „das wahrhaftige Licht schon leuchtet“ (1. Joh 2,8). In Kapitel 3 und 4 wird dann insbesondere die Liebe hervorgehoben, die sich bei den Gläubigen untereinander zeigen soll (1. Joh 3,23) und in Gott selbst vollkommen zum Ausdruck kommt, „denn Gott ist Liebe“ (1. Joh 4,8). Das fünfte Kapitel zeigt dann anschließend das Leben, das auch wir erlangt haben, als göttlichen Wesenszug, weil wir aus Gott geboren sind (1. Joh 5,1.18): „Gott hat uns ewiges Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, hat das Leben“ (1. Joh 5,11.12).

So spiegeln sich bereits in der Struktur dieser Schriften von Johannes die Wesenszüge des Herrn Jesus wider, die der Apostel so nachdrücklich hervorhebt: Leben, Licht und Liebe.

... auf Golgatha

Was für wunderbare moralische Herrlichkeiten kommen in der Betrachtung dieser Wesenszüge des Herrn Jesus zum Ausdruck! Doch erst auf Golgatha stellten sie sich in absoluter Weise dar, denn dort konnten die Gegensätze nicht größer sein:

  • Er, der das Licht ist, hing dort drei Stunden lang in der Finsternis der Gottesferne.
  • Er, der die Liebe ist, erfuhr dort den tiefsten Hass.
  • Er, der das Leben ist, ging dort in den Tod.

Anbetungswürdiger Herr, der das alles in vollkommener Weise empfunden und erduldet hat!

Zur Verherrlichung des Vaters

Die moralischen und persönlichen Herrlichkeiten Christi waren stets zur vollkommenen Verherrlichung des Vaters. Es gab keinen einzigen Augenblick in dem Leben des Herrn Jesus als Mensch, der nicht zur Verherrlichung des Vaters gewesen wäre, obwohl Er die größten Entbehrungen in der Tiefe Seiner Erniedrigung auf sich nahm.

Welcher Mensch könnte für sich in Anspruch nehmen, dass er Gott unablässig verherrlicht? Alle, die je auf der Erde lebten, haben sich unfähig dazu erwiesen und meist das Gegenteil getan – bis auf den Herrn Jesus, den „Sohn des Menschen“. Er konnte in den Tagen Seines Erdenlebens vor Gott erklären: „Ich habe dich verherrlicht auf der Erde“ (Joh 17,4). Ja, es gab keinen einzigen Augenblick in Seinem Leben, der nicht zur Verherrlichung Gottes gewesen wäre!

Der Charakter der Verherrlichung

Es geht hierbei nicht um die Entfaltung äußerlicher und glanzvoller Pracht, die die Menschen beeindruckt hätte. Die Welt kannte ihren Schöpfer nicht, und das Volk Gottes nahm seinen Messias nicht an. Und doch war es der Sohn Gottes, der als Mensch die Erde betrat, und dessen moralische Herrlichkeit von den wenigen Getreuen wahrgenommen wurde, denen der Geist die Augen über Ihn geöffnet hatte (Joh 1,14). Aber Seine äußerliche Erscheinung allein ließ nicht darauf schließen, dass es Gott selbst war, der unter den Menschen weilte – so sehr verbarg Er Seine göttliche Herrlichkeit unter dem Mantel der Niedrigkeit.

Aber wodurch kam die Verherrlichung Gottes dann zum Ausdruck? Durch die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater, die von Ewigkeit her fortbestand, auch während der Herr als Mensch hier lebte. Was Er dachte, sprach und tat, empfand der Vater als völlig Seinem Wesen entsprechend. Der Sohn verherrlichte den Vater dadurch, dass Er dessen Wesen in vollkommener Weise offenbarte! So dokumentierte Christus in Seinem Leben und in Seinem Sterben, dass Gott Licht und Liebe ist.

Das Verhalten Jesu zur Verherrlichung Gottes

Von jeher ist es das Wesen des Sohnes, den Vater zu verherrlichen. Auch auf der Erde verherrlichte Er nie sich Selbst, sondern immer nur den Vater. Dies ist eine anbetungswürdige Schönheit der Person unseres Herrn! Obwohl Er Selbst der Herr der Herrlichkeit ist, ging es Ihm nie darum, Seiner eigenen Herrlichkeit Ausdruck zu geben – auch wenn Er es gelegentlich tat (Joh 2,11). Zwar wird Seine zukünftige Erscheinung auf der Erde in Macht und Herrlichkeit geschehen, aber dieses Anrecht hat Er sich gerade dadurch erworben, dass Er einst hier als „Sohn des Menschen“ Seine Herrlichkeit verbarg, um allein den Vater zu verherrlichen.

Dieses selbstlose Auftreten des Herrn war für viele Seiner Wegbegleiter schwer zu verstehen. So forderten Seine leiblichen Brüder Ihn einmal auf, sich doch der Welt zu zeigen, anstatt im Verborgenen zu handeln (Joh 7,4). Auch die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus, die mit Recht von Ihm die „Erlösung Israels“ erwartet hatten, waren über das Sichtbare nicht hinaus gekommen. Aber es war der Ratschluss Gottes, dass der Christus vor Seiner eigenen Verherrlichung zuerst leiden sollte (Lk 24,21.26).

Die Vollkommenheit der Verherrlichung ...

Auf Golgatha erreichte die Verherrlichung des Vaters durch den Sohn ihren Höhepunkt. Ja, der Herr konnte sagen: „Das Werk habe ich vollbracht, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte“ (Joh 17,4). Aber schon das ganze Leben des Sohnes war zur vollkommenen Verherrlichung des Vaters. Nie gab es einen Augenblick, weder in den verborgenen Tagen Seiner Kindheit noch in der Zeit Seines öffentlichen Auftretens, der nicht zur Verherrlichung Gottes gewesen wäre. Hier haben wir das vollkommene „Speisopfer“ vor uns.

Schon die alttestamentlichen Anweisungen zum Speisopfer weisen als Vorbilder darauf hin, dass das Leben des Herrn in jeder Beziehung zur Verherrlichung Gottes sein würde. So werden in 3. Mose 2 drei unterschiedliche Darbringungsformen des Speisopfers gezeigt: Wir lesen dort, dass die Zubereitung des Speisopfers im Ofen (V. 4), in der Pfanne (V. 5) oder im Napf (V. 7) erfolgen konnte. In dieser dreifachen Darbringung spiegelt sich das gesamte Leben des Herrn als das vollkommene Speisopfer wieder.

... und das dreifache Speisopfer

Im Ofengebäck erkennen wir den allgemeinen Grundgedanken: Feuer bedeutet Gericht, und wo es nichts zu richten gibt – wie beim Herrn Jesus –, bedeutet es Leiden um der Gerechtigkeit willen. Die Öfen der damaligen Zeit waren Feuerstellen im Erdboden oder aus aufgeschichteten Steinen, in denen das Backgut, meist frei geformte kleinere Brote, dem Feuer ausgesetzt wurde. Die Leiden des Herrn Jesus in Seinem Leben waren umfassend, ob es um die Folge der Sünde ging, unter denen die ganze Schöpfung seufzt, das Los der verlorenen Menschen und ihre Feindschaft gegenüber Gott und gegen Ihn oder um das Unverständnis derer, die Ihm nahe standen. Alles ertrug Er in der makellosen Vollkommenheit, die sich nur bei Ihm fand: zur Verherrlichung des Vaters.

Das alttestamentliche Speisopfer konnte aber auch in der Pfanne zubereitet werden. Hierbei vollzog sich die Wirkung des Feuers unter ungehindertem Blick auf die Opfergabe, da die Pfanne ein offenes Gefäß ist. Wie viel Ablehnung, wie viel Spott und Hohn, ja Lästerung, hat der Herr in aller Öffentlichkeit erdulden müssen! Auch das nahm Er auf Sich zur Verherrlichung Seines Vaters, „denn deinetwegen trage ich Hohn, hat Schande bedeckt mein Angesicht“ (Ps 69,8). Nur mit stiller Ehrfurcht können wir an die furchtbaren Misshandlungen denken, die Er am Kreuz vonseiten der Menschen ertrug, zu deren Heil Er gekommen war.

Doch dann haben wir noch das Speisopfer im Napf. In diesem verschlossenen Gefäß wirkte das Feuer im Verborgenen. Wie oft war der Herr „innerlich bewegt“ über die Nöte der Volksscharen, wie tief hat Er im Innern mitempfunden, wenn er Kranke heilte (Mk 6,34; Mt 8,17)! Unweigerlich werden wir an die letzten Stunden des Lebens des Herrn erinnert, die Er alleine durchleiden musste – von den eigenen Jüngern verraten, verlassen (Mt 26,56) und verleugnet. Dennoch war Er auch in diesen leidvollen Stunden, in die wir keinen Einblick haben, das vollkommene „Speisopfer“. Anbetungswürdiger Heiland, der den Vater in Seinem ganzen Leben jederzeit verherrlicht hat!

Und dieses vollkommene Speisopfer Seines Lebens war auch die Voraussetzung und die Grundlage dafür, dass Er durch Sein Sterben am Kreuz das bewirken konnte, was Ihn allezeit erfüllte: die Verherrlichung des Vaters.

Das Lamm Gottes

In der Anwendung alttestamentlicher Vorbilder auf die Person und das Werk des Herrn Jesus zeigt sich häufig, dass nicht so sehr vorhandene Übereinstimmungen, sondern vielmehr die Unterschiede zwischen Vorbild und Wirklichkeit von tiefgreifender Bedeutung sind. Denn erst dadurch zeigt sich die Größe Seiner Person gegenüber allen Vorbildern.

In der Gegenüberstellung der Opfer des Alten Bundes mit dem göttlichen Opfer des Sohnes kommt dies klar zum Ausdruck. Obwohl jedes einzelne alttestamentliche Opfer für sich bis in die kleinsten Einzelheiten der Zubereitung und Darbringung ein wunderbares Vorbild auf das Opfer des Herrn Jesus ist (wie wir es schon anhand des Speisopfers gesehen haben), so kristallisiert sich die Erhabenheit und Einzigartigkeit Seines Opfers erst in der Betrachtung der Unterschiede heraus. Dies wollen wir nun auch im Hinblick auf das Brandopfer ein wenig genauer betrachten.

Das alttestamentliche Brandopfer

Das Brandopfer spricht vom Opfertod des Herrn am Kreuz und war daher ein blutiges Opfer, im Gegensatz zum Speisopfer, das von Seinem Leben als gerechter Mensch redet und bei dem daher kein Blut floss. Zum Fest der ungesäuerten Brote sollten insgesamt zwei Stiere, ein Widder und sieben Lämmer als Brandopfer dargebracht werden (4. Mo 28,19). Ein einzelnes Tier hätte hier nicht ausgereicht, um auf die vielen Merkmale des wahren Brandopfers hinzuweisen – auf das Lamm Gottes! Hier sehen wir bereits den auffälligsten Unterschied zwischen dem vorbildlichen und dem wahren Brandopfer: Während der opfernde Priester insgesamt zehn verschiedene Tiere für das Brandopfer darbringen musste, hatte Gott Seinerseits ein einziges Lamm – Seinen Sohn! In Ihm vereinten sich alle Merkmale, die in den verschiedenen Opfertieren vorgebildet sind: die Kraft und Ausdauer der beiden jungen Stiere, die Energie des Widders sowie der Gehorsam und die Hingabe eines Lammes. Erst solche Unterschiede heben die Größe Seiner Person und Seines Opfers deutlich hervor!

Der Sohn als Brandopfer

Zu alttestamentlichen Zeiten lag diese wunderbare Wahrheit über das Lamm Gottes noch hinter dem Schleier der Vorbilder verborgen. Erst im Neuen Testament wird offenbar, dass das Lamm Gottes der Sohn Gottes Selbst ist (Joh 1,29.36). Dennoch tritt diese Wahrheit an einer Stelle im Alten Testament für einen kurzen Augenblick hervor, wenn wir lesen: „Nimm deinen Sohn ... und opfere ihn als Brandopfer“ (1. Mo 22,2). Diese Stelle ist sehr bemerkenswert, denn sie weist schon darauf hin, dass der Sohn Gottes das Lamm Gottes werden sollte. Menschen konnten nur Tiere als Opfergabe bringen, die niemals Sünden wegnehmen können (Heb 10,11). Gott jedoch gab Seinen Sohn als Opferlamm. Was für ein gewaltiger Unterschied, der sowohl die Größe der Erbarmung Gottes als auch die damit verbundene Erniedrigung Seines Sohnes hervortreten lässt!

Die zweifache Bedeutung des Lammes

Bleiben wir noch einen Augenblick beim alttestamentlichen Opferlamm, so fällt uns auf, dass im Gegensatz zu dem einen Lamm Gottes hier die Wahl bestand zwischen einem Lamm von den Schafen oder von den Ziegen – sowohl beim Passah (2. Mo 12,5), als auch beim Brandopfer (3. Mo 1,10). Abgesehen davon, dass Gott hier dem Opfernden je nach Besitz eine gewisse Freizügigkeit gestattet, zeigt uns das Schaf den Gehorsam und die völlige Ergebenheit des Sohnes Gottes, der alles erduldete „wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern, und seinen Mund nicht auftat“, um das zu erfüllen, was dem Willen des Vaters entsprach (Jes 53,7). Im Lamm von den Ziegen hingegen können wir vielleicht eher die Festigkeit und den Willen des Herrn erblicken, dieses Opfer im Gehorsam zu stellen.

Doch worin liegt nun hier der bereits angedeutete Unterschied zwischen Vorbild und Wirklichkeit? Das Wörtchen „oder“ zeigt es uns: das Lamm konnte entweder von den Schafen oder von den Ziegen genommen werden – im Opfer Christi dagegen finden wir beides untrennbar miteinander verbunden, denn in Seinem Opfer haben wir die Bedeutung von beidem. Er war in Seinem Gehorsam willig und in Seiner Festigkeit auch fähig, das Lamm Gottes zu werden. Strahlt nicht durch diesen Gegensatz die Größe Seiner Person hervor? Alle Vorbilder finden gemeinsam in Ihm ihre Erfüllung.

Ein Vergleich mit Moses und Paulus

So zeichnet sich das Lamm Gottes gleichzeitig durch Willigkeit und durch Fähigkeit zur Vollbringung des Werkes Gottes aus. Nur Christus war bereit und imstande, für sündige Menschen zu sterben. Das ist die Besonderheit des Lammes Gottes gegenüber allen Vorbildern im Alten Testament.

Wir finden das durch zwei weitere Beispiele in Gottes Wort bestätigt: Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament wird von einem Mann berichtet, der sich in der Eigenschaft eines Opfers für andere hingeben wollte, dem aber die Fähigkeit dazu fehlte. Es sind Mose und Paulus. Mose war einst bereit, aus dem Buche Gottes um des Volkes willen ausgelöscht zu werden (2. Mo 32,32), und Paulus war bereit, durch einen Fluch von Christus entfernt zu werden um seiner Brüder willen (Röm 9,3). Es steht außer Frage, dass bei beiden eine glühende, echte Liebe zum Volk Gottes der Beweggrund hierfür war. Aber sie konnten dieses Opfer nicht stellen, weil ihnen die Fähigkeit dazu fehlte! Sie konnten nicht das Gericht Gottes für andere auf sich nehmen, weil sie selbst dieses Gericht verdient gehabt hätten. Wie eindrucksvoll sprechen davon die Verse 8 bis 10 von Psalm 49! Das konnte nur der Herr Jesus, weil Er selbst ohne Sünde war und darum tauglich, alles zugleich zu erfüllen, was nötig war.

Was für ein einmaliges Opfer ist doch dieses Lamm Gottes! In der ganzen Ewigkeit wird Er so vor uns stehen – als „ein Lamm wie geschlachtet“. Mögen wir vom Anblick dieses Lammes so tief beeindruckt sein wie der Apostel Johannes! Er war es schon auf der Erde (Joh 1,36) und durfte es im Geist auch schon im Himmel sein (Off 5,6). Das wird auch unser Teil sein, Ihn zu sehen, wie Er ist.

Das Lamm Gottes, der Mittelpunkt

Christus steht als das Lammes Gottes im Zentrum des gesamten Ratschlusses Gottes, wir sehen Ihn als „ein Lamm wie geschlachtet“ inmitten des Thrones und der vier lebendigen Wesen und inmitten der Ältesten stehen (Off 5,6). Dieses Lamm nimmt nicht nur in der ganzen Schöpfung, sondern auch in den Aussagen der Heiligen Schrift eine zentrale Stellung ein. Dies soll uns ein wenig näher beschäftigen.

Das Lamm Gottes im Mittelpunkt der Heiligen Schrift

Bereits im Alten Testament ist vielfach von einem Lamm zum Brandopfer die Rede. Dabei fällt auf, dass dies insbesondere in Verbindung mit Abraham, Mose und Jesaja der Fall ist. Weiter finden wir im Neuen Testament in Anlehnung daran einen erweiterten Blick auf dieses zentrale Thema. Vergleichen wir einmal:

Bei Abraham war das geforderte Brandopfer sein „einziger Sohn“ Isaak (1. Mo 22,2). Parallel dazu finden wir im Johannes-Evangelium die Aussage, dass Christus, das Lamm Gottes, nicht nur der „einzige Sohn“, sondern der „eingeborene Sohn“ Gottes ist (Joh 1,14.18) – der einzige seiner Art, ebenso einzigartig wie Gott selbst. Diese Tragweite konnte im Alten Testament noch nicht zum Ausdruck kommen, weil damals nicht Gott der Geber war.

Bei Mose musste das Passahlamm „ohne Fehl“ sein (2. Mo 12,5). Demgegenüber nennt Petrus das Lamm Gottes „ein Lamm ohne Fehl und ohne Flecken“ (1. Pet 1,19). Auch hier deutet der neutestamentliche Zusatz die Vollkommenheit und Einzigartigkeit des Opfers Christi an.

Schließlich zeigt Jesaja aus prophetischer Sicht, dass Christus, das Lamm Gottes, „wegen der Übertretung seines Volkes“ zur Schlachtung geführt werden musste (Jes 53,7.8). Der entsprechende Bezug zum Neuen Testament findet sich in Apostelgeschichte 8, wo Philippus dem fragenden Kämmerer aus Äthiopien „anfangend von dieser Schrift das Evangelium von Jesus verkündigte“ (Apg 8,35). Damit wird deutlich, dass das Opfer Christi die Grundlage dafür ist, dass nun allen Nationen das Evangelium der Gnade verkündigt werden kann.

Das Lamm Gottes im Mittelpunkt des Ratschlusses Gottes

So kommt dem Lamm Gottes in der Heiligen Schrift eine zentrale Bedeutung zu – und zwar in so umfassender Weise, dass der ganze Ratschluss Gottes durch alle Zeiten hindurch nicht anders denkbar ist. Beginnend mit der zeitlichen Darstellungsweise auf der Erde wollen wir auch diesen universellen Aspekt noch ein wenig beleuchten.

Dabei wird im Hinblick auf Israel und die Nationen gleichermaßen deutlich, dass sich die aufgestellte Zeitrechnung stets an Christus, dem Lamm Gottes, ausrichtet: Für Israel erklärte Gott bei der Einführung des Passahfestes den Monat Abib (den bislang siebten Monat des bürgerlichen Jahres) zum ersten Monat des heiligen Jahres und ließ zu dieser Zeit das Passahlamm in Erscheinung treten (2. Mo 12,2.3; 5. Mo 16,1). Aber auch die Menschen ordneten im Rückblick auf die Erscheinung des Lammes Gottes den Kalender innerhalb der Christenheit neu und wählten das Geburtsjahr Christi zum Ausgangspunkt der heutigen Jahreszählung. Somit steht das Lamm Gottes im Mittelpunkt des Zeitgeschehens.

Doch die zentrale Stellung des Lammes Gottes wird nicht nur auf der Erde, sondern auch im Himmel deutlich werden und somit eine universelle Ausdrucksform annehmen: Wie bereits erwähnt, sieht Johannes „inmitten des Thrones und der vier lebendigen Wesen und inmitten der Ältesten ein Lamm stehen wie geschlachtet“ (Off 5,6). Schon auf der Erde stand das Kreuz des geschlachteten Lammes Gottes in der Mitte. Diesen zentralen Platz wird Christus auch im ganzen Universum in Ewigkeit als Lamm Gottes einnehmen.

Wie ergreifend ist es zu sehen, dass unser Herr, den die Menschen von Anfang an beiseitesetzen und nicht in ihre Mitte aufnehmen wollten, nach dem Ratschluss Gottes dennoch im Mittelpunkt steht – als ein Lamm, das für uns geschlachtet worden ist!

Ein einmaliges Opfer

Unter den verschiedenen Opfern, die Gott im alten Bund dem Volk Israel verordnet hatte, nehmen diejenigen, die jährlich dargebracht werden mussten, einen besonderen Platz ein. Der Ablauf eines einzelnen Jahres wird durch sie zu einem Abbild der gesamten Heilsgeschichte: Alles, was in diesen Vorbildern einmal im Jahr geschah – gewöhnlich anlässlich der Feste des Herrn –, findet im ganzen Heilsplan Gottes einmalig seine Verwirklichung. Das verleiht diesen Festen mit ihren Opfern eine überragende Bedeutung und Würde als Vorbilder „auf Christus hin“.

Für die Israeliten war besonders der große Versöhnungstag der Inbegriff ihrer geordneten Beziehung zu Gott, denn jedes Mal gab ihnen die Sühnung, die an diesem Tag geschah, für ein weiteres Jahr die Sicherheit, dass Gott in ihrer Mitte wohnen konnte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass besonders der Hebräerbrief hieran anknüpft.

Im Licht des vollbrachten Werkes von Golgatha verblassen auch die bedeutsamsten Vorbilder zu „Schatten“. So bleibt bei einem Rückblick auf den großen Versöhnungstag als vorherrschender Eindruck nur das „alljährliche Erinnern an die Sünde“ übrig, das eine Folge der jährlich notwendigen Wiederholung war. Und der tiefere Grund dafür ist der, dass „Blut von Stieren und Böcken unmöglich Sünden wegnehmen“ kann (Heb 10,4).

Einmalige Darbringung

Das Opfer Christi steht in seiner Vollkommenheit unendlich weit über allen Vorbildern, denn es ist ihre Erfüllung. Es ist die Grundlage für die endgültige Abschaffung der Sünde, weil es einmalig und ein für allemal dargebracht worden ist. Hier gibt es keine Wiederholung und damit auch kein Erinnern mehr an die Sünden, denn sie sind endgültig gesühnt, so dass auf dieser Grundlage auch Gott unserer Sünden und Gesetzlosigkeiten nie mehr gedenken wird (Heb 10,17).

Aber nicht nur ist dieses Opfer einmalig dargebracht worden, es ist auch einmalig in seinem Wert und seinen Auswirkungen. Gerade deshalb musste und konnte es nur einmal dargebracht werden. Jeder Gedanke an eine Wiederholung würde seinen Wert infrage stellen und wäre eine Herabwürdigung dessen, was Gott unendlich hoch einschätzt (Heb 10,12).

Einmalig in seinen Merkmalen

Nicht nur die wiederholte Darbringung, sondern auch die unterschiedliche Art der alttestamentlichen Opfer lässt erkennen, dass mit nur einem einzigen Vorbild die Tragweite des Opfers Christi nicht zu beschreiben ist. Schlachtopfer, Speisopfer, Brandopfer und Sündopfer waren nötig, um die verschiedenen Gesichtspunkte des Opfers Christi anzudeuten, abgesehen von den verschiedenartigen Opfertieren. Hier sei noch einmal an das Beispiel erinnert, bei dem das Brandopfer aus zwei jungen Stieren, einem Widder und sieben einjährigen Lämmern, also 10 Opfertieren, bestehen musste, und das 7 Tage lang, während des ganzen Festes der ungesäuerten Brote (4. Mo 28,19.24)! Dem gegenüber steht das Lamm Gottes, dieses eine Lamm, gegeben von Gott selbst, das alle diese verschiedenen Vorbilder in sich vereint: „Schlachtopfer und Speisopfer und Brandopfer und Opfer für die Sünde“ hatte Gott „nicht gewollt“; sie waren nicht das Eigentliche, was Er im Sinn hatte. „Da sprach ich: Siehe, ich komme“ (vgl. Heb 10,5–7). Hier haben wir einen Eindruck von der einzigartigen Tragweite des Opfers des Sohnes Gottes!

Ein Merkmal der Einmaligkeit Seines Opfers ist die allgemeine Vorschrift des Gesetzes, dass das Opfertier eines Schlachtopfers „ohne Fehl“, d.h. ohne Mangel oder Gebrechen, sein musste – ein Hinweis auf die Vollkommenheit des Lammes Gottes in jeder Beziehung. Im Besonderen wird die Sündlosigkeit des Herrn Jesus im Neuen Testament an drei verschiedenen Stellen von drei Aposteln (Paulus, Petrus und Johannes) bezeugt, damit wir ein vollkommenes und wahrhaftiges Zeugnis darüber haben sollten (2. Kor 5,21; 1. Pet 2,22; 1. Joh 3,5).

Aber das Lamm Gottes war nicht nur „ohne Fehl“, sondern auch „ohne Flecken“ (1. Pet 1,19). Dieser Zusatz deutet an, wie sehr die Vortrefflichkeit des Herrn Jesus größer ist als alles, was nötig war. Unter dem Gesetz gab es keine Vorschrift über das Fell der Opfertiere, obwohl unter Herdenbesitzern die gefleckten weniger begehrt waren (1. Mo 30,31–43). Als Opfer mussten sie nur ohne Fehl sein. Aber es entspricht ganz dem Wesen Gottes, dass Sein Handeln immer die Notwendigkeit übertrifft. Das zeigt sich auch im Opfer des Herrn Jesus.

Einmalige Auswirkungen

So einmalig wie das Opfer selbst sind auch dessen Auswirkungen: „Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden“ (Heb 10,14). Durch das Opfer Jesu Christi sind wir als Gläubige geheiligt, um in der Gegenwart Gottes priesterlich zu dienen – und zwar auf immerdar. Der Ausdruck „auf immerdar“ weist auch hier darauf hin, dass eine Wiederholung oder Bestätigung weder nötig noch überhaupt denkbar ist, denn das hieße, die Vollgültigkeit des Opfers Christi infrage zu stellen. Es gibt keine Störung, durch die wir unsere vollkommene Stellung vor Gott auch nur für einen Augenblick verlieren könnten. Das enthebt uns nicht der Notwendigkeit, auch ein Leben in praktischer Heiligung zu führen. Das Waschbecken für die Priester im Alten Testament hat auch für uns heute seine geistliche Bedeutung (Heb 10,22). Aber unsere Stellung als „Geheiligte“ gründet sich allein auf das Opfer Christi.

Die Sicherheit dieser Stellung wird noch dadurch unterstrichen, das dasselbe Wort „immerdar“ auch auf den Herrn Jesus selbst angewendet wird in Bezug auf Seinen Platz, den Er zur Rechten Gottes eingenommen hat: „Er aber ... hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes“ (Heb 10,12).

Anbetungswürdiger Herr, wir danken Dir für Dein Opfer!

Jesus Christus, der Gerechte

Auf welcher Grundlage konnte Christus solch ein vollkommenes Opfer bringen, das sowohl in Seinem Leben (Speisopfer) als auch in Seinem Sterben (Brandopfer) als Lamm Gottes zum Ausdruck gekommen ist? Die Antwort ist allein in Ihm zu finden: Alles beruht auf Seiner absoluten Gerechtigkeit und Sündlosigkeit, die Ihn im Gegensatz zu allen anderen Menschen auszeichnet. Deshalb wird Er auch als „der Gerechte“ bezeichnet (1. Joh 2,1; 1. Pet 3,18). Dieser Titel ist ein weiterer Ausdruck der Größe und Einzigartigkeit Seiner Person.

Der Gerechte ...

Wenn wir den Herrn Jesus als den Gerechten betrachten, dann zeigt sich dieses Merkmal in besonderer Weise an Seiner Person als vollkommener Mensch, denn als Sohn Gottes ist Er ohnehin der Inbegriff göttlicher Gerechtigkeit. Aber als Mensch brachte nur Er sie in vollkommener Weise zum Ausdruck. Es gab keinen Menschen außer Ihm, der in allem, was Er tat, sagte und dachte, so völlig den Ansprüchen Gottes entsprach wie Er. „Da ist kein Gerechter, auch nicht einer“ (Röm 3,10). Der Herr Jesus ist der Einzige, dem dieser Titel zukommen kann. Deshalb bezeichnet Ihn der Apostel Johannes auch zu Recht als den Gerechten; Er war nicht bloß ein Gerechter unter einigen anderen, sondern der einzig vollkommene Gerechte überhaupt, der hier auf der Erde lebte. So schreibt Petrus auch von dem Gerechten und stellt Ihm die Ungerechten gegenüber (1. Pet 3,18).

... und die Bundeslade

Dieser einzigartige Gerechte wird uns im Alten Testament durch die Bundeslade in sehr schöner Weise vorgestellt. Soeben noch waren wir mit den vorbildlichen Opfern des alten Bundes beschäftigt und sehen nun in der Bundeslade ein weiteres alttestamentliches Vorbild im Hinblick auf die Herrlichkeiten Christi. Insbesondere weisen dabei die Gegenstände in der Bundeslade auf die gerechte Person des Herrn Jesus als Mensch hin.

Wir finden nur eine einzige Stelle in der Heiligen Schrift, die alle drei Gegenstände innerhalb der Bundeslade zusammen aufzählt. In Hebräer 9 werden der goldene Krug mit dem Manna, der Stab Aarons und die beiden Gesetzestafeln erwähnt (V. 4). Interessanterweise ist hier die Aufzählung der Gegenstände in der genau umgekehrten Reihenfolge zur historischen Abfolge wiedergegeben (zuerst wurden die Gesetzestafeln in die Bundeslade gelegt, die hier zuletzt erwähnt werden). Aber wir wollen uns nun mit den Gegenständen selbst beschäftigen, die den Herrn von drei verschiedenen Seiten als den gerechten Menschen auf der Erde darstellen.

Der goldene Krug

Der goldene Krug mit dem verborgenen Manna zeigt uns das Herniederkommen des Herrn Jesus und Seinen Wandel auf der Erde. Darin stellt Er sich in vollkommener Weise als der Gerechte dar. Denn sowohl Seine Herkunft (das Manna kam vom Himmel herab) als auch Sein Erdenleben (das Manna lag auf der Erde, und zwar auf dem Tau) bezeugen Seine göttliche Gerechtigkeit, die durch das Gold des Kruges hervorgehoben wird. Wer sonst hätte vom Himmel her auf diese Erde kommen können, um als das Brot vom Himmel den Menschen zur Speise zu sein, als nur der Gerechte?

Der Herr zeigt in Johannes 6, dass Er selbst das wahrhaftige Manna ist – und zwar in dreifacher Hinsicht. Wenn Er dort vom Brot Gottes spricht (V. 33), dann sehen wir darin, dass Er eine Gabe Gottes ist, wie das Manna „Brot vom Himmel“ war (2. Mo 16,4). Wenn das Manna dagegen in Bezug auf uns gesehen wird, dann spricht der Herr vom Brot des Lebens (V.48). Durch Ihn, den Gerechten, haben wir das ewige Leben. Aber in diesem Kapitel bezeichnet der Herr sich selbst auch als das lebendige Brot (V. 51). Beide Ausdrücke, das Brot des Lebens und das lebendige Brot, sind sich sehr ähnlich, die Bedeutung ist aber unterschiedlich, denn das lebendige Brot stellt uns den Herrn mehr in dem vor, was Er in sich selbst ist. So kommen in diesen drei verschiedenen Bezeichnungen hinsichtlich des Manna Seine göttliche Herkunft und Seine vollkommene Gerechtigkeit in Bezug auf uns und Seiner eigenen Person zum Ausdruck. Was für eine außergewöhnliche Darstellung der gerechten Person unseres Herrn als Mensch ist hier zu finden! Aber auch das Manna in seiner Beschaffenheit gibt uns einen Eindruck von Seiner Gerechtigkeit. Wir lesen, dass es fein und weiß war (2. Mo 16,14.31). Darin finden wir einerseits eine Andeutung auf die Ausgewogenheit und Makellosigkeit Seiner Person (fein), andererseits aber auch auf die Reinheit und Heiligkeit (weiß) dieses Gerechten. In dieser Form lag das Manna auf der Erde, und so wandelte der Herr Jesus in völliger Gerechtigkeit auf ihr.

Die Gesetzestafeln

Die Gesetzestafeln in der Bundeslade vertiefen diesen Eindruck vom Leben dieses gerechten und vollkommenen Menschen. Hier erfüllt sich das Wort aus Psalm 40, das prophetisch auf Ihn hinweist: „Dein Gesetz ist im Innern meines Herzens“ (Ps 40,9). Einzig der Herr Jesus lebte völlig und zu jeder Zeit nach den Gedanken und Ansprüchen Gottes, weil Er der Gerechte war. So wie die Gebote Gottes im Innern der Lade verborgen waren, so behielt der Herr als der Gerechte das Gesetz Gottes in Seinem Herzen und brachte das durch Seinen gerechten Wandel zum Ausdruck.

Der Stab Aarons

Bislang stand Christus in Seinem Herniederkommen und in Seinem Leben als der Gerechte auf der Erde vor uns. Die dritte Seite dieser herrlichen Wahrheit über Seine Person finden wir in Seiner Auferstehung. Sie bezeugt, dass Er der wahrhaftige Gerechte ist. Denn Gott konnte nicht zugeben, dass sein Frommer (Gerechter) die Verwesung sehe (Ps 16,10). Davon ist der Stab Aarons ein Vorbild.

Dieser Stab hatte auch drei besondere Kennzeichen, die in 4. Mose 17 beschrieben sind: Der Stab sprosste, er hatte Blüten und trug Früchte (V. 23). Alles deutet auf die wunderbaren Auswirkungen Seines gerechten Lebens hin. Der Herr Jesus hatte als Gerechter Leben in sich selbst (der Stab sprosste), durch das Er Gott verherrlichte und verehrte. Die Schönheit dieses Lebens (der Stab blühte) war zum vollkommenen Wohlgefallen Gottes und zur Verherrlichung des Vaters, wodurch Frucht für Ihn hervor kam. Niemand brachte in seinem Leben eine solche Frucht hervor, wie sie bei dem gerechten Menschen Christus Jesus zu finden war. Er ist der Wurzelspross aus dem dürren Erdreich Israels (Jes 53,2).

Die Vollkommenheit Seiner Gerechtigkeit

Beim Betrachten dieser wunderbaren Vorbilder fallen zwei Merkmale der Gerechtigkeit Christi besonders auf. Zum einen steht immer die Einzigartigkeit Seiner Person im Vordergrund. Er ist der Gerechte. Der Stab Aarons macht dies im Vorbild besonders deutlich, denn nur dieser Stab brachte Blüten und Frucht hervor. Andererseits legt aber auch gerade das Vorbild der Bundeslade mit Nachdruck Wert auf die Vollkommenheit Seiner gerechten Person als Mensch. Dies wird durch die häufige Verwendung der Merkmale in dreifacher Form deutlich. Wir haben die drei Gegenstände innerhalb der Lade gesehen, dabei aber auch die dreifache Bedeutung des Manna und die drei Kennzeichen des Stabes Aarons.

So ist der Herr Jesus einzigartig und vollkommen in Seiner gerechten Person. Und genau in dieser wunderbaren Eigenschaft ist Er heute als unser Sachwalter tätig: „Wir haben einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten“ (1. Joh 2,2). Dieser Dienst des vollkommenen Gerechten an uns erfüllt uns mit großer Zuversicht und auch mit Anbetung, weil wir wissen, dass dieser Gerechte es war, der mit unserer Schuld beladen am Kreuz hing. Was das für Ihn bedeutete, können wir nur anbetend erahnen, wenn wir das Wort prophetisch auf Ihn beziehen: „Meine Ungerechtigkeiten haben mich erreicht, dass ich nicht sehen kann; zahlreicher sind sie als die Haare meines Hauptes“ (Ps 40,13).

Der einzige Gerechte spricht von Seinen Ungerechtigkeiten! Denken wir darüber nach. Er machte sich eins mit unserer Ungerechtigkeit, um uns in Seiner Gerechtigkeit darstellen zu können: „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters“ (Mt 13,43). Das hat unser Heiland bewirkt – Jesus Christus, der Gerechte.

Der vollkommene Diener

Es ist ein göttliches Wunder, dass die vollkommene Gerechtigkeit des Herrn Jesus in Ihm als Dienenden zum Ausdruck kommt! Er wird zwar einmal in Seinem Reich als Herrscher über das ganze Universum göttliche Gerechtigkeit ausüben. Aber zuvor offenbart Er Seine Gerechtigkeit nicht als Herrscher, sondern als Diener! Erinnern wir uns noch einmal daran, dass wir heute den Dienst des vollkommenen Gerechten als Sachwalter im Himmel haben (1. Joh 2,2). Doch damals schon nahm Er auf der Erde freiwillig Knechtsgestalt an und kam nicht, um bedient zu werden, sondern um zu dienen.

„Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende“ (Lk 22,27). Sein vollkommener, auf der Liebe zu Seinem Gott und Vater gegründeter Gehorsam ließ Ihn diesen beispiellosen Weg als abhängigen Diener gehen, um auf diese Weise der Gerechtigkeit Gottes Ausdruck zu geben. Hierin zeigen sich weitere Herrlichkeiten Seiner wunderbaren Person.

Eine notwendige Eigenschaft eines treuen Dieners ist der Gehorsam gegenüber seinem Herrn. Fleiß, Fähigkeit und alle Tugenden nützen nämlich nichts, wenn er sie nicht in Übereinstimmung mit seinem Herrn einsetzt. Das ist offensichtlich und an sich keiner besonderen Beachtung wert. Beim Herrn Jesus jedoch erstrahlt dieses schlichte Merkmal in einer außergewöhnlichen und anbetungswürdigen Schönheit und Vollkommenheit – gerade bei Ihm, der der ewige Gott selbst ist, der Gebieter und Schöpfer aller Dinge!

Die heilige Schrift bezeugt an verschiedenen Stellen den Gehorsam dieses vollkommenen Knechtes Gottes. Dreimal jedoch geht sie in besonderer Weise darauf ein und spricht über das Ohr des gehorsamen Dieners. Jedes Mal wird dabei ein anderer Schwerpunkt auf diese wunderbare Wahrheit über unseren Herrn gelegt. Es ist besonders schön, diese drei Stellen des Alten Testaments nebeneinander zu stellen und auf Ihn anzuwenden:

  1. „Ohren hast du mir bereitet“ (Ps 40,7).„Er
  2. weckt jeden Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre gleich solchen, die belehrt werden“ (Jes 50,4).„Und
  3. sein Herr soll ihm das Ohr mit einer Pfrieme durchbohren, und er soll ihm dienen auf ewig“ (2. Mo 21,6).

Betrachten wir nun einmal diese drei Verse der Reihe nach. Sie bezeugen den Gehorsam des Herrn Jesus als Knecht Gottes auf der Erde, anfangend von Seiner Menschwerdung bis hin zu Seinem Sterben am Kreuz.

Die Menschwerdung des vollkommenen Dieners

Die erste Stelle aus Psalm 40 zeigt, dass der Herr Jesus als Mensch geboren werden musste, um gehorsam sein zu können. Ihm wurden Ohren bereitet (oder gegraben); das bedeutet er wurde Mensch und nahm damit „Knechtsgestalt“ an. In Hebräer 10,5 wird der Vers mit dem Wortlaut zitiert: „Einen Leib aber hast du mir bereitet“. Damit wird noch deutlicher, dass es hier um den Beginn des Erdenlebens des Herrn geht. Er betrat diesen Weg der Niedrigkeit als Mensch in völliger Freiwilligkeit, um den Willen Gottes im Gehorsam ausführen zu können.

Das Leben des vollkommenen Dieners

Den nächsten Abschnitt im Leben des vollkommenen Dieners beschreibt die Stelle aus Jesaja 50. Der Herr Jesus, der als Mensch in Niedrigkeit auf die Erde kam, blieb auch in den Tagen Seines Fleisches stets Gott selbst, der „die Himmel in Schwarz kleidet und Sacktuch zu ihrer Decke macht“ (Jes 50,3). So lesen wir es im vorangehenden Vers aus Jesaja 50. Doch schon im folgenden Vers 4 wird Er als der abhängige Mensch beschrieben – als der Hörende. „Er weckt mir das Ohr, damit ich höre, gleich solchen, die belehrt werden“. Wunderbar, wie hier Gottes Wort die Wesenszüge des Herrn als Gott und Mensch so eng zusammenstellt. Kein Mensch lebte je in solch einer vollkommenen Abhängigkeit zu Gott wie der Herr Jesus als gehorsamer Knecht, der immer („jeden Morgen“) bereit war, in Abhängigkeit auf Gott zu hören („er weckt mir das Ohr“).

Das Sterben des vollkommenen Dieners

Das durchbohrte Ohr des hebräischen Knechtes redet von dem Tod des Herrn Jesus am Kreuz. Der hebräische Knecht wollte aus Liebe nicht frei ausgehen; so hat der Herr Jesus „die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben“ (Eph 5,25). Er diente und starb aus Liebe zu Seinem Gott und Vater und zu den Seinen. Sein Gehorsam war auch durch den Tod nicht zu bezwingen. Lieber wollte Er sterben, als Gott ungehorsam zu sein! Was für eine Liebe zu Gott und zu uns liegt doch diesem Gehorsam des Herrn Jesus zugrunde!

So hat also der Gehorsam des Herrn sein ganzes Leben als Diener gekennzeichnet, anfangend von Seiner Menschwerdung bis hin zu Seinem Sterben auf Golgatha. In Verbindung mit Seiner Geburt als Mensch kam dieser Gehorsam insbesondere durch Seine Erniedrigung zum Ausdruck. Während Seines Lebens zeigte er sich in der steten Abhängigkeit zu Gott. Und in Seinem Sterben ist Sein Gehorsam besonders in der grenzenlosen Liebe zu Gott und uns erkennbar. Dies zeigen uns die drei angeführten Stellen.

Wenn wir dann noch einmal bedenken, dass der Dienst des Herrn Jesus noch heute im Himmel fortbesteht, dadurch dass Er dort für uns tätig ist und sich für uns verwendet – dann bewundern wir noch mehr Seine Hingabe und Liebe, die diesen vollkommenen Diener im Gehorsam bis in den Tod führten.

Der letzte Adam

Im Hinblick auf die Herrlichkeiten Christi als Mensch ist aus alttestamentlicher Sicht neben dem hebräischen Knecht auch das Vorbild Adams von größter Bedeutung. Allerdings wird auch das Vorbild des ersten Menschen bei weitem übertroffen, sobald Christus als „der letzte Adam“ in Erscheinung tritt. Dennoch finden sich im Vergleich zwischen Vorbild und Wirklichkeit sowohl Kontraste als auch Übereinstimmungen wieder, die auch hinsichtlich des ersten Menschenpaares im Vorbild auf Christus und die Versammlung zu finden sind. Ein Blick auf den Beginn der Menschheitsgeschichte soll dies verdeutlichen.

Kontraste

Gott machte den Menschen in Seinem Bild und hauchte ihm den Lebensodem ein, sodass er eine lebendige Seele wurde. So wurde Adam, der erste Mensch, erschaffen. Der letzte Adam hingegen, der zweite Mensch, wurde nicht erschaffen, denn Er ist der Mensch gewordene Schöpfer selbst: Er empfing nicht wie Adam eine lebendige Seele, sondern „er ist ein lebendig machender Geist“ (1. Kor 15,45). Christus kam vom Himmel hernieder, um Mensch zu werden – Adam hingegen wurde von der Erde genommen: „Der erste Mensch ist von der Erde, von Staub; der zweite Mensch vom Himmel“ (1. Kor 15,47).

Diese Gegenüberstellung lässt sich fortführen, wenn man bedenkt, wie tief sich der Herr im Zuge Seiner Menschwerdung erniedrigt hat: Er kam nicht als erwachsener Mensch auf die Erde, sondern wurde „geboren von einer Frau“ und erwarb sich dadurch den Titel „Sohn des Menschen“, weil Er als Mensch durch einen Menschen hervorgekommen ist. So haben wir es bei der Betrachtung des Sohnes des Menschen bereits gesehen. Adam hingegen wurde überhaupt nicht geboren, sondern ging vollendet aus der Hand Gottes hervor. Durch diese Kontraste wird die tiefe Erniedrigung des Herrn Jesus als Mensch in deutlicher Weise hervorgehoben.

Auch im weiteren Verlauf der Geschichte Adams setzt sich diese Betrachtungsweise im Hinblick auf Christus fort: Nachdem Gott den Menschen geschaffen hatte, setzte Er ihn in den Garten Eden – ein wunderbarer Beweis der Liebe Gottes. Gott hatte Adam nicht im Garten Eden erschaffen, sondern Er brachte den Menschen dorthin, nachdem Er ihn erschaffen hatte (vgl. 1. Mo 2,7.8) – um ihm ganz bewusst zu zeigen, dass dieser segensreiche Platz als Wohnsitz für ihn vorgesehen war. Doch welchen Platz erhielt der Herr Jesus, als Er als Mensch auf die Erde kam? Für Ihn gab es nicht einmal Raum in der Herberge, geschweige denn einen Platz wie Eden, sondern nur eine einfache Krippe, die sonst als Futtertrog für Tiere verwendet wird. Gott fügte die Umstände so, um uns eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie unwillkommen der Mensch vom Himmel auf der Erde war.

Übereinstimmungen

Die Herrlichkeit des Herrn Jesus als „der letzte Adam“ offenbart sich also vor dem Hintergrund Seiner tiefen Erniedrigung. Aber es gibt auch wunderbare Übereinstimmungen zwischen Vorbild und Wirklichkeit, zwischen dem ersten und dem zweiten Menschen.

Der erste Mensch war das Haupt der Schöpfung Gottes. Als Gott ihm eine Hilfe beigeben wollte, die ihm entsprach, brachte Er alle Tiere des Feldes und alle Vögel zu ihm, um zu sehen, wie er sie nennen würde, denn so sollten sie heißen (1. Mo 2,18–20). Aber um für Adam eine ihm entsprechende Hilfe zu schaffen, bildete Gott Eva und brachte sie zu ihm. Und auch ihr gab Adam einen Namen: „Männin“, denn er wusste: „Diese ist nun Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch ..., denn vom Mann ist diese genommen (1. Mo 2,21–23). Bei Christus, dem letzten Adam, und der Versammlung, die durch Eva vorgebildet wird, finden wir dieselbe doppelte Beziehung wieder: Nach Epheser 1,22 ist Christus „als Haupt über alles der Versammlung gegeben“ – entsprechend der Stellung Adams, der als Haupt über alles Geschaffene mit Eva verbunden war. Aber Christus ist auch das Haupt der Versammlung – wiederum dem Vorbild Adams entsprechend, der auch Eva gegenüber die Stellung des Hauptes einnahm. „Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch der Christus das Haupt der Versammlung ist“ (Eph 5,23). Hierin stimmen Vorbild und Wirklichkeit deutlich überein.

So werden schon durch Adam Herrlichkeiten des Herrn als Mensch in Verbindung mit Seiner Versammlung vorgebildet, die dann in Ihm, dem letzten Adam, Wirklichkeit geworden sind.

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