Die Briefe an die Thessalonicher

1. Thessalonicher 2

Die Briefe an die Thessalonicher

Im ersten Kapitel hatte der Apostel mit dem Ausdruck „was wir unter euch waren“ darauf angespielt, wie er und seine Mitarbeiter sich in der Mitte der Thessalonicher verhalten hatten, als sie zum ersten Mal mit dem Evangelium zu ihnen gekommen waren. Auch hatte er angedeutet, daß die Kraft, die die Botschaft begleitete, sehr eng mit dem tadellosen Verhalten der Boten verbunden war. Jetzt wendet er sich zu Beginn des zweiten Kapitels wieder diesem Thema zu.

Paulus und seine Freunde fanden in Thessalonich eine geöffnete Tür des Herrn vor, und daher wurde ihnen dort eine sehr wirkungsvolle Aufnahme gewährt. Dies war um so eindrücklicher, als sie gerade aus Philippi kamen, wo sie Leiden und eine demütigende Behandlung erfahren hatten, wie es in Apostelgeschichte 16 berichtet wird. Sie waren jedoch weit davon entfernt, sich dadurch einschüchtern zu lassen; sie vertrauten so auf Gott, daß sie erneut freimütig das Wort verkündigten. Das geschah in solcher Vollmacht, daß sogar einige von den Juden glaubten „und von den anbetenden Griechen eine große Menge und von den vornehmsten Frauen nicht wenige“ (Apg 17,4). So gewährte Gott seinen treuen Knechten eine Zeit großer Ermunterung nach ernsten Leiden, bevor sie in Thessalonich selbst in weitere Schwierigkeiten verwikkelt wurden. Dabei dürfen wir uns erinnern, daß die Brutalität in Philippi nicht bedeutete, daß in jener Stadt wenig erreicht worden wäre. Im Gegenteil: Die gläubigen Philipper zählten für Paulus zu den strahlendsten Gnadenbeweisen.

Der Apostel berichtet in Vers 2, daß er das Evangelium „unter großem Kampf“ verkündigt hatte. Bei Kampf dürfen wir nicht an erhitzte Auseinandersetzungen denken. Der Ausdruck bedeutet wörtlich „unter großer Anstrengung“. Paulus' Predigt war ein geistlicher Kampf, damit die Wahrheit an den Herzen der Hörer wirken konnte. Es war kein Evangelium nach dem Motto „Nimm es oder laß es bleiben“. Er war kein bloßer Theologe oder christlicher Philosoph, der damit zufrieden war, die Wahrheit in seinen Vorträgen richtig darzulegen, noch war er ein verträumter Mystiker, völlig mit sich selbst und seinen eigenen Eindrücken und Erfahrungen beschäftigt. Er war ein Mann mit einer Botschaft, brennend vor Eifer und mit innerer Not, es anderen wirkungsvoll nahezubringen.

Was für eine erstaunliche Kraft muß ihm das verliehen haben! Er mag schwach gewesen sein, was seine körperliche Erscheinung anging, und verächtlich, was die Fähigkeit der Rede anging – „ein Unkundiger in der Rede“, wie er in 2. Korinther 11,6 schreibt –, doch die innere geistige Anstrengung, mit der er sprach, muß bewirkt haben, daß seine „unkundige Rede“ wie ein Wirbelwind wirkte. Mengen wurden dadurch bekehrt, und noch größere Mengen stellten sich feindlich dagegen! Wo sehen wir heutzutage solch eine Kraft? Wir hören heute Evangelisationsvorträge, die wir vielleicht als gut, klar, gesund, treffend, intelligent, redegewandt, ansprechend bezeichnen könnten. Aber sie erreichen nicht viel, weder im Blick auf Bekehrungen noch auf das Aufwühlen der Mächte der Finsternis. Die Bedürfnisse sind jedoch mindestens ebenso groß, und die Kraft des Heiligen Geistes ist noch dieselbe. Der Unterschied liegt in dem Wesen und der Qualität der Boten.

In den Versen 3 bis 6 erhalten wir einen Einblick in das, was Paulus und seine Helfer nicht waren. Daraus können wir lernen, welche Dinge von jedem Knecht Gottes sorgfältig vermieden werden müssen. Zuerst muß jede Spur von Täuschung und alles Unechte weggetan werden. Es ist zu Recht gesagt worden: „Wer die Wahrheit lehren will, muß selbst wahrhaftig sein“. Aber nicht nur das, sondern auch jeder Gedanke, Menschen zu gefallen, muß verbannt werden. Jeder Dienst, der uns aufgetragen worden ist, wie unbedeutend er auch sei, ist uns von Gott gegeben, nicht von Menschen. Deshalb sind wir Gott verantwortlich, und Er prüft nicht nur unsere Worte und Handlungen, sondern auch unser Herz. Paulus war in einer außergewöhnlichen Weise mit dem Evangelium betraut worden. Aber die beiden Worte „ betraut werden „ sollten auf unser aller Herzen geschrieben sein. Wir dürfen nie vergessen, daß wir solche sind, denen etwas anvertraut worden ist.

Wenn wir das im Gedächtnis behalten, werden wir selbstverständlich schmeichelnde Worte und einen Vorwand für Habsucht vermeiden, ebenso wie das Verlangen nach Ehre von Menschen, wovon in den Versen 5 und 6 die Rede ist. Diese drei Dinge sind in der Welt überaus häufig anzutreffen. Menschen suchen natürlicherweise nur ihre eigenen Interessen und werden deshalb von der Ichsucht beherrscht, obwohl sie sie vielleicht unter einem Deckmantel verstecken. Die Ehre von Menschen bedeutet dem menschlichen Herzen ebenfalls sehr viel. Und ob sie nun Besitz oder Ehre erstreben, sie stellen fest, daß einschmeichelnde Worte eine nützliche Waffe sind, denn damit können sie oft die Gunst einflußreicher Personen erlangen. Alle diese Dinge lehnte Paulus gänzlich ab. Er war ein Knecht Gottes, der Gott zum Richter und Zeugen hatte, und so war er weit davon entfernt.

Die positiven Kennzeichen des Dienstes des Paulus begegnen uns in den Versen 7 bis 12, und es ist bemerkenswert, daß er damit beginnt, sich mit einer nährenden Mutter zu vergleichen, und damit endet, sich mit einem Vater zu vergleichen. Es mag uns schwerfallen, uns vorzustellen, wie dieser außergewöhnlich energische Mann zart sein konnte, „wie eine nährende Frau ihre eigenen Kinder pflegt“, doch so war es. Körperliche Kraft ist gewöhnlich brutal. Geistliche Kraft ist mild. Von ersterer gab es in Thessalonich viel zu sehen. Dort nahmen die Juden „einige böse Männer vom Gassenpöbel zu sich ... und brachten die Stadt in Aufruhr“ (Apg 17,5). Dies alles führte jedoch zu nichts. Die Sanftmut des Paulus hingegen hinterließ bleibende Spuren. Es war die Zartheit, die aus der brennenden Liebe zu diesen Jungbekehrten hervorkam. Er pflegte sie, d. h. er hielt sie warm, und das konnte er nur deshalb tun, weil seine eigene Liebe für sie brennend war. Sie war so brennend, daß er bereit war, ihnen nicht nur das Evangelium, sondern auch sein eigenes Leben mitzuteilen. Er hätte für sie sein Leben dargelegt.

Er wurde jedoch nicht dazu aufgefordert. Allerdings arbeitete er Nacht und Tag mit seinen eigenen Händen, um damit für seinen Lebensunterhalt zu sorgen und niemandem zur Last zu fallen. Er bezieht sich auch in seinem zweiten Brief darauf, und aus Apostelgeschichte 20,34 erhalten wir die erstaunliche Mitteilung, daß er auf diese Weise nicht nur für seine eigenen Bedürfnisse sorgte, sondern auch für die Bedürfnisse derer, die bei ihm waren. An anderer Stelle spricht er davon, daß er „Nacht und Tag über die Maßen“ flehte (3,10), und wir wissen, wie unermüdlich er sich dem Evangelium widmete.

Unter diesen Umständen mögen wir wohl staunen, daß dieser außergewöhnliche Mann noch Zeit fand, Zelte zu machen, aber irgendwie gelang es ihm, und so machte er das Evangelium Christi kostenfrei, obwohl der Herr als allgemeinen Grundsatz festgelegt hatte, daß solche, die das Evangelium verkündigen, auch vom Evangelium leben sollten. Hier wird deutlich, welch hohen Stellenwert Gott der Arbeit mit den Händen gibt.

All das konnten die Thessalonicher bezeugen. Da ihn selbst Heiligkeit und praktische Gerechtigkeit auszeichnete, konnte er sie auffordern, seine Nachahmer zu sein und ihr Leben in einer Weise zu führen, die Gottes würdig war – des Gottes, der sie dazu berufen hatte. Seine Autorität anzuerkennen und in Seine Herrlichkeit einzugehen.

Was uns bisher beschäftigt hat, war die Lebensweise des Paulus und seiner Mitarbeiter. Mit Vers 13 wenden wir uns wieder dem zu, was die Gläubigen in Thessalonich kennzeichnete. Da sie das Wort Gottes durch solche „Kanäle“ empfingen, wie es jene Männer waren, nahmen sie es als Gottes Wort auf. Dieser Vers macht deutlich, daß das Wort Gottes, auch wenn es als Menschenwort aufgenommen werden mag, dadurch nicht eine Spur weniger Gottes Wort ist. Falls du zufällig eine Kamera mit einem defekten Objektiv benutzt, werden die Gegenstände auf dem Film seltsam bis grotesk verzerrt sein. Hierfür darfst du jedoch nicht die fotografierten Gegenstände oder Personen verantwortlich machen. Die Gegenstände waren durchaus in Ordnung, aber deine Kamera hat sie völlig unwirklich wiedergegeben. Wir müssen lernen, zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven zu unterscheiden, wie es der Apostel hier tut. Das objektive Wort Gottes war den Thessalonichern vorgestellt worden, und der subjektive Eindruck, den es in ihnen hervorrief, entsprach der Wahrheit. Hätten sie es als Menschenwort aufgenommen, dann hätte es nur eine vorübergehende Wirkung auf sie gehabt. Weil sie es aber als Gottes Wort aufnahmen, wirkte es in ihnen mit Macht und brachte in ihnen jene Auswirkungen hervor, die auch bei der Verkündigung des Evangeliums im Anfang in Judäa gesehen worden waren: Obwohl sie durch die Verfolgung erprobt wurden, waren sie standhaft.

Das 17. Kapitel der Apostelgeschichte zeigt uns, wie schnell der Sturm der Verfolgung in Thessalonich losbrach. Das Haus Jasons wurde angegriffen, und Jason sowie einige andere Brüder wurden vor die Obersten geschleppt. Die Anstifter dieses Aufruhrs waren die Juden. Der Apostel zeigt ihnen hier, daß sie berufen waren, dasselbe zu erleiden wie die ersten Gläubigen in Judäa. Die Juden hier verhielten sich genauso wie die Juden in Judäa. Das führt den Apostel dazu, die Anklage zusammenzufassen, die jetzt gegen sie vorlag.

Seit jeher hatte Gott einen heftigen Rechtsstreit mit den Juden wegen ihres hartnäckigen Götzendienstes. Die Schriften der Propheten des Alten Testaments sind voll davon. Das Neue Testament fügt die noch größere Anklage hinzu, daß sie „den Herrn Jesus... getötet“ haben. Außerdem hatten sie den Apostel durch Verfolgung vertrieben und suchten zu verhindern, soweit es ihnen möglich war, daß das Evangelium zu den Nationen gebracht wurde. Sie weigerten sich, selbst durch die Tür der Errettung einzugehen, und soweit wie möglich hinderten sie auch andere daran, es zu tun. Wie treffend ist die Beschreibung dieses unglücklichen Volkes: die „Gott nicht gefallen und allen Menschen entgegen sind“.

Es ist offenkundig, daß die Nationen im allgemeinen den Juden entgegen sind. Die Verse 15 und 16 unseres Kapitels zeigen uns den Grund dafür. Die Juden selbst sind allen entgegen, und als Nation haben sie das Mißfallen Gottes; somit steht es nicht gut um sie, obwohl Gott natürlich immer noch solche aus diesem Volk errettet, die „ein Überrest nach Auswahl der Gnade“ sind (Röm 11,5). Früher hatte Gott sie erprobt. Sogar noch nach dem Tod Christi war ihnen durch das Kommen des Heiligen Geistes ein Angebot der Barmherzigkeit gemacht worden, wie uns Apostelgeschichte 3,17–26 berichtet. Ihre offizielle Antwort darauf finden wir in dem Märtyrertod des Stephanus und in der Verfolgung des Paulus, der unmittelbar nach dem Tod Stephanus' erweckt wurde, um das Licht des Heils zu den Nationen zu tragen. Sie hätten Paulus ebenfalls ermordet, hätte Gott nicht in Seiner Vorsehung eingegriffen, um das zu verhindern (siehe Apg 9,23.29). Als Folge war der Zorn Gottes, der so lange zurückgehalten worden war, völlig über sie gekommen. Sie werden als Nation den letzten Pfennig nicht eher bezahlt haben, bis sie die große Drangsal erlebt haben. Nichts kann Gottes Handeln im Zorn mit ihnen aufhalten.

Wie herrlich erstrahlt das Bild, das die Verse 17–20 zeichnen, vor diesem dunklen Hintergrund. Der Apostel, der im Schutz der Nacht aus ihrer Mitte fortgeschickt worden war, sehnte sich sehr nach ihnen. Sie waren seine geistlichen Kinder, gezeugt durch das Evangelium. Er betrachtete sie als seine Hoffnung und Freude und Krone des Ruhmes. Die Bande, die sie fest miteinander umschlossen, waren von innigster, geistlichster Art. Wenn er nach vorn blickte, sah er sie als seine Herrlichkeit und Freude beim Kommen des Herrn. Wenn er zurückschaute, erkannte er, wie Satan tätig gewesen war, um sie auf der Erde getrennt zu halten, zumindest was seine persönliche Anwesenheit betraf.

Dieser Abschnitt zeigt deutlich, daß es Satan erlaubt ist, die Knechte des Herrn zu beunruhigen und zu behindern. Wenn wir jedoch diese Begebenheit mit der Darstellung in der Apostelgeschichte vergleichen, ist es offensichtlich, daß Gott sehr wohl weiß, das hindernde Werk Satans in Gutes zu verwandeln. Satan hinderte Paulus daran, damals nach Thessalonich zurückzukehren, aber Gott führte ihn nach Korinth, wo Er ein großes Volk in jener Stadt hatte!

Beachten wir auch, wie sehr sich Paulus auf ein Wiedersehen mit seinen geliebten Thessalonichern im Himmel freute! Seine Worte ergäben keinen Sinn, wenn er nicht erwartet hätte, an jenem Tag jeden und alle wiederzuerkennen. Die Heiligen Gottes werden einander kennen, wenn sie sich beim Kommen Christi und in Seiner Gegenwart begegnen.

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