Da bin ich in ihrer Mitte

Haushaltungen

In diesem ersten Teil des vorliegenden Buches möchte ich unter dem Beistand Gottes versuchen, in möglichst folgerichtiger und umfassender Form Charakter, Ursprung und Bestimmung der wahren Kirche zu beleuchten. Darauf baut dann der zweite, mehr auf die Praxis gerichtete Teil auf. Dabei habe ich die Überschrift für den ersten Teil dem ersten Timotheusbrief, Kapitel 3, Vers 15, entnommen. An dieser Stelle gibt der Apostel Paulus den Grund an, warum er diesen Brief schrieb:

„... wenn ich aber zögere, auf daß du wissest, wie man sich verhalten soll im Hause Gottes, welches die Versammlung des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit.“

Das ist in der Tat ein wunderbarer Gedanke: Der lebendige Gott hat auf dieser Erde einen Wohnplatz, ein Haus, in dem Er wohnt! Und dieses Haus, die Versammlung des lebendigen Gottes, ist auch heute noch der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit. Nirgends sonst auf der Erde kann man Wahrheit finden als nur hier. Du findest die Wahrheit nicht im Islam, nicht im Buddhismus, du findest sie nur im wahren Christentum. Die wahre Kirche ist nicht die Wahrheit – Christus ist sie, das Wort Gottes ist sie –, aber sie ist die Stütze der Wahrheit, sie hält sie in dieser Welt aufrecht. Gewiss, die Verwirrung über dieses Thema, das uns beschäftigen soll, ist in unseren Tagen groß und das Verständnis darüber, was die Versammlung Gottes ist, gering.

Wir hören heute von vielen Kirchen, Benennungen und Gemeinden. Welche von ihnen ist die richtige? Wir müssen die Antwort nicht bei den Meinungen der Menschen suchen; nur Gottes Wort selbst kann uns die Antwort geben, nur das Wort Gottes ist die Autorität, auf die wir uns stützen dürfen. Dabei müssen wir den oft zu hörenden Gedanken einer Fortentwicklung der Wahrheit über das in der Heiligen Schrift Gesagte hinaus grundsätzlich als verwerflich ablehnen. Denn solch eine „Fortentwicklung“ würde dem Einführen menschlicher Gedanken, Erfindungen und Einbildungen in die heiligen Dinge Gottes Tür und Tor öffnen. Auch wäre die Wahrheit, wenn sie sich erst noch entwickeln muss, nicht von Anfang an die Wahrheit gewesen. Dann aber hätten wir nichts Zuverlässiges mehr, auf das wir uns stützen könnten. Nein! Gott hat uns in Seinem Wort Seinen heiligen Willen kundgetan, und unsere Weisheit und Sicherheit liegt darin, dass wir uns Seinem Wort unterwerfen und in dem bleiben, was wirvon Anfang gehört haben (1. Joh 2,24).

Nun, in diesem Wort finden wir nur eine Versammlung in gesegneter Einheit in allen Ländern. Die Versammlung des lebendigen Gottes ist die einzige Versammlung oder Kirche, die Gott anerkennt und zu der jeder an Christus Gläubige gehört.

Was bedeutet „Versammlung“?

Es mag jetzt der eine oder andere meiner Leser fragen, warum ich den Ausdruck „Versammlung“ gebrauche, und nicht „Kirche“ oder „Gemeinde“. Nun, „Versammlung“ scheint mir die beste Übersetzung des griechischen Wortes ekklesia zu sein. Dieses Wort setzt sich zusammen aus der griechischen Präposition ek, die „aus“, „heraus“ bedeutet, und dem griechischen Verb kaleo, das mit „rufen“ übersetzt wird, so dass ekklesia wörtlich „Herausgerufene“ bedeutet.

Mit ekklesia bezeichneten die Griechen ursprünglich die Menge der Bürger, die zur Diskussion öffentlicher Angelegenheiten zusammengerufen und versammelt wurde. Zwei interessante Beispiele für diesen Gebrauch finden wir in Apostelgeschichte 19,39: „Wenn ihr aber wegen anderer Dinge ein Gesuch habt“, sagt der Stadtschreiber, „so wird es in der gesetzlichen VERSAMMLUNG erledigt werden.“ Und in Vers 41: „Und als er dies gesagt hatte, entließ er die VERSAMMLUNG.“ In der Septuaginta (der griechischen Übersetzung des Alten Testaments) und zum Beispiel auch in Apostelgeschichte 7, Vers 38, wird mit dem Ausdruck „Versammlung“ Israel bezeichnet: „Dieser (Moses) ist es, der in der VERSAMMLUNG in der Wüste mit dem Engel ... und mit unseren Vätern gewesen ist.“ In den meisten anderen Stellen des Neuen Testaments jedoch bezeichnet „Versammlung“ die gläubigen Christen, die aus der Welt „herausgerufen“ sind und die nun nach den Gedanken und dem Willen Gottes um Christus geschart – „versammelt“ - sind.

Dieses Versammeltsein um eine gemeinsame Person kommt in den beiden Wörtern „Gemeinde“ und „Kirche“ nicht zum Ausdruck. Aber gerade auf diese Bedeutung hinzuweisen war offenbar die Absicht des Geistes Gottes, wenn Er das Wort ekklesia verwendet. „Kirche“ ist übrigens nur ein Lehnwort, eine Verdeutschung des griechischen Wortes kyriaké, das im frühchristlichen Sprachgebrauch „Herrentag“, „Sonntag“ bedeutet. Es erscheint somit für die Bezeichnung der Versammlung Gottes als ungeeignet.

So finden wir im Neuen Testament einen dreifachen Gebrauch des Wortes ekklesia; es bezeichnet:

  1. eine allgemeine Versammlung;
  2. die Versammlung Israels im Alten Testament;
  3. die Versammlung des lebendigen Gottes (z.B. 1. Kor 10,32). Hierfür wird dieser Ausdruck am häufigsten gebraucht.

Was die Versammlung NICHT ist

Es ist ein häufig anzutreffender, jedoch irriger Gedanke, dass die Versammlung des Neuen Testaments eine Fortsetzung Israels des Alten Testaments sei, gleichsam ein geistliches Israel, und dass das Handeln Gottes im Alten Testament und im Neuen Testament grundsätzlich dasselbe sei. Man meint vielfach, dass das, was wir im Alten Testament bezüglich des Judentums finden, nun auch der Maßstab Gottes für das Christentum sei. Für viele ist die Versammlung (Kirche) einfach eine Zusammenfassung aller Gläubigen aller Zeiten.

Es ist jedoch für das Verständnis unseres Gegenstandes sehr wichtig, die bedeutsamen Unterschiede, ja Gegensätze zwischen dem Handeln und den Wegen Gottes im Alten Testament und dem, was Er heute zur Verherrlichung Seines Sohnes vollführt, voll zu erfassen, zu erfassen auch, dass Israel nicht die Versammlung und die Versammlung nicht Israel ist.

Was auch schon im Alten Testament Wahrheit war

Ehe wir uns diesem Unterschied der Wege Gottes im Alten und im Neuen Testament zuwenden, sei darauf hingewiesen, dass es schon immer Dinge gab, die allgemein wahr und immer gültig sind. So war Gott immer und ist immer ein einiger Gott, der einzige, der wahre Gott. Auch gab es schon immer Menschen, die durch Seine Gnade an Ihn glaubten, Seinem Wort vertrauten, und die Er liebte. Was Gott auch im Alten Testament schon wirkte, Er bewirkte es durch den Heiligen Geist. Das ist auch heute nicht anders. Und dann noch die sittlichen Grundsätze der Regierung Gottes, das heißt Seines Handelns mit den Menschenkindern – sie machen einen wichtigen Teil des Alten Testaments aus: Sie waren und sind immer dieselben. Das macht uns zum Beispiel das Leben der Patriarchen und der alttestamentlichen Gläubigen, das sie unter dem Auge Gottes führten, zu einem so wichtigen Gegenstand der Belehrung für unser praktisches Verhalten. Im wohl ältesten Buch der Bibel, dem Buch Hiob, lesen wir den trostreichen, heute noch immer gültigen Ausspruch über das Tun Gottes mit dem Gläubigen:

„Er zieht seine Augen nicht ab von dem Gerechten“ (Kapitel 36, 7). Schon im Alten Testament gab Gott kostbare Verheißungen, auf die sich stets der Glaube stützte, und auch das Neue Testament enthält kostbarste Verheißungen, wenn auch deren Charakter ein anderer sein mag.

Die sieben Haushaltungen

In den Wegen Gottes mit den Menschen zu verschiedenen Zeiten gibt es jedoch, was die heilsgeschichtliche Seite angeht, bemerkenswerte Unterschiede, und wir erkennen in der Heiligen Schrift im ganzen sieben Haushaltungen oder Epochen. Mit Haushaltungen sind heilsgeschichtliche Perioden im Handeln Gottes mit den Menschen gemeint, die aufeinanderfolgen und jeweils einen verschiedenen Charakter tragen, nie aber, sind sie einmal vergangen, wiederkehren.

Die erste Haushaltung ist das Zeitalter der Unschuld, als das erste Menschenpaar sich der Segnungen des irdischen Paradieses Gottes, des Gartens Eden, erfreute, ohne ein Bewusstsein von gut und böse zu haben. Wir können wohl annehmen, dass diese Periode nicht lange währte, denn sie fand durch den Eintritt der Sünde ein jähes Ende. Und so musste Gott schon diese erste Epoche mit Gericht abschließen: „Und er trieb den Menschen aus und ließ lagern gegen Osten vom Garten Eden die Cherubim und die Flamme des kreisenden Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewahren“ (1. Mose 3,24).

Die zweite Haushaltung ist die des Gewissens; sie reicht von Adam nach seinem Fall in die Sünde bis Noah und umspannt nach biblischer Zeitrechnung eine Zeit von ca. 1656 Jahren. Noch hatte Gott keine Anordnungen für das Zusammenleben der Menschen gegeben, noch ihr Verhältnis zu Ihm selbst nicht geregelt. Aber durch den Sündenfall hatte der Mensch – in der Voraussicht Gottes – das Gewissen bekommen, das Bewusstsein darüber, was gut und böse ist, und war, wie Gott es ausdrückt, „geworden wie unser einer, zu erkennen Gutes und Böses“ (1. Mose 3,22). Neben den Offenbarungen, die Gott von Sich in der Schöpfung und in Seinem Handeln mit den ersten Menschen gegeben hatte, sollte das Gewissen für eine lange Zeit der besondere Maßstab für das Tun und Lassen der Menschen sein. Auch diese Epoche schloss mit dem Gericht Gottes: Er brachte die Flut über die Welt der Gottlosen (1. Mose 7,11–23; 2. Pet 2,5).

Die dritte Haushaltung, das Zeitalter der Regierung, das dadurch gekennzeichnet war, dass Gott dem Menschen – Noah – das Schwert gab, um auf der Erde Sitte und Ordnung aufrechtzuerhalten (1. Mose 9,3–7), erstreckt sich von Noah bis Abraham über einen Zeitraum von etwa 452 Jahren. Um der Gewalttat des Menschen eine Grenze zu setzen, legte Gott in gewissem Sinn die Regierung, die bislang nur Er innegehabt hatte, in die Hand des Menschen und gebot: „Wer Menschenblut vergießt, durch den Menschen soll sein Blut vergossen werden; denn im Bilde Gottes hat er den Menschen gemacht“ (1. Mose 9,6). Auch am Ende dieses Zeitalters stand das Gericht Gottes: Er verwirrte die bis dahin einheitliche Sprache der Menschen (1. Mose 11,5–9).

In der vierten Haushaltung, der Zeit von Abraham bis auf Moses, finden wir die Verheißung als herrschenden Grundsatz Gottes. Gott führte Abraham aus Ur in Chaldäa in das Land Kanaan und gab ihm die Verheißung, ihn zu einer großen Nation zu machen. „Und ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde“ (1. Mose 12,2–3). Später verhieß Gott dem Abraham einen Sohn, den er als Hundertjähriger empfing (Röm 4,19–21) und der ein herrliches Vorbild auf einen Größeren, auf Christus war. In dem Licht der Verheißungen Gottes gingen 505 Jahre dahin, bis auch hier Gericht eintrat und die Kinder Israel von dem Pharao Ägyptens hart bedrückt wurden (2. Mose 1,8–16).

Die fünfte Haushaltung ist die des Gesetzes und umfasst die Zeit von Moses bis auf Christus – eine Zeitspanne von etwa 1420 Jahren. Diese Epoche nimmt den weitesten Raum in den Belehrungen des Alten Testaments ein und ist von außerordentlicher Bedeutung. Das Gesetz, dem irdischen Volk Gottes – Israel – als Satzung auferlegt, verbreitete helles Licht über die Gedanken und das Wesen Gottes und enthält vortreffliche Vorbilder auf Christus und Sein Werk (denken wir nur an die Bestimmungen über die Opfer und den Bau der Stiftshütte). In anderer Hinsicht war es allerdings ein Joch, „das“, sagt Petrus, „weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten“ (Apg 15,10); es war ein Zuchtmeister auf Christus hin (Gal 3,24). ER selbst wurde noch – o welche Gnade! – „unter Gesetz geboren“ (Gal 4,4). Gegen Ende auch dieser Haushaltung stand, was das Volk Israel als ganzes anging, ernstes Gericht: Gott führte die zehn Stämme in die assyrische (2. Kön 17,1–6) und einige Zeit später die zwei Stämme in die babylonische Gefangenschaft (2. Kön 25,1–11) – ein Gericht, das bis heute andauert. Schließlich brachte Gott im Jahre 70 n. Chr. durch die Zerstörung Jerusalems das Gericht über das jüdische System.

Die gegenwärtige Zeit als sechste Haushaltung, in der wir leben dürfen, ist die Haushaltung der Gnade. Sie begann mit dem Tag der Pfingsten (Apg 2) und wird sittlich mit der Entrückung der Versammlung ihren Abschluss finden (1. Thes 4,15–17). Diese Epoche ist in heilsgeschichtlicher Hinsicht die wichtigste und erhabenste in den Wegen Gottes mit den Menschen: Es ist die Zeit der Kirche auf der Erde; es ist die Zeit, wo Gott Sünder aus der Welt beruft, um sie in Sein wunderbares Licht zu führen. Geschichtlich gesehen wird jedoch auch die Zeit des christlichen Bekenntnisses mit ernstestem Gericht enden: Der Herr Jesus wird den Antichristen durch die Erscheinung Seiner Ankunft vernichten, und Gott wird das Gericht über die leblosen Namens-Christen ausführen, nachdem Er ihnen zuvor eine wirksame Kraft des Irrwahns gesandt hatte, „dass sie der Lüge glauben, auf dass alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt haben“ (2. Thes 2,7–12).

Die siebente und letzte Epoche wird das Tausendjährige Reich sein, beginnend mit der Erscheinung des Herrn in Macht und Herrlichkeit (Off 11,15–18) und endend mit dem großen weißen Thron (Off 20,10–15), wo alle Toten, die Christus einst nicht im Glauben angenommen hatten, gerichtet werden, um für ewig in den Feuersee geworfen zu werden.

Die Erprobung des Menschen

Sicher ist uns beim Überschauen der sieben Haushaltungen aufgefallen, dass jede von ihnen mit Gericht abschließt. Wie kommt das? Was ist der Grund für solch ein ernstes Handeln Gottes? Hat Er etwa Freude am Gericht? O nein, Er ist langsam zum Zorn und groß an Güte und Erbarmungen. Die Antwort ist vielmehr darin zu suchen: Die Wege Gottes mit den Menschen in den verschiedenen Epochen sind dadurch gekennzeichnet, dass Gott den Menschen unter Verantwortung stellte und ihn unter wechselndem Vorzeichen, wenn ich so sagen darf, erprobte. Er suchte, etwas Gutes an dem zu finden, den Er selbst „sehr gut“ gemacht hatte (1. Mose 1,31). Doch wie war das Ergebnis der Erprobung des Menschen?

Der Mensch, der sich der glücklichsten Umstände im Paradies erfreute und selbst noch im Zustand der Unschuld war, wurde unter die Verantwortung gestellt, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen (1. Mose 2,16.17). Aber er gehorchte nicht, misstraute Gott, glaubte der Schlange und fiel in Sünde (1. Mose 3,6).

In der Zeit, als nur das Gewissen herrschte und der Mensch unter der Verantwortung stand, „wohl zu tun“ (1. Mose 4,3.7), geschah der erste Brudermord. Gott musste sehen, dass des Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Gebilde der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag (1. Mose 6,5).

Als Gott dem Noah im Zeitalter der Regierung durch den Menschen das Schwert anvertraute, versagte dieser: Noah konnte nicht einmal sich selbst regieren (1. Mose 9,21). In dieser Zeit geschah es, dass die Menschen sich in ihrem Hochmut gegen Gott empörten und eine Stadt bauen wollten mit einem Turm, dessen Spitze an den Himmel reichen sollte, um sich selbst einen Namen zu machen (1. Mose 11,4).

Nachdem Sich Gott in Abraham ein irdisches Volk auserwählt hatte, gab Er diesem unter Mose das Gesetz mit der Verantwortung für das Volk, fleißig auf Seine Stimme zu hören und Seinen Bund zu bewahren (2. Mose 19,5). Er gab ihm einen Platz besonderer äußerer Vorrechte und sonderte es durch die verschiedenen Institutionen, Riten, Verordnungen und Dienste von den Gräueln der übrigen Völker für Sich ab: Er grenzte durch Sein heiliges Gesetz Sein Volk, das in seiner Mehrheit ebenso schlecht wie die Nationen war, so von den übrigen Völkern der Erde ab, dass es für einen Juden Sünde war, mit einem Heiden Gemeinschaft zu haben. Es sei hier nur daran erinnert, welche Mühe Sich der Herr nehmen musste und in Gnaden auch nahm, um Petrus bereit zu machen, mit nach Cäsarea zu Kornelius, dem heidnischen Hauptmann, zu gehen (Apg 10).

Doch das Volk Israel brach das Gesetz, nachdem es kaum gegeben war, und verderbte sich gegen Jehova, seinen Gott (2. Kön 17,7–20). Es wandte sich von Gott zu den Götzen und bewies vor der ganzen Welt, dass – mag eine Nation noch so große Vorrechte genießen und durch noch so große göttliche Weisheit geleitet werden – das Ergebnis nur wachsende Feindschaft des Menschen gegen Gott selbst ist.

Das krönende Experiment Gottes zur Erprobung des Menschen war die Sendung Seines geliebten Sohnes in diese Welt der Sünde und des Todes. In Markus 12,6 lesen wir die ergreifenden Worte: „Da er nun noch einen geliebten Sohn hatte, sandte er auch ihn, den letzten, zu ihnen.“ Und der Herr Jesus war hier, auf diesem Schauplatz der Sünde und des Todes, und verkörperte in Vollkommenheit die Güte und Liebe Gottes. Niemand hatte Gott jemals gesehen; Er, der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, Er hat Ihn kundgemacht (Joh 1,18).

Aber das Kommen Christi brachte eine schreckliche Wahrheit ans Licht: Der Mensch ist nicht nur verderbt und folgt seinem eigenen Willen, sondern er ist der Feind Gottes und haßt die vollkommene Güte Gottes in Ihm - einem Menschen, dem Menschen vom Himmel. Wie bewegend, wie ernst sind die Worte des Herrn: „Wenn ich nicht die Werke unter ihnen getan hätte, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie gesehen und gehaßt sowohl mich als auch meinen Vater“ (Joh 15,24). Durch die Verwerfung Christi kam der totale Ruin des Menschen, unter Verantwortung gestellt, völlig ans Licht: Er liebt nicht nur die Sünde, sondern er haßt die Liebe Gottes!

War nun Gott von der Entwicklung der Dinge überrascht, kam Er gar in Verlegenheit? O nein! Weil Er durch das Werk Seines geliebten Sohnes am Kreuz von Golgatha auf vollkommene Weise auch bezüglich der Sünde verherrlicht wurde, bietet nun Gott dem Menschen Seine unumschränkte Gnade an. Wohl verloren die Juden für die gegenwärtige Zeit ihren bevorrechtigten Platz, weil sie den Christus Gottes, ihren Messias, gekreuzigt haben, und sie wurden aus ihrem Land vertrieben und unter die Völker der Erde zerstreut. Aber wenn Gott auch Israel beiseite gesetzt hat, so öffnete Er den Weg für die Nationen, damit sie aus der Finsternis in Sein wunderbares Licht kommen könnten. Vor nun fast 2000 Jahren ließ Er die Epoche der Gnade anbrechen. In den Wegen Gottes mit der Erde bilden das Kreuz und die Auferstehung Christi einen einschneidenden Wendepunkt. Aufgrund des vollbrachten Sühnungswerkes Christi sucht und fordert Gott nicht länger etwas Gutes von dem Menschen, sondern Er selbst gibt (Joh 3,16–18; 4,10). Seit dem Kreuz erprobt Gott den Menschen nicht mehr.

Denn der Gipfelpunkt der Liebe Gottes war auch der Gipfelpunkt der Bosheit des Menschen. Mehr kann der Mensch nicht zeigen, was er ist, als er es am Kreuz gezeigt hat. Was soll Gott ihn noch weiter erproben? Dass der Mensch auch in der Zeit der Gnade – und in dieser Zeit besonders – für sein Tun verantwortlich ist, bedarf keiner Frage. Ebenso wenig ist es eine Frage, ob er dieser Verantwortlichkeit nach den Gedanken Gottes entsprechen würde oder nicht: Die Christenheit hat sich ebenso verderbt (1. Tim 4,1–3) wie das Judentum vorher, und Christus wird dieses leblose System, das sich nach Seinem Namen nennt, ausspeien aus Seinem Munde (Off 3,16).

Doch damit sind wir, um den verfolgten Gedankengang (die Erprobung des Menschen unter den verschiedenen Epochen) abzuschließen, in der prophetischen Sicht weit vorausgeeilt. Wir wollen jetzt diese Linie der Verantwortlichkeit verlassen und uns wieder dem zuwenden, was Gott in dieser Zeit zur Ehre Seines Sohnes und auf dem Boden des erwiesenen Ruins des Menschen wirkt. Dabei muss ich noch einmal auf die Bedeutung des Kreuzes im Hinblick auf die Wege Gottes mit der Erde zu sprechen kommen.

Das Kreuz Christi in zweierlei Bedeutung

„Jetzt aber, in Christo Jesu, seid ihr, die ihr einst fern waret, durch das Blut des Christus nahe geworden. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung, nachdem er in seinem Fleische die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, hinweggetan hatte, auf daß er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe, und die beiden in einem Leibe mit Gott versöhnte durch das Kreuz, nachdem er durch dasselbe die Feindschaft getötet hatte“ (Eph 2, 13–16).

In diesem Abschnitt wird uns das Kreuz Christi von einem besonderen Gesichtswinkel aus vorgestellt. Dass das Kreuz die Grundlage des persönlichen Heils und Friedens der Seele mit Gott ist, wird von allen wahren Christen im allgemeinen mehr oder weniger verstanden und geschätzt, sonst wären sie keine wahren Christen. Wohl mag das Verständnis hier und da gering und die Wertschätzung des Blutes Christi verschieden sein; aber die grundsätzliche Bedeutung des Werkes Christi für die persönlichen Bedürfnisse des Sünders vor Gott wird von allen Gläubigen anerkannt.

Die Bedeutung des Kreuzes Christi bezüglich der Wege Gottes jedoch wird im allgemeinen wenig verstanden. Gott hatte Sich bis dahin nur mit Seinem irdischen Volk beschäftigt; alle Segnungen standen mit dem Volk Israel in Verbindung (Röm 9,4–5). Die Heiden dagegen blieben (korporativ gesehen) außerhalb dessen, was Gott tat. Sie waren unbeachtet, gleichsam nicht existent vor Gott. So sehr war das der Fall, dass der Herr Jesus zu Seinen Lebzeiten auf der Erde Seinen Jüngern noch gebot, nicht auf einen Weg der Nationen zu gehen (Mt 10,5). Er selbst war nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt (Mt 15,24), und dorthin sandte Er auch sie. Das war nicht etwa ein Mangel an Liebe oder an Wertschätzung des Glaubens, den Er selbst in einem heidnischen Hauptmann fand (Mt 8,10), sondern es bestand eben noch das Gesetz, das hier die „Zwischenwand der Umzäunung“ genannt wird.

Gott wendet Sich in Epheser 2 an Gläubige aus den Heiden. Welch ein Bild von ihnen entwickelt Er in den Versen 12 und 13! Sie waren zu jener Zeit ohne Christus, entfremdet dem Bürgerrecht Israels, Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung, sie hatten keine Hoffnung und waren ohne Gott in der Welt. Es ist nur die Gnade Gottes, dass sie, dass wir, in heilsgeschichtlicher Sicht die „Fernen“, nun durch das Blut des Christus nahe geworden sind.

Aber nicht nur hat Gott die Fernen nahe gebracht, so dass sie durch den Geist Zugang zu Ihm haben, sondern wir finden auch, dass Christus – auf der Grundlage Seines Kreuzes – etwas ganz Neues schafft (Vers 15): Er bildet jetzt aus Juden und Heiden ein himmlisches Volk, Er schafft aus den einst so verfeindeten Menschen einen neuen Menschen. Beachten wir jedoch: Die Gläubigen aus den Nationen werden nicht zur Höhe der Vorrechte Israels erhoben, das heißt, sie werden nicht zu Juden gemacht. Oh, das wäre schon sehr viel gewesen, hätte Er uns, die wir keine Verheißungen, keine Väter, keine Hoffnungen hatten, zu den Vorrechten des jüdischen Volkes gebracht. Doch Christus schafft etwas weit Erhabeneres: Aus Juden und Heiden macht Er einen neuen Menschen, wo nicht ist Jude noch Grieche (Gal 3,28), einen neuen Menschen, der die Darstellung Seiner eigenen Wesenszüge hier auf Erden ist.

Das Gesetz der Gebote in Satzungen ist als Lebensregel hinweggetan, und Juden und Heiden, die bislang in Feindschaft zueinander standen, sind jetzt in einem Leibe mit Gott versöhnt worden durch das Kreuz: Das Kreuz hat sowohl die Feindschaft zwischen den Gläubigen aus den Juden und den Nationen als auch die Feindschaft, die zwischen diesen beiden und Gott bestand, vollkommen beseitigt. So sehr ist durch das Kreuz diese Feindschaft hinweggetan, dass nun die Gläubigen aus Juden und Heiden auch einen Leib, einen lebendigen Organismus bilden. Gepriesen sei der Herr Jesus, gepriesen sei unser Gott und Vater für diese wunderbare Tatsache! Jetzt gibt es nicht mehr Juden und Heiden (sofern es sich um Gläubige der Gnadenzeit handelt), sondern nur noch die Versammlung Gottes (1. Kor 10,32). Diese Versammlung ist ein himmlischer Organismus, verbunden mit dem verherrlichten Haupt, Christus, im Himmel. Sie ist Sein Leib (Eph 1,23). Und dieser Ausdruck „Sein Leib“ redet nicht nur von Einheit, sondern von Eins-Sein – von dem Eins-Sein der Glieder untereinander und von dem Eins-Sein von Christus und Seinen Gliedern.

Von dieser herrlichen Wahrheit hören wir jedoch im nächsten Kapitel noch mehr, so dass ich mich jetzt auf die Bemerkung beschränken kann, dass Gott uns die Versammlung unter vier Bildern im Neuen Testament vorstellt: außer als Leib Christi wird sie uns als das Haus Gottes, als Leuchter und schließlich noch als die Braut Christi gezeigt. Das bildet den Inhalt der nächsten Kapitel.

Ein Geheimnis

Wenn im Neuen Testament von einem „Geheimnis“ die Rede ist, dann wird damit nicht etwas angedeutet, was mysteriös oder schwer verständlich ist. Vielmehr meint „Geheimnis“ eine Wahrheit, die im Alten Testament nicht offenbart war – eine Wahrheit, die nur durch Offenbarung von Seiten Gottes kundgetan werden konnte und die dann, nachdem sie offenbart ist, nur durch den Glauben auf seiten des Menschen erfasst werden kann. Den Gläubigen ist das Vorrecht geschenkt worden, die „Geheimnisse“ des Neuen Testaments zu kennen und zu verstehen. Daher sind sie nicht länger verborgene, sondern offenbarte Geheimnisse. „Euch ist es gegeben“, sagt der Herr Jesus Seinen Jüngern in Matthäus 13, „die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu wissen, jenen aber (den Ungläubigen) ist es nicht gegeben“ (Vers 11). Es gibt in den Weissagungen des Alten Testaments viele sehr kostbare Dinge, aber sie werden nicht Geheimnis genannt. Es ist vielleicht an dieser Stelle ganz hilfreich, die wichtigsten Geheimnisse aufzuführen, die im Neuen Testament offenbart sind:

  1. Das Geheimnis der Gottseligkeit, das ist wahrer Frömmigkeit (1. Tim 3,16)
  2. Das Geheimnis des Glaubens (1. Tim 3,9)
  3. Das Geheimnis des Eins-Seins von Christus und der Versammlung (Eph 5,32)
  4. Das Geheimnis des Christus, des Eins-Seins der Gläubigen aus Juden und Heiden (Eph 3,4–6)
  5. Das Geheimnis der Verwandlung der Gläubigen bei der Ankunft des Herrn (1. Kor 15,51)
  6. Das Geheimnis der Wiederherstellung Israels zum Herrn (Röm 11,25)
  7. Das Geheimnis des Evangeliums (Eph 6,19)
  8. Das Geheimnis des Reiches Gottes (Mk 4,11; Mt 13,11; Lk 8,10)
  9. Das Geheimnis der sieben Sterne und goldenen Leuchter (Off 1,20)
  10. Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit (2. Thes 2,7)
  11. Das Geheimnis Babylons, der Hure (Off 17,5)
  12. Das Geheimnis, alles unter ein Haupt, unter Christus, zusammenzubringen (Eph 1. 9–10)

Nun, die Wahrheit von Christus, und der Versammlung ist ein Geheimnis: Der Vorsatz Gottes in bezug auf Christus und die Versammlung war im Alten Testament nicht offenbart. Gott hatte ihn vor aller Zeit in Seinem Herzen, aber er war dort als ein Geheimnis verborgen (Eph 3,5.9; Röm 16,25–26; Kol 1,26). Dieses „Geheimnis des Christus“ war in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen, das heißt den Menschen früherer Zeiten, nicht kundgetan worden, wie der Apostel Paulus in Epheser 3,5, sagt, und er fügt hinzu: „wie es jetzt geoffenbart worden ist seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geiste.“ Die Reihenfolge „Apostel und Propheten“ (die Apostel werden vor den Propheten genannt) macht klar, dass es sich nicht um Propheten des Alten Testaments, sondern um die Apostel und Propheten des Neuen Testaments handelt, deren Lehre – heute in der Heiligen Schrift niedergelegt – die Grundlage der Versammlung bildet, „indem Jesus Christus selbst Eckstein ist“ (Eph 2,20). Auch ist zu beachten, dass der Apostel im Gegensatz zu dem, was früher kundgetan worden ist, hier von dem spricht, was „jetzt“ offenbart worden ist. Und was die Sache noch deutlicher macht: Die Offenbarung der „Verwaltung des Geheimnisses“ war ausschließlich Paulus anvertraut worden; nur in seinen Briefen finden wir die Entfaltung dieser einst im Herzen Gottes verborgenen Gedanken.

Wir müssen also nicht im Alten Testament die Wahrheit über die Versammlung Gottes suchen. Tun wir es dennoch, so wird uns das zu völlig falschen Rückschlüssen führen, und wir werden nie das wahre Wesen der Versammlung verstehen. Kein Glaubensmann des Alten Testaments – kein Abraham, kein Mose, kein David, kein Jesaja – wusste etwas von der Versammlung des lebendigen Gottes, keiner sprach daher auch je von ihr, auch nicht andeutungsweise. Leider wird das von vielen, lieben Kindern Gottes nicht verstanden. Sie haben keinerlei Schwierigkeit, im Alten Testament das zu finden, was sie für die Kirche halten, aber sie irren! Sie vermischen ständig neutestamentliche Wahrheit mit alttestamentlicher Wahrheit, christliche Haushaltung mit jüdischer Haushaltung, und gewinnen somit nie einen wirklichen Einblick in die Gedanken Gottes, sondern fallen früher oder später irgendwelchen Irrtümern zum Opfer, wie zum Beispiel dem, dass der Ölbaum in Römer 11 ein Bild der wahren Kirche sei und dass auch Kinder Gottes „ausgeschnitten“ und damit verloren gehen können. Deswegen ist das Verstehen der verschiedenen Haushaltungen so eminent wichtig. Eine ganz andere Sache ist es natürlich, dass wir heute rückblickend im Alten Testament durch das Licht des Neuen Testaments Vorbilder und Schatten von dieser Wahrheit der Versammlung finden, wenn wir zum Beispiel nur an die Frauen von Joseph und Mose, an die Stiftshütte, an den Überrest unter Esra und Nehemia usw. denken.

Selbst als der Herr Jesus auf der Erde war, existierte die Versammlung Gottes noch nicht, auch baute Er sie damals noch nicht. Die Versammlung wird im Neuen Testament zum ersten Mal in Matthäus 16,18, erwähnt. Dort wird Sein Bauen dieser Versammlung als zukünftig gezeigt. „Auf diesen Felsen“, sagt der Herr Jesus, „will (oder: werde) ich meine Versammlung bauen.“ Er hatte Simon einen neuen Namen gegeben – Petros Stein - und hatte angedeutet, dass Er auf diese Person, von der Petrus gesprochen hatte, auf diesen „Felsen“ (griech. petra) Seine Versammlung bauen würde. Die zweite und letzte Erwähnung in den Evangelien finden wir in Matthäus 18,17. Doch auch sie redet offenbar von etwas Zukünftigen; denn noch war der Herr Jesus selbst auf der Erde, so dass Dinge und Probleme zwischen Brüdern vor Ihn gebracht werden konnten.

Ein bedeutsamer Geburtstag

Das zweite Kapitel in der Apostelgeschichte schildert uns einen bedeutsamen „Geburtstag“: den der Versammlung Gottes. Wir finden dort eine Schar treuer Gläubiger noch von der Zeit des Herrn her, die Ihm persönlich nachgefolgt waren. Diese wurden gleichsam der Kern der Versammlung am Tag ihrer Gründung. Sie wurden durch das Herabkommen des Heiligen Geistes zu einem Leibe getauft (1. Kor 12,13) und dadurch mit dem verherrlichten Heiland im Himmel aufs innigste verbunden. Sie bewegten sich fortan nicht nur als Einzelpersonen, sondern als ein korporativer Organismus, als Leib Christi; einzeln aber waren sie Glieder voneinander. Dabei sehen wir eine wunderbare, zuvor nie gekannte Einheit und Einmütigkeit in ihrem praktischen Verhalten an den Tag treten, die durch den innewohnenden Heiligen Geist bewirkt wurden. So lesen wir in Kapitel 2, Verse 42 bis 44:

„Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten. Es kam aber jede Seele Furcht an, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. Alle aber, welche glaubten, waren beisammen und hatten alles gemein.“

Und in Kapitel 4, Verse 32 und 33, hören wir die bedeutsamen Worte:

„Die Menge derer aber, die gläubig geworden, war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen wäre, sondern es war ihnen alles gemein. Und mit großer Kraft legten die Apostel das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ab; und große Gnade war auf ihnen allen.“

Das also ist die Versammlung Gottes: eine lebendige Körperschaft, bestehend aus wahren Gläubigen, getauft zu einem Leibe durch den Heiligen Geist Gottes, verbunden mit dem Herrn als Haupt des Leibes droben und untereinander. Die Kirche der Heiligen Schrift ist also kein materielles Gebäude; denn Gott wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind (Apg 17,24). Sie ist vielmehr ein lebendiger Organismus, eine geistliches Haus, und besteht aus lebendigen Steinen (1. Pet 2,5). Doch damit werden wir uns noch näher beschäftigen.

Als der Herr Jesus mit dem Heiligen Geist getauft wurde (und beachten wir. dass Er der erste und einzige Mensch war, der den Heiligen Geist empfing, bevor das Werk der Erlösung vollbracht war, weil Er ohne Sünde und der Heilige Gottes war und nicht der Erlösung bedurfte), da kam der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf Ihn (Mt 3,16). Hier aber, als die Gläubigen die Taufe des Heiligen Geistes empfingen, erschien ihnen der Heilige Geist in der Form zerteilter Zungen wie von Feuer, und sie setzten sich auf jeden einzelnen von ihnen. Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Diese geteilten Zungen wie von Feuer reden von dem Wort des Zeugnisses Gottes in Macht. Aber dieses Zeugnis sollte nicht auf die Juden beschränkt bleiben, sondern auch die Heiden sollten die „großen Taten Gottes“ hören (Apg 2,11). Hier sehen wir, wie durch den Heiligen Geist die sprachlichen Hürden, die Gott seit Babel zur Eindämmung des Hochmuts des Menschen aufgerichtet hatte, für eine Zeit übersprungen wurden als Zeichen davon, dass das Evangelium der Gnade Gottes nun auch zu den Fernen gelangen sollte.

Das also ist der „Geburtstag“ der Versammlung. Seit jenem Tag der Pfingsten ist Gott, der Heilige Geist, als Person auf dieser Erde, und die Apostelgeschichte zeigt Sein Wirken in der Versammlung, um sie zu leiten. Er benutzte eine Vielzahl von Werkzeugen; aber wir werden, wenn wir die einzigartige Geschichte der Versammlung verfolgen, finden, dass, wo immer der Heilige Geist wirkte, Er zur Einheit führte und die eine Versammlung Gottes bildete. Kraft wurde sichtbar, und zwar nicht des Menschen, sondern Gottes Kraft. Die Versammlung war der Schauplatz der Entfaltung dieser Kraft. In Apostelgeschichte 4 finden wir gleichsam die erste Gebetsstunde der Versammlung:

„Und nun, Herr, sieh an ihre Drohungen und gib deinen Knechten, dein Wort zu reden mit aller Freimütigkeit, indem du deine Hand ausstreckst zur Heilung, und dass Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus. Und als sie gebetet hatten, bewegte sich die Stätte, wo sie versammelt waren; und sie wurden alle mit Heiligem Geiste erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit“ (Verse 29–31).

Was für eine Szene war das! Eine Versammlung, ein Herz, ein Vorsatz: die Verherrlichung Jesu! Der Heilige Geist war gegenwärtig und ungehindert wirksam. Gewiss, man möchte seufzen, wenn wir den gegenwärtigen Zustand der Christenheit mit jenen glücklichen Tagen des Anfangs vergleichen!

Die Gegenwart des Heiligen Geistes

So wirklich war die Gegenwart des Heiligen Geistes als Person auf dieser Erde, dass Petrus zu Ananias sagen konnte: „Warum hat Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belogen hast?“ (Apg 5,3). In Kapitel 10, Vers 19, lesen wir, dass der Geist zu Petrus sprach: „Siehe, drei Männer suchen dich.“ Und nach der Bekehrung der Heiden und der Ausgießung der Gabe des Heiligen Geistes auch auf sie, sagt Petrus in Kapitel 11, Vers 12: „Der Geist aber hieß mich mit ihnen gehen, ohne irgend zu zweifeln „ In Kapitel 13 nimmt der Heilige Geist denselben Platz göttlicher Leitung in der Versammlung zu Antiochien ein. „Während sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werke aus, zu welchem ich sie berufen habe. Da fasteten und beteten sie.“ Und in Vers 4 lesen wir dann: „Sie nun, ausgesandt von dem Heiligen Geiste, gingen hinab.“ Als eine Frage von großer Bedeutung durch die Versammlung zu Jerusalem entschieden werden musste, wurde erneut die Gegenwart des Heiligen Geistes deutlich sichtbar: „Denn es hat dem Heiligen Geiste und uns gut geschienen, keine größere Last auf euch zu legen, als diese notwendigen Stücke ...“ (Kapitel 15, 28). Die Apostel wurden in ihrem Dienst durch diese göttliche Person geleitet: „Sie durchzogen aber Phrygien und die galatische Landschaft, nachdem sie von dem Heiligen Geist verhindert worden waren, das Wort in Asien zu reden ... – Sie versuchten nach Bithynien zu reisen, und der Geist Jesu erlaubte es ihnen nicht“ (Kapitel 16, 6–7).

So sehen wir die Versammlung während der ganzen Apostelgeschichte unter der souveränen Leitung des Heiligen Geistes. Trauriges Versagen auch in diesem Punkt wird uns in Kapitel 20, Verse 28–30, vorhergesagt. Ja, selbst der Apostel Paulus hörte einmal nicht auf die Stimme des Geistes (Kapitel 21, 4–5), wenngleich ihn auch überaus edle Beweggründe leiteten – die Liebe zu seinen Brüdern nach dem Fleische (Röm 9,1–3). Aber das Versagen des Menschen ändert nicht die Wahrheit Gottes. Christus ist verherrlicht im Himmel; der Heilige Geist ist auf die Erde herabgesandt worden, und Er wohnt in der Versammlung. Ach, wie hat die Christenheit vollkommen darin versagt, die göttliche Gegenwart und Leitung des Heiligen Geistes anzuerkennen und zu verwirklichen!

Erinnern wir uns noch einmal, was ekklesia bedeutet: Die Versammlung ist eine Schar „Herausgerufener“ aus dieser Welt. Jakobus sagt in Apostelgeschichte 15, Verse 13 bis 14:

„Brüder, höret mich! Simon hat erzählt, wie Gott zuerst die Nationen heimgesucht hat, um aus ihnen ein Volk zu nehmen für seinen Namen.“ Dies also ist die Versammlung- ein Volk, aus den Nationen herausgenommen durch die souveräne Wirksamkeit des Geistes Gottes für Seinen Namen. Hätte doch die Kirche dies beachtet und ihren himmlischen Charakter bewahrt! Sind jene im Obersaal, die, getrennt von der religiösen Welt, die ihren Heiland kreuzigte, einmütig im Gebet verharrten, nicht symbolisch für die gottgemäße Stellung, die wir auch heute noch einnehmen sollten?

Der Herr aber tat hinzu

In jenen Tagen kennzeichneten noch Kraft und Heiligkeit die frühe Kirche, und wir lesen in Kapitel 5, Vers 13, der Apostelgeschichte: „Von den übrigen aber wagte keiner, sich ihnen anzuschließen, sondern das Volk erhob sie.“ Ungläubige fühlten, dass sie das nicht hatten, was die von neuem Geborenen besaßen: den Heiligen Geist. Aber die wirklich errettet wurden, wurden „dem Herrn hinzugetan“, nicht Menschen oder irgendwelchen kirchlichen Organisationen (Kapitel 5, 14). Man kann sich nicht selbst der wahren Kirche zufügen. Auch lesen wir nicht, dass sich Menschen dieser oder jener Gemeinschaft oder auch gar der Kirche Gottes „anschlössen“ Vielmehr hören wir in Apostelgeschichte 2,47, die bedeutsamen Worte:

„Der Herr aber tat täglich zu der Versammlung hinzu, die gerettet werden sollten.“

Welch ein Trost in unseren Tagen des Verfalls und der Unordnung, dass jeder wahrhaft Bekehrte zu der „Versammlung der Erstgeborenen“ gehört (Heb 12,23)! Das ist die einzige Kirche, zu der man nach der Heiligen Schrift gehören kann. Die einzige Zugehörigkeit, die die Schrift kennt, ist die Gliedschaft am Leibe Christi.

Die Versammlung ist die Versammlung Gottes; sie gehört Ihm, und alle Rechte hat Er; denn Er hat sie Sich erworben durch das Blut Seines Eigenen (Apg 20,28). Nicht eher werden wir volles Licht darüber bekommen, was die Versammlung Gottes in Seinen Augen ist, bis wir erkennen, dass Er die Versammlung geschaffen hat zu Seiner und zu des Herrn Jesus ewiger Verherrlichung: „Ihm sei die Herrlichkeit in der Versammlung in Christo Jesu, auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter hin! Amen“ (Eph 3,21)

Gottes gegenwärtige Absicht

Gott verfolgt mit der Versammlung nicht nur für die kommende Ewigkeit eine Absicht, sondern auch für die gegenwärtige Zeit. Das Wörtchen jetzt in Epheser 3,10, macht uns das deutlich:

„... auf dass jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die gar mannigfaltige Weisheit Gottes.“

Die Versammlung ist gleichsam ein höchst interessantes Lektionsbuch für die Engel. Es ist die Absicht und die Berufung Gottes für die Versammlung, dass die Engel des Himmels durch sie Seine gar mannigfaltige Weisheit erkennen sollen. Diese neue Art von Weisheit können sie nirgendwo anders lernen als nur in der Versammlung.

Die Engel hatten die erste Schöpfung gesehen, hatten frohlockt bei ihrer Grundlegung (Hiob 38,7). Sie hatten die Wege Gottes mit den Menschen und mit Israel gesehen; sie hatten in alledem die Herrlichkeit Gottes wahrnehmen können, aber auch die tiefen Schatten des Versagens des Menschen. Aber nun wollte Gott die natürlichen Bewohner des Himmels eine ganz neue Art von Weisheit lehren: Gottes eigener Sohn, das Wort, wurde Fleisch, ging bis zum tiefsten Punkt und verherrlichte Gott auf dem Schauplatz, wo Er am meisten verunehrt worden war. Aber als Folge Seines Auferstehens und Seiner Verherrlichung zur Rechten Gottes sollte Er (als Mensch) nicht länger allein sein, sondern als Haupt im Himmel einen neuen und angemessenen Leib auf der Erde erhalten – Gläubige aus Juden und Heiden, solche, die untrennbar mit Ihm verbunden sind, die Miterben, Miteinverleibte und Mitteilhaber Seiner Verheißung in Christus sind (Eph 3,6). Wunderbare Segnung! Wer vermag sie ganz zu ergründen?

Können wir es fassen, dass Gott gleichsam über die Ihn umgebenden Engel hinwegsieht und mit solchen, wie wir es sind, beschäftigt ist? Er sieht in uns den teuersten Gegenstand Seiner Zuneigungen. Er hat uns Christus als unser Leben gegeben, hat den Heiligen Geist auf uns herabgesandt, dass Er in uns als in einem Tempel wohne und dass Er uns mit Ihm, dem Haupt im Himmel, verbinde, während wir selbst noch hier auf der Erde sind. Welch eine Berufung ist das! In der Tat, wenn ein Engel wissen will, was Weisheit, was Liebe, was Gnade ist, muss er uns, Geliebte, muss er die Versammlung anschauen.

Eine derart erhabene Stellung besitzt die Versammlung Gottes im Ratschluss Gottes, dass die vollkommene Herrlichkeit Seiner Weisheit nur durch sie entdeckt werden kann. Die sichtbare Schöpfung war in diesem Sinne eine notwendige Einleitung oder Vorbereitung für die neue, himmlische Schöpfung. Er, der alle Dinge schuf, hatte die Versammlung in Seinen Gedanken, ehe Er das Werk begann. Nun sollen die himmlischen Mächte in Seiner neuen Schöpfung Seine viel variierende -so kann der hier verwendete Ausdruck wörtlich wiedergegeben werden – Weisheit kennen lernen. Nie war es ihnen wohl in den Sinn gekommen anzunehmen, dass Sich ihr Schöpfer (Kol 1,16) so tief unter sie selbst würde herabbeugen können, um dort, unter uns, geeignete Teilhaber Seiner Freude zu finden. Nun erkennen sie in der Berufung der Versammlung zur Gemeinschaft mit dem Sohne Gottes (1. Kor 1,9) einen Beweis einer neuen, alles überragenden Weisheit ihres Schöpfers.

In welch ein tiefes Geheimnis blicken sie hinein, wenn sie sehen, dass Der, der sie erhält durch das Wort Seiner Macht, Freude daran findet, vor ihren Augen Sein völliges Eins-Sein mit denen zu bekunden, die einst ihrer Natur nach von Gott entfremdet und Feinde Gottes waren, nun aber durch das Blut des Christus so nahe geworden sind!

So wie Jehova einst Sein irdisches Volk Israel benutzte, um der Menschheit die Heiligkeit Seiner Wege kundzutun, so benutzt Gott jetzt die Versammlung, die Er so wunderbar mit Christus verbunden und ihr schon jetzt einen Platz in Ihm in den himmlischen Örtern gegeben hat (Eph 2,6), um denen im Himmel den vollkommenen Weg des allein weisen Gottes kundzutun. Aber beachten wir: denen im Himmel! Die Welt lernt nichts durch die wahre Kirche Gottes, denn sie kann nicht geistliche Dinge wahrnehmen und verstehen. Es sind die Engel, die in die Dinge Christi hineinzuschauen begehren (1. Pet 1,12), und durch die Versammlung werden sie ihnen kundgemacht. Gewiss, wenn irgend etwas zusätzlich zu dem Wunder der Fleischwerdung Christi und deren Ergebnissen, wie sie sie jetzt in der Person des erhöhten Christus wahrnehmen, ihre Bewunderung erwecken kann, dann muss es die Tatsache sein, dass Gott so Schwache und Unwürdige zu Denkmälern Seiner ewigen Liebe auserwählt hat (Eph 2,7).

Unterschiede zwischen Judentum und Christentum

Leider hat man die himmlische Berufung der Versammlung nicht im Herzen bewahrt. Deswegen drang bereits sehr früh in der Geschichte der christlichen Kirche eine Unzahl jüdischer Elemente in die Lehre und Praxis der Kirche ein. Selbst schon Paulus sah sich wiederholt genötigt, gegen judaisierende Lehrer vorzugehen. Weil das Nicht-Unterscheiden der Haushaltungen und das Vermischen von Gesetz und Gnade heute fast die ganze Christenheit durchsetzt und zu verheerenden Folgen für den Frieden des einzelnen und für das Zeugnis der Gesamtheit geführt hat und noch führt, möchte ich in diesem Kapitel über die verschiedenen Haushaltungen noch einmal die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Judentum und Christentum, zwischen Israel und der Versammlung Gottes aufzeigen.

Israel war das irdische Volk Gottes, eine Nation auf der Erde mit irdischen Segnungen und Hoffnungen. Die Existenz und der Fortbestand dieses Volkes gründet sich auf dem Abraham gegebene Verheißungen Gottes, und es war von Grundlegung der Welt an auserwählt. Es gab eine besondere Klasse von Priestern und ein materielles Heiligtum, in dessen Inneres nur die Priester gehen durften; das Volk war draußen. Der Anbeter brachte tierische Schlachtopfer dar, er selbst aber blieb durch den Vorhang des Heiligtums von der Gegenwart Gottes ausgeschlossen. Das ganze System der Anbetung und des Dienstes unter dem Gesetz war äußerer Natur. Um daran teilzunehmen genügte es, in dieses Volk geboren worden zu sein.

Deswegen setzte sich die Versammlung Israels aus Gläubigen und Ungläubigen zusammen, es war eine gemischte Versammlung, von der nur einige wahren Glauben besaßen, während die Masse ungläubig war. Was Gläubige und Ungläubige dieser Versammlung zusammenhielt, war die nationale Klammer: Sie gehörten zu der Nation Israels, sie hatten nationale Hoffnungen für diese Erde, und ein äußeres Zeichen war ihnen allen gemein – die Beschneidung. Diese Nation stand unter der Verpflichtung, das Gesetz Moses' zu halten. Das war die Grundlage ihrer Annahme vor Gott. Aufgrund des Werkes Christi hat dieses Volk, oder besser gesagt, hat ein Überrest aus diesem Volk eine Zukunft, aber diese Zukunft liegt auf dieser Erde und ist auf die Dauer der tausendjährigen Herrschaft Christi beschränkt.

Die Versammlung Gottes oder das wahre Christentum steht zu all den genannten Merkmalen des Volkes Israel in vergangenen und zukünftigen Tagen in vollständigem Gegensatz. Die Gläubigen, die die Versammlung bilden, sind vor Grundlegung der Welt auserwählt (Eph 1,4). Die Versammlung selbst hat in dem vollbrachten Erlösungswerk Christi ihre ewig gültige Grundlage. Gebildet wurde sie indes durch das Herabkommen des Heiligen Geistes (als Folge des Todes Christi, Seiner Auferstehung und Seiner Himmelfahrt), wobei die einzelnen Glieder untereinander und mit dem verherrlichten Haupt im Himmel als zu einem Leib verbunden wurden.

Die Berufung dieser organischen Einheit aus wahren Gläubigen aus Juden und Nationen ist ebenso himmlisch, wie es ihre Hoffnung und ihre Segnungen sind. Für sie ist der „Vorhang“ zerrissen: Sie haben im Glauben Zutritt zum himmlischen Heiligtum Gottes (Heb 10,19–22). Ja, noch mehr: Alle wahren Gläubigen bilden selbst ein geistliches Haus, den Tempel Gottes (Eph 2,19–22). Zudem sind sie alle ohne Ausnahme Priester, ein heiliges Priestertum, und bringen geistliche Schlachtopfer dar (1. Pet 2,4–5), das heißt, sie haben alle das Vorrecht und die Befähigung in Christo Jesu, Gott in Geist und Wahrheit anzubeten (Joh 4,23–24). Sie stehen nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade (Röm 6,14). Das Gesetz ist weder das Mittel zu ihrer Errettung, noch ist es ihre „Lebensregel“, ihr Maßstab für ihr praktisches Verhalten. Sie sind mit Christus dem Gesetz gestorben (Gal 2,19–20), um in Neuheit des Lebens (Röm 6,4) und in der Kraft des Geistes zu wandeln. Der Maßstab dafür ist Christus selbst. Sie hoffen nicht auf eine nationale Wiederherstellung und Wiedergeburt (wie Israel sie erfahren wird; Hes 36 und 37), sondern sie sind bereits von neuem geboren (Joh 3,3–8) und erwarten die Wiederkunft Christi (1. Thes 4,15–18), der sie aus dieser Welt in die Herrlichkeit Gottes, ja, in das Haus Seines Vaters führen wird (Joh 14,2–3). Dort, an dem Ort höchster Glückseligkeit, wo der Vater und der Sohn seit Ewigkeit wohnen, werden auch sie wohnen – und nicht nur für tausend Jahre, sondern in alle Ewigkeit.

Gepriesen, gepriesen sei der Name Gottes, des Vaters, und der Name Seines Sohnes, unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, für solche Gnade!

Der Ölbaum

Es scheint mir angebracht und nützlich zu sein, in diesem Kapitel über Haushaltungen noch einen Gegenstand zu berühren, den der Apostel im elften Kapitel des Römerbriefes in bemerkenswerter Breite darstellt – die Zukunft Israels. Er behandelt dort eine Frage, über die selbst Christen ganz verschiedene Auffassungen haben: Hat Israel eine Zukunft?

Die Kapitel neun bis elf bilden den dispensationalen oder haushaltsmäßigen Teil dieses Briefes. In ihnen entwickelt er das Handeln Gottes in Seinen Wegen mit Israel und den Nationen und kommt dabei in Kapitel elf auf einen edlen Ölbaum zu sprechen, in den Zweige eines wilden Ölbaumes eingepfropft worden sind. Was bedeutet dieser bildliche Vorgang? Wovon redet der edle Ölbaum, wovon der wilde? Ist der edle Ölbaum ein Symbol der Versammlung, der Kirche Gottes? Ist die Kirche nach allem nicht doch nur eine Fortsetzung Israels, wenn auch vielleicht mit besserem, christlichem Vorzeichen? Kann ein Gläubiger schließlich doch „ausgeschnitten“ werden und verloren gehen? Diese Fragestellungen machen deutlich, dass ein Missverstehen der Bedeutung des Ölbaumes verhängnisvolle Folgen haben kann. Deswegen möchte ich kurz auf dieses wichtige elfte Kapitel des Briefes an die Römer eingehen und versuchen, auf die angedeuteten Fragen klare, schriftgebundene Antworten zu geben. Sie zu verstehen wird dem Leser um so leichter fallen, als er durch das bereits Gesagte weitgehend dafür vorbereitet ist.

Hat Israel keine Hoffnung mehr?

Im neunten Kapitel skizziert der Apostel die Geschichte Israels in der Vergangenheit, in Kapitel zehn den gegenwärtigen Zustand dieses Volkes: Er ist durch Untreue und Unglauben gekennzeichnet. Und weil sich dieses Volk an dem Stein des Anstoßes und dem Fels des Ärgernisses - an Christus – gestoßen und Ihn Verworfen hat (Kapitel 9, 33), hat Gott Seine in Güte gegen dieses ungehorsame und widersprechende Volk ausgestreckte Hand von ihm zurückgezogen, um Sich solchen zuzuwenden, die nicht nach Ihm fragten, den Nationen (Kapitel 10, 20–21). Israel ist als Nation, ist in seiner Masse beiseite gesetzt worden und dem Gericht Gottes verfallen. Wir haben das schon betrachtet: In heilsgeschichtlicher Sicht wendet Sich Gott heute allen Völkern der Erde ohne Unterschied zu. Israel hat seine besondere Position auf der Erde verloren. Es hat seinen Platz als Zeuge Gottes, als Gegenstand der Verheißungen Gottes auf Erden eingebüßt. Ja, es hat sich im höchsten Maße schuldig gemacht, weil es seinen ihm von Gott gesandten Messias gekreuzigt und gerufen hat: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“ (Mt 27, 25).

Hat nun dieses Volk gar keine Hoffnung mehr? Diese Frage behandelt, wie bereits bemerkt, das elfte Kapitel des Römerbriefes. Nun, aufgrund dessen, was dieses Volk getan hat, hat es tatsächlich keine Anrechte mehr. Sämtliche an Bedingungen geknüpfte Verheißungen Gottes hat es verwirkt. Und doch: Weil die Gnadengaben und die Berufung Gottes unbereubar sind (Vers 29), weil Gott dieses Volk zu einem bestimmten Zweck berufen hat (die Verherrlichung Christi auf Erden und die Segnung der Erde) und Seine Gnaden-Absichten nicht durchkreuzt werden können, hat Israel eine Hoffnung. Das macht die Beantwortung von zwei Fragen deutlich, die in den Versen 1 und 11 in unserem Kapitel gestellt werden.

Auf die erste Frage in Vers 1 „Hat Gott etwa sein Volk verstoßen?“ antwortet der Apostel, inspiriert durch den Geist, entschieden mit: „Das sei ferne!“ Allein die Tatsache, dass er selbst, Paulus, ein Israelit aus dem Samen Abrahams war und errettet worden ist, machte deutlich, dass Gott Sein Volk nicht ganz und gar verstoßen hat. Hatte nicht auch er Christus gehasst und die Versammlung Gottes verfolgt? Aber ihm war Barmherzigkeit zuteil geworden „zum Vorbild für die, welche an ihn glauben werden zum ewigen Leben“ (1. Tim 1,16). Seine beispiellose Bekehrung ist gewiss auch ein prophetischer Hinweis auf die Bekehrung des Überrestes aus Israel bei der Ankunft des Herrn in Macht und Herrlichkeit.

Ein Überrest aus Israel

Gott hat Sich in Seinem Erbarmen aus diesem Volk immer einen Überrest übriggelassen, auch in der jetzigen Zeit – einen Überrest nach Wahl der Gnade (Vers 5). Das ist nur vom Volk Israel wahr, von keinem anderen Volk der Erde. Sollte uns das nicht zu denken geben und bescheiden machen? Als Beispiel für einen Überrest aus der Vergangenheit werden der Prophet Elias und die Siebentausend angeführt, die nicht ihre Knie vor den Götzen gebeugt hatten. Selbst in der bösen Zeit des gottlosen Königs Ahab hatte Gott Sich solche übrigbleiben lassen, die Ihm in Treue anhingen und sich nicht dem Götzendienst hingaben.

Tatsächlich gab es zu jeder Zeit in diesem Volk einen treuen Überrest, wie weit sich das Volk selbst auch von Gott entfernt haben mochte. Das war so in der Zeit der Wegführung nach Babylon. Denken wir nur an Daniel und seine Freunde am Hof Nebukadnezars! Das war so in der Zeit Esras und Nehemias, als einige zehntausend in das verheißene Land zurückkehrten. Das war auch so in der durch Abfall gekennzeichneten Zeit Maleachis: „Da unterredeten sich miteinander, die Jehova fürchten, und Jehova merkte auf und hörte; und ein Gedenkbuch ward vor ihm geschrieben für die, welche Jehova fürchten und welche seinen Namen achten“ (Mal 3, 16).

Auch als der Herr Jesus auf die Erde kam, fand Gott einen Überrest in Israel, solche, die „auf Erlösung warteten in Jerusalem“ (Lk 2, 38). Zacharias und Elisabeth, die Hirten auf dem Feld, Simeon und Anna, sie alle gehörten dazu (Lk 1 + 2). Auch in der jetzigen Zeit gibt es einen Überrest aus diesem Volk. Zu Anfang des christlichen Zeugnisses wurden viele Gläubige aus den Juden errettet und der Versammlung hinzugetan (Apg 2,47). So geschieht es auch heute noch. Und auch dann, wenn die Versammlung entrückt worden und die Gnadenzeit damit zum Abschluss gekommen ist, wird es aus dem Volk Israel einen treuen Überrest auf der Erde geben, der nicht das „Tier“ und sein Bild anbeten und dafür durch unvergleichliche Drangsale gehen wird, wie uns das Buch der Offenbarung zeigt.

Die Tatsache, dass Gott immer einen Überrest aus diesem Volk hatte und haben wird, ist etwas überaus Beglückendes. Ist sie doch ein nicht zu übersehender Beweis der Güte und Treue Gottes. Aber sie beweist zugleich aufs deutlichste, dass Gott Sein Volk nicht verstoßen hat, wenngleich die große Masse des Volkes als Gericht Gottes der Verstockung und Schlafsucht hingegeben worden ist. Doch die Propheten des Alten Testaments hatten auch das vorhergesagt (Verse 8–10).

Die Versöhnung der Welt

Die zweite Frage in Vers 11 „Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie fallen sollen?“ wird ebenso entschieden mit „Das sei ferne!“ beantwortet. Das will sagen: Der Gedanke, dass Israel deswegen gestrauchelt ist, damit es für immer verloren sei (das ist wohl die Bedeutung von fallen hier), ist falsch. Wohl ist ihr Fall der Anlass dafür geworden, den Nationen das Heil zu bringen, aber es geschah, wie wir hier erfahren, „um sie zur Eifersucht zu reizen“. Die Verwerfung Israels war also nicht nur nicht vollständig - das haben uns die ersten zehn Verse gezeigt –, sondern auch nur für eine Zeit; das machen die Verse ab Vers 11 deutlich. Denn wenn Gott durch Seine Hinwendung zu den Heiden das Volk Israel zur Eifersucht reizen will, dann tut Er das gewiss nicht, um sie für immer zu verwerfen. Nein, Er wird sie einmal wieder annehmen, als Nation annehmen, und das wird wie „Leben aus den Toten“ sein (Vers 15). Davon reden auch die Propheten Hesekiel (Kapitel 37, 1–17 und 39, 25–29) und Hosea (Kapitel 5, 15 – 6, 3) in eindrucksvoller, bildhafter Sprache.

Der Apostel scheint die Geschichte Josephs vor sich zu haben. Jedenfalls ist sie eine wunderschöne Illustration dessen, was wir hier vor uns haben. Denn nachdem Joseph von seinen Brüdern verworfen, in die Grube geworfen und ins Gefängnis gelegt worden war, war er auf den Thron der Welt erhoben worden, er war der nächste nach dem Pharao. Sein Aufstehen war der Reichtum der Welt während der sieben Jahre des Überflusses. Und als dann seine Brüder in Buße zu ihm zurückkehrten in den Jahren der Hungersnot, war es wie Leben aus den Toten. Geradeso wird es sein, wenn Israel am Ende der Tage wiederhergestellt wird.

Doch das alles hat auch für uns aus den Nationen eine Stimme, die wir nicht überhören sollten. Der Fall Israels ist der Reichtum der Welt, ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt (Verse 12 und 15). Sind wir wohl dankbar genug dafür, dass Gott den Fall Israels und ihre Verwerfung zum Anlass nahm, nun uns, den Nationen, den Reichtum Seiner Gnade anzubieten? Das übrigens meint Versöhnung (der) Welt. Im Gegensatz zu Kapitel 5, Vers 10, spricht hier der Heilige Geist nicht von Versöhnung als der Frucht des Werkes Christi und damit von echten, wirklichen, ewigen Ergebnissen für den einzelnen, sondern von Versöhnung als Ausdruck der Wege Gottes in Seiner Vorsehung mit den Menschen. Sie ist hier das Ergebnis des Falls Israels. Von einer angeblichen „Allversöhnung“ ist an dieser Stelle also mit keiner Silbe die Rede! Diese Lehre ist eine böse Irrlehre, die der ganzen Heiligen Schrift fremd und zuwider ist.

Nein, dieser Ausdruck, in dem bezeichnenderweise der Artikel vor Welt fehlt, bezeichnet vielmehr einen Wandel der Haushaltungen, das Sich-Hinwenden Gottes zu den Nationen in Seinen Wegen mit den Menschen; denn bis dahin waren ja die Nationen in dieser Hinsicht völlig unbeachtet geblieben. Gott gefiel es in Seiner Gnade, den Fall und das Versagen Israels zum Anlass dafür zu nehmen, aufgrund des Werkes Christi jetzt auch den Nationen das Licht des Evangeliums der Gnade anzubieten. „Ihr Fall ist der Reichtum der Welt und ihr Verlust der Reichtum der Nationen“ – wahrlich, wie unermesslich reich ist die einst heidnische Welt durch das Licht des Christentums geworden! So brachte dieses Handeln Gottes die aus den Nationen in eine Stellung großer Vorrechte, mit der allerdings auch ernste Verantwortlichkeit verbunden ist. Um das zu verdeutlichen, benutzt der Apostel das Bild eines edlen Ölbaumes, in den wilde Ölbaumzweige eingepfropft worden sind. Doch hören wir die Worte der Heiligen Schrift selbst:

Wenn aber der Erstling heilig ist, so auch die Masse; und wenn die Wurzel heilig ist, so auch die Zweige. Wenn aber einige der Zweige ausgebrochen worden sind, und du, der du ein wilder Ölbaum warst, unter sie eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaumes mitteil'haftig geworden bist, so rühme dich nicht wider die Zweige. Wenn du dich aber wider sie rühmst – du trägst nicht die Wurzel, sondern die Wurzel dich. Du wirst nun sagen: Die Zweige sind ausgebrochen worden, auf daß ich eingepfropft würde.

Recht; sie sind ausgebrochen worden durch den Unglauben; du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich; denn wenn Gott der natürlichen Zweige nicht geschont hat, daß er auch deiner etwa nicht schonen werde.

Sieh nun die Güte und die Strenge Gottes: gegen die, welche gefallen sind, Strenge; gegen dich aber Güte Gottes, wenn du an der Güte bleibst; sonst wirst auch du ausgeschnitten werden. Und auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott vermag es, sie wiederum einzupfropfen. Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum ausgeschnitten worden und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wieviel mehr werden diese, die natürlichen Zweige, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden!

Denn ich will nicht, Brüder, daß euch dieses Geheimnis unbekannt sei, auf daß ihr nicht euch selbst klug dünket: daß Verstockung Israel zum Teil widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird; und also wird ganz Israel errettet werden“ (Röm 11, 16–26).

Die Wurzel

Um zu erfassen, was der edle Ölbaum bedeutet, ist es gut, erst einmal zu erfragen, wer oder was die Wurzel ist. Von der Wurzel empfängt der Ölbaum seine Nahrung und Fettigkeit. Ist Christus die Wurzel? Oder ist es Abraham? Wir kommen der Lösung dieser Fragen dadurch näher, dass wir uns eben einmal ansehen, was von den Zweigen gesagt wird.

Von einigen, nicht von allen, Zweigen hören wir, dass sie in Verbindung mit der Wurzel blieben. Sie waren von Natur her Teil des Ölbaumes. Aber dann hören wir auch von solchen Zweigen, die, obwohl sie der Natur nach zum Ölbaum gehörten, ausgebrochen worden sind; sie würden aber, wenn es Gott gefiele, wieder in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden. In der Zwischenzeit war noch etwas anderes geschehen: Zweige eines wilden Ölbaumes waren unter die natürlichen Zweige eingepfropft worden. Diese haben nun zusammen mit den Zweigen, die stets in Verbindung mit dem Ölbaum geblieben waren, Anteil an der Wurzel und Fettigkeit des Ölbaumes.

Nun, Christus kann nicht die Wurzel des Ölbaumes sein. Denn niemand ist von Natur aus mit Ihm in Verbindung. Das ist ganz und gar unmöglich. Er hat selbst gesagt: „Wahrlich, wahrlich, ist sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12, 24).

Zudem spricht der Herr Jesus in Johannes 15 von Sich als dem wahren Weinstock und von Seinen Jüngern als den Reben. Diejenigen, die sich zu Ihm als Messias auf der Erde bekannten, waren Reben an dem Weinstock. Das Bedeutsame nun für unseren Gegenstand ist: Von den fruchtlosen Reben (von Jüngern also, die nur äußerlich, nur dem Bekenntnis nach mit Ihm in Verbindung standen, ohne wirklich Leben zu haben) wird wohl gesagt, dass sie „weggenommen“ werden (Vers 2), aber es wird nicht die geringste Andeutung gemacht, dass sie wieder eingepfropft werden würden. Ganz im Gegenteil: Man wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen (Vers 6)!

Nein, Christus ist nicht die Wurzel, Er ist der Weinstock. Aber kann nicht Abraham die Wurzel sein? Stehen nicht mit ihm von Natur aus solche in Verbindung, die zu Recht natürliche Zweige genannt werden (Verse 21 und 24)? Sind es nicht seine Nachkommen, die Kinder Israel? Alles spricht dafür. Der Ölbaum wird ihr eigener Ölbaum genannt (Vers 24). An diesem edlen Ölbaum, dessen natürliche Zweige die Israeliten sind, hatten die Heiden keinen Anteil. Unschwer erkennen wir daher in dem wilden Ölbaum ein Bild der Nationen, die außerhalb des edlen Ölbaumes waren.

Der Baum der Verheißung

Der edle Ölbaum, der Öl hervorbringt und dessen Blatt nicht verwelkt, ist in sich selbst durchaus ein Bild des Segens und des Zeugnisses, aber er ist nicht direkt ein Bild von Israel; davon reden vielmehr seine natürlichen Zweige. Aber Abraham, der Wurzel, waren Verheißungen gegeben worden: „Und ich will dich zu einer großen Nation machen und dich segnen ... Und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde“ (1. Mose 12, 2–3). Und Galater 3, Vers 14, sagt uns: „auf dass der Segen Abrahams in Christo Jesu zu den Nationen käme.“ Wir können also sagen: Wohin immer sich die Verheißungen auf Segen, die Gott dem Abraham gegeben hat, erstrecken, dort ist der edle Ölbaum. Oder anders ausgedrückt: Der edle Ölbaum ist ein Symbol vom Besitz der Verheißungen und des Zeugnisses Gottes auf der Erde. Er zeigt uns die fortgesetzte Kette derer, die die Verheißungen in dieser Welt genießen. So ist er der Baum der Verheißung. Er zeigt die Linie der Verheißung, die von Abraham bis auf Christus und Sein Kommen zur Aufrichtung Seines Friedensreiches auf der Erde geht.

Mit diesem „Rüstzeug“ in der Hand wollen wir noch einmal den zitierten Abschnitt aus Römer 11 über den Ölbaum überfliegen, und wir werden erstaunt sein, wie ungezwungen und folgerichtig sich die darin enthaltenen Belehrungen in die Hauptlinie des ganzen Kapitels einfügen und das bestätigen, was wir schon gesehen haben.

Die Wurzel, Abraham, war heilig, das heißt von und für Gott abgesondert. Auch die Zweige, seine natürlichen Nachkommen, waren ein für Gott abgesondertes Volk. In diesem Sinn waren auch sie heilig – heilig, nicht ihrem Wesen, sondern ihrer äußeren Stellung nach. Aber in ihrer Mehrheit entsprachen sie dieser von Gott verliehenen Stellung nicht (1. Kor 10, 5), und Gott musste in Seinen Wegen der Regierung einige der Zweige aus dem edlen Ölbaum ausbrechen „durch den Unglauben“ geschah das, war das nötig, belehrt uns Vers 20. Aber es waren nur einige der Zweige, die ausgebrochen wurden. Ein Teil blieb am Ölbaum, blieb im Besitz der Verheißungen – der Überrest, von dem in den ersten sieben Versen bereits gesprochen und der dort die Auserwählten genannt worden war. Nun war es die Absicht Gottes in Seiner Gnade, die Nationen in die Linie der Verheißungen für die Erde einzuführen. So nahm Er vom wilden Ölbaum Zweige, die nicht wie Israel in einer natürlichen Verbindung mit der Wurzel, dem Vater der Gläubigen, standen, und pfropfte sie „wider die Natur“ (Gnade ist eigentlich immer wider die Natur) unter die Zweige des edlen Ölbaumes ein. So wurden auch solche aus den Nationen der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaumes mitteilhaftig.

Verantwortlichkeiten

Hier wollen wir in unserem Vorüberflug über das prophetische Bild zunächst einmal eine kleine Besinnungspause einlegen. Denn wir sind jetzt bei der bildlichen Darstellung der heutigen Zeit, der Haushaltung der Gnade, angelangt, und es scheint notwendig, einige grundsätzliche Erwägungen einzufügen, um das Bild recht zu verstehen, ehe wir den „Flug“ fortsetzen.

An den Platz von Vorrechten versetzt zu sein schließt unbedingt Verantwortlichkeit mit ein, die Verantwortlichkeit nämlich, den verliehenen Vorrechten praktisch zu entsprechen. Aber an einem Platz der Vorrechte zu sein und Verantwortlichkeit zu haben schließt nicht unbedingt mit ein, dass der einzelne auch wirklich Leben aus Gott hat. Das wird oft nicht richtig verstanden und auseinandergehalten. Israel war am Ölbaum, besaß kostbare Verheißungen; und doch war die große Masse des Volkes ungläubig. Am Ölbaum zu sein bedeutet also durchaus nicht, in einer lebendigen Verbindung mit Gott zu stehen. Gewiss, Gott ist langmütig, und in Seiner Langmut ertrug Er lange diesen Zustand, um sie zu erproben. Aber schließlich trat Er mit Gericht ins Mittel und brach einige der Zweige aus.

An ihrer Stelle brachte Er nun Menschen aus den Heiden an den Platz der Segnung auf der Erde, indem Er ihnen die Schleusen Seiner Gnade öffnete und ihnen das Evangelium der Gnade verkündigen ließ. Diejenigen aus den Nationen, die sich nun zum Christentum bekannten und bekennen, die also ablehnen, Mohammedaner oder Juden oder dergleichen zu sein, befinden sich – zumindest äußerlich – an dem Platz der Segnungen des Christentums, und sie sind verantwortlich für das, was Gott ihnen anvertraut hat. Davon redet das Eingepfropftsein in den Ölbaum. Aber das heißt nicht, dass sie alle auch wirklich von neuem geboren und damit wahre Kinder Gottes sind. Gewiss gehören auch solche heute zum Ölbaum, die die wahre Kirche bilden, aber eben nicht nur sie. Alle getauften Christen, alle, die sich und sei es nur äußerlich – zum Christentum bekennen und durch die Unterwerfung unter die christliche Taufe ablehnen, Juden oder Heiden zu sein, gehören heute zum Ölbaum. Sie sind am Platz der Segnung und der Vorrechte, sind der Fettigkeit des Ölbaumes teilhaftig geworden.

Es geht hier also nicht um die Versammlung Gottes, sondern es ist alles ganz eine Frage des Bekenntnisses, des Besitzes von Verheißungen und des Zeugnisses Gottes hier auf der Erde. Und wer sich zu Christus bekennt, steht nominell auf dem Grundsatz des Glaubens. Doch das bedingt die Verantwortlichkeit, nach diesem Grundsatz zu leben. Haben nun die Christen, die aus dem wilden Ölbaum eingepfropften Zweige, dieser Verantwortlichkeit entsprochen? Leben sie nach dem Grundsatz des Glaubens? Wenn Gott die natürlichen Zweige, die ungläubigen Israeliten, nicht verschonte, wird Er dann die ungläubige Christenheit verschonen, die eine weit größere Verantwortlichkeit hat?

Deswegen wird auch in bezug auf sie von der Möglichkeit eines Ausschneidens gesprochen. Vom Leib Christi wird kein Glied je ausgeschnitten werden, wohl aber werden Zweige vom Ölbaum ausgeschnitten. Das ist bereits geschehen – mit Israel in seiner Masse. Wie ernst sind daher die Ermahnungen an die aus den Nationen, sich nicht zu rühmen und nicht hochmütig zu sein! Denn wenn sie nicht an der Güte Gottes bleiben, werden auch sie ausgeschnitten werden. So redet diese Stelle keineswegs davon, dass ein Gläubiger schließlich doch verloren gehen könnte, sondern davon, dass bekennende Christen ohne Leben aus Gott aus dem Bereich der Segnung, in den sie die Güte und Vorsehung Gottes gebracht hat, entfernt werden, um nie mehr dahin zurückzukehren. Denn erinnern wir uns: Für sie gibt es nie mehr ein Eingepfropft-Werden! Mit Israel dagegen verhält es sich anders. Und halten wir, diese grundsätzlichen Belehrungen zusammenfassend, noch einmal fest:

Bei diesem ganzen Bild handelt es sich nicht um die geistliche Segnung des einzelnen Gläubigen, sondern es geht um die Wege Gottes mit den Menschen, wie Er das Volk Israel als solches beiseite gesetzt und Sich statt dessen den Nationen zugewandt hat; und es geht um die Verantwortlichkeit solcher, die an den Platz des Segens und der Verheißungen auf der Erde gekommen sind.

Doch damit wollen wir unseren Flug über die prophetische Szene fortsetzen und zu Ende führen. Wenn Gott der natürlichen Zweige nicht geschont hat, wird Er auch die wider die Natur eingepfropften nicht schonen. Dass Er leblose christliche Bekenner, die ihrer Verantwortlichkeit nicht entsprochen haben, ausschneiden wird, wird hier nicht direkt gesagt. Aber andere Stellen zeigen uns das (z.B. Mt 24,45–25,30). Wenn die wahre Versammlung schon im Himmel ist, wird der Herr Jesus das christliche Bekenntnis in seiner letzten Phase aus Seinem Munde ausspeien, weil Er es weder kalt noch warm gefunden hat (Off 3, 16).

Das Wiedereinpfropfen Israels

Der Ölbaum jedoch wird weiterhin Bestand haben, und das Ausschneiden des abgefallenen christlichen Bekenntnisses wird den Weg für das Wieder-Einpfropfen Israels ebnen. So wie die Christenheit nicht im Glauben geblieben ist (kann man darüber überhaupt den geringsten Zweifel hegen, wenn man ihren heutigen Zustand sieht?), so wird Israel nicht im Unglauben bleiben. Die natürlichen Zweige werden wieder in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden, „denn Gott vermag sie wiederum einzupfropfen“. Und auf einmal lässt der Apostel die bildhafte Sprache fallen und redet direkt und offen von der Zukunft Israels: „Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, auf dass ihr nicht euch selbst klug dünkt: daß Verstockung Israel zum Teil widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird; und also wird ganz Israel errettet werden“ (Vers 25–26).

Die heutige Zeit, die Zeit der Gnade, ist dadurch gekennzeichnet, dass Israel zum Teil - eben mit Ausnahme des stets vorhandenen Überrestes – Verstockung widerfahren ist; aber das wird nicht so bleiben. Wenn die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird, das heißt, wenn die Zahl derer, die sich heute von den Völkern der Erde erretten lassen und die Versammlung Gottes bilden, gemäß dem Ratschluss Gottes voll sein wird, dann wird Sich der Herr nach der Entrückung der Heiligen der Jetztzeit (1. Thes 4, 17) wieder dem Volk Israel zuwenden und erneut mit ihm anknüpfen. „Es wird aus Zion der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden“ (Vers 26). Das wird geschehen, wenn der Herr Jesus in Macht und großer Herrlichkeit aus dem Himmel sichtbar auf die Erde kommt (Mt 24, 27–31; Off 19, 11 ff). „Und also wird ganz Israel errettet werden.“

Der Ausdruck ganz Israel besagt nicht, dass jeder einzelne Israelit, der dann in jener Zeit leben wird, persönlich errettet werden wird; denn wir wissen, dass der überwiegende Teil des Volkes ungläubig sein, den Antichristen anbeten und in den Gerichten umkommen wird. Nein, er besagt, dass Israel als Ganzes, als Nation errettet werden wird. Heute ist das anders: Der Herr errettet einzelne aus der Welt und fügt sie der Versammlung zu. Ich verwies schon auf Apostelgeschichte 2, Vers 47. Dann aber wird Israel als Ganzes errettet werden. Und dennoch handelt es sich im absoluten Sinn nur um einen Überrest, der Errettung finden wird; denn wir lesen in Kapitel 9, Vers 27: „Wäre die Zahl der Söhne Israels wie der Sand des Meeres, nur der Überrest wird errettet werden.“ „Ganz Israel“ – „nur der Überrest“ wird errettet werden! Das zeigt einen überaus interessanten und wichtigen Grundsatz auf, den ich am Ende des Buches noch einmal aufgreifen werde: In den Augen Gottes steht der Überrest stets für das ganze Volk. Der Herr verbindet mit ihm alle Rechte und Pflichten.

Und auch auf einen anderen Gegenstand möchte ich erst später eingehen, der nicht selten mit der Versammlung Gottes verwechselt oder vermischt wird – der neue Bund. Aufgrund dieses Bundes wird Gott Sein irdisches Volk wieder segnen.

Noch sind die Israeliten hinsichtlich des Evangeliums Feinde, und zwar um unsertwillen, sagt uns Vers 28; das heißt, damit wir unter die Begnadigung kämen. Dennoch liebt Gott sie noch immer um der Väter willen. Nein, Er hat Sein Volk nicht verstoßen. Auch Israel wird unter die Begnadigung kommen (Vers 31). Gott bereut weder Seine Gnadengaben (über die in Kapitel 9, Verse 4 und 5, gesprochen wurde) noch Seine Berufung (über die ebenfalls in Kapitel 9, aber Vers 7, gesprochen wurde). Er will das sündige Geschöpf segnen, und Er wird das ausführen, was von Anfang an in Seinem Herzen war. Aber die letzten Verse des Kapitels machen unmissverständlich klar, dass das nur auf dem Boden Seiner unumschränkten Gnade geschehen kann.

Können wir nach all diesen wunderbaren Gedanken und Wegen Gottes nicht gut verstehen, dass der Apostel am Ende dieses Kapitels und damit dieses Teiles des Römerbriefes in einen Lobgesang über die Weisheit und Erkenntnis Gottes ausbricht? „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge.“ Von Herzen wird jede gläubige Seele in den Lobpreis Gottes mit einstimmen:

Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.

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