Haschen nach Wind

Das Leben genießen

Wiederholt hat sich der Prediger die Frage gestellt:

„Was für einen Gewinn hat der Schaffende bei dem, womit er sich abmüht?“ Von Kapitel zu Kapitel läßt er, im Rahmen seines Buches, die Blicke über alles, was „unter der Sonne“ geschieht, umherschweifen und kommt zu dem Schluß: „Es gibt nichts Besseres unter den Menschen, als daß man esse und trinke und seine Seele Gutes sehen lasse bei seiner Mühe“ (2,24). Er weiß, daß Gott alles schön gemacht hat „zu seiner Zeit“: Die geschaffenen Dinge sind vergänglich. Aber seine Schlußfolgerung bleibt: „Ich habe erkannt, daß es nichts Besseres unter ihnen gibt, als sich zu freuen und sich in seinem Leben gütlich zu tun; und auch, daß er esse und trinke und Gutes sehe bei all seiner Mühe“ (3,12-13).

Nachdem er die Leiden und die Unterdrückungen betrachtet und selbst an die Ehrerbietung Gottes gegenüber erinnert hat, bleibt ihm kein andere] Ausweg als: „Siehe, was ich als gut, was ich als schön ersehen habe: Daß einer esse und trinke und Gutes sehe bei all seiner Mühe, womit er sich ab müht unter der Sonne, die Zahl seiner Lebenstage die Gott ihm gegeben hat; denn das ist sein Teil“ (5,18).

Etwas weiter hinten erteilt er uns verschiedene Rat schlage, indem er Dinge bezeichnet, die besser eine als andere (Kapitel 7). Er bringt sogar in Erinnerung daß Gott über jeden Sein richterliches Urteil sprechen wird, kommt aber trotzdem nur immer zu dergleichen Schlußfolgerung: „Und ich pries die Freude, weil es für den Menschen nichts Besseres unter der Sonne gibt, als zu essen und zu trinken und sich zu freuen; und dies wird ihn begleiten bei seiner Mühe, die Tage seines Lebens hindurch, welche Gott ihm unter der Sonne gegeben hat“ (8,15).

Ist nun dieser vorübergehende, egoistische, materielle Genuß wirklich „das Leben“? Erinnern wir uns daran, daß der vom Prediger festgesetzte Rahmen eigentlich nicht Salomos persönliche Erfahrungen sind, sondern die eines sich selbst überlassenen Menschen mit seinen natürlichen Fähigkeiten, der, ohne eine Offenbarung zu besitzen, über das Leben urteilt, indem er seine Blicke um sich her schweifen läßt. Ist diese Schlußfolgerung nicht die von zahlreichen Mitmenschen? Wünschen sich solche etwas anderes, als gut essen, gut trinken, sich freuen und sich zerstreuen? muß man sich da noch über so viel tiefe Traurigkeit, Leere, Unzufriedenheit, „Eitelkeit und Haschen nach Wind“ wundern?

Andere, in viel geringerer Zahl allerdings, suchen in der Askese, d. h. in einem strengen und enthaltsamen Wandel, des Lebens Lösung. Sie glauben, sich dadurch Verdienste zu erwerben. Aber besteht das Leben wirklich darin, sich freiwillig jeder irdischen Freude zu enthalten?

Was sagt das Neue Testament darüber? Auf irdischem Boden: „Wer das Leben lieben und gute Tage sehen will“, den ermahnt Petrus in seinem ersten Brief (3,10-11) im Blick auf drei Gefahren. Er soll: seine Zunge vom Bösen enthalten und seine Lippen, daß sie nicht Trug reden: Wieviel Verdruß haben doch übles Nachreden und Verleumdung schon verursacht und wieviel schmerzliche Folgen, Lug und Trug hervorgebracht!

Sich abwenden vom Bösen und Gutes tun: Jeder Tag, jede Stunde, führt den Christen, der in höherem Maße als der natürliche Mensch das Unterscheidungsvermögen über Gutes und Böses besitzt, vor eine Wahl: Er hat im täglichen Leben sorgfältig darüber zu wachen, daß er sich vom Bösen abwendet und Gutes tut.

Frieden suchen und ihm nachjagen: Das erinnert uns an die Ermahnung des Herrn Jesus: „Glückselig sind die Friedensstifter“, was im Hebräerbrief (12,14) mit den Worten: „Jaget dem Frieden nach mit allen“, und im Römerbrief (12,18) mit den Worten: „Wenn möglich, soviel an euch ist, lebet mit allen Menschen in Frieden“, ausgedrückt wird. Im Familien- und Freundeskreis, im Schoße der Familie Gottes, inmitten der Berufskollegen und all denen, mit welchen wir täglich in Berührung kommen, Frieden suchen und ihm nachjagen — ist das nicht das Mittel, um „gute Tage“ zu sehen? Wieviel Tränen entstehen doch aus Zank, Streit und Eifersucht!

Petrus zeigt uns, was uns ermöglicht, gute Tage zu sehen; der Apostel Paulus anderseits legt in 1. Timotheus 6,17 besonderen Nachdruck auf die Worte: „Gott, der uns alles reichlich darreicht zum Genuß“. „Alles“ bedeutet hier, wie aus dem Zusammenhang ersichtlich ist, irdische Dinge. Dürfen wir nicht dankbar alle Wohltaten annehmen, die Gott auf unseren Weg sät? Familienfreuden, Freuden des eigenen Heimes — wenn Er es uns schenkt, ein solches zu gründen — die Freuden der Freundschaft und der Verbindungen im Schoße der Familie Gottes; die Freuden, die man in der Natur findet, in der Betrachtung ihrer Schönheiten (sagte der Herr Jesus nicht auch zu seinen Jungem: „Betrachtet die Lilien ... Sehet hin auf die Vögel des Himmels ...“? Er ging mit ihnen durch die reifen Ährenfelder); Freude am Lernen und Erkennen; dankbar sein für die Gesundheit, für die Kräfte, die Gott uns gibt.

Aber um diese Wohltaten wirklich zu genießen, muß man 1. Timotheus 6,17 mit Römer 8,32 in Verbindung bringen: „Er, der doch seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken?“ Gewiß gehen die in Römer 8 mit „alles“ bezeichneten Dinge weit über das „alles“ von 1. Timotheus 6 hinaus, doch bleibt der Grundsatz bestehen: Gott reicht uns „alles“ reichlich dar. Aber wie tut Er es? — „Mit ihm“, mit Christo! Das ist das große Geheimnis des Christen. Er kann alles genießen, was er aus der Hand Gottes empfängt, weil er es mit dem Herrn Jesus genießt.

Der Apostel umschreibt in seinem Brief an die Philipper einige Eigenschaften der Dinge, die in diesem „alles“ enthalten sind: „Alles was wahr, ... würdig,... gerecht, ... rein, ... lieblich, ... wohllautet ..., dieses erwäget“ (Phil. 4,8). Eine solche Kennzeichnung schließt die unreinen Freuden der Welt aus, die so oft durch die Sünde verdorben sind, jede Freude also, an der wir nicht „mit ihm“ teilhaben können. Wie sollten wir an einen Ort gehen, wo die Welt ihre Befriedigung sucht, um es ihr dort gleich zu tun! Könnten wir uns wirklich „mit dem Herrn“ dort aufhalten und die vermeintliche Freude, die wir dort zu finden glauben, aus Gottes Hand annehmen? Auf diesem durchaus irdischen Boden verlangt das Neue Testament also nicht von uns, daß wir die von Gott auf unsern Weg gestreuten Freuden ausschlagen und verachten. Im Gegenteil, es lädt uns ein, sie als aus der Hand Gottes kommend, mit Jesu zu genießen, im Bewußtsein, daß wir diese Freuden sozusagen „im Vorübergehen“ kosten sollen; das wahre Teil unseres Herzens ist anderswo. Das wird uns nicht hindern, die Ähren und Blumen zu pflücken, womit Gott in Seiner Güte unseren Weg gesäumt hat; um mit dankbarem Herzen auch Freude daran zu finden.

Und besonders werden wir uns an das Wort des Apostels erinnern: „Begnüget euch mit dem, was vorhanden ist“ (Hebr. 13,5). Paulus schrieb Timotheus: „Wenn wir aber Nahrung und Bedeckung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen“ (1. Tim. 6,8), was uns an jenes Wort des Predigers erinnert: „Besser eine Handvoll Ruhe als beide Fäuste voll Mühe und Haschen nach Wind.“ Laßt uns dankbar die Wohltaten aus Gottes Hand, womit Er uns überschüttet, annehmen und dabei mit dem zufrieden sein, was Er uns gewährt. Wir wollen uns nicht zu jenem unersättlichen Haschen hinreißen lassen, das, wie der Prediger so oft feststellt, nur zu „Wind“, zu Leere und Eitelkeit führt!

 

Die geistliche Freude

Der Christ besitzt eine viel tiefere und weit erhabenere Freudenquelle als die, welche der „Prediger“ anführt: Eine geistliche Freude, von welcher der Apostel den Philippern sagen kann: „Freuet euch in dem Herrn allezeit! Wiederum will ich sagen: freuet euch!“ (4,4). Eine Freude, die ihre Quelle auch im Heiligen Geist hat: Sie gehört zur „Frucht des Geistes (Gal. 5,22); es gibt „Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geiste“ (Röm. 14,17).

Eine Freude, die aus dem Glauben entspringt, wie uns Römer 15,13  sagt: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und allem Frieden im Glauben.“ Es ist unmöglich, sich zu freuen, wenn man seinen Kummer und seine Sorgen selber tragen will, statt sie voller Zuversicht auf das Herz des Vaters niederlegen, der uns liebt. Wer sein Vertrauen auf Ihn setzt und auf Ihn harrt, kann alles das genießen, was Gottes Geist uns in Christo finden läßt.

 

Quellen geistlicher Freude

Aus vielen Stellen nehmen wir einige Beispiele praktischer Quellen geistlicher Freude heraus. Im vorhergehenden Kapitel sind wir schon der Freude des Gebens begegnet.

Die größte Freude des jungen Christen ist zunächst die, errettet zu sein: „Siehe, ich verkündige euch große Freude... Euch ist heute ein Erretter geboren in Davids Stadt, welcher ist Christus, der Herr“ (Luk. 2,10-11).Als Philippus in eine Stadt Samarias ging und sich viele Seelen zum Herrn bekehrten, „war eine große Freude in jener Stadt“. Und als Philippus etwas später dem Kämmerer auf dem öden Wege von Jerusalem nach Gaza begegnete, mit ihm von Jesus sprach und dann von ihm schied, nachdem er ihn getauft hatte, zog der Kämmerer seinen Weg mit Freuden (Apg. 8,39). Welche Freude bringt es auch, Seelen zum Herrn zu führen! Vielleicht wird er unter vielen anderen auch uns als Werkzeug benützen, um Sein Werk an ihnen zu tun, oder er läßt uns von außen dem Aufkeimen göttlichen Lebens in einer Seele beiwohnen. Das ist der wunderbare Kehrreim von Lukas 15: „Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden... Freuet euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden... Es geziemte sich aber, fröhlich zu sein und sich zu freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden.“ Zu verschiedenen Malen nennt der Apostel die vielen, die durch ihn zum Herrn geführt worden sind, „meine Freude und Krone“. Welche Freude ist es ferner, dem Herrn und den Seinen zu dienen! Die siebzig kehrten mit Freuden zurück (Luk. 10,17). Selbst wenn der Herr Jesus ihnen sagen mußte: „Doch darüber freuet euch nicht, daß euch die Geister Untertan sind; freuet euch aber, daß eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind“, so bleibt doch bestehen, daß diese erste Erfahrung im Dienste sie mit Freude erfüllt hatte.

Es gibt auch eine Freude des erhörten Gebets (Joh. 16,24). Wenn wir unsere Anliegen vor Gott kundtun, werden unsere Herzen und Sinne in Frieden bewahrt. Aber die Erhörung der Gebete zu erleben, erfüllt uns mit Freude.

Über alledem steht die Freude der Gemeinschaft mit Christo, eine persönliche Gemeinschaft in Gehorsam und Abhängigkeit, die uns als das Teil der mit dem Weinstock verbundenen Rebe geschenkt ist (Joh. 15,11), eine wunderbare Freude, die den Herrn selbst erfüllte, als Er Seine Jünger diese Dinge lehrte, „auf daß meine Freude in euch sei.“ Da ist auch die Freude der brüderlichen Gemeinschaft, als Einzelne oder als Körperschaft. Als Paulus am Ende seiner Laufbahn an seinen Genossen schrieb, der so viele Jahre mit ihm umhergereist war und mit ihm gelitten hatte, sagte er zu Timotheus: „Voll Verlangen, dich zu sehen... auf daß ich mit Freude erfüllt sein möge“ (2. Tim. 1,4). Welche Freude, einen Freund im Herrn wiederzusehen, mit dem man auf dem Weg gewandelt ist! Freude auch, sich zum Herrn hin zu versammeln, besonders zur Anbetung, wenn wir Ihn in Seinem Tode und in Seiner Auferstehung betrachten! Unvergeßliches Erleben der Jünger am Abend des ersten Tages der Woche, als ihnen Jesus Seine Hände und Seine Seite gezeigt hatte! „Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen“ (Joh. 20,20).

Welch tiefe Freude findet sich besonders in der Betrachtung, im Anschauen des Herrn selbst! Mit einer gewissen Rührung erinnerte der Apostel Johannes am Abend seines Lebens daran, daß er Ihn mit eigenen Augen gesehen, angeschaut, betrachtet und mit seinen eigenen Händen betastet habe; er wollte den Gläubigen alles mitteilen, was er dabei gesehen und gehört hatte, auf daß auch sie Gemeinschaft hätten mit den Aposteln, die mit Jesu zusammengelebt hatten: „Und dieses schreiben wir euch, auf daß eure Freude völlig sei.“ Diese Freude war in der Tat nicht das ausschließliche Teil der Jünger, die mit dem Herrn zusammengelebt hatten. Petrus schrieb den Gläubigen: „An welchen glaubend, obgleich ihr ihn nicht sehet, ihr mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlocket“ (1. Petr. 1,8). Jesus im Glauben betrachten, wie Er auf der Erde gewandelt hat, so, wie die Evangelien Ihn uns darstellen; Ihn sehen, wie er wandelte, betete, in die Synagoge eintrat, am See entlang schritt, die Wogen beherrschte oder sich ermüdet am Brunnenrand niederließ — erfüllt das Herz mit tiefer Freude. — Und Seine Herrlichkeit anschauend, werden wir in Sein Bild verwandelt. (Vgl. 2. Kor. 3, 18). Welch ein Trost für die Jünger, die den Herrn Jesus zum Kreuz hingehen sahen, als er, von Seiner Auferstehung redend, zu ihnen sagte: „Ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude nimmt niemand von euch“ (Joh. 16,22). Für den Glauben auch heute noch ein gegenwartsnaher Ausblick.

Ja, welche Freude birgt für uns die Hoffnung auf das Kommen des Herrn! In Römer 12,12  wird uns zugerufen: „In Hoffnung freuet euch“, und der Apostel erinnerte Titus an die vor uns liegende, „glückselige Hoffnung“ (2,13).

Höchste Freude ist uns bei der Wiederkunft Christi beschieden: „Freuet euch, auf daß ihr auch in der Offenbarung seiner Herrlichkeit mit Frohlocken euch freuet“ (1. Petr. 4, 13). Der treue Knecht wird die Stimme seines Herrn sagen hören: „Gehe ein in die Freude deines Herrn“, und der himmlische Chor wird ausrufen: „Laßt uns fröhlich sein und frohlocken und ihm Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen“ (Off. 19,7).

Wie tief ist auch die Freude, die ein Christ heute im Leid erfahren kann! Er mag - nach Jakobus 1,2 - durch Leiden gehen, die aus den mannigfaltigen Umständen des Lebens hervorkommen, oder nach 1. Petrus 4,13 Leiden für den Herrn zu ertragen haben. Immer kann sich der Christ freuen. Wieso denn? Weil er sich „im Herrn“ freut.

Das also ist das Geheimnis aller Freuden, die wir betrachtet haben. Die einfache irdische Freude, enthalten in dem „alles“, das Gott uns reichlich darreicht, können wir nur „mit Ihm“ recht genießen. Mit Christus genießen wir auch die Freude des eigenen Heils oder des Heils anderer. Im Dienst, in der Gemeinschaft, im Zusammenkommen, freut sich unser Herz wiederum „mit Ihm“. Und macht im Ausschauen nach Seiner Wiederkunft nicht gerade das unsere tiefe Freude aus, daß wir allezeit „bei Ihm“ sein werden? In Tagen des Leides, der Trauer und der Vereinsamung ist es nur der Tatsache zu verdanken, daß wir durch alles hindurch „mit Ihm“ gehen, wenn trotz allem ganz im Grunde unseres Herzens die Freude bestehen bleibt. Er wird uns nie fehlen. „Ist Jesus im Grunde deines Herzens, wird deine Freude tief sein“ (J.N.D.)

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