Haschen nach Wind

Einführung

Unter den 39 Büchern des Alten Testamentes nimmt der Prediger eine besondere Stellung ein. Die fünf Bücher Mose geben uns die Anfänge der Dinge: Die Berufung Abrahams und seiner Familie, die Bildung des Volkes Israel, das Gesetz und die Verordnungen, die sich daran anknüpfen.

Von Josua bis Esther, also in den geschichtlichen Büchern, haben wir die Geschichte dieses Volkes, beginnend mit der Eroberung Kanaans bis zur Wegführung nach Babel; in Esra und Nehemia seine Rückkehr, und in Esther eine Beschreibung aus der Zeit seiner Gefangenschaft.

Die poetischen Bücher: Hiob, die Psalmen, das Lied der Lieder, auch Hagiographen genannt, zu denen man auch die Klagelieder Jeremias zählt, sind zum großen Teil in Reimen geschrieben. Sie beschreiben uns hauptsächlich die Seelenübungen der Treuen im Volke und enthalten die Belehrungen der Weisheit.

Die Propheten, sechzehn an der Zahl, künden Gerichte an, die Israel treffen werden, sowie dessen herrliche Zukunft.

Durch das ganze Alte Testament hindurch offenbart sich Gott den Menschen in zunehmender Weise. Zu allererst zeigt Er sich als Schöpfer-Gott, als Elohim (1. Mose 1, 1), als der höchste Gott, als Gottheit im absoluten Sinn; Sein Name steht im Hebräischen in der Mehrzahl, während das Zeitwort („schuf“) in der Einzahl ist, zweifellos eine verhüllte Anspielung auf die Dreieinheit, die erst im Neuen Testament geoffenbart wird (siehe auch Vers 26).

Als Gott Abraham berief, aus seinem Lande und seiner Verwandtschaft auszuziehen, um in einer götzendienerischen und verderbten Welt ein Fremdling zu werden, da gehorchte Abraham und zog aus. Sein Glaube ging einem Ziel entgegen. Ihm, der nun Pilger geworden war, offenbarte sich Gott als der Allmächtige (hebr. El-Shaddai, siehe 1. Mose 17, 1).

Jahrhunderte gingen vorüber, das Volk Israel wurde gebildet. Nun offenbarte sich Gott dem Mose als Jehova (2. Mose 6, 2–3) oder, in einer anderen sprachlichen Form als „Jahwe.“, (siehe Vorwort, der Elberfelder Bibel), welcher Name „der Ewigseiende“, oder „In der Zeit Dazwischentretende“, „der Gott des Bundes mit Seinem Volke“, bedeutet. Als solcher bezeugt Er sich das ganze Alte Testament hindurch gegenüber allen, die Ihm nahten.

Sowohl die geschichtlichen Bücher als auch die Propheten lehrten vorwiegend israelisches Gesetz und schienen vor allem mit diesem Volke beschäftigt zu sein. Aber von dem Tage der Auferstehung des Henn an vermögen die Gläubigen nun größere Herrlichkeiten darin sehen.

Auf dem Wege nach Emmaus öffnete Jesus selbst die Augen der Jünger. Sie sollten von nun an bei der Betrachtung von Moses, der Psalmen und der Propheten, nicht mehr nur die Geschichte ihres Volkes darin suchen, sondern vor allem das, was ihn betraf. Das ganze Alte Testament leuchtet nun in einem neuen Lichte auf und die Herzen der Gläubigen, denen sich die Schriften auftun, werden brennend (Lk 34,32). Die Opfergabe Abels versinnbildlicht das Kreuz; Abraham und Isaak, die beide miteinander den Hügel Morija hinanstiegen, lassen uns an den Vater und den Sohn denken, die auf Golgatha das Werk der Erlösung vollbrachten. Joseph, der, von seinen Brüdern verkauft, immer tiefer hinabstieg und dann zur höchsten Herrlichkeit emporgehoben und zum Ersten nach dem Pharao gemacht wurde, enthüllt sich als ergreifendes Vorbild auf den Gesandten vom Vater, der, von Seinen Brüdern verworfen, bis in den Tod hinabstieg, um durch Auferstehung und Erhöhung zur Rechten Gottes einen Namen, der über jeden Namen ist, zu empfangen. Auch nicht so sehr die eigentliche Geschichte Davids oder Jeremias wird uns nunmehr interessieren, sondern vor allen Dingen das, was darin von Christo redet. Das ganze Alte Testament strebt der Ankunft Dessen zu, der inmitten der Menschen das fleischgewordene Wort sein sollte, der Emmanuel, Gott mit uns.

Unter welchem Namen hat dann, Jesus den unsichtbaren Gott geoffenbart, den niemand so gesehen hat? „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht.“ Für uns Christen ist Gott nicht mehr nur der höchste Gott, der Schöpfer, der Allmächtige oder Jehova sondern vor und über allem der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi. Am herrlichen Morgen der Auferstehung hat der Herr Jesus durch Maria Magdalene Seinen Brüdern sagen lassen: ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20, 17).

„Das ist in großen Zügen die Offenbarung die Gott uns gegeben hat. Welchen Platz nimmt das Buch des Predigers in ihr ein? – Es genügt, einige Abschnitte darin zu lesen, um zu merken, daß es einen ganz eigenen Charakter, einen ganz besonderen Rahmen hat.

Es schildert die Erfahrung eines auf dreierlei Weise kennzeichneten Menschen:

Er kennt das Gute und das Böse und besitzt eine Weisheit göttlichen Ursprungs, die ihn über alles, was unter der Sonne zu sehen ist, einen forschenden und verstehenden Blick schweifen läßt. Doch vermag ihn diese Weisheit nur dahin zu führen, die Auswirkungen der Sünde in ihm selbst und um ihn her festzustellen, ohne ein Heilmittel dafür zu finden.

Er kennt Gott wohl, stellt sich aber in dem Charakter eines Menschen vor uns hin, der keine positive Beziehung, keine Bundesbeziehung zu Ihm hat, als ein Mensch der keine andere Offenbarung, als nur die eines kommenden Gerichtes besitzt, aber auch zu dieser Einsicht hat ihn vielleicht die eigene Beobachtung geführt.

Er besitzt alle materiellen Voraussetzungen, um das Leben geniessen zu können.

Wird er unter solchen Umständen das Glück finden? Was wird das Ergebnis seiner Erfahrung sein? Von einem Ende seines Buches bis zum Anderen wiederholt er bis zum Überdruss: Keinerlei Befriedigung, keinerlei dauerhaftes Glück; keinerlei Erkenntnis der Zukunft, sie bleibt für ihn verschlossen.

Drei Ausdrücke treten in diesem Buche hervor.

  1. „Unter der Sonne“: ein oft vorkommender Ausruck, der den Gesichtspunkt des Predigers vortrefflich bezeichnet: Er betrachtet die Dinge so, wie die Sonne sie beleuchtet, und wie seine Sinne sie zu unterscheiden vermögen, besitzt aber keinerlei Offenbarung der ewigen Dinge.
  2. „Eitelkeit“, „Haschen nach Wind“: ein fortwährender Kehrreim, von einem Ende des Buches zum anderen: Alles, wofür der Mensch seine Kraft verschwendet, was er leidenschaftlich zu ergreifen sucht, ist nichts als Wind, eine Leere, die sein Herz unbefriedigt läßt.
  3. Der dritte Ausdruck kennzeichnet den Prediger durch die Abwesenheit Gottes: Jehova wird nicht darin erwähnt. Nur der Name Gottes, des höchsten Wesens, kommt darin vor, nicht aber der Gott des Bundes mit Seinem Volk.

Wir finden im „Prediger“ also die Überlegungen des natürlichen Menschen über das, was unter der Sonne vor sich geht, die Schlußfolgerungen eines Menschen, dessen Erfahrung notwendigerweise ungläubig ist, da er keine Offenbarung besitzt, oder eines Menschen, der – wie es heute so häufig ist – sich weigert, von ihr Kenntnis zu nehmen. Wo mag er hinkommen, wenn er sich nur auf seine eigenen Fähigkeiten stützt?

Das also ist der vom „Prediger“ unter der Eingebung des Geistes Gottes absichtlich gewählte Rahmen seines Buches. Nicht als ob es sich ausdrücklich um ein „Bekenntnis“, d.h. um eine persönliche Erfahrung handelte, die er in allen Teilen selber erlebt hätte, sondern eher um die absichtlich begrenzte Schilderung eines in die oben beschriebenen Verhältnisse hineingestellten Menschen.

Stellt dieser einen Einzelfall dar? Gibt es heute, nach neunzehn Jahrhunderten Christentum noch solche Menschen? – Ach, es gibt ihrer viele Millionen, ganz besonders in der Christenheit! Mit einem gewissen Maß von Verständnis und Unterscheidungsvermögen erkennen sie Gutes und Böses; sie erfassen, daß es einen höchsten Gott gibt, verzichten aber aus freien Stücken auf die Offenbarung, die Er gegeben hat. Ist der Rahmen des „Predigers“ nicht der, in welchem sich heute aus eigener Schuld so manche Menschen bewegen? Vom technischen Standpunkt aus gesehen, hat sich seit zwei- bis dreitausend Jahren vieles verändert, aber in sittlicher Hinsicht gibt es „nichts Neues“ unter der Sonne. Die Folgen der Sünde bleiben bestehen: „Das Krumme kann nicht gerade werden, und das Fehlende kann nicht gezählt werden“ (Pred 1, 15).

Ist es da verwunderlich wenn sich in der Literatur unserer Tage so mancher Widerhall der Worte des „Predigers“ findet? Ruft er doch, nachdem er alles ausgeforscht, was seine Weisheit und seine Erkenntnis ergründen konnten, nachdem er alles genossen, was sein Reichtum ihm zu geben hatte, schließlich aus: „Da wandte ich mich, zu verzweifeln“ (2, 20). Viele in unseren Tagen, wie auch in den vergangenen Jahrhunderten, wollen von der göttlichen Offenbarung, wie wir sie in der Bibel besitzen, keine Kenntnis nehmen; sie stellen sich Fragen über das Leben, über das Rätsel des Leidens, über die Eitelkeit der menschlichen Anstrengungen, um Kriege zu verhüten, über Not und Krankheit, über das Unvermögen des Menschen angesichts des Todes – aber sie finden keine andere Schlußfolgerung als jene Verzweiflung, als jene Leere, die der Prediger so tragisch beschreibt.

Wir werden in unseren Überlegungen nicht bei dieser peinlichen Feststellung stehenbleiben, sondern dankbar die Offenbarung anerkennen, die uns Gott in Seinem Worte, besonders im Neuen Testament, gegeben hat. Einige der Probleme, die sich der „Prediger“ stellt, wollen wir herausgreifen und versuchen, die Antworten, die das Neue Testament darauf gibt, herauszulösen. Unser Ziel ist hier ja nicht, das Buch selbst zu erforschen. 1 Unser Interesse gilt besonders folgenden Punkten:

  • Die Arbeit,
  • Der Reichtum,
  • Das Leben geniessen,
  • Die Weisheit und
  • die Furcht Gottes,
  • Der Tod,
  • das Gericht und
  • das Jenseits.

Um den Gegensatz zwischen dem „Prediger“ und dem Neuen Testament hervorzuheben, wollen wir hier einige Aussprüche einander gegenüberstellen:

Der Prediger sagt: „Da Haßte ich das Leben; denn das Tun, welches unter der Sonne geschieht, mißfiel mir; denn alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind“ (2, 17). Der Herr Jesus aber sagt zu Seinen Schafen: „Ich bin gekommen, auf daß sie Leben 2 haben und es in Überfluß haben“ (Joh 10, 10).

Der Prediger sagt: „Und ich Haßte alle meine Mühe (Arbeit), womit ich mich abmühte unter der Sonne, weil ich sie ... hinterlassen muß“ (2, 18). Der Apostel Paulus hingegen sagt: „Leben ... das ist für mich der Mühe wert ... Ich habe viel ... gearbeitet ...; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war“ (Phil 1, 22; 1. Kor 15, 10).

Der Prediger sagt: „Bei viel Weisheit ist viel Verdruß; und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer“ (1, 18). Der Apostel Johannes aber schreibt: „Was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, betreffend das Wort des Lebens... verkündigen wir euch, auf daß auch ihr mit uns Gemeinschaft habet; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesu Christo. Und dies schreiben wir euch, auf daß eure Freude völlig sei“ (1. Joh 1, 1–4). Und Petrus fügt hinzu: „Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi“ (2. Pet 3,18).

Eine solche Gegenüberstellung spricht für sich selbst. Erinnern wir uns daran, daß der „Prediger“ sich uns als Sohn Davids und König in Jerusalem vorstellt, als einer, der eine besondere Weisheit besitzt und mit Reichtümern überhäuft ist (1,1.12.16; 2,10). Auf wen anders könnte diese Beschreibung hindeuten, als auf Salomo, der auf besondere Weise von Gott Weisheit und Reichtum empfangen hatte und dem als noch jungem Sohn Davids und König in Jerusalem die Verantwortung auferlegt war, das Volk Gottes zu führen? (1. Kön 3, 12–13; 2. Chr 1, 11–12).

In Prediger 12, 9 wird hinzugefügt: „Und überdem, daß der Prediger weise war, lehrte er noch das Volk Erkenntnis und erwog und forschte, verfaßte viele Sprüche.“ Er hat also nicht nur den „Prediger“, sondern auch andere Bücher geschrieben, so auch die ausdrücklich erwähnten „Sprüche“. Und weiter unten lesen wir: „Die Worte der Weisen sind wie Treibstacheln, und wie eingeschlagene Nägel die gesammelten Sprüche; sie sind gegeben von einem Hirten“ (12, 11). Es wurden verschiedene „Weise“ benutzt, um die „Sammlungen“ des Wortes Gottes zusammenzusetzen; sie kamen von mancherlei Orten her, hatten verschiedene Berufe, lebten in Ländern und Zeitepochen, die einander sehr ungleich waren; aber jeder von ihnen war das Werkzeug ein und desselben Geistes: Die verschiedenen Bücher der Bibel „sind gegeben von einem Hirten“. So löst sich also der „Prediger“ nicht vom Ganzen der göttlichen Offenbarung, sondern ist nur eine ihrer „Sammlungen“, dazu bestimmt, uns zu zeigen, wohin die natürlichen Fähigkeiten des Menschen führen, wenn er ohne das Licht der Offenbarung von oben Betrachtungen anstellt. Dieses Buch hilft uns, das uns geschenkte, unermeßliche Vorrecht wertschätzen, einen Heiland zu besitzen, durch Ihn die Liebe des Vaters zu kennen, in Ihm einen Freund zu haben, der uns auf dem Wege des Lebens begleitet und bei dem wir die Ewigkeit zubringen werden, was „weit besser“ sein wird.

Fußnoten

  • 1 Zu diesem Zweck sei auf die Schrift: „Etudes sur l'Ecdesiastei“ von H. R. hingewiesen. Obwohl der Prediger alles in der oben geschilderten Weise betrachtet, finden wir in diesem Buche zwischenhinein doch auch manche kostbare Belehrungen und praktische Anweisungen.
  • 2 Zweifellos das «ewige Leben», aber schon als gegenwärtiges Teil, das unser Dasein auf der Erde heiligt und bereichert.
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