Auf dem Feld des Boas
Praktische Denkanstöße zu Ruth 2

Einleitung

Das Buch Ruth führt uns in einen traurigen Zeitabschnitt in der Geschichte des Volkes Israel. Kapitel 1,1 sagt uns, dass es die Zeit war, als die Richter in Israel richteten. Diese Zeit wurde durch den Grundsatz gekennzeichnet, dass jeder im Volk Gottes tat, was recht war in seinen Augen (vgl. Ri 17,6 und 21,25). Vor diesem dunklen Hintergrund strahlt uns die Gnade Gottes in diesem kurzen Buch hell entgegen. Es ist die wiederherstellende Gnade Gottes für Noomi, es ist die rettende, die segnende und zur Ruhe bringende Gnade für Ruth, die Fremde.

Das zweite Kapitel des Buches zeigt uns Ruth auf dem Feld des Boas, wo sie reichlich gesegnet wird. Gemeinsam wollen wir uns mit der Hilfe des Herrn ein wenig mit diesem Kapitel beschäftigen und dabei vor allem die praktische Anwendung auf uns und unser Leben als Christen im Auge halten.

Der geschichtliche Hintergrund

Der geschichtliche Hintergrund des Buches Ruth wird den meisten Lesern bekannt sein. Elimelech und Noomi treffen die folgenschwere Entscheidung ihre Heimatstadt Bethlehem wegen einer Hungersnot zu verlassen. Sie gehen in der Hoffnung nach Moab, dort Brot für ihre Familie zu finden. Doch der Weg endet im Desaster. Sie erfahren die Wirklichkeit der Worte Salomos: „Da ist ein Weg, der einem Menschen gerade erscheint, aber sein Ende sind Wege des Todes“ (Spr 16,25). Elimelech und seine beiden Söhne sterben in der Fremde, Noomi bleibt als Witwe mit ihren beiden Schwiegertöchtern Ruth und Orpa übrig.

Dann kommt aus der Heimat die Nachricht, dass Gott seinem Volk Brot gegeben hat. Noomi macht sich auf, um zurückzukehren, und ihre beiden Schwiegertöchter gehen mit. Doch unterwegs kommt es zu einer Trennung. Die eine – Orpa – geht nach Moab zurück, die andere – Ruth – ist durch nichts zu bewegen, ihre Schwiegermutter zu verlassen. Sie hat eine Entscheidung getroffen, und diese Entscheidung kann durch nichts revidiert werden. Sie geht mit Noomi nach Bethlehem.

Dort angekommen, macht sich Ruth auf, Ähren zu sammeln, um so für ihren und Noomis Lebensunterhalt zu sorgen. Zufällig trifft sie auf das Feld des Boas, wo sie nicht nur die Gnade des Boas erfährt, der sie reichlich segnet, sondern wo sie ihn, den Geber des Segens selbst, kennen und lieben lernt. Es stellt sich heraus, dass Boas ein Verwandter des verstorbenen Mannes von Ruth ist und somit als Löser für sie in Frage kommt. Nachdem ein zweiter Löser, der noch näher verwandt war, sein Lösungsrecht an Boas abtritt, ist der Weg frei, dass Boas und Ruth heiraten.

Die prophetische Bedeutung[*]

Die Geschehnisse im Buch Ruth haben zunächst eine tiefe prophetische Bedeutung. Noomi ist ein Bild des Volkes Israel, das aufgrund seiner Untreue und seines Fehlverhaltens alle Anrechte und Ansprüche auf den Segen und das Erbe Gottes verloren hat. Dennoch wird Gott Erbarmen mit seinem irdischen Volk haben, sie in das Land ihres Erbteils zurückbringen, um sie dann im Tausendjährigen Reich zu segnen. Es wird ein Überrest sein, der die von Gott zugesagten Segnungen genießen wird und der vor allen Dingen – unter großen inneren Übungen – dahin kommt, den Messias selbst zu erkennen. Dieser Überrest wird uns in Ruth vorgestellt. Dabei ist der entscheidende Punkt, dass Gott nicht auf der Grundlage eigener Verdienste gibt, sondern ausschließlich auf der Grundlage bedingungsloser Gnade. Es ist reine Gnade, wenn Gott einmal alle Versprechungen erfüllen und dem Volk überreichen Segen geben wird.

Eine kurze und prägnante Zusammenfassung der prophetischen Bedeutung des Buches Ruth gibt uns Jesaja 54,1-10. Dort finden wir Noomi, das Volk Israel, in dem Bild der vereinsamten und kinderlosen Witwe wieder, in der Frau, die von Gott wegen ihrer Untreue verstoßen wurde. Aber dann finden wir auch Ruth, den Überrest, von dem Gott sagt: „Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann – der HERR der Heerscharen ist sein Name – und der Heilige Israels ist dein Erlöser“ (Vers 5). Diesen (Er)löser sehen wir im Buch Ruth in der Person des Boas. Gott sagt: „Einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen, aber mit großem Erbarmen will ich dich sammeln ... mit ewiger Güte werde ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser“ (Vers 7.8). Dann darf die Kinderlose, die Unfruchtbare, in Jubel ausbrechen, „denn der Kinder der Vereinsamten sind mehr als der Kinder der Vermählten, spricht der HERR“(Vers 1). Das sehen wir am Ende des Buches Ruth, wo Boas und Ruth heiraten und dadurch der Noomi ein Sohn geboren wird (Kapitel 4,17). In dem Überrest wird Israel fruchtbar werden, wenn es durch den Messias in den Segen des Tausendjährigen Reiches gebracht wird. Dann gehen die Worte aus Psalm 22,31 in Erfüllung: „Sie werden kommen und verkünden seine Gerechtigkeit einem Volk, welches geboren wird, dass er es getan hat.“

Die praktische Bedeutung

In der praktischen Anwendung auf uns sehen wir in Noomi das Bild eines Gläubigen, der die Gemeinschaft mit seinem Herrn verlassen hat, aber durch seine Gnade wiederhergestellt wird. Ruth hingegen ist das Bild eines (jung bekehrten) Gläubigen, der in der Beschäftigung mit dem Wort Gottes den Herrn Jesus besser kennen lernt und dadurch in eine enge persönliche Beziehung zu ihm gebracht wird. Aus Sicht von Ruth finden wir in Kapitel 1 ihre Glaubensentscheidung, in Kapitel 2 den Wachstumsprozess, der sich in den Kapiteln 3 und 4 fortsetzt, bis sie schließlich die Frau von Boas wird und damit in die engste Verbindung mit ihm gebracht wird. Aus göttlicher Sicht finden wir in Kapitel 1 die rettende Gnade, in Kapitel 2 die unterweisende Gnade, in Kapitel 3 die ruhebringende Gnade und in Kapitel 4 schließlich die Frucht der Gnade.

Boas ist ein herrliches Bild von unserem Herrn, der uns in seiner unbegreiflichen Gnade begegnet ist, der uns erlöst hat, der uns segnet und uns in die engste persönliche Verbindung mit sich selbst bringt, die wir uns nur denken können.

Eine konsequente Entscheidung

Das erste Kapitel zeigt uns zuerst, wo Ruth herkommt, nämlich aus Moab. Allein viermal finden wir den Ausdruck „die Moabiterin“ (Kapitel 1,22; 2,2; 2,21; 4,10) in dem kurzen Buch. Moab ist ein treffliches Bild der Welt in ihrer ganzen Sorglosigkeit. Geistliche Übungen und Prüfungen kennt man dort nicht (vgl. Jer 48,11). Aber Ruth hat sich aufgemacht, um Moab zu verlassen. Bevor sie in Bethlehem ankommt, wird sie jedoch auf eine harte Probe gestellt. Ihre Schwiegermutter drängt sie, in ihre Heimat zurückzukehren. Ihre Schwägerin Orpa ist ihr kein gutes Beispiel, denn sie geht. Doch im Gegensatz zu Orpa ist Ruth durch nichts und niemand aufzuhalten. Alles das, was Noomi ihr vorstellt, ändert ihre innere Einstellung nicht mehr. Sie hat ihre Entscheidung getroffen und will sie nicht mehr revidieren. Sie hat Moab hinter sich gelassen, um nach Bethlehem zu gehen.

Die ganze Tragweite dieser Entscheidung wird uns in zwei Versen deutlich gemacht. Boas stellt ihr das Zeugnis aus: „Es ist mir alles genau berichtet worden ... dass du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volk gezogen bist, das du früher nicht kanntest“ (Kapitel 2,11). Und Ruth selbst sagt zu Noomi: „Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, um hinter dir weg umzukehren; denn wohin du gehst, will ich gehen, und wo du weilst, will ich weilen; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst, will ich sterben, und dort will ich begraben werden. So soll mir der HERR tun und so hinzufügen, nur der Tod soll scheiden zwischen mir und dir!“ (Kapitel 1,16.17).

Damit hatte Ruth eine Entscheidung getroffen, die in zwei Richtungen ging: Erstens in Verbindung mit dem, was sie aufgegeben hat (Kapitel 2,11), und zweitens in Verbindung mit dem, was sie erwartete (Kapitel 1,16.17). Sie hatte ihren Vater, ihre Mutter und das Land ihrer Geburt verlassen. Das war ihr ursprüngliches, ihr natürliches Umfeld gewesen. In Moab war sie geboren worden, in Moab lebte ihr Familie, in Moab hatte sie einen Freundeskreis aufgebaut. Der Vater konnte ihr natürlichen Schutz geben, die Mutter lässt uns an die natürliche Liebe denken und in dem Land ihrer Geburt finden wir die natürlichen Beziehungen wieder. Das alles hatte Ruth aufgegeben, um zu einem Volk zu gehen, das sie früher nicht gekannt hatte. Sie war bereit, den Weg der Noomi zu gehen, in dem Land der Noomi zu wohnen, das Volk der Noomi zu ihrem Volk zu machen und den Gott der Noomi als ihren Gott anzunehmen.

Die Entscheidung von Ruth in diesen beiden Versen (Kapitel 1,16.17) dokumentiert wesentliche Voraussetzungen für geistliches Wachstum, nämlich Liebe und Glauben und als unmittelbare Folge davon Gehorsam. Dieser Gehorsam zeigt sich immer wieder in den folgenden Kapiteln. Ruth beweist, neben der Liebe zu Noomi, Liebe zu dem Weg Gottes (wohin du gehst, will ich gehen), Liebe zu dem Erbteil Gottes (wo du weilst, will ich weilen), Liebe zum Volk Gottes (dein Volk ist mein Volk), und schließlich Liebe zu Gott selbst (dein Gott ist mein Gott). Ihr Glaube wird in den Worten deutlich, dass sie im Land der Noomi begraben sein wollte. Das erinnert uns an Abraham, der für seine verstorbene Frau Sara ein Grundstück im Land Kanaan kaufte, um sie dort zu begraben. Es erinnert uns auch an Jakob und Joseph, die – obwohl sie in Ägypten starben – beide im Land der Verheißung begraben sein wollten. Von Joseph heißt es ausdrücklich, dass er durch Glauben Befehl wegen seiner Gebeine gegeben hatte (vgl. Heb 11,22).

Sowohl die Liebe als auch der Glaube münden in Gehorsam. Der Herr sagte selbst, dass der, der ihn liebt, auch seine Gebote hält (Joh 14,21) und Abraham war durch Glauben gehorsam (Heb 11,8). Ruth ist uns hier ein Vorbild, von dem wir lernen können. Geistliches Wachstum hängt nicht zuerst davon ab, wie viel wir von der Glaubenswahrheit aufnehmen und verstehen, sondern davon, ob wir eine konsequente Entscheidung getroffen haben, diese Welt zu verlassen. Die entscheidende Frage lautet, ob wir unseren Herrn lieben, ob wirklicher Glaube gefunden wird und ob wir als Folge davon bereit sind, seinen Willen auch zu tun. Dann – und nur dann – werden wir innerlich weiterkommen und unseren Herrn und Erlöser immer besser kennen lernen.

Auf dem Feld des Boas

Das zweite Kapitel unseres Buches zeigt uns Ruth auf dem Feld des Boas. Dabei können wir in der praktischen Anwendung auf uns in zwei grundsätzliche Richtungen denken: Erstens spricht das Feld von der Arbeit für unseren Herrn.

Jeder von uns hat eine Aufgabe im Werk des Herrn. Der Herr Jesus selbst macht diesen Vergleich und sagt: „Die Ernte zwar ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte aussende“ (Lk 10,2). Wir sollen allezeit überströmend sein im Werk des Herrn (1. Kor 15,58). Praktischen Anschauungsunterricht erhalten wir dazu in unserem Kapitel auf dem Feld von Boas.

Zweitens – und das steht ohne Frage in unserem Kapitel im Vordergrund – spricht das Feld von unserem Interesse an dem Segen Gottes. Wer auf dem Feld des Boas aufsammelt, der ist – im Bild gesprochen – mit dem Reichtum und den Segnungen Gottes beschäftigt, die er uns in seinem Wort vorstellt und die für unser geistliches Wachstum unerlässlich sind. Das Sammeln des Getreides auf dem Feld des Boas spricht von unserem Interesse an der christlichen Glaubenswahrheit, so wie Gott sie uns in seinem Wort gibt. Ruth hatte großes Interesse daran. Sie war fleißig im Auflesen und lernte dadurch Boas kennen. Für uns stellt sich da die Frage, wie es mit unserem Interesse steht, wenn es um das geht, was Gott uns an geistlichem Segen in seinem Wort gibt. Wenn wir uns mit seinem Wort beschäftigen, dann werden wir unseren Herrn darin finden und ihn besser kennen lernen.

Startpunkt Bethlehem

Und so kehrte Noomi zurück, und Ruth, die Moabiterin, ihre Schwiegertochter, mit ihr, die aus dem Gebiet von Moab zurückkehrte; und sie kamen nach Bethlehem ... (Kapitel 1,22).

Alles fängt damit an, dass Ruth gemeinsam mit Noomi in Bethlehem ankommt. Diese Stadt wird zum ersten Mal in der Geschichte Jakobs erwähnt. Der Name der Stadt lautet auch Ephrata; sie liegt im Gebiet Judas. Mit allen drei Namen wird dieser Ort in Verbindung gebracht (vgl. z. B. 1. Mo 35,19; Ri 17,7; Rt 4,11). Darin liegt folgende geistliche Unterweisung:

  1. Bethlehem: Bethlehem bedeutet Es ist der Ort, an dem Gott sein Volk segnen möchte, wo Nahrung vorhanden ist. Gott ist ein gebender und ein segnender Gott, und genau das erfahren wir in Bethlehem. Wir dürfen uns von dem nähren, was Gott uns gibt.
  2. Juda: Juda bedeutet Es ist der Ort, wo wir Gott Lob und Dank sagen und ihn preisen für das, was er für uns tut und was er uns gibt. Menschen, die von Gott Segen empfangen, sind auch solche, die ihm dafür Preis „zurückgeben“.
  3. Ephrata: Ephrata bedeutet Da, wo Gott uns segnet und wir Gott Lob und Ehre geben, wird auch Frucht für ihn gefunden werden.

Der Prophet Micha fasst alle drei Namen zusammen und bringt sie darüber hinaus in unmittelbare Verbindung mit der Person des Herrn Jesus. „Und du, Bethlehem-Ephrata, zu klein, um unter den Tausenden von Juda zu sein, aus dir wird mir hervorkommen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ausgänge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her“ (Mich 5,1).

Das ist der Ort, wo Ruth Boas erlebt, ihn kennen lernt. Und auch wir werden unseren Herrn immer besser kennen lernen können, wenn wir uns dort aufhalten, wo er ist und Gemeinschaft mit ihm haben.

Zu Beginn der Gerstenernte

... und sie kamen nach Bethlehem beim Beginn der Gerstenernte (Kapitel 1,22).

Der Zeitpunkt, zu dem die beiden Frauen in Bethlehem ankommen, mag auf den ersten Blick eine unscheinbare „Kleinigkeit“ sein, beim intensiveren Nachdenken finden wir darin aber geistliche Unterweisung1.

Die Gerstenernte war die erste Ernte des Volkes Israel. Es war der Startpunkt für das Aufsammeln dessen, was Gott seinem Volk im Land Kanaan geben wollte. Gott hatte seinem Volk die Anweisung gegeben, ihm von den Erstlingen der Ernte ein Opfer zu bringen. Er sagte zu Mose: „Rede zu den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, und ihr seine Ernte erntet, so sollt ihr eine Garbe der Erstlinge eurer Ernte zu dem Priester bringen“ (3. Mo 23,10). Diese Garbe bestand aus Gerste. Sie wurde am ersten Tag der Woche gebracht und zwar am Tag nach dem Sabbat, der dem Passah folgte.

Ruth und Noomi kehren also zurück, als das Volk diese Erstlingsgarbe nimmt, um sie Gott zu bringen. Diese Erstlingsgarbe spricht ohne Frage von Christus, dem „Erstling der Entschlafenen“ (1. Kor 15,20). Nicht zu trennen von seiner Auferstehung ist sein Werk auf Golgatha, das in dem Passah gezeigt wird (vgl. 1. Kor 5,7), welches vor der Darbringung der Erstlinge geschlachtet wurde. Die Gerstenernte bringt uns also – in ihrer Anwendung auf uns – mit einem gestorbenen und auferstandenen Christus in Verbindung. Dazu sagt uns Paulus in Römer 7,4: „Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet worden durch den Leib des Christus, um eines anderen zu werden, des aus den Toten Auferweckten, damit wir Gott Frucht brächten.“ Frucht für Gott und auch geistliches Wachstum findet das Fundament darin, dass Christus gestorben und auferweckt ist. Das wird zwar alles hier nicht direkt genannt, es steht aber zwischen den Zeilen. Nur wenn wir mit ihm in Verbindung sind, kann alles Weitere gedeihen. Deshalb wird uns auch in Kapitel 2 dann unmittelbar Boas vorgestellt.

Mit dem Beginn der Gerstenernte verbindet sich jedoch noch ein zweiter Gedanke. Noomi hatte in Moab gehört, dass Gott sein Volk „heimgesucht“, d. h. ihnen Brot gegeben hatte (Rt 1,6). Wir wissen nicht, wie viel Zeit zwischen dieser Aussage und der tatsächlichen Rückkehr liegen, aber menschlich gerechnet hätte man erwarten können, dass die Ernte schon im vollen Gange war, als die beiden Frauen in Bethlehem ankamen. Doch Gott sorgte dafür, dass beide Frauen in den Genuss der gesamten Ernte kamen. 50 Tage sollte Ruth auf dem Feld des Boas zubringen, bis die gesamte Gersten- und Weizenernte eingebracht war (Kapitel 2,23).

So sorgt auch Gott heute dafür, dass Menschen, die sich für ihn und sein Wort interessieren, nicht „verkürzt“ werden, sondern in den vollen Genuss dessen kommen, was Gott für sein Volk bereithält. Der „unergründliche Reichtum des Christus“ ist für alle da. Gott ist ein Gott, der nie kärglich gibt. Er hat uns gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus (Eph 1,3). An uns aber liegt es, dass wir „aufsammeln“, d. h. die Segnungen praktisch in Besitz zu nehmen.

Boas – ein vermögender Mann aus der Familie Elimelechs

Und Noomi hatte einen Verwandten ihres Mannes, einen vermögenden Mann, aus der Familie Elimelechs, und sein Name war Boas (Kapitel 2,1).

Im gesamten ersten Kapitel wird Boas nicht erwähnt. Weder bei der Entscheidung, Bethlehem zu verlassen, noch bei dem Gedanken, in die Heimat zurückzukehren, spielt Boas eine Rolle. Erst jetzt, als die beiden zurückkommen und die Gerstenernte beginnt, tritt Boas in Erscheinung. Seine Erwähnung scheint auf den ersten Blick den Gedankenfluss des Berichtes zu unterbrechen. Doch nicht ohne Grund spricht der Geist Gottes hier zunächst von der Person des Boas. Auch wenn er selbst noch nicht aktiv wird, wird er – als der eigentliche Mittelpunkt des ganzen Buches – hier zunächst mit wenigen Worten vorgestellt.

Boas ist ein treffliches Bild von der Person unseres Herrn, dem unsere Herzen in Liebe und Hingabe entgegenschlagen dürfen. In Kapitel 3 und 4 finden wir ihn ganz besonders in seiner Erlöserherrlichkeit, während wir ihn in Kapitel 2 als den sehen, der allen Bedürfnissen eines Gläubigen entsprechen kann.

Einleitend werden drei Merkmale dieses Mannes besonders hervorgehoben:

  1. Sein Name ist Boas: Boas bedeutet: „In ihm ist Stärke“. Damit steht Boas in einem bemerkenswerten Gegensatz zu den beiden Frauen. Noomi und Ruth waren Witwen und damit Inbegriff von Schwäche und Elend. Sie hatten keinerlei Forderungen zu stellen und waren darauf angewiesen, die Ränder der Felder abzusuchen und darauf zu hoffen, dass andere ihnen halfen. Demgegenüber ist in Boas alle Kraft zu finden. Wir werden daran erinnert, dass dem Herrn Jesus alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf der Erde (Mt 28,18). Er ist jetzt zur Rechten Gottes erhoben „über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird“ (Eph 1,21). So dürfen wir ihn jetzt sehen, so dürfen wir ihn kennen und lieben.
  2. Er ist ein Verwandter der Noomi, aus der Familie Elimelechs: Das erinnert uns daran, dass der Herr Jesus Mensch geworden ist. Er wurde von einer Frau geboren und zwar unter Gesetz. Römer 9,5 sagt uns: „... aus denen (Israeliten), dem Fleisch nach, der Christus ist.“ Und der Schreiber des Hebräerbriefes erklärt: „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise daran teilgenommen“ (Heb 2,14). In seiner Verwandtschaft zu Elimelech liegt auch sein Recht, Löser zu sein. So musste der Herr Jesus, um der eine Mittler zwischen Gott und Menschen sein zu können, Mensch werden (vgl. 1. Tim 2,5). Um uns in den ganzen Segen Gottes kommen lassen zu können, hat der Herr Jesus sich unendlich tief erniedrigt und ist Mensch geworden.
  1. Er ist ein vermögender Mann: Das lässt uns in zwei Richtungen denken. Zum einen war Boas sehr reich. Er hatte ein großes Vermögen und war so auch in der Lage, Löser zu sein. Wir erinnern uns an unseren Herrn, dessen Reichtum unergründlich ist (Eph 3,8). Der ganze Reichtum des Christus steht uns jetzt zur Verfügung, weil er alles, d.h. sich selbst gegeben hat. Diesen Reichtum lernt Ruth auf dem Feld des Boas kennen und nicht nur das, sie kommt mit dem in Verbindung, dem aller Reichtum gehört. Zum anderen war Boas aber auch vermögend in dem Sinn, dass er alles vermochte. Er war mächtig und reich und deshalb in der Lage, alles für Ruth zu tun und sie schließlich zu lösen. Der andere Löser, der später in Kapitel 4 erwähnt wird, muss sagen: „Ich kann nicht für mich lösen“ (Kapitel 4,6). Christus allein ist in der Lage gewesen, eine vollkommene Erlösung zu vollbringen. In einem etwas anderen Zusammenhang sagt der Schreiber des Hebräerbriefes: „Daher vermag er auch die völlig zu erretten, die durch ihn Gott nahen“ (Heb 7,25)[‡].

Auch hier fällt der große Unterschied zwischen Boas und den beiden Frauen auf. Die beiden „vermochten“ gar nichts, sie waren völlig „unvermögend“, aber in Boas fand zuerst Ruth und dann auch Noomi alles, was sie brauchten – und sie fanden viel mehr als das.

Lass mich doch gehen

Und Ruth, die Moabiterin, sprach zu Noomi: Lass mich doch aufs Feld gehen ... (Kapitel 2,2).

In Bethlehem angekommen, will Ruth unmittelbar tätig werden. „Lass mich doch aufs Feld gehen ...“, lautet ihr Wunsch, den sie ihrer Schwiegermutter gegenüber äußert. Ruth gibt sich nicht damit zufrieden, in Bethlehem zu sein, sondern sie möchte aufs Feld gehen, um die Segnungen des Landes kennen zu lernen und von dem Ertrag der Ernte etwas für sich und Noomi zu haben.

Ruth hatte einen guten Anfang gemacht. Sie hatte mit ihrer Vergangenheit in Moab gebrochen und eine klare Trennung von Moab vollzogen. Sie hatte gute Vorsätze gefasst, und jetzt sehen wir, wie sie diese guten Vorsätze auch in die Tat umsetzt. Wie mancher Christ macht zwar einen guten Anfang, hört dann aber auf. Er gleicht einem 100-Meter- Läufer, der schon nach 20 oder 30 Metern aufhört zu laufen oder einem Hausbauer, der nach der Fundamentierung aufhört zu bauen. Petrus ermahnt uns nicht umsonst, in der Gnade und Erkenntnis unseren Herrn Jesus Christus zu wachsen (2. Pet 3,18). Dieser Wachstumsprozess hört nie auf. Er dauert ein Leben lang an.

In diesem Wachstumsprozess gibt es Hindernisse, die überwunden werden müssen. Im Neuen Testament begegnen wir solchen Hindernissen. Bei den Korinthern war es Laschheit und Weltlichkeit, durch die sie am Wachstum gehindert wurden. Sie waren zwar „in allem reich gemacht worden, in allem Wort und aller Erkenntnis“, sie hatten „an keiner Gnadengabe Mangel“ (1. Kor 1,5.7), dennoch kamen sie innerlich nicht weiter. Bei den Galatern war die Gefahr eine ganz andere. Falsche Lehren und Gesetzlichkeit hinderten sie am geistlichen Wachstum. Paulus muss ihnen sagen: „Ihr lieft gut; wer hat euch aufgehalten ...?“ (Gal 5,7). Wir lernen von Ruth. Ruth ließ sich durch nichts aufhalten. Sie sagt: „Lass mich doch gehen“, und in Vers 7: „Lass mich doch auflesen.“ Wer hält uns auf, den Segen in Besitz zu nehmen, der für uns da ist? Diese Frage möchten wir uns stellen. Im Gebet vor unserem Herrn dürfen wir uns zeigen lassen, wo vielleicht Hindernisse da sind, die wir dann konsequent aus dem Weg räumen wollen.

Ruth sagt: „Lass mich doch gehen.“ Die Felder Bethlehems waren reif zur Ernte. Doch was nützt das Korn auf den Feldern, wenn keiner sich aufmacht und es aufsammelt? Was nützt uns der unergründliche Reichtum des Christus, wenn wir nicht den Entschluss fassen, diesen Segen auch wirklich praktisch in Besitz zu nehmen? Es ist immer die Weise Gottes gewesen, zu segnen, aber der Genuss des Segens hängt von uns ab. Gott drängt sich nie auf. Er erwartet aber, dass wir das, was er uns geschenkt hat, auch kennen lernen wollen (vgl. 1. Kor 2,12). Abraham hatte Zusagen von Gott bekommen. Seine Nachkommen sollten einmal das Land besitzen, in das

Gott ihn rief. Abrahams Aufgabe war es, dieses Land zu durchwandern, um es kennen zu lernen (vgl. 1. Mo 13,17). Das Volk Israel hat dann Jahrhunderte später das Land als Erbe bekommen, aber nur das, worauf sie ihren Fuß setzten, war auch wirklich ihr Besitz. Gott hatte seinem Volk ausdrücklich sagen lassen: „Jeden Ort, auf den eure Fußsohle treten wird, euch habe ich ihn gegeben“ (Jos 1,3). Gott hat uns gesegnet „mit jeder geistlichen Segnung“ (Eph 1,3). Keine einzige fehlt. Eine andere Frage aber ist es, ob wir uns auch wirklich aufmachen, um unsere Segnungen kennen und lieben zu lernen.

Man kann also in Bethlehem sein und doch verhungern. Das Feld des Boas mag reif zur Ernte sein, die Schnitter mögen ihre Arbeit tun, aber wenn wir nicht hingehen, dann werden wir keinen Nutzen davon haben und geistlich nicht wachsen. Ruth wollte auflesen, d. h. in der Anwendung auf uns, dass wir die geistlichen Segnungen, die uns gehören, wirklich praktisch in Besitz nehmen, uns damit beschäftigen und unsere Freude daran haben.

Die Suche nach Gnade

Und Ruth, die Moabiterin, sprach zu Noomi: Lass mich doch aufs Feld gehen und unter den Ähren lesen hinter dem her, in dessen Augen ich Gnade finden werde. Und sie sprach zu ihr: Geh hin, meine Tochter (Kapitel 2,2).

Die Initiative geht nicht von Noomi, sondern eindeutig von Ruth aus. Dennoch handelt sie nicht unabhängig von ihrer Schwiegermutter. Wir wissen nicht, inwieweit Ruth über das Gesetz belehrt war, aber Noomi wird die Anweisungen Gottes sicher gekannt haben. Gott hatte im Gesetz Vorsorge für die Armen und die Fremdlinge getroffen. Wir lesen im dritten Buch Mose dazu Folgendes:

  • „Und wenn ihr die Ernte eures Landes erntet, so sollst du den Rand deines Feldes nicht gänzlich abernten und sollst keine Nachlese deiner Ernte halten. Und in deinem Weinberg sollst du nicht nachlesen, und die abgefallenen Beeren deines Weinberges sollst du nicht auflesen: für den Armen und für den Fremdling sollst du sie lassen. Ich bin der HERR, euer Gott“ (3. Mo 19,9.10).
  • „Und wenn ihr die Ernte eures Landes erntet, sollst du den Rand deines Feldes nicht gänzlich abernten, und sollst keine Nachlese deiner Ernte halten; für den Armen und für den Fremdling sollst du sie lassen. Ich bin der HERR, euer Gott“ (3. Mo 23,22).

Außer dieser Anweisung Gottes über den Fremdling konnte Ruth als Moabiterin keine Anrechte geltend machen. Sie konnte keinerlei Forderungen erheben. Bis ins zehnte Geschlecht sollte kein Moabiter in die Versammlung Gottes kommen (vgl. 5. Mo 23,3) – so lautete die Anordnung Gottes. Die einzige Möglichkeit, die ihr blieb, war die Ränder der Felder abzulesen. Doch nicht einmal darauf beruft Ruth sich. Sie will nicht auf das Feld gehen, um von ihrem „Recht“ als Fremdling Gebrauch zu machen, sondern sie sucht Gnade. Und weil sie Gnade suchte, konnte sie auch Gnade finden. An dieser Stelle bestätigt sich ein wunderbarer Grundsatz, der sich durch die ganze Bibel zieht. Dieser Grundsatz lautet: Gott bietet seine Gnade an, aber die Gnade Gottes will auch beansprucht werden. Die Gnade Gottes ist überreich vorhanden. Wir müssen nur die Initiative ergreifen, um diese Gnade auch zu bekommen.

So war es, als die Brüder Josephs nach Ägypten kamen. In der Person Josephs sollte ihnen die unverdiente Gnade Gottes begegnen. Aber die Brüder mussten diese Gnade auch in Anspruch nehmen. Sie mussten die Gnade wollen. Joseph stellt sie auf die Probe. Wären sie nicht nach Ägypten zurückgekehrt, hätten sie keine Gnade bekommen. Nicht anders war es bei der Königin Esther. Das Zepter war in der Hand des Königs Ahasveros, aber hätte Esther nicht die Entscheidung getroffen, zum König zu gehen, wäre auch sie nie in den Genuss der vorhandenen Gnade gekommen. Weder Boas, noch Joseph, noch Ahasveros ergreifen die Initiative. Sie warten auf diejenigen, die Gnade suchen. Die Frau am Jakobsbrunnen musste von dem Wasser trinken, das der Herr ihr gab und der Verbrecher am Kreuz musste die Gnade annehmen, die der neben ihm gekreuzigte Heiland ihm so gerne geben wollte. Der andere Mitgekreuzigte ging ewig verloren, obwohl die Gnade ihm genauso nah war, wie dem anderen. Gott bietet Gnade an, aber wir müssen sie im Glauben ergreifen, sonst bekommen wir sie nicht. Der Glaube wartet nicht darauf, dass die Gnade zu ihm kommt, sondern er nimmt die Gnade gern in Anspruch. Kein Mensch wird gerettet werden, wenn er – was seine Verantwortung betrifft – die Gnade nicht in Anspruch nimmt. Kein Christ wird die Reichtümer, die Gott uns in Christus gegeben hat, je kennen lernen, wenn er sich nicht im Glauben aufmacht, um diese Reichtümer zu erforschen.

Ruth wollte etwas von der Frucht des Landes für sich haben. Erben konnte sie nicht, das Land in Besitz nehmen durfte sie nicht. Aber der Glaube ist nie ohne Ausweg. Er findet immer eine Lösung. Dabei greift Ruth nicht nach den Sternen. Sie will nicht gleich ein ganzes Feld kaufen, sondern sie beginnt einfach und bescheiden. Sie will nur Ähren aufsammeln. Vielleicht dürfen wir in dem Auflesen der Ähren den geringsten Genuss sehen, den ein Gläubiger an dem Erbteil und Segen Gottes haben kann. Aber entscheidend ist, dass Ruth überhaupt anfängt. Geistliches Wachstum – und das werden wir im Verlauf dieses Kapitels noch öfter sehen – ist ein Prozess, der völlig normal verläuft. Ein junger Gläubiger lernt nicht gleich die ganzen Wahrheiten des Epheserbriefes kennen, sondern er beginnt mit einzelnen Fundamenten der christlichen Wahrheit. Ein Korn nach dem anderen darf gesammelt werden, um sich so einen Schatz zu sammeln, von dem man zehren und von dem man innerlich wachsen kann.

Es fällt auf, dass Ruth hier schon auf eine Person anspielt. Sie kannte Boas noch nicht, wahrscheinlich hatte sie nicht einmal von ihm gehört. Dennoch will sie nicht einfach auf irgendein Feld gehen, um dort Ähren zu sammeln, sondern es soll das Feld dessen sein, bei dem sie Gnade findet. Es ging ihr nicht nur um ein Feld, sondern vor allem um die Person, der das Feld gehörte. Eine solche Sprache führt nur der Glaube. Dabei zeichnet sich ein weiterer Grundsatz ab, der ebenfalls von großer Bedeutung ist: Wirklicher Segen ist nur in Verbindung mit einer Person zu erlangen, und diese Person ist niemand anders als unser Herr und Heiland. Wenn wir uns mit der christlichen Glaubenswahrheit beschäftigen und die Segnungen Gottes genießen wollen, dann können wir das nur in Verbindung mit der Person des Herrn tun. Jede Wahrheit des Wortes Gottes wird erst dann wirkliche Nahrung für uns, wenn wir sie mit dem Herrn Jesus in Verbindung bringen. Ohne ihn bleibt alles „tote Materie“, mit ihm bekommt jede Wahrheit erfrischende Lebenskraft. Wenn wir die biblische Wahrheit so „studieren“, dann gibt es keine „trockene Lehre“ mehr, sondern dann werden wir das tiefe Bedürfnis haben, weiter zu forschen, um unseren Herrn dabei immer besser kennen zu lernen.

Zufall oder Führung?

Und sie ging hin und kam ... Und sie traf zufällig auf das Feldstück des Boas ... (Kapitel 2,3).

Ruth belässt es nicht bei guten Vorsätzen. In Übereinstimmung mit Noomi geht sie nun tatsächlich los, um Ähren aufzulesen. Auch der so genannte „verlorene Sohn“ machte es so. Als er zu sich selbst kam und sein Elend sah, reifte in ihm der Entschluss, zu seinem Vater zurückzugehen, wo es Überfluss gab. Und dann lesen wir die Worte: „Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater“ (Lk 15,20). Gute Vorsätze allein helfen uns nicht weiter, sie wollen auch – mit der Hilfe des Herrn – in die Tat umgesetzt sein.

Und der Herr bekennt sich zu ihrem Eifer. Sie geht hin und trifft zufällig auf das Feldstück des Boas. Die Frage stellt sich, ob es Zufall im Leben des Gläubigen gibt oder nicht. Ist nicht alles in unserem Leben Fügung und Führung von Gott? Und doch steht hier sicher nicht ohne Grund „zufällig“. Wir dürfen nichts vom Wort Gottes wegnehmen. Wenn Gott „zufällig“ sagt, dann meint er auch „zufällig“. Allerdings müssen wir die Sichtweise beachten. Zufall war es aus der Perspektive von Ruth. Aus Gottes Sicht gibt es natürlich keinen Zufall. Von Gott aus war es Fügung, aber Ruth konnte es nur als Zufall sehen. Zunächst zumindest. Später erkannte sie darin sicher die gnädige Führung Gottes. So geht es auch uns oft: Was uns als Zufall erscheint, sehen wir im Nachhinein in einem anderen Licht. Für Gott kann es keinen Zufall geben. So wie die Hand Gottes darin war, dass Ruth zufällig auf das Feldstück des Boas traf, so ist seine Hand auch in allem, was uns betrifft.

Schnitter auf dem Feld des Boas

Und sie ging hin und kam, und auf dem Feld hinter den Schnittern her las sie auf... (Kapitel 2,3).

Auf dem Feld des Boas ist Ruth nicht allein. Zunächst werden die Schnitter erwähnt, die auf dem Feld des Boas arbeiteten und dafür verantwortlich waren, dass das Korn geschnitten wurde, damit andere es auflesen konnten.

Auf dem Feld des Boas sind auch wir nicht allein. Wenn wir uns mit dem Segen beschäftigen, den Gott uns in seiner Gnade geben möchte, wenn wir die Wahrheiten des Wortes Gottes kennen lernen möchten, dann sind andere da, die uns dabei helfen können.

Wovon reden die Schnitter, wenn wir eine Anwendung auf uns machen? Zeigen sie uns nicht Brüder, die der Herr gegeben hat, um das Wort Gottes so auszulegen, dass andere Nutzen davon haben, Brüder, die in der Lage sind, das Wort Gottes je nach dem Verständnis und Wachstumsgrad der Einzelnen zu erklären? Es sind Brüder, die das Wort und den Segen weitergeben, der vorhanden ist. Paulus ermuntert Timotheus, ein solcher Schnitter zu sein. Er sagt: „Befleißige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen, als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt“ (2. Tim 2,15)[§]. Die Schnitter erinnern uns auch an die Leviten in Nehemia 8,8, die das Gesetz gelesen und den Sinn angegeben haben, damit man das Gelesene auch verstehen konnte. Aufgabe der Schnitter ist es also, das Wort Gottes für andere verständlich zu machen.

Solche Männer Gottes, die den Segen zugänglich machen, die uns die Gedanken Gottes erklären, hat es immer gegeben. Ganz besonders in den Zusammenkünften zur Wortverkündigung benutzt der Heilige Geist – den wir später noch in dem Knecht, der über die Schnitter gesetzt ist, wieder finden werden –Brüder, um aus der Gegenwart Gottes heraus das Wort zu reden. Aber auch gemeinsame Wortbetrachtungen, Konferenzen, Freizeiten, Hauskreise usw. sind Gelegenheiten, wo die Schnitter ihre Arbeit tun. Haben wir es nicht alle oft erlebt, dass der Herr in einer Zusammenkunft zu uns geredet hat und wir reichen Segen empfangen haben?

Der Dienst der Schnitter ist jedoch nicht auf öffentliche Zusammenkünfte beschränkt. Der Apostel Paulus sagte zu den Ältesten von Ephesus: „Ihr wisst ... wie ich nichts zurückgehalten habe von dem, was nützlich ist, dass ich es euch nicht verkündigt und euch gelehrt hätte, öffentlich und in den Häusern“ (Apg 20,18.20). Auch im häuslichen Bereich, d. h. im persönlichen Gespräch, finden die Schnitter ein Betätigungsfeld.

Darüber hinaus wird der Dienst der Schnitter nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich ausgeübt. Verständlich geschriebene Bibelkommentare und Auslegungen helfen uns, das Wort Gottes besser zu verstehen. An uns liegt es, auch davon reichlichen Gebrauch zu machen.

Von Ruth heißt es nun, dass sie hinter den Schnittern her auflas. Sie handelte nicht eigenwillig, sondern in Verbindung mit den Schnittern. Manchmal hört man die Aussage, dass wir, die wir den Heiligen Geist besitzen, das Wort Gottes genauso gut ausschließlich allein lesen könnten und nicht auf Hilfe anderer angewiesen sind. Grundsätzlich ist es natürlich richtig, dass der Heilige Geist uns in die ganze Wahrheit leitet (vgl. Joh 16,13). Und doch hat Gott es für gut befunden, einen Weg zu wählen, auf dem auch die „Schnitter“ ihren Platz haben. Diesen Weg finden wir in Epheser 4 vorgestellt. Dort lesen wir: „Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus, bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus“ (Eph 4,11-13). Der göttliche Weg ist also, dass es Gaben gibt, die das Werk des Dienstes tun, und das Ziel ist das geistliche Wachstum der Gläubigen. Wer die von Gott gegebenen Gaben ablehnt, lehnt letztlich – wenn auch vielleicht ungewollt und unbewusst – den Geber der Gaben ab. Darüber hinaus ist es Hochmut, wenn man glaubt, dass man den Dienst der von Gott gegebenen Gaben nicht benötigen würde.

Boas erscheint auf dem Feld

Und siehe, Boas kam von Bethlehem und sprach zu den Schnittern: Der HERR sei mit euch! Und sie sprachen zu ihm: Der HERR segne dich! (Kapitel 2,4).

Die Schnitter sind bei der Arbeit, Ruth ist auf dem Feld und sammelt hinter den Schnittern her auf. Und dann erscheint Boas selbst auf der Szene. Wenn wir uns mit den Reichtümern und dem Segen Gottes beschäftigen, kommt Boas selbst, um Gemeinschaft mit uns zu haben. Wir haben nicht nur den Segen seines Wortes, sondern in Verbindung damit den Segen seiner Gegenwart – was wir in besonderer Weise in den Zusammenkünften erleben. Boas kommt aus Bethlehem, aus dem Brothaus. Der Segen auf dem Feld kann nicht von seiner Person getrennt werden. Geistliche Nahrung für den Christen ist untrennbar mit seiner Person verbunden. Er selbst ist ja „das Brot des Lebens“. Von ihm nähren wir uns.

Das kurze Gespräch zwischen Boas und den Schnittern zeugt von einem harmonischen Miteinander. Zwischen dem Herrn des Feldes und seinen Knechten gab es keine Dissonanzen. Er hat einen Segensgruß für sie und auch sie antworten in einer schönen Art und Weise. Wenn die Schnitter auch heute aus dieser Harmonie heraus ihre Arbeit tun, dann wird der Dienst der vom Herrn gegebenen Gaben auch wirklich zum Nutzen der anderen sein.[**]

Der Knecht, der über die Schnitter bestellt ist

Und Boas sprach zu seinem Knecht, der über die Schnitter bestellt war ... (Kapitel 2,5).

Neben dem Herrn des Feldes und den Schnittern lernen wir nun auf dem Feld des Boas eine weitere bemerkenswerte Person kennen. Es ist der Knecht, der über die Schnitter bestellt ist. Wer kann das sein? Wer außer dem Heiligen Geist ist befugt, die anzuleiten und zu führen, die das Wort der Wahrheit teilen? Es kann daher nur der Heilige Geist sein, den wir im Bild dieses Knechtes erkennen. Er ist über die Schnitter bestellt.

Die neutestamentliche Belehrung hierzu finden wir besonders in 1. Korinther 12, wo es um die Gaben geht, die die Glieder des Leibes Christi empfangen haben. Diese Gaben stehen in Verbindung mit Gott, sie stehen in Verbindung mit dem Herrn, sie stehen aber auch in Verbindung mit dem Heiligen Geist. Der Heilige Geist befähigt uns, die von Gott gegebenen Gaben auszuüben. Er gibt uns die Kraft und er leitet uns. Nachdem Paulus unterschiedliche Gaben aufgezählt hat, kommt er zu der Aussage: „Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend, wie er will“ (1. Kor 12,11).

Boas interessiert sich für Ruth

Und Boas sprach zu seinem Knecht, der über die Schnitter bestellt war: Wem gehört dieses Mädchen? (Kapitel 2,5).

Jetzt entwickelt sich eine kurze Unterhaltung zwischen Boas und seinem Knecht. Ruth hat offensichtlich das Interesse von Boas geweckt und er stellt die Frage, wem dieses Mädchen gehört. Er fragt nicht, wer das Mädchen ist, sondern wem es gehört. Er interessiert sich also für ihre Beziehungen und ihre Herkunft.

In der Übertragung auf uns erkennen wir das Interesse göttlicher Personen an uns, den Gläubigen. Der Herr nimmt alles wahr, was wir tun und sei es noch so unscheinbar. Wenn wir beginnen, uns für geistliche Dinge zu interessieren, dann entgeht das nicht dem Auge unseres Herrn. Er sieht nicht nur die Schnitter, sondern er sieht jeden, der auf seinem Feld anfängt, Ähren zu sammeln. Das darf eine besondere Ermunterung für junge Geschwister sein, die am Anfang ihres Glaubenslebens stehen. Der Herr sieht alles, ihm entgeht nichts. Menschen mögen nichts oder nur wenig sehen, wenn wir in Treue und Demut unsere Arbeit tun und den Segen schätzen, den er uns geben will, aber er nimmt es ganz sicher wahr. Unsere Mitgeschwister mögen auch – vielleicht aus Gleichgültigkeit – nur wenig Interesse an uns haben, bei unserem Herrn ist das anders.

Auch im Neuen Testament haben wir den Gedanken, dass göttliche Personen sich für uns interessieren und sich über uns „unterhalten“. Johannes 17 ist ein herausragendes Beispiel dafür. Dort sehen wir Gott, den Sohn, auf der Erde und er redet mit Gott, seinem Vater – und zwar über uns. Auch in Römer 8 finden wir diesen Gedanken, und dort wird er ganz besonders in Verbindung mit dem Heiligen Geist gebracht. Paulus schreibt an die Römer: „Ebenso aber nimmt auch der Geist sich unserer Schwachheit an; denn wir wissen nicht, was wir bitten sollen, wie es sich gebührt, aber der Geist selbst verwendet sich für uns in unaussprechlichen Seufzern“ (Röm 8,26).

Ein göttliches Zeugnis

Und der Knecht, der über die Schnitter bestellt war, antwortete und sprach: Es ist ein moabitisches Mädchen, das mit Noomi aus dem Gebiet Moabs zurückgekehrt ist; und sie sprach: Lass mich doch auflesen und unter den Garben sammeln hinter den Schnittern her! Und so ist sie gekommen und dageblieben vom Morgen an bis jetzt; was sie im Haus gesessen hat, ist wenig (Kapitel 2,6.7).

Der Knecht wusste die Frage des Boas sehr genau zu beantworten. Durch ihr Verhalten war Ruth ihm offensichtlich aufgefallen, so dass er sich für ihre Herkunft interessiert hatte. Er wusste auch um ihre Verbindung zu Noomi. Und er kannte ihr Vorhaben, unter den Garben zu sammeln. Aber vor allem war ihm der Eifer und der Fleiß dieser Moabiterin bei der Arbeit aufgefallen. Vom Morgen an hatte sie aufgesammelt und nur wenig Ruhepausen[††]eingelegt. Was für ein schönes Zeugnis konnte er ihr doch ausstellen!

Wie Ruth waren wir von Natur solche, die keine Beziehung zu Christus hatten, die „entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung“ (Eph 2,12) waren. Jetzt aber befinden wir uns in dem Segensbereich unseres Herrn. Doch haben wir auch ein brennendes Interesse an der göttlichen Wahrheit? Lesen wir wie Ruth wirklich auf, um den Segen Gottes zu unserem persönlichen Besitz zu machen? Kann der Heilige Geist uns da ein gutes Zeugnis geben? Sind wir mit Fleiß und Eifer bei der Sache? Bei den Beröern war es so. Als ihnen die Glaubenswahrheit verkündigt wurde, hatten sie großes Interesse daran. Sie untersuchten täglich in den Schriften, ob das, was sie hörten, auch tatsächlich so war (vgl. Apg 17,11).

Ruth brauchte nicht für sich selbst zu sprechen. In Kapitel 1,16.17 hören wir Ruth reden. Dort gibt sie eine Absichtserklärung ab. Aber hier hören wir einen anderen für sie sprechen. Jahre später schreibt der weise Salomo: „Es rühme dich ein anderer und nicht dein Mund, ein Fremder und nicht deine Lippen“ (Spr 27,2). Im Neuen Testament haben wir das Gegenstück dazu bei den Thessalonichern. Von ihnen konnte gesagt werden: „Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen, nicht allein in Mazedonien und in Achaja, sondern an jedem Ort ist euer Glaube an Gott ausgebreitet worden, so dass wir nicht nötig haben, etwas zu sagen. Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen“ (1. Thes 1,8.9). Die Thessalonicher hatten sich nicht selbst empfohlen, sondern der Herr hatte dafür gesorgt, dass ihr Zeugnis weit über ihre unmittelbare Umgebung hinaus ausgebreitet wurde.

Eine gutgemeinte Warnung

Und Boas sprach zu Ruth: Hörst du, meine Tochter? Geh nicht, um auf einem anderen Feld aufzulesen, und geh auch nicht von hinnen, sondern halte dich hier zu meinen Mägden (Kapitel 2,8).

Was muss im Herzen von Ruth vorgegangen sein, als der reiche Gutsbesitzer, den sie bisher noch gar nicht kannte, sie jetzt direkt anspricht. „Hörst du, meine Tochter ...“ Er redet ganz persönlich zu ihr und nennt sie „meine Tochter“. Offensichtlich war Boas wesentlich älter als Ruth, sonst hätte er sie so nicht angesprochen. „Hörst du ...“ – er wollte ihre ganze Aufmerksamkeit haben, damit sie Acht gab auf das, was er ihr sagen wollte.

Auf dem Feld des Boas werden wir nicht nur gemeinsam von dem Herrn unterwiesen, sondern auf dem Feld des Boas finden wir das ungeteilte Interesse unseres Herrn für jeden Einzelnen von uns. Er möchte, dass wir auf seine Stimme hören. „Gebt nun Acht, wie ihr hört“ (Lk 8,18) und „Gebt Acht, was ihr hört“ (Mk 4,24), so lauten zwei Hinweise, die der Herr seinen Jüngern gab, als er auf dieser Erde war. Er möchte, dass wir auf ihn und sein Wort hören. Wir denken auch an Timotheus, dem mehrfach gesagt wurde: „Du aber ...“ Es kommt auf jeden persönlich an. Der Herr meint dich und er meint mich.

Gab es in Bethlehem nicht andere Felder, auf denen auch das Korn reif stand und geschnitten wurde? Konnte Ruth nicht auch anderswo auflesen? Ganz bestimmt, in Bethlehem gab es viele Felder, aber es gab nur ein Feld, das Boas gehörte. Und Boas wollte nicht, dass Ruth auf ein anderes Feld ging, oder dass sie Bethlehem ganz verließ. Er legte großen Wert darauf, dass sie auf seinem Feld blieb. Wir erkennen hier erneut einen wichtigen Grundsatz: Die Bedeutung des Feldes, wo wir auflesen, steht und fällt mit der Person dessen, dem das Feld gehört. Die Herrlichkeit des Feldes steht mit Boas in untrennbarer Verbindung. Auf dem Feld des Boas ist er der Herr und hat das Sagen. Auf dem Feld des Boas ist der Knecht, der über die Schnitter gestellt ist. Auf dem Feld des Boas sind seine Knechte und seine Mägde. Auf dem Feld des Boas handelt man nicht eigenwillig, sondern alles richtet sich nach Boas aus.

Wo halten wir uns auf? Wo sammeln wir auf? Auf welch einer Grundlage beschäftigen wir uns mit dem Segen, den Gott uns geben möchte? Handeln wir nach den Anweisungen unseren Herrn? Fragen wir nach seinem Willen? Wir dürfen es machen wie die Jünger. Von ihnen lesen wir: „Und am ersten Tag der ungesäuerten Brote, da man das Passah schlachtete, sagen seine Jünger zu ihm: Wo willst du, dass wir hingehen und bereiten, damit du das Passah essen kannst?“ (Mk 14,12). Die Jünger wollen das Passah vorbereiten, aber sie wollten es nicht nach ihren eigenen Gedanken tun, sondern so, wie der Herr es wollte. Deshalb fragen sie ihn und der Herr lässt sie nicht ohne Antwort. Er wird auch uns, wenn wir aufrichtig fragen, nicht ohne eine Antwort lassen. Und so möchten wir mit der Braut im Hohelied die Frage stellen: „Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo weidest du, wo lässt du lagern am Mittag?“ (Hld 1,7).

Es geht um ihn, um seine Person. Auch in unseren Zusammenkünften. Er hat seine Gegenwart denen verheißen, die sich in seinem Namen versammeln – und um diese Gegenwart sollte es uns gehen. Alles muss diesem Punkt untergeordnet werden. Entscheidend ist nicht, wo es uns am angenehmsten erscheint, wo die Leute vielleicht so nett sind, wo man allerlei miteinander unternimmt, nein, entscheidend ist seine Person und seine Gegenwart.

Wir verstehen die Warnung, die Boas ausspricht: „Geh nicht, um auf einem anderen Feld aufzulesen, und geh auch nicht von hinnen.“ Andere Felder in Bethlehem mochten für Ruth attraktiv erscheinen, aber Boas wollte sie bei sich behalten. Auch für uns gilt diese Warnung, nicht auf ein anderes „Feld“ zu gehen oder uns gar ganz von Bethlehem zu entfernen. Es gibt viele Beispiele von Christen, die diese Warnung in den Wind geschlagen und – was ihr geistliches Leben betrifft – Schiffbruch erlitten haben. Andere Felder können z. B. Zusammenkünfte von Gläubigen sein, in denen man sich nicht der freien Leitung des Heiligen Geistes unterstellt. Auf anderen Feldern lesen wir z.B. auch auf, wenn wir beständig christliche Bücher lesen, in denen offensichtlich Grundsätze für gut gehalten werden, die der Lehre der Bibel widersprechen. Es gibt auch Christen, die „Bethlehem“ ganz verlassen haben und sich z. B. der Philosophie, der fernöstlichen Mystik, der Antroprosophie oder anderen religiösen Dingen zugewandt haben, um geistliche Befriedigung zu finden. Der Apostel Paulus schreibt den Kolossern: „Gebt Acht, dass nicht jemand da sei, der euch als Beute wegführt durch die Philosophie und durch eitlen Betrug, nach der Überlieferung der Menschen, nach den Elementen der Welt, und nicht nach Christus. Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig; und ihr seid vollendet in ihm“ (Kol 2,8-10), und kurz vorher heißt es von dem Herrn Jesus: „... in dem verborgen sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ (Kol 2,3). Bei den Kolossern bestand die besondere Gefahr, dass sie in der Philosophie ihren Glauben zu bereichern suchten. Dieser Punkt ist heute durchaus aktuell, aber es können auch andere Dinge sein, die uns von dem Feld des Boas wegziehen. Entscheidend und wichtig ist, dass Christus der Mittelpunkt in allen Bereichen unseres Lebens ist. Wenn sich alles um ihn dreht und wir uns seiner Ordnung unterwerfen, dann sind wir auf seinem „Feld“ und dann will er uns segnen.[‡‡]

Eine Aufforderung

Und Boas sprach zu Ruth: ... halte dich hier zu meinen Mägden (Kapitel 2,8).

Auf dem Feld des Boas sind wir nicht allein. Wir haben uns bereits mit den Schnittern beschäftigt, die ihren Dienst tun. Aber es gibt noch andere, die sich dort aufhalten und arbeiten. Boas sagt zu Ruth: „... halte dich hier zu meinen Mägden“. Damit warnt er sie davor, wegzugehen, d.h. er sagt ihr, was sie nicht tun soll. Gleichzeitig macht er ihr aber auch klar, was sie stattdessen sehr wohl tun soll. Ja, niemand kann ausschließlich von Verboten leben. Wenn unser Leben als Christen nur daraus besteht, etwas nicht zu tun, dann ist es ein armes Leben ohne Freude. Nein, bei unserem Herrn ist alles ausgewogen. Natürlich gibt es Dinge, die wir meiden und nicht tun sollen, aber es gibt auch Dinge, die wir sehr wohl tun sollen und an denen wir auch unsere Freude finden.

Hier lautet also die Aufforderung, sich zu den Mägden von Boas zu halten, die auf dem Feld arbeiten. Diese Mägde sind keine Schnitter, die das Korn schneiden, aber es sind solche, die es auflesen. Auf dem Feld von Boas gibt es unterschiedliche Aufgaben. Nicht jeder ist berufen, ein Schnitter zu sein, aber jeder darf auflesen.

Göttliche Vorsorge

Deine Augen seien auf das Feld gerichtet, das man schneidet, und geh hinter ihnen her; habe ich nicht den Knaben geboten, dich nicht anzutasten? Und wenn du durstig bist, so geh zu den Gefäßen und trink von dem, was die Knaben schöpfen (Kapitel 2,9).

Ruth muss einen tiefen Eindruck auf Boas gemacht haben. Er möchte, dass sie auf seinem Feld bleibt und er sorgt dafür, dass die notwendigen Voraussetzungen dafür auch gegeben sind. Dabei erkennen wir zunächst, dass er sie nicht überfordert. Ruth wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Boas ein naher Verwandter ihres verstorbenen Mannes war, aber Boas wusste es sehr wohl. Es war ihm klar, dass er möglicherweise als Löser für Ruth in Frage kam. Und doch besteht seine Vorsorge nicht darin, Ruth mit dem Hinweis nach Hause zu schicken, dass er ab jetzt für sie und Noomi sorgen würde. Nein, Boas lässt Ruth weiter auf seinem Feld arbeiten. Boas ergreift keine direkte Initiative, sondern er wartet darauf, dass Ruth handelt. Erst später – in Kapitel 4 – sehen wir, wie Boas alles in die Hand nimmt und zu einem guten Ende führt.

Der Herr wird einen jungen Gläubigen nie überfordern, sondern seinem geistlichen Wachstumsstand entsprechend mit ihm handeln. Wir bewundern z. B. seine Geduld und Weisheit, in der er mit den Jüngern umging, die ihn drei Jahre lang begleiteten und die so wenig von dem verstanden, was ihn tief in seinem Herzen bewegte. Der Herr wird uns auch niemals die ganze Wahrheit auf einmal erkennen lassen. Er gibt reichlich, aber er möchte, dass wir uns bemühen, Stück für Stück innerlich weiterzukommen und zu wachsen. Auf dem Feld des Boas wird immer geschnitten, so dass wir ständig Gelegenheit haben, uns mit dem Segen zu beschäftigen, den der Herr geben möchte. In diesem Sinn bleiben wir unser Leben lang „Auflesende“. Der Herr wird uns nie sagen, dass wir nun aufhören können. Wir suchen und forschen in seinem Wort, denn nur so lernen wir seine Segnungen für uns kennen und können daran unsere Freude finden.

Boas erwähnt die Augen von Ruth. Sie sollten sich auf das Feld richten, das geschnitten wurde. Damit stellt sich uns die Frage, worauf wir unsere Augen richten. Sind wir mit dieser Welt und ihren Vergnügungen beschäftigt? Sind wir auf unseren eigenen Vorteil bedacht? Oder sehen wir auf das, was der Herr uns geben möchte? Epheser 1,18 spricht von den „erleuchteten Augen unserer Herzen“, die mit dem Ratschluss Gottes beschäftigt sind.

Dann erfolgt die Aufforderung, hinter den Knaben herzugehen. Ruth hatte das ohnehin schon getan, aber Boas weist sie noch einmal besonders darauf hin. Denn der Herr möchte, wir haben uns schon daran erinnert, dass wir die Gaben, die er gegeben hat, auch benutzen, damit wir innerlich wachsen und ihn besser kennen lernen.

Die Knaben sind die Schnitter [§§]. Die Schnitter arbeiten nach den Anweisungen des über sie gestellten Knechtes, aber wir erkennen hier, dass sie gleichzeitig dem direkten Befehl des Feldbesitzers unterstehen: Er gebot ihnen, Ruth nicht anzutasten, sondern vorsichtig mit ihr umzugehen.

Brüder, denen Gott Gaben gegeben hat, sollten diese Gabe auch ausüben. Aber sie tun es nicht unabhängig, sondern unter der Leitung des Heiligen Geistes. Dabei unterstehen sie gleichzeitig der Autorität des Herrn. Diejenigen, die geistliche Gaben empfangen haben, arbeiten nicht in ihrem eigenen Werk, sondern im „Werk des Herrn“. Er hat dort das Sagen. Das Ausüben einer Gabe ist Vorrecht und Verantwortung zugleich. Wenn eine Gabe ausgeübt wird – z. B. in einer Zusammenkunft –, dann muss es das Bemühen des Bruders sein, den Bedürfnissen aller Anwesenden zu entsprechen. Die Bedürfnisse sind ganz verschieden, aber der Herr möchte, dass jeder etwas empfängt, jeder etwas mit nach Hause nehmen kann. Dabei muss auch darauf geachtet werden, dass die Zuhörer nicht überfordert werden. Ganz besonders jüngeren Gläubigen soll mit großer Nachsicht und Geduld begegnet werden. Die Gefahr, solche „vor den Kopf zu stoßen“, ist nicht gering.

Boas hatte auch dafür gesorgt, dass der Durst der Ruth gestillt werden konnte: Die Schnitter schöpften Wasser zur Erfrischung der Arbeitenden. Es wurde also nicht nur aufgelesen, um sich selbst etwas zu erarbeiten, sondern es gab auch schon etwas, das vorbereitet war. Dieses Wasser ist – wie das Korn – ein treffliches Bild des Wortes Gottes. Korn brauchen wir zur Ernährung und zum Wachstum, Wasser brauchen wir zur Erfrischung und Reinigung[***]. Wir nähren uns nicht nur, sondern wir werden auch erfrischt. Es ist das lebendige Wort Gottes, das jeden Durst der Seele löscht.

Diese beiden Seiten des Wortes Gottes finden wir auch an anderen Stellen in der Bibel. So spricht David in Psalm 23,2 davon, dass der Hirte uns auf grünen Auen lagert und uns gleichzeitig zu stillen Wassern führt. Auf den grünen Auen werden wir genährt, an den stillen Wassern erquickt.

Gnade

Da fiel sie auf ihr Angesicht und beugte sich zur Erde nieder und sprach zu ihm: Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen, dass du mich beachtest, da ich doch eine Ausländerin bin? (Kapitel 2,10).

Was mag Ruth gedacht haben, als sie diese überwältigenden Worte hörte? Wird sie nicht irritiert gewesen sein? Konnte sie begreifen, dass dieser reiche Gutsbesitzer so mit ihr umging? Und doch wird sie gleichzeitig ein tiefes Glücksgefühl gehabt haben. Wie sollte sie nun reagieren? Der „Instinkt“ ihres Glaubens lässt sie die richtige Haltung einnehmen: Sie fällt auf ihr Angesicht und beugt sich zur Erde nieder, überwältigt von der Gnade, die sie gefunden hat. Sie war nicht gekommen, um irgendwelche Rechte einzufordern, sie war gekommen, um Gnade zu finden. Und genau diese Gnade hatte sie nun gefunden, ohne bisher genau zu wissen, wer derjenige war, der ihr diese Gnade erwies.

Ähnliches erfuhren auch die Brüder Josephs. Was mag in ihrem Innern vorgegangen sein, als sie auf der Rückreise von Ägypten nach Kanaan plötzlich das Geld in ihren Säcken vorfanden (1. Mo 42,35)? Es war eine Gunsterweisung des ihnen unbekannten Mannes aus dem Land des Pharao – auch wenn sie das noch nicht verstanden und sich deshalb fürchteten. Noch deutlicher ist die Parallele im Buch Esther. Was mag im Herzen der Esther vorgegangen sein, als sie das Zepter in der Hand des Königs Ahasveros sah, das für sie Annahme und Gnade bedeutete? Wir lesen: „Und es geschah, als der König die Königin Esther im Hof stehen sah, erlangte sie Gnade in seinen Augen; und der König reichte Esther das goldene Zepter entgegen, das in seiner Hand war; und Esther nahte herzu und rührte die Spitze des Zepters an“ (Est 5,2). Esther war auch eine Frau, die gekommen war, um Gnade zu suchen, und sie fand sie, ehe sie im Haus des Königs angelangt war.

Ruth drückt ihre Empfindungen nun mit den Worten aus: „Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen, dass du mich beachtest, da ich doch eine Fremde bin?“ Ähnliche Worte hören wir aus dem Mund von Mephiboseth, der Annahme und Gnade bei David findet. Auch er beugt sich nieder und sagt dann: „Was ist dein Knecht, dass du dich zu einem toten Hund gewandt hast, wie ich einer bin?“ (2. Sam 9,8). Wer ein tiefes Empfinden von der Gnade hat, der beruft sich nicht mehr auf vermeintliche Rechte, sondern ist überwältigt von dem, was die Gnade umsonst gibt und nimmt es im Glauben an.

Staunen wir nicht auch immer wieder, wenn wir die Gnade unseres Herrn sehen, die uns überreichlich segnet? Wir haben allen Grund, uns in tiefer Dankbarkeit und Bewunderung vor unserem Herrn zu beugen und mit Ruth zu sagen: „Warum haben wir Gnade gefunden in deinen Augen?“ Wir, die wir doch nichts aufzuweisen hatten! Wir, die wir doch keinerlei Rechte hatten! Wir, die wir aus der Fremde kamen! Wir, die wir eigentlich nur Gericht verdient hatten! Der Epheserbrief sagt uns: „Deshalb denkt daran, dass ihr, einst die Nationen im Fleisch, die Vorhaut genannt werden von der so genannten Beschneidung, die im Fleisch mit Händen geschieht, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung, keine Hoffnung habend, und ohne Gott in der Welt. Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut des Christus nahe geworden“ (Eph 2,11-13). Diese Gnade, die nur aus dem Herzen des Herrn kommen kann, vermögen wir nicht zu begreifen und zu erfassen. Ruth fand damals keine Antwort auf ihre Frage und auch wir werden sie nicht finden.

Noch ein göttliches Zeugnis

Und Boas antwortete und sprach zu ihr: Es ist mir alles genau berichtet worden, was du an deiner Schwiegermutter getan hast nach dem Tod deines Mannes, und dass du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volk gezogen bist, das du früher nicht kanntest (Kapitel 2,11).

In den Versen 6 und 7 hörten wir den Knecht, der über die Schnitter gestellt war, von Ruth reden. Jetzt ist es Boas selbst, der etwas von ihr sagt und dabei die Motive ihres Herzens aufdeckt. Er geht gar nicht direkt auf das ein, was Ruth sagt. Sie spricht von Gnade, aber er redet von dem, was sie getan hat. Haben wir nicht einen großartigen Herrn?! Da stehen wir als Gegenstände seiner Gnade und im Bewusstsein dieser Gnade vor ihm und er spricht von dem, was wir aus Liebe getan haben! Sind wir nicht unnütze Knechte, die nicht einmal das tun, was wir zu tun schuldig sind? Und doch spricht Boas nicht davon. Er spricht von „Verdiensten“, er spricht von Lohn.

Boas sagt zunächst: „Es ist mir alles genau berichtet worden ...“ Seinem Ohr ist nichts entgangen. Er hatte gehört, was sein Knecht ihm gesagt hatte. Auch unserem Herrn entgeht nichts. Er hört alles, er sieht alles. Der Psalmdichter sagt: „Der das Ohr gepflanzt hat, sollte er nicht hören? Der das Auge gebildet, sollte er nicht sehen?“ (Ps 94,9). So registriert der Herr alles, was wir tun, alles, was wir sagen, aber auch alles, was wir denken. Er merkt, wenn wir eine Entscheidung für ihn treffen, wenn wir fleißig auflesen und uns vom Wort Gottes nähren. Verlangen nach seinem Wort und seinem Segen ist etwas, das er wahrnimmt und worüber er sich freut. Die Menschen um uns herum und auch unsere Glaubensgeschwister mögen das, was wir tun, manchmal weder sehen noch honorieren, aber der Herr weiß alles. Manches geschieht im Verborgenen, irgendwo, und keiner sieht es, aber der Herr sieht alles. Nichts ist vor ihm verborgen.

Ruth suchte gar keine Anerkennung, schon gar nicht die von Menschen. Wessen Anerkennung suchen wir denn eigentlich? Wollen wir Ehre von Menschen, die Ehre unserer Mitgeschwister? Oder suchen wir die Ehre des Herrn? Wenn das so ist, dann dürfen wir ihm alles andere einfach überlassen. Das höchste Lob ist das Lob des Herrn, dem wir dienen wollen.

Doch Boas spricht gar nicht von dem, was Ruth auf seinem Feld getan hat. Er spricht nicht von ihrer Arbeit, sondern von ihrer Entscheidung, Moab zu verlassen. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie sich um Noomi gekümmert, hatte Vater, Mutter und das Land ihrer Geburt verlassen und war zu einem Volk gezogen, das sie früher nicht gekannt hatte. Sie handelte damit wie der große Glaubensmann Abraham, der auch in ein Land zog, das ihm vorher unbekannt war (Apg 7,2-4). Wir wissen nicht, welche inneren Konflikte diese Entscheidung bei Ruth ausgelöst hat, können uns aber gut vorstellen, dass es für sie alles andere als einfach gewesen war, die Heimat zu verlassen und nach Bethlehem zu ziehen. Ihre Liebe und Hingabe zu Noomi und zu dem Volk, das sie noch gar nicht kannte, waren aber größer. Und genau davon spricht Boas hier. Der Herr sieht nicht auf das Äußere, sondern er beurteilt die Motive und Beweggründe des Herzens. Er sieht, ob bei uns Liebe, Hingabe und Glaube vorhanden ist. Ohne Frage ist es ihm wichtig, dass wir uns mit der christlichen Wahrheit beschäftigen, dass wir den Segen haben möchten, den er gibt. Ohne Frage ist es ihm auch wichtig, dass wir für ihn arbeiten. Aber alles entscheidend ist dabei unsere innere Haltung, unsere Motivation. Das findet seine Wertschätzung.

Lohn vom HERRN

Der HERR vergelte dir dein Tun, und voll sei dein Lohn von dem HERRN, dem Gott Israels ... (Kapitel 2,12).

Hatte Ruth vielleicht gehört, was Noomi bei ihrer Rückkehr nach Bethlehem gesagt hatte: „Voll bin ich gegangen und leer hat mich der HERR zurückkehren lassen“ (Kapitel 1,21)? Wenn auch Bitterkeit in den Worten Noomis mitklang und sie Gott sogar Vorwürfe machte, so liegt in ihren Worten doch auch Wahrheit. Denn sie war tatsächlich voll weggegangen. Dass sie aber leer zurückkehrte – das war ihre eigene Schuld. Doch die Gnade bringt den Segen in der Person der Schwiegertochter. Boas spricht von Lohn. Und nicht nur das. Er sagt: „Voll sei dein Lohn von dem HERRN.“ Wenn der Herr Vergeltung und Lohn gibt, dann niemals kärglich, sondern dann gibt es vollen Lohn.

Wir denken an den Richterstuhl des Christus (vgl. 2. Kor 5,10), wo es auch für uns einmal Lohn geben wird. Alles, was wir aus Liebe zu dem Herrn Jesus getan haben, wird er belohnen. Noch im letzten Buch der Bibel gibt er uns das Versprechen: „Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden zu vergelten“ (Off 22,12). Und was wird der Herr belohnen? Ist es nicht in erster Linie die Treue und die Hingabe, in der wir unsere Aufgaben erfüllt haben? Der Herr Jesus selbst sagt: „Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn“ (Mt 25,23). Gewiss sollte die Belohnung nicht Motivation für unser Tun sein, aber der Herr wird es sich doch nicht nehmen lassen, jede Treue zu belohnen.

Ein sicherer Zufluchtsort

... unter dessen Flügeln Zuflucht zu suchen du gekommen bist! (Kapitel 2,12).

Boas spricht nicht nur von dem Lohn, der für Ruth noch in der Zukunft lag, sondern er erinnert sie daran, dass sie mit ihrer Entscheidung, Moab zu verlassen und mit Noomi nach Bethlehem zu ziehen, einen sicheren Zufluchtsort gefunden hatte. Sie hatte zu Noomi gesagt: „Dein Gott ist mein Gott“ (Kapitel 1,16) und jetzt weist Boas sie darauf hin, dass dieser Gott Israels ein Gott ist, unter dessen Flügeln sie Zuflucht findet. Die Flügel sprechen einerseits von Schutz und Sicherheit, andererseits erinnern sie uns an Kraft und Stärke. Unter den Flügeln ist Zuflucht zu finden und auf den Flügeln dürfen wir ausruhen. Eine ganze Reihe von Bibelstellen weisen auf diese beiden Seiten der Flügel hin:

  • „Bewahre mich wie den Augapfel im Auge; birg mich in dem Schatten deiner Flügel“ (Ps 17,8).
  • „Wie köstlich ist deine Güte, o Gott! Und Menschenkinder nehmen Zuflucht zu deiner Flügel Schatten“ (Ps 36,7).
  • „Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig! Denn zu dir nimmt Zuflucht meine Seele, und ich will Zuflucht nehmen zu dem Schatten deiner Flügel, bis vorübergezogen das Verderben“ (Ps 57,1).
  • „Denn du bist mir zur Hilfe gewesen, und ich werde jubeln in dem Schatten deiner Flügel“ (Ps 63,7).
  • „Mit seinen Fittichen wird er dich decken, und du wirst Zuflucht finden unter seinen Flügeln; Schild und Tartsche ist seine Wahrheit“ (Ps 91,4).
  • „Ich werde weilen in deinem Zelt in Ewigkeit, werde Zuflucht nehmen zu dem Schutz deiner Flügel“ (Ps 61,4).
  • „Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe, wie ich euch getragen auf Adlers Flügeln und euch zu mir gebracht habe“ (2. Mo 19,4).
  • „Wie der Adler sein Nest aufstört, über seinen Jungen schwebt, seine Flügel ausbreitet, sie aufnimmt, sie trägt auf seinen Schwingen“ (5. Mo 32,11).

Ruth brauchte beides. Sie sehnte sich als Fremde nach einem Zufluchtsort und als schwache Frau hatte sie Kraft und Stärke nötig.

Noch einmal: Gnade

Und sie sprach: Möge ich Gnade finden in deinen Augen, mein Herr! Denn du hast mich getröstet und hast zum Herzen deiner Magd geredet ... (Kapitel 2,13).

Ruth bleibt demütig. Sie bildet sich nichts darauf ein, dass Boas so mit ihr gesprochen hat. Sie fordert nicht, sondern sie bleibt bescheiden. Ihre einfache Antwort lautet: „Möge ich Gnade finden in deinen Augen, mein Herr!“ Auch wenn der Herr über unsere „Verdienste“ spricht, wenn er den Lohn erwähnt, dann sollten wir nicht glauben, dass wir von uns aus etwas geleistet haben. Es ist und bleibt alles seine Gnade. Je größer unser Bewusstsein von seiner Gnade in unserem Leben ist, umso mehr werden wir nach dieser Gnade verlangen. Das ist die Gesinnung, die er auch bei uns sucht.

Dann erwähnt Ruth zwei Dinge, die sie auf dem Feld des Boas gefunden hat und die auch wir dort finden werden. Sie sagt: „Du hast mich getröstet und hast zum Herzen deiner Magd geredet.“

Auf dem Feld des Boas gibt es also Trost. Wenn wir uns mit unseren Segnungen beschäftigen und die Wahrheit des Wortes Gottes vor uns steht, dann empfangen wir nicht nur Belehrung, Unterweisung, Ermahnung und Ermunterung, sondern auch Trost. In 1. Korinther 14 spricht Paulus über den Dienst der Weissagung, und das können wir in der Anwendung mit dem Feld des Boas in Verbindung bringen. Er erwähnt dort u. a.: „Denn ihr könnt einer nach dem anderen alle weissagen, damit alle lernen und alle getröstet werden“ (1. Kor 14,31). Weissagung, d.h. das Reden aus der Gegenwart Gottes, hat also zur Folge, dass die Hörenden getröstet werden. Haben wir das nicht alle oft erfahren, wenn wir in der Gegenwart des Herrn waren, um sein Wort zu hören?

Außerdem wird auf dem Feld des Boas zu unseren Herzen geredet. Es geht unserem Herrn in erster Linie um unsere Zuneigungen – und davon spricht das Herz –, um unsere Liebe zu ihm. Diese Liebe möchte er anfachen, indem er unsere Herzen brennend macht für ihn. Als der Apostel Paulus zum ersten Mal nach Europa kam und das Evangelium verkündigte, lesen wir das schöne Wort, dass der Herr das Herz der Lydia auftat, dass sie Acht gab auf das, was geredet wurde (vgl. Apg 16,14). Die Emmaus-Jünger konnten bezeugen:

„Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg zu uns redete und als er uns die Schriften öffnete?“ (Lk 24,32). Auf dem Feld von Boas geht es nicht so sehr um unseren Verstand, sondern um unser Herz. Natürlich brauchen wir den Verstand, aber der Dienst des Wortes richtet sich an das Herz. Der Verstand nimmt wohl die Wahrheit auf, aber wenn wir sie nur im Kopf haben, dann können uns die Füße bald nicht mehr tragen. Die Segnungen, mit denen der Herr uns segnen will, sind eben für das Herz bestimmt.

Ein Unterschied

... und doch bin ich nicht wie eine deiner Mägde (Kapitel 2,13).

Wir wissen nicht, was Ruth bei dieser Aussage empfunden hat. Sie sah die Mägde auf dem Feld des Boas und verglich sie mit sich selbst. Was sie feststellte, war ein Unterschied zwischen den Töchtern Bethlehems und den Töchtern Moabs. War Ruth traurig darüber? Wir wissen es nicht. Jedenfalls hatte sie das Empfinden, dass sie trotz der empfangenen Gnade und trotz der Worte des Boas einfach anders als die anderen war.

Ruth stellt uns in dieser Aussage einen Gläubigen vor, der unter dem Eindruck der Gnade des Herrn steht und diese Gnade auch haben möchte, der aber noch keine Sicherheit hat und noch nicht in der Liebe seines Heilandes ruht. Ruth brauchte noch Zeit, bis es so weit war. So geht es vielen Menschen, die von der Gnade des Herrn Jesus tief beeindruckt sind, aber doch feststellen, dass sie noch keinen gefestigten Frieden haben. Der Herr aber möchte uns weiter führen. Er möchte, dass wir uns alle auf dem Fundament seines vollbrachten Werkes vom Kreuz sicher fühlen. Paulus schreibt den Korinthern: „Ich tue euch aber kund, Brüder, das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch steht“

(1. Kor 15,1). Die vollständige Annahme dessen, was Gott uns in seinem Wort sagt, vermittelt uns ein sicheres Fundament, auf dem wir stehen können.

Solange wir noch auf uns selbst sehen und uns mit anderen vergleichen, werden wir leicht zu der Schlussfolgerung von Ruth kommen. Sicherheit und Gewissheit bekommen wir nur, wenn wir aufhören, mit uns selbst beschäftigt zu sein und uns mit anderen zu vergleichen. Ruth war bereits sehr beeindruckt von Boas, aber es sollte noch einige Zeit dauern, bis sie bei ihm endgültig zur Ruhe kam.

Die Zeit des Essens

Und zur Essenszeit sprach Boas zu ihr: Tritt hierher ...Da setzte sie sich zur Seite der Schnitter ... (Kapitel 2,14).

Auf dem Feld des Boas hat alles seine Zeit. Ruth, die Fremde, hatte gemeinsam mit den Mägden des Boas fleißig gearbeitet, aber jetzt kommt die Zeit des Essens, die Zeit einer gemeinsamen Mahlzeit. Nachdem Ruth Boas kennen gelernt hat und er zu ihrem Herzen geredet hat, erlebt sie nun etwas, was das Bisherige übertrifft. Boas fordert sie auf, zu sich zu kommen, um gemeinsam mit ihm und den Übrigen zu essen. Sie hatte schon weit mehr empfangen, als die Zusagen des Gesetzes ihr je hätten geben können, sie hatte ein tiefes Empfinden der Gnade und eben diese Gnade gibt ihr jetzt noch mehr.

In der Anwendung auf uns erinnert die Zeit des Essens an die Zeit der Gemeinschaft. Der Herr Jesus möchte auch mit uns Gemeinschaft haben. Wir dürfen auf seinem Feld arbeiten, dürfen aktiv und tätig sein, aber wir dürfen auch ausruhen, um von ihm etwas zu empfangen. Es ist gut, wenn wir fleißig auflesen, es ist gut, wenn wir engagiert arbeiten. Aber wir brauchen auch die Ruhe der Gemeinschaft mit unserem Herrn. In Markus 6 finden wir diesen Sachverhalt sehr deutlich bestätigt. Die Jünger hatten für den Herrn gearbeitet und voller Begeisterung über das, was sie getan hatten, kehrten sie zu ihm zurück. Doch der Herr antwortet ihnen: „Kommt ihr selbst her an einen öden Ort für euch allein und ruht ein wenig aus“ (Mk 6,31). Das ist die Weise unseres Herrn. Es ist genau die Lektion, die Martha von Bethanien lernen musste, während ihre Schwester Maria es gut verstanden hatte, wann die Zeit des Arbeitens und wann die Zeit des Essens da war. Martha war besorgt und beunruhigt wegen der vielen Arbeit. Sie sah nur die Notwendigkeit des Dienstes – der ohne Frage wichtig war – und vergaß darüber alles andere. Maria hingegen erkannte, wann die Zeit gekommen war, zu den Füßen des Herrn zu sitzen, um seinen Worten zuzuhören. Der Herr bestätigt ihr, dass sie „das gute Teil“ erwählt hatte (Lk 10,42).

Auch wir brauchen bei aller Betriebsamkeit und Hektik des Alltags Zeiten der Ruhe und der Stille zu den Füßen unseres Heilands. Das sind nicht nur die Stunden der Zusammenkünfte der Gläubigen, sondern wir brauchen diese „Zeit des Essens“ an jedem Tag unseres Lebens. Niemand von uns fällt es – unter normalen Umständen jedenfalls – ein, während eines ganzen Tages nichts zu essen. In der Regel nehmen wir mindestens drei Mahlzeiten ein. Aber wie steht es mit der geistlichen Nahrungsaufnahme? Kennen wir regelmäßige „Zeiten des Essens“? Kennen wir Augenblicke, wo wir mit unserem Herrn allein sind und uns mit seinem Wort beschäftigen? Die Zeit in der wir leben, ist vielfach von Hektik und Stress gekennzeichnet. Wie oft hören und sagen wir die Worte: „Ich habe keine Zeit.“ Aber haben wir wirklich keine Zeit? Verstecken wir uns nicht manchmal hinter den vielfältigen Aufgaben und Anforderungen des Lebens? Ist uns der Beruf so wichtig, dass wir keine Zeit für den Herrn und sein Wort finden? Ziehen wir die Beschäftigung mit unseren Hobbys dem Lesen der Bibel vor? Natürlich sollen wir in der Ausbildung und im Beruf fleißig sein, selbstverständlich gibt Gott uns auch die Dinge dieser Erde zum Genuss. Aber ist es nicht in letzter Konsequenz eine Frage der Prioritäten, die wir setzen? Das Beispiel von Martha zeigt, dass sogar der Dienst für den Herrn ein Hindernis werden kann, wenn wir ihm nicht den richtigen Stellenwert beimessen. Wenn wir ernsthaft bemüht sind, dann werden wir für unser geistliches Leben immer „Zeiten des Essens“ einbauen können – und das nicht nur am Sonntag.

An der Seite der Schnitter

Da setzte sie sich zur Seite der Schnitter ... (Kapitel 2,14).

Ruth durfte gemeinsam mit Boas die Mahlzeit einnehmen. Dennoch lesen wir nicht umsonst, dass sie sich zur Seite der Schnitter setzte. Sie hatte nicht nur mit Boas selbst, sondern auch mit den Schnittern Gemeinschaft. Ruth durfte die gemeinsame Mahlzeit an der Seite der Schnitter genießen.

Daraus lernen wir zum einen, dass auch die Schnitter, deren eigentliche Aufgabe ja ist, das Feld zu schneiden, diese „Zeit des Essens“ brauchen. Niemand, der auf dem Feld des Boas arbeitet, ist davon ausgenommen. Wir sahen schon, dass wir in Verbindung mit den Schnittern an die Gaben denken dürfen, die der Herr zur Auferbauung der Gläubigen gegeben hat. Es sind Brüder, die das Wort der Wahrheit recht teilen. Auch diese brauchen immer wieder Phasen der Ruhe und müssen von dem Herrn selbst genährt werden. Schnitter können nicht immer nur austeilen, sondern sie müssen auch zum Herrn kommen, um von ihm zu empfangen. Als der Herr die Jünger berief, heißt es ausdrücklich, dass er sie bestellte, damit sie bei ihm seien (Mk 3,14). Erst dann ist davon die Rede, dass sie ausgesandt werden sollten. Der Ausgangspunkt des Dienstes der Jünger ist also, dass sie bei dem Herrn sind. Jeder Dienst, den wir heute für unseren Herrn tun dürfen, muss seinen Ursprung in der Gemeinschaft mit ihm finden. Wenn wir uns nicht bei ihm aufhalten und dann von ihm gesandt werden, ist unser Dienst ein eigener Dienst. Das, was uns in seiner Gegenwart groß geworden ist, können wir auch anderen weitergeben.

Aber es liegt noch ein anderer Gedanke darin, dass Ruth an der Seite der Schnitter saß. War das, was die Schnitter bekamen, etwas anderes als das, was Ruth bekam? Nein. Boas hatte für alle auf seinem Feld die gleiche Nahrung. Diesen Grundsatz finden wir im Neuen Testament bestätigt. Von den ersten Christen heißt es ausdrücklich, dass sie in der Gemeinschaft der Apostel verharrten (Apg 2,42). Und der Apostel Johannes schreibt in seinem ersten Brief an die Gläubigen: „... was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus“ (1. Joh 1,3).

Das macht deutlich, dass wir Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn haben, genauso wie die Apostel auch. Diese Gemeinschaft ist für alle gleich, ob jung bekehrt oder schon lang auf dem Weg.[†††]

Nahrung von Boas

Und zur Essenszeit sprach Boas zu ihr: Tritt hierher und iss vom Brot und tunke deinen Bissen in den Essig. Da setzte sie sich zur Seite der Schnitter; und er reichte ihr geröstete Körner, und sie aß und wurde satt und ließ übrig. (Kapitel 2,14).

Boas ist jetzt der Gebende. Er greift nicht auf das zurück, was Ruth aufgelesen hatte, sondern er gibt ihr aus seinem Reichtum. Er reicht ihr Brot und fordert sie auf, es in den Essig zu tauchen. Dann gibt er ihr geröstete Körner. Ruth greift zu. Sie isst, sie wird satt und sie lässt sogar übrig.

Das alles ist voller Unterweisung für uns. Wenn wir in Gemeinschaft mit dem Herrn mit seinem Wort beschäftigt sind, dann gibt er uns etwas, das von ihm selbst kommt. Er möchte geben. Das ist so, wenn wir persönlich für uns sein Wort lesen, das ist umso mehr so, wenn wir als Gläubige zur Wortverkündigung versammelt sind oder uns bei anderen Gelegenheiten gemeinsam über sein Wort austauschen. Er ist der Gebende, er ist der Austeilende – auch wenn er unter der Leitung seines Geistes Brüder benutzt, um das Wort auszulegen. Es ist doch letztlich der Herr selbst, der gibt.

Und was gibt der Herr? Womit beschäftigt er uns? Die Nahrung, die Boas der Ruth gibt, spricht eine deutliche Sprache und weist uns auf den Herrn Jesus selbst hin. Wenn er austeilt und gibt, dann beschäftigt er uns mit sich selbst, mit seiner herrlichen und einzigartigen Person. Es besteht wohl kein Zweifel, dass uns das Brot auf Johannes 6 hinweist, wo der Herr von sich als dem Brot des Lebens spricht und das mit dem Man verbindet, das damals dem Volk Israel auf ihrer Reise von Ägypten nach Kanaan zur Nahrung gegeben wurde.

Das Man spricht von einem auf der Erde lebenden Christus. So will der Herr Jesus uns mit sich selbst nähren, wie er auf dieser Erde gelebt hat. Wir sollen ihn vor Augen haben, wie er als vollkommener Mensch seinen Weg zur Ehre seines Gottes ging, wie er in großer Weisheit mit den Menschen handelte und redete. Die Beschäftigung mit ihm ist für uns etwas absolut Notwendiges, denn nur so können wir seine Nachfolger sein. Der Apostel Paulus fordert uns auf: „Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war“ (Phil 2,5). Das ist seine Gesinnung als Mensch, die Art und Weise seines Denkens. Wie kann diese Gesinnung in uns sein, wenn wir sein Beispiel nicht immer wieder vor Augen haben? Seine Gesinnung war Demut und Selbstverleugnung – und genau das sollte uns kennzeichnen. Der Apostel Petrus hat eine andere Seite vor Augen. Er schreibt: „Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt“ (1. Pet 2,21). Hier geht es nicht um die Gesinnung des Herrn, sondern um das, was nach außen hin sichtbar wurde, um seine Taten und seine Worte. Auch hier stellt sich die Frage, wie wir in diese Fußspuren treten wollen, wenn wir sie nicht immer vor uns haben. Wir haben es einfach nötig, uns ständig mit dem Man zu ernähren, damit wir in der Wüste sichere Schritte gehen können. Der Herr reicht uns dieses Brot und wir dürfen „zugreifen“.

Doch das Brot wurde in den Essig getaucht. Der Essig ist ein treffliches Bild von der Bitterkeit der Leiden des Herrn Jesus. Sein Menschsein ist nie von seinen Leiden zu trennen. Sein ganzer Weg, von der Krippe bis zum Kreuz, war ein Weg unbegreiflicher Leiden und tiefen Schmerzes. Der Herr Jesus hat auf seinem ganzen Weg gelitten – und auch wir sind berufen, für ihn zu leiden.[‡‡‡] Aber mehr noch: Der Essig weist uns auch darauf hin, dass wir uns nicht nur von einem lebenden, sondern auch von einem gestorbenen Christus nähren. Er will uns immer wieder mit seinem Leiden und Sterben beschäftigen, mit dem, was am Kreuz von Golgatha für dich und mich geschehen ist. Lässt es uns nicht immer wieder warm werden in unseren Herzen, das er uns so mit sich – dem Gestorbenen – in Verbindung bringen will? Das ist die Grundlage jeder Beziehung und Segnung. Und auch hier wollen wir nicht nur an die Zusammenkünfte denken. Es ist gewiss der Höhepunkt einer Woche, wenn er uns am ersten Tag der Woche zum Brotbrechen um sich selbst versammelt, aber es wäre viel zu wenig, wenn wir nur dann an ihn als den Gestorbenen denken würden. Nein, wir dürfen und sollen es jeden Tag unseres Lebens tun.

Dann reicht Boas der Moabiterin geröstete Körner. Man kann zwischen den Zeilen lesen, dass das wohl eine besondere Gunstbezeugung war. Vielleicht war es sogar eine ganz persönliche Gabe an Ruth. So mag es sein, dass der Herr etwas ganz persönlich für uns hat. Selbst in einer Zusammenkunft kann es sein, dass etwas gesagt wird, dass einem Gläubigen ganz persönlich gilt. Der Herr möchte uns dann mit etwas erfreuen, dass direkt von ihm kommt und von ihm spricht.

Was bedeuten nun die gerösteten Körner? Sie sprechen in der Bildersprache des Alten Testamentes von einem verherrlichten Christus im Himmel. In der Wüste aßen die Kinder Israel das Man. Als sie in das Land kamen, hörte das Man auf, weil es eine andere, eine neue Nahrung gab. Dazu lesen wir im Buch Josua: „Und sie aßen am anderen Tag nach dem Passah von dem Erzeugnis {o. Getreide) des Landes, ungesäuertes Brot und geröstete Körner, an diesem selbigen Tag. Und das Man hörte auf am anderen Tag, als sie von dem Erzeugnis {o. Getreide} des Landes aßen, und es gab für die Kinder Israel kein Man mehr; und sie aßen von dem Ertrag des Landes Kanaan in jenem Jahr“ (Jos 5,11.12). Geröstete Körner waren also ein Erzeugnis des Landes. Nun spricht das Land Kanaan, so wie es im Buch Josua vorgestellt wird, in seiner neutestamentlichen Bedeutung von dem, was der Epheserbrief „die himmlischen Örter“ nennt. Christus ist jetzt dort, zur Rechten Gottes verherrlicht (vgl. Eph 1,20). So dürfen wir ihn kennen – und nicht nur das: in ihm sind wir schon jetzt in diese himmlischen Örter versetzt (vgl. Eph 2,6).

Das Essen der gerösteten Körner bedeutet also, dass wir uns von einem verherrlichten Christus zur Rechten Gottes nähren. Wir beschäftigen uns mit dem, der nach seinem bitteren Tod am Kreuz – die Körner waren geröstet – jetzt diesen herrlichen Platz im Himmel hat. Er gibt uns nicht nur das Man, das wir in der Wüste brauchen, um das Ziel zu erreichen, sondern er nährt uns auch mit himmlischen Segnungen. Der Blick auf das Leben des Herrn lehrt uns seine Gesinnung, der Blick nach oben aber gibt Kraft. Paulus wünscht den Kolossern, dass sie mit aller Kraft gekräftigt sein sollten, und zwar nach der „Macht seiner Herrlichkeit“ (Kol 1,11).

Ruth hatte bei dieser Mahlzeit Gemeinschaft mit Boas. Auch wir dürfen mit unserem Herrn Gemeinschaft haben. Der Herr sehnt sich sogar danach. In dem letzten der sog. Sendschreiben finden wir den Herrn draußen. Er kann sich mit dem, was in Laodizea geschieht, nicht identifizieren.

Und doch bleibt sein Wunsch nach Gemeinschaft ungebrochen. Er steht an der Tür und klopft an. Und welches Versprechen gibt er dem, der ihm öffnet? „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir“ (Off 3,20). Es ist das Versprechen der Gemeinschaft mit ihm. Das Abendbrot ist die letzte Mahlzeit des Tages. Der Herr möchte auch am Ende der Gnadenzeit Gemeinschaft haben – mit dir und mit mir. Ist das nicht großartig? Voraussetzung ist allerdings, dass wir ihm unsere Herzen öffnen.

Segen im Übermaß

... und sie aß und wurde satt und ließ übrig (Kapitel 2,14).

Boas war ein reicher Gutsbesitzer, ein vermögender Mann. Bei ihm brauchte niemand zu hungern. Im Gegenteil, er gab so reichlich, dass man satt wurde und noch übrig ließ. Ruth war nicht in der Lage, alles das aufzunehmen, was Boas ihr gab. Deshalb ließ sie übrig.

Unser Herr ist nicht nur ein guter Herr, sondern auch ein reicher Herr und ein gebender Herr. An uns liegt es, zu essen. Man hat den Eindruck, dass es Ruth auch geschmeckt hat, denn sie aß bis zur Sättigung. Ist das bei uns auch so? Schmeckt uns das, was der Herr uns geben möchte? Haben wir wirklich Freude daran, die Bibel zu lesen? Haben wir wirklich Freude daran, die Zusammenkünfte aufzusuchen, um von unserem Herrn etwas zu hören? Der Prophet Jeremia sagt: „Deine Worte waren vorhanden, und ich habe sie gegessen, und deine Worte waren mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens; denn ich bin nach deinem Namen genannt, HERR, Gott der Heerscharen“ (Jer 15,16). Mit dieser Einstellung dürfen wir täglich unsere Bibel öffnen. Dann werden wir geistliche Fortschritte machen und im Glauben wachsen. Ganz anders war es bei den Kindern Israel. Sie waren das Man so leid, dass sie sich schließlich verleiten ließen zu sagen: „Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt, dass wir in der Wüste sterben? Denn da ist kein Brot und kein Wasser, und unsere Seele ekelt vor dieser elenden Speise“ (4. Mo 21,5). Vor einer solchen Sprache möge der Herr uns bewahren!

Wenn wir es machen wie Ruth und wie Jeremia, dann wird der Herr uns den Genuss an seiner Person vermehren. Dann lernen wir immer mehr von ihm kennen, aber wir stellen auch fest, dass wir den Reichtum, den er gibt, nicht fassen können. Es kann nicht anders sein, als dass wir übriglassen. Dann geht es uns wie der Witwe in 2. Könige 4, die auf Geheiß des Propheten Elisa ihre Gefäße voll Öl gießen sollte und schließlich feststellen musste, dass sie keine Gefäße mehr hatte, um die Fülle des Öls aufzunehmen. Auch die Jünger des Herrn durften diese Lektion lernen. Als der Herr den Volksmengen gab, ließen sie mehr übrig, als am Anfang da gewesen war. So ist unser Herr. Er ist nicht nur ein gebender Herr, sondern er gibt so reichlich, dass wir seine Fülle nie fassen können. Wir werden übriglassen.[§§§]

Alles hat seine Zeit

Und sie stand auf, um aufzulesen ... (Kapitel 2,15).

„Alles hat eine bestimmte Zeit, und jedes Vornehmen unter dem Himmel hat seine Zeit“ (Pred 3,1), so schrieb Jahre später Salomo, einer der Nachkommen von Ruth. Wie mag sie die Zeit des Essens, die Zeit der Gemeinschaft mit Boas und seinen Schnittern genossen haben! Und doch erkannte sie den Augenblick, wo diese Zeit ein Ende fand und wo es wieder an die Arbeit ging. Sie brauchte nicht aufgefordert zu werden, sondern sie stand von selbst auf, um wieder Ähren aufzulesen. Sie bleibt eine bescheidene, demütige und fleißige Ährenleserin.

Davon dürfen wir lernen, denn bei uns sollte es nicht anders sein. Wir genießen die Zeit des Segens, wir freuen uns über Stunden der Gemeinschaft. Wir wollen aber auch nicht verkennen, dass es auf dem Feld des Boas Arbeit gibt. Jeder von uns hat seine Aufgabe und diese Aufgabe wollen wir in Treue, in Bescheidenheit und in Demut erfüllen, ohne viel davon zu reden. Ruth unterschied zwischen der Zeit der Ruhe bei Boas und der Zeit der notwendigen Arbeit danach. Sie zeigte beständigen Eifer und hat sich nicht der Ruhe hingegeben. Sie hat das Teil mit Boas gern angenommen und sich darüber gefreut, aber dann stand sie auf, um weiter zu arbeiten. Dieser Fleiß, diese Energie, diese Zielstrebigkeit sind richtungweisend auch für uns.

Eine weitere Gunstbezeugung

... und Boas gebot seinen Knaben und sprach: Auch zwischen den Garben mag sie auflesen, und ihr sollt sie nicht beschämen {o. ihr nichts zuleide tun}; und ihr sollt sogar aus den Bündeln Ähren für sie herausziehen und sie liegen lassen, damit sie auflese, und sollt sie nicht schelten. (Kapitel 2, 15.16).

Jetzt spricht Boas zu seinen Knechten und in seinen Worten liegt eine besondere Gunstbezeugung für Ruth. Die Gefahr bestand, dass man sie – die ja eine Fremde war – vielleicht geringschätzig behandelte oder ihr sogar etwas zuleide tat. Und dann gibt Boas Anweisungen, die weit über das hinausgingen, was das Gesetz sagte. Gott hatte in 3. Mose 23,22 lediglich angeordnet, die Ränder der Felder nicht gänzlich abzuernten, sondern etwas für den Armen und den Fremdling stehen zu lassen – aber Boas geht viel weiter. Er ordnet an, dass die Knechte sogar aus den Garben Ähren herausziehen sollten, um sie für Ruth liegen zu lassen. Das ist erneute Gnade.

Wir wissen nicht, ob Ruth diese Anweisungen gehört hat. Aber sicherlich wird sie es am Verhalten der Knechte gespürt haben, dass hier etwas ganz Besonderes für sie getan wurde. Empfinden wir es nicht manchmal beim Lesen eines Bibeltextes oder beim Hören einer Predigt, dass der Herr gerade uns etwas ganz Besonderes zu sagen hat? Der Bruder, den der Herr in einem Dienst benutzt, weiß es vielleicht gar nicht und doch hat der Herr ihn beauftragt, etwas zu sagen, was gerade für mich notwendig war. Vielleicht war es ein Wort des Trostes, weil ich traurig war, vielleicht ein Wort der Ermunterung, weil ich niedergeschlagen war, vielleicht war es auch ein Wort der Ermahnung, weil ich es nötig hatte.

Aber die Schnitter bekommen nicht die Anweisung, ganze Garben stehen zu lassen. Nein, nur einzelne Ähren sollen sie für Ruth fallen lassen. Zum einen sollte Ruth die Arbeit nicht genommen werden und zum anderen waren ganze Garben für Ruth auch zu viel. Der Herr weiß dem Wachstum eines Gläubigen immer zu entsprechen. Er selbst sagte einmal seinen Jüngern: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen“ (Joh 16,12)[****]. Er gibt uns nicht zu viel auf einmal, er überfordert uns nicht, aber er will auch keinen Vorschub für geistliche Faulheit leisten. Der Herr teilt immer mit Maß aus. Im natürlichen Leben machen wir es auch nicht anders. Ein kleines Baby bekommt Babynahrung, ein Kleinkind Nahrung für kleine Kinder und erst dann wird eine Mutter ihr Kind auf „normale“ Kost umstellen. Die Nahrung wird also immer dem Alter angepasst, sonst gibt es Wachstumsstörungen und vielleicht sogar ernsthafte Krankheiten. Darauf sollten wir auch im geistlichen Leben achten. Wir dürfen unsere Kinder und jungen Leute nicht überfordern. Und wenn es bei ihnen nicht gleich so klappt, wie es ältere Gläubige gern sähen, dann dürfen wir auch an die Worte von Boas denken: „Ihr sollt sie nicht schelten.“

Sieben Tätigkeiten

Und sie las auf dem Feld auf bis zum Abend, und sie schlug aus, was sie aufgelesen hatte, und es war etwa ein Epha Gerste. Und sie nahm es auf und kam in die Stadt, und ihre Schwiegermutter sah, was sie aufgelesen hatte; und sie zog hervor und gab ihr, was sie übriggelassen, nachdem sie sich gesättigt hatte (Kapitel 2,17.18).

Der erste Tag auf dem Feld des Boas neigt sich nun dem Ende zu. Ruth war fleißig gewesen und hatte reichlich aufgelesen. Doch damit war die Arbeit noch nicht getan. Das Aufgelesene musste noch ausgeschlagen und nach Hause gebracht werden. Dabei fällt auf, dass der göttlich inspirierte Schreiber in diesen beiden Versen sieben verschiedene Tätigkeiten von Ruth nennt, die wir auf uns anwenden dürfen.

  1. Sie las auf

Ruth sammelte auf dem Feld des Boas Ähren auf. Das war eine anstrengende Tätigkeit, aber Ruth war vom Morgen bis zum Abend fleißig bei der Arbeit. Wir sahen schon, dass das Auflesen der Ähren in der Anwendung vom Lesen und Hören des Wortes Gottes spricht, sei es persönlich oder gemeinsam in den Zusammenkünften der Gläubigen oder bei anderen Gelegenheiten. Wenn wir an die Energie und den Fleiß von Ruth denken, dann stellt sich für uns die Frage, mit welcher Intensität wir Gottes Wort aufnehmen. Kennen wir unsere persönliche „stille Zeit“ – besonders am Morgen, aber auch zu anderen Gelegenheiten? Besuchen wir regelmäßig die Zusammenkünfte der Gläubigen, wo

Gottes Wort gelesen wird? Nutzen wir auch die besonderen Möglichkeiten, die Gott uns gibt, z. B. Bibelvorträge, Konferenzen, Freizeiten etc.? Gott gibt uns immer wieder Gelegenheiten, um „aufzulesen“ und wir sollten sie nicht ungenutzt lassen. Das ist der Anfang zu einem Leben, in dem Frucht für den Herrn gefunden wird.

  1. Sie schlug aus

Mit dem Auflesen allein war es für Ruth noch nicht getan. Um von den aufgesammelten Ähren auch wirklich Nahrung bereiten zu können, mussten die Ähren ausgeschlagen werden. Es war Nacharbeit erforderlich, um Nutzen zu haben. Bei uns ist es nicht anders. Das Lesen der Bibel allein bedeutet noch nicht automatisch, dass wir auch Nahrung für unser geistliches Leben haben. Wir sollten über das Gelesene nachdenken und – ähnlich wie die Beröer es taten – die Schriften „untersuchen“ (vgl. Apg 17,11). Es geht nicht einfach darum, einen Bibelabschnitt flüchtig zu lesen (vielleicht um eine gewisse „Pflicht“ erfüllt zu haben) oder uns in der Zusammenkunft der Gläubigen einfach etwas „anzuhören“ und dann nach Hause zu gehen, sondern es geht darum, dass uns Gottes Wort wirklich zur Nahrung wird. Eine unerlässliche Voraussetzung dazu ist neben dem „Auflesen“ auch das „Ausschlagen“.

Zum Ausschlagen, d. h. zur Nacharbeit brauchen wir Ruhe und Zeit. Wenn wir über Gottes Wort nachdenken, etwa über einen Abschnitt, den wir persönlich gelesen haben, oder über das, was wir in der Wortverkündigung gehört haben, dann sollten wir das nicht in Hektik und unter Zeitdruck tun, sondern uns Zeit nehmen.

  1. Sie nahm es

Das Sammeln der Ähren und das Ausschlagen hätten für Ruth keinen Sinn gemacht, wenn sie das Epha Gerste nicht auch tatsächlich mitgenommen hätte. Das, was sie gesammelt und ausgeschlagen hatte, war ihr persönlicher Besitz, es „stand ihr zu“ und deshalb nahm sie es auch mit.

Auch wir dürfen uns Gottes Wort, wenn wir es lesen und darüber nachdenken, zum persönlichen Besitz machen. Das gilt für jeden Gläubigen im gleichen Maß. Die Bibel ist nicht nur für gereifte und erfahrene Christen da, sondern genauso auch für junge Leute. Unser Herr möchte, dass uns sein Wort zum persönlichen Besitztum wird. Gottes Wort ist reich für alle, die es lesen. Sicher ist es so, dass unsere persönliche Einsicht in die Gedanken Gottes sehr unterschiedlich sein wird, aber darum geht es hier nicht so sehr.

  1. Sie kam in die Stadt

Ruth kam mit dem Epha Gerste in die Stadt. Auch diese Einzelheit dürfen wir beachten. Die Stadt spricht von unseren täglichen Lebensumständen, von unserem Leben in der Gesellschaft, von unserer Tätigkeit im Beruf, von unserer Ausbildung, vom Leben in der Schule usw., von dem Bereich also, wo Menschen uns sehen und beobachten. Geben wir uns da als solche zu erkennen, denen das Wort Gottes alles bedeutet? Verhalten wir uns nicht manchmal sehr „zwiespältig“, d.h. als Sonntags- und Alltagschristen? Sonntags sind wir solche, die in die Zusammenkünfte der Gläubigen gehen, die Gottes Wort hören, aber im Alltag tun wir so, als wenn wir mit der Bibel nichts (oder nur wenig) zu tun hätten?

Joseph von Arimathia war ein Jünger des Herrn Jesus, aber das Neue Testament sagt uns ausdrücklich, dass er aus Furcht vor den Juden ein verborgener Jünger war (Joh 19,38). Er war ein reicher und angesehener Ratsherr, so dass seine gesellschaftliche Stellung ihm vielleicht als ein Hindernis schien, sich offen zu dem Herrn zu bekennen. Doch der Tag kam, als er alle Furcht fallen ließ und mutig zu Pilatus ging, um nach dem Leib des gestorbenen Heilands zu fragen (Mk 15,43). Sich zu dem Wort Gottes und dem Herrn Jesus zu bekennen, ist manchmal nicht ganz einfach, aber es bringt tiefes Glück und Freude ins Herz.

  1. Sie zog hervor

Ruth ließ das Aufgesammelte nicht einfach liegen, sondern zog etwas davon hervor. Mir scheint, dass wir hier für uns die Anwendung machen können, dass wir auch in der Lage sein sollten, Gottes Wort in den Umständen des täglichen Lebens praktisch anzuwenden. Das gilt für uns persönlich, es gilt aber auch im Gespräch mit anderen Menschen, seien es Gläubige oder Ungläubige.

Wie oft kommen wir in Situationen, wo wir Entscheidungen treffen müssen und nicht sofort klar sehen, wie wir uns als Christ verhalten sollen. Wir haben aber keine Zeit, um erst lange zu forschen, was die Bibel uns sagt. In solchen Situationen ist es gut, wenn wir etwas „hervorziehen“ können, um unter der Leitung des Heiligen Geistes eine richtige Entscheidung zu treffen.

Oder wir kommen plötzlich in eine ganz besondere Schwierigkeit hinein, in der wir nicht mehr aus noch ein wissen. Auf einmal denken wir an ein Bibelwort, dass unser persönlicher Besitz geworden ist und bekommen dadurch neuen Mut. Vielleicht sind wir auch im Gespräch mit einem gläubigen Freund und erkennen auf einmal eine besondere Not. Wie gut, wenn wir dann ein Wort Gottes haben, das helfen kann!

  1. Sie sättigte sich[††††]

Hier ist das eigentliche Ziel Ruths erreicht. Sie war auf das Feld des Boas gegangen, um Nahrung und Sättigung für sich und ihre Schwiegermutter zu haben. Alle anderen in diesen Versen bisher beschriebenen Tätigkeiten sind wichtig und haben ihren Wert, aber letztlich führen sie zu diesem Kernpunkt, nämlich der eigentlichen Nahrungsaufnahme.

Auch für uns ist es zentral, dass Gottes Wort für uns wirklich Nahrung wird, d.h. das wir es aufnehmen und satt werden. Gottes Wort zu lesen, es zu studieren, es zu kennen und zu besitzen, es anwenden zu können hat in sich selbst nur dann wirklichen Wert, wenn wir es auch in uns aufnehmen und uns sättigen.

Doch sättigen ist mehr als nur essen. Sättigen bedeutet, dass wir unser volles Genüge, unsere ganze Befriedigung in dem finden, was Gott uns in seinem Wort sagt. Für unser geistliches Wachstum, für Fortschritte in der Erkenntnis unseres Herrn und Heilands brauchen wir nichts anderes. Gottes Wort gibt uns alles, was nötig ist. Und Gott ist ein Geber, der immer reichlich gibt. Wenn wir geistlichen Hunger leiden, dann liegt es nie an ihm, sondern immer an uns.

  1. Sie gab ihrer Schwiegermutter

Ruth war nicht egoistisch. Sie behielt nicht alles für sich, sondern sie war bereit, ihrer Schwiegermutter, die selbst nicht mehr auf das Feld gehen konnte, von dem, was sie gesammelt hatte, abzugeben. Der Grundsatz ist einfach zu übertragen: Wer selbst in den Segen und den Genuss dessen gekommen ist, was Gott gibt, der findet seine Freude darin, das mit anderen zu teilen.

Ganz praktisch angewandt, dürfen wir zunächst an solche Geschwister denken, die selbst nicht in der Lage sind – z. B. aus Gründen des Alters oder der Gesundheit – die Zusammenkünfte zu besuchen oder ihre Bibel zu lesen. Sind wir bereit und sind wir in der Lage, ihnen von dem Segen, den wir empfangen haben, etwas mitzugeben? Wir dürfen aber auch an solche denken, die nur ein sehr geringes Interesse an den Zusammenkünften oder am Wort Gottes zeigen. Auch für sie dürfen wir etwas haben, damit sie wieder „auf den Geschmack“ kommen, damit sie erkennen, was sie versäumen.

Eine wichtige Frage und eine treffliche Antwort

Da sprach ihre Schwiegermutter zu ihr: Wo hast du heute aufgelesen, und wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dich beachtet hat! Und sie tat ihrer Schwiegermutter kund, bei wem sie gearbeitet hatte, und sprach: Der Name des Mannes, bei dem ich heute gearbeitet habe, ist Boas (Kapitel 2,19).

Noomi hat sich bisher in diesem Kapitel völlig passiv verhalten. Am Anfang des Berichtes antwortet sie zwar auf den Vorschlag Ruths, die auf das Feld gehen wollte, aber ansonsten ist Ruth bisher die Agierende. Jetzt aber, als Ruth vom Feld nach Hause kommt, ergreift Noomi die Initiative. Sie möchte wissen, wie es Ruth ergangen ist. Am Anfang dieser Betrachtung haben wir festgestellt, dass Noomi in diesem Buch überwiegend das Bild eines Gläubigen ist, der die wiederherstellende Gnade kennen lernt. Hier aber sehen wir sie in der Übertragung auf uns als eine ältere Gläubige, die sich für das Wohlergehen einer jüngeren Gläubigen interessiert. Das allein ist schon bemerkenswert. Kümmern wir uns – wenn wir schon etwas länger auf dem Weg mit dem Herrn sind – um das Wohl von jüngeren Gläubigen? Das können unsere eigenen Kinder sein, das können aber auch jungbekehrte Menschen sein, die der Herr auf unseren Weg stellt. Noomi fragt: „Wo hast du heute aufgelesen, und wo hast du gearbeitet?“ Sie möchte wissen, wo Ruth gewesen ist, um Nahrung zu bekommen. Dieses gleiche Interesse sollten auch wir zeigen. Kain stellte einst die provozierende Frage: „Bin ich meines Bruders Hüter?“ (1. Mo 4,9). Und verneinte damit jegliche Verantwortung für seinen jüngeren Bruder Abel.

Wissen wir, wo unsere jüngeren Mitgeschwister, wo unsere Kinder sich aufhalten? Wissen wir, welche Nahrung sie aufnehmen? Auch diesen Fragen wollen wir nicht einfach ausweichen. Ob Noomi wohl aufgefallen war, dass Ruth ein besonderes Erlebnis gehabt hatte? In jedem Fall sah sie das Epha Gerste, das Ruth mitbrachte. Das war wesentlich mehr, als Noomi erwarten konnte. Die Kalkulationen für ein Epha sind unterschiedlich. Einige gehen von 20–22 Litern aus, andere von ca. 39 Litern. Trotzdem ist ein Ertrag von mehr als 20 Litern mehr, als von einer Frau als durchschnittlich an einem Tag erwartet werden kann. Ruth musste also einen besonderen Segen empfangen haben, das war Noomi sofort klar.

An dieser Stelle stellt sich für uns die Frage, ob man uns auch ansieht, wenn wir auf dem „Feld des Boas“ waren, d.h. wenn wir uns – sei es persönlich, ganz besonders aber gemeinsam – mit dem Wort Gottes beschäftigt haben. Wenn wir in der richtigen Herzenshaltung das Wort Gottes auf uns einwirken lassen, dann werden andere das ganz bestimmt merken.

Noomi stellt jetzt eine Frage und wartet die Antwort gar nicht erst ab, um bereits eine Schlussfolgerung zu ziehen: „Wo hast du heute aufgelesen, und wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dich beachtet hat!“ Sie ist sich ganz sicher, dass derjenige, der Ruth beachtet hat, einen besonderen Segen verdient hat. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Ruth hat nichts zu verbergen. Aber die Antwort fällt vielleicht etwas anders aus, als Noomi es erwartet hat. Sie hatte gefragt: „Wo hast du aufgelesen, und wo hast du gearbeitet?“ Aber Ruth sagt nicht, wo sie aufgelesen und wo sie gearbeitet hat, sondern sie erklärt, bei wem sie gewesen war. Wie selbstverständlich kommt ihr der Name des Mannes über die Lippen! Sie war nicht irgendwo und auf irgendeinem Feld gewesen, sondern sie war bei Boas gewesen. Ihr Herz war erfüllt mit der Person dieses reichen Mannes, bei dem sie so viel Gnade gefunden hat. Von Anfang an war es der Wunsch von Ruth gewesen, auf dem Feld dessen zu arbeiten, bei dem sie Gnade finden würde (vgl. Vers 2). Und das war Boas.

Es gab sicher viele Felder in Bethlehem. Es gab wohl auch mehrere Gutsbesitzer in Bethlehem. Aber es gab nur ein Feld des Boas und es gab auch nur einen Boas. Das Feld des Boas an sich hatte nicht mehr Wert als andere Felder. Es bekam seine Bedeutung aber dadurch, dass es das Feld des Boas war. Die Frage drängt sich auf: Was ist uns der wahre Boas wert? Ist unser Herz so von der Person des Herrn Jesus erfüllt, dass wir nur bei ihm sein wollen? Wollen wir Segen haben? Dann nur in Verbindung mit ihm, unserem Herrn und Heiland. In ihm und bei ihm finden wir alles, was wir brauchen. Mit der Braut im Hohelied stellen wir die Frage: „Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo weidest du, wo lässt du lagern am Mittag?“ (Hld 1,7). Das ist der Weg, den der Herr Jesus uns zeigen möchte. Er möchte uns lagern lassen, er möchte uns weiden, und er tut es da, wo er ist. Wenn es – und diese Anwendung möchten wir jetzt machen – um unser Zusammenkommen geht, dann lautet sein Versprechen immer noch: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Es geht um seinen Namen und um nichts anderes. Dieser Name darf uns alles bedeuten.

Während seines Lebens auf der Erde stellte der Herr Jesus seinen Jüngern einmal die Frage: „Wollt ihr etwa auch Weggehen?“ (Joh 6,67) Wusste er denn nicht, was in den Herzen seiner Jünger war? Wusste er denn nicht, dass sie gar nicht weggehen wollten? Ganz sicher wusste er es, aber als der Herzenskundige wollte er die Beweggründe der Jünger gern offenbar machen. Und ihre Antwort lautet nicht: „Herr, wohin sollen wir denn gehen“, sondern Petrus antwortet stellvertretend für alle: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“ (Joh 6,68). Es ist oft – und mit Recht – gesagt worden, dass es im Christentum nicht um eine Sache geht, sondern um eine Person, um die Person unseres Herrn. Ihn wollen wir haben – und sonst gar nichts.

Neues Licht

Da sprach Noomi zu ihrer Schwiegertochter: Gesegnet sei er von dem HERRN, dessen Güte nicht abgelassen hat von den Lebenden und von den Toten! (Kapitel 2,20).

Als Noomi jetzt den Namen Boas hört, geht ihr ein Licht auf. Plötzlich erkennt sie, dass hier die Lösung für alle ihre Probleme liegen kann. In Kapitel 1 hat sie den Wunsch, nicht mehr Noomi zu heißen. Die Frauen von Bethlehem sollten sie Mara nennen. Noomi bedeutet zu Deutsch „die Liebliche“ und Mara „die Bittere“. Das spiegelt die Empfindungen dieser Frau wieder, als sie von Moab nach Bethlehem zurückkommt. Sie war eine verbitterte alte Frau, die wohl eingesehen hat, dass sie einen falschen Weg gegangen war, aber Gott doch immer noch Schuld zuweist. Zwar ist sie nach Bethlehem zurückgekommen, aber sie ist trotzdem ohne Hoffnung auf einen Nachkommen, der das Erbe ihres Mannes in Besitz nehmen könnte[‡‡‡‡]. Sie selbst ist zu alt und Ruth kam als Ehepartner für einen israelitischen Mann eigentlich nicht in Frage, weil sie aus Moab kam.

In diese Situation hinein nennt Ruth jetzt den Namen Boas und damit fällt Licht auf den Weg einer wiederhergestellten Noomi. Jetzt ist sie nicht mehr Mara – es wird hell in ihrer Seele. Als Elimelech und Noomi mit ihren Kindern von Bethlehem weggingen, war von Boas keine Rede. Auch als Noomi mit Ruth zurückkommt, lesen wir nichts von Boas. Offensichtlich hatte Noomi Ruth gegenüber nie von ihm gesprochen, sonst hätte Ruth anders reagiert, als sie Boas traf. Jetzt aber ändert sich die Situation, als der Name von Boas fällt. Noomi weiß, dass dieser Mann ein Blutsverwandter ist, der in der Lage war, das verloren gegangene Erbe zu lösen und von dem verstorbenen Machlon zu erhalten. In Boas konnte Noomi wieder Segen erlangen. Der Name von Boas bringt die große Wende in ihrem Leben. Deshalb sagt sie: „Gesegnet sei er von dem HERRN.“

Geht es uns nicht oft ähnlich? Wie Noomi müssen wir erfahren, dass es dunkel um uns her wird, wenn wir uns von dem Herrn Jesus entfernen und eigene Wege gehen. Wir vergessen manches, was wir eigentlich wissen müssten. Die Zusagen der Bibel sprechen uns nicht mehr an. Wir haben keine rechte Freude mehr beim Lesen von Gottes Wort. Wir führen kein aktives Gebetsleben mehr. Äußerlich stimmt vielleicht noch alles, aber es ist ein Leben ohne innere Wirklichkeit. Und wo ist die Lösung für dieses Problem? Es ist nur in der Person des Herrn Jesus zu finden. Wenn er in unserem Leben wieder Mittelpunkt wird, dann wird sich alles zum Guten wenden.

Noomi erwähnt die Güte Gottes, Güte an den Lebenden und Güte an den Toten. Ihr wird mit einem Schlag klar, was sie alles von ihm, dem Löser, erwarten kann. Güte an den Lebenden bedeutete Güte für sie und für Ruth. Güte an den Toten bedeutete Güte an den Verstorbenen Elimelech und Machlon, deren Erbe in Begriff stand, verloren zu gehen. Diese Güte konnte erwiesen werden, indem Boas durch Heirat mit Ruth den Verstorbenen einen männlichen Nachkommen erwecken kann. Das alles muss plötzlich vor dem inneren Auge der Noomi gestanden haben, als sie den Namen von Boas hört. Sie muss nun nicht mit Ruth das karge Dasein einer Witwe fristen. In Boas ist die Lösung für alle Probleme zu finden.

Der Blutsverwandte

Und Noomi sprach zu ihr: Der Mann ist uns nahe verwandt, er ist einer von unseren Blutsverwandten (Kapitel 2,20).

Noomi spricht jetzt von dem Blutsverwandten oder Löser. Um diesen Ausdruck richtig zu verstehen, müssen wir uns ein wenig in die Zeit des Alten Testamentes versetzen und die von Gott gegebenen Anweisungen im Gesetz beleuchten. „Lösen“ hat mit dem Familienrecht zu tun, so wie es an verschiedenen Stellen in den Büchern Mose erwähnt wird. Etwas zu lösen bedeutet in diesem Zusammenhang so viel wie „zurückfordern, beanspruchen, loskaufen, freimachen, freikaufen, erlösen“. Dabei trafen die verschiedenen Anweisungen über den Löser in zweifacher Weise auf Noomi und Ruth zu:

  1. War ein Israelit verarmt und hatte sein Land verkauft, so sollte sein nächster Verwandter (der Löser) das Erbteil freikaufen, um es seinem Bruder wieder zurückzugeben (vgl. dazu ausführlich 3. Mo 25,25ff). Diese Vorschriften mussten Noomi bekannt sein und sie sah hier die Möglichkeit, dass Erbe ihres Mannes bzw. ihres Sohnes Machlons in ihrer Familie zu erhalten, indem Boas es freikaufte.
  2. Starb ein verheirateter Israelit, ohne Kinder zu hinterlassen, so hatte sein Bruder (der Löser) die Pflicht, die so genannte „Schwagerehe“ einzugehen, d.h. die verwitwete Frau zu heiraten, damit sein verstorbener Bruder einen Erben haben könnte. „Lösen“ bedeutet in diesem Fall also von der Kinderlosigkeit frei zu machen.

Diese „Schwagerehe“ gab es schon als Gewohnheitsrecht vor der Zeit des Gesetzes (vgl. 1. Mo 38,8). Im Gesetz wurde sie dann offiziell verankert (vgl. dazu ausführlich 5. Mo 25,5-10). Auch das muss Noomi gewusst haben und auch hier sah sie eine Möglichkeit, doch noch einen Erben zu bekommen. Voraussetzung war allerdings, dass Boas Ruth heiratete.

Glaubenseinfalt

Und Ruth, die Moabiterin, sprach: Er hat auch zu mir gesagt: Du sollst dich zu meinen Knaben halten, bis sie meine ganze Ernte beendet haben (Kapitel 2,21).

Ruth ist mit den Gedankenführungen von Noomi offensichtlich überfordert. Sie versteht nichts von dem, was Noomi sagt. Wie sollte sie auch? Die Anweisungen des Gesetzes vom Sinai werden ihr wohl fremd gewesen sein und Noomi hatte auch nicht darüber gesprochen. Das ist zwar auf der einen Seite traurig, auf der anderen Seite aber auch nachvollziehbar. Was der Blutsverwandte bedeutete, hatte also Ruth wenig oder nichts zu sagen. Deshalb geht sie auch gar nicht auf die Worte von Noomi ein, sondern berichtet weiter begeistert von dem, was sie auf dem Feld von Boas erlebt hatte. Sie ist zufrieden und erfüllt davon, dass sie auf dem Feld des Boas sein durfte. Ganz besondere Freude hatte die Zusage des Boas ausgelöst, dass sie bis zum Ende der Ernte auf seinem Feld bleiben sollte. Das war für ihr Herz genug. Die tiefere Bedeutung des Lösers verstand sie noch nicht.

Von dieser Glaubenseinfalt können wir viel lernen. Von einem jungen Gläubigen kann man nicht erwarten, dass er mit allen Gedanken des Wortes Gottes vertraut ist. Viele Dinge werden ihm noch verborgen sein. Aber entscheidend ist, dass Liebe und Hingabe zu dem Herrn Jesus da sind. Diese Einfalt – im positiven Sinn des Wortes – sah der Apostel Paulus bei den Korinthern in Gefahr. Die Korinther waren keine jungen Gläubigen mehr. Sie besaßen viel Erkenntnis. Aber gerade an der einfältigen Liebe und Hingabe zu ihrem Herrn mangelte es. Deshalb schreibt Paulus ihnen: „Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn {o. eure Gedanken) verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus“ (2. Kor 11,3). Fragen wir uns, wie es mit unserer „Einfalt gegenüber dem Christus“ aussieht. Schlagen unsere Herzen ihm noch in Liebe entgegen? Haben wir den einen Wunsch, da zu sein, wo er ist? Dann wird er uns auch in der Erkenntnis seiner Gedanken weiterführen.

Ein guter Rat

Und Noomi sprach zu Ruth, ihrer Schwiegertochter: Es ist gut, meine Tochter, dass du mit seinen Mägden ausgehst, damit man dich nicht auf einem anderen Feld anfalle (Kapitel 2,22).

Noomi reagiert an dieser Stelle sehr weise. Sie sah die Dinge aus einer ganz anderen Sichtweise als ihre Schwiegertochter, aber sie zwängt Ruth das nicht auf, sondern geht rücksichtsvoll auf ihre Gedanken ein. So handelt die Liebe. Sie ist geduldig und sie hat Nachsicht. Im Leben eines Gläubigen muss es einen gesunden Wachstumsprozess geben, den wir nicht stören sollten. Alles muss seine natürliche Entwicklung haben. Davon können wir auch im Umgang miteinander lernen.

Das Hohelied gibt uns hier eine schöne Hilfestellung. Auch dort sehen wir eine Frau, die einen bestimmten Wachstumsprozess durchmacht. Es braucht Zeit, bis die Liebe zu ihrem Bräutigam ihren vollen Reifegrad erlangt hat. Dreimal spricht sie davon, die Liebe nicht aufzuwecken, bis es ihr gefällt (Hld 2,7; 3,5; 8,4).

Noomi gibt Ruth dann einen weisen Rat. Sie soll mit den Mägden des Boas ausgehen, damit sie nicht woanders angefallen wird. Auf diese Art und Weise bindet sie Ruth an Boas – und damit an den möglichen Löser – und gleichzeitig schafft sie die Voraussetzung dafür, dass Ruth keinen Schaden leidet.

Andere Felder erscheinen uns vielleicht manchmal attraktiv und interessant. Aber die Gefahr, dass wir dort Schaden nehmen, ist groß. Der Liederdichter sagt mit Recht: „Wenn wir uns von ihm abwenden, wird es finster um uns her. Unser Gang ist nicht mehr sicher, und das Herz von Freude leer!“. Diese Erfahrung hat mancher Christ gemacht, der das „Feld des Boas“ und damit die Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus verlassen hat.

Zum einen wollen wir uns selbst warnen lassen, die Gemeinschaft und Nähe unseres Herrn und derer, die ihn lieben, nicht aufzugeben. Zum anderen aber wollen wir uns auch die Frage stellen, ob wir wie Noomi solche sind, die jüngeren Glaubensgeschwistern einen guten Rat geben. Weisen wir sie auf den einen hin, der jedes Bedürfnis stillen kann und bei dem wirkliche Ruhe und Befriedigung zu finden ist? Ein richtungweisendes Beispiel im Neuen Testament ist Barnabas. Als er die Jungbekehrten in Antiochien sah, freute er sich und ermahnte alle „mit Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren“ (Apg 11,23).

Ein schönes Ende

Und so hielt sie sich zu den Mägden des Boas, um aufzulesen, bis die Gerstenernte und die Weizenernte beendet waren. Und sie wohnte bei ihrer Schwiegermutter (Vers 23).

Mit diesen Worten endet unser Kapitel. Ruth ist in Gemeinschaft mit Noomi. Sie wohnt bei ihr und sie hört auf sie. Es war darüber hinaus ihr eigener Wunsch auf dem Feld des Boas, in Gegenwart seiner Mägde, ganz besonders aber in der Nähe von Boas selbst, zu sein. So blieb sie bis zum Ende der Weizenernte. Ihre Erfahrungen auf dem Feld des Boas begannen mit der Gerstenernte und sie enden mit der Weizenernte. Das waren insgesamt 50 Tage, in denen Ruth auf dem Feld des Boas arbeitete und seine Gegenwart genießen konnte. Es waren 50 Tage, in denen sie Boas immer besser kennen lernte.

Die Getreideernte im Land Kanaan begann mit der Gerstenernte. In Verbindung mit dieser Ernte wurde die Garbe der Erstlinge dargebracht. Bevor die Kinder Israel in den Genuss des Segens kamen, sollten sie Gott ein Opfer bringen (vgl. z. B. 3. Mo 23,10ff). Wir sahen bereits, dass wir in der Erstlingsgarbe einen Hinweis auf den gestorbenen und auferstandenen Christus sehen können – die Grundlage alles Heils und alles Segens. Mit der Weizenernte schloss das Einbringen des Getreides im Land Kanaan. Zwischen dem Beginn der Gerstenernte und dem Ende der Weizenernte lagen 50 Tage. Wenn wir 3. Mose 23 aufmerksam lesen, dann sind diese 50 Tage die Zeit zwischen dem Passahfest und dem Fest der Wochen [§§§§].

Am Wochenfest wurde ein neues Speisopfer dargebracht, und zwar aus Weizen (vgl. 3. Mo 23,15ff). Anders als bei der „Garbe der Erstlinge“, die also das Erste vom gerade geernteten Korn, der Gerste, bezeichnet, musste beim Wochenfest gebackenes Brot gebracht werden, was wohl kaum zu Beginn oder während der Ernte des Weizens geschah, sondern eher an ihrem Ende (vgl. 2. Mo 34,22; 3. Mo 23,17).

Die Gerste spricht also in der Anwendung auf uns von dem Herrn Jesus als dem für uns Gestorbenen und Auferweckten. Er ist die Grundlage unseres Heils! Unser ganzes Heil beruht darauf, dass Christus gestorben und auferweckt worden ist. Paulus sagt z. B. von dem Herrn Jesus: „... der unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist“ (Röm 4,25; vgl. Röm 8,11; 1. Kor 6,14; 2. Kor 5,15; 1. Pet 1,3). In der geistlichen Entwicklung eines von neuem geborenen Menschen steht zwar der Glaube an sein Blut – das Blut des Passahlammes – an erster Stelle, denn ohne das gläubige Bewusstsein der Sündenvergebung gibt es keine Errettung (vgl. 2. Mo 12; 3. Mo 23,5; Röm 3,25; Eph 1,7). Doch dann ist es etwas Großes, die Wahrheit im Glauben verstehen und erfassen zu dürfen, dass Christus für uns gestorben und auferweckt worden ist. Seine Auferweckung ist nicht nur der Beweis, dass Gott sein Erlösungswerk vollkommen angenommen hat, sondern als Auferstandener ist er auch der „Erstling der Entschlafenen“ und damit der Garant dafür, dass alle, die an ihn glauben, einmal mit ihm in der Herrlichkeit vereint sein werden (1. Kor 15,20). Davon spricht die Gerstenernte, zu deren Beginn die Erstlingsgarbe am Tag nach dem Sabbat, dem ersten Tag der Woche, an dem Christus auferstand, dargebracht werden musste (3. Mo 23,10.11).

Doch dann werden wir weitergeführt. Wir lernen den Herrn Jesus auch als den kennen, der jetzt verherrlicht zur Rechten Gottes ist und der sich mit uns verbinden will. Das finden wir besonders im Epheserbrief vorgestellt. Kapitel 1 zeigt uns den Herrn Jesus zur Rechten Gottes, und in Kapitel 2 sagt Paulus dann: „Gott aber ... hat auch uns ... mit dem Christus lebendig gemacht... und hat uns mitauferweckt und mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“ (Eph 2,4-6). Die Darbringung der Erstlingsgarbe ist zwar ein Vorbild der Auferstehung des Herrn Jesus, aber wie in 3. Mose 23,10 ausdrücklich gesagt wird, führt sie uns in das Land Kanaan, das Vorbild der himmlischen Örter im Epheserbrief: „Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, und ihr seine Ernte erntet, so sollt ihr eine Garbe der Erstlinge eurer Ernte zu dem Priester bringen ...“. So wie der Darbringung der Erstlingsgarbe die Gerstenernte folgte, sind wir geistlich mit Christus auferweckt und dürfen in ihm mitsitzen in den himmlischen Örtern. Wir gehören zu der Ernte, von der er der „Erstling“ ist (vgl. Kol 2,12; 3,1).

Dann folgen die Weizenernte und das Fest der Wochen. Christus war das wahre Weizenkorn, das viel Frucht gebracht hat, und wir sind die ihm gleiche Frucht seines Kreuzestodes. Als Vorbild davon wurden zum Fest der Wochen, am Ende der Weizenernte, zwei Webe-Brote dargebracht, die mit Sauerteig zubereitet waren, dessen Wirkung jedoch durch das Feuer beendet war. Da Sauerteig in Gottes Wort ein Bild des Bösen ist, sind sie nicht ein Vorbild auf den Herrn Jesus, sondern auf die Versammlung, die aus begnadigten Sündern aus Juden und Nationen gebildet wird, und zwar seit dem Augenblick, an dem „der Tag der Pfingsten [d. h. das Wochenfest] erfüllt wurde“ (Apg 2,1)! Das Fest der Wochen in Verbindung mit der Weizenernte stellt uns die Wahrheit von der Gründung der Versammlung vor. Auch sie gehört zum Ratschluss Gottes, den er in Christus gefasst hat und der uns im Brief an die Epheser in so tiefgründiger Weise mitgeteilt wird. Wir sind nicht nur individuell in Christus gesegnet, sondern auch durch den Heiligen Geist mit allen Erlösten zu der einen Versammlung Gottes, dem einen Leib, zusammengefügt.

Ruth hat beide Ernten miterlebt. Im übertragenen Sinn auf uns spricht das von einem geistlichen Reife- und Erfahrungsprozess. Wir lernen zuerst die Segnungen kennen, die mit Christus in Verbindung stehen, so wie es uns im Römerbrief vorgestellt wird. Es sind die Grundlagen unseres Heils und unserer Stellung, die wir als ehemalige Sünder jetzt in dem Herrn Jesus vor Gott haben dürfen. Der Römerbrief zeigt uns, was notwendig war, damit ein Mensch vor Gott gerecht sein kann. Dann aber werden wir weitergeführt und freuen uns darüber, auch die Segnungen genießen zu dürfen, die in Christus zu finden sind, so wie sie uns der Epheserbrief vorstellt. Der Epheserbrief lässt uns einen Blick in das Herz Gottes tun. Er zeigt uns seinen Ratschluss, der weit über das hinausgeht, was wir als Sünder nötig hatten, um vor Gott bestehen zu können. Wir werden darin in alle Segnungen „in den himmlischen Örtern in Christus“ eingeführt, aber auch in die Gedanken Gottes über seine Versammlung, „die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“. Es ist Gottes Wille, dass wir persönlich „wissen“ und mit allen Heiligen „erfassen“, was er für uns bereitet hat, ja, „zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus“ (Eph 1,18; 3,18.19). Die Frage, die sich jetzt stellt, ist diese: Haben wir diese Erfahrung wirklich gemacht? Wissen wir ein wenig davon, was es heißt, mit Christus in die himmlischen Örter versetzt zu sein? Kennen wir etwas von dem Reichtum der Segnungen, die Gott uns in ihm geben möchte? Haben wir Freude daran, den Ratschluss Gottes bewundernd anzuschauen?

Der Epheserbrief beginnt mit dem bekannten Lobpreis: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus“ (Eph 1,3). Aber wissen wir auch, wie dieser Brief endet? Der Schlussvers lautet: „Die Gnade sei mit all denen, die unseren Herrn Jesus Christus lieben in Unverderblichkeit!“ (Eph 6,24). Liegt darin nicht ein Schlüssel für den ganzen Brief? Wie können wir in der Lage sein, den ganzen Reichtum, der uns in dem Herrn Jesus aus Gnade geschenkt worden ist, auch wirklich zu erfassen? Durch die Liebe. Nur dann, wenn wir unseren Herrn

Jesus Christus wirklich in Unverderblichkeit lieben, wenn unsere Herzen ganz ihm gehören und ihm entgegenschlagen, sind wir auch in der Lage, das zu genießen, was er uns schenken möchte. Genau das ist es, was wir bei Ruth gefunden haben. Von Anfang an finden wir diese Liebe und Zuneigung zu dem, in dessen Augen sie Gnade gefunden hat.

Ein Ausblick

Gibt es etwas, das noch größer sein kann, als der Segen, den der Herr uns geben möchte? Gibt es mehr als das, was Ruth auf dem Feld des Boas gefunden hat? Es gibt mehr als das und Ruth findet es auch. Kapitel 2 unseres Buches zeigt besonders den Segen, den Ruth in Verbindung mit Boas empfangen hat. Aber in den nächsten Kapiteln geht es weiter. Ruth gibt sich nicht mit dem Segen allein zufrieden. Sie hatte die Gnade geschmeckt und will jetzt noch mehr Gnade haben. Die Gabe des Segens ist gewaltig und großartig. Aber ist der Geber nicht noch gewaltiger und großartiger als die Gabe? Und diesen Geber lernt Ruth dann im nächsten Kapitel noch besser kennen. Sie findet Ruhe bei Boas, indem sie schließlich seine Frau wird.

Mit uns wird es nicht anders sein. Wir dürfen uns – in Verbindung mit unserem Herrn – mit unseren Segnungen beschäftigen und uns daran erfreuen. Diese Segnungen sind gewaltig groß, aber wir dürfen darüber hinaus den kennen lernen, der nicht nur Geber, sondern auch Mittelpunkt dieser Segnungen ist – Christus. Er ist einzigartig, er ist unvergleichlich. In ihm dürfen wir zur vollen Ruhe kommen.

Fußnoten

  • 1 Es fällt ohnehin auf, dass sich eine ganze Reihe von Zeitangaben im Buch Ruth an dem „Erntekalender“ des Volkes Israel orientieren. Das ist bestimmt nicht ohne Bedeutung. [‡] In der direkten Bedeutung bezieht sich Hebräer 7,25 auf die tägliche Errettung aus den Gefahren, die uns auf dem Weg durch diese Welt drohen und aus denen der Herr uns beständig erretten will, denn es heißt weiter: „... indem er immerdar lebt, um sich für sie zu verwenden.“ [§] Interessant ist in diesem Zusammenhang die Anmerkung, in der es heißt: „Eig. in gerader Richtung schneidet.“ Dieser Ausdruck passt sehr gut zu der Tätigkeit der Schnitter im Buch Ruth. [**] Aus der Beziehung zwischen Boas und den Schnittern erhalten wir darüber hinaus auch praktischen Unterricht für unser Arbeitsleben. Wir erkennen hier eine harmonische Verbindung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, wie sie auch heute noch gefunden werden sollte. [††] Das Haus, von dem hier die Rede ist, war möglicherweise eine Schutzhütte auf den Feldern, in der man ausruhen und sich vor der Hitze schützen konnte. [‡‡] Der Umkehrschluss wäre allerdings fatal. Wir können nicht sagen, dass überall da, wo Segen ist, auch das „Feld des Boas“ ist. Gott ist souverän und wird sein Wort immer segnen, wenn es gelesen wird. Selbst dann, wenn ein ungläubiger Prediger das Wort liest, ist Gott souverän, um zu segnen. Der Segen ist nicht das ausschlaggebende Kriterium, sondern die Tatsache seiner Gegenwart und das Anerkennen seiner Autorität. Eine Folge davon wird dann auch Segen sein. [§§] Die Tatsache, dass die Schnitter jetzt Knaben genannt werden, lässt uns vielleicht an 1. Johannes 2 denken, wo uns die Jünglinge vorgestellt werden, deren besonderes Merkmal es ist, dass sie stark sind. Gerade dann ist die besondere Gefahr vorhanden, dass man solche, die schwach sind oder am Anfang ihres Glaubenslebens stehen, überfordert und sie dadurch antastet. [***] Es ist des Öfteren darauf hingewiesen worden, dass die Aussage „Er erquickt meine Seele“ (Ps 23,3) auch übersetzt werden kann: „Er stellt meine Seele wieder her.“ Das ist der reinigende Aspekt, der mit der Erquickung im unmittelbaren Zusammenhang steht. Auch in Johannes 13 – in der Verbindung mit der Fußwaschung – finden wir diese beiden Dinge miteinander verbunden. Wir werden erfrischt und wir werden gereinigt. [†††] Das bedeutet nicht, dass wir alle den gleichen Genuss an dieser Gemeinschaft haben. Die Wertschätzung der Gemeinschaft und der Segnungen, die der Herr uns gibt, wird immer unterschiedlich und in gewissem Sinn wachstümlich sein. [‡‡‡] Es ist klar, dass wir ihm in den sühnenden Leiden am Kreuz niemals nachfolgen können. Darin hat er uns auch kein Beispiel hinterlassen. Die sühnenden Leiden beschränken sich auf die drei Stunden der Finsternis am Kreuz, wo er als der Gerechte „für Sünden gelitten“ hat (1. Pet 3,18). Wenn es aber um die Leiden des Herrn auf dem Weg geht, dann ist er darin unser Vorbild. [§§§] Es scheint hier in diesem Vers nicht der Gedanke zu sein, dass Ruth für ihre Schwiegermutter etwas übrig ließ. Das finden wir später in Vers 18, wo Ruth von dem, was sie selbst aufgelesen und ausgeschlagen hatte, weitergab. Hier geht es einfach darum, dass sie nicht in der Lage war, alles zu essen, was Boas ihr gab. [****] Der Zusammenhang macht hier klar, dass es an dieser Stelle darum geht, dass die Jünger (noch) nicht in der Lage waren, alles zu tragen, weil sie den Heiligen Geist noch nicht hatten. Das Prinzip, dass der Herr niemand überfordert, wird aber trotzdem deutlich. [††††] Hier ist der Gedanke etwas anders als in Vers 14, wo es Boas ist, der ihr etwas gibt, an dem sie sich sättigen kann. Jetzt sättigt sich Ruth von dem, was sie sich selbst „erarbeitet“ hat. Beide Gedanken sind natürlich eng miteinander verbunden, aber doch voneinander zu unterscheiden. Auf der einen Seite ist der Herr völlig souverän und von uns völlig unabhängig, wenn es darum geht, uns zu segnen. Auf der anderen Seite kann das aber nie unsere Verantwortung wegnehmen, fleißig aufzusammeln, um gesättigt zu werden. [‡‡‡‡] Anders als in unseren heutigen westlichen Kulturen war es für eine Frau in Israel ein schwerwiegender Nachteil, nicht verheiratet zu sein und keinen männlichen Erben zu haben. Das von Gott gegebene Erbteil wurde im Regelfall von männlichen Nachkommen in Besitz genommen; deshalb sehnte sich jeder Israelit danach, männliche Nachkommen zu haben. Unverheiratet zu sein oder keinen Sohn zu haben, wurde deshalb als gravierender Mangel angesehen. [§§§§] Unser Wort Pfingsten kommt von dem griechischen pentekoste und bedeutet: Fünfzigste.