Die Gerechtigkeit Gottes im Evangelium

Paulus schreibt in der Einleitung zu seinem Brief an die Römer:

„Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen. Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte aber wird aus Glauben leben‘“ (Röm 1,16.17).

Nachdem er in Römer 1,18–3,30 die Schuldhaftigkeit jedes Menschen ausführlich behandelt hat, schließt er dann direkt an die Aussage in Kapitel 1 an und schreibt weiter:

„Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle [und auf alle], die glauben. Denn es ist kein Unterschied...“ (Röm 3,21.22).

Diese beiden Verse dienen als Ausgangspunkt für unsere weiteren Überlegungen.

1. Einführung

Zunächst zwei Vorbemerkungen:

  1. Es fällt auf, dass das Neue Testament sagt: „Gott ist Licht“ und „Gott ist Liebe“. Wir lesen jedoch an keiner einzigen Stelle: „Gott ist Gerechtigkeit“. Natürlich ist Gott in seinem Handeln immer gerecht. Dennoch ist Gerechtigkeit keine innere Eigenschaft Gottes im absoluten Sinn. In sich selbst ist Gott Licht und Liebe, aber nicht Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit Gottes hat immer mit der Beziehung Gottes zu anderen zu tun (z. B. zu Menschen, zu Engeln, zum Herrn Jesus).
  2. Der Versuch, die Gerechtigkeit Gottes zu erklären, hat zu manchen Fehlauslegungen geführt. Der Grund ist wahrscheinlich, dass der Römerbrief sagt, dass sich die Gerechtigkeit Gottes gerade im Evangelium offenbart – und nicht (nur) im Gericht. Manche denken deshalb, dass Gerechtigkeit Gottes in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Rechtfertigung durch Gott bedeutet. Andere denken, dass gemeint ist, dass Gott dem Glaubenden seine eigene Gerechtigkeit zurechnet. Wieder andere verbinden diesen Ausdruck mit der Gerechtigkeit des Herrn Jesus, die Gott dem anrechnet, der an Ihn glaubt. Der Reformator Martin Luther spricht von einer Gerechtigkeit, „die vor Gott gilt“. Er schreibt: „Deine Gerechtigkeit ist nichts, sondern Christi Gerechtigkeit, die gilt allein vor Gott, von der sagt das Evangelium und sonst von keiner andern.“1

Die vorgebrachten Argumente sind natürlich nicht einfach von der Hand zu weisen. Allerdings erklären sie nicht wirklich, was Gottes Gerechtigkeit ist:

  • Die Gerechtigkeit Gottes ist nicht identisch mit Rechtfertigung: Der Römerbrief spricht ausführlich über die Rechtfertigung des Sünders, und diese Segnung hat in der Tat damit zu tun, dass Gott gerecht ist. Dennoch ist die Gerechtigkeit Gottes von der Rechtfertigung zu unterscheiden. Es sind zwei Begriffe, die zusammengehören, jedoch unterschieden werden müssen.
  • Die Gerechtigkeit Gottes meint nicht die Zurechnung von Gerechtigkeit: Die Zurechnung von Gerechtigkeit ist ebenfalls eine Tatsache, von der uns der Römerbrief besonders in Kapitel 4 schreibt. Dort geht es um das Beispiel des Glaubensmannes Abraham. Allerdings fällt auf, dass nicht ausdrücklich gesagt wird, dass ihm Gottes Gerechtigkeit zugerechnet wird. Es geht vielmehr um die Rechtfertigung Abrahams auf der Grundlage des Glaubens.
  • Die Gerechtigkeit Gottes ist nicht das gerechte Leben Jesu: Es ist ohne jede Frage wahr, dass der Herr Jesus ein Leben in praktischer Gerechtigkeit gelebt hat. Er hat „Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst“ (Heb 1,9). Dennoch lehrt die Bibel an keiner Stelle, dass diese Gerechtigkeit auf den Glaubenden übertragen wird. Wenn Gott das getan hätte, wäre der sühnende und stellvertretende Tod Christi nicht notwendig gewesen. Christus hat das Gesetz in allen Punkten gehalten. Er war dem Gesetz nach gerecht. Doch selbst eine solche Gerechtigkeit wäre für uns immer noch eine menschliche Gerechtigkeit. Dazu schreibt der Apostel Paulus: „Ich mache die Gnade Gottes nicht ungültig; denn wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben“ (Gal 2,21).

2. Begriffserklärung

Es ist eigentlich nicht schwierig, den Begriff zu erklären. „Gerechtigkeit Gottes“ bedeutet nämlich genau das, was der Ausdruck sagt. Römer 1 spricht beispielsweise von der Kraft Gottes. Das heißt ganz einfach, dass Gott mächtig bzw. allmächtig ist und Ihm nichts zu groß ist. Römer 1 spricht vom Zorn Gottes. Das bedeutet, dass Gott über die Sünde zürnt und sie richten muss.

Wenn also von der Gerechtigkeit Gottes die Rede ist, dann ist ganz einfach gemeint, dass Gott in seinem Wesen und in seinem Handeln immer gerecht ist. Er bleibt sich selbst immer treu. Es kann nicht anders sein. Gerechtigkeit ist die unveränderliche und vollkommene Treue Gottes sich selbst und dem gegenüber, was Er in seinem Wort sagt. Gott ist gerecht, weil Er konsequent in Übereinstimmung mit dem handelt, was Er ist, d. h. mit seinem Wesen. Alles, was Gott tut, steht im Einklang damit, dass Er Licht und Liebe ist. Gott ist Liebe, aber diese Liebe äußert sich nie unter Vernachlässigung der Tatsache, dass Er Licht ist. Deshalb kennt die Bibel keinen „lieben Gott“, der der Sünde gegenüber „ein Auge zudrücken“ wird. Wenn Gott in seiner unbegreiflichen Liebe dem Sünder das Heil anbietet, dann kann Er es nur auf einer gerechten Grundlage tun. Diese Grundlage findet Er in dem Werk vom Kreuz.

3. Gottes Gerechtigkeit muss Sünde bestrafen

Die Gerechtigkeit als Charakterzug Gottes zeigt sich zum einen im Gericht. Das verstehen wir gut. Gott ist heilig und kann Sünde nicht sehen. Er ist gerecht und muss deshalb Sünde richten. Jesaja schreibt: „Der Herr der Heerscharen wird im Gericht erhaben sein, und Gott, der Heilige, sich heilig erweisen in Gerechtigkeit“ (Jes 5,16). Paulus erinnert in seiner Rede auf dem Areopag daran, dass Gott einmal den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit (Apg 17,31). Und auch der Römerbrief – in dem es vorrangig um die Offenbarung der Gerechtigkeit im Evangelium geht – spricht von dem „Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes“ (Röm 2,5).

Gottes Gerechtigkeit kann die Sünden von Menschen nicht einfach ungestraft hingehen lassen. Gott muss sie bestrafen, sonst wäre Er nicht gerecht. Das war selbst im Alten Testament bekannt. Esra betete: „Herr, Gott Israels, du bist gerecht ... Siehe, wir sind vor dir in unserer Schuld; denn deswegen kann man nicht vor dir bestehen“ (Esra 9,15). Ähnlich formulierte es Daniel: „Denn der Herr, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Taten, die er getan hat; aber wir haben seiner Stimme nicht gehorcht“ (Dan 9,14). Paulus spricht deshalb am Anfang des Römerbriefes davon, dass Gottes gerechtes Urteil anzuerkennen ist, „... dass die, die so etwas tun, des Todes würdig sind“ (Röm 1,32). Gottes Gerechtigkeit fordert also die Bestrafung des Sünders, doch als gnädiger und barmherziger Gott straft Er einen anderen dafür als diejenigen, die gesündigt haben. Jesus Christus ist unser Stellvertreter geworden. Nur deshalb können wir der gerechten Strafe entgehen.

4. Gottes Gerechtigkeit im Evangelium offenbart

Gott sei Dank – seine Gerechtigkeit offenbart sich nicht nur im Gericht, sondern sie offenbart sich auch im Evangelium, der guten Botschaft Gottes. Das Evangelium unseres Heils geht weit über das hinaus, was im Alten Testament bekannt war. Jetzt ist Gottes Gerechtigkeit offenbart worden – und zwar ohne Gesetz und dennoch „bezeugt durch das Gesetz und die Propheten“. Auf der einen Seite geht diese Offenbarung also über das hinaus, was wir im Alten Testament finden. Auf der anderen Seite wird sie im Alten Testament bereits deutlich bezeugt.

4.1. Unterschiede zum Alten Testament:

Die Unterschiede zwischen dem Alten und dem Neuen Testament im Blick auf die Gerechtigkeit sind auffallend:

  • Im alten Bund wurde Gerechtigkeit gefordert. Die Israeliten hatten das Gesetz, das sie halten mussten, um zu leben. Im Evangelium wird Gerechtigkeit nicht länger gefordert, sondern sie wird offenbart und zugerechnet.
  • Im alten Bund hätte man sich – zumindest theoretisch – eine menschliche Gerechtigkeit erwerben können. Im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes aus Gnade und durch Glauben angeboten. Sie kann nicht für irgendeine Gegenleistung erworben werden.
  • Im alten Bund wurde Gerechtigkeit auf dem Grundsatz von Werken erreicht. Im Evangelium wird Gerechtigkeit zugerechnet, und zwar auf dem Grundsatz des Glaubens. Wenn es um das Heil Gottes geht, ist das Wirken der Menschen völlig ausgeschlossen.
  • Im alten Bund war Gerechtigkeit mit einem sichtbaren Gottesdienst verbunden. Im Evangelium geht es um die Gerechtigkeit Gottes, die nicht nur auf dem Grundsatz des Glaubens, sondern auch „zu Glauben“ ist. Es geht in der Haushaltung der Gnade nicht um sichtbare, sondern um unsichtbare und geistliche Dinge, die nur der Glaube ergreifen kann.

4.2. Bezeugt im Alten Testament

Die Tatsache, dass Gottes Gerechtigkeit im Evangelium offenbart wird und den rechtfertigt, der an Christus Jesus glaubt, wird im Alten Testament zwar nicht völlig offenbart, wohl aber bezeugt und angedeutet – und zwar im Gesetz und in den Propheten.

  1. Im Gesetz: Hier denken wir vor allem an die vielfältigen Vorschriften über die Opfer, die alle an das eine Opfer des Herrn Jesus erinnern (Heb 10,14). Keines dieser Opfer konnte Sünden wegnehmen (Heb 10,4), wohl aber auf das eine vollkommene Opfer hinweisen, in dem Gott eine Grundlage gefunden hat, um seine Gerechtigkeit im Evangelium zu offenbaren und Sünder zu rechtfertigen.
  2. In den Propheten: In den Propheten lesen wir häufig über die Gerechtigkeit Gottes. Es ist besonders der Prophet Jesaja – manchmal als Evangelist des Alten Testamentes bezeichnet –, der dieses Thema aufgreift und es mit dem Heil Gottes verbindet. Durch ihn lässt Gott beispielsweise sagen: „Ich habe meine Gerechtigkeit nahe gebracht, sie ist nicht fern, und mein Heil zögert nicht“ (Jes 46,13). „Nahe ist meine Gerechtigkeit, mein Heil ist ausgezogen ... meine Gerechtigkeit wird nicht zerschmettert werden ... meine Gerechtigkeit wird in Ewigkeit sein, und mein Heil durch alle Geschlechter hindurch“ (Kap. 51,5.6.8).

5. Die Gerechtigkeit Gottes in Bezug auf Christus

Das Evangelium Gottes ist zuerst seine gute Botschaft über seinen Sohn (Röm 1,1.3). Deshalb zeigt sich Gottes Gerechtigkeit im Evangelium zuerst an dem Menschen Jesus Christus. Er ist es, der die gerechte Grundlage gelegt hat, um den Sünder, der dieses Werk im Glauben annimmt, zu rechtfertigen:

  1. Gott war gerecht, als Er den Herrn Jesus, als Er als Sündenträger am Kreuz hing, verließ und für unsere Schuld strafte. Wir können es nicht begreifen, dass Er in den Stunden am Kreuz ausrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Mk 15,34). Auf diesen Notschrei gab es keine Antwort. Die Sonne verbarg ihren Schein, der Himmel schwieg. Keine Antwort auf den Notschrei dessen, der in seinem ganzen Leben auf Gott vertraut hatte! Kann das ein Gott der Liebe sein? So mögen Menschen vielleicht fragen. Ja, es war die Liebe Gottes, die Ihn in Tod und Gericht gab. Es war zugleich die Gerechtigkeit Gottes, die Ihn dort strafte. So gerecht ist Gott, dass Er Ihn, als Er „selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen hat“ (1. Pet 2,24), ohne Antwort ließ. Das Gericht Gottes, das wir verdient hatten, traf Ihn dort ohne jede Schonung. Ewig sei sein Name dafür gepriesen!
  2. Wenn es die Gerechtigkeit Gottes war, die Ihn am Kreuz strafte, so war es ebenfalls seine Gerechtigkeit, die Ihn aus den Toten auferweckte. Er hatte keine Sünde getan. Er war „der Gerechte“, der für Ungerechte gelitten hat, so dass Gott gerecht war, als Er Ihn aus den Toten auferweckte. Petrus erinnert seine Zuhörer bei seiner großen Rede am Pfingsttag daran, dass es „nicht möglich war, dass Er [der Herr Jesus] von ihm [dem Tod] behalten würde“, denn schon im Alten Testament wurde gesagt: „Du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen noch zugeben, dass dein Frommer Verwesung sehe“ (Apg 2,24–27). So hat Gott Ihn aus den Toten auferweckt, weil Er gerecht ist.
  3. Gottes Gerechtigkeit hat Ihn nicht nur aus den Toten auferweckt, sondern sie hat Ihm danach einen Platz zu seiner Rechten gegeben. In der bereits angeführten Rede des Petrus werden wir daran erinnert, dass Er „durch die Rechte Gottes erhöht worden ist“ (Apg 2,33). Der Herr Jesus selbst hatte davon gesprochen und seinen Jüngern erklärt, dass der Heilige Geist die Welt von Gerechtigkeit überführen werde. Als Grund gibt Er an: „... von Gerechtigkeit aber, weil ich zum Vater hingehe“ (Joh 16,10).

6. Die Gerechtigkeit Gottes in Bezug auf uns

Das Großartige und Unfassbare ist, dass Gottes Gerechtigkeit sich jetzt im Evangelium Menschen gegenüber offenbart, und zwar „gegen alle und auf alle, die glauben“.

Gott erwartet nicht länger Gerechtigkeit von uns Menschen, sondern Er offenbart seine Gerechtigkeit, indem Er Menschen auf der Grundlage des Glaubens rechtfertigt, d. h. für gerecht erklärt. Dieselbe Gerechtigkeit, die den Sünder verurteilen muss, rettet den, der Zuflucht zu Jesus Christus und zu seinem Werk nimmt. Natürlich hat das seinen Ursprung darin, dass Gott Liebe ist und dem Sünder Gnade erweist. Dennoch ist es nicht nur seine Gnade, die uns rettet, sondern Er handelt gerecht, wenn Er Sünder annimmt. Genau das zeigt der Römerbrief.

Wenn sich Gottes Gerechtigkeit im Blick auf Menschen in der Rettung äußern soll (und nicht im ewigen Gericht), dann braucht Gott dazu eine gerechte Grundlage. Diese Grundlage hat Er im Werk des Herrn Jesus am Kreuz gefunden. Weil Gott das gerechte Gericht über unsere Sünden und über die Sünde auf Ihn, den Stellvertreter, legte, können wir frei ausgehen. Gott rechtfertigt den Sünder, d. h. Er rechnet ihm Gerechtigkeit zu, Er spricht ihn gerecht. Dabei erweist Gott seine Gerechtigkeit in Bezug auf uns in zwei Richtungen:

a) Gott rechtfertigt den Sünder, was die Sünden betrifft (Röm 3,21–26). Gott bestraft die Sünden nur einmal, und Er hat es am Kreuz von Golgatha getan. Dort fiel die Strafe, die wir verdient hatten, auf den Herrn Jesus. Deshalb ist Gott nicht nur gnädig und handelt in Liebe, sondern Er handelt sogar gerecht, wenn Er uns durch den Glauben für gerecht erklärt: „... zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist“ (Röm 3,26).

Nachdem das Werk am Kreuz vollbracht ist und Gott dieses Werk angenommen hat (bezeugt durch die Auferweckung und Himmelfahrt Jesu), ist Gott gerecht, wenn Er jedem Glaubenden dieses Werk zurechnet. Wir sagen es mit aller Ehrfurcht, dass Gott nicht anders kann. Wenn Gott gerecht ist – und Er ist es –, dann kann die Folge der Annahme des Werkes des Herrn Jesus nur sein, dass Gott den rechtfertigt, der an Ihn glaubt. Ein gerechter Gott straft dieselbe Sünde nicht zweimal. Deshalb schreibt der Apostel Johannes: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt“ (1. Joh 1,9). Hier steht nicht, dass Gott gnädig und barmherzig ist (wiewohl das stimmt), sondern Gott ist treu (seinem Wort gegenüber) und gerecht (seinem Wesen gegenüber), wenn Er einem Sünder, der mit einem aufrichtigen Bekenntnis kommt, die Sünden vergibt.

b) Gott rechtfertigt den Sünder, was die Sünde betrifft. „Denn wer gestorben ist, ist freigesprochen (Fußnote: gerechtfertigt) von der Sünde“ (Röm 6,7). Als lebende Menschen haben wir nicht nur Sünden getan, sondern wir waren dem Wesen nach Sünder. Jeder Mensch, der heute geboren wird, ist – ohne eine einzige aktive Sünde getan zu haben – ein Sünder. Er wird so geboren. Dieses Problem musste ebenfalls gelöst werden. Wie hätten wir, selbst wenn die Frage der Sünden gelöst gewesen wäre, als Sünder in der Gegenwart eines heiligen Gottes erscheinen können? Es wäre unmöglich gewesen. Gott hätte uns so nicht annehmen können. Doch es gibt im Werk des Herrn Jesus die Antwort auch auf dieses Problem. Gott macht uns eins mit Ihm. Er ist gestorben, und wir sind mit Ihm gestorben. Gott hat die Sünde (das Fleisch, die alte Natur) am Kreuz gerichtet. Das Todesurteil ist an Ihm vollzogen worden, und als Ergebnis sind wir „freigesprochen“ oder „gerechtfertigt“ von der Sünde.

Gott handelt immer in Übereistimmung mit seiner Gerechtigkeit, d. h. Er ist treu gegenüber sich selbst, wenn Er jeden Sünder, der an den Herrn Jesus glaubt, annimmt und ihn rechtfertigt. Die im Evangelium offenbarte Gerechtigkeit Gottes erklärt uns als gerecht. Wir stehen so vor Gott, als ob wir nie gesündigt hätten. Diese Segnung geht deshalb weiter, als Vergebung der Sünden zu haben – obwohl das unser glückliches Teil ist und wir es nie gering schätzen sollten.

7. Rechtfertigung aus Glauben

Die Rechtfertigung des Sünders aus Glauben, der wir im Römerbrief wiederholt begegnen (Röm 3,24.26.30; 4,5.25; 5,1.9.18), ist sehr eng mit Gottes Gerechtigkeit verbunden. Sie findet ihre Grundlage in der Gerechtigkeit Gottes. Dennoch ist sie davon zu unterscheiden. Rechtfertigung ist eigentlich ein juristischer Begriff, den die Römer gut kannten. Er besagt, dass ein Angeklagter gerecht gesprochen wird, d. h. er wird so gesehen, als ob er die ihm zur Last gelegten Übertretungen gar nicht begangen hätte! Genau das hat Gott mit uns getan – und zwar aus Gnade (Röm 3,24). Voraussetzung ist der Glaube an das Werk des Herrn Jesus am Kreuz (Röm 5,1.9). Grundlage ist das Werk vom Kreuz. Paulus schreibt an die Korinther: „Aus ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung“ (1. Kor 1,30). Nur durch den Sühnungstod unseres Herrn ist es möglich geworden, dass diese Gerechtigkeit Gottes uns für gerecht erklärt.

Rechtfertigung ist nicht identisch mit Sündenvergebung. Die Vergebung der Sünden ist – wie bereits bemerkt – eine unendlich große Segnung, über die wir nie gering denken sollten.2 Es ist in der Regel das erste, woran sich ein Mensch erfreut, der sich in Buße und Glauben an Jesus Christus wendet. „Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.“ Weil Gott gnädig und barmherzig ist, vergibt Er die Sünden, d. h. Er richtet uns nicht mehr deswegen. Doch weil Gott gerecht ist, tut Er mehr. Er rechtfertigt den, der an seinen Sohn glaubt. Das bedeutet, dass Er ihn für gerecht erklärt. Man hat die Gerechtigkeit Gottes deshalb mit einem Schutzschild über dem Glaubenden verglichen. Niemand kann mehr eine Anklage gegen uns erheben. „Gott ist es, der rechtfertigt; wer ist es, der verdamme?“ (Röm 8,33.34).

In Römer 4,25 werden diese beiden Segnungen untrennbar miteinander verbunden: „... der unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist“. Das Kreuz zeigt mir, dass Christus meine Sünden auf sich genommen und sie getragen hat (1. Pet 2,24). Die Auferweckung Christi zeigt mir, dass Gott sein Werk angenommen hat und ich keine Angst mehr haben muss.3

8. Zur Gerechtigkeit rechnen

Im vierten Kapitel des Römerbriefes finden wir einen Ausdruck, der einige Male gebraucht wird, nämlich: „zur Gerechtigkeit rechnen“ (Röm 4,3.5.9.11.22.24). Was ist damit gemeint? Erneut geht es um ein Ergebnis des rettenden Glaubens. Es wird nicht gesagt, dass es die Gerechtigkeit Christi ist, die dem Glaubenden zugerechnet wird. Es wird ebenfalls nicht gesagt, dass es die Gerechtigkeit Gottes ist, die zugerechnet wird. Wenn wir genau lesen, wird gesagt, dass Abraham der Glaube „zur Gerechtigkeit gerechnet“ wurde. Es geht darum, dass Abraham nach dem Grundsatz des Glaubens gerechtfertigt wurde und auf keinem anderen.

Niemals könnte ein Mensch aus sich selbst heraus von Gott für gerecht erklärt werden. Nur der Glaube kann von Gott anerkannt werden. Das macht Paulus am Beispiel Abrahams deutlich, dessen Glaube in der Bibel besonders betont wird. Abraham wurde nicht aufgrund seiner Werke gerechtfertigt, sondern aufgrund seines Glaubens. Das gilt für jeden Menschen. Rechtfertigung geschieht niemals auf dem Prinzip von Werken, sondern ausschließlich nach dem Prinzip des Glaubens. Nur der Glaube kann zur Gerechtigkeit gerechnet werden. Mit anderen Worten: Nur der Glaube ist das einzig richtige und gerechte Verhalten des Menschen vor Gott.

9. Gottes Gerechtigkeit in Christus

Es gibt einen weiteren Vers, der zwar nicht im Römerbrief steht, allerdings mit unserem Thema eng verbunden ist. Paulus schreibt an die Korinther: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2. Kor 5,21).

Dazu folgende Gedanken:

  1. Der Herr Jesus wird hier zunächst als der bezeichnet, „der Sünde nicht kannte“. Er war und ist völlig sündlos. Er hatte mit der Sünde gar nichts zu tun, d. h. Er hatte – im Gegensatz zu jedem anderen Menschen – keinerlei Anteil daran. Er war vollkommen Mensch und zugleich vollkommen sündlos. Johannes – der sehr grundsätzlich schreibt – sagt uns, dass keine Sünde in Ihm ist (1. Joh 3,5). Petrus – der häufig die praktische Seite betont – schreibt, dass Er keine Sünde tat (1. Pet 2,22).
  2. Dieser sündlose Mensch wurde von Gott zur Sünde gemacht – also zu dem, was Ihm völlig wesensfremd war. Das geschah in den drei finsteren Stunden am Kreuz. „Zur Sünde machen“ bedeutet mehr als „zum Sündopfer stellen“, obwohl unser Herr auch das Sündopfer gestellt hat. Die Sünde ist das Prinzip der Rebellion gegen Gott. „Die Sünde ist die Gesetzlosigkeit“ (1. Joh 3,4). Es ist das böse Prinzip, das jeder sündigen Tat zu Grunde liegt. Am Kreuz wurde also die Sünde als böses Prinzip an unserem Herrn gerichtet. Der gerechte Zorn Gottes über die Sünde (nicht nur über die Sünden) wandte sich dort gegen Ihn. Auf diese Weise wurde die Grundlage zu unserer Rechtfertigung gelegt, aber auch, dass einmal die Sünde aus dem Weltall abgeschafft wird (Heb 9,26).
  3. Die Gerechtigkeit Gottes, die dort im Gericht den Sohn traf, wird nun in jedem gesehen, der die Versöhnung annimmt. Gott ist gerecht, wenn Er uns „in Christus“ sieht und annimmt. Das bedeutet der Ausdruck: „Gottes Gerechtigkeit in ihm“. Diese Formulierung ist einmalig in der Bibel. Es gibt viele Stellen, die von der Gerechtigkeit Gottes sprechen, doch nirgendwo sonst lesen wir, dass wir Gottes Gerechtigkeit „werden“. Man hat das so erklärt, dass wir eine Art „Prototyp“ oder „Exponat“ sind, an denen andere jetzt die Gerechtigkeit Gottes sehen können. Wir sind sozusagen ein lebender und sichtbarer Beweis der Gerechtigkeit Gottes. Gott war so gerecht, dass Er die Sünde an seinem Sohn gerichtet hat.4 Er war so gerecht, dass Er Christus als Antwort auf sein Werk zu seiner Rechten erhöht hat. Jetzt ist Er so gerecht, dass Er uns, die wir an Ihn glauben, mit Christus verbindet, ohne uns zu richten.

Zweimal wird also davon gesprochen, dass jemand zu etwas gemacht wird: Christus wurde zu dem gemacht, was Ihm vollkommen wesensfremd war, nämlich zur Sünde. Wir sind etwas geworden, was uns ebenfalls völlig wesensfremd war, nämlich Gottes Gerechtigkeit. Wir können in der Tat nie hoch genug über das Werk unseres Herrn denken. Das große Heil, dass Gott uns geschenkt hat, basiert auf diesem Werk vom Kreuz.

10. Resümee

Der Gedanke an die Gerechtigkeit Gottes muss keinen Gläubigen mit Sorge erfüllen. Die im Evangelium geoffenbarte Gerechtigkeit Gottes gibt uns vielmehr die absolute Sicherheit, dass es keine Verdammnis für diejenigen gibt, die „in Christus“ sind (Röm 8,1). Der gerechte Gott hat das gerechte Urteil an seinem Sohn Jesus Christus vollzogen. Und weil ein gerechter Gott nicht zweimal straft, rechtfertigt Er den Sünder, der Christus im Glauben annimmt.

Wir fassen den wichtigen Gedanken an die Gerechtigkeit Gottes und ihre Folgen für uns mit den Worten von Paulus zusammen: „Was sollen wir nun hierzu sagen? Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns? Er, der doch seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken? Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt; wer ist es, der verdamme? Christus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der [auch] auferweckt worden, der auch zur Rechten Gottes ist“ (Röm 8,31–34).

Fußnoten

  • 1 Dr. Martin Luthers sämtliche Werke
  • 2 Selbst in Epheser 1 – einem Kapitel, in dem Paulus die typisch christlichen Segnungen wie Kindschaft und Sohnschaft und andere beschreibt – ist von der „Vergebung der Vergehungen“ die Rede (Eph 1,7). Die Vergebung ist nicht das eigentliche Ziel des Handelns Gottes mit uns, sie ist aber sehr wohl die notwendige Voraussetzung. Deshalb sollten wir dafür immer ein dankbares Herz haben.
  • 3 Man hat das an folgendem Beispiel illustriert: Ein Straftäter wird wegen eines Vergehens zu zehn Jahren Haft verurteilt. Doch er findet jemand, der die Schuld auf sich nimmt und die Strafe für ihn absitzt. Solange der Stellvertreter inhaftiert ist, wird der eigentlich Schuldige jedoch nie zur Ruhe kommen, weil er nicht weiß, ob der Stellvertreter die komplette Strafe absitzen wird. Doch eines Tages trifft er ihn in Freiheit auf der Straße und erfährt, dass die komplette Strafe abgesessen ist. Er atmet auf, denn nur weiß er sicher, dass ihn keine Strafe mehr treffen wird. Solange Christus „nur“ im Tod war, konnten wir nie wissen, ob sein Werk von Gott angenommen worden ist. Doch nun ist Christus auferweckt – und wir sind sicher, dass kein Gericht uns mehr treffen kann. Ein gerechter Gott straft nicht zweimal.
  • 4 Franz Kaupp erläutert das an einem Beispiel: Von zwei leiblichen Brüdern war einer gläubig und der andere unbekehrt. Trotz vieler Warnungen und Ermahnungen seitens des gläubigen Bruders lebte der ungläubige in den bösen Dingen der Welt. Eines Tages wird er in einen Streit verwickelt und erschlägt seinen Gegner. Blutbesudelt stürzt er in großer Aufregung nach Hause zu seinem gläubigen Bruder, um ihm in Hast das Vorkommnis zu erzählen und ihn um seinen Rat zu bitten. Dieser sieht nach der Lage der Sache keinen anderen Ausweg, als sofort die beschmutzten Kleider seines Bruders anzuziehen und sich der nachfolgenden Polizei zu stellen, die ihn in der festen Überzeugung, dass er der Schuldige sei, festnimmt und dem Richter vorführt. Der Richter hält dem Unschuldigen die Straftat vor und, da er keine Entschuldigung vorbringt, verurteilt er ihn zum Tode. Nachdem das Urteil vollzogen ist, erhält der sich versteckt gehaltene Bruder davon Kenntnis, stürzt nun eilig zum Richter und bekennt sich als der Schuldige, in der Erwartung, nun ebenfalls hingerichtet zu werden. Der Richter aber sagt, dass die gerechte Strafe bereits den Unschuldigen getroffen habe und er, nach dem Grundsatz der Gerechtigkeit, ihn nicht nochmals verurteilen könne. Damit ging der Schuldige frei aus und verkörperte in sich den gerechten Standpunkt (die Gerechtigkeit) des Richters. So ist es auch in Bezug auf den Gläubigen, der schuldig war, für den aber der Unschuldige (Jesus Christus) gerichtet wurde. Und weil das geschehen ist, gestattet es Gottes Gerechtigkeit nicht, die, die an Ihn geglaubt haben, nochmals zu richten. Somit sind sie ebenfalls die verkörperte Gerechtigkeit Gottes, und das alles deshalb, wie der Vers ausdrückt, weil Gott Ihn, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht hat. (Quelle: Ermunterung und Ermahnung 1979)