Einführung in das Buch der Sprüche

Einführung in das Buch der Sprüche

1. Einleitung

Es ist auf den ersten Blick erkennbar, dass das Buch der Sprüche eine besondere Ansprache an den Leser hat. Dieses Buch gehört weder zu den Gesetzesbüchern, noch zu den geschichtlichen oder prophetischen Büchern. Man kann es – wie in den meisten modernen Bibelausgaben – zu den poetischen Büchern (Hiob bis Hohelied) zählen. Zugleich bildet es zusammen mit den Büchern Hiob und Prediger eine eigene Gattung, die manchmal als Lehr- oder Weisheitsbücher bezeichnet werden.1

J.N. Darby beginnt seine Auslegung zu diesem Buch mit den Worten: „Im Buch der Sprüche lässt Gott sich herab, seine Weisheit auf die Umstände unseres praktischen Lebens anzuwenden. Nach seiner vollkommenen Einsicht zeigt Er uns die Folgen all der Wege, auf denen der Mensch gehen mag. Denn die in diesem Buch niedergelegten Aussprüche werden oft in einer Weise gegeben, dass sie mehr Erkenntnis und Willen als Vorschriften darstellen. Es ist ein großer Segen, in dem Labyrinth dieser Welt, wo ein verkehrter Schritt so bittere Folgen nach sich ziehen kann, ein Buch zu besitzen, das den Weg der Klugheit und des Lebens anzeigt – und das verbunden mit einer Weisheit, die von Gott kommt“.2

Der Zweck des Buches wird in Sprüche 1,1–7 beschrieben. Zusammengefasst geht es darum, uns Weisheit und Verständnis zu vermitteln, damit wir glücklich und zur Ehre des Herrn leben und vor den Fallstricken der Sünde bewahrt bleiben. Man hat die Sprüche mit Recht „kurze Sätze aus langer Erfahrung“ oder „Lebensregeln von oben für das Leben hier unten“ genannt. Andere haben von einem „Schatzbuch der Weisheit“ gesprochen.

In Jeremia 18,18 werden drei Personengruppen genannt, die das Volk damals unterwiesen: erstens die Priester (durch das Gesetz), zweitens die Propheten (durch das gesprochene und geschriebene Wort) und drittens die Weisen (durch guten Rat). Im Buch der Sprüche reden die Weisen.

Das Buch der Sprüche ist universal, d.h. wir finden weder einen geschichtlichen Kontext noch wird eine konkrete Empfängeradresse genannt. Die Aussagen sind vielmehr generell gültig – unabhängig von der Zeit, dem Umfeld, der Kultur oder dem geschichtlichen Hintergrund. Um es zu verstehen benötigt der Leser keine Kenntnis der Geschichte Israels. Das Buch der Sprüche ist darüber hinaus sehr umfassend, d.h. es behandelt fast jeden Bereich des täglichen Lebens. Es ist nicht weiter schwierig, die Belehrungen dieses Buches zu verstehen. Deutlich schwieriger ist es hingegen, sie im täglichen Leben zu praktizieren.

Salomo schreibt in Prediger 12,11: „Die Worte der Weisen sind wie Treibstacheln, und wie eingeschlagene Nägel die gesammelten Sprüche; sie sind gegeben von einem Hirten“ (Pred 12,11). Weisheit durch Sprüche zu vermitteln, war im Altertum – und besonders im Orient – sehr populär. Gerade in einer Zeit, wo die wenigsten Menschen lesen und schreiben konnten, war das Lernen von weisen Sprüchen eine besondere Form der Unterweisung. Dabei geht der Unterricht in zwei Richtungen. Zum einen ermutigen uns die Sprüche, bewusst zur Ehre unseres Herrn zu leben und unser Leben mit positiven Inhalten zu füllen. Zum anderen werden wir vor unmoralischem, verkehrtem und unweisem Handeln gewarnt.

In 2. Timotheus 3,16–17 betont Paulus nicht nur die göttliche Inspiration des ganzen Wortes Gottes (und besonders des Alten Testaments), sondern er zeigt zugleich auf, dass es zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung und zur Unterweisung zu einem gerechten Leben gegeben ist. Jemand hat einmal gesagt, dass die Bibel nicht zuerst „Futter für den Verstand“, sondern „Werkzeug zum Leben in der Gottseligkeit“ ist. Das wird beim Lesen der Sprüche mehr als deutlich. Es geht hier besonders um Unterweisung und Zurechtweisung.

Das Neue Testament zitiert das Buch der Sprüche einige Male direkt, an anderen Stellen wird darauf angespielt. Sowohl unser Herr selbst als auch die Apostel haben es als „Heilige Schrift“ und Gottes Wort anerkannt.

2. Verfasser

Das Buch der Sprüche besteht aus acht verschiedenen Abschnitten (siehe Gliederung), die offensichtlich zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben bzw. zusammengestellt wurden und das von mindestens drei verschiedenen Autoren, die namentlich erwähnt werden. Es sind Salomo, Agur und Lemuel. Der Titel schreibt das Buch Salomo zu und es wird deutlich, dass er tatsächlich den größten Teil geschrieben hat. Neben den drei namentlich genannten Autoren werden noch die „Worte der Weisen“ erwähnt (Spr 22,17; 24,23), die vermutlich von Salomo gesammelt wurden.

  1. Salomo: Er wird in diesem Buch dreimal ausdrücklich erwähnt (Spr 1,1; 10,1; 25,1). David war als Psalmdichter bekannt, Salomo als Spruchdichter. 1. Könige 5 spricht von der großen Weisheit, die Gott Salomo gegeben hatte und sagt ausdrücklich, dass er 3.000 Sprüche redete und 1005 Lieder dichtete (1. Kön 5,12). Etwa 1.000 dieser Sprüche sind in seinem Buch erhalten geblieben. Er hat sie – vom Heiligen Geist – inspiriert – aufgeschrieben. Salomo war ein Sohn Davids. Seine Mutter war Bathseba (2. Sam 12,24).3 Er ist eine der tragischsten Figuren im ganzen Alten Testament. Er begann seine Laufbahn als der weiseste aller Menschen, ist in seiner Regierung als Friedenskönig ein herrliches Vorausbild auf den großen „König des Friedens“ – Jesus Christus – und endete im Ungehorsam und Götzendienst. Dieser Götzendienst war eine Folge seiner ungebremsten Gier nach fremden Frauen (1. Kön 11,1–13).
  2. Agur und Lemuel: Sprüche 30 wurde von Agur geschrieben, Sprüche 31 von Lemuel (Spr 30,1; 31,1). Über die Identität beider Männer wissen wir nichts. Es ist denkbar, dass es Salomo selbst war, der die Worte dieser Männer gesammelt und aufgeschrieben hat. Da das Alte Testament keinen israelischen König mit Namen Lemuel nennt, vermuten einige Ausleger, dass es um einen arabischen König geht, der möglicherweise ähnlich wie Hiob außerhalb von Israel mit Gott lebte. Andere haben die Ansicht geäußert, dass es sich um ein Pseudonym für Salomo handelt, der immer im ersten Teil des Kapitels den Rat seiner eigenen Mutter niederschreibt und im zweiten Teil eine Beschreibung von ihr gibt. Beides sind Vermutungen, die nicht belegt werden können.4
  3. Die Weisen: Sprüche 22,17 und 24,23 spricht von „Worten der Weisen“. Nach Kapitel 1,6 kann das entweder ein Hinweis auf Salomo sein oder bezieht sich auf andere, nicht bekannte Spruchdichter. Es spricht einiges dafür, dass es sich um damals bekannte Sprüche von unbekannten Weisen handelte, die Salomo aufgeschrieben hat. Einige Ausleger verbinden diese Weisen mit den in 1. Könige 5,11 genannten Personen. „Und er war weiser als alle Menschen, als Ethan, der Esrachiter, und Heman und Kalkol und Darda, die Söhne Machols“. Die Frage ist letztlich von untergeordneter Bedeutung. Wichtiger ist, dass ihre Aussagen Teil des inspirierten Wortes Gottes sind.

3. Verfassungszeit und Verfassungsort

König Salomo regierte von ca. 971–931 v.Chr. in Jerusalem. Der größte Teil der Sprüche wurde ganz sicher zu dieser Zeit geschrieben. Zur Zeit des gottesfürchtigen Hiskias (Regierungszeit von ca. 726–697 v.Chr.) wurden weitere Sprüche von Salomo gesammelt (Spr 25,1). Man kann davon ausgehen, dass die Redaktion des Buches spätestens nach der Regierungszeit Hiskias abgeschlossen war.

Ein Verfassungsort wird nicht genannt. Da jedoch beide Könige in Jerusalem regierten, kann man davon ausgehen, dass der allergrößte Teil in Jerusalem geschrieben wurde.

Es bleibt eine offene Frage, zu welchem Zeitpunkt seines Lebens Salomo die Sprüche geschrieben hat. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass es weder ganz zu Beginn noch ganz am Ende seiner Regierungszeit war. Salomo hat insgesamt drei Bibelbücher geschrieben, die inhaltlich miteinander verbunden sind. Es handelt sich um die Bücher Sprüche, Prediger und Hohelied.5 Jüdische Rabbiner haben die Ansicht geäußert, dass er das Hohelied am Anfang seiner Regierungszeit schrieb, die Sprüche in der Mitte seines Lebens und den Prediger ganz am Ende, nachdem er bittere Erfahrungen mit sich selbst gemacht hatte. Dem kann man sehr gut folgen, wenn man den Inhalt dieser drei Bücher vergleicht. Das Hohelied passt sehr gut in die Zeit der Jugend und der frischen Liebe, die Sprüche in die Zeit der Reife des Mannesalters und der Prediger zeigt die Enttäuschungen und Erfahrungen des Alters („Eitelkeit der Eitelkeiten“).6

Trotz der persönlichen negativen Entwicklung des Autors sind und bleiben die Sprüche Teil des unfehlbares Wortes Gottes. Einerseits hat Gott Salomo trotz seiner verkehrten Wege dazu benutzt, um für alle nachfolgenden Generationen wichtige Lehren zu übermitteln! Andererseits ist das Fehlverhalten Salomos eine ernste Warnung für uns – und das unabhängig davon, ob er – wie manche Ausleger vermuten – am Ende seines Lebens zurechtgekommen ist.7

4. Die Sprüche im Vergleich zu anderen Weisheitsbüchern

Wie bereits erwähnt ist das Buch der Sprüche nicht das einzige Weisheitsbuch in der Bibel. Die Bücher Hiob und Prediger zählen ebenfalls dazu. Neben diesen dreien sind in der Weltliteratur andere Weisheitsbücher bekannt, die sich jedoch von den biblischen Büchern deutlich unterscheiden. Ägypten hatte weise Männer (2. Mo 7,11; 1. Kön 5,10). Edom war für seine Weisheit bekannt (Jer 49,7; Obd 1,8). Auch in Babylon war große Weisheit vorhanden (Jes 47,10; Dan 1,20; 5,8). So gibt es Buchfunde mit ägyptischer und babylonischer Weisheitslehre und Spruchsammlungen, die bis auf das Jahr 2.000 v.Chr. zurückgehen. Es gibt Anweisungen eines Königs an seinen Sohn, in denen er ähnlich wie im Buch der Sprüche angesprochen wird (z.B. mit der Formulierung: „höre, mein Sohn“). Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass Salomo einfach Gedankengut aus diesen Weisheitsbüchern übernommen hat. Er hat vielmehr unter der Leitung des Heiligen Geistes geschrieben. Gewisse Ähnlichkeiten stellen die Inspiration dieses Bibelbuches in keiner Weise in Frage. Gott leitete Salomo und die übrigen Schreiber der Sprüche genauso, wie Er es wollte. Sie schrieben genau das, was sie schreiben sollten.

Darüber hinaus sind die Unterschiede zwischen menschlichen und außerbiblischen Spruchsammlungen und dem Buch der Sprüche beachtlich. Die heidnische Spruchweisheit enthält in der Regel eine Vielzahl von sittlicher Belehrung unterschiedlicher Qualität, in welcher der wahre Gott keine Rolle spielt. Das Buch der Sprüche hingegen zeigt uns, dass die Furcht des Herrn der Beginn jeder wirklichen Weisheit ist (Spr 1,7; 9,10). Anders als in der altorientalischen Weisheit ist der Ausgangpunkt der biblischen Weisheit, die Beziehung zu Gott. In den Sprüchen geben nicht Menschen ihre Lebenserfahrung an andere weiter, sondern gibt Gott denen, die Ihn kennen, seine Weisheit für ihr Leben. Die Weisheit im Buch der Sprüche schließt dabei geistigen Scharfsinn und menschliches Geschick keineswegs aus, doch der Kern ist die Beziehung zu Gott. Damit steht und fällt jede angewandte Weisheit.

5. Der (die) Empfänger

Es ist offensichtlich, dass das Buch der Sprüche einen sehr persönlichen Charakter hat. Es richtet sich nicht an ein Volk (das Volk Israel) oder eine Volksgruppe (die Juden), sondern an Individuen. Die Anrede lautet häufig „mein Sohn“ oder „meine Söhne“ – besonders im ersten Teil des Buches (Kapitel 1–7). Das kann sich auf leibliche Söhne beziehen, muss es aber nicht. Es kann durchaus sein, dass damit ursprünglich Schüler Salomos gemeint waren, die am Königshof waren, um dort zu lernen. Es war damals nicht unüblich, dass Lernende von ihren Lehrern als „Söhne“ angeredet wurden.

Es gibt durchaus Argumente dafür, dass es vor allem um Unterweisung in der Familie geht. Ein Hauptargument ist die Tatsache, dass wiederholt von „Müttern“ die Rede ist (Spr 1,8; 6,20; 23,22.25). Auch Lemuels Mutter lehrte ihren Sohn einen Spruch (Kap 31.1.2). Dennoch ist die Lehrer-Schüler Beziehung nicht von der Hand zu weisen. So oder so ist die Anwendung für uns klar. Jeder, der dieses Buch liest, wird reichlich belehrt und unterwiesen, wie er seinen Weg in der „Furcht des Herrn“ und zu seiner Ehre gehen kann.

Die Einleitung nennt konkret vier Zielgruppen:

  1. Unerfahrene (Einfältige) sollen klug werden
  2. Jünglinge (Jugendliche) sollen Erkenntnis und Besonnenheit lernen
  3. Weise sollen an Kenntnis zunehmen
  4. Verständige sollen sich weisen Rat erwerben

Das Buch der Sprüche spricht Leser in jedem Alter an. Jüngere Leute finden hier eine Fundgrube an Hinweisen für die unterschiedlichsten Lebenssituationen. Eltern und ältere Personen sollen sich beim Lesen erstens die Frage stellen, inwieweit sie selbst die Lehren der Sprüche praktizieren. Zweitens ist das Buch ein Prüfstein, ob wir – in unseren Familien und Versammlungen – solche Lehrer sind und die praktischen Belehrungen dieses Buches an die nächste Generation weitergeben.

6. Die Form der Niederschrift

Es wird jedem Leser sofort klar werden, dass das Buch der Sprüche in einer besonderen Form niedergeschrieben ist, die wir sonst – jedenfalls nicht so ausgeprägt – in keinem anderen Buch der Bibel finden.8 Das muss beim Lesen unbedingt beachtet werden. Dazu sind zwei Überlegungen anzustellen. Erstens müssen wir über die Tatsache nachdenken, dass es sich um „Sprüche“ handelt und zweitens, dass die Schreiber weitgehend in poetischer Form schreiben.

6.1. Sprüche

Anders als sonst üblich, ist der Titel des Buches in diesem Fall biblisch inspiriert. Es handelt sich um „Sprüche“ (Spr 1,1; Spr 10,1; 25,1). Das hebräische Wort für „Spruch“ kommt wahrscheinlich von einem Verb, das „gleich sein“ oder „ähnlich sein“ bedeutet. Ein Spruch ist folglich eine Belehrung, die einen Vergleich anstellt oder einen Gegensatz aufzeigt. Ein Spruch ist eine knappe und eindrucksvolle Darstellung einer Wahrheit, die so klug in Worte gefasst ist, dass sie sich leicht einprägt. Solche „Sprüche“ finden wir auch an anderen Stellen in der Bibel, allerdings an keiner Stelle so ausgeprägt wie in diesem Buch. Häufig sind solche Sprüche wie Redewendungen oder Sprichworte zu verstehen und manche dieser Sprüche finden wir selbst im alltäglichen Deutsch wieder (z.B. Spr 26,27). Einige Male wird das Wort „Spruch“ tatsächlich mit „Sprichwort“ übersetzt (z.B. 5. Mo 28,37; 1. Sam 10,12; 1. Kön 9,7) oder mit „Gleichnis“ (z.B. Hes 17,2; 21,5; 24,3). Es geht folglich um gleichnishafte Belehrung, ein Stilmittel, das unser Herr selbst häufig benutzt hat (Mt 13,3.24), allerdings in der Regel mit einer längeren Illustration. Im Buch der Sprüche ist das anders. Sehr häufig enthält ein Vers allerdings nur einen einzigen Spruch mit seiner Bedeutung. An manchen Stellen gibt es jedoch auch etwas längere Abhandlungen. Die Sprüche leben also von Vergleichen und Gegensätzen wie z.B. dem Guten und dem Bösen, dem Klugen und dem Törichten, dem Fleißigen und dem Faulen. Auf diese Weise werden wichtige Belehrungen gegeben.

Einige Ausleger sehen das hebräische Wort für „Spruch“ als Ableitung von einem Wort an, das „herrschen“ bedeutet. Danach ist ein Spruch eine Art „Machtwort“ oder „Kraftwort“ (vgl. Pred 12,11) und steht im Gegensatz zu leerem Geschwätz. Es sind Worte, die wichtige Denkanstöße geben. Wir denken dabei an die Worte unseres Herrn – auf den Salomo hinweist – die stets mit Kraft waren (vgl. Mt 7,29). Es fällt auf, dass unser Herr in 1. Korinther 1,24 sowohl die Weisheit von Gott als auch die Kraft Gottes genannt wird. Beides kann nicht voneinander getrennt werden.

Man hat die Belehrung in Spruchform mit einem Schnappschuss verglichen. Mit einem einzigen Foto wird ein bestimmter Teil der Realität dargestellt. So zeigt jeder Spruch einen bestimmten Aspekt angewandter Weisheit im Leben. Ein einziges Bild kann nie die ganze Wirklichkeit zeigen, sondern jeweils einen ganz bestimmten Aspekt. Genauso ist es, wenn wir die Sprüche lesen.

6.2. Poesie

Ähnlich wie die Psalmen ist das Buch der Sprüche in poetischer Form geschrieben. Viele Sprüche bestehen aus zwei Satzteilen, die entweder Vergleiche anstellen oder zwei Dinge einander gegenüberstellen. In der hebräischen Poesie kommt es dabei – anders als in der klassischen europäischen Dichtkunst – nicht so sehr auf Reim, Rhythmus oder Versmaß an. Eine Einteilung in Strophen – nach unserem traditionellen Verständnis – ist im Hebräischen ebenfalls unbekannt. Ein wesentliches Stilelement der orientalischen Dichtkunst ist hingegen der sogenannte poetische Parallelismus. Gemeint ist, dass eine Sachaussage neben eine andere gestellt wird, um sie zu verdeutlichen. Dabei gibt es verschiedene Arten des Parallelismus. Die wichtigsten sind:

  1. Der synonyme (gleichartige) Parallelismus, d.h. ein Gedanke wird mit unterschiedlichen Worten zweimal ausgedrückt. Der erste Teil des Satzes und der zweite sind in der Aussage mehr oder weniger identisch. Die Wiederholung verstärkt jedoch die Aussage. Ein Beispiel ist Sprüche 1,9: „Denn sie werden ein anmutiger Kranz für dein Haupt und ein Geschmeide für deinen Hals sein“. Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 23,27: „Denn die Hure ist eine tiefe Grube, und die Fremde ein enger Brunnen“.
  2. Der antithetische (gegensätzliche) Parallelismus, d.h. der Gedanke eines Satzes wird durch einen Gegensatz im Nachsatz betont. Zwei Aussagen stehen sich also inhaltlich gegenüber, um die eigentliche Aussage zu unterstreichen. Ein Beispiel ist Sprüche 10,1: „Ein weiser Sohn erfreut den Vater, aber ein törichter Sohn ist der Kummer seiner Mutter“. Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 10,7: „Das Andenken an den Gerechten ist zum Segen, aber der Name der Gottlosen verwest“. Diese Art der Belehrung finden wir ausgeprägt in den Kapiteln 10 – 15.
  3. Der synthetische (verbindende) Parallelismus, d.h. der Nachsatz ergänzt und erweitert die eigentliche und vorhergehende Aussage. Ein Beispiel ist Sprüche 3,6: „Erkenne ihn auf allen deinen Wegen, und er wird gerade machen deine Pfade“. Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 16,7: „Wenn die Wege eines Mannes dem Herrn wohlgefallen, so lässt er sogar seine Feinde mit ihm in Frieden sein“.
  4. Der parabolische (allegorische, symbolische oder bildhafte) Parallelismus, d.h. eine Aussage wird durch ein Symbol oder ein Bild näher erklärt. Diese Form vereinigt die Sachaussage mit einer Bildaussage. Ein Beispiel ist Sprüche 10,26: „Wie der Essig den Zähnen, und wie der Rauch den Augen, so ist der Faule denen, die ihn senden“. Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 25,25: „Frisches Wasser auf eine lechzende Seele: So ist eine gute Nachricht aus fernem Land“.
  5. Der repetierende (stufenartige oder mehrgliedrige) Parallelismus, d.h. verschiedene Satzaussagen werden hintereinander angeordnet, um die Aussage zu verstärken. Ein Beispiel ist Sprüche 30,15: „Der Blutegel hat zwei Töchter: Gib her, gib her! Drei sind es, die nicht satt werden, vier, die nicht sagen: Genug“! Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 30,18.19: „Drei sind es, die zu wunderbar für mich sind, und vier, die ich nicht erkenne: der Weg des Adlers am Himmel, der Weg einer Schlange auf dem Felsen, der Weg eines Schiffes im Herzen des Meeres, und der Weg eines Mannes mit einer Jungfrau“.

Da die Weisheit in der Regel in einer sehr komprimierten Form dargestellt wird, kommen sehr viele Sprüche mit zwei Zeilen aus, wobei die zweite Zeile die erste weiter erklärt, vervollständigt und unterstreicht. Manche Verse bestehen jedoch aus drei Zeilen (z.B. Spr 1,27; 6,13; 27,22), andere sogar aus vier (z.B. Spr 30,9.14.15.17.19) und manche aus noch mehr Zeilen.

7. Zweck der Niederschrift

Der Zweck des Buches wird gleich zu Beginn angegeben: „Sprüche Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel: um Weisheit und Unterweisung zu kennen, um Worte des Verstandes zu verstehen, um zu empfangen einsichtsvolle Unterweisung, Gerechtigkeit und Recht und Geradheit; um Einfältigen Klugheit zu geben, dem Jüngling Erkenntnis und Besonnenheit. Der Weise wird hören und an Kenntnis zunehmen, und der Verständige wird sich weisen Rat erwerben; um einen Spruch zu verstehen und verschlungene Rede, Worte der Weisen und ihre Rätsel“ (Spr 1,1–6). Das Endziel folgt in Vers 7: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis“. Das Buch der Sprüche lehrt uns, in Ehrfurcht (Ehrerbietung, Gottesfurcht) vor dem Herrn zu leben.

Die einleitenden Verse zeigen dabei mindestens sechs Gründe auf, warum Gott uns das Buch der Sprüche gegeben hat:

  1. um Weisheit und Unterweisung (Zurechtweisung, Zucht) zu kennen
  2. um Worte des Verstandes (der Einsicht) zu verstehen
  3. um einsichtsvolle Unterweisung, Gerechtigkeit und Recht und Geradheit zu empfangen
  4. um dem Einfältigen (Unerfahrenen) Klugheit zu geben
  5. um dem Jüngling Erkenntnis (Wissen) und Besonnenheit (Gedanken) zu geben

Mit einem Satz: Der Leser soll durch den Gebrauch von Sprüchen und Gleichnissen die geistliche Fähigkeit entwickeln, ein Leben in Weisheit zu führen.

Es gibt drei verschiedene Ausdrücke, die das Ziel der Belehrung deutlich machen:

Weisheit

Das ist das Schlüsselwort des ganzen Buches. Das Wort kommt im Alten Testament fast 150 Mal vor, davon allein über 40 Mal im Buch der Sprüche. Dabei bedeutet Weisheit im biblischen Sinn etwas völlig anderes als das, was die griechischen Philosophen darunter verstanden9 oder wir heute darunter verstehen. Der biblische Begriff Weisheit beschreibt ursprünglich die praktische Fähigkeit eines Menschen, z.B. eines Handwerkers, eines Sängers, eines Seemanns oder eines Verwalters. Es geht dabei nicht zuerst um das notwendige Wissen, sondern vor allem um die Fähigkeit, es richtig einzusetzen. Wer weise ist, ist für seine Arbeit „geschickt“ oder „erfahren“. Geistliche Weisheit beschreibt folglich die Fähigkeit, mit Einsicht so zu leben, dass Gott Freude an unserer Lebensführung hat. Ein weiser Mensch erkennt, was Gott von ihm möchte. Er erkennt den Weg und die Aufgaben Gottes für sein Leben. Wer im biblischen Sinn weise ist, lebt in der Beziehung zu Gott und in Gemeinschaft mit Ihm. Weisheit führt dazu, unseren Herrn anzuerkennen, Ihm zu vertrauen, Ihn anzubeten, Ihm zu gehorchen und Ihm zu dienen.

Weisheit ist keine lebensfremde Philosophie, sondern die Anleitung zu einer praktischen Lebensgestaltung zur Ehre Gottes. Es geht um die Frage, wie wir ein Leben zur Ehre Gottes führen können. Gott möchte, dass wir fähig sind, in unterschiedlichsten Lebenssituationen zu erkennen, was richtig und was falsch ist, was Ihm Freude macht und was gegen seinen Willen ist. Genau das wird uns im Buch der Sprüche gezeigt – und zwar nicht in komplizierten Erklärungen, sondern treffend, einprägsam und klar.

Verständnis

Dieses Wort kommt – in verschiedenen Abwandlungen – im Buch der Sprüche ebenfalls häufig vor. Es wird an anderen Stellen mit Verstand, Einsicht oder Klugheit übersetzt. Dabei geht es um die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Dingen zu unterscheiden, z.B. zwischen Wahrheit und Lüge, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Schein und Wirklichkeit. Wer verständig ist, kann analytisch denken und differenzieren. Das wird z.B. in folgender Aussage deutlich: „Wenn du den Verstand rufst, deine Stimme erhebst zum Verständnis, ...dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und die Erkenntnis Gottes finden... Dann wirst du Gerechtigkeit verstehen und Recht und Geradheit, jede Bahn des Guten (Spr 2,1–9). Wer dieses Verständnis hat, trifft die richtigen Lebensentscheidungen.

Unterweisung

Dieses Wort wird an anderen Stellen mit Zucht, Züchtigung oder Zurechtweisung übersetzt. W. Kelly schreibt: „Unterweisung in Verbindung mit Weisheit ist ein Ausdruck, der den Gedanken an Erziehung, Korrektur oder Warnung enthält. Dadurch wird das moralische Ziel der Unterweisung offenbar – im Gegensatz zu bloßer Anwendung oder Zurschaustellung von Intellekt“.10

Wir haben es nötig, von Gott in dem Sinn unterwiesen zu werden, dass Er uns vor Fehlverhalten warnt und – wenn erforderlich – korrigiert. Unterweisung ist – wie Zucht – zuerst positiv zu verstehen. Gott zieht uns in die richtige Richtung. Wenn diese Art der Unterweisung jedoch ohne Ergebnis ist, wendet Gott Zucht im Sinn von Züchtigung an.

Die Furcht des Herrn

Dieser Ausdruck ist ein weiteres Schlüsselwort des ganzen Buches. Er kommt vierzehn Mal vor. Gemeint ist damit nicht die Angst vor Gott, sondern Gottesfurcht, Respekt und Ehrfrucht. Es geht um eine innere Haltung des Herzens, die von Ehrfurcht und Verehrung geprägt ist. Das Buch der Sprüche will uns diese innere Haltung Gott gegenüber lehren. Es spricht über den Wert, die Ausprägungen, die Voraussetzungen und die Folgen dieser „Furcht des Herrn“. Man könnte es mit den Worten Hiob so sagen: „Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand“ (Hiob 28,28).

  • „Die Furcht des Herrn ist der Erkenntnis Anfang; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung“ (Spr 1,7).
  • „... darum, dass sie Erkenntnis gehasst und die Furcht des Herrn nicht erwählt“ (Spr 1,29).
  • „...dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und die Erkenntnis Gottes finden“ (Spr 2,5).
  • „Die Furcht des Herrn ist: das Böse hassen. Hoffart und Hochmut und den Weg des Bösen und den Mund der Verkehrtheit hasse ich“ (Spr 8,13).
  • „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand“ (Spr 9,10).
  • „Die Furcht des Herrn mehrt die Tage, aber die Jahre der Gesetzlosen werden verkürzt“ (Spr 10,27).
  • „In der Furcht des Herrn ist ein starkes Vertrauen, und seine Kinder haben eine Zuflucht“ (Spr 14,26).
  • „Die Furcht des Herrn ist ein Born des Lebens, um zu entgehen den Fallstricken des Todes“ (Spr 14,27).
  • „Besser wenig mit der Furcht des Herrn, als ein großer Schatz und Unruhe dabei (Spr 15,16).
  • „Die Furcht des Herrn ist Unterweisung zur Weisheit, und der Ehre geht Demut voraus“ (Spr 15,33).
  • „Durch Güte und Wahrheit wird die Missetat gesühnt, und durch die Furcht des Herrn weicht man vom Bösen“ (Spr 16,6).
  • „Die Furcht des Herrn ist zum Leben; und gesättigt verbringt man die Nacht, wird nicht heimgesucht vom Übel“ (Spr 19,23).
  • „Die Folge der Demut, der Furcht des Herrn, ist Reichtum und Ehre und Leben“ (Spr 22,4).
  • „Dein Herz beneide nicht die Sünder, sondern beeifere sich jeden Tag um die Furcht des Herrn“ (Spr 23,17).

Zusagen im Buch der Sprüche

Das Buch der Sprüche wird nicht zuerst dadurch charakterisiert, dass es viele Zusagen (Verheißungen) Gottes enthält. Die Zielrichtung ist anders, nämlich Unterweisung zu einem Leben in praktischer Gerechtigkeit. Dennoch gibt Gott demjenigen, der sich unterweisen lässt, eine ganze Reihe von Zusagen. Es fällt auf, dass die Sprüche achtmal das Wort „Glückselig“ (glücklich) gebrauchen. Jeder dieser Verse ist eine besondere Zusage Gottes an Menschen, die seine Ansprache in diesem Buch ernst nehmen:

  • „Glückselig der Mensch, der Weisheit gefunden hat, und der Mensch, der Verständnis erlangt“ (Spr 3,13).
  • „Nun denn, ihr Söhne, hört auf mich: Glückselig sind, die meine Wege bewahren!“ (Spr 8,32).
  • „Glückselig der Mensch, der auf mich hört, indem er an meinen Türen wacht Tag für Tag, die Pfosten meiner Tore hütet!“ (Spr 8,34).
  • Wer seinen Nächsten verachtet, sündigt; wer sich aber der Elenden erbarmt, ist glückselig“ (Spr 14,21).
  • „Wer auf das Wort achtet, wird Gutes finden; und wer auf den Herrn vertraut, ist glückselig“ (Spr 16,20).
  • „Wer in seiner Lauterkeit gerecht wandelt, glückselig sind seine Kinder nach ihm!“ (Spr 20,7).
  • „Glückselig der Mensch, der sich beständig fürchtet; wer aber sein Herz verhärtet, wird ins Unglück fallen“ (Spr 28,14).
  • „Wenn kein Gesicht da ist, wird ein Volk zügellos; aber glückselig ist es, wenn es das Gesetz hält“ (Spr 29,18).

8. Themen

Im Buch der Sprüche werden sehr viele Themen des täglichen Lebens behandelt. Die Aussagen sind zum großen Teil in das gesamte Buch verstreut, so dass es eine Fleißaufgabe ist, eine Übersicht zu gewinnen. Die Sprüche schreiben ausführlich über das Leben des Menschen, über seinen Charakter, sein Denken, sein Reden, sein Handeln, sein Agieren und Reagieren, seine Beziehungen und vieles mehr. Sie schreiben über das Ehe- und Familienleben (Mann und Frau, Eltern und Kinder) ebenso wie über das Arbeitsleben (Arbeitgeber und Arbeitnehmer). Wir begegnen ganz unterschiedlichen Menschen, wie z.B. einem Narren und einem Weisem, einer zänkischen, gottlosen und verdorbenen Frau und einer anmutigen, guten und tüchtigen Frau, einem Faulen und einem Fleißigen. Die Sprüche reden über zeitnahe Probleme, wie z.B. Genusssucht, Gewinnsucht, Völlerei, Alkohol, sexuelle Eskapaden, Jugendkriminalität, Heuchelei, Reichtum usw. Ein ganz besonderes Thema ist das Reden des Menschen, das böse, falsch, gefährlich und kränkend oder gut, richtig, helfend und heilend sein kann.

In allem geht es um ein Leben in Gottesfurcht, praktischer Gerechtigkeit und Weisheit. Der Wert wirklicher Weisheit und eines gottesfürchtigen Lebens wird gerade dadurch unterstrichen, dass Gegensätze aufgezeigt werden. Einige dieser Gegensätze sind:

Positiver Begriff Negativer Begriff
Armut Reichtum
Demut Stolz und Hochmut
Ehre Unehre
Ehrlichkeit Betrug
Erkenntnis Uneinsichtigkeit
Ermutigung Verleumdung
Fleiß Faulheit
Freigiebigkeit Geiz
Freude Trauer
Freundschaft Feindschaft
Frieden Streit, Neid
Gehorsam Ungehorsam
Gerechtigkeit Ungerechtigkeit und Bosheit
Glück Unglück
Güte Grausamkeit
Leben Tod
Liebe Hass
Lob Kritik
Nüchternheit Trunkenheit
Ordentlichkeit Unordentlichkeit
Reinheit Unreinheit
Selbstbeherrschung Wut, Zorn
Treue Untreue, Unzuverlässigkeit
Tugend Schande
Vertrauen Misstrauen
Wahrheit Lüge
Weisheit Torheit
Zufriedenheit Missgunst

9. Gott im Buch der Sprüche

Der Name Gottes wird im Buch der Sprüche häufig erwähnt. Dabei fällt auf, dass es überwiegend um Jahwe (den Herrn) geht (insgesamt 87 Mal), während der Name Gottes (Elohim) nur selten erwähnt wird. Der Name Jahwe (Herr) steht dafür, dass Gott ewig und unveränderlich ist („ich bin der ich bin“) und zeigt uns Gott in Beziehung zu seinen Geschöpfen, besonders zu seinem irdischen Volk Israel. Im Gegensatz dazu spricht das Buch Prediger ca. 40 Mal über Gott (Elohim), während der Name Jahwe überhaupt nicht erwähnt wird. Das unterstreicht, dass im Buch der Sprüche Menschen angesprochen werden, die eine Beziehung zu Gott haben und zu seiner Ehre leben wollen.

Wir finden im Buch der Sprüche jedoch nicht nur den unveränderlichen Gott, sondern das Buch spricht ebenfalls über die Person seines Sohnes – über Christus. Die im Buch der Sprüche sehr häufig erwähnte Weisheit deutet an vielen Stellen direkt auf Ihn hin, der die personifizierte Weisheit ist. Dies ist ganz besonders in den Kapiteln 8 und 9 der Fall, die man gar nicht anders lesen kann, als dabei an unseren Herrn zu denken. Das Neue Testament macht klar, dass Er uns „Weisheit von Gott“ geworden ist (1. Kor 1,30) und dass in Ihm alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind (Kol 2,3). Darüber hinaus finden viele praktische Hinweise (z.B. über den Gerechten, den Gehorsamen, den Freund, den Armen) ihre vollständige Erfüllung in seinem Leben auf der Erde. Christus steht also auch im Buch der Sprüche als Vorbild vor uns.

Sehr deutlich wird dieser Christus-Bezug, wenn wir die ersten Verse der Sprüche mit Jesaja 11,1–3 vergleichen. „Und ein Reis wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen. Und auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn; und sein Wohlgefallen wird sein an der Furcht des Herrn“. Diese Verse kann man kaum lesen, ohne dabei an das Buch der Sprüche zu denken.

Ein weiterer Bezug zu unserem Herrn wird deutlich, wenn wir an den Verfasser des größten Teils der Sprüche denken. Zum einen ist Salomo in seiner Regierung ein deutliches Vorausbild auf den Herrn Jesus als der wirkliche „Friedefürst“ (Jes 9,5). Zum anderen sagt unser Herr selbst im Neuen Testament: „Mehr als Salomo ist hier“ (Mt 12,42). Salomo war weise und lehrte Weisheit. Unser Herr hingegen ist die Weisheit in Person. In Lukas 11,49 sagt Er von sich selbst: „Darum hat auch die Weisheit Gottes gesagt...“. Er ist die Weisheit und Weisheit in Ihm.

10. Gliederung und Übersicht

Es ist nicht ganz einfach, im Buch der Sprüche eine klare Struktur zu erkennen. Dennoch hat Gott dieses Buch genauso schreiben lassen wie alle anderen Bücher auch und Er verfolgt damit einen genauen Plan. L.M. Grant schreibt: „Wie wenig wir auch die vollkommene Einheit des Buches mit allen Themen zu erfassen vermögen – sie existiert dennoch. Und tatsächlich, wenn wir daran glauben, dass dieses Buch von Gott inspiriert ist, dann glauben wir auch an die vollkommene Anordnung dieses Buches und die vollständige Einheit mit dem Rest der Schrift. Gold liegt nicht immer an der Oberfläche der Erde: Vielmehr ist meistens harte und fleißige Arbeit nötig... aber mit welchem Lohn! Wie weitgehend unentdeckt ist in dieser Weise das Buch der Sprüche – und andere Bücher ebenfalls.“11

In Prinzip hat das Buch der Sprüche drei Teile. Eine Einleitung, die uns die Absicht der Sprüche zeigt (Kap 1,1–7), einen Hauptteil, der die Grundlagen eines weisen und gottesfürchtigen Lebens zeigt (Kap 1,8 – 29,27) und einen Schluss, der uns Beobachtungen Agurs und Lemuels mitteilt (Kap 30 – 31). Wenn man dabei den Hinweisen über die Autoren folgt, kann man folgende etwas detaillierte Einteilung vornehmen.

1. Einleitung – Titel und Zweck des Buches (Kap 1,1–7)

Der Prolog gibt die Absicht des Buches an und zeigt zugleich, wer die Empfänger sind. Der Leser soll Weisheit, Zurechtweisung, Verständnis, Erkenntnis und Besonnenheit lernen und im täglichen Leben praktizieren. Die Adressaten sind Einfältige (d.h. Unerfahrene)12 und Jugendliche ebenso wie Weise und Verständige. Vers 7 weist auf die Quelle der Weisheit hin, nämlich die Furcht des Herrn.

2. Erste Worte Salomos – Der Wert der Weisheit (Kap 1,8 – 9,18)

Hier lernen wir etwas über die Bedeutung der Weisheit. Sie wird wiederholt der Torheit gegenübergestellt. Weisheit im täglichen Leben hat einen hohen Stellenwert. Dieser Teil des Buches zeichnet sich durch die Anrede „mein Sohn“ aus und zeigt ganz besonders die Vater-Sohn bzw. Lehrer-Schüler Beziehung. Salomo warnt vor vielen aktuellen Gefahren (z.B. schlechte Gesellschaft, schlechte Moral, Faulheit, Falschheit und Stolz). Der Höhepunkt dieses Teiles ist ohne Frage Kapitel 8, in dem uns die personifizierte Weisheit (Jesus Christus) vorgestellt wird (vgl. 1. Kor 1,30; Ko 2,3).

3. Weitere Sprüche Salomos – Wandel in Gottesfurcht und Weisheit (Kap 10,1 – 22,16)

Dieser Teil beschreibt die Prinzipien der Weisheit und besteht aus insgesamt 375 einzelnen Sprüchen. In der Regel erfolgt die Belehrung zweizeilig und zwar in Gegensätzen (Kap 10 – 15) oder indem der Nachsatz die eigentliche Aussage verstärkt (Kap 16 – 22). Häufig gebrauchte Worte sind „aber“ bzw. „und“. Während wir in den ersten Kapiteln etwas über den Charakter des Weisen lernen, geht es in diesem Teil besonders um sein Verhalten.

4. Sprüche der Weisen (Kap 22,17 – 24,34)

Hier fällt auf, dass die Sprüche häufig etwas länger sind als vorher und die einzelnen Verse häufig einen gewissen inneren Zusammenhang haben. Die einzelnen Verse haben einen deutlich mahnenden Charakter und das Verb steht häufig in der Befehlsform (positiv wie negativ). Ein Schlüsselwort in diesem Teil ist das Wort „Herz“, d.h. es geht um das Innere des Menschen, seine Motive und seine Zuneigungen, die zu Entscheidungen werden.

5. Unter Hiskia gesammelte Sprüche Salomos (Kap 25 – 29)

Die Sprüche in diesem Teil behandeln verschiedene wichtige Themen. Die Belehrung erfolgt zum einen durch Vergleiche und zum anderen durch Gegensätze.

6. Worte Agurs (Kap 30)

Der Schreibstil in diesem Kapitel ist – ebenso wie in Kapitel 31 – deutlich anders. Agur war ein demütiger Mann, der eine tiefe Abneigung gegen Arroganz und Stolz hatte. Er zieht wichtige Schlussfolgerungen aus Beobachtungen der Natur und des menschlichen Zusammenlebens.

7. Worte Lemuels (Kap 31)

Die Worte Lemuels schließen das Buch ab. Sie beinhalten die Unterweisungen einer Mutter an ihren Sohn, der einmal Verantwortung übernehmen soll. Ihre Ratschläge warnen u.a. vor dem falschen Umgang mit Frauen und Alkohol und beschreiben dann – wenn es denn noch die Worte Lemuels sind – das Lob der tüchtigen Frau13. Stilistisch betrachtet ist dieser letzte Text ein besonderes „Kunstwerk“, denn die Anfangsbuchstaben dieser 22 Verse entsprechen den 22 Konsonanten des hebräischen Alphabets.14

Fußnoten

  • 1 Man kann das Alte Testament unterschiedlich einteilen. In den meisten Deutschen Bibelausgaben werden die Sprüche den poetischen Büchern zugerechnet (Hiob – Hohelied). In den Hebräischen Bibeln sind sie Teil der sogenannten „Schriften“.
  • 2 J.N. Darby: The Book of the Proverbs (in: Synopsis of the Books of the Bible)
  • 3 Salomo ist ein Beweis für Gottes Gnade und für die Tatsache, dass Gott auf den krummen Lebenslinien eines Menschen immer noch gerade schreiben kann. Bathseba war durch Ehebruch und Mord Davids Frau geworden und David bekam dafür eine gerechte Strafe. Dennoch macht Gott seine Gnade groß, indem gerade Bathseba die Mutter des Königs Salomo wurde.
  • 4 Weil der Stil im letzten Teil des Kapitels deutlich anders ist, als im ersten Teil, gehen einige Ausleger davon aus, dass Lemuel nur den ersten Teil geschrieben hat und der Lobgesang über die tüchtige Frau von einem anderen Verfasser stammt. Auch das ist nicht zu belegen.
  • 5 Hinzu kommt noch Psalm 127 (und eventuell Psalm 72, der entweder für oder von Salomo geschrieben wurde).
  • 6 Dabei fällt auf, dass die „innere Reihenfolge“ dieser drei Bücher genau entgegengesetzt verläuft, denn man kann in der Abfolge dieser drei Bücher Salomos ein gewisses geistliches Wachstum erkennen. Im Prediger geht es um den Menschen „unter der Sonne“, der keine besondere Offenbarung Gottes zu erkennen gibt. Das Buch endet mit dem Hinweis: „Fürchte Gott“ (Pred 12,13). Das führt direkt zum Buch der Sprüche, denn dort geht es gerade um die „Furcht des Herrn“. In Hohelied finden wir schließlich die Beziehung der Liebe zwischen einer Braut und ihrem Bräutigam (d.h. zwischen einem Gläubigen und Christus). Man kann diese drei Bücher mit der Stiftshütte vergleichen: Der Prediger schreibt über den Vorhof (unter der Sonne). Die Sprüche zeigen das Heiligtum, in dem der Leuchter Licht gibt (ein Hinweis auf die Weisheit). Das Hohelied bringt uns schließlich in das Allerheiligste, wo wir etwas über die Grundlage für unsere Beziehung zu Christus (die Liebe) erfahren.
  • 7 Das kann man vermuten, wenn man den Prediger liest. Es ist kaum anzunehmen, dass Salomo dieses Buch nach seinem tiefen Fall geschrieben hat, ohne wieder mit Gott im Reinen gewesen zu sein.
  • 8 In einigen Passagen kommt diese besondere Form ebenfalls in den Psalmen und im Buch des Predigers vor.
  • 9 Von dieser Weisheit schreibt Paulus an die Korinther: „Ich will die Weisheit der Weisen vernichten, und den Verstand der Verständigen will ich wegtun“ (1. Kor 1,19).
  • 10 W. Kelly: The Book of Proverbs
  • 11 L.M. Grant: The Book of Proverbs
  • 12 Das Wort hat hier eine andere Bedeutung als im Neuen Testament (Mt 6,22; Lk 11,34; Röm 16,19). Gemeint ist jemand, der offen für alles ist (Gutes und Böses). Er ist deshalb unverständig und steht in der Gefahr, ein „Tor“ oder ein „Narr“ zu werden.
  • 13 Es ist nicht ganz sicher, ob diese Beschreibung tatsächlich von Lemuel (bzw. seiner Mutter) stammt oder von einem – uns nicht genannten – anderen Verfasser. Da sonst im Buch der Sprüche durchweg der Autor genannt wird, neige ich dazu, ersteres anzunehmen.
  • 14 Man spricht hier von einem akrostichischen Gedicht, ähnlich wie in Psalm 119, wo jeder Abschnitt der Reihenfolge des hebräischen Alphabets folgt.