Einführung in den Propheten Obadja

Im Propheten Obadja geht es um die Endabrechnung eines uralten Bruderstreites – dem zwischen Esau (Edom) und Jakob (Israel).1 Dieses kurze Buch hat also zeitlich eine sehr große Spannbreite. Die Geschichte beider Völker beginnt in 1. Mose 25 und endet mit dem Beginn des tausendjährigen Friedensreiches. Edom wird einer der letzten Feinde sein, der von dem Messias gerichtet werden wird.

Das Gesicht und die Botschaft Obadjas betreffen zum einen Edom. Obadja konzentriert sich auf dieses Thema, ohne dabei jedoch das Volk Israel außer Acht zu lassen. Er spricht über das Gericht an Edom und begründet es. Dieser größere Teil der Botschaft Obadjas erscheint deshalb wenig ermutigend und erbaulich. Dennoch ist er notwendig. Einer der Hauptgründe für das Gericht ist der Hochmut Edoms. Obadja spricht über den Tag des Herrn, der für die Feinde ein Tag des Gerichts ist. Zugleich spricht er am Ende seines kurzen Buches über diesen Tag als einen Tag der Rettung für Gottes Volk. Dieser Teil der Botschaft ist Mut machend.

Die Botschaft des Propheten Obadja – obwohl kurz – ist unüberhörbar. Sie galt damals in erster Linie Edom. Sie gilt zugleich für alle Zeiten: Wer den Segen und die Gnade Gottes verachtet und sich hochmütig gegen Gott auflehnt, wird am Ende vor dem Scherbenhaufen seines Lebens stehen und Gott als Richter kennenlernen. Gott widersteht dem Hochmütigen – das ist die große Lektion dieses kleinen Buches.

Der Prophet Obadja zeigt, wie zwei Brüder – und zwei Brüdervölker – sich völlig unterschiedlich entwickeln und wie unterschiedlich das göttliche Urteil über sie ausfällt. Letztlich repräsentieren sie die zwei großen Gruppen, in die sich die ganze Menschheit einteilen lässt, eine Einteilung, die wir bereits in dem ersten Brüderpaar überhaupt (Kain und Abel) erkennen können. Für den einen steht am Ende das endgültige Gericht und die Vernichtung, für den anderen die Rettung und der Segen.

Beide Brüder stellten in ihrem Leben nicht nur die Weichen für sich selbst, sondern zugleich für den weiteren Lebensweg ihrer Nachkommen. Die Beziehung zwischen beiden war und blieb vergiftet. Obadja nimmt uns mit hinein in eine Zeit, in der das auserwählte Volk Gottes Zielscheibe der Arroganz, des hämischen Spottes und grausamer Kriegsverbrechen wurde – und in der Zukunft wieder werden wird.

Das Urteil Gottes über Jakob und Esau wird uns am Ende des Alten Testamentes mitgeteilt: „Ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst“ (Mal 1,2.3). Das sagt Gott nicht vor der Geburt der beiden, sondern es ist sein rückblickendes Urteil über das Leben der beiden.2 Esau war hochmütig, und dieser Hochmut kennzeichnete auch seine Nachkommenschaft. Gott widersteht dem Hochmütigen. Deshalb wird Er Edom vollständig und unwiderruflich vernichten. Jakob war durchaus nicht besser als sein Bruder Esau, doch er demütigte sich unter die Hand Gottes und der Segen Gottes war ihm wichtig. Das wird einmal für den gläubigen Überrest aus dem Volk Jakobs zutreffen. Sie empfangen die Gnade, die Gott den Demütigen gibt, während für Edom nur Gericht übrig bleibt.

1. Das Thema der Weissagung Obadjas

Obadja nimmt uns mit in eine sehr ereignisreiche Zeit. Er behandelt in seinem kurzen Buch zwei Themen. Im Vordergrund steht das Gericht über Edom, das Volk, das von Esau abstammt (vgl. 1. Mo 25,30; 1. Mo 36,1.8.9). In den ersten neun Versen wird das Gericht über Edom beschrieben. Danach folgt in den Versen 10 bis 14 eine ausführliche Begründung des göttlichen Gerichts. Am Ende seiner Weissagung spricht Obadja über die Aufrichtung des Reiches in Zion. Es ist von der Rettung des Herrn und seinem Reich die Rede. Während Edom gerichtet wird, wird Israel im Reich gesegnet werden. Der Konflikt kann mit dem Gegensatz von zwei Bergen beschrieben werden. Der eine Berg ist der Berg Esaus (das ist das Land und Gebirge Seir; vgl. 1. Mo 32,4). Der andere Berg ist der von Gott auserwählte Berg Zion (gemeint ist im engeren Sinn der Tempelberg). Dieses Spannungsfeld ist Gegenstand der Weissagung Obadjas.

Etwas anders ausgedrückt können wir sagen, dass Obadja eine Gerichtsbotschaft für Edom und eine Heilsbotschaft für Israel hat.

  • In Esau (Edom) sehen wir den Hochmut und den Hass der Welt gegen Gott und sein Volk. Das Ende ist Gericht.
  • In Israel sehen wir die unveränderliche Treue des Herrn denen gegenüber, die Er sein Volk nennt. Seine Zusagen des Segens werden sich im zukünftigen Reich sicher erfüllen.

Wir dürfen dabei nicht übersehen, dass beide Themen (Gericht für die Nationen und Segen für Israel) eng miteinander verbunden sind. Der Weg Israels in den Segen des Reiches ist nicht von dem Gericht über die Nationen zu trennen. Anders als die Versammlung (Gemeinde) heute, die durch Gnade gerettet ist und nicht durch die Drangsal gehen muss, wird Israel einmal durch Gerichte befreit werden. Insofern ist die Weissagung über Edom beispielhaft für alle Feinde Israels.

2. Der Verfasser

Über Obadja wissen wir nicht viel. Es ist offensichtlich, dass er ein Prophet war, denn sonst hätte er kein „Gesicht“ gesehen und nicht im Namen des Herrn geweissagt. Obadja als Person bleibt – ähnlich wie Maleachi – im Hintergrund. Es geht in seinem Buch nicht um ihn selbst und seine Geschichte, sondern ausschließlich um seine Botschaft. Deshalb fehlt jede Information über ihn. Wir kennen weder seinen Vater noch seine Herkunft oder seinen Beruf. Nicht einmal seine Heimatstadt oder sein Wohnort werden konkret genannt. Aus dem Kontext seiner Weissagung – vor allem in Verbindung mit Jerusalem und dem Berg Zion – kann man lediglich schlussfolgern, dass er aus dem Südreich (d. h. den beiden Stämmen Juda und Benjamin) stammt und nicht zu den zehn Stämmen Israels gehört.3

Der Name Obadja scheint jedoch in einem gewissen Sinn Programm zu sein. Obadja bedeutet „Knecht Jahwes“ oder „Anbeter Jahwes“ (je nachdem, welche Form der Vokale man wählt). Es gibt im Alten Testament (in den Büchern Könige, Chronika, Esra und Nehemia) über zehn verschiedene Personen, die den Namen Obadja tragen, keiner von ihnen scheint jedoch der Autor dieses Buches zu sein – obwohl man das nicht mit letzter Sicherheit behaupten kann. Einige Ausleger meinen, der Name Obadja sei symbolisch zu verstehen und bezeichne einen (oder gar mehrere) nicht näher bekannten „Knecht“ oder „Anbeter“ Gottes. Diese Annahme scheint jedoch wenig wahrscheinlich, denn alle anderen prophetischen Bücher tragen den Namen dessen, der sie geschrieben hat. Wer immer dieser Mann war, er besaß jedenfalls genügend literarisches Talent, um unter der Leitung des Heiligen Geistes dieses kurze Buch zu schreiben, in dem wir u. a. rhetorische Fragen, Ironie, Wiederholung und verschiedene Formen des Parallelismus finden.

Letztlich ist die Frage der Herkunft Obadjas nicht von Bedeutung. Wichtiger ist, dass Obadja ein nützliches Werkzeug in der Hand Gottes war und in seinem Auftrag eine Botschaft ausrichtete und niederschrieb. Der Prophet Obadja gehört – wie die anderen schreibenden Propheten – zu den „heiligen Menschen Gottes“, die „getrieben vom Heiligen Geist“ Gottes Botschaft weitergegeben haben (2. Pet 1,21).

3. Das Buch Obadja im Kanon der Heiligen Schrift und seine Authentizität

In den meisten Bibelausgaben steht der Prophet Obadja relativ am Anfang der kleinen Propheten, nämlich nach Amos und vor Jona. Die uns bekannte Reihenfolge der kleinen Propheten ist identisch mit der in den hebräischen Bibelausgaben. Unter den Juden hat es nie ernsthafte Zweifel gegeben, dass das Buch Obadja zum Kanon der Heiligen Schriften des Alten Testamentes gehört. Sie haben dieses Buch stets als Heilige Schrift anerkannt.

Wer an die göttliche Inspiration der Bibel glaubt (2. Tim 3,16; 2. Pet 1,21), zweifelt nicht an der Authentizität des Buches Obadja, sondern erkennt es als Teil des Wortes Gottes an. Das gilt auch, obwohl der Prophet Obadja im Neuen Testament nicht direkt zitiert wird.4 Für den bibeltreuen Leser steht ebenfalls außer Frage, dass das Buch einen einzigen Verfasser hat. Theologen, die nicht an die göttliche Inspiration der Bibel glauben, haben die Vermutung geäußert, dass selbst dieses kleine Buch mehrere Autoren hat.5

4. Die Datierung der Niederschrift

Die Datierung der Niederschrift des kürzesten Prophetenbuches mit dem uns nicht näher bekannten Verfasser ist schwierig – schwieriger als bei fast allen anderen Büchern im Alten Testament. Wir kennen weder die Herkunft des Verfassers, noch wird uns direkt gesagt, in welcher Zeit er gelebt und unter welchen Königen er geweissagt hat. Nun ist diese Frage nicht wirklich entscheidend und beeinflusst vor allem den Inhalt und die Botschaft in keiner Weise. Dennoch hilft es uns zum Verständnis, wenn wir über diese Frage mehr Klarheit bekommen.

Es gibt zwei Hinweise, die uns helfen, eine bessere Vorstellung davon zu bekommen, wann Obadja sein Buch wahrscheinlich geschrieben hat. Den ersten Hinweis können wir den historischen Ereignissen entnehmen, von denen das Buch berichtet. Der zweite Hinweis hat mit der Stellung des Buches im hebräischen Kanon des Alten Testamentes zu tun.

  1. Historische Ereignisse: Obadja schreibt über Edom und seine feindliche Haltung den Juden gegenüber. In Vers 11 wird berichtet, wie Edom Teil einer Allianz war, die sich gegen Jerusalem wandte und das Vermögen der Stadt wegführte. Eine Reihe geschätzter älterer Bibelausleger verbindet das mit der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier und datiert den Propheten Obadja in diese Zeit (also zwischen 605 v. Chr. und 586 v. Chr., oder sogar noch etwas später). Andere bibeltreue Ausleger weisen jedoch darauf hin, dass der Prophet Obadja nicht von der Zerstörung Jerusalems spricht, sondern lediglich von einem Angriff auf die Stadt und einer Plünderung.6 Nun wissen wir, dass Jerusalem während der Zeit der Könige von Juda wiederholt von Feinden angegriffen worden ist und die Juden schmerzliche Niederlagen hinnehmen mussten. Nur zweimal waren jedoch – soweit wir wissen – die Edomiter daran beteiligt, nämlich unter der Regierung Jorams (845 v. Chr.) und unter der Regierung Zedekias, des letzten Königs von Juda (686 v. Chr.). Davon lesen wir in 2. Chronika 21,8–10;16.17, in 2. Chronika 36,17–21 und Psalm 137,9.10. Nur bei dem letzten Angriff wurde die Stadt komplett zerstört. Wenn man beide Belagerungen und Überfälle miteinander vergleicht, scheint es naheliegender zu sein, dass Obadja in der Zeit des Königs Joram von Juda (848–841 v. Chr.) gelebt hat. Das ist genau die Zeit, in der die Edomiter das Joch der Juden abwarfen und sich gegen sie empörten (vgl. 2. Chr 21,8–10).7 Wenn man dieser Schlussfolgerung folgt, ist Obadja ein Zeitgenosse Elias und Elisas und zugleich einer der ersten schreibenden Propheten – wenn nicht der erste überhaupt. Jedenfalls gehört er dann zu den frühen Propheten.8
  2. Stellung im hebräischen Kanon des Alten Testamentes: Die Stellung des Buches Obadja im hebräischen Kanon scheint diese Sichtweise zu bestätigen. Obadja ist einer der kleinen Propheten. Die Juden fassten diese zwölf Propheten in einer Rolle zusammen, damit nicht einer von ihnen verloren ginge. Sie sind weitgehend chronologisch sortiert,9 so dass wir davon ausgehen können, dass die Juden Obadja ebenfalls zu den frühen Propheten rechneten, die vor dem Ende der Königsdynastie Davids in Juda gelebt haben.

Als Fazit kann man festhalten, dass keine der beiden Alternativen zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, es jedoch wahrscheinlicher ist, dass Obadja zur Zeit des Königs Joram gelebt hat. An der Bedeutung seiner Botschaft ändert sich durch eine Präferenz für die eine oder andere Variante ohnehin nichts.

5. Edom und Esau

Um das Buch Obadja richtig zu verstehen, ist es notwendig, kurz auf die Geschichte der Edomiter und ihren Dauerzwist mit Israel einzugehen. Esau (der Stammvater Edoms) und Jakob (der Stammvater Israels) waren Zwillingsbrüder, die in einem vergleichbaren Umfeld aufwuchsen und doch völlig unterschiedlich waren. Von Anfang an gab es zwischen beiden eine Konfrontation, die bereits vor der Geburt begann und sich im Leben der beiden und in der Geschichte ihrer Nachkommen fortsetzte. Aus einem Familienkonflikt wurde ein Völkerkonflikt. Das zeigen die historischen Bücher der Bibel sehr deutlich, die vor allem in den Büchern Könige und Chronika von diversen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Nationen berichten. Die verschiedenen Referenzstellen und die Psalmen und Propheten dokumentieren den Widerstand Edoms gegen Israel. Es fällt auf, dass es kaum einen Feind Israels gibt, der so häufig in den Weissagungen erwähnt wird, wie gerade Edom. Die letzte Prophezeiung zeigt, dass Edom – anders als andere Feinde Israels – keine Zukunft im tausendjährigen Reich hat. Der Herr zürnt ewig (Mal 1,4).

Hier ein paar Fakten:

  • Die Geschichte beider Völker beginnt mit einer ungewöhnlichen Schwangerschaft. Die Zwillinge stoßen sich bereits im Mutterleib. Gott gibt Rebekka eine ungewöhnliche Weissagung über ihre Söhne, und die beiden werden auf eine ungewöhnliche Weise geboren (1. Mo 25,21–26). Der Ältere heißt Esau10 (d. h. behaart), der Jüngere heißt Jakob (d. h. Fersenhalter).
  • Beide Brüder entwickeln sich unterschiedlich. Esau ist der Lieblingssohn seines Vaters und ein Mann des Feldes. Jakob ist der Lieblingssohn seiner Mutter und ein häuslicher Mann. Der Keim des Bruderzwistes wird auf diese Weise von den Eltern selbst gesät.
  • Die Familientragödie setzt sich fort. Esau verachtet sein Erstgeburtsrecht und verkauft es für ein Linsengericht (1. Mo 25,34). Wenig später erschleicht sich Jakob auf zweifelhaftem Weg mit Hilfe seiner Mutter den Segen seines Vaters, den dieser eigentlich – gegen den Plan Gottes – Esau geben wollte (1. Mo 27). Esau will Jakob töten, der deshalb flieht. Selbst nach der Rückkehr Jakobs (1. Mo 33) gibt es nur eine äußerliche Versöhnung. Die innere Entfremdung bleibt. Esau wird im Gebirge Seir – einer zerklüfteten Bergregion südlich des Toten Meeres – sesshaft, während Jakob im Land seiner Väter bleibt (1. Mo 33,16; 36,8.9).
  • Beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten verweigert Edom Israel die Durchreise durch sein Land (4. Mo 20,14–21). Doch Gott hatte Israel geboten, das Brudervolk nicht zu hassen, weil die Edomiter mit ihnen verwandt waren (5. Mo 2,4–8; 23,8).
  • Die Bücher Josua und Richter erwähnen Edom einige wenige Male, ohne jedoch über weitere Konflikte in dieser Zeit zu berichten. Erst mit Beginn des Königtums in Israel beginnen die Auseinandersetzungen zwischen beiden Völkern. Saul kämpft gegen sie (1. Sam 14,47), David unterwirft sie durch eine militärische Aktion (2. Sam 8,13.14), und Salomos Widersacher ist ein Edomiter, gegen den er in den Krieg zieht (1. Kön 11,14–16).
  • In der Zeit von König Joram rebellieren die Edomiter gegen Juda und setzen einen eigenen König ein (2. Kön 8,20–22). Etwa 100 Jahre später besiegt König Amazja sie und Edom wird erneut ein Teil von Juda (2. Kön 14,7). Während der Regierungszeit von König Ahas gibt es erneute Auseinandersetzungen zwischen beiden Völkern (2. Chr 28,17).
  • Zum Ende der Königsdynastie Davids sind es besonders die Edomiter, die den Feind aus Babel anstiften, gegen Jerusalem zu kämpfen und es zu vernichten (Ps 137,7; Klg 4,21).
  • Edom kommt – wie Juda – unter babylonische Herrschaft, kann allerdings in seinem Land wohnen bleiben. Im 5. Jahrhundert v. Chr. werden die Edomiter von den Nabatäern (einem Volkstamm der Araber) gezwungen, ihr Gebiet zu verlassen. Sie ziehen in den Süden Judäas und werden dort als Idumäer bekannt.11 Ca. 120 v. Chr. werden die in Juda lebenden Edomiter von einem Makkabäer namens Johannes Hyrcanus gezwungen, sich beschneiden zu lassen und die jüdischen Gesetze zu halten.
  • Die Römer gestatten den Idumäern eine gewisse politische Eigenständigkeit, so dass sie ihre eigenen Könige haben. Einer dieser Könige aus den Nachfahren der Edomiter ist König Herodes. Hier setzt sich die Feindschaft fort, indem Herodes den Kindermord von Bethlehem initiiert, dem der Herr Jesus zum Opfer fallen soll. Später billigt ein anderer Herodes den Mord an Ihm.
  • Im Jahr 70 beteiligen sich die Edomiter an dem Aufstand der Juden gegen Rom und werden gemeinsam mit den Juden von den Römern besiegt. Von da ab verliert sich ihre Spur. Sie verschwinden im Meer der Völker. Gott wird sie finden, und in der Endzeit wird Edom wieder einer der Feinde der Juden werden.

Es ist bemerkenswert, wie sich durch die Geschichte beider Völker ein roter Faden zieht. Esau verkörpert die ungöttliche und fleischliche Linie (vgl. Heb 12,16), während Jakob, trotz aller eigenen Fehler, die göttliche Linie der Verheißung verkörpert. Es ist – in einem angewandten Sinn – der alte Kampf zwischen dem Fleisch und dem Geist (vgl. Gal 5,17). So wie Edom versuchte, die Oberhand zu haben, wird das Fleisch immer versuchen, seinen Einfluss auf uns geltend zu machen.

6. Die Verbindung zu anderen Propheten

Beim Lesen des Propheten Obadja fällt auf, dass es gewisse Parallelen zu den Weissagungen anderer Propheten gibt, besonders zu einigen Passagen aus Jeremia 49 (vgl. Obad 9.10.14–17).12 Daraus vorschnell zu schließen, Jeremia habe von Obadja abgeschrieben, wird der Sache ganz sicher nicht gerecht. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, dass jedes Wort der Bibel vom Heiligen Geist eingegeben worden ist (2. Pet 1,21). Das bedeutet jedoch nicht, dass ein späterer Schreiber nicht die Texte eines früheren Schreibers vor sich liegen hatte und dass der Heilige Geist ihn so leitete, gewisse Passagen zu übernehmen. Ob es in dem vorliegenden Fall so war, ist gut möglich, denn gerade Jeremia bezieht sich mehrfach auf das, was andere Propheten vor ihm geschrieben haben. Wir können es jedoch nicht mit Sicherheit sagen. Wenn der Heilige Geist dem einen Schreiber etwas eingab, kann Er es einem anderen Schreiber ebenso eingegeben haben. Zum einen sind Wiederholungen ein wichtiges Prinzip beim Lernen der biblischen Wahrheiten. Es gibt Dinge, die Gott so wichtig sind, dass Er sie mehrfach aufschreiben ließ. Zum anderen zeigt ein Vergleich ähnlich klingender Passagen dennoch häufig in den Nuancen feine Unterschiede, die manchmal auf eine unterschiedliche Sichtweise hinweisen.13 Im Fall von Obadja und Jeremia ist es denkbar, dass sich beide auf eine unterschiedliche historische Situation beziehen. Obadja schreibt über den Angriff auf Jerusalem unter König Joram, während Jeremia über den Angriff der Babylonier am Ende der Königszeit Judas schreibt.

7. Ein prophetisches Buch

Das Buch Obadja redet direkt zu Edom und beinhaltet zugleich eine Botschaft an das irdische Volk Gottes in der Zeit, in der Obadja lebte. Darüber hinaus spricht es jeden an, der es liest. Dennoch ist das Buch zugleich ein prophetisches Buch, so dass wir davon ausgehen können, dass es nicht nur über bereits stattgefundene Ereignisse spricht, sondern zukünftige Dinge voraussagt.14 Das große Thema der Propheten ist die Person Christi in seinen Leiden und seinen Herrlichkeiten (1. Pet 1,11). Mit den Herrlichkeiten ist das zukünftige Reich untrennbar verbunden. Die Propheten weisen auf die „Macht und Ankunft unseren Herrn Jesus Christus“ hin (2. Pet 1,16). Die Prophetie verbindet sich nicht mit der Offenbarung des ewigen Ratschlusses Gottes hinsichtlich der Versammlung (Gemeinde), sondern es geht um die Offenbarung der Wege Gottes mit der Erde, die zu dem tausendjährigen Reich führen. Dazu zählen insbesondere die Gerichte, die diesem Reich vorausgehen.

Der Prophet Obadja spricht also nicht nur über das historische Edom, sondern gibt zugleich eine Vorausschau auf die Zeit des Endes, wenn Edom erneut erscheint und gemeinsam mit anderen Staaten die Juden bedrängen wird. Die meisten Völker, die diesen antisemitischen Staatenbund bilden, werden in Psalm 83 genannt. Die Liste wird von Edom angeführt: „Kommt und lasst uns sie vertilgen, damit sie keine Nation mehr seien, damit nicht mehr gedacht werde des Namens Israels! Denn sie haben sich mit einmütigem Herzen beraten, sie haben einen Bund gegen dich geschlossen: die Zelte Edoms und die Ismaeliter, Moab und die Hageriter...“ (Ps 83,5–7).

Obwohl die Edomiter einerseits längst der Vergangenheit angehören, werden sie in Zukunft wieder existieren bzw. sind – wie der Staat Israel – bereits existent.15 Das Territorium, das sie damals bewohnten, kennen wir heute unter der Bezeichnung Südjordanien. Es gibt eine ganze Reihe von Bibelstellen, die über das zukünftige Edom als Feind der Juden sprechen. Dazu zählen neben dem bereits zitierten Psalm 83 unter anderem die Worte Bileams in 4. Mose 24,17.18; Psalm 108,7–11; Jesaja 34,1–8; Jesaja 63,1; Jeremia 49,7–22; Klagelieder 4,21.22; Hesekiel 25,12–14; Hesekiel 35; Dan 11,41; Joel 4,19.20. Daraus ergibt sich ein Gesamtbild, das uns zeigt, dass das Brudervolk Israels sich in der Endzeit erneut gegen die Juden und Jerusalem wendet und deshalb von Gott gerichtet werden wird. Das Gericht über Esau ist eines der letzten Gerichte, das vor der Aufrichtung des Reiches durch den Messias ausgeübt wird. Sein Volk Israel wird Ihn dabei begleiten (vgl. Jes 11,14; Hes 35,6; Amos 9,12). Dieses Gericht hat zugleich einen gewissen Beispielcharakter für das Gericht über andere Nationen (vgl. Obad 5.16).16

Doch Obadja spricht nicht nur über Edom, sondern er spricht am Ende über Israel und den Tag des Herrn. Viele Bibelleser wissen, dass dieser „Tag“ (eine Zeitperiode) noch zukünftig ist und erst anbrechen kann, wenn der Herr Jesus gekommen ist, um die Gläubigen zu entrücken (vgl. 2. Thes 2,1–12). Hier zeigt sich, dass Obadja auf eine noch kommende Zeit hinweist. Gerade die Verse 17–21 können nur prophetisch ausgelegt werden.

8. Christus im Propheten Obadja

Wo immer wir das Alte Testament aufschlagen, können wir erwarten, etwas über unseren Herrn zu erfahren. Er hat selbst gesagt, dass die Schriften (das Alte Testament) von Ihm zeugen (Joh 5,39). Den Jüngern, die auf dem Weg nach Emmaus waren, erklärte Er in allen Schriften das, was Ihn selbst betraf (Lk 24,27), und Petrus sagt uns, dass die alttestamentlichen Propheten von seinen Leiden und den Herrlichkeiten danach gesprochen haben (1. Pet 1,11). Das bedeutet nun nicht, dass jede Aussage der Propheten direkt auf Christus zu deuten ist, sondern dass alles, was sie zu sagen hatten, mit seinen Leiden und der künftigen Herrlichkeit des Reiches verbunden ist. Deshalb heißt es in Offenbarung 19,10, dass der Geist der Weissagung „das Zeugnis Jesu“ ist. Er ist der Mittelpunkt jeder Weissagung, selbst wenn sie sich nicht direkt auf Ihn bezieht. Deshalb finden wir im Buch Obadja, obwohl sein Hauptthema das Gericht über das hochmütige Brudervolk Israels ist, ebenfalls die Person des Herrn Jesus. Wir lernen, dass Christus sich darin verherrlicht, dass Er Gericht ausübt. Wir denken häufig an seine Herrlichkeit in Verbindung mit der Offenbarung der Gnade Gottes – und das ist auch gut so –, doch diese Seite seiner Herrlichkeit im Gericht sollten wir nicht übersehen.

Weitere Hinweise auf Christus:

  1. Gott stellt sich im Propheten Obadja nicht als Gott, der Allmächtige (El) vor, sondern – von einer Ausnahme abgesehen – als der Herr (Jahwe). So wird Er siebenmal genannt (Verse 1.4.8.15.18.21). Jahwe ist der Name des Bundesgottes Israels (2. Mo 3,14) und weist auf den hin, der sich nicht verändert (Mal 3,6). Im Licht des Neuen Testamentes erkennen wir darin einen deutlichen Hinweis auf den, vom dem der Hebräerbrief sagt: „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ (Heb 13,8). Im Propheten Obadja redet und offenbart sich der Unveränderliche, dem wir in allem voll vertrauen können. Er steht zu dem, was Er verkündigt, sei es im Gericht, sei es in Gnade.
  2. Obadja spricht über den Tag des Herrn (V. 15) und von dem Reich, das dem Herrn gehören wird (V. 21). Beides sind Hinweise auf das kommende Reich, das dadurch gekennzeichnet ist, dass die Rechte des Herrn Jesus, der jetzt abgelehnt wird, öffentlich anerkannt werden. Der „Tag des Herrn“ ist dabei besonders mit den vorlaufenden Gerichten verbunden. Der Tag des Herrn wird mit Gericht eingeführt, und dann regiert Er als der „König der Könige“ und „Herr der Herren“ (1. Tim 6,15; Off 19,16). Derjenige, der bis heute verachtet und missachtet wird, wird dann die Regierung antreten und geehrt und verherrlicht sein. Der „Tag des Herrn“ ist besonders mit seiner richterlichen Herrlichkeit verbunden, während das „Reich des Herrn“ besonders mit seiner königlichen Herrlichkeit zu tun hat. Und selbst wenn Er für uns Christen nicht „unser König“ ist, so wissen wir doch, dass wir Ihn bei seinem Kommen auf diese Erde begleiten und sogar seine Herrlichkeit erhöhen werden (2. Thes 1,10).
  3. Es gibt wohl keinen Charakterzug Edoms, der stärker in diesem Buch herausgestellt wird als der Hochmut. In Form eines Kontrastes erinnert uns der Prophet Obadja an Christus, der das genaue Gegenteil dieses Hochmuts und der Selbsterhebung war. Er war sanftmütig und von Herzen demütig (vgl. Mt 11,29; Mk 10,45). Darin ist Er für uns Vorbild und Motivation (Mt 23,12). Er hat es vorgelebt, sich selbst zu erniedrigen und zu nichts zu machen – und das, obwohl Er alles war.
  4. In Form eines weiteren Kontrastes denken wir an einen König der Edomiter (Herodes), der mit dem König der Juden (Christus) zusammentraf und Ihn geringschätzig behandelte (Lk 23,11) und in dem Urteil über Christus ein Freund des römischen Gouverneurs Pilatus wurde (Lk 23,12). So wie Edom damals den Untergang der Juden schadenfroh betrachtete, war es diesem Nachkommen Herodes eine Freude, dass Pilatus Jesus kreuzigen ließ. Er „freute ... sich sehr“, als er Jesus sah, und mit Hilfe seiner Soldaten behandelte er Ihn voll Verachtung und verspottete Ihn (Lk 23,8.11). Insofern sehen wir hier Christus, der mit seinem irdischen Volk mitfühlen kann, weil Ihm selbst Schlimmeres widerfahren ist. Christus nimmt in Wahrheit den Platz des Überrestes vor Gott ein. Er teilte die Leiden des Volkes, fühlte den bitteren Schmerz ihres Kummers, litt wegen ihrer Not und der Last, die sie drückte. Obadja spricht nicht von den sühnenden Leiden, sondern über seine Leiden der Gerechtigkeit wegen. Er nahm tatsächlich die Not und die Unterdrückung auf sich, unter der sein Volk stöhnte, und fühlte die furchtbaren Leiden davon tief in seiner Seele.

9. Nützlich für uns

Aus dem Neuen Testament wissen wir, dass alle Schrift von Gott eingegeben ist und deshalb für uns nützlich ist (2. Tim 3,16). Beim oberflächlichen Lesen des Propheten Obadja könnte sich allerdings die Frage erheben, wo die Nutzanwendung dieses kleinen Buches für den modernen Menschen des 21. Jahrhundert liegt. Bei näherem Nachdenken erkennen wir jedoch eine ganze Reihe praktischer Anwendungen und Lektionen. Einige davon sind:

  • Warnung vor Stolz und Hochmut: Stolz und Hochmut sind hässliche Auswüchse der alten Natur, die sich nicht nur in ungläubigen Menschen, sondern leider selbst bei Gläubigen zeigen. Es sind Merkmale, die als ersten den Teufel charakterisierten (Jes 14,13.14). Sie sind ebenso charakteristisch für Edom und Esau und damit für das Fleisch. Das Neue Testament spricht von dem „Hochmut des Lebens“ (1. Joh 2,16). Zweimal wird im Neuen Testament gesagt, dass Gott dem Hochmütigen widersteht, während der Demütige Gnade bekommt (Jak 4,6; 1. Pet 5,5). Salomo warnt seinen Sohn: „Stolz geht dem Sturz, und Hochmut dem Fall voraus“ (Spr 16,18). Das macht das Buch Obadja am Beispiel Edoms sehr deutlich. Der Hochmut führt am Ende genau ins Gegenteil von dem, was der Mensch eigentlich sucht: das Leben. In Wirklichkeit zerstört Hochmut das Leben – der wahre Gewinner ist der Demütige.
  • Warnung vor Bruderhass: Hass ist eine ebenso hässliche Äußerung der alten Natur in uns. Wenn es jedoch Bruderhass ist, zeigt er sich noch abscheulicher. Wir denken an die Brüder Josephs, die ihn aus unterschiedlichen Gründen gehasst haben (1. Mo 37,4.5.8). Im Gesetz hatte Gott ausdrücklich vor Bruderhass im Herzen gewarnt (vgl. 3. Mo 19,17). Der erste Mord in der Bibel zeigt, wohin Brüderhass führen kann. Im Neuen Testament warnt besonders Johannes vor Bruderhass (vgl. 1. Joh 2,9.11; 3,15; 4,20). Niemand hat den Hass seiner „Brüder im Fleisch“ so verspürt wie unser Herr. Deshalb kann Er auch in diesem Punkt mitfühlen.
  • Warnung vor menschlicher Weisheit: Ein weiterer Charakterzug Edoms ist menschliche Weisheit. Ohne Frage hat menschliche Weisheit Beachtliches erreicht. Wenn diese Weisheit jedoch nicht mit göttlicher Einsicht verbunden ist, macht sie uns nur stolz und wird am Ende vergehen. Paulus spricht im ersten Korintherbrief über die menschliche Weisheit und zeigt, dass sie in Wirklichkeit Torheit ist (1. Kor 1, 19–21.27; 3,19). Was wir nötig haben, ist die Weisheit „aus Gott“ und die „Weisheit von oben“ (1. Kor 1,30; Jak 3,17). Über diese Weisheit lesen wir an verschiedenen Stellen im Buch der Sprüche.
  • Die Prinzipien von Verantwortung und Gnade: In Galater 6,7 wird uns das Prinzip der Verantwortung gezeigt. Es lautet: „Was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten.“ An vielen Beispielen im Alten Testament wird dieser Grundsatz illustriert. Eine dieser Illustrationen finden wir im Buch Obadja. Esau hatte eine Saat gesät, und diese Saat ging auf. Gott hatte sich eine Weile still angesehen, was Edom seinem Bruder angetan hatte. Doch dann kam der Tag der Abrechnung. Dieses Prinzip ist bis heute gültig. Es betrifft nicht nur ungläubige Menschen, die am Ende gerichtet werden, wenn sie nicht Buße tun, sondern in der Regierung Gottes kennen auch wir Gläubigen dieses Prinzip – allerdings nicht, was die Ewigkeit betrifft. Hier gilt Psalm 103,10: „Er hat uns nicht nach unseren Sünden getan und uns nicht nach unseren Ungerechtigkeiten vergolten.“ Das ist das Prinzip der Gnade, das das Prinzip der Verantwortung überwindet. Obwohl Israel nicht besser war als Edom, werden sie am Ende in den Segen des tausendjährigen Reiches eingehen. Das wird nichts anderes als pure Gnade sein.

10. Gliederung

Die 21 Verse des Buches lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise einteilen. Eine Möglichkeit ist, sie in die folgenden vier Teile zu gliedern:

  • Teil 1: Verse 1–9: Das Gericht und der Untergang Edoms werden angekündigt
    Einführung (Vers 1)
    Die Erniedrigung Edoms (Verse 2–4)
    Die Plünderung Edoms (Verse 5–7)
    Die Weisheit Edoms wird vernichtet (Verse 8.9)
  • Teil 2: Verse 10–14: Das Gericht über Edom wird begründet
    Die Anklage wird erhoben (Vers 10)
    Die Anklage wird erläutert (Verse 11–14)
  • Teil 3: Verse 15.16: Gericht über die Nationen
  • Teil 4: Verse 17–21: Die Rettung des Herrn für Israel und das kommende Reich

Fußnoten

  • 1 Obadja ist nicht der einzige Prophet, der dieses Thema aufgreift. Insgesamt sind es acht Propheten, die über Edom weissagen, nämlich außer Obadja noch Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel, Joel, Amos und Maleachi. In den Psalmen ist ebenfalls mehrfach von Edom die Rede.
  • 2 W. Kelly weist in seiner Auslegung über den Propheten Obadja mit Nachdruck darauf hin, dass diese Aussage nicht in 1. Mose steht, sondern ganz am Ende des Alten Testamentes. Er schreibt: „Ich könnte mir nichts Schrecklicheres vorstellen, als dies im 1. Buch Mose zu lesen: Die Bibel zeigt uns Gott an keiner Stelle als jemand, der vor der Geburt eines Kindes und bevor es Bosheit und Hochmut gezeigt hat, sagen würde: ‚Esau habe ich gehasst.‘… Das heißt jedoch nicht, dass Gottes Auswahl durch den Charakter eines Menschen bestimmt wird. Wenn es so wäre, würden wir den Menschen zum Herrscher machen und nicht Gott. So ist es nicht. Gottes Auswahl ist ein Ergebnis seiner Weisheit und seines Wesens. Gottes Auswahl ist seiner würdig, doch die Bosheit und Verkommenheit irgendeines Menschen und jedes Ungläubigen ist niemals Gegenstand der Souveränität Gottes. Gottes Auswahl ist es, Gutes zu tun – und so, wie es Ihm gefällt und wo es Ihm gefällt. Doch es ist nie der Vorsatz seines Willens, irgendeinen Menschen zu hassen. Das lehrt die Bibel nicht. Ich halte deshalb daran fest, dass die Auserwählung eine eindeutige biblische Wahrheit ist, während die Schlussfolgerung, die Menschen daraus gezogen haben, nämlich die Ablehnung und Missbilligung der Nicht-Erwählten, eine menschliche Erfindung ist, eine Verführung des menschlichen Geistes in den Dingen Gottes.“ (W. Kelly: The Prophet Obadiah).
  • 3 Eine weitere Schlussfolgerung daraus ist, dass die Bewohner von Jerusalem diejenigen waren, die seine Weissagung zuerst zur Kenntnis bekamen, selbst wenn das nicht explizit gesagt wird.
  • 4 Das gilt allerdings ebenfalls für die Bücher Ruth, Esra, Nehemia, Prediger, Hohelied und Nahum und ist deshalb als Argument gegen die Authentizität des Propheten Obadja nicht geeignet. Im Übrigen gibt es im Neuen Testament zumindest indirekte Hinweise auf diesen kleinen Propheten (z. B. In 1. Kor 1,19 und Off 11,15).
  • 5 Für diese verkehrte Sichtweise werden zwei Argumente angeführt: Erstens unterstellt man, dass Obadja keine historische Person war, sondern als Titel für Knechte oder Propheten Gottes gilt. Zweitens schreibt man die beiden großen Themen (Gericht für Edom und Segen für Israel) mindestens zwei Verfassern zu (manche sprechen sogar von sieben Autoren). Beide Argumente sind unzutreffend. Erstens war Obadja ein durchaus geläufiger Name in Israel, so dass es sonderbar sein würde, wenn gerade der Verfasser dieses Prophetenbuches sich nicht mit seinem Namen vorstellen würde. Zweitens verkennen diese Theologen den engen Zusammenhang zwischen dem Gericht für die Feinde und dem Segen für Israel. Das Buch bildet eine untrennbare Einheit und ist von einer einzigen Person mit Namen Obadja geschrieben worden.
  • 6 Hinzu kommt, dass Obadja von Entronnenen spricht (Vers 14), die es bei der Zerstörung der Stadt durch Nebukadnezar nicht gegeben hat.
  • 7 Das schließt allerdings nicht aus, dass Obadja in Vers 11 die Eroberung Jerusalems durch die Babylonier voraussagt bzw. in seine Weissagung einschließt. Das wäre dann eine Vorerfüllung, denn die endgültige Erfüllung liegt immer noch in der Zukunft und ist mit dem „Tag des Herrn“ (dem kommenden Gericht) verbunden (vgl. Ps 83).
  • 8 Man kann die Bücher der Propheten unterschiedlich einteilen. Eine Möglichkeit ist die Trennung in „große“ und „kleine“ Propheten. Eine andere Möglichkeit ist, sie nach der Zeit einzuteilen, in der sie geweissagt haben. Dann ergeben sich drei Gruppen: Erstens die Propheten, die vor dem Exil in Babylon (also in der Zeit der Dominanz der Assyrer) gelebt haben. Zweitens diejenigen, die während der Zeit des Exils geweissagt haben (also in der Zeit der Dominanz der Babylonier), und drittens diejenigen, die Gott nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft in Babel mit einer Botschaft beauftragt hat (also während der Zeit der Dominanz der Perser).
  • 9 Die Reihenfolge ist allerdings nicht komplett chronologisch. Hosea wurde bewusst an die erste Stelle gesetzt, weil er der längste der kleinen Propheten ist. Allerdings stehen die Propheten, die während der assyrischen Zeit weissagten, am Anfang, und die Propheten, die nach dem babylonischen Exil lebten, am Ende. Da Obadja eindeutig zur ersten Gruppe gehört, ist davon auszugehen, dass er deutlich vor dem Ende des Königtums in Juda gelebt hat.
  • 10 Esau wird auch Edom genannt (vgl. 1. Mo 36,1.8.19). Edom bedeutet „rot“. Schon in 1. Mose 25,25 lesen wir, dass Esau rötlich war. Diese Farbe hat ihn begleitet, denn das Linsengericht, für das er sein Erstgeburtsrecht verkaufte, war ebenfalls rot. 1. Mose 25,30 sagt ausdrücklich, dass er von „dem Roten da“ essen wollte und deshalb den Namen Edom bekam.
  • 11 Der Landstrich, in dem sie sich niederließen, wurde von den Griechen Idumäa genannt (Mk 3,8). Deshalb werden die Edomiter im Neuen Testament „Idumäer“ genannt.
  • 12 Darüber hinaus gibt es in den beiden Propheten Joel und Amos gewisse Passagen und Ausdrücke, die an das erinnern, was Obadja geschrieben hat (z. B. Joel 3,5; 4,3.19; Amos 1,6.11.12).
  • 13 Als Beispiel aus dem Neuen Testament sei das Zitat aus Habakuk 2,4 erwähnt, dass der Gerechte aus Glauben leben wird. Dieser Satz steht im Neuen Testament dreimal (Röm 1,17; Gal 3,11; Heb 10,38), und an jeder Stelle wird eine verschiedene Sichtweise gezeigt. Römer 1,17 betont den Gerechten, Galater 3,11 den Glauben und Hebräer 10,38 das Leben.
  • 14 Damit ist nicht gesagt, dass jeder Dienst eines Propheten etwas mit der Voraussage zukünftiger Ereignisse zu tun hat. Ein Prophet ist grundsätzlich jemand, der für einen anderen spricht, sei es als Sprachrohr eines Menschen zu Gott oder – wie in den meisten Fällen – als Sprachrohr Gottes zu den Menschen. Die erste Aufgabe der Propheten, die Gott seinem Volk sandte, bestand darin, dass sie aus der Gegenwart Gottes mit einer Botschaft Gottes (Ermutigung, Warnung, Gericht) zu den Menschen kamen. Dennoch haben gerade die schreibenden Propheten fast alle auch zukünftige Dinge vorausgesagt.
  • 15 Vgl. dazu der Artikel von E. A. Bremicker: „Prophetische Zeitzeichen: Israel und seine arabischen Nachbarstaaten – Schatten prophetischer Ereignisse“ in: www.Bibelkommentare.de.
  • 16 An dieser Stelle sei warnend darauf hingewiesen, dass es nicht möglich ist, Teile des aktuellen politischen Geschehens im Nahen Osten mit den prophetischen Aussagen der Bibel erklären zu wollen. Es gibt leider Ausleger, die das tun und zu völlig falschen Schlussfolgerungen kommen. Ohne Frage werfen die zukünftigen prophetischen Ereignisse ihre Schatten voraus. Solche Schatten können wir z. B. in der Auseinandersetzung zwischen Jordanien und Israel erkennen. Doch es sind nicht mehr als Schatten und Andeutungen. Sie sind mit Sicherheit keine Erfüllung biblischer Prophetie. Diese Erfüllung beginnt erst in der Zeit des Endes, nachdem Christus zur Entrückung gekommen ist.

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