Einführung in das Buch Haggai

Die Botschaft des Propheten ist eindringlich, aufrüttelnd und herausfordernd. Es ist nicht sehr schwierig, sie zu verstehen und daraus die richtigen Konsequenzen für uns abzuleiten. Deutlich schwieriger ist es, das in die Tat umzusetzen, wozu Haggai jeden Leser seines Buches auffordert – damals den Überrest der Juden, heute uns.

Der historische Hintergrund des Buches Haggai ist traurig und demütigend. Dennoch macht das Buch Mut. Wir erkennen einerseits unsere eigene Schwachheit und unser Unvermögen. Wir erkennen andererseits, dass Gott sein Volk nicht ohne Hilfsquellen lässt. Wir leben in einer Zeit „kleiner Dinge“ (Sach 4,10) und „kleinen Kraft“ (Off 3,8). Dennoch sollten wir nicht vergessen, dass der Geist Gottes und das Wort Gottes mächtig und wirkungsvoll sind und „in unserer Mitte bestehen“ (Hag 2,5).

1. Der historische Hintergrund

Zum richtigen Verständnis der Botschaft Haggais ist es unerlässlich, den geschichtlichen Zusammenhang zu kennen. Nur dann sind wir in der Lage, seine Botschaft richtig zu verstehen und sie nutzenstiftend in unsere Zeit zu übertragen.1

Zurück aus dem babylonischen Exil

Das Buch Esra zeigt uns, dass sowohl Haggai – ebenso wie Sacharja – in der Zeit lebten und weissagten, als ein Überrest der Juden aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückgekehrt war. Durch den Propheten Jeremia hatte Gott vorher angekündigt, dass die Gefangenschaft in Babel 70 Jahre dauern würde (vgl. Jer 25,11.12; 29,10). Diese Zeit begann mit der ersten Wegführung eines Teils der Juden unter der Regierung Jojakims im Jahr 606/605 v. Chr. Sie endete mit der Verordnung des Perserkönigs Kores (Cyrus) im Jahr 537/536, als er den Juden erlaubte, nach Jerusalem zurückzukehren, um dort den durch Nebukadnezar zerstörten Tempel wieder aufzubauen. In diese Zeit fiel das Wirken der Propheten Haggai und Sacharja. Dazu lesen wir im Buch Esra: „Und Haggai, der Prophet, und Sacharja, der Sohn Iddos, die Propheten, weissagten den Juden, die in Juda und in Jerusalem waren; im Namen des Gottes Israels der über ihnen war“ (Esra 5,1).

Die Rückkehr nach Jerusalem fand nicht in einem Zug statt. Das Alte Testament berichtet von 3 verschiedenen Zeitpunkten, an denen Juden von Babel in ihre Heimat zurückkamen:

  1. Im Jahr 536 v. Chr. unter Serubbabel und Josua (Esra 1). Im Mittelpunkt dieser Rückkehr standen der Altar und der Tempel.
  2. Im Jahr 458 v. Chr. unter Esra (Esra 7). Im Mittelpunkt dieser Rückkehr stand das Wort Gottes.
  3. Im Jahr 445 v. Chr. unter Nehemia (Neh 2). Im Mittelpunkt dieser Rückkehr standen die Mauer und die Tore der Stadt.

Der Bau des Hauses Gottes wird unterbrochen

Das Buch Esra berichtet uns in den Anfangskapiteln von der ersten Rückkehr. Unter Serubbabel, dem Landpfleger und Josua, dem Hohenpriester machten sich weniger als 50.000 Juden auf den Weg nach Jerusalem. Die erste Aktivität dieser aus Babel zurückgekehrten Juden bestand darin, den Altar an seiner Stätte zu errichten, um Gott opfern zu können (Esra 3,3). Damit gaben sie ein öffentliches Zeugnis davon, dass sie ihrem Gott dienen wollten. Doch damit nicht genug. Es war ihr Wunsch, den Tempel Gottes wieder zu bauen, der unter Nebukadnezar zerstört worden war. Unverzüglich machten sie sich an die Arbeit. Als die Bauleute den Grund legten, gab es ein großes Jubelfest, in das sich allerdings die Tränen derer mischten, die den Tempel Salomos noch gesehen hatten (Esra 3,10–13).

Wo Gott am Werk ist, ergreift der Feind ebenfalls die Initiative. Das vierte Kapitel des Buches Esra berichtet uns von den Aktivitäten der Widersacher dieser Juden. Zuerst kamen sie mit List. Sie boten den Juden an, mit ihnen bauen zu wollen. Diese Taktik der Vermischung wurde unmittelbar erkannt. Mit klaren Worten erteilten Serubbabel, Josua und die übrigen Führer des Volkes eine Absage (Esra 4,1–5).

Danach änderten die Feinde ihre Strategie. Was ihnen mit List nicht gelang, erreichten sie nun mit der Androhung von Gewalt. Sie schalteten den heidnischen König ein und erreichten schließlich, dass König Artaxerxes den Befehl erteilte, mit dem Bau aufzuhören. Der Geschichtsschreiber fasst dies so zusammen: „Damals hörte die Arbeit am Haus Gottes in Jerusalem auf, und sie unterblieb bis zum zweiten Jahr der Regierung des Königs Darius von Persien“ (Esra 4,24). Diese Zeitspanne müssen wir mit etwa 2 Jahren (zwischen 522 und 520 v.Chr.) ansetzen. Sie begann unter der Regierung Artasastas (523–522 v.Chr.) und dauerte bis zum zweiten Jahr der Regierung Darius2 im Jahr 520. In diesem Jahr berief Gott den Propheten Haggai und schickte ihn mit einer Botschaft zu dem Volk (Esra 5,1). Diese Botschaft ist uns in der Bibel schriftlich erhalten geblieben. Es ist das Buch des Propheten Haggai.

Die wahren Ursachen für den Baustopp

Haggai bleibt in seiner Botschaft nicht bei den äußeren Dingen stehen. Er spricht nicht von der Bedrohung der Feinde, sondern er deckt die wirklichen Hintergründe auf. Er zeigt deutlich und schonungslos, warum die Juden tatsächlich aufgehört hatten zu bauen. Haggai nimmt kein Blatt vor den Mund. Er macht deutlich, dass Eigeninteresse, Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit die wirklichen Ursachen für den Baustopp waren. Ihre eigenen Interessen waren ihnen wichtiger als die Sache Gottes. Die Fragen Haggais müssen wie ein Hammerschlag gewirkt haben: „Ist es für euch selbst Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus wüst liegt“ (Kap. 1,4)? Das war die wirkliche Ursache. Ihre eigenen Häuser standen im Blickpunkt des Interesses. Das Haus Gottes war ihnen gleichgültig.

Der Prophet Haggai zeigt, dass die Arbeit nicht deshalb aufhörte, weil Feinde da waren, die ihnen mit Macht wehrten. Nein, die Arbeit hörte deshalb auf, weil die Herzen nicht mehr für Gott schlugen. Weil das der Fall war, waren sie bei dem aufkommenden Widerstand sofort bereit, mit der Arbeit aufzuhören.

Gott tut ein Werk

Gott konnte das nicht einfach hinnehmen. Seine Antwort war für das Volk schmerzhaft. Er konnte sie nicht mehr segnen. Im Gegenteil, seine Hand war gegen sie. Doch das nicht allein. Gott kommt mit einer Botschaft zu ihnen, mit einer Botschaft, die sie aufrütteln und neu motivieren sollte. Er fordert sie auf, ihre Wege im Herzen zu überdenken und neu anzufangen. Und das Volk hörte auf die Worte seines Gottes. Sie nahmen die Arbeit wieder auf und nach etwa 4 Jahren Bauzeit beendeten sie im Jahr 516 v.Chr. (Esra 6,15). Mit großer Freude wurden das Passahfest und das Fest der ungesäuerten Brote gefeiert (Esra 6,19–22).

2. Haggai, der Prophet

Sein Hintergrund

Über Haggai selbst wissen wir relativ wenig. Er wird in Esra 5,1 und Esra 6,14 erwähnt. Sein Name bedeutet: „Meine Feste“, „festlich“ oder „meine Festtagsfreude“. Das lässt darauf schließen, dass er möglicherweise an einem Festtag der Juden geboren worden war und seine Eltern ihm deshalb diesen Namen gegeben hatten. Wir dürfen weiter annehmen, dass seine Eltern gottesfürchtige Juden waren, die den Wunsch hatten, dass ihr Sohn zur Freude Gottes leben sollte. Das ist umso bemerkenswerter, weil die Eltern Haggais in einer schweren Zeit lebten, in der nur wenige im Volk sich um Gott und seine Interessen kümmerten. Haggai wurde entweder in der letzten Zeit der Könige von Juda oder bereits im Exil in Babel geboren – jedenfalls zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Masse des Volkes von Gott entfernt hatte.

Einige Bibelausleger nehmen an, dass Haggai, als er von Gott berufen wurde, schon relativ alt war. In Kapitel 2,3 ist von Menschen die Rede, die den Tempel Salomos noch gesehen hatten. Es ist möglich, dass Haggai dazu zählte. Sicher ist das jedoch nicht. Man kann allerdings davon ausgehen, dass er älter war als der Prophet Sacharja, der seinen prophetischen Dienst unter dem Volk etwa zeitgleich begann3.

Seine Dienstzeit

Die Weissagung Haggais fällt in das Jahr 520 v. Chr. Sein Dienst, so wie er uns in seinem Buch berichtet wird, erstreckt sich nur über einen Zeitraum von etwa 4 Monaten. Doch damit war seine Aufgabe nicht beendet. In Esra 6,14 lesen wir: „Und die Ältesten der Juden bauten; und es gelang ihnen durch die Weissagung Haggais, des Propheten, und Sacharjas, des Sohnes Iddos“. Die Einweihung des Tempels fand im Jahr 516 v. Chr. statt, so dass der Dienst Haggais zumindest bis zu diesem Zeitpunkt andauerte.

Eine besondere Auszeichnung

Haggai zählt ohne Frage zu den weniger bekannten Persönlichkeiten des Alten Testamentes. Er war ein Prophet, d.h. jemand, der im Auftrag Gottes zum Volk Gottes redete. Sein Schreibstil ist relativ einfach. Und doch bekommt gerade dieser Prophet eine ganz besondere Auszeichnung. Er ist der einzige unter allen Propheten des Alten Testamentes, der ausdrücklich den Titel „Bote des Herrn“ bekommt (vgl. Kap. 1,13). Damit ist nicht gesagt, dass andere Diener nicht ebenfalls „Boten des Herrn“ waren, doch nur Haggai wird ausdrücklich so genannt4. Gott sieht nicht auf das, worauf die Menschen sehen, sondern Er sieht das Herz an. Das Herz Haggais muss so für seinen Herrn geschlagen haben, dass Er ihm diesen Ehrentitel gibt.

3. Fünf Botschaften Haggais an das Volk

Haggai spricht als Prophet im Auftrag Gottes. Fünf Mal erhält er die Anweisung, zu dem Volk zu reden.

  1. Die erste Botschaft (Kap. 1,4–11) ist eine Botschaft, die aufrütteln soll. Der Prophet zeigt die wirklichen Hintergründe auf, warum das Volk mit dem Bauen am Haus Gottes aufgehört hatte. Es waren nicht die Feinde, die sie bedrohten, sondern ihr eigenes, egoistisches Verhalten. Sie hatten die falschen Prioritäten gesetzt. Weil das so war, musste Gott ihnen seinen Segen entziehen. Jetzt fordert Er sie auf, da weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten. Sie sollten gehen und wieder bauen, so würde Gott „Wohlgefallen daran haben und verherrlicht werden“.
  2. Die zweite Botschaft (Kap. 1,13) ist eine der kürzesten Botschaften überhaupt, die Gott an sein Volk richtet. Nur vier Worte – und doch außerordentlich inhaltsreich. Das Volk hatte auf die Stimme der Warnung Gottes durch den Propheten gehört, und jetzt kommt Gott mit einer Mut machenden Botschaft. „Ich bin mit euch“, lässt Er ihnen sagen. Gott verspricht ihnen seine persönliche Gegenwart und Hilfe.
  3. Die dritte Botschaft (Kap. 2,2–9) ist ebenfalls eine Mut machende Aussage Gottes. Nachdem der Überrest die Arbeiten wieder aufgenommen hatte, bestand die Gefahr, entmutigt zu werden, weil sie ihre Arbeit mit dem Tempel Salomos verglichen. Natürlich war ihr Werk viel unscheinbarer und doch – es war ein Werk zur Ehre Gottes. Deshalb erinnert Er sie an ihre Hilfsquellen, die ihnen zu Verfügung standen. Gleichzeitig lässt Er sie einen Blick in die Zukunft tun, wenn die Herrlichkeit Gottes den Tempel im tausendjährigen Reich erfüllen und gerade dieser Tempel das Zentrum des Friedens auf der Erde sein wird.
  4. Die vierte Botschaft (Kap. 2,11–19) ist wieder eine Warnung Gottes an das Volk. Sie hatten zwar die Arbeit am Tempel Gottes wieder aufgenommen, dennoch gab es immer noch Dinge, die Gott nicht akzeptieren konnte. Die Tatsache allein, dass sie wieder bauten, reichte nicht aus. Gott sah tiefer. Er sah, dass sie mit Dingen in Verbindung standen, durch die sie verunreinigt wurden. Deshalb konnten sie nicht den vollen Segen bekommen, den Er ihnen gerne geben wollte.
  5. Die fünfte Botschaft (Kap. 2,21–23) ist die abschließende Botschaft Gottes. Sie richtet sich ausschließlich an Serubbabel, den politischen Führer des Volkes. Gott nennt ihn seinen Knecht, den Er erwählt hatte. Damit weist Er auf den wahren Knecht Gottes, den Herrn Jesus, hin. Er wird einmal, in der Fülle der Zeit, Gottes Regierung auf dieser Erde ausüben.

4. Serubbabel und Josua

Die Botschaft Haggais war eine Botschaft für das ganze Volk. Dennoch wendet er sich speziell an zwei Männer, nämlich an Serubbabel und an Josua. Beide waren die Führer des Überrestes in Jerusalem:

  1. Serubbabel war Landpfleger (Gouverneur) von Juda. Er trug die politische Verantwortung. Für das, was er tat, war er dem heidnischen König Darius Rechenschaft schuldig. Sein Name bedeutet: „gesät in Babel“ oder „geboren in Babel“. Offensichtlich war er während des Exils in Babel geboren worden. In Matthäus 1,12 und Lukas 3,27 finden wir ihn im Geschlechtsregister des Herrn Jesus wieder. Er war ein Nachkomme Davids und somit königlicher Abstammung.
  2. Josua, der Sohn Jozadaks, war der erste Hohepriester nach der Gefangenschaft. Er war der religiöse Führer des Volkes. Im Propheten Sacharja wird er mehrmals erwähnt. Sein Großvater wurde durch den König von Babel in Ribla getötet (vgl. 2. Kön 25,18–21) und sein Vater gefangen weggeführt.

Beide Männer zusammen sind hier einerseits die Repräsentanten des gesamten Volkes. Gott spricht sie als die Verantwortlichen in erster Linie an. Einen ähnlichen Gedanken finden wir im Neuen Testament wieder. In Offenbarung 2 und 3 sehen wir den Herrn Jesus, der den Zustand der örtlichen Gemeinden in Kleinasien prüft. Er ist derjenige, der „wandelt inmitten der sieben goldenen Leuchter“ (Off 2,1). Seine Worte gelten ganz offensichtlich jeweils der ganzen Gemeinde, und doch wendet Er sich speziell an „den Engel der Versammlung“, d.h. an diejenigen, die besondere Verantwortung trugen. Wir lernen daraus, dass Gott jeden von uns meint, aber seine Worte doch vor allen Dingen an diejenigen richtet, die Verantwortung tragen.

Doch Serubbabel und Josua zeigen uns noch eine andere Seite – eine Seite, die uns glücklich macht. Beide gemeinsam sind ein großartiges Bild von der Person des Herrn Jesus als König und als Priester. Im tausendjährigen Reich wird der Herr sowohl das Königtum als auch das Priestertum ausüben. Der letzte Vers unseres Propheten (vgl. Kap. 2,23) stellt uns Serubbabel, den Knecht des Herrn vor, der von Gott erwählt worden ist, um das Königtum auszuüben. Sacharja 3,8–10 spricht in Verbindung mit Josua von dem Hohenpriestertum des Herrn Jesus. So finden wir gleich in dem ersten Vers – zwar in verborgener Form – einen Hinweis auf die Person unseres Herrn und Heilands, des großen Königs und des wahren Hohenpriesters seines Volkes.

5. Authentizität und Stellung im Kanon des Alten Testamentes

Gegen die Echtheit der Person Haggais und seines Buches gibt es wenig einzuwenden. Die gelegentlichen Versuche bibelkritischer Ausleger müssen hier nicht weiter kommentiert werden. Dies gilt ebenfalls für die Tatsache, dass bei den Funden der Buchrollen am Toten Meer keine Fragmente des Propheten Haggai gefunden worden sind. Daraus meint man ableiten zu können, dass die Rabbiner der sehr strengen Gruppe der Essener im 1. Jahrhundert n. Chr. das Buch Haggai nicht als kanonisch anerkannt haben. Tatsache ist aber, dass es unter den Juden nie eine Frage gegeben hat, ob der Prophet Haggai Teil der Heiligen Schriften ist. Im Babylonischen Talmud heißt es z.B.: „Nachdem die letzten Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi gestorben waren, wich der Heilige Geist von Israel“.5

Die historische Person Haggai begegnet uns bereits im Buch Esra und was dort über ihn gesagt wird, stimmt mit dem überein, was wir in seinem Buch lesen (Esra 5,1; 6,14). Im Neuen Testament wird Haggai nicht namentlich erwähnt. Der Schreiber des Hebräerbriefes zitiert ihn jedoch in Kapitel 12,26. Auch die Kirchenväter erwähnen den Propheten Haggai. Sowohl die jüdische als auch die christliche Überlieferung spricht eindeutig für die Authentizität Haggais als Gottes inspiriertes Wort.

In den uns gebräuchlichen Bibeln ist Haggai der drittletzte der sogenannten „kleinen Propheten“ (die letzten drei, Haggai, Sacharja und Maleachi, beschreiben gemeinsam die Situation des jüdischen Überrestes nach dem babylonischen Exil). In der hebräischen Bibel gehört Haggai mit den übrigen Prophetenbüchern (außer Daniel6) zu den sogenannten „hinteren Propheten“ (die „vorderen“ Propheten sind Josua, Richter, Samuel und Könige).

6. Die prophetische Auslegung

Die Botschaft Haggais enthält neben der rein historischen zunächst eine wichtige zukunftsweisende Komponente in Blick auf die Geschichte der Juden:

Erstens werden wir an den Tempel Gottes erinnert, der einmal im tausendjährigen Reich in Jerusalem stehen wird. Dort wird das Zentrum der Regierung des Messias sein. Bevor dieser Tempel mit der Herrlichkeit Gottes erfüllt wird, werden Himmel und Erde erschüttert werden (Kap 2,6). Gott wird gewaltige Gerichte über diese Erde bringen.

Zweitens weist uns der Prophet direkt auf den Messias hin. Er ist „das Ersehnte aller Nationen“ (Kap. 2,7), d.h. derjenige, durch den einmal die Nationen in den Segen des kommenden Friedensreiches gebracht werden. Und mehr noch, Er ist der Knecht Gottes, Er ist sein Auserwählter (Kap. 2,23). In ihm, dem Herrn der Herren und König der Könige, wird Gott dann die Herrschaft über diese Erde ausüben. Gott gibt seinem Volk diesen Ausblick in die Zukunft, um ihnen damit Mut zu machen, in einer schweren Zeit für Ihn da zu sein und an seinem Haus zu bauen.

Drittens lernen wir, dass die Stadt Jerusalem einmal ein Ort des Friedens sein wird (Kap 2,9). In der großen Drangsal wird Jerusalem eine „Taumelschale für alle Völker ringsum“ sein (Sach 12,2). Dennoch wird der Tag kommen, an dem Jerusalem dann in der Tat das ist, was der Name bedeutet, nämlich eine „Gründung des Friedens“.

7. Die praktische Anwendung

Die Botschaft Haggais hat – wie alle Texte des Alten Testaments – eine praktische Komponente direkt für uns (vgl. Röm 15,4). Die geschichtlichen Ereignisse für Israel haben für uns ein geistliches Gegenstück (vgl. 1. Kor 10,11). Gott meinte nicht nur sein irdisches Volk damals, wenn Er Haggai mit einer Botschaft zu ihnen schickte, sondern Er meint uns ebenso. Die Botschaft Haggais geht direkt ins Herz. Wir müssen uns deshalb fragen, was uns diese Botschaft zu sagen hat. Dabei können wir zwei Linien unterscheiden, nämlich eine kirchengeschichtliche und eine ganz persönliche.

a) Die kirchengeschichtliche Linie

Es war immer die Absicht Gottes, ein geeintes Volk für sich zu haben. Der Herr Jesus war u.a. deshalb gekommen, um die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln (vgl. Joh 11,52). In der Anfangszeit der Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes auf der Erde war das deutlich erkennbar. Nachdem die Gläubigen zu Pfingsten durch den Heiligen Geist zu einem Leib getauft worden waren (vgl. Apg 2,1–4; 1. Kor 12,13), wurde diese Einheit äußerlich sichtbar. Alle Gläubigen waren ein Herz und eine Seele. Die wunderbare „Blütezeit“ der Versammlung Gottes auf der Erde erinnert uns an die Zeit Salomos, als die Herrlichkeit Gottes den Tempel in Jerusalem erfüllte. Leider blieb es nicht so. Schon sehr bald gab es Spaltungen unter den Gläubigen. Parteiungen und Trennungen waren die unausweichliche Folge. Wir sehen das besonders in der Gemeinde von Korinth, aber auch anderswo (vgl. z. B. 1. Kor 11,19). Die sichtbare Einheit der Kinder Gottes ging leider schnell verloren.

Nach dem Tod der Apostel setzte ein rapider Niedergang ein, der sich zunächst bis in das dunkle Mittelalter fortsetzte. Wir können das prophetisch in den ersten vier der sieben Briefe (Sendschreiben) in Offenbarung 2 und 3 nachlesen. Das historische Gegenstück dazu ist die Zeit der Juden im Exil. Die meisten Gläubigen befanden sich – was ihre Verantwortung betrifft – in einer geistlichen „babylonischen“ Gefangenschaft, d.h. unter einem schweren Joch und in der Zerstreuung. Von der eigentlichen Bestimmung der neutestamentlichen Gemeinde war so gut wie nichts mehr zu sehen. Natürlich hat es selbst in dieser Zeit immer Männer und Frauen gegeben, die ihrem Gott treu ergeben waren und Ihm mit Hingabe gedient haben. Ein wirkliches Verständnis der Gedanken Gottes über das Haus Gottes – d.h. über seine Versammlung – war jedoch kaum erkennbar.

Dann kam die Zeit der Reformatoren und mit ihr eine Rückbesinnung auf grundlegende Wahrheiten, die lange „verloren“ gegangen waren. Viele Menschen wurden aus der Macht von „Thyatira“ – der großen und beherrschenden Kirche des Mittelalters – befreit. Die Reformation war ein Werk Gottes, für das wir Ihm von Herzen dankbar sind. Dennoch war es noch nicht das, was wir alttestamentlich im Buch Esra vorgestellt finden. Die Zeit war noch nicht reif. Die Gedanken Gottes über „Christus und seine Versammlung“ blieben selbst in der gesegneten Zeit der Reformation weitgehend unbekannt. Dann schenkte Gott eine großartige Zeit der Erweckung, beginnend in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Die Anfangszeit der Apostelgeschichte kam zwar nicht wieder. Dennoch wurden Wahrheiten, die lange „verloren“ gegangen waren, unter der Leitung des Heiligen Geistes und im Gebet neu „entdeckt“ und in den Mittelpunkt des Interesses gestellt. Das galt ganz besonders für die Gedanken Gottes in Verbindung mit der Versammlung, dem Haus Gottes, und dem damit untrennbar verbundenen Gottesdienst der Gläubigen. Gläubige Christen trafen sich, um persönlich und gemeinsam die Gedanken Gottes zu untersuchen und danach zu leben. In großem Ernst kamen sie einfach zum Gedächtnismahl zusammen und brachen das Brot. Diese Zeit war ein Segen für die Gemeinde auf der Erde. Im Neuen Testament wird diese Zeit im Sendschreiben an Philadelphia vorgestellt. Das alttestamentliche „Gegenstück“ finden wir in den ersten Kapiteln des Buches Esra. Man begann mit großer Hingabe damit, den Altar an seiner Stätte aufzurichten und dann die Grundlage für das Haus Gottes zu bauen.

Leider hielt dieser Zustand der Hingabe und Liebe für Christus nicht lange an. Schon sehr bald zeigten sich neue Verfallserscheinungen. Und genau da trifft uns die Botschaft Haggais. Wir müssen uns heute die Frage stellen lassen, wie es mit unserer Hingabe und Liebe an Christus aussieht. Müssen wir uns nicht durch den Propheten Haggai sagen lassen, dass sich unsere Herzen anderen Dingen zugewandt haben? Hat die Energie, Ihm zu dienen und uns für sein Haus zu interessieren, nicht merklich nachgelassen? Haben wir die erste und beste Liebe vielleicht verlassen? Wo sind die Herzen, die für Christus allein schlagen? Was sind uns die Gedanken Gottes über sein Haus noch wert? Sind wir nicht müde geworden und gehen lieber unseren eigenen Interessen nach? Dann trifft uns die Botschaft des Propheten Haggai mitten ins Herz. Im Licht des Neuen Testamentes erkennen wir deutlich, wie Haggai zu uns spricht. Wir haben es in der Tat nötig, die Worte dieses Boten Gottes auf uns wirken zu lassen. Den Fragen, die Haggai stellt, sollten wir nicht ausweichen. Es sind elementare Fragen.

Im Buch Esra nutzt der Feind die äußeren Umstände, um die Arbeit am Haus Gottes zu stoppen. Der Prophet Haggai zeigt uns eine andere – nämlich die innere – Seite. Im Buch Esra hört die Arbeit auf, weil die Feinde sprechen. Im Buch Haggai hört die Arbeit bezeichnenderweise auf, weil das Volk selbst spricht. Beides war wahr, dennoch wird die wirkliche Ursache durch Haggai aufgedeckt. Wenn wir in Gemeinschaft mit unserem Herrn leben, werden uns Hindernisse und Anfechtungen nur noch näher zu Ihm bringen. Wenn wir allerdings in einem inneren Abstand zu Ihm sind, so ist ein äußerer Umstand vielleicht sogar ein willkommener Anlass, uns noch weiter von Ihm zu entfernen.

Die Parallelen sind augenscheinlich. Wir haben zwar heute – jedenfalls im Allgemeinen – keinen Druck mehr von außen, dafür Schwierigkeiten von innen. Die Konsequenz daraus ist hingegen die gleiche. Deshalb stellt sich uns die Frage: Sind wir bereit, nach den Gedanken Gottes „weiter zu bauen“, d.h. die Grundsätze Gottes über sein Haus – ohne Frage unvollkommen und schwach – zu verwirklichen? Oder sind die Schwierigkeiten unserer Zeit ein willkommener Anlass, unser Engagement für das Haus und die Interessen zurückzufahren oder gar ganz einzustellen? Die Juden damals fanden es nicht an der Zeit, am Haus Gottes zu bauen. Argumentieren wir vielleicht genauso? Wie damals die Juden benötigen wir heute den prophetischen Dienst, der uns auf die Ursachen unserer heutigen Situation aufmerksam macht und uns die notwendigen Konsequenzen vorstellt.

b) Die persönliche Linie

Ohne Zweifel steht in der praktischen Anwendung der Botschaft des Propheten Haggai die kirchengeschichtliche Linie im Vordergrund. Gleichwohl können wir ebenfalls eine unmittelbare persönliche Anwendung machen. Wir denken dabei zurück an die Zeit, als wir uns zu dem Herrn bekehrt haben. Brannte da nicht unser Herzen für ihn? War es da nicht unser Wunsch, Ihm in Treue und Hingabe zu dienen? Vielleicht haben wir mit großer Begeisterung begonnen, uns für die Wahrheit der Bibel – einschließlich der Wahrheit über die Versammlung – zu interessieren, haben Aufgaben im Werk unseres Herrn gesehen und sie wahrgenommen. Wie die Juden in den ersten Kapiteln des Buches Esra haben wir einen guten Anfang gemacht.

Doch plötzlich änderte sich unser Leben. Andere Interessen schoben sich in den Vordergrund. Parallel dazu gab es vielleicht Schwierigkeiten und Prüfungen, die uns unangenehm waren und denen wir lieber aus dem Weg gehen wollten. Unsere Herzen waren nicht mehr wirklich dem Herrn zugetan. Äußerlich war vielleicht kaum ein Unterschied zu erkennen. Doch der Herr sieht immer auf den Grund der Sache. Er beurteilt unsere Motive. Er prüft unsere Herzen. Er sieht, wo unsere Prioritäten liegen. Und Er fordert uns auf, unsere Herzen auf unsere Wege zu richten. Er möchte, dass wir Ihn lieben und Ihm zur Verfügung stehen.

Die zentrale Aufforderung des Propheten Haggai lautet, das Haus Gottes zu bauen. Das Neue Testament spricht ebenfalls davon, dass wir Bauende sind. Im Alten Testament war es ein materielles Haus aus Steinen und Holz. Im Neuen Testament ist es ein geistliches Haus. Davon spricht der Apostel Paulus besonders in 1. Korinther 3. Wir werden dort aufgefordert, auf den gelegten Grund zu bauen (1. Kor 3,9–14). Haggai zeigt uns, dass wir das mit Fleiß und Einsatz tun sollen.

8. Das Haus Gottes

Selbst der flüchtige Leser erkennt unschwer, dass es in der Botschaft Haggais im Kern um das Bauen des Hauses Gottes geht. Damals war das der Tempel in Jerusalem, in dem Gott wohnen wollte. Dort wurde Ihm die Anbetung gebracht. Heute haben wir es nicht mehr mit einem materiellen Haus zu tun, sondern das Neue Testament spricht von einem geistlichen Haus. Es besteht aus allen Menschen, die in der Zeit der Gnade Leben aus Gott haben und die Gott zusammengefügt hat. Das materielle Haus Gottes im Alten Testament weist auf das geistliche Haus des Neuen Testamentes hin. Dieses Haus ist nichts anderes als die Versammlung des lebendigen Gottes (Eph 2,20; 1. Tim 3,15). Es lohnt sich, vor dem Hintergrund des Propheten Haggai darüber etwas nachzudenken.

Gott wohnt bei einem erlösten Volk

Der Hauptgedanke, der sich in der Bibel mit dem Haus Gottes verbindet, ist die Tatsache, dass Gott bei Menschen wohnen will. Das war von Anfang an die Absicht Gottes. Der große Gott will sich uns Menschen offenbaren, und Er tut das, indem Er bei Menschen wohnt. Da wo man wohnt, offenbart man sich. Doch Gott konnte nicht einfach bei Menschen wohnen, die durch die Sünde von Ihm getrennt waren. Deshalb lesen wir nicht, dass Gott nach dem Sündenfall bei Adam und Eva gewohnt hätte. Nicht einmal bei Abraham war das der Fall. Nein, Gott konnte nur bei einem erlösten Volk wohnen. Wir sehen das im 2. Buch Mose bildhaft vorgestellt. Erst nachdem Gott das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hatte, lesen wir ganz konkret von einer Wohnung Gottes auf der Erde (2. Mo 15,2.13.17).

Das Heiligtum in der Wüste war die erste Wohnung Gottes auf dieser Erde, die seine Herrlichkeit erfüllte. Später wohnte Gott in dem Tempel, den Salomo gebaut hatte. Heute ist es kein materielles Haus mehr, sondern das Haus Gottes ist heute die Versammlung Gottes, in der Er wohnt. Der Herr Jesus selbst hat davon gesprochen und gesagt: „Auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen“ (Mt 16,18). Paulus schreibt: „Also seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und ohne Bürgerrecht, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes, aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, indem Christus Jesus selbst Eckstein ist, in welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, in dem auch ihr mitaufgebaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist“ (Eph 2,19–22). Timotheus wird aufgefordert, daran zu denken, wie man sich verhalten soll „im Haus Gottes, das die Versammlung des lebendigen Gottes ist“ (1. Tim 3,15). Der Apostel Petrus spricht ebenfalls von diesem Haus. Er schreibt: „Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt, kostbar, werdet auch ihr selbst als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus... (1. Pet 2,4.5). Das Haus Gottes besteht heute aus der Sicht Gottes aus allen wahren Christen, die neues Leben haben. Dieses Haus Gottes wird es in alle Ewigkeit geben. In der Beschreibung des ewigen Zustandes ist von der „Hütte Gottes“ bei den Menschen die Rede (Off 21,3). Das ist nichts anderes als seine Versammlung.

Heiligkeit und Herrlichkeit

Der Gedanke, dass Gott in der Versammlung wohnt, legt eine große Verantwortung auf uns. Denn wenn Gott bei Menschen wohnt, müssen diese Menschen passend für seine Gegenwart sein. Alles im Haus Gottes muss mit dem Charakter dessen übereinstimmen, dem es gehört und der darin wohnt. Das wird in unserem Propheten sehr deutlich. Gott kann sich nie mit etwas verbinden, dass Ihm nicht entspricht. Der Prophet Haggai enthält nur 38 Verse, aber 35 Mal wird der Name „Herr“ erwähnt. Das lässt uns an den Schwerpunkt dieses Hauses denken. Es gibt dort einen Herrn, der Ansprüche hat, die wir anerkennen wollen7.

Der Gedanke an das Haus Gottes ist erstens untrennbar mit seiner Heiligkeit und zweitens untrennbar mit seiner Herrlichkeit verbunden. In 1. Mose 28 sehen wir Jakob auf der Flucht vor seinem Bruder Esau. Er träumt von der Himmelsleiter, wird dann wach und erkennt, dass Gott an diesem Ort ist. Deshalb gibt er ihm den Namen Bethel (Bet-El), d.h. Haus Gottes (1. Mose 28,19). Doch was verbindet er damit? Jakob sagt: „Wie furchtbar ist dieser Ort! Dies ist nichts anderes als Gottes Haus, und dies ist die Pforte des Himmels“ (1. Mose 28,17). Er spürt, dass es ein heiliger Ort ist und dass er mit dieser Heiligkeit Gottes nicht übereinstimmt. Der Psalmdichter hatte ebenfalls ein tiefes Empfinden von der Heiligkeit des Hauses Gottes. Er schreibt: „Deinem Haus geziemt Heiligkeit, Herr, auf immerdar“ (Ps 93,5). Als der Prophet Hesekiel den Auftrag bekam, über den Tempel im tausendjährigen Reich zu schreiben, wurde ihm gesagt: „Dies ist das Gesetz des Hauses: Auf dem Gipfel des Berges soll sein ganzes Gebiet ringsherum hochheilig sein; siehe, das ist das Gesetz des Hauses“ (Hes 43,12). Heiligkeit ist ein herausragendes Merkmal des Hauses Gottes.

Ein zweites herausragendes Merkmal ist die Herrlichkeit, die Gott mit seinem Haus verbindet. David sagt: „Herr, ich habe geliebt die Wohnung deines Hauses und den Wohnort deiner Herrlichkeit“ (Ps 26,8) und: „in seinem Tempel spricht alles: Herrlichkeit“ (Ps 29,9). Beide Merkmale – Heiligkeit und Herrlichkeit – werden in 3. Mose 10,3 untrennbar miteinander verbunden: „Dies ist es, was der Herr geredet hat, indem er sprach: In denen, die mir nahen, will ich geheiligt, und vor dem ganzen Volk will ich verherrlicht werden.“

Das Bauen am Haus Gottes

Die zentrale Botschaft Haggais lautet: „Baut das Haus Gottes“. Obwohl das Haus Gottes seit dem Zeitpunkt, an dem der Heilige Geist auf diese Erde kam (vgl. Apg 2,14) existiert und aus allen von neuem geborenen Christen besteht, ist es doch gleichzeitig ein im Wachstum begriffenes Haus. Täglich werden Menschen diesem geistlichen Bau hinzugefügt. Dieses Hinzufügen ist auf der einen Seite die Sache unseres Herrn, denn Er baut seine Versammlung (Mt 16,18). Er ist es, der lebendige Steine hinzufügt (1. Pet 2,5). Auf der anderen Seite zeigt das Neue Testament gleichzeitig die Seite unserer Verantwortung. Davon spricht Paulus in 1. Korinther 3 und sagt: „Gottes Bau seid ihr. Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf; ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf diesen Grund baut Gold, Silber, wertvolle Steine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden, denn der Tag wird es klar machen, weil er in Feuer offenbart wird; und welcherart das Werk eines jeden ist, wird das Feuer erproben“ (1. Kor 3,9–13).

Dieser Gedanke legt große Verantwortung auf jeden von uns. Gott möchte uns als seine Mitarbeiter gebrauchen. So wie die Juden damals durch Haggai aufgefordert wurden, das Haus zu bauen, werden wir es heute. Dabei denken wir zum einen an unseren evangelistischen Auftrag. Noch immer gilt das Wort des Herrn: „Geht hin in die ganze Welt und predigt der ganzen Schöpfung das Evangelium“ (Mk 16,15) und: „Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt; und ihr werden meine Zeugen sein ... bis an das Ende der Erde“ (Apg 1,8). Diesen Auftrag wollen wir ernst nehmen. Er richtet sich an uns alle – ohne jede Ausnahme. Nicht alle sind als Evangelisten berufen, doch alle haben diese wichtige Aufgabe, in einer Welt, die unseren Herrn immer noch ablehnt, für Ihn zu zeugen. Das gehört zum Bauen am Haus Gottes.

Das Bauen des Hauses Gottes beschränkt sich allerdings nicht auf den evangelistischen Aspekt. Es ist eine Sache, Steine herbeizubringen, es ist eine andere Sache, sie fest in den Bau einzufügen. Dabei geht es darum, bekehrten Menschen die gesunde Lehre des Wortes Gottes zu vermitteln, damit sie geistliche Fortschritte machen und die Gedanken des Hauses Gottes (der Versammlung oder Gemeinde) immer besser verstehen und lieben lernen. Das ist es, was Paulus meint, wenn er in Kolosser 1,28 schreibt: „... damit wir jeden Menschen vollkommen in Christus darstellen“.

Zwei Sichtweisen

Bei der Betrachtung der Versammlung als Haus Gottes können wir also zwei Sichtweisen unterscheiden: die Sichtweise des Menschen und die Sichtweise Gottes.

  1. Wenn es um unsere Verantwortung geht, dann haben wir Menschen dieses Haus gründlich verdorben. In den Augen der Menschen ist das Haus Gottes ein ziemlicher Trümmerhaufen. Paulus spricht in 2. Timotheus 2,20 von einem „großen Haus“. Die große Zersplitterung der Christen in viele verschiedene Gruppierungen ist ein Beweis, dass es so ist.
  2. In den Augen Gottes dagegen besteht das Haus Gottes aber nach wie vor, und nur lebendige Steine werden eingefügt. So wie Gott sein Haus sehen möchte, stellt es sich aus Sicht des Betrachters auf dieser Erde nicht mehr dar. Trotzdem haben sich die Grundsätze Gottes über sein Haus nicht geändert. Er möchte, dass sich der Glaube über das erhebt, was man sieht und das Haus Gottes aus seiner Sicht betrachtet. Deshalb ist es nie vergebens, am Haus Gottes zu bauen. Wie damals, ruft Gott uns auf, an seinem Haus weiter zu bauen.

Und beachten wir es gut: der Überrest sollte kein zweites Haus und kein neues Haus bauen, sondern „dieses“ Haus sollte wieder aufgebaut werden. Wir bauen und gründen keine „neuen“ Gemeinden, sondern wir versuchen, die „alten“ Grundsätze des Wortes Gottes zu verwirklichen. Dabei geht es nicht um Grundsätze von Menschen oder Brüdern. Es geht um die Grundsätze der Bibel. Wollten wir ein neues Haus bauen, so würden wir nur – wie jemand einmal trefflich bemerkt hat – „den alten Ruinen ein neues Trümmerstück hinzufügen“. Es gab in den Augen Gottes nur einen Tempel, und es gibt in den Augen Gottes nur ein Haus Gottes, eine Versammlung. Insgesamt spricht die Bibel von fünf verschiedenen Tempeln, doch für Gott ist es immer ein Tempel, der Tempel Gottes8. Für uns heute bedeutet das Bauen am Haus Gottes nicht, dass wir ein neues Haus erstellen. Wir wollen die Gedanken Gottes über sein Haus verwirklichen, so wie Gott es uns in der Bibel sagt. Gerade in schweren Zeiten dürfen und sollen wir ein Zeugnis von der Wahrheit der Versammlung Gottes abgeben, so wie Gott sie sich von Anfang an vorgestellt hat.

9. Besonderheiten im Propheten Haggai

Besehen wir abschließend noch kurz einige Besonderheiten, die uns beim Lesen des Propheten Haggai auffallen:

a) Insgesamt wird zwölfmal darauf hingewiesen, dass „der Herr (Jahwe) der Heerscharen“ spricht. Es ist Gott, doch Er wird hier nicht einfach als„ der Allmächtige“ oder als der „Unveränderliche“ gesehen. Er ist der „Herr der Heerscharen“, d.h. derjenige, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf der Erde (vgl. Mt 28,18). „Jahwe“ ist der Name, der ganz besonders in Verbindung mit seinem Volk steht. Dieser Name wird hier mit seiner Souveränität verbunden. David stellt die Frage und beantwortet sie gleichzeitig: „Wer ist er, dieser König der Herrlichkeit? Herr der Heerscharen, er ist der König der Herrlichkeit“ (Ps 24,10). Es gibt himmlische Heerscharen und Gewalten, es gibt irdische Heerscharen und Gewalten. Doch einer steht über allen. Das ist der Herr. Die Juden, zu denen Haggai damals gesandt wurde, lebten unter der Herrschaft heidnischer Könige. Sogar die Zeit wurde nach diesen Königen gerechnet. Dennoch sollten sie wissen, dass „der Herr der Heerscharen“ zu ihnen redete und ihnen den Auftrag gab, sein Haus zu bauen.

b) Gott stellt seinem Volk insgesamt sieben verschiedene Fragen (Kap. 1,4; 1,9; 2,3; 2,3; 2,12; 2,13; 2,19). Was bezweckt Gott damit? Wenn Gott fragt, dann niemals, weil Er etwas nicht weiß. Gott stellt häufig Fragen, damit wir einmal „in uns hineinhorchen“ und unsere Herzen auf unsere Wege richten. Wir sollen über unseren eigenen Zustand nachdenken, sollen uns über die wirklichen Hintergründe und Motive unseres Handelns Klarheit verschaffen. Nur so kommen wir zu einer richtigen Zustandsbestimmung, und nur so können wir Fehlverhalten abstellen.

c) Gott appelliert durch den Propheten fünf Mal an der Herz seines Volkes. Sie sollten ihr Herz auf ihre Wege (Kap. 1,5; 1,7) und auf die Zeit (Kap. 2,15; 2,18; 2,18) richten. Eine Beurteilung ihrer bisherigen und zukünftigen Wege mit dem Verstand allein würde nicht weiterhelfen. Eine Zeitanalyse menschlicher Logik kann niemals zu einem von Gott gewünschten Ergebnis führen. Nein, das Herz muss involviert sein. Vom Herzen aus sind die Ausgänge des Lebens (Spr 4,23). Im Herzen fallen Entscheidungen für unseren Herrn. Gott möchte unsere Herzen berühren. Nur dann kann Er etwas in uns hervorbringen.

10. Gliederung des Textes

Die 38 Verse des Propheten Haggai lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise einteilen. Folgende Gliederung – angelehnt an die fünf Botschaften des Propheten –

bietet sich an:

  • Kapitel 1, 1–11: Die erste Ansprache Gottes – eine Zustandsanalyse
  • Kapitel 1,12–15: Das Volk Gottes hört und reagiert – eine zweite Ansprache Gottes
  • Kapitel 2,1–9: Die dritte Ansprache Gottes – Gott macht seinem Volk Mut und gibt ihm Ausblick
  • Kapitel 2,10–19: Die vierte Ansprache Gottes – Gott warnt sein Volk vor schlechten Verbindungen
  • Kapitel 2,20–23: Eine persönliche Botschaft Gottes an Serubbabel

Fußnoten

  • 1 Vgl. dazu ausführlicher die Einführung in das Buch Esras vom gleichen Autor (ebenfalls auf bibelkommentare.de)
  • 2 Dieser König ist bekannt als Darius der Große oder Darius Hystaspes; Regierungszeit ca. 522–485 v. Chr.
  • 3 Neben Haggai und Sacharja zählt als dritter noch Maleachi zu den Boten Gottes, die nach dem Exil in Babel im Auftrag Gottes zu dem Volk geredet haben. Sacharja begann seinen Dienst zwei Monate später als Haggai (vgl. Sach. 1,1), also ebenfalls im Jahr 520 v. Chr. und beendete ihn wahrscheinlich etwa 40 Jahre später. Maleachi trat noch später auf (man nimmt an ca. 450–425 v. Chr.). Mit den Büchern Esra und Nehemia gibt es also insgesamt fünf Bücher im Alten Testament, die die Zeit nach dem babylonischen Exil behandeln (zwei geschichtliche und drei prophetische Bücher). Hinzu kommt noch das Buch Esther, dass jedoch nicht über zurückkehrten Juden in Jerusalem schreibt, sondern über diejenigen, die freiwillig im Exil blieben.
  • 4 In Maleachi 2,7 kommt der Ausdruck „Bote des Herrn“ zwar noch einmal vor, dort bezieht er sich aber allgemein auf das, was die Priester sein sollten und nicht auf eine ganz bestimmte Person.
  • 5 Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 11a
  • 6 Daniel wird zu der Gruppe der „Schriften“ gezählt
  • 7 Es ist natürlich klar, dass es im Neuen Testament nicht um den „Herrn“ (Jahwe oder Jehova) geht, so wie wir ihn im Alten Testament finden. Der Name „Herr“ lässt und in erster Linie daran denken, dass Er derjenige ist, der sich nicht verändert (2. Mo 3,14; Mal 3,6). Besonders in Verbindung mit dem Zusatz „Herr der Heerscharen“ – den wir im Propheten Haggai über zehnmal finden – spricht dieser Titel jedoch ebenfalls von der Autorität und dem Herrschaftsanspruch, den Er immer hat.
  • 8 Der Herr spricht zwar beim Tempel von Herodes davon, dass sie ihn zu einer Räuberhöhle gemacht haben, dennoch nennt er ihn „mein Haus“ und „das, was meines Vaters ist“. Sogar der Tempel, in den sich der Antichrist setzen wird, wird Tempel Gottes genannt (vgl. 2. Thes. 2,4).

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