Die Wirksamkeit des Wortes Gottes

Das Wort Gottes ist für den Christen und für sein Leben unerlässlich und wichtig. Dieses Wort hat uns nicht nur bei der Bekehrung eine völlig neue Lebensausrichtung und einen neuen Lebensinhalt gegeben, sondern ist auch für das tägliche Leben Leitlinie und Korrektur. Es ist Wahrheit (Joh 17,7). Es ist das Licht für den Weg, den wir gehen (Ps 119,105). Es ist die Nahrung, die wir täglich brauchen (1. Pet 2,2). Es ist die Waffe, die wir im Kampf nötig haben (Eph 6,17).

Wir wollen uns in dieser kleinen Ausarbeitung mit zwei relativ bekannten Versen aus dem Neuen Testament beschäftigen und versuchen, sie sowohl zu erklären und zu verstehen als auch auf unserer Leben anzuwenden. Gewisse Überschneidungen in den Inhalten werden dabei bewusst in Kauf genommen. In beiden Fällen ist es wichtig, zuerst den Zusammenhang zu sehen, in dem sie stehen, bevor wir sie dann weiter erläutern und anwenden.


Teil 1: Alle Schrift ist von Gott eingegeben

„Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt.“ (2. Tim 3,16–17).

1. Der Zusammenhang

Der 2. Timotheusbrief ist ein Brief, der sich mit der letzten Zeit des christlichen Bekenntnisses auf dieser Erde beschäftigt. Er zeigt uns erstens – aus der Perspektive des Schreibers damals – welche Entwicklung das Christentum nehmen würde. Leider würde es keine gute Entwicklung sein. Wir zweifeln nicht daran, dass wir heute noch genau in der Zeit leben, die Paulus in diesem Brief beschreibt. Der Brief ist damit erstens ein Brief der Warnung. Aber nicht nur das. Er ist zweitens ein Brief, der uns motiviert, in einer schwierigen Zeit treu zu unserem Gott zu stehen und im Dienst für Ihn nicht nachzulassen. Drittens spricht Paulus in diesem Brief wiederholt von den Hilfsquellen, die uns in dieser Zeit zur Verfügung stehen. Eine dieser Hilfsquellen ist das unveränderliche Wort Gottes, von dem unser Vers sagt, dass es von Gott eingegeben worden ist und eine konkrete Wirkung in unserem Leben hat.

Unsere heutige Zeit ist unter anderem davon geprägt, dass viele Menschen noch eine (äußere) Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft hingegen verleugnen (2. Tim 3,5). Sie geben etwas vor, was nicht der Realität entspricht. Dazu gehört, dass sowohl der göttliche Ursprung des Wortes Gottes als auch seine lebensverändernde Wirkung mehr und mehr, bis zur kompletten Leugnung, in Frage gestellt wird. Man degradiert das Wort Gottes auf das Niveau eines menschlichen Wortes und öffnet damit der Kritik1 Tor und Tür. Gleichzeitig nimmt man dem Wort die Kraft, die es hat. Für uns Christen ist es wichtig, dass wir an der Tatsache der Inspiration (Eingebung) des Wortes Gottes unverändert festhalten, gleichzeitig jedoch nicht vergessen, welche Kraft das Wort Gottes in unserem Leben freisetzen möchte. Sonst gleichen wir einem Soldaten, der sein Schwert zwar kennt und es immer wieder anschaut, ohne je gelernt zu haben, es tatsächlich einzusetzen. Oder wir gleichen einem Chemiker, das jedes Brot genau analysieren und die einzelnen Bestandteile beschreiben kann, dennoch eines Tages vor Hunger stirbt, weil er das Brot nie gegessen hat.

2. Alle Schrift von Gott eingegeben

2.1. Alle Schrift

In Vers 15 hatte Paulus Timotheus daran erinnert, dass er von Kind auf die „heiligen Schriften“ kannte. Damit ist das Alte Testament gemeint, das häufig in der Bibel „die Schrift“ oder „die Schriften genannt“ wird. Viele Zitate aus dem Alten Testament werden im Neuen mit diesem Hinweis auf die „Schrift“ bzw. „Schriften“ verbunden. Jetzt sagt Paulus allerdings „alle Schrift“. Es geht um das gesamte Wort Gottes. Die Schreiber des Neuen Testaments waren sich durchaus bewusst, dass sie im Auftrag Gottes seine inspirierten Worte aufschrieben. Petrus erinnert in seinem zweiten Brief an das, was Paulus geschrieben hatte und zählt seine Briefe wie selbstverständlich zu den „Schriften“ (2. Pet 3,16). Paulus zitiert in 1. Timotheus 5,18 ein Wort aus dem Alten und eins aus dem Neuen Testament. Beide Belegstellen leitet er mit den Worten ein: „Denn die Schrift sagt.“ Damit stellt er das Zitat aus dem Neuen Testament auf die gleiche Ebene wie das aus dem Alten Testament.

Die Bibel ist eine untrennbare Einheit. Von 1. Mose 1 bis Offenbarung 22 haben wir es mit Gottes Wort – und nicht mit Menschenwort – zu tun. Wir können sie mit einer Kette vergleichen, die aus vielen einzelnen Kettengliedern besteht. Schneidet man die Kette an einer Stelle durch, fällt die komplette Kette zu Boden. Die Bibel ist „die Schrift“ – einzigartig und unvergleichlich. Argumente wie: „Das hat Paulus geschrieben“ oder „das hat nur Bedeutung für die Zeit damals und muss im historischen Kontext verstanden werden“ sind falsch und führen nur in die Irre. Es sind Heilige Worte Gottes, die nicht unserer Beliebigkeit überlassen sind. Eine Haltung der Ehrfurcht vor diesem Wort ist unbedingt angebracht (Jes 66,2).

2.2. Von Gott eingegeben (inspiriert)

Die Wahrheit der göttlichen Eingebung der Heiligen Schrift ist eine fundamentale Wahrheit, die nicht aufgegeben werden darf. Wenn wir diese Wahrheit fallen lassen, haben wir dem christlichen Glauben das Fundament entzogen. Die Bibel ist anders als alle anderen Bücher dieser Welt. Hier ein paar Gedankenanstöße:

  1. Die Aussage von Paulus in unserem Vers ist eine der wesentlichen biblischen Belege, die uns etwas zum Thema der Inspiration der Bibel sagen. Gott selbst ist der Ursprung (die Quelle), aus dem alles kommt. Deshalb ist es „Gottes Wort“. Jedes Wort in der Bibel ist von Gott inspiriert. „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ Diese Aussage gilt nicht nur für die Gedanken oder den Inhalt dessen, was wir in der Bibel lesen. Gott hat den Schreibern nicht nur seine Gedanken offenbart oder gegeben, sondern Er hat mehr getan. Er hat ihnen – geleitet durch seinen Geist – jedes einzelne Wort gegeben, das sie aufschreiben sollten. Die Schreiber haben die Wahrheit nicht mit ihren eigenen Worten aufgeschrieben. Sie taten es mit den Worten, die Gott ihnen gab. Paulus schreibt den Korinthern von den Dingen, die den Aposteln von Gott geschenkt worden waren und sagt dann: „…die wir auch verkündigen, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel“ (1. Kor 2,13). Es ist also zu wenig, wenn manchmal behauptet wird, dass die Bibel Gottes Wort enthält. Das ist letztlich eine Verführung des Teufels. Die Bibel enthält nicht nur Worte Gottes, die Bibel ist das Wort Gottes. Das ist ein wesentlicher und beachtenswerter Unterschied.
  2. „Von Gott eingegeben“ bedeutet wörtlich übersetzt: „Gott-gehaucht“2. Es ist ein Doppelwort, das genau das ausdrücken will. Es zeigt den Ursprung und die göttliche Natur der Bibel. Der Ausdruck kommt in dieser Form im Neuen Testament nur an dieser Stelle vor. Es bedeutet jedoch nicht nur, dass Gott einfach in die Schreiber „hineingeatmet“ hätte. Es ist mehr. Jedes Wort wurde sozusagen vorher von Gott „ausgeatmet“. Jedes einzelne Wort ist von Gott gegeben. So hat Er die „Schrift“ durch seinen Hauch ins Leben gerufen. Wort für Wort ist von Gott „inspiriert“. Deshalb sprechen wir völlig zu Recht von der wörtlichen Eingebung – oder der Verbalinspiration – der Heiligen Schrift. Daran müssen wir unbedingt festhalten. Der Apostel Petrus bestätigt das: Er schreibt: „Denn die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen hervorgebracht, sondern heilige Menschen Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geist“ (2. Pet 1,21).
  3. Es wäre allerdings ein Irrtum anzunehmen, dass der individuelle Schreibstil und die Eigenheiten der einzelnen Autoren dabei auf der Strecke geblieben wären. Die Schreiber waren keine seelenlosen „Roboter“, sondern Menschen mit einem unterschiedlichen Charakter und Schreibstil. Gott hat die Schreiber seines Wortes nicht einfach „blind“ benutzt, sondern hat dafür Sorge getragen, dass die individuellen Unterschiede der menschlichen Autoren erhalten geblieben sind und in den Texten erkennbar werden. Paulus schreibt anders als Petrus, und Petrus schreibt anders als Johannes. Genau das war Gottes Absicht.
  4. „Inspiration“ ist nicht mit „Offenbarung“ zu verwechseln. Jedes Wort in der Bibel ist von Gott inspiriert, d. h. die Schreiber bekamen den Auftrag, es so zu schreiben, wie sie es geschrieben haben. Dennoch ist nicht alles Aufgeschriebene eine von Gott offenbarte Wahrheit. Wenn Lukas in der Apostelgeschichte einen Reisebericht gibt, dann brauchte ihm dieser nicht offenbart zu werden. Er war ja selbst dabei und hatte es miterlebt. Er bekam sehr wohl den Auftrag, den Bericht unter der Leitung des Heiligen Geistes niederzuschreiben. Wenn Petrus im Blick auf den Weg des Herrn zu Ihm sagte: „Dies wird dir nicht widerfahren“ (Mt 16,22), war das ganz sicher nicht von Gott offenbart. Im Gegenteil. Es war ein Fehler, dass Petrus so etwas sagte. Dennoch bekam Matthäus den Auftrag, genau diese Worte aufzuschreiben. Gott wollte, dass diese Aussage in seinem Wort erhalten blieb.

2.3. Konsequenzen

Die Tatsache, dass die Bibel das inspirierte „Wort Gottes“ ist, hat weitreichende Konsequenzen für uns als Christen:

  1. Das Wort Gottes ist unfehlbar: Die Bibel enthält keine Fehler und keine Widersprüche. Alle vermeintlich in der Bibel gefundenen Fehler haben sich immer als Irrtum erwiesen. Alle vermeintlich gefundenen Widersprüche haben bisher immer eine Erklärung gefunden. Gott kann weder lügen noch kann Er sich irren. Es mag sein, dass wir nicht alles verstehen, aber das ändert nichts daran, dass es richtig ist. Selbst da, wo die Bibel Aussagen über wissenschaftliche Dinge macht, ist sie fehlerfrei. Dabei müssen wir im Auge behalten, dass die Bibel nicht als wissenschaftliches Buch geschrieben worden ist, sondern als ein Buch, dass von jedermann gelesen werden kann3. Gott beschreibt die Dinge aus der Perspektive des Menschen. In 1. Mose 1,17 lesen wir z.B. von der „Ausdehnung des Himmels“, an der sich Lichter befinden. Auf diese Weise nimmt ein Mensch die Sternenwelt wahr, obwohl man wissenschaftlich nicht von einer „Ausdehnung“ sprechen würde. Das menschliche Auge nimmt es aber so wahr. Es ist eine verführerische Taktik des Teufels, mit vermeintlich wissenschaftlichen Argumenten Zweifel an der Unfehlbarkeit der Bibel zu säen. Leider ist es ihm in weiten Teilen des christlichen Bekenntnisses gelungen.
  2. Das Wort Gottes hat Autorität: Die Bibel besteht nicht aus theoretischen Aussagen, Beschreibungen oder Analysen, sondern ihre Worte haben direkten Einfluss auf das Leben derer, die sie lesen. Es verändert Menschen. Gott teilt uns seinen Willen mit, damit wir ihn tun und Ihm gehorsam sind. Darüber spricht Paulus in der Fortsetzung des Verses.

Wir Menschen haben kein Recht, über Gottes Wort zu verfügen. Das Wort Gottes richtet sich nicht nach menschlichen Meinungen, sondern menschliche Meinungen sollen sich nach dem Wort Gottes richten. Nicht wir beurteilen das Wort, sondern das Wort beurteilt uns. Der aufrichtige Christ wird das gerne geschehen lassen, denn niemand kennt uns so gut wie Gott. Niemand hat das Recht, das Wort Gottes zu kritisieren. Wir sind nicht befugt, es zu verändern, etwas hinzuzufügen oder wegzustreichen oder bestimmte Aussagen zu relativieren oder unserem Zeitgeist anzupassen4.

3. Alle Schrift ist nützlich

Unfehlbarkeit und Autorität der Bibel gehören eng zusammen. Wer nicht akzeptiert, dass die Bibel unfehlbar ist, der wird ihre Autorität nicht anerkennen. Tatsache ist jedoch, dass die Schrift inspiriert und deshalb nützlich ist – nützlich für den Menschen Gottes. Gottes Wort zeigt immer eine Wirkung. Das ist es, was wir in Teil 2 sehen werden. Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam. Es setzt Energie frei.

Mindestens drei Reaktionen sind denkbar, wenn das Wort Gottes einen Menschen trifft:

  1. Er kann sich wehren und gegen das Wort angehen.
  2. Er kann das Wort Gottes einfach ignorieren.
  3. Er kann es zu Herzen nehmen und sich verändern lassen.

Das gilt grundsätzlich für jeden Menschen, es gilt ebenfalls für solche, die dem Herrn Jesus angehören. Gottes Wort hat nur dann seinen unmittelbaren Nutzen, wenn wir es aufrichtig lesen und zu Herzen nehmen.

Das Wort nützlich bedeutet profitabel, sinnvoll, günstig oder von Vorteil. Es kommt außer an dieser Stelle noch dreimal im Neuen Testament vor. In 1. Timotheus 4 wird die leibliche Übung als „zu wenigem nützlich“ bezeichnet, während die Gottseligkeit zu „allen Dingen nützlich“ ist. In Titus 3,8 wird gesagt, dass die guten Werke gut und „nützlich“ sind für die Menschen.

3.1. Zur Lehre

„Lehre“ bedeutet hier nicht so sehr das, was gelehrt wird, sondern es geht darum, wie etwas gelehrt oder vermittelt wird (obwohl beides natürlich kaum voneinander zu trennen und eng verzahnt ist).Das Wort kann alternativ mit „Unterweisung“ übersetzt werden. In Römer 15,4 schreibt Paulus, dass alles, was zuvor geschrieben ist, zu unserer „Belehrung“ geschrieben ist5, „ … damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben“. Grundlage jeder Belehrung muss das Wort Gottes sein. Die Belehrung steht hier nicht ohne Grund an erster Stelle. Sie ist das Fundament für das praktische Leben des Christen, der seinem Herrn folgen und Ihm dienen möchte. Es ist wichtig, dass wir zuerst wissen, wie Gott denkt und urteilt. Wir lernen die Sichtweise Gottes kennen. Wenn wir als Kinder Gottes in der Wahrheit wandeln möchten, müssen wir sie kennen. Wer den Willen Gottes tun möchte, muss ihn vorher kennenlernen. Das Wort Gottes vermittelt uns diese Kenntnis. Die Lehre der Bibel können wir nur kennenlernen, wenn wir uns von der Bibel belehren lassen.

3.2. Zur Überführung

„Überführung“ bedeutet „Überzeugung“ oder „Beweis“. Das Wort kommt außerdem nur noch einmal in Hebräer 11,1 vor. Dort geht es darum, dass der Glaube eine „Überzeugung“ von Dingen ist, die man nicht sieht. Das Wort Gottes bringt uns zur Einsicht. Das gilt zuerst für den Sünder. Das Wort Gottes stellt einen Menschen in das Licht Gottes und überführt einen Menschen von seiner Schuld. Es gilt genauso für Menschen, die dem Herrn angehören. Ein Beispiel finden wir im Leben Davids. Die Worte des Propheten Nathans – im Auftrag Gottes gesprochen – überführten ihn von seiner Sünde, die er begangen hatte (2. Sam 12,7). Das Wort überführt oder überzeugt uns davon, dass die Lehre die Wahrheit ist. Der Diener Gottes muss zu jeder Zeit wissen, auf welch einem festen Fundament er steht. Wer diese feste Überzeugung nicht hat, wird schnell ein Opfer falscher Lehren und Praktiken.

3.3. Zur Zurechtweisung

Das hier gebrauchte Wort kommt nur an dieser einen Stelle vor. Zurechtweisung ist Korrektur oder Besserung. Gemeint ist, dass das Wort Gottes uns auf Fehler aufmerksam macht und uns korrigiert. Es ist ein wichtiges Korrektiv, das jeder von uns nötig hat. Jeder Christ macht Fehler. Wir sind nicht vollkommen. Wenn wir diese Korrektur nicht haben, werden wir schnell in die Irre gehen. Dabei zeigt uns das Wort Gottes nicht nur, was wir falsch machen können (oder falsch gemacht haben), sondern es zeigt uns immer den richtigen Weg. Es ist wichtig, dass wir unsere Gedanken, Wege und Handlungen immer von Gottes Wort überprüfen lassen und dann zugleich korrekturwillig und -fähig sind. Durch den Propheten Jesaja ließ Gott seinem Volk sagen: „und wenn ihr nach rechts oder wenn ihr nach links abbiegt, so werden deine Ohren ein Wort hinter dir her hören: Dies ist der Weg, wandelt darauf!“ (Jes 30,21). Die Gefahr, in der einen oder anderen Form abzuweichen, ist bei uns allen gegeben. Entweder wir neigen zur Gesetzlichkeit und erheben menschliche „Regeln“ oder „Traditionen“ auf das Niveau des Wortes Gottes oder wir neigen zur Gleichgültigkeit und Laschheit und halten gewisse Aussagen der Bibel nicht mehr für relevant und zeitgemäß. In beiden Fällen kümmert Gott sich um uns, indem Er uns durch sein Wort zurechtweist, d.h. wieder auf den richtigen Weg bringen möchte.

3.4. Zur Unterweisung in der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist hier nicht die Gerechtigkeit aus Gott. Es geht nicht um unsere Stellung vor Gott, die uns niemand nehmen kann, sondern um die praktische Gerechtigkeit im täglichen Leben. Praktische Gerechtigkeit im Leben des Menschen Gottes ist ein Leben in Übereinstimmung mit Gott und mit seinem offenbarten Willen. Das gilt im Blick auf Gott, auf unsere Glaubensgeschwister und auf die ungläubige Umgebung. Dann geben wir jedem, was ihm zusteht. Gottes Wort unterweist uns in dieser praktischen Gerechtigkeit.

Das Wort Unterweisung wird in Hebräer 12 viermal mit „Züchtigung“ übersetzt und zwar in Verbindung mit der väterlichen Zucht (Heb 12,5.7.8.11). Dann kommt das Wort noch einmal in Epheser 6,4 vor. Dort ist die Rede von der „Zucht und Ermahnung“ des Herrn, in der Väter ihre Kinder erziehen sollen. Unterweisung hat also mit Disziplin, mit Training und mit Lernen zu tun. Es ist – im Sinn von Epheser 6 – Unterweisung, die das Ziel hat, dass ein Kind erwachsen wird. Übertragen auf uns geht es um geistliche Reife, die Gott bei uns sehen möchte. Praktische Gerechtigkeit ist – wie die Gottseligkeit – eine Tugend, in der wir uns ständig üben (trainieren) müssen (1. Tim 4,7).

4. Das Ziel Gottes

Der Startpunkt oder die Grundlage ist die gesunde Belehrung. Sie vermittelt uns eine feste Überzeugung. Dann werden wir durch Gottes Wort korrigiert und können so ein Leben in praktischer Gerechtigkeit führen. Dieser Gedanke wird im nächsten Vers fortgeführt. Er zeigt uns, welches Ziel Gott im Auge hat: als Menschen Gottes sollen wir vollkommen sein, zu jedem guten Werk völlig geschickt.

4.1. Der Mensch Gottes

Die Formulierung „Mensch Gottes“ kommt so im Neuen Testament nur zweimal vor, nämlich hier und in 1. Timotheus 6,11, wo Timotheus selbst so genannt wird. 2. Petrus 1,21 spricht ebenfalls von „Menschen Gottes“, nimmt dabei allerdings Bezug auf die Propheten im Alten Testament. Wenn wir das Alte Testament lesen, finden wir verschiedene Menschen, die den Ehrentitel „Mann Gottes“ tragen (z.B. Mose, David, Elia und Elisa). Wenn wir uns diese Personen näher anschauen, lernen wir, was Gott unter einem „Menschen (Mann oder Frau) Gottes“ versteht.

Ein Mensch Gottes ist jemand, der aus der Gegenwart Gottes kommt und von Gott mit einem Auftrag beauftragt wird. Er hat eine Botschaft, die er im Auftrag Gottes weitergibt. Dementsprechend soll er sich verhalten. Wer sich als Diener von Gott benutzen lässt, kann – und soll – ein Mensch Gottes sein. Es ist ein Ehrentitel, der ausdrückt, wem wir gehören. Im Alten Testament steht diese Bezeichnung oft mit einer konkreten Aufgabe und einem Dienst in Verbindung, den Gott gibt. Das galt für Timotheus. Das gilt für uns. Der Ausdruck „Mensch Gottes“ selbst ist geschlechtsneutral, d. h. Männer und Frauen sind gleichermaßen angesprochen.

4.2. Vollkommen sein

Paulus benutzt hier ein Wort, das an keiner anderen Stelle im Neuen Testament vorkommt. Es beschreibt etwas, das „passend, komplett oder perfekt“ ist. Man kann sagen: es beschreibt einen Menschen, der deshalb bereitet ist, weil er vorbereitet und zubereitet ist. Ausleger verwenden hier die Formulierung: „von rechter Beschaffenheit“ zu sein. Das steht eng mit der praktischen Gerechtigkeit in Vers 16 in Verbindung. Der Maßstab ist hoch und niemand würde von sich behaupten, dieses Ziel je erreicht zu haben. Weniger kann Gott allerdings von uns nicht erwarten. Vollkommen zu sein bedeutet also, dass wir durch das Wort Gottes völlig ausgerüstet sind für jeden Dienst und jede Aufgabe, die Gott uns gibt. Durch das Wort Gottes sind wir fähig, jedes gute Werk zu tun, das wir tun sollen.

Allerdings lesen wir auch an anderen Stellen davon, dass wir vollkommen sind oder vollkommen sein sollen. An den meisten dieser Stellen wird ein Wort verwandt, das vollständig oder komplett oder erwachsen bedeutet. Es gibt Christen, die meinen, ein vollkommener Mensch wäre jemand, der völlig von der Sünde befreit ist und der nicht mehr sündigt. Die Bibel sagt das an keiner Stelle. Sie zeigt uns die „Vollkommenheit“ des Gläubigen unter drei Gesichtspunkten, die wir unterscheiden müssen. Erstens lernen wir etwas über unsere Stellung, zweitens über unser praktisches Leben und drittens über unsere Zukunft:

  1. Unsere Stellung: Unserer Stellung nach sind wir bereits jetzt vollkommen. Das, was die Opfer des Alten Bundes nicht konnten (Heb 7,19; 9,9), hat das Opfer des Herrn Jesus getan: „Mit einem Opfer hat er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden“ (Heb 10,14). Er hat uns vollkommen gemacht! Diese Vollkommenheit hängt nicht von uns ab, sondern sie wird uns von Gott verliehen. Es ist reine Gnade. Wir sind in eine vollkommene Beziehung zu Gott gebracht. An dieser Beziehung ändert sich nichts. Das gibt uns volle Sicherheit, wenn wir an unsere Errettung denken.
  2. Unser praktisches Leben: In Matthäus 5,48 fordert der Herr Jesus seine Jünger auf: „Ihr nun sollt vollkommen sein“. In Kolosser 4,12 werden wir ebenfalls aufgefordert „vollkommen“ zu sein. Epheser 4,13 spricht von dem „erwachsenen (vollkommenen) Mann“. Das ist der Gedanke. Gott möchte, dass wir geistlich wachsen. In einem Sinn wird wohl kaum jemand wagen zu behaupten, dass er diesen praktischen Zustand der Vollkommenheit erreicht hat, denn wir wachsen bis zum Augenblick, wo wir diese Erde verlassen. In einem anderen Sinn können und sollen wir sehr wohl geistlich vollkommen (erwachsen) sein. Ein geistlich gereifter Christ ist nicht jemand, der sündlos lebt (was unmöglich ist), sondern jemand, der in Christus alles gefunden hat und sich von Ihm gebrauchen lässt. Das kommt dem Gedanken unseres Verses am nächsten.
  3. Unsere Zukunft: In 1. Korinther 13,10 schreibt Paulus: „Wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, so wird das, was stückweise ist, weggetan werden“. Dieser Augenblick liegt eindeutig in der Zukunft, wenn der Herr gekommen sein wird, unser Leib der Niedrigkeit umgestaltet ist und wir bei Ihm sind. Dann befinden wir uns in einer vollkommenen Übereinstimmung mit Christus in der Herrlichkeit. Auf diesen Augenblick freuen wir uns. In diesem Sinn sind nicht einmal die entschlafenen Gläubigen vollkommen. Der Schreiber des Hebräerbriefs sagt: „da Gott für uns (die Gläubigen des NT) etwas Besseres vorgesehen hat, damit sie (die Gläubigen des AT) nicht ohne uns vollkommen gemacht würden“ (Heb 11,40).

4.3. Zu jedem guten Werk geschickt

Werke sind Taten und Handlungen, die wir vollbringen. Das Neue Testament erteilt der Lehre, dass man sich durch gute Werke den Himmel verdienen kann, eine klare Absage. Kein Mensch kann gute Werke tun, um gerettet zu werden (z.B. Röm 11,6; Gal 2,16; Eph 2,9; Tit 3,5). Wenn die Bibel uns zu guten Werken auffordert – und das tut sie mehrfach – dann nicht, um gerettet zu werden, sondern weil wir gerettet sind. Dieser Unterschied muss unbedingt beachtet werden. Unser Vers zeigt das ebenfalls. Kein ungläubiger Mensch kann gute Werke tun, um ein Mensch Gottes zu werden, sondern er tut sie, weil er dadurch zeigt, dass er ein Mensch Gottes ist.

Die Werke des natürlichen Menschen bezeichnet Gott als „böse Werke“ (Kol 1,21) und als „Werke der Finsternis“ (Röm 13,2). Selbst die religiösen Werke sind „tote Werke“ (Heb 6,1; 9,14). Sie sind für Gott wertlos und unbrauchbar. Die Werke des Gläubigen hingegen nennt Gott „gute Werke“ und Er kann erwarten, dass wir solche guten Werke tun.

Das Wort „gut“ meint hier etwas, was dem Wesen nach gut, trefflich, nützlich oder ausgezeichnet ist. Es ist auch für andere wohltuend oder wohltätig im Ergebnis. In den Pastoralbriefen6 wird dieser Ausdruck mehrfach für „gute Werke“ verwandt (vgl. 1. Tim 2,10; 5,10; 2. Tim 2,21; 3,17; Tit 1,16; Tit 3,1). In 1. Timotheus 5,10; 5; 25; 6; 18 und Tit 2,7; 2,14 wird für „gute Werke“ ein anderes Wort gebraucht. Es beschreibt etwas, das nach außen hin schön oder edel oder wertvoll ist. Der Eindruck, den die guten Werke auf andere machen, steht im Vordergrund. Dabei geht es nicht darum, vor Menschen zu glänzen, denn ob ein Werk „gut“ ist oder nicht, beurteilt Gott. Trotzdem geht es sehr wohl darum, dass unsere Werke für Menschen „gut und nützlich“ sind (Tit 3,8).

Zu jedem guten Werk völlig geschickt zu sein verbindet sich mit der Aussage in Kapitel 2,21, wo wir lesen, dass wir zu jedem guten Werk bereitet sein sollen. Nur wer vorbereitet ist, kann „geschickt“ oder „ausgerüstet“ sein. „Geschickt“ zu sein meint hier nicht „ausgesandt“ zu sein. Das Wort kommt nur noch einmal in Apostelgeschichte 21,5 vor, wo davon die Rede ist, dass die „Tage vollendet“ waren. Gott möchte, dass wir bereit sind, gute Werke zu tun. Er möchte, dass die erforderlichen Voraussetzungen dazu gegeben sind. Durch sein Wort wirkt Er jetzt in uns, gute Werke zu tun.

Beispielhaft für uns sind die guten Werke von Maria aus Bethanien und von Dorkas aus Joppe. Von Maria heißt es ausdrücklich, dass sie ein gutes Werk an dem Herrn Jesus tat (Mk 14,6). Von Dorkas lesen wir, dass sie voll guter Werke war (Apg 9,36). Es gibt gute Werke, die wir direkt für den Herrn tun. Es gibt gute Werke, die wir an anderen Menschen tun, die gleichwohl Werke sind, die wir letztlich für unseren Herrn tun.

Dieser Vers erteilt dem modernen Ansatz, durch akademische Studien theologisch „zubereitet“ oder „zugerüstet“ zu werden, eine klare Absage. Es geht für Menschen Gottes nicht um eine wie immer geartete theologische Ausbildung, sondern es geht darum, dass wir durch Gottes Wort gebildet und geprägt werden. Das gilt für jeden, der ein Kind Gottes ist.


Teil 2: Das Wort Gottes ist lebendig

„Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Beurteiler der Gedanken und Überlegungen des Herzens; und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben.“ (Hebräer 4,12–13)

1. Der Zusammenhang

Der Hebräerbrief richtet sich an Juden, die sich zum Christentum bekannt haben. Viele unter ihnen waren „echte Christen“ geworden, d.h. sie hatten den Herrn Jesus als ihren Retter und Herrn angenommen. Bei anderen war es leider nur ein bloßes Bekenntnis. Sie hatten sich taufen lassen, waren aber keine „echten Christen“, sondern lediglich solche, die wir heute als „Namenschristen“ bezeichnen würden. Der Schreiber des Briefes – vermutlich Paulus – spricht beide Gruppen an.

Ein Rückblick auf die ersten Verse von Kapitel 4 macht klar, dass es um die Ruhe geht, die auf das Volk Gottes wartet. Der Schreiber macht gleichzeitig den Kontrast zwischen dem Zuhören und dem Nicht-zuhören einerseits und dem Gehorchen und dem Nicht-gehorchen andererseits deutlich. Es gibt solche, die auf das, was Gott sagt, hören, und es gibt solche, die nicht darauf hören. Mehrfach wird das Alte Testament zitiert.

In den Versen 12 bis 16 werden dann zwei „Hilfsmittel“ gezeigt, die der Gläubige auf dem Weg zur Ruhe hat und auf die er jederzeit zurückgreifen kann und zurückgreifen muss. Wir brauchen sie beide:

  • Das Wort Gottes (Verse 12–13). Es wacht über unser Inneres und deckt unsere Beweggründe auf, die wir vielleicht selbst nicht erkennen. Es macht deutlich, ob wir Hörende und Gehorchende sind, oder ob wir unser Ohr verschließen und ungehorsam sind. Wer sich dem Wort Gottes gegenüber dauerhaft verschließt, beweist dadurch nur, dass er keinen echten Glauben hat und nicht in die zugesagte Ruhe eingehen wird.
  • Der Herr Jesus als Hoherpriester (Verse 14–16). In diesem Charakter wacht er über uns und die Umstände, in denen wir uns befinden. Das Wort Gottes deckt u.a. Fehlverhalten auf, damit wir es abstellen. Als Hoherpriester hat der Herr Jesus Mitleid mit uns. Allerdings nicht mit Fehlverhalten und Sünde, sondern mit unseren Schwachheiten. Das eine ist vom anderen zu unterscheiden7. Der Zugang zu unserem mitleidvollen Hohenpriester ist immer gegeben. Wir können und sollen „mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe“ (Heb 4,16).

In dem Text, der uns jetzt beschäftigt, geht es um das Wort Gottes. Dieses Wort ermöglicht es uns, Verhaltensweisen, Zustände und Beweggründe richtig zu beurteilen und einzuschätzen. Das gilt zuerst für uns selbst und erst dann für andere. Ein „echter Christ“ nimmt das Wort mit Freude auf und setzt sich der Wirksamkeit des Wortes Gottes aus. Der „unechte Christ“ (der nur ein Bekenntnis hat und mehr nicht) fürchtet das Wort, weil es ihn bloßstellt. Er wird alles tun, um sich der Wirksamkeit des Wortes zu entziehen.

2. Das Wort Gottes

Wir können diesen Ausdruck in zwei Richtungen verstehen:

  1. Es handelt sich um konkrete Aussprüche Gottes, so wie wir sie in der Bibel finden. Dabei denken wir an einzelne Verse, Abschnitte, Kapitel oder Bibelbücher.
  2. Es handelt sich um das gesamte Wort Gottes, so wie wir es heute besitzen, also um die Bibel in ihrer Gesamtheit, bestehend aus dem Alten und Neuen Testament.

In beiden Fällen trifft zu, dass es „Gottes Wort“ ist. Der Schreiber hatte vorher aus dem Alten Testament zitiert und belegt die Nachhaltigkeit dieser Zitate mit der Begründung, die er in Vers 12 gibt. Doch ohne jede Frage ist Vers 12 nicht auf einzelne Zitate aus dem Alten Testament zu beschränken, sondern bezieht sich auf die Gesamtheit der Aussprüche Gottes, d.h. auf die gesamte Bibel. Wir erinnern uns an das, was wir im 2. Timotheusbrief gefunden hatten: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit“ (2. Tim 3,16).

Das Wort Gottes ist eine Einheit. Die Bibel enthält nicht nur Worte Gottes, sondern sie ist Gottes Wort. Gott hat sich in seinem Wort offenbart. Das „Wort“ (gr. logos) zeigt an, dass es um etwas geht, das „gesagt“ oder „ausgesprochen“ wird. Es beschreibt das Wesen einer Sache mit besonderer Bezugnahme auf den Gedanken, mit dem sie verbunden ist8. Gott offenbart sich in seinem Wort. Er teilt uns zum einen seine Gedanken und Absichten mit und zum anderen sein Wesen und Sein. Es ist Gottes Wort, weil es dem Wesen Gottes entspricht und alle Dinge so beurteilt, wie Gott es tut. Das macht das Wort Gottes einzigartig und mit keinem anderen Buch vergleichbar.

3. Fünf Eigenschaften des Wortes

Der Schreiber erwähnt nun fünf Eigenschaften dieses Wortes, die die Tatsache unterstreichen, dass dieses Wort einzigartig und unvergleichbar ist. Kein Mensch könnte ein solches Buch schreiben, wie Gott es durch seinen Geist getan hat.

3.1. Das Wort Gottes ist lebendig

Das Wort „lebendig“ kommt im Neuen Testament häufig vor. Es wird für etwas gebraucht, das lebt und auch für das Leben selbst. Dabei kann es sich um natürliches oder geistliches Leben handeln. Nur Gott selbst hat Leben in sich selbst. Er ist der „lebendige Gott“. Das wird im Alten wie im Neuen Testament mehrfach betont (vgl. z.B. 5. Mo 5,26; Röm 9,26; Heb 3,12; 9,14; 10,31; 12,22). Gott allein hat Leben in sich selbst und Er allein kann dieses Leben anderen vermitteln. Das Leben, das ein Mensch hat, ist immer ein Leben in Abhängigkeit von dem, der es gibt. Das gilt für unser natürliches wie für unser geistliches (neues und ewiges) Leben.

Was für Gott selbst gilt, gilt ebenfalls für sein Wort. Deshalb sagt der Herr Jesus selbst: „Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Joh 6,63). Das lebendige Wort steht den toten Formen solcher gegenüber, die nur ein äußeres Bekenntnis haben. Das Wort Gottes hat Leben in sich selbst und es wirkt lebensverändernd auf solche, die es annehmen. Petrus schreibt: „die ihr nicht wiedergeboren seid aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes“ (1. Pet 1,23). Die neue Geburt ist aus Wasser (ein Bild des Wortes Gottes) und aus Geist. So haben wir dieses Wort kennen gelernt, als wir als verlorene Sünder zu Gott kamen. So lernen wir dieses Wort jedes Mal neu kennen, wenn wir es aufschlagen und zu uns reden lassen.

3.2. Das Wort Gottes ist wirksam

In dem griechischen Wort, das hier steht, steckt das uns bekannte Wort „Energie“. Das Substantiv kommt außer in unserem Vers noch in Philemon 1,6 und in 1. Korinther 16,9 vor. Dort ist die Rede von einem „wirksamen Glauben“ und einer „wirksamen Tür“. Das entsprechende Verb kommt deutlich häufiger vor und ist sowohl positiv wie negativ belegt. Eine Stelle, die sehr gut zu dem Text in Hebräer 4 passt, ist 1. Thessalonicher 2,13. Dort beschreibt Paulus ebenfalls die Wirkungen des Wortes Gottes bei denen, die es annehmen: „Und darum danken auch wir Gott unablässig dafür, dass ihr, als ihr von uns das Wort der Kunde Gottes empfingt, es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort, das auch in euch, den Glaubenden, wirkt“. Das Wort Gottes setzt bei denen, die es annehmen, Energie frei. Es arbeitet und operiert. Es ist somit völlig anders als viele Menschenworte, die wir als „hohl“ oder „leer“ bezeichnen können, weil sie zwar ausgesprochen werden, allerdings keine Wirkung haben. Gottes Wort ist immer gehaltvoll und substanziell. Es wirkt z.B. im Leben eines Sünders, damit er gerettet wird. Davon schreibt Jakobus: „nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf, das eure Seelen zu erretten vermag“ (Jak 1,21). Es wirkt – wie wir in 1. Petrus 1,23 sahen, in der Wiedergeburt. Es wirkt ebenso – siehe 1. Thessalonicher 2,12 – in den Glaubenden. Voraussetzung ist, dass wir uns der Wirksamkeit und Nachhaltigkeit dieses Wortes nicht entziehen. Menschen, die nur ein christliches Bekenntnis haben, werden genau das dauerhaft tun. Menschen, die durch das Wort geboren sind und sich vom Wort nähren, werden es nicht tun. In ihrem Leben wird das Wort Ergebnisse zur Ehre Gottes wirken.

3.3. Das Wort Gottes ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert

Der Schreiber wählt hier ein Wort, das nur an dieser Stelle vorkommt. Er vergleicht das Wort Gottes mit einer Waffe, die den Lesern des Briefes durchaus bekannt war. Sie wussten, wie scharf ein zweischneidiges Schwert sein konnte. Gott Wort ist schärfer. Das Wort meint „schneidend“ oder „geschliffen“ und ist ein recht starker Ausdruck9.

Der Vergleich mit einem Schwert ist in der Tat eindrucksvoll. Wir finden diesen bildhaften Ausdruck (eine Metapher) mehrfach in der Bibel (vgl. Ps 149,6; Spr 5,4; Off 1,16; 2,12; 19,5). Ich möchte besonders auf die Stelle in Offenbarung 2,12 hinweisen. Dort hat der Herr Jesus das scharfe, zweischneidige Schwert und beurteilt die örtliche Versammlung. In Epheser 6,17 wird das Wort Gottes ebenfalls mit einem Schwert verglichen. Dort ist es eine der Waffen im Kampf gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern10.

Wenn wir das Wort Gottes aufschlagen, finden wir Trost und Ermunterung. Jeremia schreibt: „Deine Worte waren vorhanden, und ich habe sie gegessen, und deine Worte waren mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens; denn ich bin nach deinem Namen genannt, Herr, Gott der Heerscharen“ (Jer 15,16). Das Wort Gottes ist das Licht für unseren Weg, den wir zu gehen haben (Ps 119,105). Vergessen wir allerdings nicht, dass das Wort Gottes ebenso ein scharfes, zweischneidiges Schwert ist, das uns nicht nur als Waffe im Kampf gegeben ist, sondern das sich jederzeit auf uns selbst richtet. Es richtet sich nicht gegen uns, um uns zu töten, sondern um das wegzunehmen, was nicht in unser Leben hineingehört. Das kann ein durchaus schmerzhafter Vorgang sein. Bevor wir dieses Wort als Waffe gegen andere einsetzen, müssen wir es zunächst auf uns selbst anwenden11.

Ein stumpfes Schwert kann zwar große Kraft und Energie ausüben, es wird allerdings nicht wirklich schneiden können. Nur ein scharfes Schwert ist wirklich effizient. Wenn es trifft, spaltet es. Nur ein scharfes Schwert ist durchdringend und scheidend. Dass es „zweischneidig“ ist, mag uns daran erinnern, dass es häufig eine doppelte Wirkung hat. Es

  • ermahnt und ermuntert
  • kritisiert und lobt
  • deckt auf und deckt zu
  • billigt etwas und missbilligt etwas
  • macht unruhig und tröstet
  • warnt und gibt Wegweisung

Ein und derselbe Vers oder Abschnitt mag in der einen Situation oder für einen Leser das eine bedeuten und in einer anderen Situation oder für einen anderen Leser genau das Gegenteil bewirken. In einem Fall ist es Ermunterung, im anderen Fall Ermahnung. In einem Fall ist es Kritik, im anderen Fall Lob usw.

3.4. Das Wort Gottes ist durchdringend

Dieses Wort kommt ebenfalls im Grundtext nur an dieser Stelle vor. Es beschreibt wörtlich etwas, das zwischen zwei Meeren ist oder das Meere auf beiden Seiten hat (z.B. ein Felsenriff, an dem sich zwei Meere treffen). Damit wird gesagt, dass das Wort Gottes in seiner Wirksamkeit an Stellen gelangt, wo wir sonst nicht hinkommen. Es bleibt nicht an der Oberfläche, sondern es geht unter die Haut und in die Tiefe. Gottes Wort wirkt nicht oberflächlich, sondern hat eine Tiefenwirkung. Gott geht den Dingen auf den Grund und bringt die inneren Motive zum Vorschein.

Dann wird gesagt, dass das Wort Gottes so weit durchdringt, dass es scheidet. Das „Scheiden“ ist entweder ein Austeilen oder ein Trennen. Der Ausdruck kommt noch einmal in Hebräer 2,4 vor und wird dort mit „Austeilungen des Heiligen Geistes“ übersetzt. Gottes Wort hat die Fähigkeit, Dinge zu unterscheiden, die bei uns eng miteinander verbunden sind und die wir kaum trennen können. Zwei Dinge werden genannt:

  1. Seele und Geist: Der Mensch besteht aus Geist, Seele und Körper (1. Thes 5,23). Geist und Seele bilden dabei das Innere. Die Seele (Psyche) ist der Sitz der Zuneigungen, des Empfindens und Fühlens. Der menschliche Geist gibt uns die Möglichkeit, mit Gott in Verbindung zu sein. Er hat es mit dem Denkvermögen und dem sachlichen Unterscheiden von Sachverhalten zu tun. Wenn das Wort Gottes Seele und Geist trennt, bedeutet das, das unterschieden wird, was emotional und rational und was wahrhaft geistlich ist. Die Seele hat es mit Gefühlen und Begierden zu tun. Der Geist mit Überlegungen und Gedanken. Diese Unterscheidung können wir bei manchen Entscheidungen und Handlungen oft nicht wirklich selbst durchführen. Das Wort Gottes dringt also tief in unser Inneres (in die Seele und den Geist) ein und enthüllt unsere Empfindungen und Gedanken. Wir könnten die Wirkungsweise des Wortes mit der des Messers eines Chirurgen vergleichen, der durch eine Operation ein Körperorgan freilegt, das wir sonst nicht sehen können.
  2. Gelenke und Mark: Beide Worte kommen nur an dieser Stelle vor. Mit Gelenken sind die Körpergelenke gemeint, d.h. es geht um eine Verbindungsstelle. Das Mark lässt uns an das Innere oder an den Kern denken. Gelenke sprechen von äußeren Handlungen und Worten, während das Mark die innere Motivation und Kraft zeigt, aus der unsere Taten und Reden hervorkommen. Erneut weiß Gottes Wort, das genau zu beurteilen und das eine vom anderen zu unterscheiden.

Alle vier Ausdrücke zusammen beschreiben den Menschen in seiner Ganzheit. Kein einziger Aspekt des Menschen ist vor dem Wort Gottes und vor Gott selbst verborgen. Alles wird geprüft und beurteilt, seien es unsere Motivationen, Emotionen, Gedanken, Handlungen, Worte, usw.).

3.5. Das Wort Gottes ist beurteilend

Zum dritten Mal gebraucht der göttlich inspirierte Schreiber ein Wort, das nur an dieser einen Stelle vorkommt. Es ist ein Wort, von dem unser Wort „Kritik“ abgeleitet wird. Das entsprechende Hauptwort kommt einige Male vor und wird in der Regel mit „Richter“ übersetzt. Sowohl menschliche Richter als Gott selbst werden so bezeichnet. Gott ist der Richter und Beurteiler der Menschen. In Jakobus 5,9 lernen wir, dass der Richter vor der Tür steht. In Hebräer 12 ist er der Richter aller und in 2. Timotheus 4,8 wird bestätigt, dass er ein gerechter Richter ist. Nur Gott ist fähig, alle Dinge richtig zu unterscheiden und zu beurteilen. Was allerdings für Gott gilt, gilt ebenso für sein Wort. Das Wort Gottes hat eine unfehlbare Genauigkeit zwischen Gedanken und Gesinnungen, Regungen und Empfindungen zu unterscheiden und sie zu beurteilen. Es kennt unsere Gedanken, bevor sie zu Worten und Taten geworden sind.

Wir lernen, dass das Wort Gottes nicht nur Leben und Kraft hat, sondern ebenso allwissend ist. Menschen sehen nur unsere Taten und Worte und können sie – in einem gewissen Sinn – interpretieren und beurteilen. Die Gedanken und Empfindungen eines Menschen kennen andere nicht. Sie können etwas vermuten und rückschließen, aber nicht wirklich beurteilen. Gottes Wort kann es.

Gedanken und Empfindungen haben es mit dem Innersten des Menschen zu tun. Sie kommen aus dem Herzen hervor. Gedanken haben es mit dem Denken und Nachdenken zu tun, mit dem, was wir innerlich reflektieren. Der Ausdruck kommt viermal im Neuen Testament vor. Unsere Gedanken müssen wir bewahren und gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus (2. Kor 10,5)12. Das Wort „Gesinnung“ kommt sonst nur noch in 1. Petrus 4,1 vor, wo es mit „Sinn“ übersetzt ist. Gemeint ist die Absicht, der Vorsatz, das Vornehmen oder die Intention. Mit dem Herzen ist hier nicht das Körperorgan gemeint, das wir zum Leben nötig haben, sondern es geht um das tiefste Innere des Menschen. Das Herz ist sowohl der Sitz der Zuneigung als auch des Willens. Vom Herzen aus wird alles gesteuert. Zuerst die grundsätzliche Gesinnung, sodann die einzelnen Gedanken, aus denen schließlich Taten und Worte werden und unsere Gewohnheiten und unser Charakter geformt werden. Deshalb müssen wir das Herz mehr als alles andere bewahren, weil von ihm die „Ausgänge des Lebens“ sind (Spr 4,23). Im Herzen liegt der Keim für alles, was nach außen sichtbar wird. Bei Herzen sind wir an der Wurzel angekommen. Wir verstehen deshalb sehr gut, dass Gott sagt: „Gib mir, mein Sohn, dein Herz“ (Spr 23,26).

Vor Menschen können wir unser Herz verschließen, vor Gott können wir es nicht. Hanna sagt in ihrem Gebet, dass Gott ein „Gott des Wissens ist“ (1. Sam 2,3). Er wiegt nicht nur die Handlungen, sondern Er sieht tiefer. Er ist der „Herzenskenner aller“ (Apg 1,24). Das wollen wir nie vergessen.

Es mag schmerzhaft sein, dieses zweischneidige Schwert auf uns anzuwenden und wirken zu lassen, aber es ist nötig und heilsam, dass wir alles in unserem Leben anhand dieses Wortes beurteilen. Das gilt für unsere grundsätzliche Haltung und Ausrichtung ebenso wie für konkrete Entscheidungen und Handlungen im Lebensalltag.

David gab seinem Sohn Salomo folgende Worte mit auf den Weg: „Und du, mein Sohn Salomo, erkenne den Gott deines Vaters und diene ihm mit ungeteiltem Herzen und mit williger Seele! Denn der Herr erforscht alle Herzen, und alles Gebilde der Gedanken kennt er. Wenn du ihn suchst, wird er sich von dir finden lassen; wenn du ihn aber verlässt, wird er dich verwerfen auf ewig“ (1. Chr 28,9).

4. Schlussfolgerung

Vers 13 enthält die wichtige Schlussaussage, dass kein Geschöpf vor Gott unsichtbar ist. Das Gegenteil trifft zu: Alles ist bloß und aufgedeckt vor dem Auge dessen, mit dem wir es zu tun haben.

Dem aufmerksamen Leser wird ein Wechsel auffallen, der nicht zu übersehen ist. In Vers 12 ist von dem „Wort Gottes“ die Rede, in Vers 13 geht es hingegen ohne Frage um Gott selbst. Wir haben es mit Gott selbst zu tun, vor dessen Auge alles offenbar ist. Dieser Wechsel ist unvermittelt und vielleicht unerwartet. Wir erkennen deutlich, dass Gott sich mit seinem Wort identifiziert. Es ist „SEIN“ Wort. Es kommt von Ihm und es offenbart Ihn. Es entspricht voll und ganz seinem Wesen. Wenn das Wort etwas beurteilt, dann ist das nichts anderes, als dass Gott selbst es beurteilt. Wenn wir einmal bei dem Beispiel des Chirurgen bleiben, der das OP-Messer ansetzt, dann wird hier nicht mehr zwischen beiden unterschieden. Das Wort ist wie das Auge Gottes, dass unser Herz und Gewissen beurteilt und offen legt. Einen ähnlichen „Sprung“ finden wir z.B. ebenfalls in Römer 9,17: „Denn die Schrift sagt zum Pharao: Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erweise und damit mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde“. Es ist offensichtlich, dass Gott spricht, trotzdem schreibt Paulus: „Denn die Schrift sagt“ und bezieht sich auf das Alte Testament.

4.1. Kein Geschöpf ist verborgen

Das Wort „Geschöpf“ meint an den meisten Stellen, wo es vorkommt, eine Schöpfung (Kreation), sei es die materielle und geistliche Schöpfung, die alte oder die neue Schöpfung. Es geht um etwas, was geschaffen worden ist (vgl. Röm 1; 25; 8; 39). Es gibt in diesem Universum nichts Geschaffenes, das nicht vor Gott und seinem Wort offenbar ist. Das gilt ganz besonders für alle Lebewesen und im engeren Sinn speziell für alle Menschen. Jeder Mensch ist ein Werk Gottes und fällt damit unter die Aussage dieses Verses. Wir sind für Gott nicht unsichtbar. Kein Mensch kann verschwinden oder sich vor Gott verstecken. Adam und Eva hatten das nach dem Sündenfall versucht, es war vergeblich. Sie konnten ihre Nacktheit nicht verbergen – der Versuch, es unter den Feigenblättern zu tun, musste scheitern. Er war völlig vergeblich. Gott sieht uns – egal wo wir sind. Und nicht nur das. Er sieht in unser Inneres und beurteilt dort alles. Der Psalmdichter sagt: „Wohin sollte ich gehen vor deinem Geist, und wohin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich auf zum Himmel: Du bist da; und bettete ich mir im Scheol: Siehe, du bist da. Nähme ich Flügel der Morgenröte, ließe ich mich nieder am äußersten Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich fassen“ (Ps 139,7–10).

4.2. Vor Gottes Augen ist alles bloß und aufgedeckt

„Alles“ ist umfassend. Es gibt nichts, was vor Gott verborgen werden könnte. Wenn Gott „alles“ sagt, dann meint Er es so.

  • „Bloß“ bedeutet „nackt“ und zwar sowohl im unmittelbaren als im übertragenen Sinn. Das Wort beschreibt in der direkten Bedeutung einen Zustand, indem jemand nur das Unterzeug (den Leibrock) trägt, d.h. er ist in diesem Sinn nackt oder schwach bekleidet. In Johannes 21,7 heißt es von Petrus, dass er „nackt“ war, d.h. nur mit einem Untergewand, bekleidet. Das Wort wird aber im übertragenen Sinn für etwas gebraucht, das tatsächlich nackt und unverhüllt ist.
  • Das Wort „aufgedeckt“ kommt nur in diesem Vers vor und bedeutet, das etwas offen oder bloß daliegt. Das unterstreicht die vorige Aussage der Blöße.

Gott sieht uns, wo immer wir uns aufhalten. Er sieht jede Tat. Er hört jedes Wort. Er kennt jeden Gedanken und jede Motivation. Das sollten wir nie vergessen. Vielleicht enthält dieser Vers dabei gleichzeitig einen versteckten Hinweis auf den (Preis)Richterstuhl des Christus. Paulus schreibt: „Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses“ (2. Kor 5,10). Echte (d.h. von neuem geborene) Christen werden nicht vor den Richterstuhl gestellt, um gerichtet zu werden, sondern um offenbar zu werden. Es ist der Augenblick, wo unsere Sichtweise auf unser Leben mit der Sichtweise Gottes abgeglichen wird und wo wir dann alles mit den Augen Gottes sehen werden. Manches, was uns selbst hier auf dieser Erde verborgen geblieben ist – z.B. an Motivationen in unserem Reden und Tun – wird dann offenbar werden. Gott beurteilt alles. Das tut Er nicht für sich selbst, denn Er weiß ohnehin alles. Er tut es vielmehr für uns, damit wir klar sehen und nicht vergessen, dass unser ganzes Leben sich vor seinem Auge abspielt.

Vor dem, dem wir einmal Rechenschaft ablegen werden, ist heute schon alles offenbar. Unseren Mitmenschen – unsere Mitgeschwister eingeschlossen – können wir manches vormachen. Vor dem Auge Gottes hat Heuchelei jedoch absolut keinen Sinn. Gott durchschaut alles. Jeder Schein ist vergeblich.

Wir haben es mit dem allwissenden Gott zu tun. Es ist wahr, dass Er in dem Herrn Jesus unser Vater ist. Das ändert allerdings nichts daran, dass Er der heilige Gott ist und bleibt. Wir wollen nicht vergessen, dass dieser heilige Gott unser Vater ist. Wir wollen gleichzeitig nicht vergessen, dass unser Vater dieser heilige Gott ist. Petrus schreibt: „Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht“ (1. Pet 1,17). Das drückt zweierlei aus: Erstens Vertrauen und zweitens Respekt. Das ist der Gott, mit dem wir es zu tun haben.

Zusammenfassung

Beide Verse zeigen uns klar und deutlich, wie sehr sich Gottes Wort von jedem anderen Buch der Weltliteratur unterscheidet. Es ist kein wissenschaftliches Buch, kein Geschichtsbuch, kein politisches Buch und kein unterhaltsames Buch, das wir zum Zeitvertreib lesen können. Es ist nicht mit religiösen Büchern zu vergleichen, die Menschen geschrieben haben. Nein: die Bibel ist einzigartig und unvergleichlich. Es ist das lebendige Wort Gottes, das nicht vergehen wird. Gott selbst hat zugesagt, dass Er über sein Wort wachen wird, um es auszuführen (Jer 1,12). Himmel und Erde werden vergehen, die Worte Gottes nicht (Mt 24,35; Mk 13,31; Lk 21,33).

Dieses lebendige und bleibende Wort Gottes hat einen Einfluss auf alle, die es aufrichtig lesen. Es ist wirksam und scharf. Es dringt bis in das Innerste des Menschen ein und zeigt, was dort vorhanden ist. Es unterscheidet und beurteilt alles – bis tief in unsere Herzen hinein. Es ist nützlich und wirksam, weil es uns belehrt, überführt, zurechtweist und unterweist. Wir brauchen dieses Wort, um als Kinder Gottes unseren Weg zu seiner Ehre und zum Nutzen für andere gehen zu können.

Fußnoten

  • 1 Gemeint ist vor allem die moderne Bibelkritik, d.h. die Beurteilung des Bibeltextes mit Methoden der sogenannten „aufgeklärten Vernunft“. Die historisch-kritische Bibelexegese trennt das „Glauben“ vom „Denken“ und übernimmt weitgehend das Weltbild der Aufklärung, indem es nur eine sichtbare, aber keine unsichtbare Welt gibt (monistisches Weltbild). In diesem Weltbild hat der Gott der Bibel keinen Platz mehr. Als Folge davon versucht man das Wort zu „entmythologisieren“.
  • 2 Das Wort „hauchen“ oder „blasen“ erinnert daran, dass der Herr Jesus zu Nikodemus sagte, dass der Wind „weht“, wo er will (Joh 3,8). Er gebraucht dort das gleiche Wort. Das Wort „Wind“ kann ebenso mit „Geist“ übersetzt werden. Übertragen auf unseren Vers liegt hier ein Hinweis darauf, dass die Inspiration des Wortes Gottes durch den Heiligen Geist erfolgt – eine Tatsache, die von Petrus ausdrücklich bestätigt wird (2. Pet 1,21; vgl. 2. Sam 23,2).
  • 3 Nehmen wir z.B. die Aussage: „Die Sonne geht unter“ (Pred 1,5). Jeder Mensch versteht, was gemeint ist und wir alle benutzen die Aussage im täglichen Sprachgebrauch. Mit der Brille eines Wissenschaftlers geht die Sonne natürlich nicht „unter“, sondern sie verschwindet aus dem Gesichtsfeld des Betrachters, weil die Erde sich dreht. Dennoch würde niemand ernsthaft sagen, dass die Beobachtung und Behauptung: „Die Sonne geht unter“ falsch sei.
  • 4 Als Beispiel sei die Diskussion um das Wesen und die Stellung von Mann und Frau genannt. Wer den Versuch unternimmt, das Gedankengut von „Gender-Mainstreaming“ mit der Bibel zu belegen, kann das nur tun, indem er die biblische Wahrheit verbiegt und dem herrschenden Zeitgeist anpasst. Gottes Aussagen in „der Schrift“ (Altes wie Neues Testament) sind dazu eindeutig.
  • 5 Das trifft in der direkten Bedeutung des Verses auf das Alte Testament zu, gilt aber in der Anwendung auf uns für das gesamte Wort Gottes.
  • 6 Der Ausdruck „Pastoralbrief“ meint „Hirtenbrief“. Damit meint man im Allgemeinen die persönlichen Briefe von Paulus an seine Mitarbeiter Timotheus und Titus, die da, wo sie arbeiteten, einen besonderen Hirtendienst tun sollen. Die Bezeichnung ist im 18. Jahrhundert entstanden.
  • 7 Fehlverhalten ist immer Sünde und damit Zielverfehlung. Schwachheiten sind keine Sünde, sondern stehen damit in Verbindung, dass wir erstens noch auf dieser Erde mit allen ihren Einschränkungen leben. Zweitens haben sie es damit zu tun, dass wir den Leib der Niedrigkeit (Phil 3,21) noch an uns tragen. Die Folge ist Schwachheit, wie z.B. Müdigkeit, Hunger, Krankheit, Trauer usw.
  • 8 Vgl. Chr. Briem, Wörterbuch zum Neuen Testament
  • 9 Ein verwandtes Wort wird in 2. Petrus 2,10 mit „verwegen“ übersetzt.
  • 10 Das Schwert ist in der dort beschriebenen Waffenrüstung die einzige Waffe, die sowohl defensiv als auch offensiv verwandt werden kann. Alle anderen Stücke der Waffenrüstung sind Defensivwaffen.
  • 11 Einige Ausleger erklären so die Tatsache, dass es sich um ein „zweischneidiges“ Schwert handelt, d.h. die eine Seite richtet sich gegen uns selbst, während die andere Seite sich an andere richtet. Das dem grundsätzlich so ist, können wir nicht in Frage stellten. Es ist aber sehr wohl fraglich, ob das im Zusammenhang des Verses die richtige Erklärung ist, denn Hebräer 4,12 spricht eigentlich nur über die Wirkung des Wortes Gott auf den, der es zu Herzen nimmt, d.h. es geht immer um den Leser des Wortes.
  • 12 Obwohl der Zusammenhang und das Wort in 2. Korinther 10 etwas anders ist, können wir diesen Vers einmal auf unser Thema anwenden.

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