Simon Petrus - vom „Fische-Fischer“ zum „Menschen-Fischer“
Ein Jünger wird in den Dienst berufen (Lukas 5,1-11)

Ein Jünger wird in den Dienst berufen (Lukas 5,1-11)

Die Berufung von Petrus in die Nachfolge und den Dienst wird in den drei Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas berichtet. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Berichten von Matthäus und Markus einerseits und dem von Lukas andererseits. Nur Lukas berichtet von den näheren Begleitumständen und dem großen Fischzug. Nur Lukas betont die persönliche Seite der Berufung von Simon Petrus. Matthäus und Markus berichten deutlich knapper und zeigen darüber hinaus mehr die kollektive Seite. Im Folgenden wollen wir dem Bericht des Lukas nachgehen und uns fragen, was wir – ganz praktisch – für uns aus dieser Begegnung lernen können.

„Es geschah aber, als die Volksmenge auf ihn andrängte und das Wort Gottes hörte, dass er am See Genezareth stand. Und er sah zwei Schiffe am See liegen; die Fischer aber waren daraus ausgestiegen und wuschen die Netze. Er aber stieg in eins der Schiffe, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land hinauszufahren; als er sich aber gesetzt hatte, lehrte er die Volksmengen vom Schiff aus.

Als er aber aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus auf die Tiefe, und lasst eure Netze zum Fang hinab. Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben uns die ganze Nacht hindurch bemüht und nichts gefangen, aber auf dein Wort hin will ich die Netze hinablassen. Und als sie dies getan hatten, umschlossen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Genossen in dem anderen Schiff, zu kommen und ihnen zu helfen; und sie kamen, und sie füllten beide Schiffe, so dass sie zu sinken drohten. Als aber Simon Petrus es sah, fiel er zu den Knien Jesu nieder und sprach: Geh von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr. Denn Entsetzen hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über den Fang der Fische, den sie gemacht hatten; ebenso aber auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die Genossen von Simon waren. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht; von nun an wirst du Menschen fangen. Und als sie die Schiffe ans Land gebracht hatten, verließen sie alles und folgten ihm nach“ (Lk 5,1–11)

Teil des Lukas-Evangeliums

Da der Bericht in dieser Form nur im Lukas-Evangelium gegeben wird, lohnt es sich, einleitend kurz über den Charakter dieses Evangeliums nachzudenken. Wir wollen das in vier Punkten tun:

1. Das Generalthema von Lukas

Das Lukasevangelium zeigt uns den Herrn Jesus als wirklichen Mensch, der vom Himmel auf die Erde gekommen ist, um uns Menschen das große Heil Gottes zu bringen. Man könnte dem Evangelium die Überschrift geben: „Von Mensch zu Mensch“. Der Mensch vom Himmel kommt auf diese Erde, um den Menschen, die hier leben, die Gnade Gottes zu bringen. Der Herr Jesus ist der „Sohn des Menschen“, d.h. von einer Frau geboren, und er kommt in Liebe und Barmherzigkeit zu solchen Menschen, die verloren sind. Dabei ist das Heil, das er bringt, nicht auf ein Volk (das der Juden) beschränkt, sondern wenn Gott sich in dem Menschen Christus Jesus offenbart, gilt seine Heilsbotschaft allen Menschen. Lukas beschreibt uns in vielen Begebenheiten, wie Menschen Begegnungen mit dem Herrn Jesus haben. Begegnungen, die zu Veränderungen geführt haben. Begegnungen, die Menschen das große Heil Gottes gebracht haben.

2. Überschriften und Kernvers

Wenn man biblische Überschriften über das Lukas-Evangelium sucht, wird man in den Schriften von Paulus fündig:

  • Titus 2,11: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen“.
  • 1. Timotheus 2,5–6: „Denn Gott ist einer, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gab als Lösegeld für alle“.

Kein anderes Evangelium spricht so sehr von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes mit uns verlorenen Menschen wie das von Lukas. Der Herr Jesus sagt von sich selbst: „denn der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist“ (Lk 19,10).

Typische Szenen von Lukas beschreiben uns die Gnade und die Rettung von Menschen, die im tiefen Elend waren. Als Beispiele nennen wir die Begebenheit vom barmherzigen Samariter (Lukas 10), vom verlorenen Sohn (Lukas 15) und die von der Rettung des Räubers am Kreuz (Lukas 23). Alle drei finden sich nur im Lukasevangelium und zeigen uns deutlich den Charakter dieses Evangeliums.

3. Lukas als Autor

Es ist nicht von ungefähr, dass Gott ausgerechnet Lukas ausgewählt hat, dieses Evangelium von der Gnade Gottes und seines Heils für die Menschen schreiben zu lassen. Lukas ist uns auch als Reisebegleiter von Paulus in der Apostelgeschichte bekannt. In den Briefen von Paulus wird er dreimal erwähnt. In Kolosser 4,14 erfahren wir, dass er der „geliebte Arzt“ ist. Im Brief an Philemon (Vers 24) nennt Paulus ihn seinen Mitarbeiter. In 2. Timotheus 4,11 ist er der letzte treue Freund, der Paulus in seiner Todeszelle in Rom zur Seite steht. Paulus schreibt: „Lukas ist allein bei mir“.

Zwei Dinge fallen besonders auf:

  • Erstens: Lukas ist als gebürtiger Grieche der einzige Nichtjude, den Gott ausgewählt hat, einen Teil seines Wortes zu schreiben. Neben Paulus nehmen die Schriften von Lukas (sein Evangelium und die Apostelgeschichte) den größten Platz im Neuen Testament ein. Gott wählt einen Mann aus den Nationen aus, um über den „Heiland der Welt“ (Joh 4,42; 1. Joh 4,14) zu schreiben, über den, der nicht nur zu den Juden, sondern auch zu den Nationen kam. Ein Heide schreibt über das Heil für die Heiden.
  • Zweitens: Als Arzt war Lukas ein Mann mit hoher Bildung. Diesen Arzt wählt Gott aus, um über den großen Arzt vom Himmel zu schreiben, über den, der das Heil zu den Menschen bringt. Lukas Beruf brachte es mit sich, dass er sich mit Krankheiten und Heilmethoden beschäftigte. Aber das Heil, von dem er in seinem Evangelium schreibt, konnte nur einer bringen: der Mensch vom Himmel.

Ein kurzer Vergleich der beiden Bibelbücher, die Lukas geschrieben hat, zeigt uns, dass es einen inneren Zusammenhang gibt. Beide handeln von dem Heil Gottes:

  • Sein Evangelium: Es beschreibt uns das Heil, das Gott, in der Person des Herrn Jesus gebracht hat. „Nämlich dass Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend“ (2. Kor 5,19).
  • Die Apostelgeschichte: Sie beschreibt uns, wie die Apostel das Heil unter den Menschen bekannt gemacht haben: „und er hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt. So sind wir nun Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott“ (2. Kor 5,20).

4. Eine Besonderheit von Lukas

In Kapitel 1,3 teilt Lukas uns etwas mit, das für das richtige Verständnis seines Evangeliums wichtig ist. Er schreibt den Briefempfängern, dass es ihm gut geschienen hat, alles „der Reihe nach zu schreiben“. Der Reihe nach kann eine chronologische Reihenfolge bedeuten, oder auch eine Reihenfolge nach dem inneren Zusammenhang. Ein Vergleich besonders mit dem Markus-Evangelium macht sofort klar, dass Lukas häufig von der chronologischen Reihenfolge abweicht und bestimmte Szenen nach einem inneren Zusammenhang vorstellt, so wie sie in ihrer geistlichen Bedeutung zusammen passen.

Das gilt z.B. auch für Kapitel 5. Wenn wir die in diesem Kapitel zusammengestellten Szenen mit der Schilderung von Markus vergleichen, wird deutlich, dass sie zeitlich nicht in der Abfolge stattgefunden haben, wie Lukas sie zusammenstellt. Dennoch erkennen wir sofort, warum Lukas sie – unter der Leitung des Heiligen Geistes – in einen inneren Zusammenhang stellt.

Nachdem der Herr Jesus in Kapitel 4 in der Kraft Gottes vor den Volksmengen gepredigt hat, hört er damit nicht auf. Dennoch beginnt er nun in Kapitel 5, sich mit einzelnen Personen zu beschäftigen. Es sind vier Begegnungen, die Menschen mit ihm haben. Alle vier zeigen uns die herrlichen Auswirkungen der Gnade Gottes in dem Herrn Jesus, so wie sie bei einem Menschen sichtbar werden:

  • Die Begegnung des Herrn mit Petrus am See macht klar, dass die Gnade einen Menschen von seinem sündigen Zustand überführt und dann in seine Nachfolge stellt.
  • Der Mann, der voll Aussatz war, belehrt uns darüber, dass die Gnade Reinigung bewirkt.
  • Die Heilung des Gelähmten spricht davon, dass die Gnade uns Kraft zum Leben mit dem Herrn gibt.
  • Die Geschichte von dem Zöllner Levi rundet das Thema ab, und wir lernen, dass die Gnade dafür sorgt, dass wir einen ganz neuen Gegenstand und Mittelpunkt für unser Leben bekommen.

Die zentrale Botschaft des Textes

Bevor wir die Einzelheiten des Textes besehen und auf uns anwenden, ist es gut, uns einen Überblick über die große Linie der Belehrung zu verschaffen, die der Heilige Geist uns geben möchte.

Der Bericht hat das Ziel, uns zu zeigen, wie der Herr Petrus in seinen Dienst beruft. Petrus bekommt am Ende die Zusage, ein Menschenfischer zu werden. Daraufhin verlässt er alles und folgt dem Herrn nach. Aus einem „Fische-Fischer“ wird ein „Menschen-Fischer“. Ohne Frage hatte Petrus als Jünger und Apostel eine besondere Berufung und einen besonderen Auftrag, den in dieser Form niemand von uns hat. Dennoch gibt uns dieser Abschnitt wichtige Unterweisungen für alle, die dem Herrn folgen und dienen möchten.

Petrus musste für seine große Aufgabe vorbereitet werden und eine wichtige Lektion lernen, die jeder lernen muss, den der Herr in seinem Reich gebrauchen möchte. Die große Lektion lautet:

„Heiligkeit vor Dienst“!

Petrus musste, bevor er in den Dienst gestellt wurde, spüren, dass der Herr Jesus Leben verändert. Er musste erstens lernen, wer der Herr Jesus ist und zweitens musste er lernen, wer er selbst war. Petrus bekommt in dieser Begebenheit einerseits ein Empfinden von der Größe und Herrlichkeit des Herrn Jesus, vor dessen Knien er niederfällt. Anderseits bekennt er, dass er selbst ein sündiger Mensch ist. Petrus lernt sich selbst kennen. Er hatte hier nichts Böses getan, aber er merkt, wer er selbst ist – ein sündiger Mensch, der nicht in die Gegenwart des Herrn passt. Petrus war nicht nur jemand, der gesündigt hatte, sondern er war ein Sünder.

Das ist die große Lektion für uns. Wir haben nicht nur gesündigt, sondern wir sind von Natur Sünder. Nur wenn wir das wirklich gelernt haben, sind wir in der Lage, unserem Herrn zu folgen und ihm zu dienen.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie der Herr Jesus Petrus diese Lektion vermittelt. Er fällt nicht mit der Tür ins Haus und konfrontiert ihn nicht gleich mit der Wahrheit, dass er ein sündiger Mensch ist. Nein, der Herr Jesus handelt als der große „Herzenskenner“ (Apg 1,24) in großer Weisheit und mit Bedacht. Er lässt Petrus etwas ganz Besonderes erleben. Er gibt ihm einen großen Segen. Dadurch kommt Petrus „wie von selbst“ – aber eben doch durch das Wirken des Herrn – zu der Erkenntnis, dass er ein sündiger Mensch ist, der nicht in die Gegenwart des Herrn passt.

Abgesehen von dieser großen Hauptbelehrung enthält der Abschnitt eine Vielzahl von praktischen Belehrungen, die wir uns zu Herzen nehmen wollen.

Zwei wichtige Begegnungen mit Jesus

Obwohl es nicht ganz einfach ist, die Begegnungen von Petrus mit dem Herrn Jesus in eine chronologische Reihenfolge zu bringen, ist doch deutlich, dass die Szene am See von Genezareth nicht die erste ist, die Petrus mit dem Herrn Jesus hatte. Johannes – der ebenfalls im Wesentlichen chronologisch berichtet – erwähnt in Kapitel 1 eine zeitlich erste Begegnung, die Petrus mit dem Herrn hatte.

„Am folgenden Tag stand Johannes wieder da und zwei von seinen Jüngern, und hinblickend auf Jesus, der da wandelte, spricht er: Siehe, das Lamm Gottes! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und spricht zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sagten zu ihm: Rabbi (was übersetzt heißt: Lehrer), wo hältst du dich auf? Er spricht zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen nun und sahen, wo er sich aufhielt, und blieben jenen Tag bei ihm. Es war um die zehnte Stunde. Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer von den zweien, die es von Johannes gehört hatten und ihm nachgefolgt waren. Dieser findet zuerst seinen eigenen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden (was übersetzt ist: Christus). Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sprach: Du bist Simon, der Sohn Jonas; du wirst Kephas heißen (was übersetzt wird: Stein)“ (Joh 1,35–42).

In diesen Versen wird uns berichtet, wie Petrus zu dem Herrn Jesus geführt wird und seinen neuen Namen bekommt. In dem Hinführen zum Herrn können wir – mit der gebotenen Vorsicht – die Bekehrung von Petrus angedeutet sehen. In der Tatsache, dass der Herr ihn einen „Stein“ nennt, wird deutlich, dass er neues Leben bekommt (1. Pet 2,5). Steine am Haus Gottes sind lebendige Steine. Es fällt auf, dass Petrus in diesen Versen völlig passiv ist. Untypisch für ihn tut er nichts und sagt auch nichts. Der Herr ist der Handelnde. Wenn es darum geht, einem Menschen neues Leben zu geben, haben wir Menschen keinen Beitrag. Die neue Geburt ist von oben. Sie ist von Gott.

Es mag vordergründig so scheinen, als ob Lukas über die Bekehrung von Petrus schreibt. Aber der Vergleich mit Johannes 1 macht klar, dass wir mit dieser Aussage vorsichtig sein müssen. Petrus hatte bereits neues Leben, als er dem Herrn Jesus am See begegnete. Was ihm fehlte, war die tiefe Erkenntnis dessen, mit dem er zu tun hatte und die Erkenntnis seiner eigenen Sündhaftigkeit.

Auch einige Details in dem Bericht von Lukas machen klar, dass Petrus bereits wiedergeboren war und den Herrn Jesus kannte.

a) Er wird bereits mit seinem neuen Namen „Petrus“ genannt. Zwar spricht der Text mehrfach von Simon, aber in Vers 8 ist es „Simon Petrus“, der vor Jesus niederfällt. Die Namensänderung von „Simon“ auf „Petrus“ deutet die Änderung seiner Identität an, wozu nur der Herr ein Recht hatte.

b) Er nennt den Herrn Jesus „Meister“ und sieht in ihm nicht einfach den „Sohn des Zimmermanns“ wie viele seiner Zeitgenossen. Er anerkennt seine Autorität über ihn.

c) Er beweist Gehorsam. Der Auftrag des Herrn, am Tag auf den See zu fahren um Fische zu fangen, war gegen jede Logik eines Fischers. Dennoch ist Petrus gehorsam und beweist damit Glauben (Vertrauen) in das, was der Herr ihm sagt. Gehorsam ist ein wesentliches Kennzeichen neuen Lebens.

Für uns lernen wir, dass es wichtig ist, den Herrn Jesus nicht nur als den zu kennen, der uns neues Leben gibt. Es beginnt damit, ihn als Heiland anzunehmen, aber gleichzeitig müssen wir ihn auch als Herrn akzeptieren und annehmen. Wenn Menschen als Erwachsene aus der Welt heraus zum Glauben kommen, fallen beide Begegnungen häufig zusammen. Paulus ist dafür ein klassisches Beispiel. Vor den Toren von Damaskus hat er eine entscheidende Begegnung mit dem verherrlichten Herrn. Seine zwei Fragen machen klar, wie sehr sein Leben sich von dieser Begegnung an völlig veränderte. „Wer bist du, Herr?“ (Apg 22,8) und „Was soll ich tun, Herr?“ (Apg 22,10)? Er hatte ihn sowohl als Heiland als auch als Herrn angenommen.

Besonders dann, wenn Kinder, die gläubige Eltern haben, Jesus früh als Heiland annehmen, ist die „Petrus-Erfahrung“ von Lukas 5 etwas, das später nachgeholt wird. Deshalb ist dieser Bericht für solche besonders wichtig. Es genügt nicht, zu wissen, dass ich ein Sünder bin und einen Heiland brauche. Diese initiale Begegnung ist natürlich fundamental. Aber wenn wir danach weiterleben wie vorher, leben wir an Gottes Plan für unser Leben vorbei. Gott will uns dahin führen, unsere völlige Sündhaftigkeit („ich bin ein sündiger Mensch“) anzuerkennen, um dann brauchbare Jünger und Diener unseres Herrn zu werden.

Jesus steigt in das Schiff

Am Ufer des Sees von Genezareth gab es viele Schiffe. Geschichtsforscher wollen herausgefunden haben, dass zur Zeit des Neuen Testamentes etwa 4.000 Schiffe auf dem See genutzt wurden. Doch unter den vielen Schiffen erweckten nur zwei das ganz besondere Interesse des Herrn Jesus. Und es war wiederum kein Zufall, dass er gerade das eine Boot auswählte, das Simon gehörte.

Die Fischer waren ausgestiegen, um ihre Netze zu waschen. Fischer am See von Genezareth zu sein war kein leichter Job. Nachts fuhr man zum Fischen auf den See und am nächsten Morgen warteten die Netze darauf, vom Unrat gereinigt und dann gewaschen und getrocknet zu werden. Das war nötig, damit die Netze dauerhaft ihre Funktion behielten und nicht rissen. Petrus war offensichtlich ein fleißiger Mann. Trotz der langen Nacht war der Feierabend noch nicht gekommen. Ob die Fischer Zeit und Muße gehabt hätten, Jesus zuzuhören, wenn er nicht in ihr Boot gestiegen wäre? Wir wissen es nicht.

Wie selbstverständlich steigt der Herr in eines der beiden Boote. Als Schöpfer-Gott konnte ihm nichts verwehrt werden. Der Text sagt nicht, dass Jesus gefragt hätte, ob er das Schiff betreten darf, denn es gehört ihm längst. Aber dann befiehlt er nicht, sondern als niedriger Mensch bittet er den Fischer Simon, ihn ein wenig vom Land hinauszufahren, um von dort aus die Volksmengen zu lehren.

Was lernen wir praktisch für uns?

a) Wir vergleichen das Schiff mit unserem Leben (das Lebensschiff). Genau davon möchte der Herr Jesus „Besitz“ ergreifen. Er kommt zu uns und möchte in unser Leben treten. Als Schöpfer-Gott hat er ohnehin ein Anrecht darauf. Darüber hinaus hat er sich durch sein Werk am Kreuz einen weiteren Besitzanspruch erworben. Haben wir unser Leben bereits dem Herrn Jesus übergeben? Nicht nur als unserem Heiland, sondern auch als unserem Herrn? Der Herr Jesus war für Petrus kein Fremder mehr, aber jetzt erlebte er ihn auf eine ganz neue Weise. Wir sollen nicht pauschal nur wissen, wer er ist, sondern wir brauchen – wie Petrus – eine persönliche Begegnung mit ihm.

b) Wir vergleichen das Schiff mit dem, was uns gehört. Der Herr Jesus möchte nicht nur, dass wir ihm als Person gehören, sondern er möchte auch Besitz von dem ergreifen, was uns gehört. Haben wir dem Herrn Jesus alles das gegeben, was ihm ohnehin gehört? Stellen wir ihm das zur Verfügung, was er uns zur „Verwaltung“ anvertraut hat? Hat er schon Besitz von meiner Zeit, meinen Fähigkeiten, meinem Auto, meiner Wohnung, meinem sonstigen Ressourcen genommen? Der Herr möchte nicht nur „etwas“ haben. Er ist es wert, dass ihm „alles“ gehört. Er hat uns doch um einen Preis erkauft. Deshalb gehören wir mit allem, was wir haben, nicht mehr uns, sondern ihm.

c) Der Herr Jesus zwingt sich nicht auf. So wie er Simon „bittet“, kommt er auch zu uns und wartet auf die Freiwilligkeit unserer Herzen. Das Wort „freiwillig“ kommt in der Bibel zum ersten Mal in Verbindung mit dem Bau der Stiftshütte vor: „Die Kinder Israel, alle Männer und Frauen, die willigen Herzens waren, um zu all dem Werk zu bringen, das der HERR durch Mose zu machen geboten hatte, brachten dem HERRN eine freiwillige Gabe“ (2. Mo 35,29). Darauf wartet der Herr auch heute. Öffnen wir ihm unser Herz, werden wir das erfahren, was Petrus erfuhr. Der Herr ließ sich nichts schenken. Er ist immer ein reicher Belohner.

Dem Wort Gottes zuhören

Der Text beginnt mit der Aussage, dass die Volkmenge auf Jesus andrängte und das Wort Gottes hörte. Als wahrer Säemann säte er den Samen des Wortes Gottes. Damit ist er das perfekte Modell für jeden Prediger des Wortes heute. Es war ihm wichtig, dass jeder im Publikum ihn gut hören und ihn gut sehen konnte. Deshalb wählte er als ungewöhnliche „Kanzel“ das Boot des Fischers Simon.

Die Botschaft galt augenscheinlich allen, die gekommen waren, ihn zu hören. Aber es war mehr. Es ging dem Herrn ganz zentral um eine einzige Person. Es ging um Simon Petrus. Der Herr Jesus wusste, wie es in seinem Herzen aussah und was er nötig hatte. Deshalb trennte er ihn von der Volksmenge. Er wollte ihn ganz für sich haben. Petrus ließ die Arbeit Arbeit sein und hörte nun „freiwillig gezwungen“ zu, was Jesus lehrte.

Was lernen wir praktisch für uns?

a) Es gilt in der Predigt immer, das Wort Gottes in den Mittelpunkt zu stellen. Zu Timotheus wird gesagt: „Predige das Wort“ (2. Tim 4,2). Nichts ist wirksamer und lebendiger als das Wort Gottes (Heb 4,12). Es ist nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit (2. Tim 3,16). Wenn es um eine Predigt vor Ungläubigen geht, wollen wir bedenken, dass der Glaube aus der Predigt des Wortes kommt. „Also ist der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort“ (Röm 10,17). Diese wenigen Verse zeigen die Bedeutung des Wortes Gottes, das bis heute gepredigt wird.

b) Es gibt Situationen, in denen der Herr ein ganz persönliches Wort für uns hat. Selbst dann, wenn das Wort öffentlich vor vielen gepredigt wird, kann es sein, dass uns ein Wort ganz persönlich trifft. In jeder Zusammenkunft zur Wortverkündigung gilt die Botschaft nicht nur allen pauschal, sondern sie gilt immer gleichzeitig persönlich. Haben wir es nicht oft erlebt, dass der Herr durch sein Wort einen Punkt angesprochen hat, der mir ganz persönlich galt? Manchmal ist es Belehrung, manchmal Ermutigung und manchmal auch Korrektur.

c) Oft gibt es im Alltagsleben Hindernisse, die uns abhalten, uns auf das zu konzentrieren, was der Herr Jesus zu sagen hat. Eines dieser Hindernisse kann das Berufsleben sein. Es fordert uns häufig bis zur Grenze der Belastung. „An Land“ finden wir oft keine Ruhe. So sorgt der Herr manchmal dafür, dass wir immer mal wieder „ein wenig vom Land“ wegkommen. Wir brauchen diese kürzeren – und manchmal längeren – Auszeiten, um ganz in Ruhe auf das zu hören, was er uns sagen will. Momente, wo kein Telefon, keine E-Mail und keine SMS uns ablenken, auf ihn zu hören. „Stille Zeiten“ sind Zeiten, wo wir alles weglegen, was uns im Alltag beschäftigt und uns ganz auf ihn konzentrieren.

Ein gutes Beispiel ist Maria von Bethanien (Lukas 10, 38–41). Im Haus gab es viel zu tun. Auch Hausarbeit kann uns abhalten, unsere „stille Zeit“ mit dem Herrn zu haben. Bei Martha war das der Fall. Bei Maria nicht. Sie war nicht faul. Aber sie wusste, was zu welchem Zeitpunkt zu tun war. Als Jesus das Wort redete, saß sie zu den Füßen von Jesus, um dem Wort zuzuhören. Das war das „gute Teil“. Sie hatte die Prioritäten richtig gesetzt.

Eine Bitte, ein Auftrag und die Reaktion von Petrus

Der Herr Jesus hatte ein konkretes Ziel. Er wollte Petrus etwas klar machen. Petrus sollte zunächst lernen, wer der Herr Jesus ist und wer er selbst ist. Danach sollte er in der Lage sein, ein Menschenfischer zu sein.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie der vollkommene Menschenkenner und Seelsorger dieses Ziel erreicht. Anders als z. B. im Gespräch mit Nikodemus konfrontiert er Petrus nicht direkt mit den Fakten. Er fällt nicht mit der Tür ins Haus. Er sagt ihm nicht direkt, was er von ihm hält. Hätte Jesus gesagt: „Hör mal Petrus. Ich habe eine wichtige Botschaft für dich. Ich bin der Sohn Gottes und du bist ein sündiger Mensch“ wäre Petrus vielleicht intellektuell gefolgt und zu dieser Einsicht gekommen, aber sein Herz wäre wohl kaum erreicht worden. Vielleicht hätte er geantwortet: „Ja, Sünder sind wir ja alle, aber so schlecht (wie die andern) bin ich doch nun auch wieder nicht“. Deshalb geht der Herr Jesus ganz anders vor. Er äußert zuerst eine Bitte und dann gibt er einen Auftrag.

Die Bitte lautete, dass er ein wenig vom Ufer wegfahren sollte. Nachdem Petrus dieser Bitte nachgekommen war, folgte der Auftrag, hinaus auf die Tiefe zu fahren und die Netze dort zum Fang hinabzulassen. Wäre er der Bitte nicht nachgekommen, hätte er keinen Auftrag vom Herrn bekommen und hätte ein großartiges Erlebnis verpasst.

Petrus erfüllt die Bitte des Herrn ohne einen weiteren Kommentar. Er lässt die angefangene Arbeit liegen, so dass Jesus die Volksmengen vom Schiff aus lehren kann. Den dann folgenden Auftrag erfüllt er ebenfalls, allerdings nicht ohne einen aufschlussreichen Kommentar zu geben:

„Meister, wir haben uns die ganze Nacht hindurch bemüht und nichts gefangen, aber auf dein Wort hin will ich die Netze hinablassen“. Petrus nennt ihn „Meister“. Dieser Ausdruck ist typisch für das Lukas-Evangelium. Er kommt nur in diesem Evangelium vor und zwar insgesamt siebenmal. Ein Meister ist jemand, der Autorität hat. Es ist ein Vorgesetzter oder Befehlshaber. Petrus war bereit, sich der Autorität dessen zu unterwerfen, der diesen Auftrag gab. Er erkannte seine Autorität an, obwohl in seinen Worten ein gewisser Zweifel mitschwang, ob der Auftrag nun erfolgreich sein würde oder nicht. Vorstellen konnte Petrus es sich anscheinend nicht so gut.

Was der Herr von Petrus erwartete, war durchaus gegen die Logik eines Fischers vom See Genezareth:

  • Fische wurden in der Regel nachts gefangen und nicht am Tag. Tagsüber schwimmen die Fische tiefer unten, so dass man sie schlecht fangen kann.
  • Fische wurden in der Regel im seichten Wasser gefangen, wo sie nachts an die Oberfläche kommen, um Nahrung aufzunehmen. Im tiefen Wasser konnte man mit den damaligen Methoden schlecht fangen.
  • Jesus war von Beruf Zimmermann, und so hätte der Verstand sagen können, dass der Fischereiexperte Simon vom Fischen doch mehr Ahnung hatte als der Zimmermann Jesus.

Aber der Herr Jesus fordert Petrus ganz bewusst heraus. Er will sehen, ob Petrus Vertrauen (Glauben) zu ihm hat und ob er gegen die Vernunft gehorsam sein würde. Und Petrus reagiert richtig. Der Glaube fragt nicht nach Logik. Der Glaube ist einfach gehorsam. Petrus sagt: „Aber auf dein Wort hin“. Das ist nichts anderes als schlichter Gehorsam. Er überlässt alles Weitere dem Herrn.

Es ist für uns Menschen oft eine schwierige Lektion zu lernen, unseren Verstand glaubensvoll dem Wort Gottes unterzuordnen. Unser Verstand ist nicht unwichtig. Niemand der glaubt, muss seinen Verstand an den Nagel hängen. Aber wichtig ist, dass wir beachten, was Salomo schreibt: „Vertraue auf den HERRN mit deinem ganzen Herzen, und stütze dich nicht auf deinen Verstand“ (Spr 3,5). Die Gefahr ist, dass wir uns auf unseren Verstand stützen und nur menschlich abwägen, was uns „vernünftig“ oder „unvernünftig“ erscheint. Hätte Petrus so gehandelt, wäre er nicht noch einmal aufs Wasser gefahren. Der Glaube ist mutig, aber er ist nicht übermütig. Der Glaube stellt Gott auf die Probe, aber er wird Gott nicht versuchen.

„Auf dein Wort hin“. Wenn jemand auf das Wort eines andern hin handelt, trägt der andere die Verantwortung für das, was geschieht. Genau das tut Petrus hier. Er überlässt die Sache dem Auftraggeber und ist gehorsam.

Glaube und Gehorsam gehören eng zusammen. Paulus verbindet beide Tugenden im Römerbrief zu dem Begriff „Glaubensgehorsam“ (Röm 1,5; 16,26). Der Glaube ist immer gehorsam. Das Evangelium anzunehmen ist ein Akt des Glaubens und ein Akt des Gehorsams (Apg 17,30; 2. Thes 1,8; 2,12). Gehorsam ist das erste Ergebnis des Glaubens. Es kann nicht anders sein. Das Wort Gottes „produziert“ den Glauben und der Glaube „produziert“ den Gehorsam.

Was lernen wir praktisch für uns?

a) Wenn wir bei einem Bruder oder einer Schwester eine Veränderung des Denkens erreichen wollen, ist der Weg der direkten Konfrontation mit der Wahrheit nicht immer der geeignete. Das Vorbild des Herrn Jesus lehrt uns, dass man manchmal scheinbare „Umwege“ gehen muss, um ans Ziel zu kommen.

b) Glauben und Gehorsam sind zwei Tugenden, die eng miteinander verbunden sind. Auch wenn es uns schwerfällt, müssen wir menschliche „vernünftige“ Überlegungen manchmal hinten anstellen und unserem Herrn volles Vertrauen schenken. Der Herr sucht den schlichten Gehorsam seinem Wort gegenüber, selbst wenn uns im konkreten Fall vielleicht eine Reihe von Argumenten einfallen könnte, die „eigentlich“ dagegen sprechen.

Auf Gehorsam folgt Segen

Auf Glauben und Gehorsam folgt immer Segen. Wer gibt, empfängt. Der Herr Jesus selbst hat gesagt: „Gebt, und euch wird gegeben werden: ein gutes, gedrücktes, gerütteltes und überlaufendes Maß wird man in euren Schoß geben“ (Lk 6,38). Genau das haben Petrus und seine Genossen hier erlebt. Mehr Segen als er ihnen gab, konnten sie nicht fassen. Sie stellten ihr Boot zur Verfügung und er segnet bis zum äußersten. Die Netze begannen zu reißen, d.h. sie konnten das Volumen der Fische so eben fassen. Die Schiffe drohten zu sinken, und sie konnten sie nur so eben über Wasser halten.

  • Petrus erlebt hier das, was Abraham erlebte. Er war ebenfalls gehorsam gewesen und hatte seinen Sohn Isaak Gott nicht vorenthalten. Gott sagt ihm: „Ich schwöre bei mir selbst, spricht der HERR, dass, weil du dies getan und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, ich dich reichlich segnen und deine Nachkommen sehr mehren werde, wie die Sterne des Himmels und wie der Sand, der am Ufer des Meeres ist“ (1. Mo 22,16–17).
  • Petrus erlebt hier das, was Gott seinem Volk Israel versprochen hatte: „Denn der HERR wird dich reichlich segnen in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir als Erbteil gibt, es zu besitzen, wenn du nur der Stimme des HERRN, deines Gottes, fleißig gehorchst, indem du darauf achtest, dieses ganze Gebot zu tun, das ich dir heute gebiete“ (5. Mo 15,4–5).
  • Petrus erlebt hier das, was Gott Josua gesagt hatte: „Dieses Buch des Gesetzes soll nicht von deinem Mund weichen, und du sollst darüber nachsinnen Tag und Nacht, damit du darauf achtest, zu tun nach allem, was darin geschrieben ist; denn dann wirst du auf deinem Weg Erfolg haben, und dann wird es dir gelingen“ (Josua 1,8).

Aber dieser gewaltige Segen war nur Mittel zum Zweck. Der Herr Jesus wollte mehr. Und er kam zum Ziel. Er wollte das Gewissen von Simon erreichen. Er gab ihm einen überreichen Segen, viel mehr, als Petrus je erwarten konnte. Aber Petrus sieht nicht den überreichen Segen. Er sieht nicht die beiden Boote voller Fische. Er sieht nicht den außergewöhnlichen „Geschäftserfolg“ und die Möglichkeiten, die sich daraus für einen Fischer aus Galiläa eröffneten. Er hatte das Wort des Herrn gehört. Er hatte den Segen des Herrn erlebt. Aber jetzt sieht er nur auf die Person dessen, der zu ihm redete und ihn so gesegnet hatte. Und in seinem Herzen wird er lautlos die Frage formuliert haben, die später einmal hörbar gestellt wurde: „Wer ist denn dieser“? (Lk 8,25). Langsam wird ihm gedämmert haben, wer es wirklich war, der da mit ihm sprach. Psalm 8 beschreibt die Größe des Sohnes des Menschen. Der Psalmdichter sagt unter anderem: „Du hast ihn zum Herrscher gemacht über die Werke deiner Hände; alles hast du unter seine Füße gestellt: Schafe und Rinder allesamt und auch die Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres, was die Pfade der Meere durchzieht“ (Ps 8,7–9). Das hat Petrus hier unmittelbar erlebt. Er wusste, dass man einen solchen Fischfang am helllichten Tag im tiefen Wasser nicht auf natürliche Weise erklären konnte. Da musste jemand am Werk gewesen sein, der den Fischen befohlen hatte, in die Netze zu gehen.

Was lernen wir praktisch für uns?

a) Auch wenn unsere Segnungen nicht primär irdischer Natur sind (Reichtum, Vermögen, Anerkennung, beruflicher Erfolg, Gesundheit usw.) bleibt der Grundsatz Gottes erhalten, dass er uns dann segnen und innerlich weiter führen kann, wenn wir bereit sind, uns seinem Wort zu unterwerfen und ihm zu gehorchen.

b) Über den Segen Gottes hinaus wollen wir nie vergessen, wer die Quelle dieses Segens ist. Jede Zuwendung von Seiten unseres Herrn sollte dazu führen, ihn besser kennen zu lernen. So groß der Segen ist, der Segnende ist größer.

Eine wichtige Erkenntnis

Wir werden nun Augen- und Ohrenzeugen eines besonderen Vorgangs. Etwas Erstaunliches passiert: Wir lesen weder etwas von Freude über den großen Fang noch von Dank darüber. „Die Segnung führt nicht zur Freude, sondern zu der Erkenntnis seines sündigen Zustandes und zur Furcht, weil der Segen ihn in die Gegenwart des Herrn der Herrlichkeit führt“ (H. Rossier1). Petrus merkt auf einmal, dass er vor Jesus wie ein offenes Buch ist. Er begreift, wer Er ist und gleichzeitig gibt ihm das eine tiefe Erkenntnis seines eigenen Zustandes. Und das wiederum führt zu der Überzeugung. dass er nicht zu Jesus passt.

Besehen wir die Erkenntnis von Petrus im Detail:

  1. Bevor er überhaupt etwas sagt, nimmt er die richtige Haltung ein. Er fällt zu den Knien Jesus nieder. Es war ihm gleichgültig, dass er sich in einem Boot voller Fische befand. Es war ihm gleichgültig, dass andere zusahen. Er nahm die einzig richtige Haltung ein. Es heißt hier nicht, dass er auf seine Knie fiel oder dass er zu Füßen Jesus niederfiel (wie sonst häufig), sondern die Knie Jesu werden genannt. Der Ausdruck ist in dieser Form einmalig. Man mag darüber nachdenken, warum das so ist. Eine naheliegende Erklärung ist, dass das Boot voller Fische war, so dass die Füße des Herrn nicht sichtbar waren. Aber jedenfalls zeigt die äußere Handlung von Petrus eine innere Herzenseinstellung von Unterordnung, Unterwürfigkeit und Demut. Er erkennt ihn als Herrn an, vor dem man sich niederwirft. Zum andern drückt sie den Wunsch aus, nahe beim Herrn zu sein.
  2. Petrus begreift, dass er vor der Größe dessen, der hier im Boot ist, nicht bestehen kann. Gott ist Licht und kein Mensch kann vor ihm bestehen. Ihm wird schlagartig klar, dass er so, wie er ist, nicht zu Jesus passt. Er erkennt sich als Sünder, der in der Gegenwart des heiligen Sohnes Gottes nicht bestehen kann. Gerade dort, in der Gegenwart dessen, der völlig rein und sündlos ist, wird die Sünde in ihrem wahren Charakter gesehen wie sonst nirgends. Obwohl wir einerseits völlig unwürdig sind, nahe bei Jesus zu sein, ist die Nähe zu ihm dennoch der Platz, wo wir unseren sündigen und verdorbenen Zustand wirklich erkennen.
    Petrus kommt zu der Einsicht, dass er ein sündiger Mensch ist. Es geht hier nicht darum, dass Petrus Sünden begangen hat, sondern darum, dass er ein Sünder ist. Das ist ein Unterschied, den wir gut verstehen müssen. Was wir getan haben ist eine Sache. Was wir sind, ist eine andere Sache. Als der verlorene Sohn zu seinem Vater zurückkehrte, finden wir in seinem Bekenntnis beide Seiten. Er sagt: „Vater, ich habe gesündigt“. Das ist das eine. Dann fügt er hinzu: „Ich bin nicht würdig …“. Das ist das andere. Was er getan hatte, waren böse Dinge. Aber er war auch in sich selbst durch und durch unwürdig. In diesem bemerkenswerten Bekenntnis finden wir in kurzer Form das zusammengefasst, was der Römerbrief uns in seinem ersten – und lehrmäßigen Teil – vorstellt. Wir sind erstens schuldig vor Gott wegen der vielen bösen Dinge, die wir getan haben und wir sind zweitens Sünder, weil wir eine alte und sündige Natur in uns haben. Für beide Probleme hat nur der Herr Jesus eine Lösung.
    In dem Eingeständnis von Petrus steht nun die zweite Seite vor uns: „ich bin ein sündiger Mensch“. Paulus schreibt in Römer 7: „Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen dessen, was recht ist, finde ich nicht“ (Röm 7,18). Zu dieser Erkenntnis müssen wir kommen, wenn der Herr uns in einem Dienst gebrauchen will. Wir dürfen nichts von uns selbst halten, aber alles von Ihm erwarten.
    Petrus war klar, dass er so, wie er war, nicht in die Gegenwart des Herrn passte. Wir müssen lernen, dass wir wirklich durch und durch Sünder sind. Wir sind keine „guten Menschen“, die ab und zu mal etwas Böses tun, sondern unser Charakter – unsere Natur – ist sündig und wir können vor dem Herrn nicht bestehen. „Mit keinem Fetzen eigener Gerechtigkeit können wir unsere sündige Blöße zudecken“ (W. Gschwind2).
  3. Petrus bittet den Herrn, von ihm wegzugehen. Worte und Taten von Petrus scheinen in einem gewissen Widerspruch zu stehen. Einerseits ist er zu den Knien des Herrn und drückt damit den Wunsch aus, ihm ganz nahe zu sein. Andererseits sagt er, der Herr möge weggehen. Beides – Handlung und Worte – bringen die Empfindungen von Petrus auf den Punkt. Moralisch war das, was er sagte, richtig. Vom Herzen her war seine Stellung zu den Knien Jesus richtig. Er fühlte sich einerseits völlig unpassend für die Gegenwart des Herrn und wollte doch andererseits ohne ihn nicht mehr leben. W. Kelly schreibt dazu: „Er wusste jetzt, was Sünde ist und bekannte es. Sein Liegen zu den Füßen Jesu zeigte jedoch, dass sein Herz ganz anders fühlte. Der Herr sollte ihn nicht verlassen, obwohl ihm sein Gewissen sagte, dass es eigentlich so sein müsste. Er war von seinem sündigen Zustand tiefer überzeugt als jemals zuvor … Dieser Zwiespalt hatte seine Wurzel nicht im Herzen; er lag nur an der Oberfläche seiner Worte. Denn seine innersten Gefühle verlangten nach Jesus und erfreuten sich an Ihm. Er klammerte sich an Ihn mit ganzer Seele und doch in dem festen Bewusstsein, dass er nicht das geringste Recht dazu hatte“3. Dazu passen die Worte aus Psalm 130,1–5, wo der Psalmdichter betet: „Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir! Herr, höre auf meine Stimme! Lass deine Ohren aufmerksam sein auf die Stimme meines Flehens! Wenn du, Jah, auf die Ungerechtigkeiten achtest: Herr, wer wird bestehen? Doch bei dir ist Vergebung, damit du gefürchtet werdest. Ich warte auf den HERRN, meine Seele wartet; und auf sein Wort harre ich.“
  4. Wir fragen uns, wieso Petrus ausgerechnet durch den großen Fischfang zu dieser Erkenntnis kommt, denn auf den ersten Blick erschließt sich die Parallelität nicht. Die Antwort lautet: Die Größe und die Herrlichkeit der Person des Herrn haben ihn dazu gebracht. Genau das war die Absicht des Herrn Jesus. Es war nicht ein konkreter Fehltritt (eine Sünde), die zu seiner Einsicht führte, sondern die Gegenwart des Herrn. Diesen Grundsatz finden wir wiederholt in der Bibel. Menschen, die Gott sahen, erkannten schlagartig wer sie waren und dass sie vor diesem Gott nicht bestehen konnten. Dazu einige Beispiele:

    - Als Gideon den Engel des Herrn sah, bekam er Todesangst und sagte: „Ach, Herr, HERR! Da ich ja den Engel des HERRN gesehen habe von Angesicht zu Angesicht! Und der HERR sprach zu ihm: Friede dir! Fürchte dich nicht, du wirst nicht sterben“ (Ri 6,22–23).
    - Ähnlich erging es Manoah, dem Vater Simsons. Er sagte zu seiner Frau. „Wir werden gewiss sterben, denn wir haben Gott gesehen“ (Ri 13,22). Auch sie brauchten nicht zu sterben.
    - Noch deutlicher finden wir es bei Hiob. Er sagt am Ende seiner großen Prüfung: „Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche“ (Hiob 42,5). Wirkliche Erkenntnis des Herrn führt zu wirklicher Erkenntnis von uns selbst. Die Tatsache, dass er Gott gesehen hatte, führte zu dieser Einsicht. Die vielen Argumente seiner Freunde hatten nichts ausrichten können, aber jetzt kam Gott mit Hiob zum Ziel.
    - Jesaja erlebte ähnliches: „Und ich sprach: Wehe mir! Denn ich bin verloren; denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen, und inmitten eines Volkes mit unreinen Lippen wohne ich; denn meine Augen haben den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen“ (Jes 6,5). Die Begründung macht erneut klar, wodurch diese Erkenntnis hervorgerufen wurde.

„Stets führt die Erkenntnis Gottes zur Buße oder zur Erkenntnis der Sünde. Nur im Licht Gottes können wir uns selbst wirklich kennenlernen“ (J.G.Bellet4). Nur so ist es zu erklären, dass der Fischfang diese Erkenntnis bei Petrus hervorbrachte.

Wir können das, was Petrus hier sagt, mit dem Bekenntnis des Räubers am Kreuz vergleichen (Lk 23,39–43). Drei Dinge fallen auf:

a) Er gibt zu, dass er verdiente, was seine Taten wert waren. Das ist das Eingeständnis, ein Sünder zu sein.

b) Er erkennt, dass der Herr Jesus nichts Ungeziemendes getan hat. Er hatte erkannt, wer der Mann in der Mitte war. Er war rein, heilig und sündlos.

c) Er bittet um Hilfe: „Gedenke meiner, Herr“. Was Petrus unausgesprochen durch seine Haltung ausdrückte, fasste dieser Mann in Worte.

Was lernen wir praktisch für uns?

a) Wir brauchen einen tiefen Eindruck von der Größe und Herrlichkeit der Person unseres Herrn, damit wir uns selbst richtig erkennen und einschätzen. So wie Paulus fragte: „Wer bist du Herr?“, sollen wir unser Leben lang in der Erkenntnis der Person unseres Herrn und Heilandes wachsen. Diese Erkenntnis hält uns klein und demütig.

b) Für jeden Dienst ist es wichtig, dass wir das Prinzip „Heiligkeit vor Dienst“ verinnerlichen. Als Diener des Herrn müssen wir in seiner Gegenwart unsere eigene Sündhaftigkeit kennen lernen. Diese Übung der Seele ist unerlässlich. Wenn wir sie nicht bei unserer Bekehrung schon gemacht haben, holt der Herr sie später nach. Wenn nicht, wird die Aufnahme des Wortes immer oberflächlich bleiben und keine wirklich tiefen Wurzeln im Herzen schlagen. Was Petrus hier erstmalig erkannte und einsah, wurde im Übrigen später durch einen schmerzlichen Fall noch einmal wiederholt, als er seinen Herrn verleugnete.

Die Antwort des Herrn

Die Antwort des Herrn auf die Aussage von Petrus und dessen unausgesprochene Bitte konnte nicht auf sich warten lassen. Sie hat zwei Teile: Zunächst hört Petrus die Worte: „Fürchte dich nicht“. Danach bekommt er die Zusage, dass er einmal Menschen fangen werde.

Der Herr Jesus hat selbst gesagt, dass er gekommen war, um Sünder zu suchen und zu erretten (Lk 19,10). So einer war Petrus. Wer sich selbst im Licht Gottes als Sünder erkennt und sich im Glauben an Jesus wendet, wird nie weggestoßen werden.

Petrus hörte zuerst die Mut machenden Worte: „Fürchte dich nicht“. Wie oft haben Menschen diese drei Worte aus dem Mund Gottes bzw. des Herrn Jesus gehört und zwar sowohl in der persönlichen als auch in der kollektiven Ansprache („fürchtet euch nicht“). Der Herr hat damit sowohl Sünder aufgerichtet als auch Gläubigen Mut gemacht. Die Vielzahl der Stellen kann hier nicht angeführt werden. Es sei lediglich auf das erste und letzte Mal hingewiesen, wo wir diese Aussage in der Bibel lesen:

  • Abraham: „Nach diesen Dingen erging das Wort des HERRN an Abram in einem Gesicht, und er sprach: Fürchte dich nicht, Abram; ich bin dir ein Schild, dein sehr großer Lohn“ (1. Mo 15,1).
  • Der Jünger Johannes: „Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen nieder wie tot. Und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte“ (Off 1,17).

Hier ist es Petrus, der – von seiner eigenen Sündhaftigkeit überwältigt – diese Worte hört. Er hatte Sorge, der Herr würde vielleicht wirklich weggehen, weil er doch ein Sünder war. Aber dann hört er diese Aussage: „Fürchte dich nicht“. „Habe keine Angst“. Niemand, der sich als Sünder erkennt, braucht Angst zu haben. Der Herr Jesus ist nicht nur heilig und gerecht, sondern er ist auch voller Liebe. Weil er am Kreuz unser Stellvertreter geworden ist, braucht sich niemand zu fürchten. „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe“ (1. Joh 4,17–18).

Kein Sünder kann in der Gegenwart Gottes bestehen. So wie bei Petrus braucht es ein tiefes Werk Gottes in uns, um das zu erkennen. Aber wenn wir uns dann an den Herrn Jesus wenden und die Gnade kennen lernen, wird alles anders. Das Werk der Gnade zeigt uns, dass Gott nicht nur Licht, sondern Liebe ist. In Epheser 1,13 spricht Paulus davon, dass wir sowohl das Wort der Wahrheit als auch das Evangelium unseres Heils gehört und geglaubt haben. Das Wort der Wahrheit zeigt uns die Wahrheit über Gott und über uns. Dieses Wort ist wenig schmeichelhaft. Es lässt uns vielmehr erschrecken. Das ist es, was Petrus hier erlebte. Wer Gott in seiner Heiligkeit und sich selbst in seiner Sündhaftigkeit kennenlernt, wird zu Boden geworfen. Aber dann hören wir das Evangelium unseres Heils (unserer Errettung). Das ist die gute Botschaft, dass der heilige Gott durch das Werk vom Kreuz einen Weg gefunden hat, uns dennoch anzunehmen. Das nimmt jede Furcht weg. Beides – das Wort der Wahrheit und das Evangelium unseres Heils – müssen wir im Glauben annehmen.

So von dem Herrn angenommen, bekommt Petrus nun die Zusage, dass er einmal Menschen fangen wird. Das ist gleichzeitig ein Auftrag, den Petrus bekommt. Die Begegnung mit dem Herrn Jesus hat Petrus völlig verändert. Aus dem „Fische-Fischer“ wird nun ein „Menschen-Fischer“. Wenn wir die Apostelgeschichte lesen, erkennen wir deutlich, wie Petrus diese Aufgabe im großen Segen wahrgenommen hat und wie Tausende durch seine Predigten zum Glauben kamen. Der Herr hatte sein Ziel mit Petrus erreicht. Es mag sein, dass der Herr für uns eine andere Aufgabe hat, aber eins ist sicher: Er möchte jeden von uns in seinem Dienst gebrauchen.

Was lernen wir praktisch für uns?

Wenn der Herr uns in seinem Dienst gebrauchen möchte, geht das nur, wenn wir die Lektion von Petrus gelernt haben. Nur wer selbst im inneren Frieden ist, kann anderen die Botschaft des Friedens weitertragen. Bevor der Herr Jesus nach seiner Auferstehung die Jünger aussendet, kommt er mit der herrlichen Botschaft zu ihnen: „Friede euch!“ (Joh 20,21). Ohne gefestigten Frieden haben wir keine Friedensbotschaft für andere. Nur wer selbst die Worte des Herrn „Fürchte dich nicht“ gehört hat, kann anderen davon weitersagen.

Nachfolge

Die Jünger hatten auf dem See Großartiges erlebt. Nun kehren sie an Land zurück. Was würden sie mit dem gewaltigen Fischfang tun? Für einen – vielleicht armen Fischer – war es der Fang des Lebens. Die Fische konnten verkauft und ein gutes Vermögen damit erworben werden. Doch die Reaktion der Jünger ist völlig anders. Sie lassen alles stehen und liegen und folgen dem Herrn nach.

Ein Mensch, der sich ganz dem Herrn übergibt, empfängt nicht nur etwas, sondern er gibt auch etwas. Das christliche Prinzip ist nicht, etwas zu tun oder zu geben, um etwas zu bekommen, sondern wir geben, weil wir empfangen haben. Das unterscheidet das Christentum von allen Religionen.

Petrus hatte die Worte des Herrn gehört: „Fürchte dich nicht“. Frieden war in sein Herz eingezogen. Statt wegzugehen hatte der Heiland ihn angenommen und in seinen Dienst berufen. Jetzt kommt die Antwort von Petrus und den anderen, die alles mitbekommen hatten: „Und als sie die Schiffe ans Land gebracht hatten, verließen sie alles und folgten ihm nach“.

Wir finden hier nicht – wie bei Matthäus und Markus – die konkrete Aufforderung zur Nachfolge (Mt 4,19; Mk 1,17). Diese Aufforderung hat selbstverständlich ihren Platz. Aber hier kommt der Wunsch zur Nachfolge „wie von selbst“. Wer den Herrn der Herrlichkeit erkannt hat und wie er Menschen annimmt, die ihre eigene Sündhaftigkeit eingestanden haben, der wird den einen Wunsch haben, diesem Herrn jetzt zu folgen. Es wäre viel zu wenig, wenn wir uns damit zufrieden geben, einen Heiland zu haben, der unser Sündenproblem gelöst hat. Wir haben einen Herrn, dem wir folgen und dem wir dienen möchten. „Wenn die Gnade gekannt ist und Friede und Freude als Folge des Hörens der Worte „Fürchte dich nicht“ das Herz erfüllt, dann ist die Nachfolge hinter dem Herrn Jesus her der einzige sichere und richtige Weg für den Wiedergeborenen (W.T.P. Wolston5).

Doch bevor sie dem Herrn folgen, müssen sie etwas aufgeben. Nachfolge hat ihren Preis. Sie ist nicht zum Nulltarif zu bekommen. Der Herr Jesus selbst hat gesagt: „Niemand kann zwei Herren dienen“ (Math 6,24). Die Jünger ließen das hinter sich, was sie hindern konnte, dem Herrn Jesus nachzufolgen. Sie verglichen das, was sie aufgaben mit dem, was sie bekamen. Und damit war die Wahl entschieden. Man kann nicht alles behalten und gleichzeitig für den Herrn leben. Der nachfolgende Satz von Jim Elliot ist wiederholt zitiert worden, weil er den Nagel auf den Kopf trifft: „Der ist kein Narr, der aufgibt, was er nicht behalten kann, um zu erhalten, was er nicht verlieren kann.“6

In Johannes 1 hatte Petrus gelernt, dass er nun dem Herrn Jesus gehörte. In Lukas 5 lernt er, dass er mit allem, was er hatte, dem Herrn Jesus gehörte. Das ist deutlich mehr. Wenn wir nicht wissen, was wir gewinnen, fällt es uns schwer, das aufzugeben, was uns hindert. Für Paulus war die Sache ebenso entscheidend, wie für die Jünger hier: „Aber was irgend mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust geachtet; ja wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde…“ (Phil 3,7–9).

Die wenigsten von uns sind berufen, wie die Jünger tatsächlich und buchstäblich alles zu verlassen und aufzugeben. Darum geht es auch nicht primär. Wenn wir die Briefe des Neuen Testaments aufmerksam lesen, finden wir diese Aufforderung, alles – Heimat, Beruf, Familie, Eigentum – aufzugeben nicht. Es mag einzelne Fälle geben, wo der Herr zu einem speziellen Dienst ruft, aber die Regel ist das nicht. Was wir aber sehr wohl finden ist, dass wir nicht mehr uns selbst leben, sondern uns ganz dem Herrn hingeben. Ein Beispiel sind die Gläubigen aus Mazedonien: „Und nicht nur, wie wir gehofft hatten, sondern sie gaben sich selbst zuerst dem Herrn, und uns durch Gottes Willen“ (2. Kor 8,5). Paulus schreibt den Korinthern: „Und er (Christus) ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist“ (2. Kor 5,15). Darum geht es: wir sollen nicht mehr uns selbst leben und unseren eigenen Interessen im Mittelpunkt haben, sondern uns dem Herrn zur Verfügung zu stellen. „Verlassen“ bedeutet für uns zu prüfen, was uns in der Nachfolge hinter dem Herrn Jesus her hindert. Das müssen nicht nur böse Dinge dieser Welt sein. Es können Dinge sein, die an sich gut und sogar wichtig und nützlich sind (z.B. unser Beruf oder unsere sozialen Beziehungen). Es geht letztlich um eine Frage der Prioritäten. Dem Herrn Jesus gehört der erste Platz.

Was lernen wir praktisch für uns?

Es mag sein, dass wir bisweilen – ähnlich wie Petrus – „auf dem See“ großartige Erlebnisse mit dem Herrn Jesus gehabt haben. Wir fühlten uns von ihm angesprochen und es wurde uns klar, dass sich in unserem Leben etwas ändern muss. Doch dann kommen wir wie „ans Land“. Der Alltag beginnt wieder und damit auch der alte Trott. Es verändert sich nichts. Die Erfahrung von Petrus will uns Mut machen, mit alten Gewohnheiten zu brechen und uns einen „Neubruch zu pflügen“ (Hos 10,12).

Die große Frage lautet, ob wir bereit sind, das aufzugeben, was uns daran hindert dem Herrn Jesus zu folgen? Jeder ist gefordert, in seinem Leben zu prüfen, was das sein kann: Gegenstände? Gewohnheiten? Hobbys? Freundschaften? Je wichtiger uns der Herr Jesus ist und das, was er für uns getan hat, umso eher werden wir bereit sein „alles zu verlassen“, um Ihm zu folgen.

Vom „Fische-Fischer“ zum „Menschen-Fischer“

Der Herr Jesus hat aus dem „Fische-Fischer“ Petrus einen „Menschen-Fischer“ gemacht. Es mag nützlich sein, abschließend einige Vergleiche anzustellen und Parallelen und Unterschiede zwischen beiden zu sehen. Ein „Fische-Fischer“ geht einem irdischen Beruf nach, während der „Menschen-Fischer“ auf der Suche ist, Menschen für den Herrn Jesus und damit für den Himmel zu gewinnen. Der eine Bereich ist also mit der Erde verbunden (irdisch, säkular), der andere hat es mit dem Himmel zu tun (himmlisch, geistlich). Das ist ein wesentlicher Unterschied. Der „Fische-Fischer“ fängt lebendige Fische, um sie dann zu töten, der „Menschen-Fischer“ fängt tote Fische (Menschen, die geistlich tot sind), damit Gott in ihnen neues Leben erweckt. Das „Fangen“ hat im Übrigen nichts mit menschlichen Methoden der Überredungskunst (der Rhetorik oder gar Dialektik) zu tun, sondern bedeutet einfach, dass wir den Menschen mit Nachdruck sagen, dass sie einen Heiland und einen Herrn nötig haben.

Der „Menschen-Fischer“ kennt – wie der „Fische-Fischer“ zwei unterschiedliche „Fangmethoden“. Man kann Fische mit dem Netz und mit der Angel fangen. Zu Beginn der Apostelgeschichte sehen wir, dass die Jünger beide „Methoden“ benutzt haben. Petrus hat mit dem Netz gefischt, als er vor großen Menschenmengen gepredigt hat und viele zum Glauben kamen. Philippus (Apg 8) hat mit der Angel gefangen, als er dem Finanzbeamten aus Äthiopien nachging, um ihn für den Herrn zu gewinnen. Beide „Methoden“ kennen wir bis heute und beide Methoden sollten wir nutzen. Die eine ist nicht besser (oder schlechter) als die andere.

Nicht jeder von uns hat die Gabe des Evangelisten, aber jeder von uns hat die Aufgabe, evangelistisch zu leben und das Werk eines Evangelisten zu tun (2. Tim 4,5). Der Herr legt es uns allen auf das Herz, die Botschaft vom Kreuz weiterzugeben und seine Zeugen zu sein. Der Bericht in Lukas 5 gibt deshalb uns allen eine Reihe von praktischen Anwendungen, die wir zu unserem Nutzen zur Kenntnis nehmen wollen.

  1. Beide Tätigkeiten bedeuten Arbeit. Der „Fische-Fischer“ arbeitet im natürlichen Bereich, der „Menschen-Fischer“ im geistlichen Bereich. So wie die natürliche Arbeit kein Spaziergang ist, sondern Mühe und Beschwerde mit sich bringt, ist auch die Arbeit im geistlichen Bereich kein „Selbstläufer“. Sie ist ebenfalls mit Mühe verbunden. Paulus spricht in 2. Thessalonicher 3,8 von „Mühe und Beschwerde“ (vgl. auch 2. Kor 11,27). In 1. Korinther 15,58 schreibt er: „Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unbeweglich, allezeit überströmend in dem Werk des Herrn, da ihr wisst, dass eure Mühe nicht vergeblich ist im Herrn“. Arbeit für den Herrn, auch die des „Menschen-Fischers“ ist immer mit Mühe verbunden. Aber es lohnt sich, diese Mühe zu investieren.
  2. Arbeit für den Herrn bleibt nicht ohne Ergebnis. Der soeben zitierte Vers macht deutlich, dass keine Mühe im Herrn vergeblich ist. Dabei können wir zum einen an den persönlichen Lohn denken, der am Richterstuhl des Christus ausgeteilt wird. Wir können ebenso an die Ergebnisse in Form von Fischen denken, die gefangen werden. Wenn wir „auf sein Wort hin“ die Netze herablassen, können wir die Ergebnisse unserer Arbeit getrost dem Herrn überlassen. Und wir können sicher sein: er weiß, wo die Fische sind, die gefangen werden sollen. Er wird sie „ins Netz gehen“ lassen. Wenn wir allerdings unabhängig vom Herrn arbeiten, werden wir die Erfahrung machen, die Petrus in Johannes 21 machte: sie fingen nichts (Joh 21,3). Unsere Aufgabe ist es, auf seinen Auftrag hin die Netze herabzulassen. Das Geheimnis des Erfolges jeder Arbeit für den Herrn ist die Leitung durch ihn. Um alles Weitere kümmert er sich. Paulus schreibt: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben“ (1. Kor 3,6). Schon im Alten Testament heißt es: „Wirf dein Brot hin auf die Fläche der Wasser, denn nach vielen Tagen wirst du es finden“ (Pred 11,1). Petrus erlebte, wie beide Schiffe bis zur äußersten Grenze beladen wurden. „Der Segen, den Gott bereit ist zu geben, ist mehr als unsere begrenzten Gefäße fassen können“ (L.M. Grant7).
  3. Besehen wir nun einige Eigenschaften und Qualitäten eines „Fische-Fischers“ und übertragen sie auf den „Menschen-Fischer“.
    a.) Ein „Fische-Fischer“ versteht sein Handwerk. Er hat es gelernt und weiß, wie man es anstellt. Das gilt für den, der mit dem Netz fischt genauso wie für den, der die Angel nimmt. Man braucht ein gewisses Geschick und ein Unterscheidungsvermögen. Der „Menschen-Fischer“ sollte ebenfalls geübte Sinne haben. Von nichts kommt nichts. Zu sagen, man habe kein Talent dazu, ist häufig eine faule Ausrede. Man kann es – zumindest bis zu einem gewissen Grad – durch Übung lernen (learning by doing). Dass der Herr bisweilen auch gegen die menschliche Logik handelt, bleibt dabei unbedingt wahr.
    b.) Ein „Fische-Fischer“ ist im Allgemeinen kein „Angsthase“. Er ist mutig und kühn und kann bei Bedarf auch ordentlich zupacken. Das gilt ebenso für den „Menschen-Fischer“. Es kommen Situationen, in denen uns der Gegenwind ordentlich ins Gesicht bläst und die Wellen um uns herum hochgehen. Da braucht es Mut und Entschiedenheit, das Bekenntnis für unseren Herrn abzulegen. Das gilt besonders für den, der mit dem Netz fischt.
    c.) Ein „Fische-Fischer“ muss Geduld und Ausharren haben. Das gilt besonders für den, der mit der Angel fängt. Manchmal will es scheinen, dass kein Fisch anbeißen will. Gerade im Bemühen um einzelne Menschen sind manchmal viel Zeit und Geduld erforderlich, bis wir sie für den Herrn gewonnen haben. Wir sollten nicht so leicht aufgeben, sondern dran bleiben.
    d.) Ein „Fische-Fischer“ muss zum Teamwork fähig sein. Petrus konnte den großen Fang nicht allein an Land bringen. Er brauchte seine Genossen und er brauchte ein zweites Boot. Er war sich nicht zu schade, andere um Hilfe zu bitten. Die Berufung zu einem Dienst und die damit in Verbindung stehende Verantwortung sind persönlich. In der Ausübung des Dienstes sind wir aber häufig auf andere angewiesen, die uns helfen. Deshalb sprechen die Briefe wiederholt von „Mitarbeitern“. Timotheus war z.B. ein „Mitarbeiter … in dem Evangelium“ (1. Thes 3,2). Wir sollten uns über jeden freuen, der mitarbeitet.
    e.) Dabei wollen wir nicht vergessen, dass Jesus der „Meister“ ist. Er hat die Autorität. Er gibt die Befehle. Petrus war – wie wir gesehen haben – bereit, sich der Autorität des Meisters zu unterstellen. Er führte nicht die Regie, sondern der Herr. Er weiß viel besser als wir, wie es zu machen ist. Es ist gut und hilfreich, mit anderen im gleichen Boot zu rudern, aber entscheidend ist, dass wir den Herrn Jesus mit im Boot unseres Dienstes haben. Nur dann wird es recht gelingen.
  4. „Fische-Fischer“ nutzen die Netze, um Fische zu fangen. Aber die Netze werden nicht nur „aus-geworfen“, sondern sie müssen auch „aus-gewaschen“ werden. Beim Fischen werden die Netze schmutzig, weil allerlei Unrat mit hineinkommt. Bei „Menschen-Fischern“ können die Netze (in der Anwendung: wir selbst) ebenfalls leicht schmutzig werden. Wer mit ungläubigen Menschen Kontakt hat, um sie zu Jesus zu führen, kommt mit allerlei Schmutz und Unrat in Verbindung. Das lässt sich nicht vermeiden. Er wird manches hören und sehen, was ihn verunreinigt. Da ist immer wieder Reinigung durch das Wort Gottes angesagt, damit die Netze dann wieder zu einem neuen Fang herabgelassen werden können. Wir können nicht ständig die Netze zum Fang nutzen, wir müssen uns auch die Zeit und die Ruhe nehmen, sie zu reinigen. Beides hat seine bestimmte Zeit.

Eine Schlussfrage: Für wen wollen wir leben?

Petrus stellte sich selbst mit dem, was ihm gehörte, Jesus zur Verfügung. Er überließ sein Boot dem Herrn, der es als Kanzel benutzen konnte. Er gab ihm von seiner Zeit. Was tun wir mit dem, was der Herr uns geschenkt hat? Stellen wir es ihm zur Verfügung? Was tun wir mit unserer Zeit? Wie und wo investieren wir unser Geld? Was machen wir mit unseren Fähigkeiten? Wem gehört unsere Wohnung? Unser Auto? Unser ….? Wenn wir diese Dinge dem Herrn übergeben, wird er alles im Segen benutzen.

Der natürliche Mensch nutzt das, was ihm zur Verfügung steht, in der Regel für seine eigenen Interessen, um in dieser Welt etwas zu erreichen. Er möchte Karriere machen, das Vergnügen genießen, anerkannt und erfolgreich sein. Die Frage stellt sich nur, was dann kommt. Was bleibt letztlich in unserem Netz hängen? Der Herr Jesus erinnert einmal an einen Mann, der erfolgreich war, aber nur für sich selbst lebte. Der Tag kam, als Gott zu ihm sagte: „Du Tor! In dieser Nacht fordert man deine Seele von dir; was du aber bereitet hast, für wen wird es sein“ (Lk 12,20)? Die Frage gilt jedem von uns, auch wenn wir dem Herrn Jesus angehören und nicht verloren gehen. Was wir auf dieser Erde bereitet haben, für wen wird es sein? Sollte es uns einmal so gehen, dass wir vielleicht am Ende unsere Seele gerettet haben, aber mit leeren Händen vor dem Richterstuhl des Christus stehen?

Der Herr drängt sich nicht auf. Wenn wir unsere Netze nur für uns selbst gebrauchen, dann müssen wir uns allerdings die Frage von Salomo gefallen lassen: „Welchen Gewinn hat der Mensch bei all seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne?“ (Pred 1,3). Salomo gibt selbst die Antwort: Es ist ein Haschen nach Wind. So geht es dem natürlichen Menschen. Er kennt nichts anderes. Aber als Kinder Gottes sollten wir etwas anderes kennen.

Ernest Hemingway beschreibt in seiner vor über 50 Jahren veröffentlichten und immer noch bekannten Novelle „Der alte Mann und das Meer“ (The Old Man and the Sea8) einen einfachen Fischer, der lange Zeit auf den Fang seines Lebens wartete. Immer wieder fuhr er aufs Meer hinaus, bis er eines Tages einen großen Fisch „an der Angel“ hat. Nach langem und kräftezehrendem Kampf gelang es ihm, den Fisch zu töten und ins Schlepptau zu nehmen. Als er schließlich am Ufer war, musste er feststellen, dass Haie – vom dem Blut des gefangenen Fisches angezogen – die Beute bis auf die Knochen abgefressen hatten. Was ihm blieb, war das Skelett des Fisches. Mehr nicht! Bei aller Mühe und Anstrengung stand er am Ende mit leeren Händen da.

Was bleibt von unserem Leben übrig? Wir lernen, dass es nur mit dem Herrn Jesus im Lebensboot wirkliche Sinnerfüllung gibt. Sonst bleibt alles nutzlos und ein „Haschen nach Wind“. Nur wenn wir uns selbst und alles, was wir haben, dem Herrn Jesus übergeben, wird unser Leben – auch das als Christ – wirklich Sinn ergeben.

Fußnoten

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