Gnade und Jüngerschaft

Lukas 14,16-35

Der Geist Gottes hat in dieser Stelle zwei sehr wichtige und doch unterschiedliche Grundsätze miteinander verbunden. Als erstes empfangen wir einen Eindruck von der Fülle und Freigebigkeit der göttlichen Gnade, wie sie in dem Gleichnis von dem großen Abendmahl vorgestellt wird; dann finden wir Wahrheit für das Gewissen in Bezug auf den Weg der Jüngerschaft. Unsere trügerischen Herzen neigen dazu, diese Dinge voneinander zu trennen, aber Gott hat sie in der Heiligen Schrift zusammengestellt.

Der Herr war am Sabbat in dem Haus eines Pharisäers zum Essen gewesen. Er hatte nicht vergessen (wie hätte das auch sein können), dass er der Zeuge Gottes in dieser Welt war - obwohl er für den Augenblick ein Gast in dem Haus eines anderen war. Sein alles erforschendes Auge nahm die Selbstsucht, die in diesem Hause herrschte, wahr. Was die Gäste betraf, so bemühte sich das arme, von sich selbst eingenommene Fleisch in ihnen allen um den ersten Platz; und was den Hausherrn und Gastgeber betraf, so hatte dieser eine Gesellschaft eingeladen, von der jeder einzelne in der Lage war, ihn zur Wiedergutmachung auch selbst einzuladen. Der Herr tadelte beide Gruppen. Rund um ihn her mangelte es an dem Geist der Gnade - das Ich regierte in allen ihren Herzen.

Der Herr stellte seinem Gastgeber vor, dass es, wenn dieser ein Mahl machen will, weit besser ist, das Haus mit den Armen, den Krüppeln, den Lahmen und den Blinden zu füllen, und die Belohnung in der Auferstehung der Gerechten zu erwarten. In dem Speisopfer für Gott gab es keinen Honig (3. Mo 2,11). Der Herr war hier Gast, doch bloße natürliche Höflichkeit und Achtung konnten ihn nicht dazu veranlassen, den nötigen und angemessenen Tadel zurückzuhalten. In seinen Vorhaltungen stellte er die Gnade Gottes der Selbstsucht des Menschen gegenüber. Anscheinend reizten diese Worte einen der Gäste, so dass er sagte: „Glückselig, wer Brot essen wird im Reich Gottes“. Dies führte zu dem wohlbekannten Gleichnis. Ach! wie die Menschen den Klang der Gnade auch schätzen mögen, wenn man das Herz prüft, findet man keine wirkliche Erkenntnis und Wertschätzung dessen, was im Herzen Gottes ist. Wenn Gott einlädt, werden Entschuldigungen vorgebracht; wenn er das Haus füllen möchte, so muss er selbst die Gäste suchen, ja, sie nötigen, hereinzukommen.

Die Gnade Gottes wird äußerst anziehend geschildert. Der Herr vergleicht sie mit einem großen, fertig zubereiteten Mahl. Nichts fehlt; eine großzügige Hand hat von allem Guten zubereitet. In alle Ewigkeit ist es sein Grundsatz: „Geben ist seliger als Nehmen“ (Apg 20,35). Wenn wir dieses Gleichnis auslegen, so denke ich, dass wir in den zuerst geladenen Gästen die jüdischen Führer sehen. Doch deren Herzen waren in der Welt, sie hatten keinen Geschmack an Gott und seinem Christus. Der Acker, die Ochsen und die Frauen lieferten schnelle Entschuldigungsgründe. Wenn sich die Welt im Herzen befindet, in welcher Art das auch sein mag (und die Welt hat viele Formen), dann ist dort kein Raum für Christus. Wir sollten uns vor Augen halten, dass die Dinge, die auf diese Weise vorgeschoben wurden, tatsächlich die zeitlichen Segnungen waren, die die jüdische Berufung betrafen. Das natürliche Herz ist so trügerisch, dass es sogar das, was Gott als Segen gegeben hat, annimmt, aber ihn selbst in den Zuneigungen verdrängt, ja sogar ganz und gar ausschließen kann.

Doch wenn der Reiche kein Verlangen hat und leer fortgeht, so erfüllt er Hungrige mit Gütern; das Evangelium wird den Armen verkündigt (Lk 1,53; 4,18). Es war das gewöhnliche Volk, das Jesus gern hörte. Die Zöllner und Huren gingen den Schriftgelehrten und Pharisäern voran in das Reich Gottes (Mt 21,31). Die Strassen und die Gossen der Stadt wurden abgesucht und alle von den Menschen Verachteten wurden hereingebracht, „die Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen“. Doch damit war die göttliche Gnade noch nicht erschöpft. “Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast, und es ist noch Raum“. Folglich mussten noch die Wege und die Zäune abgesucht werden, damit die Abgeschweiften und Außenseiter auch hereingebracht würden und teilnehmen könnten. Hierin sehen wir uns. Wir sind die Leute an den Wegen und an den Zäunen. Erheben wir dagegen Einwände? Als zu den Nationen gehörig waren wir vollständig außenstehend. Wir waren Unbeschnittene, Hunde, Sünder aus den Nationen.

Dieses Bild zieht uns in seinen Bann. Eine göttliche Hand hat es gezeichnet. Es ist vollkommene und freie Gnade. Die Schösslinge treiben über die Mauer (1. Mo 49,22). Der Brunnen ist tief. Die Gäste entbehren nichts, alles entspricht dem Reichtum der Gnade Gottes. Wir wollen uns von Herzen daran erfreuen. Bevor dies nicht gründlich verstanden worden ist, kann es keine wahre Jüngerschaft geben. Jeder Versuch, Christus nachzufolgen, bevor die Gnade völlig gekannt worden ist, ist bloße Gesetzlichkeit und kann ihm nicht wohlgefallen. Wir müssen ihn als den segensreichen Geber kennen, bevor wir davon sprechen können, uns in irgendeiner Weise ihm zur Verfügung stellen zu wollen. Er gibt alles, eine Bezahlung wird nicht verlangt, und wir werden nicht aufgefordert, irgendetwas aufzugeben. Das ist Gnade. Möchte diese Gnade alle unsere Herzen erfüllen!

Für das Fleisch klingt so etwas angenehm, deshalb lesen wir: „Es gingen aber große Volksmengen mit ihm“. Wir können das verstehen, weil wir auch unsere Herzen ein wenig kennen. Dies musste untersucht und geprüft werden. Wussten sie denn überhaupt, wem sie da folgten? Hatten sie verstanden, was für einen Weg er in dieser Szene eingeschlagen hatte? Er war hier noch nicht der Herrscher, umgeben mit all dem Glanz und der Herrlichkeit des Reiches (das alles wird zu seiner Zeit gesehen werden), sondern er war verachtet und verworfen von den Menschen. Nach einem solchen Messias stand der Sinn Israels nicht. Ihre Überlegungen waren fleischlich. Sie wären schon mit jemandem wie Saul, der bloß zeitliche Befreiung gebracht hatte, zufrieden gestellt gewesen; aber ein niedriger Mensch voll geduldiger Güte (obwohl zugleich Gott geoffenbart im Fleisch) war ihnen zuwider.

Verwirklichen wir in unseren Tagen zur Genüge unsere Berufung, einem verworfenen Christus nachzufolgen? Einst ist er hier auf der Erde gewesen, jetzt aber ist er nicht mehr hier. Warum das? Die Menschen haben ihn hinaus gestoßen. Wahrlich, die Geschöpfe seiner Hand erhoben sich wider ihn und schlugen ihn. Die Himmel nahmen ihn auf, und nun ist er zur Rechten des Vaters. Doch so weit es die Erde betrifft, ist er der Verworfene. Wir sind nun berufen, einen solchen Christus zu kennen und ihm nachzufolgen. Welche Art von Menschen sollten wir dann sein? Der Herr wandte sich zu den Volksmengen um und sagte zu ihnen: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und seine Kinder und seine Brüder und Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein; und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachkommt, kann nicht mein Jünger sein“. Verachtet der Herr hier die natürlichen Verbindungen? Keineswegs, denn sie sind von Gott gegeben. Es ist eines der Kennzeichen der letzten Tage, „ohne natürliche Liebe“ zu sein (2. Tim 3,3). Der Herr selbst wusste auch in den Tagen seines Fleisches, wie und wann Gehorsam zu erweisen war.

Der Sinn dieser Worte ist, dass er in den Herzen der Seinen den allerersten Platz einnehmen muss. Die Dinge dieser Erde, was es auch sein mag, dürfen uns nicht zu sehr in Anspruch nehmen. Es geht sehr tief, wenn wir lesen: „...aber auch sein eigenes Leben“. Paulus kannte die Bedeutung dieser Worte besser als jeder andere. Er selbst trug immer das Urteil des Todes in sich (2. Kor 1,9). Wie weit sind wir auf einem solchen Weg gekommen? Dies erhebt sich über die Natur, ja, es läuft ihr sogar entgegen. Sind wir darauf vorbereitet?

Es war eine große Übung für Aaron und seine Söhne, dass sie ihre Häupter nicht entblößen und ihre Kleider nicht zerreißen durften, als der HERR einen Brand unter ihnen angerichtet hatte (3. Mo 10). Es war eine ebenso große Übung für die Leviten am Tag des goldenen Kalbes. Doch sie entsprachen dem Aufruf: „Her zu mir, wer für den Herrn ist“; „...der von seinem Vater und von seiner Mutter sprach: Ich sehe ihn nicht; und der seine Brüder nicht kannte und von seinen Söhnen nichts wusste“ (2. Mo 32,26; 5. Mo 33,9).

Wir müssen das Kreuz aufnehmen und einem verworfenen Christus auf dem Weg nachfolgen, oder wir kennen den Weg wahrer Jüngerschaft nicht wirklich. Der Herr beugt hier jedoch der Leichtfertigkeit, zu der wir oft neigen, vor. Die Kosten müssen berechnet werden. Ein Mensch, der beabsichtigt, einen Turm zu bauen, muss berechnen, ob er genügend hat, um den Bau auch zu vollenden. Ein König, der zum Krieg auszieht, muss beratschlagen, „ob er imstande sei, dem mit zehntausend entgegenzutreten, der gegen ihn kommt mit zwanzigtausend“. Es ist leicht zu sagen: „Herr, mit dir bin ich bereit, auch ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“ (Lk 22,33). Ein Versagen ist demütigend. Der Herr wird verunehrt. Es läuft nämlich auf das gleiche hinaus, als würden wir sagen, dass er die Seele auf einen Weg berufen hat, und dann nicht dazu in der Lage ist, sie auch darauf zu erhalten. Dies ist der äußere Anschein, den dann solche wahrnehmen, die uns beobachten. Und wer versagt hat, wird verspottet: „Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und vermochte nicht zu vollenden“.

Wie ungewohnt und herzerforschend muss das alles für einen Juden gewesen sein! Vielleicht hatten manche wie in Joh 6, 60 gesagt: „Diese Rede ist hart; wer kann sie hören“? Vielleicht waren auch hier viele zurückgegangen „und wandelten nicht mehr mit ihm“ (Joh 6, 66). Die Gedanken des Juden drehten sich nur um die Herrlichkeit eines irdischen Reiches - und nun wird er aufgefordert, ein Kreuz zu tragen!

Auch in unseren Tagen ist das von vielen missverstanden worden. Die bekennende Kirche hat sich mit der Welt verbündet und wohnt in Ansehen und Ehre dort, wo der Thron Satans ist (Off 2, 13). Das Fleisch wird gebilligt, und überall wird nach weltlicher Ehre und Ruhm getrachtet. Deshalb muss es für manche sehr ungewohnt klingen, das Kreuz aufnehmen zu sollen; und wie verblüffend mag es für sie sein, berufen zu sein, zu Christus hinauszugehen, „außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,13)! Und doch ist das der wahre Platz für den Christen heute. Wer in allen Dingen den Willen des Herrn tun will, muss seine Schritte auf diesen Pfad der Schande und des Verlustes lenken.

Ach! wie viele haben wir gekannt, die versucht hatten, auf diesem Weg voranzuschreiten, und die sich doch wieder abgewandt haben! Einst hatten sie die Abscheulichkeiten der bekennenden Christenheit aufgegeben, ihren Platz mit Christus außerhalb des Lagers eingenommen und große Hingabe an seinen Namen und sein Wort bekannt. Sie rühmten sich des himmlischen Lichtes und sprachen in großer Redegewandtheit von den erhabenen Dingen der Wahrheit Gottes. Wir beurteilten sie als fest und treu. Wir glaubten, dass sie die ganze Bedeutung und den Ernst der Stellung und des Weges innerlich aufgenommen hätten. Doch dann blies so mancher kalte Nordwind, so manche Prüfung kam, und sie versagten. Ihr Name war Lot und nicht Abraham. Und nun bauen sie die Dinge wieder auf, die sie einst niedergerissen hatten. Durch solche wird dem Herrn Schande bereitet und seine Wahrheit der Lächerlichkeit preisgegeben. Besser wäre es, sich nie an dieses Unterfangen heranzuwagen, als sich wieder davon wegzuwenden. Doch es ist eine Warnung für uns alle: '“Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle“ (1. Kor 10,12). Lasst uns nun den Dingen direkt ins Angesicht sehen und sie dann im Heiligtum in seiner Gegenwart abwägen.

Das Schlusswort in Lukas 14 ist sehr ernst: „Das Salz nun ist gut; wenn aber auch das Salz kraftlos geworden ist, womit soll es gewürzt werden? Es ist weder für das Land noch für den Dünger tauglich; man wirft es hinaus. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ Seinen Geschmack zu verlieren ist etwas anderes, als sich abzuwenden und den Weg der Nachfolge aufzugeben. Die äußerliche Stellung mag beibehalten bleiben, und doch kann der wahre Charakter verloren gegangen sein. Das Salz ist ein Bild von der geistlichen Energie, die die Seele vor dem sie umgebenden Verderben bewahrt und sie befähigt, ein echtes Zeugnis für Christus zu sein. Wenn es damit bergab geht, wo sind wir dann als Zeugen? Von welchem Nutzen sind wir dann auf diesem Schauplatz? Von wie vielen ist dies traurigerweise wahr! Sie liefen gut, ihre Worte waren klar, ihr Wandel war unmissverständlich; und doch waren sie nicht solche, wie sie hätten sein sollen. Nicht, dass sie den Weg verlassen hätten oder die Wahrheit, die sie am Anfang bekannt hatten, aufgegeben hätten. Das alles halten sie nach wie vor fest; aber die Welt ist hineingekommen, der Ton ist niedriger und schwächer geworden, und der himmlische Klang kann kaum noch wahrgenommen werden. Wie traurig, dass dies von einigen gesagt werden muss! Unsere Hingabe sollte mit fortdauernder Zeit wachsen, unser Glaube mit zunehmenden Schwierigkeiten stärker werden, und wir sollten mehr und mehr auf Gott geworfen sein.

Jüngerschaft ist eine individuelle Angelegenheit: „Wenn jemand...“; “Wer Ohren hat zu hören...“. Jeder Einzelne muss für sich selbst auf Christus blicken, und jeder Einzelne muss dem für ihn selbst bestimmten Pfad folgen. Es gibt immer die Neigung, auf unsere Brüder zu blicken um zu sehen, was sie zu tun beabsichtigen. Es ist leicht, mit einer großen Menge voranzugehen. Doch in solchen Umständen wird der Glaube nur wenig geübt. Wer nicht allein Christus nachfolgen kann, der vermag es auch nicht in der rechten Weise mit anderen zu tun. Viele sind auf diese Weise aufgehalten worden. Andere haben auf sie gesehen und gewartet. Satan hat dies zu seinem Vorteil genutzt, ist hereingekommen und hat den Wunsch, Christus in allen Dingen nachzufolgen, merklich abgekühlt.

Ich wage es nicht, die Gemeinschaft meiner Brüder gering zu achten, sondern ich suche sie und pflege sie in jeder denkbaren Weise; aber ich darf meinen Brüdern nicht erlauben, den Platz meines Herrn einzunehmen. Auf ihn muss ich blicken und ihm nachfolgen, oder das Zeugnis kann nicht gut sein, und auch die Jüngerschaft nicht wahr und echt. Der Herr gebe uns Verständnis in all diesen Dingen!

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