Die geöffneten Himmel

Im Neuen Testament wird uns bei vier großen Begebenheiten vorgestellt, dass sich die Himmel geöffnet haben: Bei der Taufe Jesu, als der Vater sein Wohlgefallen an seinem Sohn zum Ausdruck brachte; bei dem Tod des Stephanus, dem ein Blick in die Herrlichkeit Gottes gewährt wurde, und der den Herrn Jesus zur Rechten Gottes stehen sah; bei dem öffentlichen Erscheinen des Herrn Jesus, wie es in Offenbarung 19 beschrieben wird; und bei einem noch zukünftigen Tag, wo die Engel Gottes gesehen werden, wie sie auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen. Die letzte Schriftstelle (Joh 1,51) weist voraus auf das tausendjährige Reich.

Bei der Taufe Jesu haben wir eine sehr liebliche Szene. Wir sehen ihn dort, wie er aus der Zurückgezogenheit von Nazareth hervorkommt, um öffentlich das Zeugnis Gottes unter den Menschen darzustellen. Johannes war von Gott zu der Nation gesandt worden, um das Volk für den HERRN zuzubereiten; er hatte die Nation aufgefordert, Buße zu tun von ihren Sünden und sich seiner Taufe zu unterziehen. Wir kennen das Ergebnis: Die Pharisäer und Schriftgelehrten lehnten den Ratschluss Gottes gegen sie ab und verschmähten die Taufe des Johannes; während die Zöllner und Sünder, solche, in deren Herzen Gott gewirkt hatte - der wahre Überrest ihrer Tage -, ihren wahren Platz vor Gott in den Wassern des Jordan einnahmen, indem sie ihre Sünden bekannten. Dies war sicher eine Handlung des Glaubens und der Moral, die Gott wohlgefiel - die Frucht seines gnädigen Wirkens in ihnen. Und Jesus wollte in Gnaden seinen Platz darin mit ihnen einnehmen; in seinen Augen waren sie die 'Herrlichen der Erde', an denen all sein Gefallen war (Ps 16,3). Nicht dass er Sünden zu bekennen gehabt hätte (kein Gedanke daran!), doch in seinem Fall war diese Handlung die Erfüllung aller Gerechtigkeit, wie er es auch zu dem zögernden Täufer sagte. Er hatte Seinen Platz in wunderbarer Gnade als Mensch hienieden eingenommen, um in allen Dingen gehorsam zu sein, und deshalb wollte er Sich mit dem Überrest in dieser Haltung ihrer Seelen eins machen - obwohl er vollkommen ohne Tadel war! Lukas berichtet uns, dass er heraufkam aus dem Wasser und „betete“ (Lk 3,21). Im Vorbeigehen möchte ich hierzu bemerken, dass eine solche Mitteilung über den Gepriesenen ganz in Übereinstimmung mit dem dritten Evangelium ist, welches uns Ihn als den Sohn des Menschen vorstellt (vergl. besonders Lk 6,12; 9,29; 11,1; 22,44).

Und als er von dem Wasser heraufstieg, wurden die Himmel ihm aufgetan, „und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herniederfahren und auf ihn kommen. Und siehe, eine Stimme ergeht aus den Himmeln, die spricht: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 3,16.17). Was für ein Anblick und was für ein Gedanke für unsere Herzen! Alle Himmel öffneten sich über einem Menschen auf der Erde, und die Stimme des Vaters wurde gehört, wie rr dem unendlichen Entzücken seines Herzens über ihn Ausdruck gab! Für wen hätten sich die Himmel schon einmal zuvor auf diese Weise öffnen können? Wem hätte der Vater schon einmal solch ein Zeugnis ausstellen können?

Immer wieder hatte Gott in der Heiligen Schrift seinem Wohlgefallen an bestimmten Heiligen Ausdruck gegeben (denken wir an Henoch, der Gott wohlgefallen hatte; Heb 11,5, oder an David, der von dem HERRN beschrieben wird als „ein Mann nach meinem Herzen“; Apg 13,22); aber niemals zuvor hatte Gott Vollkommenheit gesehen, bis der Sohn sich dazu herabließ, auf Erden zu wandeln. In ihm sah der Vater das, was seinem Herzen vollkommene Freude, Befriedigung und Ruhe gab - vollkommene Abhängigkeit wurde bewiesen, und ein Gehorsam nahm seinen Anfang, der sogar durch das Kreuz von Golgatha nicht unterbrochen wurde. Man wird an den Ausspruch der Engel in der wunderbaren Nacht seiner Fleischwerdung erinnert: „Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf der Erde, an den Menschen ein Wohlgefallen“ (Lk 2,14). Dies sind einige der Ergebnisse des Kommens dieses wunderbaren Kindleins in diese Welt: Gott ist verherrlicht worden und wird noch verherrlicht werden; Friede wird noch auf der Erde bestehen (dies ist wegen der Verwerfung Christi noch aufgeschoben; Mt 10,34); und das Wohlgefallen Gottes an den Menschen, das durch den Sündenfall vernichtet worden ist, wird wiederhergestellt werden. Doch als der Herr Jesus auf der Erde war, sah Gott Einen, in dem er Sein Wohlgefallen finden konnte - ein erwartetes Wohlgefallen; man könnte es auch so ausdrücken: „Ich bin vollauf zufrieden gestellt“. Welch eine Antwort für jeden, der die Herrlichkeit dieses Einen herabziehen möchte, indem er darauf anspielt, dass der Herr Jesus schon in seinem Leben der Sündenträger gewesen sei. Das Tragen von Sünden hat das Missfallen Gottes zur Folge - dies kann in höchstem Ernst am Kreuz gesehen werden. Welch ein Wechsel trat dort für den gepriesenen Jesus ein! Kein geöffneter Himmel, keine Stimme vom Vater, sondern drei Stunden von (für uns) undurchdringlicher Finsternis und Verlassensein von Gott. Er rief am Tag und bekam keine Antwort, und bei Nacht, und Ihm wurde keine Ruhe (Ps 22,3). Er war allein, verlassen, weil er Sünden trug. Aber das Tragen der Sünden wird weder am Jordan noch irgendwo anders während seines Weges gesehen, bis das Kreuz erreicht war; dort und nur dort allein hatte er mit Sünde zu tun; dort litt er für unsere Sünden.

Doch bei dieser Begebenheit, die wir hier betrachten, sehen wir nicht nur das Wohlgefallen des Vaters an Ihm hervorstrahlen, sondern dort fand auch die Salbung mit dem Heiligen Geist statt. Das Speisopfer im Alten Bund wurde mit Öl gemengt, und die ungesäuerten Fladen wurden mit Öl gesalbt (3. Mo 2); ein Vorbild auf Christus, der durch die Kraft des Heiligen Geistes (Lk 1,35) gezeugt wurde, und als Mensch auf Erden mit dem Heiligen Geist gesalbt wurde, wie wir es hier finden. Er musste nicht warten, bis Sein Werk vollbracht war, bevor der Heilige Geist auf ihn herabkam (Aaron, in 3. Mose 8 ein Bild auf Christus, wurde mit Öl gesalbt, bevor die Opfertiere geschlachtet wurden - seine Söhne erst danach; 3. Mo 8,10-12.30). Er wurde als Sohn anerkannt, und der Geist kam wegen der Vollkommenheit seiner Person und des göttlichen Wohlgefallens an ihm auf ihn herab. Mit uns verhält es sich ganz anders: durch Gnade sind wir in die Stellung von Söhnen versetzt worden und werden als solche anerkannt, und der Geist wurde uns als Siegel unserer Verbindung gegeben (Gal 4); aber die Grundlage ist das vollbrachte Werk Christi. Die Gabe des Geistes an die Heiligen ist der Ausdruck des göttlichen Wohlgefallens an Christus und Seinem Werk.

Bei der Steinigung des Stephanus haben wir eine vollkommen andere Szene. Wir sehen da jemanden, der ein treues Zeugnis für Christus abgelegt hatte, die Verwerfung und Leiden seines Meisters teilen und aus seinem Kelche trinken. Der Herr hatte seine Jünger im Voraus vor einer solchen Behandlung gewarnt: „Sie werden euch aus der Synagoge ausschließen. Es kommt aber die Stunde, dass jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott einen Dienst zu erweisen. Und dies werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben“ (Joh 16,2.3). Aber Stephanus wurde auf wunderbare Weise gestärkt: sein Angesicht leuchtete wie das Angesicht eines Engels (Apg 6,15); und er schaute voll Heiligen Geistes unverwandt zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes, und Jesus zur Rechten Gottes stehen (Apg 7,55). Hier sind wieder die Himmel geöffnet, jedoch nicht über Jesus als Mensch auf der Erde, sondern für einen Heiligen, der seinen Herrn an dem Platz der Herrlichkeit in der Höhe erblickte. Und man kommt nicht umhin, den Gegensatz zwischen dem Tod des Stephanus und dem Tod des Herrn zu bemerken. Für Christus als dem Sündenträger auf dem Holz waren die Himmel wie Eisen und Erz. In der Stunde Seiner tiefsten Leiden war er verlassen, er stand allein. Aber aufgrund seines Blutes sind die Himmel nun geöffnet, und Sein Märtyrer konnte aufblicken und den Gegenstand seines Herzens zur Rechten Gottes sehen. Dadurch wurde er „gekräftigt mit aller Kraft nach der Macht seiner Herrlichkeit, zu allem Ausharren und aller Langmut mit Freuden“ (Kol 1,11).

Auch für uns ist der Himmel geöffnet, und der Glaube kann sagen: „Wir sehen aber Jesus“ (Heb 2,9). Im Alten Bund wohnte Gott inmitten seines Volkes im Heiligtum, aber der Vorhang war noch da und es gab noch keinen Weg, um Gott zu nahen. Nun aber ist der Vorhang zerrissen; der Himmel - nicht das Heiligtum auf der Erde - steht offen. Der Weg ins Allerheiligste ist offenbart worden. Im Brief an die Hebräer wird dies immer wieder betont, dort wird nämlich unsere Stellung gesehen als Anbeter in der Gegenwart Gottes in der „wahrhaftigen Hütte, die der Herr errichtet hat, nicht der Mensch“ (Heb 8,2). Und nicht nur ist für uns als Anbeter der Himmel geöffnet, sondern 2. Korinther 3 zeigt uns noch einen etwas anderen Gedanken. In diesem Abschnitt vergleicht der Apostel die Herrlichkeit des Gesetzes, wie sie in dem Angesicht Moses gesehen wurde, mit der Herrlichkeit Gottes, die jetzt gesehen wird im Angesicht Jesu Christi; und er schließt mit den Worten: „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist“. Wunderbares Vorrecht! Ihn im Glauben dort in der Herrlichkeit zu erblicken! Dadurch werden wir ihm ähnlich, werden verwandelt in dasselbe Bild (dies kann auf bemerkenswerte Weise bei Stephanus gesehen werden. Er betete: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu“! Wie ähnlich dem Ausruf Christi: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Stephanus jedoch fügte den Nachsatz nicht hinzu). Gibt es einen besseren Weg, auf dem wir praktischerweise Himmelsbürger werden können? Eine bloße Kenntnis der Lehren von unserer himmlischen Stellung wird nicht diese verwandelnde Wirkung haben, aber die Beschäftigung des Herzens mit dem himmlischen Menschen wird nie ihren Einfluss auf die Seele verlieren und uns von allem Irdischen loslösen. In dieser Hinsicht ist das Christentum ganz und gar auf einer höheren Ebene als das Gesetz; es stellt uns nicht eine gesetzliche Regel vor, sondern eine gepriesene Person, von welcher wir lernen sollen.

Blickte Stephanus „voll Heiligen Geistes“ empor? Es ist eines der großen Kennzeichen des Christentums, dass der Geist Gottes, die Gabe des Vaters an alle, die an seinen Sohn glauben, auf der Erde ist. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen „versiegelt“ zu sein mit dem Geist, und „erfüllt“ zu sein mit dem Geist. Das letztere erlaubt dieser göttlichen innewohnenden Person, auf ihre gesegnete Weise mit uns zu handeln, indem sie bei uns kostbare Frucht zur Verherrlichung Gottes bewirkt.

Die dritte Begebenheit, bei der die Himmel geöffnet sind, ist von tiefstem Ernst: „Und ich sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, genannt „Treu und Wahrhaftig“, und er richtet und führt Krieg in Gerechtigkeit“. Es ist der Tag, an dem Gott seinen Erstgeborenen wieder in den Erdkreis einführen wird (Heb 1,6), um seinen Thron und sein Reich aufzurichten und um mit den Menschen wegen ihrer Sünden und wegen der Verwerfung und Verachtung seiner Gnade zu handeln. Die Welt hat Jesus seit dem Tag von Golgatha nicht mehr gesehen (nur Seine Jünger sahen Ihn während der vierzig Tage; Apg 1,3); aber sie wird ihn noch einmal sehen: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die, die ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme des Landes. Ja, Amen“ (Off 1,7). Er wird „Treu und Wahrhaftig“ genannt, und das in Verbindung mit Gericht; denn nicht ein Wort, das hinsichtlich des Gerichtes über die Ungöttlichen gesprochen wird, wird zu Boden fallen; alles wird feierlich ernst vollendet. „Er richtet und führt Krieg in Gerechtigkeit“; der Mensch wird in diesem Punkt keinen Grund haben, sich zu beklagen, doch was wird Gerechtigkeit, unvermischt durch Barmherzigkeit, für die Menschen bedeuten? „Er ist bekleidet mit einem in Blut getauchten Gewand“. Das ist nicht das Sühnungsblut, sondern das Blut der Feinde. So erklärt es auch der Prophet Jesaja in Kap 63,3. „Sein Name heißt: Das Wort Gottes“, denn er ist ein Beurteiler Gedanken und Gesinnungen des Herzens des Menschen (Heb 4,12). Er trägt auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte auch noch einen anderen Namen geschrieben: „König der Könige und Herr der Herren“. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, von dem es in Offenbarung 11,15 heißt: „Das Reich der Welt unseres Herrn und seines Christus ist gekommen, und er wird herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit“.

Und in der Offenbarung all seiner Herrlichkeit hat er Gefährten, denn „die Kriegsheere, die in dem Himmel sind, folgten ihm auf weißen Pferden, angetan mit feiner Leinwand, weiß und rein“. Hier haben wir die himmlischen Heiligen, in denen er verherrlicht und bewundert werden wird - die Gegenstände seiner Gnade und die Teilhaber an seinem Thron. Auch Engel werden zugegen sein, wie uns 2. Thessalonicher 1,7 sagt. Sie sind seine Diener, die sein Wohlgefallen ausführen (Ps 103,20.21), aber sie werden nicht regieren, „denn nicht Engeln hat er den zukünftigen Erdkreis unterworfen, von dem wir reden“ (Heb 2,5).

Christus jedoch wird regieren, „bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat“ (1. Kor 15,25). Dann werden Himmel und Erde moralisch vereinigt sein - nicht länger getrennt, wie es jetzt ist. Die Engel Gottes werden dann gesehen, wie sie auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen (Joh 1,51). Wenn der Psalmist an jenen Tag dachte, an welchem die Erde erfüllt sein wird mit seiner Herrlichkeit, dann sagte er: „Die Gebete Davids, des Sohnes Isais, sind zu Ende“ (Ps 72,20). Um was hätte er auch noch bitten sollen?

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