Lebendiger Glaube
Eine Auslegung des Briefes des Jakobus

2. Das Wort Gottes als Grundlage des Glaubens (Kapitel 1,16-27)

In den ersten 15 Versen haben wir wichtige Merkmale des lebendigen Glaubens vor uns gehabt. Ab Vers 16 geht es nun um das Wort Gottes als Grundlage unseres Glaubens. Wir werden sehen, dass dieser 16. Vers eine Art Übergang darstellt. In einem übergeordneten Sinn gehört das ganze erste Kapitel zusammen. Es stellt die Grundlage für den restlichen Brief dar.

In den folgenden Versen finden wir zehn Aspekte des Wortes Gottes, die Bezug zu unserem Glauben haben:

  1. Der Geber: Gott (V. 16.17)
  2. Das Mittel: die neue Geburt (V. 18)
  3. Die Aufnahme: Hören (V. 19)
  4. Auswirkung 1: Ablegen (V. 20.21)
  5. Auswirkung 2: Aufnahme des eingepflanzten Wortes (V. 21)
  6. Auswirkung 3: Tun (V. 22)
  7. Der Maßstab: der Spiegel (V. 23.24)
  8. Leitlinie: das vollkommene Gesetz (V. 25)
  9. Auswirkung 4: Reinheit der Zunge (V. 26)
  10. Auswirkung 5: reiner und unbefleckter Gottesdienst (V. 27)

In diesen Versen werden also Wirkung und Autorität des Wortes Gottes besonders betont. Dieses Wort wird unter verschiedenen Bildern und Stichworten vorgestellt:

  1. das eingepflanzte Wort (V. 21),
  2. das Wort, dessen Täter wir sein sollen (V. 22),
  3. das Wort, dessen Hörer wir sein sollen (V. 23),
  4. ein Spiegel (V. 23),
  5. das vollkommene Gesetz, das der Freiheit (V. 25).

Wort Gottes & Glaube (1): Der Geber – Gott (V. 16.17)

„Irrt euch nicht, meine geliebten Brüder! Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist noch der Schatten eines Wechsels“ (V. 16.17).

In den Versen 16 und 17 lernen wir etwas über den Geber des Wortes Gottes. Er ist derjenige, der uns den Glauben und alles Gute geschenkt hat und bis heute schenkt. Bevor Jakobus darauf zu sprechen kommt, warnt er uns vor falschen Überlegungen über uns selbst und über Gott.

Irrt euch nicht (V. 16)

Dem düsteren Bild des Todes (V. 15) folgt sogleich eine liebevolle Ermahnung an die Leser. Sie sollten sich nicht vom eigentlichen Ziel und Weg abbringen, sich auch nicht verführen lassen. Man könnte auch übersetzen: Hört (endlich) auf damit, euch irreführen zu lassen! Es ist rührend zu sehen, wie Jakobus um die geistliche Sicherheit seiner Leser besorgt ist.

Einige Ausleger verstehen diese Mahnung als Abschluss der Verse 13–15. Die Leser sollten sich nicht irren, was die Folgen eines Weges betrifft, auf dem man den Begierden freien Raum lässt. Man kann diesen Vers aber auch als Einleitung zu den Versen 17.18 verstehen.

Vermutlich war es die Absicht von Jakobus, mit diesem Vers sozusagen eine Klammer zwischen den vorhergehenden und nachfolgenden Versen zu bilden. Bei dem Vorhergehenden geht es darum, sich nicht über die Quelle und die Konsequenzen der Sünde zu irren. Glauben wir ja nicht, wir könnten andere für unsere Begierden und Sünden verantwortlich machen. Gott sieht es nämlich anders! Gerade dann, wenn wir Gott für das Leid unserer Welt und die Begierden in unserem Leben verantwortlich machen, verfehlen wir das Ziel der Belehrung, die Gott uns auch durch diese Begierden gibt.

Im Blick auf das Nachfolgende handelt es sich um eine Warnung, überhaupt irgendeinen Verdacht auf Gott zu lenken. Jakobus will unter allen Umständen verhindern, dass irgendjemand meint, Gott würde Menschen zur Sünde versuchen. Denn dieser lehrmäßige Irrtum hätte schlimme praktische Konsequenzen.

Geliebte Brüder

Die so ernste Warnung unseres Verses verbindet Jakobus mit den größtmöglichen Zuneigungen zu seinen Lesern: Er spricht sie an mit: „meine geliebten Brüder“. Dadurch wird die enge Beziehung von Jakobus zu seinen Empfängern deutlich. Als Glieder der Familie Gottes sollten sie keine falschen Gedanken über Gott haben. Solche Verirrungen würden praktischerweise ihre Beziehung zu Gott, ihrem Vater, belasten.

Jakobus wendet sich hier bewusst an Erlöste. Er korrigiert irrige Ansichten, die offenbar auch unter Gläubigen kursierten. Wir alle stehen in Gefahr, zu irren und falsche Wege zu gehen. „Irren“ ist hier ein Ausdruck, der dafür verwendet wurde, wenn ein Schiff auf einen falschen Kurs abkam. Davor will uns Gott durch Jakobus bewahren.

Der Vers zeigt deutlich, dass auch Brüder irren können (vgl. Jak 5,19; 1. Kor 6,9; 15,33). „Können“ heißt allerdings nicht „müssen“, und erst recht nicht, dass man als Gläubiger auf einem falschen Weg bleiben müsste. Im Gegenteil! Alle Geschwister haben die Pflicht, Irrtümer zu erkennen und aufzugeben bzw. anderen eine Hilfe zu sein, von einem verkehrten Weg wegzukommen (vgl. Jak 5,19.20). Gott belässt es aber nicht bei einer Warnung vor einem falschen Weg. Er stellt uns danach auch das Positive vor. So lernen wir in den folgenden zwei Versen herrliche Wahrheiten über Gott, unseren Vater.

Die gute Gabe des Vaters der Lichter (V. 17)

Wir haben in den vorhergehenden Versen das Böse bis zu seiner Quelle verfolgt. Das war in diesem Fall die gefallene Natur des Menschen, die zudem noch von Satan bearbeitet wird, auch wenn der Feind Gottes und der Menschen hier nicht genannt wird. Hier wird also zunächst auf die menschliche Natur geschaut.

Nun aber erhebt Jakobus seine Augen zu Gott, den er in jeder Hinsicht verteidigt und rechtfertigt. Wir sollen lernen, dass so, wie das Böse aus unserem Inneren hervorkommt, es genauso wahr ist, dass das Gute von Gott und nur von Ihm kommt. Gott ist nicht nur die Quelle von Gutem, sondern Jakobus zeigt, dass alles Gute seinen wahren Ursprung in Gott hat. Wenn ein Mensch uns also Gutes tut, dann deshalb, weil Gott selbst das in diesem Menschen bewirkt hat.

Im Blick auf Gott kommt noch etwas dazu. Bei Ihm gibt es in dieser Hinsicht auch nicht den Hauch eines Wechsels. Demgegenüber sind die Geschöpfe Gottes, selbst in ihrem besten Zustand, der Inbegriff von Wechsel. Auch als Gläubige handeln wir oft so wechselhaft.

Die Botschaft über das Gute Gottes und seine Art des Gebens ist Jakobus sehr wichtig. Einer der Tricks Satans besteht darin, uns vorzugaukeln, Gott, unser Vater, hielte manches aus bösem Willen oder sogar Eigensucht zurück. Der Widersacher möchte uns weismachen, Gott liebte uns nicht wirklich und ließe uns daher das eine oder andere Mal im Stich.

Diese Taktik finden wir bei Adam und Eva erfolgreich angewandt. Satan redete ihnen ein, dass Gott ihnen, wenn Er sie wirklich liebte, selbstverständlich erlaubt hätte, von diesem attraktiven Baum zu essen. Und beim Herrn Jesus war es, als ob Satan sagte: „Wenn Gott dich lieb hat, warum lässt Er dich hungern?“ Wenn wir anfangen, an Gottes Güte zu zweifeln, werden wir zu Satans Angeboten hingezogen werden. Das Wissen um diese List des Teufels ist einer der Gründe dafür, dass Gott dem Volk Israel auftrug, nicht die Güte Gottes zu vergessen, wenn sie ins Land kämen (5. Mo 6,10–15).

In diesen Versen spricht Jakobus übrigens zwei wunderbare Tatsachen über Gott aus: In Vers 17 lernen wir Gott in einer umfassenden Weise kennen als Denjenigen, der jede gute Gabe schenkt und ohne Veränderung ist. In Vers 18 wird das Bild auf eine seiner guten Gaben konzentriert: die neue Geburt.

Gabe und Geschenk

Die Größe und Schönheit Gottes wird hier durch die gute Gabe und das vollkommene Geschenk konkretisiert. Bei der Gabe geht es um die Art und Weise, den Akt des Gebens. Bei dem Ausdruck „Geschenk“ steht stärker im Vordergrund, was gegeben wird, also die Sache selbst. Bei der Gabe geht es um alles, was uns in guter Weise gegeben wird, beim zweiten um das, was sich besonders im Nachhinein als gut erweist.

Gut sind die Gaben Gottes, weil sie nützlich und vorteilhaft in ihren Folgen sind. Es sind nicht irgendwelche Gaben Gottes. Es sind allein gute Gaben, die Er uns zukommen lässt.

Zudem ist das Geschenk vollkommen. Es ist in jeder Hinsicht vollständig. Nichts fehlt, um die Bedürfnisse des Empfängers zu stillen. So sind Gottes Geschenke nicht von irgendeiner Art. Nein, sie sind unter jedem Blickwinkel unübertrefflich. Die Vollkommenheit der Gabe strahlt im Übrigen die Güte dessen aus, der gibt (vgl. Mt 7,11; Lk 11,13).

Das Wunderbare, was wir hier lernen, ist, dass Gott nicht nur gut ist, sondern dass Er auch ein Geber ist. Er gibt nur das, was wirklich gut ist. Was auch immer wir an guten Gaben und vollkommenen Geschenken bekommen: Sie kommen von niemand anderem als von Ihm. Das hängt, wie wir weiter lesen, mit der Makellosigkeit seiner Heiligkeit und der Unveränderlichkeit seines Lichts zusammen. Gott ist aktiv in seiner Liebe und gibt freiwillig, souverän und immer zum Guten.

Einzelne Gaben und Geschenke

Gott hat Gefallen daran, seine Güte zu zeigen und seine Kinder mit allem zu versehen, was sie zum Leben benötigen. Er handelt nicht wie der Mensch, dessen Geneigtheit heute so und morgen anders sein kann. Ohne Veränderung bleibt Er stets derselbe.

Die größte aller seiner Gaben ist die Gabe seines Sohnes, durch dessen Opfer wir zu Ihm gebracht worden sind (vgl. 2. Kor 9,15). Das Geschenk des Heiligen Geistes ist auch eine dieser wunderbaren, unfassbar großen Gaben (Jak 4,5). Das neue Leben, von dem wir in Vers 18 hören, zählt auch zu den guten Gaben.

Geduld und Gehorsam sind zwei andere, ganz praktische Gnadengaben, zwei von den vollkommenen Geschenken, die der Vater gibt und worüber Er sich freut, wenn sie in uns entwickelt werden. Warum kann man sie „Geschenke“ nennen? Weil wir weder geduldig noch gehorsam wären, wenn Gott uns diese wunderbaren Eigenschaften nicht geschenkt und der Herr Jesus sie nicht vorgelebt hätte.

Dass Gott nur gute Gaben gibt, wurde schon im Alten Testament besungen. David bezeugt in Psalm 103 die wunderbaren Gaben Gottes in vielfältiger Weise. In Psalm 68,20 lesen wir davon, dass eine seiner Gaben darin besteht, unsere Lasten zu tragen und uns zu retten. Aus Römer 8,32 wissen wir, dass Gott nicht einmal seinen Sohn geschont hat. So wird Er uns mit Ihm alles schenken. Sogar der Stachel für Paulus war eine gute Gabe von oben (2. Kor 12,1–10), die mit weitreichendem Segen und Bewahren für Paulus verbunden war. Der Engel Satans, der ihn mit Fäusten schlug, wollte Böses. Gott aber benutzte all dieses zum Guten (vgl. Röm 8,28).

Auch wenn wir an die Schöpfung oder die vergangene Geschichte denken, kommt alles Gute ausschließlich von oben herab, das heißt von Gott. Wenn es etwas Böses, etwas, das mit Sünde in Verbindung steht, in unserem Leben gibt, wissen wir damit ganz sicher, dass es nicht von Ihm, dem Geber aller guten Gaben, kommt.

Man beachte auch, dass Gott nach biblischer Sprache „oben“ wohnt. Das ist nicht geographisch gemeint (vgl. 1. Kön 8,27), nimmt aber unsere Sprache auf, in der wir nicht nur den Sternenhimmel, sondern auch den ungeschaffenen Himmel als oben bezeichnen. Von oben kommen Licht und Leben.

Zwei Bremsen

Wir haben zwei Schranken gegen das Böse. Zum einen macht uns Gott bewusst, was das Nachgeben auf Begierden für Konsequenzen hat. Die Folge davon sind Sünde und Tod. Die zweite Schranke ist nicht negativer, sondern positiver Natur: die Güte Gottes. Beides brauchen wir. Bei Joseph war es das Bewusstsein der Güte seines Herrn, die ihn vor der Sünde bewahrte (vgl. 1. Mo 39,7–9). Hätte sich David übrigens der Güte Gottes erinnert, wäre er wohl nicht in Ehebruch gefallen (vgl. 2. Sam 12,7.8).

Die Gedanken der Menschen sind in dieser Hinsicht oft weit von der Wahrheit entfernt. Gottes Handeln und Güte ist weit über den menschlichen Verstand erhaben. Auch wir Christen müssen daher aufpassen, dass wir nicht nur nicht verkehrt denken, sondern uns in allem den göttlichen Gedanken, wie sie in der Schrift verankert sind, von Herzen unterwerfen. Genauso wahr wie die verunreinigte und sündige Natur des Menschen, ist, dass Gott, den wir durch Glauben kennenlernen durften und mit dem wir durch Gnade die innigste Beziehung haben, gut ist.

Der Vater der Lichter

Die gnädigen Gaben kommen somit dauerhaft von Gott, dem Vater der Lichter. Jede einzelne der Gaben hat ihren Ursprung und ihr Design im Himmel. Sie alle kommen in einer nicht endenden Folge zu uns.

Jakobus spricht von den bekannten Himmelslichtern und -gestirnen. Gott, der Vater, ist der Ursprung von allen diesen. Diese Lichter reflektieren die Herrlichkeit ihres Schöpfers (Ps 19,2; 136,7). Als ihr Begründer und Erhalter (vgl. auch 1. Mo 1,3) sollte Er aber nicht mit ihnen gleichgesetzt werden. Diese himmlischen Lichtkörper dürfen nicht als Gott angebetet werden. Nur Gott in seiner Natur und in seinem Wesen, Licht und Liebe (vgl. 1. Joh 1,5; 4,8.16), ist Gegenstand der Anbetung. Er ist auch der Vater jeder geistlichen Erleuchtung (2. Kor 4,6).

So gibt es über Gottes Wesen und seine Gaben keine Unsicherheit, keine Dunkelheit, sondern Licht. In Ihm ist überhaupt keine Finsternis (vgl. 1. Joh 1,5). Als Gott des Lichts hat Er alles offenbart, was wir wissen müssen. Dabei bedenken wir noch einmal: Gott kann durch Böses nicht versucht werden und so niemanden versuchen. Er ist absolut gut, so dass unser Herr sagen konnte, dass niemand gut ist außer einem: Gott (vgl. Mt 19,17; Mk 10,18). Aber Er ist noch viel mehr: Er ist auch die Quelle von allem Guten. Als Vater der Lichter beschenkt Er diejenigen freiwillig und vollkommen, die als Sünder böse und seine Feinde waren. Unfassbare Gnade!

Der Vater

Bevor wir weitergehen, erscheint es mir nützlich zu sein, etwas über den Titel „Vater“ nachzudenken. Im Neuen Testament finden wir drei Bedeutungen, die mit dem „Vater“ als Bezeichnung Gottes verbunden werden:

  1. Dieser Titel dient der Unterscheidung zwischen den drei Personen der Gottheit: dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Der Vater ist nicht der Sohn oder der Heilige Geist. Aber alle drei Personen sind Gott. Ein Beispiel dafür finden wir in Matthäus 28,19.
  2. Es gibt einen ganz besonders für uns Christen bedeutsamen Aspekt. Gott hat sich im Alten Testament in vielfacher Hinsicht offenbart. Er ist der Schöpfer (1. Mo 1), der starke Gott (El), der rettende und heilende Gott (2. Mo 15,26), der Bundesgott Israels (Jahwe), usw. Die tiefste Offenbarung Gottes aber finden wir nicht im Alten, sondern erst im Neuen Testament. Er ist Vater. Das heißt, wenn sich Gott in seinem tiefsten Wesen offenbart, dann nennt Er sich Vater (1. Joh 1,2; 3,1; Eph 1,17; 2,18). Das weist ganz besonders auf die ewige Liebe Gottes hin. In diese Atmosphäre, die ewig zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist vorhanden war, sind wir nun hineingebracht worden. Eine vierte Bedeutung, relativ eng mit der ersten verbunden, liegt darin, dass Der Vater ist in diesem Zusammenhang auch das Ziel und der Gegenstand der Gemeinschaft der Erlösten. Das ist besonders das Thema von Johannes (vgl. 1. Joh 1,3). Der Sohn führt immer zum Vater, während der Vater den Sohn verherrlicht.
  3. Es gibt noch eine dritte Bedeutung. Manchmal meint „Vater“ einfach Gott, aber nicht als allgemeine Beschreibung seines Wesens, sondern Gott als Quelle, Ursprung, Schöpfer und Urheber des Guten oder einer speziellen Wahrheit. Diese Bedeutung finden wir schon im Alten Testament (vgl. 5. Mo 32,6; Jes 64,7; Mal 2,10). Dafür gibt es auch Beispiele im Neuen Testament (vgl. z. B. Eph 4,6). Von Ihm geht alles aus: Er ist der Vater davon.

Wenn Gott von Jakobus „Vater der Lichter“ genannt wird, dann meint der Schreiber damit die dritte Bedeutung. Gott ist der Ursprung von Licht und von allen Lichtern. Bei Ihm wohnt das Licht, wie sich Daniel sehr interessant ausdrückt (vgl. Dan 2,22). Jakobus aber spricht in der ihm eigenen Art nicht von Licht, sondern von Lichtern. Er hat immer das Ergebnis und die praktische Seite vor Augen, nicht so sehr das Wesen Gottes als solches.

Obwohl der Begriff „Licht“ viele Male im Neuen Testament in Verbindung mit Gott zu finden ist, gibt es den Begriff „Lichter“ (Mehrzahl) nur dieses einzige Mal1. So können wir bei Jakobus durchaus daran denken, dass Gott die Lichter an der Himmelsausdehnung schuf (1. Mo 1,14). Tatsächlich sind diese Lichter am Himmel Geschenke Gottes für die Menschen. Ohne sie gäbe es kein Leben auf der Erde.

Es ist interessant zu wissen, dass sich das weiße Sonnenlicht, wenn es durch ein Prisma zerlegt wird, in viele Farben unterteilen lässt, die man alle einzeln sehen kann. In diesem einen Licht Gottes sind viele verschiedene Herrlichkeiten vorhanden. Wir, die wir Kinder Gottes sind, können diese einzelnen Facetten seiner Schönheit bewundern und Ihn dafür anbeten. Wir sind durch Gott zu einer neuen Schöpfung gebracht und gemacht worden. Darin können wir diese mannigfaltige Herrlichkeit Gottes jetzt schauen, gleichsam in viele Farben zerlegt. Gott schenkt uns sogar das Vorrecht, als Lichtträger hier zu leben (Phil 2,15). Aber darüber spricht Jakobus an dieser Stelle nicht.

Gott verändert sich nicht

Dieser Vater der Lichter bleibt in Ewigkeit derselbe und verändert sich nicht (vgl. Mal 3,6), wie übrigens auch Christus derselbe ist und bleibt (vgl. Heb 13,8). Bei Ihm gibt es keine Veränderung. Bei Ihm gibt es auch keine Verfinsterungen. Im Gegensatz zu den Gestirnen, wandelt Gott sich nicht.

Das kann man direkt auf seine Haltung der Güte und Treue beziehen, wovon wir im 89. Psalm lesen: „Meine Treue und meine Güte werden mit ihm sein … Aber meine Güte werde ich nicht von ihm weichen lassen und meine Treue nicht verleugnen. Nicht werde ich entweihen meinen Bund und nicht ändern, was hervorgegangen ist aus meinen Lippen“ (vgl. Ps 89,25.34.35).

Jakobus spricht in unseren Versen von der Beständigkeit des Wesens Gottes. In seiner Gegenwart gibt es keinen Hauch irgendeiner inneren Veränderung. Es gibt nicht einmal die Möglichkeit eines Wandels, nicht den Schatten eines Wechsels. Es gibt auch keine Andeutung einer Trübung des Lichts der Heiligkeit Gottes. Er verändert sich auch nicht aufgrund unserer veränderten Umstände oder wechselnden Stimmungen.

Das Wort „Veränderung“ kommt von Parallaxe (hin- und herbewegen) und bezieht sich auf eine „Abweichung“. Damit bezeichnet man die scheinbare Änderung der Position eines Objektes, wenn in Wirklichkeit der Beobachter seine eigene Position verschiebt. Es kommt aus der Sternkunde und bezieht sich auf Schatten bzw. Verfinsterungen durch Gestirneverschiebungen. Der Ausdruck „Wechsel“ stammt von der Sonnenwende oder dem Sonnenuntergang.

Die Lichter des Menschen sind unsicher. Das Licht der sogenannten „Wissenschaft“ ist sogar äußerst wechselhaft, so dass man sich darauf nie völlig verlassen kann. Manchmal brennt es hell, dann wieder erstirbt es, später erscheint es wieder, usw. Eine kommende Generation bringt es manchmal ganz zum Erlöschen, bis manches wieder neu auftaucht und wertgeschätzt wird. Beim Vater der Lichter dagegen gibt es keine derartige Unsicherheit durch Veränderung, nicht einmal den Schatten eines Wechsels. Haben wir Gott dafür schon gedankt?

Das unveränderbare Licht Gottes

Aus diesen Versen lernen wir somit auch, dass sich das Licht nicht verändern kann. So ist es auch im natürlichen Bereich. Die Sonne verändert sich nicht, wohl aber unsere Wahrnehmung des Lichts, je nachdem wie die Erde steht und wann der Mensch in Richtung Sonne schaut. Wir dürfen uns also niemals durch unsere subjektive Wahrnehmung dazu hinreißen lassen, Gott Veränderungen oder Schatten zu unterstellen, wie es die Menschen oft getan haben. Wir sind wechselhaft, Er nicht. Jede Veränderung, die wir meinen zu registrieren, liegt somit nicht an Ihm, sondern an unserer Positionsverschiebung.

Abschließend möchte ich in diesem Zusammenhang noch einen weiteren Punkt nennen, der voller Trost für uns ist. Er hat vor allem mit der geistlichen Bedeutung dieser Unveränderbarkeit Gottes zu tun. Je größer der Segen ist, den wir geschenkt bekommen haben und genießen können, umso stärker wird die Trauer sein, wenn solch ein Segen wieder verloren geht oder gewandelt wird. Denken wir an Jona ...

Aber in unserer Beziehung mit Gott wird uns zugesichert, dass die Güte Gottes in keiner Weise kleiner oder verdunkelt werden kann. Veränderungen sind das tägliche Erleben in der Natur. Was wir aus der Schöpfung kennen, die von vielen Menschen bis heute angebetet wird, gibt es bei Gott nicht. Seine „Sonne“ wird nicht aufhören zu scheinen. Sie bleibt in ihrer vollen Größe erhalten, weil Er uns gegenüber unwandelbar ist und bleibt. Daran ändern weder unsere Schwachheit noch die Welt des Bösen etwas.

Wort Gottes und Glaube (2): Das Mittel – die neue Geburt (V. 18)

„Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, damit wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien“ (V. 18).

Im 18. Vers kommt Jakobus jetzt auf die Verbindung zu sprechen, die zwischen dem Wort Gottes und den Gläubigen besteht. Das Wort Gottes ist das Mittel, das Gott verwendet, um uns von neuem zu zeugen. So wird deutlich, dass die guten und vollkommenen Gaben Gottes untrennbar mit dem Wort der Wahrheit verbunden sind. Es ist dieses Wort, durch das uns das neue Leben geschenkt wird.

Der Gläubige wird durch das Wort der Wahrheit gezeugt und ist damit eine gewisse Erstlingsfrucht der neuen Schöpfung. Was für ein erhabener Gedanke, dass wir schon jetzt zu dieser neuen Schöpfung gehören dürfen! Diese Tatsache schließt die Verpflichtung birgt in sich, uns in unserem praktischen Leben nach den Regeln dieser neuen Schöpfung zu verhalten.

Das höchste Gut und die größte Gabe unseres unwandelbaren Gottes ist die Gabe seines einzigen und einzigartigen Sohnes. Wer an den Vater glaubt, der den Sohn in die Welt gesandt hat (Joh 5,24), wird durch das Wort der Wahrheit wiedergeboren oder wiedergezeugt (Joh 3,5; 1. Pet 1,23; Eph 1,13). Damit ist Gott nicht nur die Quelle der guten und vollkommenen Gaben und der Lichter ohne Wechsel. Er ist auch der Ursprung seines (himmlischen) Volkes. Jeder, der im Glauben zu Gott kommt, entstammt dann Ihm, der uns nach seinem Willen gezeugt hat.

Nach Gottes souveränem Willen

Evangelisten mögen das Heil verkündigen und sollen es auch tun! Wir Eltern weisen unsere Kinder auf die Notwendigkeit der Bekehrung hin. Aber nur Gott kann neues Leben nach seinem Willen geben. Daher werden auch die Kinder der Gläubigen und überhaupt Menschen nach dem Wohlgefallen Gottes gezeugt.2 Diese Zeugung ist nicht nur ein erster Einfluss, es handelt sich wirklich um die neue Geburt.

Aus diesen Hinweisen verstehen wir, dass nicht nur Johannes, sondern auch Jakobus die neue Geburt kannten. Sie findet in der Kraft der Gnade Gottes statt. Da Jakobus auch vom Glauben an Jesus spricht (Jak 2,1), offenbart er eindrücklich, dass er die beiden fundamentalen Teile der Wahrheit des Evangeliums kannte: unsere Verantwortung und das unverdiente Wirken Gottes. Beides steht nebeneinander und ist wahr.

Somit gründet sich die neue Geburt auf den absoluten, entschlossenen und „freien“ Willen Gottes. Er allein ist die Personifizierung der Kraft, die neues Leben gibt. Sünde brachte Tod (1,15), aber Gott wollte nicht, dass wir mit unseren Sünden umkommen. Sein Ihm eigener, souveräner Wille war es daher, uns zu retten und uns eine neue Natur zu schenken.

Johannes spricht davon, dass wir uns diese Gabe durch den Glauben zu eigen machen (vgl. Joh 1,12.13; 1. Joh 5,1). Jakobus zeigt, dass alles vom ausdrücklichen Willen Gottes abhing. Dieser Wille wurde nicht durch eine äußere Notwendigkeit begründet. Gott wollte in der Ihm allein zustehenden unabhängigen Souveränität handeln und uns retten. Das hat Er auch getan. Das ist eine Tatsache, die in vollkommenem Gegensatz zu der unverschämten Anklage steht, Gott würde den Einzelnen zur Sünde bewegen.

Was wir sind, sind wir somit nach seinem souveränen Wohlgefallen und nicht nach unseren Gedanken und nach unserem Willen. Unsere Überlegungen und unser Bestreben gehören unserer gefallenen Natur an und sind für die neue Geburt unbrauchbar gewesen. Aber das Wort der Wahrheit, durch das wir aus Ihm geboren sind, hat Gott zu unserer Rettung „ausgesprochen“, in seinem Wort niedergelegt und uns verkündigen lassen. So schauen wir zurück zu dem Augenblick unserer Bekehrung und können Gott nur dafür danken, was Er uns geschenkt hat.

Jakobus berichtet sozusagen von der Tatsache unserer geistlichen Geburt als von einer historischen Wirklichkeit. Er verwendet dafür den Ausdruck „gebären“, der schon in Vers 15 in total entgegengesetztem Sinn verwendet wurde. Er bezieht sich eigentlich auf eine Frau. Gott hat schon im Alten Testament einen vergleichbaren Bezug hergestellt (4. Mo 11,12). Sicherlich will Jakobus dadurch, dass er denselben Begriff benutzt wie in Vers 15, einen Bezug herstellen, der inhaltlich in diesem Fall einen vollkommenen Gegensatz darstellt.

Diese Verse zeigen uns somit deutlich, dass es des Willens Gottes bedurfte, um uns von neuem zu zeugen. Nichts stand dem Willen des Menschen und dem Menschen überhaupt ferner als ein solcher Weg, der das Alte verurteilte und etwas vollständig Neues schuf.

Die neue Geburt

Die Geburt als Bild ist nicht nur ein Hinweis auf das Verlangen Gottes (vgl. V. 15 in negativem Sinn), sondern auch ein großartiges Geschenk Gottes. Diese Geburt kommt nicht aus dem Fleisch hervor, sondern geschieht von oben (vgl. Joh 3,1–7). Sie ist also göttlich und ein Beweis seiner Gnade. Sie kommt nicht aus dem Willen des Fleisches hervor, sondern ist eine Gabe (vgl. Joh 1,13). Sie geschieht durch das Wort der Predigt und durch das Handeln des Geistes Gottes (vgl. Joh 3,6).

Die neue Geburt erfolgt durch das göttliche Mittel des „Wortes [logos] der Wahrheit“. Damit ist hier nicht die Person des Herrn gemeint wie in Johannes 1,1, obwohl Er die Grundlage für die neue Geburt gelegt hat. Das „Wort Gottes“ bezeichnet die göttliche Botschaft, sei es in gesprochener oder geschriebener Form. Dafür steht dieses Wort der Wahrheit. Da weder vor „Wort“ noch vor „Wahrheit“ der Artikel steht, liegt die Betonung auf der Qualität, dem Charakter beider Dinge.

Diese Botschaft ist nichts anderes als die Wahrheit. Es geht Jakobus dabei besonders um das Evangelium, eine Botschaft, welche die göttliche Wahrheit in der Person und dem Werk Jesu Christi beinhaltet. Wenn diese Botschaft in der Kraft des Heiligen Geistes treu verkündigt wird, bewirkt sie die neue Geburt in den Herzen derer, die sie aufnehmen.

Damit stimmt Jakobus wieder einmal sowohl mit dem Apostel Paulus als auch mit dem Apostel Petrus überein (vgl. Röm 10,17; 1. Kor 4,15; 1. Thes 2,13; 1. Pet 1,23–25). Wir lernen daraus: Es gibt keinen Ersatz für die Verkündigung des Evangeliums.

Interessanterweise bewertet Jakobus die neue Geburt als eine der höchsten der göttlichen Gaben. Später spricht er auch noch von der Gabe des Heiligen Geistes (Kap. 4,5). Hier jedoch, wo es um die vollkommenen Geschenke Gottes geht, spricht er nur von der neuen Geburt. Man fragt sich: Warum?

Die Antwort mag darin liegen, dass die neue Geburt eine radikale Erneuerung und zugleich das ewige Leben bedeutet. Wen Gott geboren hat, der ist Gottes Kind. Das ist das Evangelium, das in Jesus zu einer Person geworden ist (vgl. Kol 1,5.6; 2. Tim 2,15; Joh 6,63; 14,6). Dieses Evangelium hat schöpferische, geistliche Kraft wie Gottes Wort, das den Himmel und die Erde schuf (1. Mo 1,1.3). Nun schafft sie den neuen Menschen und damit eine Neuschöpfung.

Die Erstlingsfrucht

Mit welchem Ziel hat uns Gott gezeugt? Er wollte, dass wir die ersten und ausgezeichnetsten Zeugen jener Macht des Guten und Vollkommenen sind, die einmal in der Vollendung der neuen Schöpfung sichtbar werden wird. Wir brauchen aber nicht bis zum Beginn des Tausendjährigen Friedensreiches zu warten, wo wir in vollem Maß als Geschöpfe der neuen Schöpfung gesehen werden, erst recht nicht bis zum Beginn von neuem Himmel und neuer Erde. Wir sind schon heute die Erstlingsfrüchte der neuen Schöpfung. Das ist das Gegenteil der Quelle verderbter Begierden.

Jakobus betont, dass die Gnade die göttliche Quelle des Guten in solchen ist, die von neuem geboren worden sind. Als solche gehören wir schon jetzt der neuen Schöpfung an. Was für ein unendlicher Segen! Dieser ist mit unserer neuen, herrlichen Stellung verbunden. Wir können ihn deshalb genießen, weil wir eine neue Natur geschenkt bekommen haben. Dieses ewige Leben befähigt uns, Gott zu genießen. Jakobus spricht nicht wie Paulus von der göttlichen Gerechtigkeit durch Gnade, wohl aber von einer ganz neuen Natur, die von Gott kommt.

Es ist nützlich zu verstehen, dass Gott den Gläubigen nicht nur in seinem Leben auf der Erde segnet, so herrlich das ist. Das aber war Gott viel zu wenig. An dem herrlichen Tag, der noch vor uns liegt, wird Gott alle seine Geschöpfe segnen, die sich zu Ihm bekehrt haben. In der dunklen Zeit, in der wir heute leben, schenkt Gott jedoch denen, die an Ihn glauben, weit mehr als nur Segen. Wir sind aus Ihm geboren, das heißt, Er schenkt uns seine eigene Natur. In dieser Freigebigkeit handelt Er zu unseren Gunsten, obwohl wir danach nicht gefragt und uns dieses Geschenk auch nicht verdient haben.

Der Mensch ist geprägt durch Böses, Auflehnung gegen Gott und eine gefallene, sündige Natur. Gott aber hatte anderes mit uns im Sinn. Er hat uns seine eigene Natur geschenkt.

Gott schenkt uns etwas von sich selbst, so dass wir selbst zu Lichtträgern seiner Offenbarung werden. Unsere neue Natur entspricht der Heiligkeit und Liebe seiner eigenen (vgl. 1. Joh 3,9). Darauf bezieht sich Jakobus, wenn er schreibt, dass wir eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe sind. Er hat sich selbst uns geschenkt und wird uns nach und nach in die Fülle des Segens bringen.

Der künftige Segen

Was das Regierungshandeln Gottes betrifft, wird dieser Segenszustand im tausendjährigen Königreich Gottes erreicht werden. Aber auch dann wird unter Jesu vollkommener Regierung das Böse weiter existieren. Der Herr wird es kontrollieren und diesem nicht gestatten, sich zu etablieren. Aber selbst eine solch vollkommene, segensreiche Regierung befriedigt Gott nicht.

Es wird erst danach eine Zeit geben, in der alles nach dem Willen Gottes zu seiner eigenen Freude sein wird. Dann wird im vollsten Sinn die göttliche Ruhe auf der Erde wohnen. Jede Frage des Wirkens des Menschen und seiner Verantwortung wird ein für alle Mal erledigt sein. Wir werden nicht mehr nur Erstlinge seiner Geschöpfe sein, sondern alles wird in Übereinstimmung mit der Ruhe und Herrlichkeit sein, wie sie uns durch den neuen Himmel und die neue Erde vorgestellt werden (vgl. Off 21,1). Dort wird Gerechtigkeit wohnen (vgl. 2. Pet 3,13).

Wir aber dürfen als Erstlingsfrüchte schon heute geistlicherweise ruhen und diese Segnungen vorwegnehmen. Wir ruhen nicht in dem Segen, sondern in Gott, der uns diesen gewaltigen Segen geschenkt hat.

Es geht Jakobus in diesem Vers also um die neue Schöpfung. Gottes erneuerndes Werk im Gläubigen blickt auf dieses herrliche Ziel. Jakobus schreibt uns dies, damit wir heute schon praktischerweise diesem Zustand entsprechen. Die neue Geburt, welche die gläubigen Empfänger des Briefes und natürlich auch Jakobus erlebt hatten, gab ihnen die Stellung und den Charakter von Erstlingsfrüchten. Das sollte in ihrem Leben sichtbar werden.

Vorbilder und Erfüllung der Erstlingsfrüchte

Mit dem Gedanken der Erstlingsfrüchte bezieht sich Jakobus auf Vorbilder im Alten Testament. Er verweist auf die Vorschriften über die Erstlinge als geistliches Bild neutestamentlicher Wahrheit. Die Erstlinge der Ernte gehörten Gott und wurden Ihm geopfert, bevor der Rest der Ernte genossen werden durfte (vgl. 2. Mo 23,19; 3. Mo 23,9–11; 5. Mo 18,4). Diese Erstlinge waren die Probe und die Vorschau der göttlichen Verheißung der Ernte.

Im Neuen Testament finden wir dieses Bild in verschiedener Hinsicht angewendet. Paulus benutzte den Ausdruck der Erstlinge für die ersten Gläubigen in einer bestimmten Gegend. Sie dienten gewissermaßen als Verheißung und Zusicherung, dass es eine kommende Ernte in dieser Gegend geben würde (Röm 16,5; 1. Kor 16,15). Dieses Bild hatte eine besondere Bedeutung und Herausforderung für die Christen aus dem Judentum und aus Israel, auf die das Bild jetzt angewendet wurde. Denn sie waren die Ersten der Ersten, die glaubten.

Jakobus bezieht sich daher in unseren Versen besonders auf die jüdischen Gläubigen als Erstlinge für die gesamte Ernte Gottes. Später würde die Familie Gottes im Wesentlichen aus Menschen aus dem Heidentum bestehen. Die Israeliten, die an den Herrn Jesus glaubten, gehörten einer ganz neuen Ordnung der Dinge an. Alle Geschöpfe dieser neuen Ordnung gehören Gott, der die Quelle jeden Segens ist. Daher spricht Jakobus von einer Erstlingsfrucht „seiner“ Geschöpfe!

Vermutlich bezieht sich der Titel „Geschöpfe“ hier auf Menschen. Dann hätten wir eine weitere Parallele zu Apostelgeschichte 15,14–18, wovon wir bereits in der Einleitung gesprochen haben. Dort spricht der Schreiber unseres Briefes davon, dass Gott auch ein Volk aus den Nationen nehmen würde, nicht nur aus den Juden.

Vielleicht aber hat Jakobus hier auch einen weiteren Begriff vor Augen und bezieht sich nicht nur auf Menschen (vgl. Off 5,13). Dann wären diese Gläubigen die Vorausernte der Verwandlung, auf welche die ganze gegenwärtige Schöpfung wartet (Mt 19,28; Röm 8,19–23; Off 21,1). Die gesamte Schöpfung, ganz besonders auch die nicht-intelligente Schöpfung, wird diese Freiheit erleben, die von den Heiligen Gottes schon heute erlebt wird.

Die neue Schöpfung

Interessanterweise spricht Paulus in einem solchen Zusammenhang ebenfalls von uns als Erstlingen: „Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft: die Erlösung unsers Leibes“ (Röm 8,23). So besitzen wir heute schon den Keim dessen, was in der Zukunft in der gesamten Schöpfung die Herrlichkeit der neuen, zweiten, ewigen Schöpfung sein wird.

Von dem allen ist einer und nur Er allein der Erste, der Erstling: Christus, der Anfang der neuen Schöpfung (vgl. Kol 1,18; Off 3,14). Durch seine Auferstehung hat Er diese neue Schöpfung eingeleitet, die für uns direkt mit der Erschaffung des neuen Menschen verbunden ist (vgl. Eph 2,15). So verbindet Er sich in seiner unendlichen Gnade mit uns, so dass auch wir schon heute Erstlinge dieser neuen Schöpfung sein dürfen, wiewohl wir im Gegensatz zu Ihm Geschöpfe sind und bleiben.

Ich greife noch einmal das alttestamentliche „Bild“ auf: Im Alten Testament gehörten der Erstgeborene jeder Familie in Israel und die Erstgeburt der Tiere und Pflanzen in besonderer Weise dem Herrn (vgl. 2. Mo 34,19.20.26; 4. Mo 3,41; 5. Mo 15,19). Wir sind bevorrechtigt, schon heute zu Ihm, dem Erstgeborenen, und damit bereits auf dieser Erde zur neuen Schöpfung zu gehören (2. Kor 5,17). So, wie Israel damals dem Herrn gehörte und der Erstling seines Ertrags war (Jer 2,3), so dürfen wir das heute sein. Im Unterschied zu Israel können wir aus dieser Stellung nie wieder vertrieben werden. Wir dürfen aber nicht vergessen: Jakobus spricht praktisch und wünscht, dass wir dem auch in unserem täglichen Leben entsprechen. Das können wir, weil wir eine Natur geschenkt bekommen haben, die heilig und somit gerecht ist, wie Gott heilig und gerecht ist.

Aber wir sollten nicht übersehen, dass dieser Zustand äußerlich noch nicht erreicht ist. Aus den Versen 13–15 mussten wir schmerzlich lernen, dass es heute noch Versuchungen, Begierden, Sünde und Tod gibt. Das gilt nicht nur für die Ungläubigen, sondern auch für die Erlösten. Denn wir haben auch noch eine alte Natur.

Daher spricht Jakobus hier nicht einfach davon, dass wir „die Erstlingsfrucht“, sondern dass wir nur eine gewisse Erstlingsfrucht sind. Wir folgen den Fußspuren Christi und möchten so wandeln, wie Er gelebt hat. Dazu müssen wir uns aber immer wieder reinigen, wie Er rein ist. Bald werden wir sein, wie Er ist, wenn wir Ihn sehen werden, wie Er ist (vgl. 1. Joh 3,1–3). Heute aber gilt es, dieser Verantwortung praktisch zu entsprechen.

Wort Gottes und Glaube (3): Die Aufnahme – das Hören (V. 19)

„Daher, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“ (V. 19).

In den Versen 16–18 haben wir den Geber aller guten Gaben und seine große Gabe der neuen Geburt kennengelernt. Jetzt werden wir ermahnt, unseren Lebenswandel würdig der Natur Gottes zu führen (vgl. 1. Thes 2,12). Das heißt, wir können und sollen die Natur Gottes durch unser Leben widerstrahlen (vgl. Mt 5,48).

Was ist das für eine Natur Gottes? Wir denken kurz darüber nach, welche Eigenschaften dieser große Gott hat. Wir bleiben dabei in dem Bereich der Aussagen dieses Verses.

  1. „Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit, der Güte bewahrt auf Tausende hin, der Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde vergibt – aber keineswegs hält er für schuldlos den Schuldigen“ (2. Mo 34,6.7).
  2. Gott „ist gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und groß an Güte und lässt sich des Übels gereuen“ (Joel 2,13).
  3. „Denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langsam zum Zorn und groß an Güte, und der sich des Übels gereuen lässt“ (Jona 4,2).
  4. „Der Herr ist langsam zum Zorn und groß an Kraft, und er hält keineswegs für schuldlos den Schuldigen. Der Herr – im Sturmwind und im Gewitter ist sein Weg, und Gewölk ist der Staub seiner Füße“ (Nah 1,3).
  5. „Grimm habe ich nicht“ (Jes 27,4).

Angesichts dieses barmherzigen Gottes müssen wir uns fragen, wie wir selbst Gott „sehen“ und ob wir ein entsprechendes Vertrauen zu Ihm haben. Eine weitere Frage stellt sich: Wie offenbaren wir seine Natur in unserer Umgebung?

Die neue Natur des Gläubigen bringt Früchte der Gerechtigkeit hervor. Sie ist aber nicht autark, das heißt ohne Gott und sein Wort nicht lebensfähig. Daher spricht Jakobus nun von den für uns nötigen Ermahnungen. Sie betreffen:

  1. das Hören, das im Vordergrund für uns stehen soll. Es ist die Haltung des Glaubens. Gott erwartet ein ständiges Hören auf das, was Er uns in seinem Wort sagt.
  2. das Reden, das im Hintergrund stehen soll, weil es leicht durch unsere alte Natur angetrieben wird.
  3. die Emotionen, die von Sanftmut und Milde und nicht von Zorn geprägt sein sollen. Nur so kann man den Weg Gottes auf der Erde beschreiten.
Ermahnungen für Geschwister

Jakobus bezieht sich auf das, was er zuvor geschrieben hat („daher“). Wir haben es also mit einer Schlussfolgerung seiner Belehrungen über Gott und seine Gabe des Lebens zu tun. Gott gibt uns Menschen nichts, ohne uns in die Verantwortung zu stellen, entsprechend seiner Gedanken zu handeln.

Darüber hinaus spricht Jakobus die Empfänger seines Briefes erneut als „geliebte Brüder“ an. Seine Ermahnungen kommen aus einem Herzen der Liebe. Wir stehen nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade. In dieser Zeit ist es einerseits nötig, ermahnt zu werden, andererseits aber auch, sich der Beziehungen als Gläubige untereinander und zu Gott bewusst zu sein. Das schafft die richtige Atmosphäre, um Ermahnungen in der richtigen Gesinnung anzunehmen.

Diese Anrede „geliebte Brüder“ zeigt noch etwas: Jakobus ging wirklich davon aus, dass der größte Teil seiner Briefempfänger gläubig und damit Glieder der einen geistlichen Familie waren, zu der er selbst gehörte. Weil sie von neuem geboren waren und so dachten wie er, waren sie überhaupt in der Lage, nach Gottes Gedanken zu leben.

Das Hören

Zunächst ein Wort zum Bibeltext. In unserer Übersetzung steht: „Jeder Mensch sei schnell zum Hören“. Die Fußnote der Elberfelder Übersetzung (CSV) zeigt, dass es eine bekannte und von vielen bevorzugte Lesart gibt: „Ihr wisst, meine geliebten Brüder: Es sei nun …“. Textkritisch3 erscheint das ungewöhnlichere „iste“ [Ἴστε, ihr wisst] wahrscheinlicher als das üblichere „hoste“ (daher), das vermutlich Abschreiber eingefügt haben. Auch John Nelson Darby (in seiner Ausgabe des Neuen Testaments mit Fußnoten) und William Kelly haben diese Version bevorzugt. Die Bedeutung ist dann sinngemäß: Ihr wisst, meine geliebten Brüder, weil ihr durch das Wort der Wahrheit gezeugt seid, dass diese Belehrungen einen direkten Einfluss auf euer tägliches Leben haben müssen.

Auch das folgende „nun“ oder „aber“ passt in diesen Zusammenhang. Es unterstreicht noch einmal die wichtige praktische Schlussfolgerung, die Jakobus aus den eher lehrmäßigen Gedanken der Verse 13–18 ziehen wollte. Er möchte verhindern, dass der Unterschied zwischen Wissen und Tun zu groß wird. Wir können kaum verhindern, dass es eine gewisse Diskrepanz zwischen unserem Wissen und unseren Taten gibt. Aber diese soll möglichst gering sein.

Auf die Mitteilung über die neue Natur, die uns geistliches Urteilsvermögen gibt, folgt eine praktische Ermahnung. Wir sollen schnell zum Hören sein. Hören ist die Gesinnung bewusster Abhängigkeit.

Ein Diener Gottes wird zu Gott aufschauen und Gott vertrauen. Er wird alles von Gott erwarten. Das ist der Platz, der jedem gebührt, der aus Gott geboren ist. Jakobus hat Gott und sein Wort im Blick. Er möchte uns dahin bringen, Gottes Wort zuzuhören, es zu verstehen und richtig anzuwenden.

Obwohl Jakobus sich an geliebte Brüder wendet, richtet sich seine Ermahnung an „jeden Menschen“. Er möchte offenbar deutlich machen, dass es sich um eine ganz persönliche und zugleich universelle Sache handelt, dieser Ermahnung Folge zu leisten. Daher spricht er von „jeder“.

Wenn es um die Früchte der neuen Natur geht, steht das Hören an erster Stelle. Wie oft finden wir diesen Ausdruck in der Heiligen Schrift. Der Höhepunkt ist vielleicht Matthäus 17,5, wo Gott sagt: „Dieser ist mein geliebter Sohn … ihn hört!“ Ist nicht auch heute gerade das Hören besonders notwendig?

Unser Vorbild: Christus

Das große Vorbild für uns, was das Befolgen der Aufforderung betrifft, „schnell zum Hören“ zu sein, ist, wie immer, unser Herr. Auch wenn Er der Heilige Gottes war, ja Gott, gepriesen in Ewigkeit, hörte niemand so auf Gott und sein Wort wie Er.

In Jesaja 50,4.5 bekommen wir einen Eindruck seiner Gesinnung im Blick auf Reden und Schweigen, auf Hören und Tun: „Der Herr, Herr, hat mir eine Zunge der Belehrten gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt jeden Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre wie solche, die belehrt werden. Der Herr, Herr, hat mir das Ohr geöffnet, und ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen.“

Es muss uns beeindrucken, wie unser Meister, der vor seiner Menschwerdung in allem Herrscher und Gebieter war, auf die Stimme Gottes gehört hat. Das sollte uns anspornen, die wir allein durch seine Gnade gerettet worden sind, Ihm auf diesem Weg nachzufolgen.

Wenn man den Bogen zum ersten Teil dieses Kapitels schlagen will, kann man hinzufügen, dass kein anderer Mensch Prüfungen in einer Ihm gleichen Weise ertragen hätte. Das Wort Gottes war seine ständige Quelle und das umso mehr, wenn Satan sie verdrehte: „Wiederum steht geschrieben …“ (Mt 4,7), war dann seine demütige Antwort, Gott die Ehre gebend. Aus Matthäus 4,4 lernen wir sogar, dass Er nichts tat, ohne nicht einen konkreten Auftrag, ein direktes Wort von seinem Vater erhalten zu haben. Dieses Wort wohnte in Ihm und sollte auch in uns wohnen (vgl. 1. Joh 2,14).

Das ist übrigens auch das Kennzeichen derer, die unser Herr seine „Schafe“ nennt. Wir hören seine Stimme, folgen Ihm und kennen nicht die Stimme der Fremden (vgl. Joh 10,27). Das wird uns nicht als eine Aufforderung vorgestellt, sondern als Tatsache. Es zeigt, dass wir Gottes Wort nicht nur nötig haben, um von neuem geboren zu werden, sondern auch in unserem christlichen Leben danach (vgl. Jak 1,21).

Für die speziellen Herausforderungen unserer heutigen Zeit hat uns Gott besondere, über das Alte Testament hinausgehende Mitteilungen im Neuen Testament gegeben. Darauf sollten wir daher ganz besonders hören.

Erst hören, dann sprechen

Unsere erste Aufgabe im Sinn von Jakobus besteht also darin, unsere Kenntnis des Wortes der Wahrheit zu erhöhen. Hören bezog sich damals im Wesentlichen auf das öffentliche Hören des Wortes. Es schloss aber auch die mündliche Belehrung der Diener des Herrn im Blick auf das christliche Glaubensleben mit ein. Wir müssen bedenken, dass das Neue Testament damals noch nicht niedergeschrieben war.

Heute hören wir die Stimme Gottes, indem wir sein Wort lesen und seinen Dienern zuhören, die uns durch ihren Dienst, durch Kalenderzettel, durch den Dienst des Wortes in der örtlichen Versammlung die Botschaft Gottes weitergeben. Alles muss natürlich in Übereinstimmung mit diesem Wort Gottes sein, damit es Autorität über uns haben kann. Fleißig auf die Botschaft zu hören, die gepredigt wird, ist somit die erste Pflicht wahrer Jüngerschaft.

Gott hatte schon Adam und Eva beauftragt, auf sein Wort zu hören. Sie entschieden sich mit fatalen Folgen, der Stimme Satans zu folgen. Seit dem Fall Adams verschließt der Mensch leider grundsätzlich sein Ohr vor der göttlichen Stimme. Er beharrt darauf, selbst zu reden und zu bestimmen.

Vergessen wir bei alledem nicht, dass wir als Erlöste schon immer Geschöpfe Gottes waren. Das heißt, wir hatten schon immer den Auftrag, auf Gott zu hören. Jetzt aber sind wir zusätzlich noch aus Gott geboren und dadurch eine gewisse Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe. Was deshalb alle Geschöpfe auszeichnen sollte, muss ganz besonders bei uns gefunden werden, die wir an den Herrn Jesus glauben.

Eigentlich sollte es immer unser innerer Wunsch sein, Gottes Wort zu hören. Der Gläubige hat ein Verlangen danach, weil es sein Inneres erfreut, auf die Stimme Gottes zu hören. Bevor der Mensch dann über das Reden nachdenkt, sollte er allerdings die gehörten Gedanken Gottes verarbeitet und zu seinen eigenen gemacht haben.

„Deine Worte waren vorhanden, und ich habe sie gegessen, und deine Worte waren mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens; denn ich bin nach deinem Namen genannt, Herr; Gott der Heerscharen“ (Jer 15,16). Dazu ist es bedeutsam, was und wie wir hören (Mk 4,24; Lk 8,18).

Grundlage aller Belehrung ist allerdings, dass wir überhaupt zuhören (vgl. Mt 13,13). Nicht, dass einmal über uns gesagt werden muss: „Zu wem soll ich reden und wem Zeugnis ablegen, dass sie hören? Siehe, ihr Ohr ist unbeschnitten, und sie können nicht aufmerksam zuhören; siehe das Wort des Herrn ist ihnen zum Hohn geworden, sie haben keinen Gefallen daran“ (Jer 6,10). Hinzu kommt, dass man auch träge im Hören werden kann (Heb 5,11). Ist uns eigentlich schon einmal aufgefallen, dass wir zwar zwei Ohren haben, aber nur einen Mund?

Das Reden

Nach dem Hören kommt Jakobus auf das Reden zu sprechen. Hier ermahnt er uns zum gegenteiligen Verhalten. Wir sollen nicht nur schnell zum Hören sein, sondern auch langsam zum Reden. Lasst uns nicht vergessen, dass wir auch noch eine alte Natur haben, die selbstzufrieden und impulsiv ist, sicher bei dem einen mehr als bei dem anderen. Und dieser alten Natur wegen müssen wir auf der Hut sein, damit wir ihre Begierden nicht durchgehen lassen. Diese Natur will nur Böses tun. Daher ist es so wichtig, uns in Abhängigkeit von Gott bewahren zu lassen.

Wie oft fließen Worte über unsere Lippen, ohne dass wir uns zuerst überlegen, ob sie wirklich angebracht sind und dem Guten dienen. Man hat den Eindruck, dass diese Ermahnung zu den besonders wichtigen praktischen Belehrungen aus Gottes Wort gehört. Sie ist so einfach und doch so schwierig zu verwirklichen. Ihre Nichtbeachtung hat schon viele Tränen und viel Weh hervorgerufen. Diese Warnung ist Jakobus so wichtig, dass er im dritten Kapitel diesem Thema weitere zwölf Verse widmet.

Wir sollten uns also bemühen, das, was wir hören, zuerst zu verarbeiten. Das geht in aller Regel nicht von jetzt auf gleich. Daher sollten wir mit einer Antwort bewusst warten. Ein ehrliches Eingestehen, wie wenig wir bis jetzt Gottes Gedanken in uns aufgenommen haben, wird uns von Selbstvertrauen und einer oberflächlichen Selbstsicherheit befreien. Wer viel von sich hält, hat keine Probleme damit, sich sogleich zu jedem beliebigen Thema zu äußern.

Langsam zum Reden zu sein meint nicht langsames Reden, sondern das Zurückhalten hastiger und fleischlicher Reaktionen auf das, was man gehört hat. Jemand, der ständig redet, kann nicht hören, was ein anderer sagt und wird daher auch nicht auf das hören, was Gott zu ihm sagt. Das war auch eine Botschaft, die der Apostel Paulus den Korinthern ins Gewissen schreiben musste (vgl. z. B. 1. Kor 14,26.33).

Reden und Schweigen im Alten Testament

Das Thema „Reden“ ist fast unerschöpflich. Gerade Salomo hat sich in dem Buch der Sprüche und im Prediger diesem Thema intensiv gewidmet. Oftmals benötigen diese Verse keiner weiteren Erklärung, sie sprechen für sich. Damit wir uns des Schwergewichts dieser Belehrungen ein wenig stärker bewusst werden, zitiere ich eine ganze Anzahl dieser Verse, um sie uns noch einmal ins Bewusstsein zu rufen.

  • „Setze, Herr; meinem Mund eine Wache, behüte die Tür meiner Lippen!“ (Ps 141,3).
  • „Vom Gebot seiner Lippen bin ich nicht abgewichen, ich habe die Worte seines Mundes verwahrt, mehr als meinen eigenen Vorsatz“ (Hiob 23,12).
  • „Eine Quelle des Lebens ist der Mund des Gerechten, aber der Mund der Gottlosen birgt Gewalttat … Bei der Menge der Worte fehlt Übertretung nicht; wer aber seine Lippen zurückhält, ist einsichtsvoll. Die Zunge des Gerechten ist auserlesenes Silber, der Verstand der Gottlosen ist wenig wert. Die Lippen des Gerechten weiden viele, aber die Narren sterben durch Mangel an Verstand“ (Spr 10,11.19–21).
  • „Wer seinen Mund bewahrt, behütet seine Seele; wer seine Lippen aufreißt, dem wird es zum Untergang“ (Spr 13,3)
  • „Eine milde Antwort wendet den Grimm ab, aber ein kränkendes Wort erregt Zorn. Die Zunge der Weisen spricht tüchtiges Wissen aus, aber der Mund der Toren sprudelt Narrheit hervor“ (Spr 15,1.2). Dieser erste Vers ist übrigens das Gegenteil dessen, was wir in Jakobus 4,1 von unserer Lebenspraxis lernen.
  • „Wer seine Worte zurückhält, besitzt Erkenntnis; und wer kühlen Geistes ist, ist ein verständiger Mann. Auch ein Narr, der schweigt, wird für weise gehalten, für verständig, wer seine Lippen verschließt“ (Spr 17,27.28).
  • „Der Tor lässt seinen ganzen Unmut herausfahren, aber der Weise hält ihn beschwichtigend zurück … Siehst du einen Mann, der hastig ist in seinen Worten – für einen Toren ist mehr Hoffnung als für ihn … Ein zorniger Mann erregt Zank, und ein Hitziger ist reich an Übertretung“ (Spr 29,11.20.22). Auch dieser Vers erinnert uns wieder auffallend an die Botschaft von Jakobus 4,1.
  • „Sei nicht vorschnell mit deinem Mund, und dein Herz eile nicht, ein Wort vor Gott hervorzubringen; denn Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde: Darum seien deiner Worte wenige. Denn Träume kommen durch viel Geschäftigkeit, und der Tor wird laut durch viele Worte“ (Pred 5,1.2).

Jakobus selbst war ein gutes Beispiel für die Fähigkeit, zuhören zu können, bevor man spricht. Man kann das in Apostelgeschichte 15 nachlesen. Er wartete in dieser so wichtigen Sitzung erst länger ab, bevor er das Wort ergriff (vgl. Apg 15,13–21). Seine Worte hatten dann, als er sprach, großes Gewicht. Das war sicher eine Folge davon, dass er sich zuvor beherrscht hatte.

Noch ein letztes Wort zum Reden: Oft reden wir zu viel. Es gibt aber auch Situationen, wo wir hätten reden sollen, es aber aus Scham, Scheu, Angst oder anderen Motiven unterlassen haben. Auch hier ist wahre Abhängigkeit nötig, um den Herrn zu ehren.

Der Zorn

Die Natur des Menschen drückt sich nicht nur durch die Zunge aus, sondern auch in den Gefühlen des Herzens. Dazu gehört leider auch der Zorn des gefallenen Geschöpfes. Wir sollen langsam zum Zorn sein.

Gott hat uns Erlösten seine Natur gegeben, damit wir sie wirken lassen. Wir sollen Ihn auf der Erde repräsentieren und nicht betrüben. Daher werden wir vor Zorn gewarnt. Wie oft lassen wir unsere Emotionen einfach gehen und offenbaren damit Kraftlosigkeit und hastigen Eigenwillen. Dabei sind wir geheiligt worden, seinen Willen zu tun und Ihm so zu gehorchen, wie Christus gehorcht hat (1. Pet 1,2). Unser Herr aber kannte nur heiligen Zorn, niemals einen aus der Sünde kommenden Zorn. Denn Sünde ist nicht in Ihm (1. Joh 3,5).

Heiliger Zorn

Wir wollen bei der Beurteilung des Zorns ausgewogen sein. Es gibt einen gerechten Zorn, wie wir ihn einmal bei unserem Herrn finden. Er schaute auf diejenigen im Zorn umher, die den Sabbat missbrauchten. Diese Führer in Israel lehnten den Gott der Gnade ab (Mk 3,5). Ebenso sollen wir Gläubigen (notfalls) zürnen, dabei jedoch nicht sündigen und dem Teufel keinen Raum geben (vgl. Eph 4,26.27).

Vielleicht kann man auch die Haltung des Apostels Paulus in Galatien, als er Kephas ins Angesicht widerstehen musste, als Beispiel für diesen heiligen Zorn sehen. Petrus hatte mit seinem Verhalten so gegen die Gnade Gottes gehandelt, dass Paulus nicht anders konnte als ihm zu widerstehen. Diese drei Beispiele zeigen, dass ein „gerechter“ Zorn richtig ist, aber die absolute Ausnahme darstellt. Bei unserem Herrn lesen wir nur einmal von einer solchen Gelegenheit.

Die Gläubigen werden in dem Brief, der uns zu den höchsten Höhen führt, ebenfalls nur einmal zu heiligem Zorn ermahnt. Lasst uns daher sehr vorsichtig sein, unseren Zorn mit diesen Stellen zu rechtfertigen. Die Gefühle des Zorns sind nicht immer verkehrt, müssen aber unter der Kontrolle des Geistes Gottes stehen.

Böser Zorn

Den verkehrten Zorn, vor dem Jakobus hier warnt, kennen wir alle aus eigener Lebenserfahrung nur zu gut. Nicht von ungefähr warnt Paulus in dem Abschnitt, wo er zum Zorn aufruft, zugleich vor dieser zweiten Art von Zorn: „Alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung sei von euch weggetan, samt aller Bosheit“ (Eph 4,31; vgl. Kol 3,8).

In diesem Sinn soll uns die Aufforderung, langsam zum Zorn zu sein, vor fleischlicher Reaktion bewahren. Zorn ist dabei mehr als nur eine vorübergehende Irritation oder ein entsprechendes Missfallen. Er bezieht sich auf ein starkes und für eine gewisse Zeit anhaltendes Gefühl der Entrüstung und des aktiven Ärgerns. Es ist eine Erbitterung als Folge eines ansteigenden Zorns. Oft handelt es sich um eine bewusste Empörung, die nicht allein aus einem Impuls hervorkommt, sondern eine feste, begründete Haltung der Missbilligung darstellt.

Die Bruderliebe von Jakobus sieht dieses Übel. Daher warnt, begleitet und ermutigt er uns als Gläubige. Er warnt uns vor dem menschlichen Zorn. Offenbar hat man sich in den Versammlungen schon von Anfang an geärgert und gestritten (vgl. Jak 4,1). Auf die Universalität des Problems weist auch der Ausdruck „jeder Mensch“ hin. Niemand ist von diesem Problem ausgenommen, sondern es handelt sich um eine uralte, allgemeine Erfahrung. Nach dem Lesen dieser Verse kann jedes Kind Gottes zeigen, dass es Gott und seinem Reden zugehört hat.

Ermahnungen zum inneren Aufbrausen (Zorn) im Alten Testament

Zu der Ermahnung, langsam zum Zorn zu sein, gibt es auch eine Reihe von Zitaten im Alten Testament. Es ist der Mühe wert, diese Verse unter Gebet zu überdenken:

  • „Die ihr den Herrn liebt, hasst das Böse! (Ps 97,10).
  • „Der Jähzornige begeht Narrheit, und der tückische Mann wird gehasst … Ein Langmütiger hat viel Verstand, aber ein Jähzorniger erhöht die Narrheit“ (Spr 14,17.29)
  • „Besser ein Langmütiger als ein Held, und wer seinen Geist beherrscht, als wer eine Stadt erobert“ (Spr 16,32).
  • „Die Einsicht eines Menschen macht ihn langmütig, und sein Ruhm ist es, Vergehung zu übersehen“ (Spr 19,11)
  • „Ein zorniger Mann erregt Zank, und ein Hitziger ist reich an Übertretung“ (Spr 29,22).
  • „Sei nicht vorschnell in deinem Geist zum Unwillen, denn der Unwille ruht im Innern der Toren“ (Pred 7,9)

Es gibt für das Nichtbefolgen dieser Ermahnungen des Alten und Neuen Testaments traurige Beispiele. Petrus gibt uns immer wieder Hilfen im Blick auf praktische Lektionen. Im Garten Gethsemane war Petrus selbst langsam zum Hören, schnell zum Reden und schnell zum Zorn. Fast tötete er durch sein Aufbrausen einen Menschen mit seinem Schwert.

Mose wurde durch die Unterordnung unter Gottes Willen zum sanftmütigsten Mann auf dem Erdboden (4. Mo 12,3). Aber auch er hatte noch die alte Natur, die alles andere als sanftmütig war. Dass er immer noch anders konnte, sehen wir in 4. Mose 20,10.11. Was in ihm vorging, lesen wir in Psalm 106,32.33. Daraus sollten wir für uns selbst lernen. Wir dürfen uns nicht hinter unserem Charakter verstecken. Wir müssen über uns wachen, damit nicht auch wir zu Fall kommen (vgl. 1. Kor 9,27).

Vergessen wir nicht, dass Zorn nach Galater 5,20 zu den Werken des Fleisches gehört. Allerdings ist wahr, dass in diesem Vers ein anderes Wort für Zorn im Grundtext steht, das mehr einen überschäumenden Gefühlsausbruch beschreibt als das berechnende Zürnen zum Beispiel in unserem Vers.

Wort Gottes und Glaube (4): Auswirkung 1 – das Ablegen (V. 20.21)

„Denn eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit. Deshalb legt ab alle Unsauberkeit und alles Überfließen von Schlechtigkeit, und nehmt mit Sanftmut das eingepflanzte Wort auf, das eure Seelen zu erretten vermag“ (V. 20.21).

Jakobus hat uns gezeigt, was für eine Haltung einen Christen prägen soll. Der Zorn, der kein heiliger Zorn ist, darf keinen Platz in unserem Leben haben. Nun ergänzt er, dass der sündige Zorn nicht Gottes Gerechtigkeit wirkt. In diesem Sinn stellen die Verse 20 und 21 die Auswirkung der Aufnahme des Wortes Gottes in unserem Glaubensleben dar: Wir legen bestimmte Haltungen und Verhaltensweisen ab, um Gott zu gefallen.

In einer Hinsicht kann man die Verse 20–25 als eine Klammer verstehen, in der Jakobus den Gedanken des Zorns aufgreift und vertieft. Er geht auf die Beziehung des Menschen zu Gott ein, die durch den Zorn gestört wird. Er zeigt, dass wir auch andere moralische Befleckungen, die zum menschlichen Zorn passen, ablegen sollen. Stattdessen fordert Jakobus uns auf, die positiven Belehrungen des Wortes Gottes zu verwirklichen. In Vers 26 kommt Jakobus dann noch einmal auf die Zunge zurück. Später wird er dieses Thema, wie wir gesehen haben, noch einmal ausführlich aufgreifen.

Der Zorn des Mannes (V. 20)

Jakobus nennt in diesem Vers ein weiteres Argument dafür, langsam zum Zorn zu sein. Erneut bezieht er sich auf den fleischlichen Zorn des Menschen. Der Zorn des Mannes, von dem er erneut spricht, ist letztlich Eigenwille. Er stellt das Auflehnen gegen Gott und seine Wege dar, gegen Mitmenschen oder gegen Umstände. Mit einem solchen Zorn werden wir Gott nicht ehren, geschweige denn Ihn auf dieser Erde repräsentieren. Nur wenn wir uns Gott übergeben, können wir gerecht leben (vgl. Tit 2,12).

Zorn ist nichts anderes als die gesteigerte Ungeduld des natürlichen Menschen. Zorn kann sogar noch weitergehen, indem ein Mensch seine Worte in bewusstem Zorn gegen Gott und seine Wege wählt. Wie könnte sich Gott mit einem solchen Verhalten einsmachen?

Man bedenke auch, was der Herr in der Bergpredigt über den Zorn sagt (vgl. Mt 5,22). Er zeigt dort sehr deutlich, dass derjenige, der ohne Grund seinem Bruder zürnt, dem Gericht verfallen ist. Der Zusammenhang macht klar, dass es letztlich um ein ewiges Gericht geht.

Jakobus ging davon aus, dass seine Leser das Ziel hatten, die Gerechtigkeit Gottes praktisch zu fördern und zu verwirklichen. Er wusste offenbar, dass nicht alle seiner Leser die Überzeugung teilten, dass der Zorn dazu kein geeignetes Mittel war. Vielleicht hatten manche gedacht: Nur mit Zorn können wir wahrhaft Falsches unterbinden und so auf dem Weg Gottes gehen. Vielleicht sagten manche auch, dass sie falsche Belehrungen und wertlose Gewohnheiten nur durch Zorn beantworten könnten. Doch darin irrten sie.

Der Lebenswandel des Christen soll übereinstimmen mit den Beziehungen, in die er gebracht worden ist. Das war umso wichtiger für solche, die ihre Stellung als besonders hochstehend ansahen aufgrund ihrer Verwandtschaft mit Abraham. Nicht von ungefähr nannten sie diesen Glaubensmann ihren Vater. Jetzt aber wurden sie belehrt, wie viel höher und heiliger ihr neue Abstammung war. Sie waren nicht von einem gläubigen, aber fehlerhaften Mann geboren worden. Gott war ihr Vater und Ursprung durch sein Wort.

Auf dieses Wort hatte der Herr Jesus schon während seines Lebens Bezug genommen und seinen (jüdischen) Jüngern gesagt: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen … Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein“ (Joh 8,31.32.36). Nur auf diesem Weg werden wir praktisch gerecht in Übereinstimmung mit Gottes Wegen leben. Dann erfüllen wir Gottes Gerechtigkeit.

Die Gerechtigkeit bei Jakobus und bei Paulus

Hier haben wir nun die zweite Stelle, bei der Paulus und Jakobus aus unterschiedlichen Blickwinkeln schreiben. Wie im Blick auf Begierde und Sünde widersprechen sie sich nicht, sondern ergänzen sich auf schöne Weise.

Man darf den Ausdruck „Gerechtigkeit Gottes“ im Jakobusbrief nicht mit dem in den Briefen des Apostels Paulus verwechseln. Im Römerbrief (Röm 3,10; 4,6) und auch an anderer Stelle spricht der Apostel davon, dass Gott in Übereinstimmung mit sich und seinem heiligen Wesen handelt. Er ist gerecht und kann nur dementsprechend handeln. Das bedeutet beispielsweise, dass er Sünde nicht übergehen kann, sondern richten muss.

Warum kann Er den Sünder rechtfertigen? Weil den gerechten und heiligen Ansprüchen Gottes entsprochen wurde. Denn ein Gerechter nahm die Strafe für unsere Sünden auf sich. Christus erlitt an unserer Stelle den Tod, der Gottes heiliges Urteil über uns und unsere Sünde war. Gott aber wäre ungerecht, wenn Er eine Sünde zweimal strafen würde. Daher rechtfertigt Er den, der des Glaubens an Jesus Christus ist. So werden wir selbst Gerechtigkeit in Ihm, dem Auferstandenen und Verherrlichten.

Jakobus beschäftigt sich wie so oft mit unseren praktischen Wegen. Wir wirken Gottes Gerechtigkeit dann, wenn wir in Übereinstimmung mit seinem Willen und Wesen handeln. Gott sucht bei uns einen Lebenswandel, der zur neuen Natur passt. Wenn wir Gott im täglichen Leben gehorsam sind und unsere Zunge zurückhalten sowie Zorn vermeiden, wirken wir Gottes Gerechtigkeit.

Es geht somit um praktische Gerechtigkeit, nicht um unsere Stellung vor Gott. Das passt zu den Worten des Herrn in Matthäus 6,33, zuerst nach dem Königreich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten. Auch dort geht es nicht um unsere Stellung, sondern darum, dass die Kraft seines Königreiches und seines Charakters in unseren Seelen und Wegen wirksam wird.

Jakobus behandelt die Frage der Gerechtigkeit Gottes in der paulinischen, lehrmäßigen Weise gar nicht. Er nimmt nie die Frage auf, wie ein Sünder vor Gott gerechtfertigt werden kann. Daher gibt es auch keinen Widerspruch zwischen Paulus und Jakobus, weder im Blick auf Glauben noch auf Rechtfertigung.

Jakobus stellt zudem nicht dieselben Fragen wie Paulus. Beide sprechen über Glauben, Werke und Rechtfertigung. Sie beantworten damit jedoch jeweils unterschiedliche Fragen. Es ist wunderbar, dass Gott uns so von zwei ganz verschiedenen Seiten den Zugang zu diesen Aspekten der göttlichen Wahrheit schenkt.

Lehre und Praxis

Jakobus spricht von dem, was Gott nicht gefällt, weil es im Widerspruch zu seiner Natur steht. Zweifellos steht der Zorn des Menschen im Widerspruch zu Gott. Auf dieser Basis kann man nicht praktisch gerecht handeln, denn Zorn bewirkt nichts, was zur moralischen, von Gott geschenkten Natur passt.

Hier steht auch nicht der Artikel vor „Gerechtigkeit“. Es geht Jakobus somit um das, was für Gerechtigkeit charakteristisch ist, nicht um eine spezielle Handlung der Gerechtigkeit. Er spricht davon, was ein Leben, das gerecht und richtig in den Augen Gottes ist, praktisch charakterisiert.

Es ist völlig klar, dass ein solcher Lebenswandel nur das Ergebnis der rechtfertigenden Gerechtigkeit Gottes sein kann, von der Paulus spricht. Dann wird man gerecht leben. Ein gerechtes Leben aber steht im Gegensatz zu menschlichem Zorn. Mit diesem entspricht man nicht der praktischen Gerechtigkeit Gottes. Besonders schlimm ist es, wenn der fleischliche Zorn im Namen Gottes ausgesprochen wird.

Bevor wir zu dem wichtigen 21. Vers weitergehen, sei noch die interessante Wortwahl von Jakobus erwähnt, der nicht von des Menschen Zorn, sondern von „eines Mannes Zorn“ spricht. Jakobus bezieht sich mehrfach auf die Männer (1,8.12). Das muss nicht heißen, dass er nur die Männer meint, aber er stellt diese als repräsentativ für uns alle dar, zweimal im negativen und einmal im positiven Sinn. In allen Fällen wird dadurch ein Unterschied zur Position Gottes gemacht. So repräsentieren Männer hier alle Menschen … Aber ist es nicht so, dass gerade wir Männer unstet in unseren Wegen sein können und dass besonders wir zornig werden?

Unsauberkeit und Schlechtigkeit (V. 21)

Im ersten Teil von Vers 21 wird der Gedanke aus Vers 20 fortgeführt. Wir sollen nicht nur Zorn vermeiden, der nicht in Übereinstimmung mit Gottes Natur ist. Wir haben auch den Auftrag, alles wie ein altes Kleid abzulegen, was an Unmoral im Leben eines Menschen und leider auch eines Gläubigen vorkommen kann.

Jakobus leitet diesen Vers mit „deshalb“ ein. Das deutet an, dass er vonseiten der Empfänger seines Briefes eine aktive Wegwendung vom Bösen und eine Hinwendung zu Gott erwartete. Das bedeutet letztlich, dass derjenige zornig wird, der nicht ausreichend mit dem Bösen im eigenen Herzen gehandelt hat. Dieser Zorn geht dann einen Weg, wie wir das im Blick auf Begierde und Sünde schon in den Versen 14 und 15 gesehen haben. Oft äußert sich der Zorn in Unsauberkeit und im Überfließen von Schlechtigkeit.

Jakobus ermahnt uns letztlich zu einer doppelten Aktivität. Einerseits müssen die behindernden Sünden aktiv weggetan werden. Andererseits ist auch eine positive Tätigkeit nötig: Wir sollen das Wort Gottes aufnehmen, damit Gott sein rettendes Werk in unserem Leben ausführen kann.

Zunächst aber geht es um das Wegtun. So, wie der Zorn abzulegen ist (Kol 3,8), so sollen die Erlösten auch jede Unreinigkeit entfernen. Glaube ist nicht nur Herzenssache, sondern Sache für Herz, Mund und Hände, wie Jakobus uns schon in Vers 19 beizubringen suchte.

Der Ausdruck „Unreinigkeit“ (Unsauberkeit) kommt nur an dieser Stelle im Neuen Testament vor. Es geht um die moralische Beschmutzung durch eigene Schuld. Sie ist wie ein Kleid, das auch andere sehen können. Die Beseitigung dieser Unsauberkeit geschieht durch das Bekennen der konkreten Sünde und die dankbare Annahme der Reinigung, für die unser Herr am Kreuz von Golgatha die Grundlage gelegt hat.

Der Betroffene macht sich bewusst, dass dieses Werk alle Unreinigkeit beseitigt hat, aber auch, wie sehr der Herr dafür leiden musste. Dazu stellt er sich dem Licht des Wortes Gottes und trauert über die Sünde, die den Herrn verunehrt hat. In praktischer Weise wird dieser Vorgang durch die Fußwaschung veranschaulicht (vgl. Joh 13,4 ff.). Das zeigt, dass der Herr letztlich auch dieses Bekennen bewirkt.

Radikales Selbstgericht nötig

Die Form, die Jakobus für das „Ablegen“ und das „Aufnehmen“ verwendet, beschreibt die Dringlichkeit der Handlung (Aorist). Diese Form drückt aber auch aus, dass es nicht um ein ständiges Ablegen und Aufnehmen geht. Wir sollten ein für alle Mal die grundsätzliche Haltung eingenommen haben, Gedanken der Unsauberkeit oder der Schlechtigkeit abzulehnen. Jakobus muss uns offenbar vor diesen ganz konkreten Gefahren ausdrücklich warnen. Sonst würden wir sie oft gar nicht bemerken. Es ist hilfreich zu erkennen, dass Jakobus uns im Unterschied zu Vers 21 dann in Vers 22 etwas vorstellt, was wir immer wieder neu so tun und handhaben sollen (Präsens-Form).

Unsauberkeit kann nach 2. Korinther 7,1 sowohl den Geist als auch den Körper betreffen. Ohne den Besitz des neuen Lebens wäre dieser Aufforderung unmöglich nachzukommen. Aber das sündige Fleisch ist noch da. Doch dieses hat im Kreuz Christi seine Verurteilung gefunden. So gibt es für uns keine Entschuldigung, das Böse in uns wirken zu lassen. Diese Dinge stammen aus dem natürlichen Herzen. Wir sollen darüber wachen, dass der alte Unrat nicht zum Vorschein kommt. Das Mittel dazu ist das eingepflanzte Wort.

Für uns geht es jetzt darum, einen definitiven Bruch mit diesen Dingen vorzunehmen. Wir müssen die Wurzeln des Bösen verurteilen, die hinter den bösen Worten und dem Herausbrechen des Ärgers stehen. Wie tun wir das? Indem wir uns bewusst machen, „dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Röm 6,6). Praktisch verwirklichen wir das, indem wir uns dafür halten, der Sünde tot zu sein, Gott aber lebend in Christus Jesus (Röm 6,11). So streben wir der Heiligkeit nach (vgl. 1. Thes 4,7).

In unserem Vers geht es nicht darum, unsere Seelen von der Strafe der Sünde zu befreien. Das passierte, als wir Christus annahmen. Wir sollen vielmehr unser Leben als Christen von der Macht der Sünde befreien, indem wir im Licht des Wortes Gottes unseren Lebenswandel führen (vgl. Ps 119,59.60).

Ein Gott wohlgefälliges Ergebnis werden wir allerdings nicht erreichen, wenn wir einem äußerlichen Gesetz gehorchen. Das erregt nur unser Fleisch, weil wir dann auf unsere eigene Kraft bauen. Vielmehr sollten wir jede unsaubere Regung in uns ablegen, sozusagen ausziehen. Jakobus verlangt somit einen deutlichen Wechsel im Lebensstil aufseiten der Empfänger seines Briefes.

Jakobus macht auch klar, dass das Ablegen dem Aufnehmen vorausgehen muss. Dieses Ablegen ist kein Werk des Gesetzes, sondern eine Folge des eingepflanzten Wortes, das, wenn wir es mit Sanftmut aufnehmen, unsere Seelen zu erretten vermag. Wie gesagt kann man das Ablegen mit dem Ausziehen von Kleidern verbinden. In Apostelgeschichte 7,58 wird dieses Wort in diesem Sinn wörtlich benutzt, im übertragenen Sinn im Blick auf Taten an mehreren anderen Stellen des Neuen Testaments (vgl. Röm 13,12; Eph 4,22; Kol 3,8; 1. Pet 2,1).

Auch den Gedanken der Unsauberkeit kann man gut mit Kleidung verknüpfen. Wir wissen alle, wie schnell unsere Kleidung schmutzig werden kann. Schlechtigkeit weist auf Dinge hin, die in ihrem Charakter und in ihrer Qualität schlecht und böse sind. Diese Schlechtigkeit kann sogar überfließen im Lebenswandel eines Christen. Sie macht das Maß der Unsauberkeit gewissermaßen voll.

Wir verstehen, dass nicht nur das Überfließen von Schlechtigkeit verhindert werden soll, sondern sie muss von Grund auf weggetan werden. Aber Jakobus spricht von der Praxis her. Er sieht, wie bei Christen teilweise diese schlechten Taten vorhanden sind und sogar überfließen. Das sollte auch den Empfängern des Briefes auffallen und sie dahin bringen, diesem Bösen Einhalt zu gebieten. Es kommt aus der Unsauberkeit hervor und lässt sich nicht aufhalten, wenn man nicht zunächst zur Reinheit zurückkehrt. Mit Schlechtigkeit ist die Abweisung des Willens Gottes gemeint, nicht etwa die schwache oder schlechte Leistung eines Menschen. Es muss uns zu denken geben, dass Jakobus mit jeder Art von Schlechtigkeit in der Versammlung rechnet. Das daher nötige Selbstgericht wird zur Folge haben, dass auch die Schlechtigkeit nach und nach abgelegt wird.

Es geht aber wirklich um ein radikales Handeln in unserem Leben. Das machen die Hinzufügungen „alle“ bzw. „alles“ klar. Es geht um jede Art dieser negativen Dinge bzw. jedes Vorkommen. Gott ist nie zufrieden mit teilweiser Reinheit, teilweiser Güte, teilweiser Gerechtigkeit. Da auch hier wieder keine Artikel stehen, geht es um den Charakter dieser Dinge, nicht um eine oder zwei konkrete Unsauberkeiten oder Schlechtigkeiten, auf die Jakobus hinweist.

Wort Gottes & Glaube (5): Auswirkung 2 – Aufnehmen des eingepflanzten Wortes (V. 21)

Jakobus ermahnt die Empfänger seines Briefes aber nicht nur mit Geboten und Warnungen, er ermutigt sie auch. Er spricht die Haltung an, die einen Gläubigen prägen sollte: Sanftmut. Ob er dabei an die Glückseligpreisung der Sanftmütigen in Matthäus 5,5 denkt?

Vielleicht hätte man erwartet, nach dem Ausziehen nun vom Anziehen zu hören, worauf der Apostel Paulus beispielsweise in Kolosser 3 hinweist. Jakobus aber verlässt das Bild der Kleidung und wendet sich einem landwirtschaftlichen Vergleich vom Pflanzen zu. Vielleicht ist hier an das Bild eines Gartens zu denken, der mit Unkraut überwuchert war. Jakobus zeigt jedenfalls, dass ein Glaubenssieg auf das Aufnehmen des Wortes zurückzuführen ist.

Die Form, die Jakobus für das Aufnehmen des Wortes Gottes benutzt (Aorist), zeigt die Dringlichkeit an. Man kann letztlich nur von Unreinheit und Schlechtigkeit wegkommen, wenn man das Wort Gottes aufnimmt. Es erinnert uns daran, wie die Beröer das Wort aufnahmen (Apg 17,11). Jakobus will seine Leser ermuntern, nicht in passiver Haltung dem Wort zuzuhören. Sie sollten es aktiv in sich aufnehmen und ihre Herzen als gute Erde dem eingepflanzten Wort öffnen, damit diese Pflanze in ihren Herzen wachsen konnte.

Jakobus nennt es das eingepflanzte Wort, weil die Gläubigen es schon kannten. Die Übermittlung des Wortes wird im Übrigen öfters mit Säen und Pflanzen verglichen (z. B. Mt 13,1 ff.; 15,13; 1. Kor 3,6). Es ist das Wort Jesu und seiner Apostel. Dieses Wort hat Kraft, Seelen zu erretten. Ist uns immer bewusst, dass ein anderes Wort bzw. ein anderes Evangelium diese Kraft nicht besitzt? Auch hier sehen wir, dass sich Jakobus, Paulus und Petrus ergänzen (vgl. Gal 1,8 f.).

Die richtige Haltung, das Wort aufzunehmen, ist Sanftmut, in der wir durch das Wort den Glaubenssieg erringen können. Sanftmut ist nicht Schwachheit, sondern eine innere Haltung, die das Gegenteil von Hochmut, Zorn und Auflehnung gegen Gottes Wege darstellt. So sollen die Gläubigen das Wort Gottes aufnehmen.

Man mag sich fragen, inwiefern die Empfänger des Briefes die Ermahnung nötig hatten, das Wort aufzunehmen. Waren sie nicht schon Christen? Doch! Vonseiten Gottes war ihnen in souveräner Gnade das Wort eingepflanzt worden. Jetzt aber wird die Seite der Verantwortung der Gläubigen beschrieben.

Man muss unter „Aufnehmen“ somit das wiederholte und immer neue Hören und innerliche Erwägen dessen verstehen, was sie einmal als Gotteswort angenommen hatten. Bei ihrer Bekehrung hatte Gott dieses Wort in ihre Herzen eingepflanzt. Das Wort war ihnen nicht neu, und doch mussten sie es auch als Erlöste immer wieder neu hören, um ihr Leben dadurch formen zu lassen.

Dieses Wort war ihnen eingepflanzt worden, denn es war nicht natürlicherweise in dem Menschen vorhanden. Es musste aktiv eingesetzt werden. Aber nachdem es eingepflanzt worden war, konnte es Wurzeln schlagen und das Herz verändern. Genau das soll es auch tun.

Das Wort drängt sich nicht mit Gewalt auf, sondern der Mensch kann es annehmen oder ablehnen. Das gilt auch für uns Christen. Der Apostel Petrus drückt in 1. Petrus 1,23–2,2 ebenfalls diese Gedanken aus: Wir sind „wiedergeboren ... durch das Wort Gottes“, und werden als „neugeborene Kinder“ ermahnt, nach der „unverfälschten Milch des Wortes“ begierig zu sein.

Das Wort – nicht das Gesetz

Es fällt auf, dass Jakobus die Empfänger in keiner Weise unter Gesetz stellt. Man kann erkennen, wie der Geist Gottes darauf achtet, diese heute inmitten der Christenheit vorherrschende Praxis abzuwehren. Ein Jude würde das Wort Gottes wohl als Gesetz aufgenommen haben, denn es war für ihn der einzig gültige Maßstab. Jakobus ist auch weit entfernt davon, den Nutzen des Gesetzes beiseitezuschieben. Wir werden noch sehen, dass er in diesem Brief auf dieses Thema zurückkommt. Hier zeigt er, dass das Wort innerlich wirksam wird: Es ist das eingepflanzte Wort.

Nicht ein externes Gesetz rettet die Seele, sondern das eingesetzte Wort, das zum Bestandteil des Christen geworden ist. Das Wort tritt durch den Glauben ein, es ist verbunden mit Glauben in dem, der es hört (vgl. Heb 4,2). Wenn das Wort eingegraben ist, wird es ein integraler Bestandteil dessen, in den es eingegraben worden ist. So wird das Wort zu einem Teil des Christen. Das war nicht der Fall mit dem Gesetz, das immer ein Befehl außerhalb des Menschen blieb und bleibt, wenn sich zum Beispiel jemand heute unter dieses Gesetz stellt. Das Gesetz wendet sich als Maßstab Gottes von außen an den natürlichen Menschen. Dieser aber ist nicht in der Lage, das Gesetz zu tun.

Das Wort der Wahrheit hat uns erreicht, als wir unter der Herrschaft der Sünde und Satans standen. Es hat uns durch den Glauben an Christus und sein gewaltiges Werk befreit. Dieses eingepflanzte Wort steht im Gegensatz zu jeder äußerlichen Regel, die nur verurteilen kann, was im Widerspruch zu ihr steht. Das Wort dagegen wirkt innerlich im Leben des Gläubigen. Dieses Wort ist mit dem ewigen Leben gewissermaßen verwandt. Beides ist von Gott. Wir sollen es mit Sanftmut aufnehmen, die zu denen passt, die geschmeckt haben, dass der Herr gütig ist (vgl. 1. Pet 2,3).

Die rettende Kraft des Gesetzes

Das Wort, von dem Jakobus hier spricht, wird uns von allem erretten, was im Widerspruch zu der von Gott gegebenen Natur steht (vgl. 1. Pet 1,25; 2,1). Der Gott, der ein gnädiges Werk begonnen hat, vergisst seine Fürsorge nicht. Er gibt die Gläubigen nie auf. Er übt Zucht aus über die Seelen und übergeht keine Sünde. Aber Er handelt immer aus Liebe. Das gilt auch für den Herrn Jesus. Christus liebte seine Jünger, die in der Welt waren, bis ans Ende (Joh 13,1).

Der dynamische Charakter des Wortes und seine einzigartige Kraft werden dadurch deutlich, dass es rettet. Es ist die dem Wort Gottes eigene Energie. Dieser Charakter des Wortes soll die Leser motivieren, das Wort im Leben wirksam werden zu lassen. Das alles ist Gottes Werk und die Wirkung seines Wortes. Aber dieses rettende Werk verneint nicht unsere Verantwortung.

Es geht dem Schreiber an dieser Stelle nicht um eine andauernde Rettung, sondern darum, dass das Wort unsere Seelen in jedem konkreten Fall, in dem ein Angriff von Zorn und Unreinheit aufkommen mag, rettet (Aorist). Die Erlösten sind bereits von neuem geboren (1,18). Aber die volle Wirksamkeit der Rettung steht noch aus; zudem brauchen wir Rettung während unseres ganzen Glaubenslebens (vgl. 1. Kor 1,18; 2. Kor 3,18).

In unserem Vers geht es Jakobus um keine Rettung in notvollen Umständen, sondern um Rettung im geistlichen Sinn. Das ist das genaue Gegenteil davon, dass „etwas durch das eine Ohr hinein und durch das andere wieder hinausgeht“. Wenn das Wort nur flüchtig unsere Gedanken streift, richtet es wenig oder nichts für uns aus. In uns eingepflanzt aber rettet es unsere Seele. Der Ausdruck „eure Seelen“ ist ein Hinweis auf die ganze Person nach Geist, Seele und Leib (Apg 2,41; 27,37; Heb 10,38; 1. Pet 3,20). Der hauptsächliche Gedanke hier ist die Errettung unserer Seele vor den Fallstricken der Welt, des Fleisches und des Teufels. Das ist eine Errettung, die wir alle jeden Augenblick nötig haben. Wir sollten uns das wieder neu bewusst machen.

Wort Gottes & Glaube (6): Auswirkung 3 – Tun (V. 22)

„Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen. Denn wenn jemand ein Hörer des Wortes ist und nicht ein Täter, der gleicht einem Mann, der sein natürliches Angesicht in einem Spiegel betrachtet. Denn er hat sich selbst betrachtet und ist weggegangen, und er hat sogleich vergessen, wie er beschaffen war. Wer aber in das vollkommene Gesetz, das der Freiheit, nahe hineinschaut und darin bleibt, indem er nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter des Werkes ist, der wird glückselig sein in seinem Tun“ (V. 22–25).

In den Versen 22 bis 25 spricht Jakobus weiterhin über Gottes Wort. Er unterstreicht, dass das Hören des Wortes Früchte hervorbringen muss. Um das auf die Gewissen seiner Zuhörer zu legen, benutzt der Schreiber das Bild eines Spiegels, mit dem er das Wort Gottes vergleicht.

Der Besitz des Wortes Gottes macht uns verantwortlich. Natürlich nehmen wir es durch Hören auf. Aber dieses Wort kann man nicht einfach beiseiteschieben und vergessen. Wenn man das Wort in der rechten Weise aufnimmt, bringt es Taten hervor, sonst würde man sich selbst betrügen. Oder füllen wir ein Gefäß mit Wasser, um es so stehen zu lassen? Wir werden ja auch nicht den Garten mit dem Ziel kultivieren, ihn dann wieder sich selbst zu überlassen und Unkraut wuchern zu lassen.

Wenn wir uns Vers 22 ansehen, bezieht sich Jakobus zunächst auf Vers 19. Dort hatte er davon gesprochen, dass man langsam zum Reden, dagegen schnell zum Hören sein soll. Das aber sollten die Gläubigen nicht falsch verstehen. Schnell zum Hören zu sein bedeutet nicht, dass man dem Wort Gottes nur einfach zuhören sollte. Wir sollen eben nicht nur schnell zum Hören des Wortes Gottes sein! Wir selbst sollen Täter des Wortes werden.

Zuerst brauchen wir das Ohr zum Hören, dann das Herz, dass das ein für alle Mal eingepflanzte Wort aufnimmt und bewahrt, und schließlich die davon gesteuerte Hand, den dadurch bewegten Fuß, die sichtbar machen, dass wir das Wort gehört und in unsere Herzen aufgenommen haben. Mit diesen drei Schritten wird das Wort lebendig und wirksam in uns. Wenn Hören kein Tun hervorbringt, ist es vergeblich gewesen. Ausschließlich ein Hörer des Wortes zu sein bedeutet, ohne echten Glauben zu hören: betrachten – weggehen – vergessen. Das ist es, was jemanden kennzeichnet, der ausschließlich hört.

Das Wort soll demgegenüber praktische Früchte hervorbringen. Sie sind der Beweis, dass es lebendig in unseren Herzen wirkt. Das bestätigt die praktischen Linien als Leitgedanken und Ziel unseres Briefes.

Aktiver Gehorsam

Das Aufnehmen des Wortes mit ganzem Herzen muss also dazu führen, dass man dem Wort auch aktiv gehorsam ist. Das ist lebendiger Glauben. „Aber“ ist hier kein Gegensatz, sondern eine notwendige Fortsetzung dessen, was Jakobus zuvor gelehrt hat. Aufnehmen ist eben nur der Anfang. Wir werden somit aufgefordert, fortzufahren und Täter des Wortes zu sein (Präsens Imperativ). Täter ist ein Lieblingswort von Jakobus. Von sechs Vorkommen im NT finden wir vier in seinem Brief (1,22.23.25; 4,11).

Dieser Aufruf, Täter des Wortes zu sein wird durch das negative Wort, „nicht allein Hörer“, verstärkt. „Nicht allein“ macht deutlich, dass man zuerst tatsächlich hören muss. Auch der Ausdruck „Hörer“ wird von Jakobus gerne verwendet (1,22.23.25; drei von vier Vorkommen im Neuen Testament). Unter den damaligen Griechen war das ein Ausdruck für Personen, die einem Vortrag beiwohnten, selbst aber keine Schüler und Jünger des Vortragenden waren. So konnte man leicht ein Hörer sein, der den Anweisungen im täglichen Leben jedoch keine Folge leistete. Dann allerdings würde man sich selbst betrügen.

Jakobus schließt wieder einmal an die Worte des Herrn in der Bergpredigt an. Hier bezieht er sich auf Matthäus 7,21–23. Nur wer den Willen des Vaters tut, indem er sein Wort aufnimmt, um es zu tun, wird in das Reich der Himmel eingehen. In gleicher Weise bezieht sich Jakobus auf die Verse 24–27, wo es heißt, dass derjenige sein Lebenshaus auf den Felsen gebaut hat, der die Worte des Herrn hört und sie tut. „Glückselig die, die das Wort Gottes hören und bewahren!“ (Lk 11,28).

Wir müssen den Sohn hören, aber seine Worte müssen das neue Leben, das Gott uns geschenkt hat, im Gehorsam formen. Sonst würden wir Gott letztlich verspotten und uns selbst etwas vormachen. Ist dies nicht auch ein Widerhall der Worte des Herrn in Johannes 13,17: „Wenn ihr dies wisst, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut“? Natürlich muss ich die Gedanken Gottes zuerst kennen, sonst kann ich sie nicht verwirklichen. Aber es reicht nicht aus, sie zu kennen. Wir müssen sie auch tun. Es hat einmal jemand gesagt: Dieser Satz mag wie eine Binsenweisheit wirken. In der Praxis ist die Ermahnung jedoch so nötig. Wir kennen das aus unserer Lebenspraxis: Man erkennt eine bestimmte Tätigkeit gerne an und bewundert sie womöglich sogar, als ob es dadurch bereits unsere eigene würde. Das aber ist nicht so.

Es geht um die Wirklichkeit dieses Lebens. Das neue Leben ist dem Gläubigen gegeben, um es auszuleben, Gott in jeder Weise gefallend. Wenn jemand das Wort nur hört und nicht verwirklicht, so hat er keinen Nutzen davon. Sein Leben bleibt fruchtleer.

Jesus selbst legt auf das Tun seiner Worte entscheidendes Gewicht. Deshalb spricht Er verschiedene Male von diesem Thema. In Johannes 14,21.23 lesen wir: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt … Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“. Nach der Lehre des Neuen Testaments erfolgt das Gericht nach den Werken, die der Erlöste bzw. der Mensch überhaupt getan hat, das heißt nach der Praxis und nicht nach der Lehre unseres Christseins (vgl. Mt 7,2; Joh 5,29; 2. Kor 5,10; Off 20,12).4

Dass die Empfänger des Briefes Hörer sind, wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Es geht aber für uns nicht nur um ein Nachdenken, Überdenken, Diskutieren und um ein innerliches Zustimmen.

Sich betrügen

Wer allein Hörer sein will, betrügt sich selbst. Wörtlich könnte man auch sagen: Er mogelt sich am eigentlichen Ziel einfach vorbei. Warum? Weil man durch bloßes Hören nicht gerettet wird (vgl. 2,14 ff.). Jesus (Mt 7,21 f.), Paulus (Röm 2,13; 17–25; 2. Kor 5,10) und Johannes (1. Joh 3,18) stimmen mit Jakobus überein, dass Hören und Tun direkt miteinander verbunden sind. Allen kommt es also auf die praktische Verwirklichung an. „Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist“ (1. Joh 2,3–6).

Es ist schon die Belehrung im Alten Testament, dass wir das, was wir hören, auch bewahren und tun (vgl. Ps 119,2). Von einem eklatanten Fall, wo das nicht geschah, lesen wir im Propheten Hesekiel. In Kapitel 33,31.32 schreibt er davon, dass die Leute gerne zu ihm kamen, um sich eine schöne Predigt anzuhören. Sie dachten aber nicht im Traum daran, das zu tun, was er ihnen zu sagen hatte. Damit riefen sie das Gericht über sich herbei.

Wir müssen allerdings auch aufpassen, dass unser arglistiges Herz (vgl. Jer 17,9) nicht das Wort Gottes durch eigene Überlegungen oder Traditionen zerstört (vgl. Mk 7,13).

Das Wort Gottes ist uns nicht als eine rein intellektuelle Übung gegeben worden, sondern, um unsere Herzen zu prüfen und anzutreiben, Gott durch einen gehorsamen Lebenswandel zu ehren. Das bewahrt uns vor einem Abgleiten (vgl. Heb 2,1) und auch davor, das Gute nicht zu tun (vgl. Jak 4,17). Es geht um einen Prozess der Selbsttäuschung durch irriges Überlegen. Jakobus fügt jetzt ein negatives Beispiel (V. 23.24) und ein positives (V. 25) hinzu.

Wort Gottes & Glaube (7): Maßstab – der Spiegel (V. 23.24)

In den beiden nächsten Versen lernen wir etwas über den Maßstab unseres Glaubens. Dazu vergleicht Jakobus das Wort Gottes mit einem Spiegel. Es zeigt uns zum Beispiel ganz konkret, was wir von Natur sind (vgl. Röm 3,10–18). Der Hauptgrund für das Benutzen eines Spiegels liegt darin, sich selbst darin sehen zu können. Man will wissen, ob alles ordentlich und sauber ist. Gerade dabei hilft uns, was unser moralisches Leben betrifft, das Wort Gottes.

Wenn hier von einem Mann die Rede ist, dann steht dieser nicht im Gegensatz zur Frau. Jakobus spricht verschiedentlich den Mann, wenn es um unsere Verantwortung geht (vgl. Jak 1,8.12.20). Wenn Jakobus von einem Spiegel spricht, geht es natürlich nur vordergründig um das physische Spiegelbild.

Wahrscheinlich handelte es sich um alte, kleine Handspiegel, die auf den Tischen lagen und zu denen man sich herunterbeugen musste. Sie waren aus polierter Bronze, manchmal aus Silber oder sogar Gold. Glasspiegel gab es wohl erst in späteren Zeiten. Spiegel aus Glas, die mit Quecksilber überzogen waren, stammen vermutlich aus dem 13. Jahrhundert.

Das Wort soll uns verändern

Das Hören des Wortes Gottes vermittelt uns ein Bild. Aber das Bild verschwindet sehr schnell wieder aus unserem Gedächtnis, wenn wir nicht weiter darüber nachdenken. Allein das Schauen in den Spiegel führt zu keiner Veränderung, selbst wenn ich sehe, dass etwas nicht richtig „sitzt“. Danach muss ich dann selbst etwas tun.

Der Spiegel hat also eine positive Funktion. Er deckt auf, was nicht in Ordnung ist. Das gilt umso mehr für den Spiegel des Wortes. Dort erkennt der Mensch seine Sünde und seine Erlösungsbedürftigkeit, gewissermaßen sein hässliches Angesicht. Denn der Spiegel des Wortes Gottes stellt denjenigen, der sich diesem Licht aussetzt, vor Gott bloß (vgl. Heb 4,12.13). Bis in seine innersten Überlegungen seziert Gott die Motive des Handelns, den wirklichen Zustand. Dafür benutzt Er sein Wort. In diesem Sinn des Spiegels zeigt uns das Wort Gottes, wie der unbestechliche Richter den Menschen sieht. Das ist ja auch der Grund, warum der natürliche Mensch davor zurückschreckt, dort hineinzuschauen. Und doch ist es unerlässlich, sich selbst so zu sehen, wie dieser Spiegel es zeigt: Es ist der erste Schritt auf dem Weg zu Gott.

Aber mit dieser Entdeckung allein ist es nicht getan, wie wir in diesem Vers lernen. Es muss konkrete Konsequenzen geben. Genau dazu fordert Jakobus seine Leser auf.

Der Ausdruck „natürliches Angesicht“ könnte auch übersetzt werden mit „das Angesicht seiner Herkunft oder Entstehung“. Das Gesicht ist hier also ein Dokument der bisherigen Lebensgeschichte. Im Blick auf Gottes Wort als Spiegel geht es für den natürlichen Menschen zunächst um seine Sündengeschichte. Denn das Gesicht spricht gewissermaßen von der Vergangenheit, die man in den Gesichtszügen ablesen kann. Und was sind wir von Natur aus? Kinder des Teufels und versklavt in der Finsternis (vgl. 1. Joh 3,9.10; Eph 5,8). Jetzt aber sind wir durch Gottes Gnade Kinder des Lichts und Kinder Gottes.

Dieser Vers zeigt uns die negative Seite eines Menschen, eines Einzelnen, dessen Hören des Wortes nicht mit persönlichem Gehorsam verbunden ist und der dadurch auch zeigt, dass er den Herrn Jesus nicht wirklich liebt (vgl. Joh 14,15). Denn wer Ihn liebt, wird Ihm auch gehorsam sein und seinem Wort zuhören, um es zu tun.

Der Wirkung des Wortes Gottes ausweichen

Wie wahr und aus dem praktischen Leben gegriffen ist das, was wir hier lesen. Oft sehen wir nur mit einem flüchtigen Blick in den Spiegel, und sogleich vergessen wir, was wir gesehen haben. Vielleicht besonders Männer fragen sich: „Was habe ich gerade überhaupt gesehen? Warum wollte ich nochmal in den Spiegel schauen?“ Im geistlichen Leben ist das leider oft nicht anders. Da wird vieles sehr schnell vergessen. Oft lesen wir mal eben schnell einige Verse aus der Bibel, und schon bald sind sie wieder vergessen. Ist das nicht oft Realität in unserem Leben? Aber was hat man damit überhaupt bewirkt?

„Vergessen“ heißt, das Wort zu lesen, ohne es anzuwenden. Es ist das Gegenteil von Gehorsam: Man übergeht den Sinn des Wortes. Tausend Dinge, die wir anscheinend für wichtiger halten, kommen nach dem Lesen oder Hören der Bibel in unseren Sinn. Das Ergebnis ist dann, dass wir die Eindrücke, die Gott uns geben wollte, wieder verlieren. Es ist so, als hätten wir in diesem oder jenem Punkt nie etwas von Gott gehört.

Vergessliche Hörer! Muss man da nicht an das Gleichnis vom Sämann in Matthäus 13 denken, wo Samen an den Weg fiel und die Vögel alles auffraßen (V. 4)? Wenn unser Herz einem Weg gleicht, der vom Umgang mit der Welt festgetreten ist, und der Same des Wortes Gottes unbeachtet liegen bleibt, dann hat der Böse leichtes Spiel. Er kommt und reißt das weg, was in das Herz gesät, diesem aber nicht willkommen war.

Der Spiegel des Wortes Gottes fordert uns auf, unser Leben durch die Wahrheit zu überdenken. Der Scheinwerfer wird sozusagen auf die Ursache unserer Gedanken gerichtet und soll unsere Empfindungen an Gottes Gedanken ausrichten. Nur die Kraft des Geistes Gottes kann diese Dinge in Herz und Gewissen eingraben. Jakobus entlarvt das Fehlen eines wirklichen Werkes in unserer Seele. Das ist genau dann der Fall, wenn Kenntnis und Einsicht vom Gewissen getrennt werden.

Das blasse Erinnern an unsere Lebenswirklichkeit durch den Spiegel wird uns nicht helfen. Wir müssen Täter des Wortes werden. Durch die neue Natur in uns besitzen wir alles, was nötig ist, um das Wort auszuleben. Sowohl die neue Natur als auch das Wort sind aus Gott. So besitzen wir jede Voraussetzung, um lebendige Kinder Gottes zu sein.

Bedenken wir: Es ist eine gefährliche Sache, in das Wort Gottes hineinzuschauen und eine gewisse Erkenntnis davon zu erlangen, dann aber sorglos den Weg weiterzugehen. Das Urteil der ewigen Verdammnis schwebt über dem, der die Errettung nicht für sich persönlich annimmt (vgl. 2. Pet 2,20.21). Nachlässigkeit bedeutet aber auch einen empfindlichen Verlust für den gleichgültigen Gläubigen. So lebt der bloße Hörer weiter wie bisher und hält nicht fest, was er hörte. Es bleibt für ihn ein flüchtiger Blick, ein flüchtiges Bild. Nur die Tat macht aus dem Bild Realität.

Weggehen

Jakobus benutzt die beiden Verben „selbst betrachtet“ und „vergessen“ in einer speziellen Zeitform (Aorist im Griechischen, hier gnomisch oder zeitlos zu verstehen). Es handelt sich hier um Ereignisse, wie sie „normalerweise“ ablaufen. Das erste Verb drückt aus, dass der Spiegel etwas auslöst, was Tätigkeit aufseiten des Hörers nötig macht. Aber anstatt etwas zu tun, geht er weg und vergisst, wie er ausgesehen hat.

Zusammenfassend kann man sagen, dass, wenn ein Mensch vor einem Spiegel steht, sein Bild gerade so lange reflektiert wird, wie er dort steht. Sein Angesicht wurde lediglich reflektiert. Es liegt nicht am Spiegel, an Gottes Wort. Es liegt daran, mit welcher inneren Haltung der Mensch auf das Bild reagiert. Geht er weg, verschwindet sein Spiegelbild, und alles ist vergessen.

Genauso ist es, wenn ein Mensch das Wort bloß hört und nicht daran denkt, ihm zu gehorchen. Wenn wir aber nicht nur in die Wahrheit hineinschauen, sondern darin bleiben und Täter des Werkes werden, das der Wahrheit entspricht, werden wir in unserem Tun gesegnet sein. Mit dieser Einsicht befasst sich Jakobus ausführlicher im nächsten Kapitel, wo er den Glauben mit Werken verbindet.

Wort Gottes & Glaube (8): Leitlinie – das vollkommene Gesetz (V. 25)

Jakobus gibt dem Bild des Spiegels jetzt eine überraschende Wende. Durch den antiken Metallspiegel konnte man nicht durchschauen. Nahe hineinschauen oder einen Einblick bekommen, wörtlich sich verbeugen, bedeutet eine verweilende Vertiefung, ein genaues Erfassen. Davon spricht er jetzt im Blick auf das Wort Gottes.

Die beiden Ausdrücke „nahe hineinschauen“ und darin „bleiben“ sind Partizipien. Jakobus benutzt eine Zeitform (Aorist), die hier wieder zeitlos (Fachbegriff: gnomisch) zu verstehen ist. Es geht darum, dass bestimmte Erfahrungen charakteristisch sind, wo immer man jemanden findet, der dem Wort Gottes wirklich gehorsam sein möchte.

Hier schaut jemand intensiv und eindringlich in das Gesetz. Das wird spätestens durch das „bleiben“ klar. Der Blick fällt in dieses vollkommene Gesetz und bleibt auch dort. Man schaut sogar nahe hinein. Man will sich also nach diesem Gesetz richten. Man ist beeindruckt und ergriffen von dem, was man sieht. Damit wird ein gravierender Unterschied zum Menschen in den Versen 23 und 24 und damit auch zum natürlichen Menschen aufgezeigt. Denn in dieser Weise schauen nur solche Menschen ins Gesetz, die das Wort Gottes für ihr Leben sehr ernst nehmen.

Das „aber“ in Vers 25 unterstreicht den deutlichen Gegensatz zum Vorherigen. Jetzt geht es also um ein positives Beispiel. Es hat den Anschein, dass Jakobus dafür im Wesentlichen die Bildersprache fallen lässt, um die Realität in positiver Hinsicht zu veranschaulichen.

Jakobus nennt das Wort jetzt nicht mehr Spiegel, sondern das vollkommene Gesetz, das der Freiheit. Es wird hier also in zweifacher Hinsicht qualifiziert.

  1. Es handelt sich um das vollkommene Gesetz, eine vollkommene Weisung von oben. Die Betonung in diesen Worten liegt nicht auf Gesetz, sondern auf der Art des Gesetzes: Es war nicht irgendein Gesetz, sondern das vollkommene.
  2. Es handelt sich um ein Gesetz der Freiheit. Dieses Wort führt also nicht in Sklaverei, sondern in die Freiheit.

Vollkommen war auch das Gesetz vom Sinai (vgl. Röm 7,12). Aber von diesem will Jakobus offenbar nicht sprechen. Man muss sich dann fragen: Von welchem Gesetz spricht er, wenn er nicht das Gesetz vom Sinai meint?

Vielleicht kann man dies am einfachsten auf die Worte Jesu beziehen, die Er während seines Lebens auf der Erde gesprochen hat. Von denen hatten die Juden gehört; viele von ihnen hatten die Worte des Herrn Jesus auch zumindest an den Festen in Jerusalem hören können. Das „vollkommene Gesetz“ bedeutet dann die von Jesus gegebene Botschaft.

Dabei müssen wir bedenken, dass das Gesetz hier sicher nicht zu trennen ist vom Evangelium, der guten Botschaft. Das wird durch die zweite Erläuterung bestätigt: „Gesetz der Freiheit“. Auch in Kapitel 2,12 benutzt Jakobus diesen ihm eigenen Ausdruck noch einmal. Es handelt sich um eine göttliche Weisung, die Freiheit von der Knechtschaft durch Sünde, Tod und Teufel bringt. Es ist also kein Gesetz der Sklaverei, sondern der Freiheit und damit ein erlösendes Gesetz.

Dennoch benutzt Jakobus den Ausdruck „Gesetz“. Es ist für uns überraschend, einen solchen Ausdruck in einem Brief des Neuen Testaments zu lesen. Vielleicht verwendet der Geist Gottes dieses Wort, da den Israeliten dieser Ausdruck als „ihr“ Wort Gottes geläufig war. Dass es bei „Gesetz“ nicht um irgendein Wort, sondern um das Wort Gottes geht, ist sofort klar. Es hat Autorität für den Menschen und damit für den Gläubigen.. Aber es ist zugleich die Wahrheit, die den Menschen freimacht (Joh 8,32–36) und ihn von Sünde, Tod und Hölle befreit, auch von der Knechtschaft der Sünde (vgl. 2. Kor 3,17).

Somit liegt Jakobus an dieser Stelle erneut nicht nur auf der Linie des Herrn, sondern zugleich auf der von Paulus (vgl. Röm 8,2; Gal 5,13). Jakobus ermahnt die Briefempfänger, die Botschaft Jesu wirklich ernst zu nehmen, darin zu bleiben und sie zu bewahren. Er weist an, im Tun des Wortes zu beharren.

Das Gesetz der Freiheit

Das Gesetz, von dem Jakobus spricht, ist also vollkommen, endgültig und vollständig. Es stellt die volle und wirksame Offenbarung Gottes in Christus Jesus dar. Durch diese Vollkommenheit wird es dann auch zu einem Gesetz der Freiheit. Gott kommt mit uns durch dieses Wort zu seinem Ziel.

Es handelt sich beim Gesetz „der Freiheit“ um einen sogenannten Genitivus Subjektivus. Das heißt, wir (erlöste) Menschen, die wir dieses Wort kennen und befolgen, empfinden es als Freiheit. Es ist „die“ christliche Freiheit, die Gott für uns vorgesehen hat. Er hat uns ja von der Knechtschaft des Gesetzes befreit. So können und wollen wir Gottes Willen mit Freude tun (Phil 2,13).

Nur Jakobus benutzt den Ausdruck des Gesetzes der Freiheit, und das gleich zweimal, auch noch in Kapitel 2,12, wo es verbunden wird mit der Liebe. Menschen sind frei, wenn sie das tun wollen, was Gott wünscht.

Es lohnt sich, über dieses Gesetz der Freiheit nachzudenken. Denn für uns, die wir das ganze Wort Gottes in Händen halten, ist es natürlich sehr weit gefasst. Zur Zeit der Abfassung des Jakobusbriefs gab es das Neue Testament noch gar nicht. Daher ist der Ausdruck „Gesetz“, eine Zusammenfassung des gesamten Alten Testaments.

Das Wort Gottes ist im Sinn von Jakobus ein vollkommenes Gesetz, denn alles, was der Geist Gottes geäußert hat, ist Ausdruck der vollkommenen Natur und des Charakters Gottes. Wer als Erlöster nicht nach dem Wort Gottes lebt, führt sein Leben auch nicht in Übereinstimmung mit seiner neuen, göttlichen Natur. Wahre Freiheit dagegen bedeutet, das Leben unter der Leitung genau dieses Wortes zu führen.

Das auf dem Berg Sinai gegebene Gesetz war nicht in das Herz des Menschen geschrieben worden, sondern außerhalb des Menschen auf steinerne Tafeln. Dieses Wort war dem Israeliten auch nicht eingepflanzt worden. Es zeigte dem Menschen, was er zu tun hatte, gab ihm jedoch nicht das Verlangen und die Kraft, dem Gesetz zu gehorchen. Wenn ich nun aufgefordert werde, das zu tun, was ich nicht begehre, so ist selbst Gehorsam wie Sklaverei.

„Du darfst das nicht tun“ oder „du muss dieses tun“ – das ist der Charakter des Gesetzes vom Sinai. Die Israeliten wollten durch das Gesetz genau das tun, was Gott verbot (Röm 7,9), und wollten das nicht tun, was Er ihnen befahl. Denn der Wunsch des Menschen ist es, dem Bösen nachzulaufen, während das Gesetz sein „nein“ zu dieser Begierde ausspricht und damit diese Begierde besonders aktiv wird.

Das alttestamentliche Gesetz drückte aus, welche Lebensführung Gott vom Menschen erwartete. Dieses Gesetz verurteilt alle sündigen Regungen des natürlichen Menschen. Da aber der Mensch einen anderen Willen hatte, der sich Gott und seinen Worten nicht beugen wollte und konnte, brachte dieses Gesetz Knechtschaft für den Menschen. Dadurch wurde es zu einem Gesetz der Verdammnis und des Todes.

Das Gesetz der Freiheit gibt Kraft zum Handeln

Durch das Wort Gottes haben wir jetzt nicht nur eine vollkommene Offenbarung des Willens Gottes. Durch genau dieses Wort ist in uns eine neue Natur gezeugt worden, deren ganzes Verlangen es ist, dem Wort entsprechend zu handeln. Wenn ich aufgefordert werde, etwas zu tun, was ich selbst zu tun wünsche, dann ist das Freiheit. Dadurch wird das Wort Gottes zu einem Gesetz der Freiheit, und derjenige, der sich durch dieses „Gesetz“ führen lässt, wird in allen seinen Taten gesegnet sein. Wer somit in dieser Weise in das Gesetz der Freiheit geschaut hat, bekommt Kraft, das Böse zu überwinden und das Gute zu tun.

Wir sollten bei der Wortwahl von Jakobus bedenken, dass er hier nicht als ein gesetzlicher Mensch im negativen Sinn des Wortes vor uns tritt. Er ist der inspirierte Schreiber, der Gesetzlichkeit verwirft. Im Blick auf dieses Ziel, den Gehorsam gegenüber Gottes Wort als ein Handeln in Freiheit zu verstehen, gibt es im Neuen Testament keinen wertvolleren Zeugen noch ein mächtigeres Wort als diese Hinweise von Jakobus. Denn er gehörte zu denen, die Eiferer für das Gesetz waren. Hier aber ist er Zeuge von wahrer Freiheit.

Womit verbindet Jakobus dieses Gesetz der Freiheit? Es ist nichts anderes als das eingepflanzte Wort (V. 21). Da der Artikel vor „Gesetz“ fehlt, geht es nicht um einzelne konkrete Gebote, sondern um den Charakter des Wortes Gottes. Dadurch, dass Jakobus das Wort ein „Gesetz“ nennt, gibt er dem Wort Autorität.

Innere Übereinstimmung mit dem Gesetz der Freiheit

Das erste, was Paulus bei seiner Bekehrung fragte, nachdem er den großen Richter erkannt hatte, war: „Was soll ich tun, Herr?“ Das ist die sofortige Antwort einer lebendig gemachten Seele zu der Offenbarung: „Ich bin Jesus, der Nazaräer“ (Apg 22,8.10). Wir haben dann eine neue Natur, die das Wort Gottes tut und die Quelle dieses Wortes, Gott selbst, liebt.

Auf der Grundlage dieser neuen Geburt wollen wir das tun, was Gott uns in seinem Wort mitgeteilt hat: „Wie der lebendige Vater mich gesandt hat und ich lebe des Vaters wegen, so auch, wer mich isst, der wird auch leben meinetwegen“ (Joh 6,57). Das neue Leben kennt Gottes Liebe innerlich und hat Freude an dem, was ihm durch das Wort gesagt wird. Es freut sich, Gott zu gehorchen. Genau das ist es, was das Wort verlangt. Daher ist es ein Gesetz der Freiheit.

Der Wunsch, den Willen Gottes zu tun

So freut sich das gereinigte Herz, durch Glauben das zu tun, was Gott erfreut, was sein guter und wohlgefälliger und vollkommener Wille ist (Röm 12,2). Und so, wie es in der Liebe keine Furcht gibt (1. Joh 4,17.18), gibt es auch keine Knechtschaft darin.

Gott segnet den gehorsamen Christen nicht nur, sondern sein zukünftiger Weg findet unter Gottes Zuwendung statt. Allerdings sieht nur das einfältige Auge diesen Weg. Es heißt übrigens nicht, dass der Gläubige aufgrund seines Tuns gesegnet wird; er wird in seinem Tun gesegnet. Das schließt noch einmal an den Gedanken des Herrn in den Evangelien an, auf den wir schon in Verbindung mit Vers 22 gestoßen sind: „Wenn ihr dies wisst, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut“ (Joh 13,17).

Das Gesetz der Freiheit kommt von einem liebevollen Vater, der seinem Kind sagt, dass es dahin oder dorthin gehen soll, das heißt genau an die Orte, von denen Er sicher ist, dass sein Kind sie gern besuchen würde. Man kann dem Kind gewissermaßen keine größere Gunst erweisen, als dieses Gebot zu erteilen. Dieses Gebot widerspricht dem Willen des Kindes nicht, sondern lenkt seine Zuneigungen zu dem, der ihm am wertvollsten ist. Seinen Willen möchte es unbedingt erfüllen. Das Leben des Erlösten hasst das Böse und schreckt davor zurück. Es wird durch den Gedanken gequält, durch Unachtsamkeit in eine scheinbar noch so kleine Sünde zu fallen.

Jedes Kind Gottes besitzt diese neue Natur, da jeder Erlöste aus Gott geboren ist. Dadurch entsprechen alle unsere Wünsche und Ziele, unser Charakter und unser Tun auf der Grundlage dieser neuen Natur dem Wort Gottes. Denn das Wort ist der Ausdruck der Natur Gottes. Das gilt für den neuen Menschen in uns. Die Freiheit des neuen Menschen ist somit eine Freiheit, den Willen Gottes zu tun und Gott in seinem Charakter als sein geliebtes Kind nachzuahmen. Christus hat Gott und seinen Willen offenbart. Jetzt können und dürfen wir das in gleicher Weise tun.

Auch für unseren Herrn, den Menschen Jesus Christus, war der Wille Gottes ein Gesetz der Freiheit. Er kam, um den Willen seines Vaters zu tun. Etwas anderes suchte Er nicht. In Ihm haben wir darin ein vollkommenes Vorbild. Jakobus sieht die göttliche Natur in uns immer in vollkommener Übereinstimmung mit dem Gesetz Gottes.

Das weiß der Erlöste auch. Der von neuem geborene Mensch schaut so in das Wort Gottes und entdeckt, dass dessen Forderungen exakt seiner neuen Natur entsprechen. Diese Natur wünscht das zu tun, was Gott wohlgefällt und spricht daher wie Christus: „Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34). Was für ein Gefühl der Befreiung, dass wir nicht mehr das tun müssen, was unser böses Herz ehemals begehrte, sondern dass wir Freude haben an dem, was Gott will. Was könnte uns glücklicher machen als das Bewusstsein, dass wir im Einklang mit dem Willen unseres Gottes und Vaters sind.

Verschiedene Arten von Gesetz

Jakobus erwähnt im Übrigen drei verschiedene Gesetze:

  1. das Gesetz Moses (Jak 2,10.11)
  2. das königliche Gesetz, das aus der Liebe zum Nächsten besteht (Jak 2,8)
  3. das vollkommene Gesetz der Freiheit (Jak 1,25; 2,12).

Die letzten beiden Gesetze haben eine große Ähnlichkeit und sind zweifellos miteinander verbunden. Allerdings nimmt das königliche Gesetz eine Vorschrift des Alten Testaments und damit des Gesetzes Mose auf. Es ist interessant, die Beziehung der alttestamentlich Gläubigen zum Gesetz zu untersuchen. Sie standen unter der Knechtschaft des Gesetzes, hatten aber dennoch eine Ahnung davon, dass das Wort Gottes eigentlich das sagte, was der Erlöste auch tun wollte. Denn auch die Gläubigen im Alten Testament besaßen neues Leben, ohne darüber belehrt worden zu sein. Wie anders könnten wir die Worte verstehen: „Und entziehe meinem Mund nicht ganz und gar das Wort der Wahrheit, denn ich harre auf deine Rechte; und halten will ich dein Gesetz beständig, immer und ewig. Und ich werde wandeln in weitem Raum; denn nach deinen Vorschriften habe ich getrachtet“ (Ps 119,43–45)?

Übrigens wird in künftigen Tagen dem gläubigen Überrest Israels das Gesetz Gottes in ihr Inneres gelegt werden (vgl. Jer 31,31.33.34). Dann wird auch für dieses Volk gelten, was für uns in viel höherem Maß wahr ist: Das Wort ist in ihrem Innern und das Gesetz bedeutet für sie nicht mehr Sklaverei, sondern Freiheit.

Täter des Werkes

Am Schluss unseres Verses wird die Folge des nahen Hineinschauens in das Gesetz der Freiheit beschrieben. Solche Menschen sind nicht vergessliche Hörer, wie wir sie in den Versen 23 und 24 kennengelernt haben, sondern Täter. Hier werden sie nicht als Täter des Wortes beschrieben, obwohl das wahr ist, sondern als Täter des Werkes. Es geht also in doppelter Weise um Taten. Diese beweisen, dass man das Wort nicht nur gehört hat, sondern auch verwirklicht.

Die Form, die Jakobus in Verbindung mit diesem Ausdruck benutzt, könnte man so übersetzen: Er ist ein Täter des Werkes geworden (Aorist). Das zeigt den deutlichen Gegensatz zu dem Menschen in den Versen 23.24. Dadurch, dass Jakobus hier mit Substantiven arbeitet, geht es nicht nur um das, was dieser Gläubige tut, sondern wodurch sein Wesen geprägt ist. Er ist kein „Hörer der Vergesslichkeit“, sondern ein „Täter des Werkes“. „Vergesslichkeit“ kommt übrigens nur an dieser Stelle des Wortes Gottes vor.

Ein Gläubiger lässt die Dinge, die er aus der Nähe gesehen hat, nicht mehr seiner Aufmerksamkeit entgleiten. So jemand ist Täter des Werkes. Das, was er gelernt hat, tut er auch. Die Betonung liegt nicht auf konkreten Taten, sondern auf dem für ihn charakteristischen Gehorsam.

Nur ein Mensch dieses Charakters ist wirklich glücklich. Er wird glückselig gepriesen und ist wert, nachgeahmt zu werden. So jemand genießt die wahre Freiheit des Evangeliums. Er entspricht dem weisen Mann, von dem der Herr Jesus spricht (Mt 7,24.25). So jemand wird teilhaben am Segen des künftigen Lebens, wie der Herr das in der Bergpredigt deutlich macht (Mt 5). Aber dieser Gläubige genießt den künftigen Segen schon heute.

Wort Gottes & Glaube (9): Auswirkung 4 – Reinheit der Zunge (V. 26)

„Wenn jemand meint, er diene Gott, und zügelt nicht seine Zunge, sondern betrügt sein Herz, dessen Gottesdienst ist nichtig. Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt zu erhalten“ (V. 26.27).

Auch in den Versen 26 und 27 setzt Jakobus den Ruf fort, das Wort Gottes durch entsprechende Taten zu verwirklichen. In den Versen 19–21 ging es ganz konkret um den Zorn und in den Versen 22–25 um das Tun im Allgemeinen. Nun spricht Jakobus vor allem von Irrtum in Bezug auf sich selbst und Selbstbetrug.

Die Meinung, man sei fromm, im Lebenswandel käme es aber nicht so sehr darauf an, in allen Einzelheiten gehorsam zu sein, ist weit verbreitet. Die Verbreitung des Evangeliums wird durch solche unechte Christlichkeit schwer beeinträchtigt, egal ob in Deutschland oder im Ausland. Unser Herr jedenfalls hat ständig gegen diese Heuchelei gesprochen, nicht zuletzt in der Bergpredigt. Jakobus weist darauf hin, dass jemand, der sich ein Leben in Heuchelei erlaubt, sich selbst, sein Herz, betrügt. Aufgedeckt wird dies am Beispiel der Zunge. Schon der Psalmist ruft uns zu: „Bewahre deine Zunge vor Bösem, und deine Lippen, damit sie nicht Trug reden“ (Ps 34,14).

Uns mag die Härte der Aussage von Jakobus erstaunen. Man muss aber bedenken, wie viel Elend in der Welt gerade von der Zunge der Menschen ausgegangen ist (Lüge, Verleumdung, üble Nachrede, Betrug, Verwundungen). Deshalb widmet Jakobus diesem Thema noch fast ein ganzes weiteres Kapitel (Jak 3,1–12). Aus Jakobus 1,26 können wir erkennen, dass Jakobus dem Christen zutraut, seine Zunge zu zügeln, das heißt sich so zu verhalten, dass die Zunge Gott gemäß benutzt wird. Der Heilige Geist gibt diese Kraft, und wo wir versagt haben, kann uns der Herr Jesus neu heiligen. Petrus spricht im Übrigen wieder einmal sehr ähnlich wie Jakobus (1. Pet 3,10).

Wahrer Gottesdienst der Erlösten

In den letzten zwei Versen nennt Jakobus insgesamt drei Beispiele, die das Leben des Gläubigen kennzeichnen, der Täter des Werkes und damit Täter des Wortes ist.

  1. die Zunge rein erhalten,
  2. Bedürftige besuchen,
  3. sich von der Welt unbefleckt erhalten.

Zusammenfassend sind diese drei Dinge der Beweis, dass man sein Leben als wahre „Religion“ für Gott führt, somit als echten Gottesdienst versteht. Mit diesem Vers knüpft Jakobus nicht nur an die Werke von Vers 25 an, sondern auch an den Gedanken von Vers 19, wo wir gelernt haben, dass wir schnell zum Hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn sein sollen.

In den Versen 22–25 hat Jakobus Gläubige getadelt, die dem Wort zwar zuhören, das Gehörte aber nicht in die Tat umsetzen. In Vers 26 tadelt er nun ein religiöses Tun, bei dem das innerliche Leben unberührt bleibt. Die Praxis, die wir von uns selbst so oft kennen, nämlich das Leben in zwei Kategorien zu unterteilen, wird somit gerügt. Es gibt nicht ein Gott zugewandtes Leben und ein sonstiges, gesellschaftliches oder „tägliches“ Leben. Beides gehört zusammen. In Vers 26 lesen wir von einer religiösen, Gott zugewandten Aktivität, der jedoch keine innere Kontrolle und Disziplin zugrunde liegt. In Vers 27 spricht Jakobus den wahren, religiösen Gehorsam an. Er beinhaltet sowohl äußeren Dienst als auch innere und äußere Selbstkontrolle.

Die Form, in die Jakobus seine Worte kleidet, zeigt, dass es sich nicht um eine hypothetische Frage handelt, sondern um die Realität. Es geht um „jemand“, Jakobus denkt nicht an eine spezielle Person. Da gibt es einen, der meint, religiös zu sein. Das könnte sogar sein Ruf unter den Gläubigen sein. Dabei gilt es zu bedenken dass es hier im engeren Sinn nicht einmal um einen Heuchler geht, der also bewusst vorgibt, etwas anderes zu sein und zu tun, als was er ist. Er ist aber jemand, der sich selbst betrügt. Es ist also ein Mensch, der meint, dass er Gott wirklich dient. Aber er unterliegt damit einem Irrglauben. Denn in Wirklichkeit tut er etwas, was im Widerspruch zu Gott ist. Wir können dabei an Paulus denken vor seiner Bekehrung.

Was ist Gottesdienst?

Wenn Jakobus von Gottesdienst spricht, meint er den Dienst der Anbetung in seinen äußerlichen, zeremoniellen Aspekten. Gottesdienst meint hier also keine innere Frömmigkeit, sondern ihr praktisches Sichtbarwerden. Jakobus bezieht sich an dieser Stelle also nicht auf den Gottesdienst im Sinne des sonntäglichen Zusammenkommens. Jakobus geht es um das ganze Leben als äußerlich sichtbare Weihe für Gott.

Viele denken beim Wort „Religion“ (Gottesdienst) direkt an etwas Innerliches. Aber im Wort Gottes geht es, wenn dieser Ausdruck verwendet wird (Apg 26,5; Kol 2,18; Jak 1,26.27) um äußere Dinge, darum, was man äußerlich beobachten kann. Und da lehrt uns Jakobus: Man kann diese äußeren Dinge tun, ohne von neuem geboren zu sein. Paulus vor seiner Bekehrung ist dafür ein besonderes Beispiel (vgl. Gal 1,14; Joh 16,2.3).

Worauf sich Jakobus hier genau bezieht, erklärt er nicht weiter. Vielleicht schließt er sogar das persönliche Gebet und Fasten sowie das regelmäßige Beachten der gemeinsamen Gottesdienste mit ein. Aber wir brauchen Religion nicht darauf zu beschränken. Jakobus spricht letztlich vom gesamten Leben eines Menschen. Die Person, von der er spricht, hält äußerlich sehr genau die religiösen Riten ein. Sie meint tatsächlich, das stellte Gott zufrieden. Als ob man durch ein äußeres Einhalten bestimmter Dinge alle Gebote des Gesetzes erfüllte. So jemand übersieht, dass sich der christliche Glaube zwar durch sichtbare Taten zeigt, aber aus dem Inneren hervorkommen muss. So war es übrigens auch schon in alttestamentlicher Zeit.

Die Zunge

Jakobus ist dieses Thema, wie gesagt, so wichtig, dass er in Kapitel 3 noch einmal ausführlich darauf zurückkommt. Das Sprechen wird überhaupt mehrfach in diesem Brief erwähnt. Man bekommt den Eindruck, dass die Zunge ein echtes Problem in der Versammlung der Gläubigen damaliger Zeit war (vgl. Jak 1,19.26; 2,12; 3,1–3.14–18; 4,11.12). Eine beherrschte Zunge weist auf einen beherrschten Körper hin. Dabei ist natürlich nicht die Zunge das Problem, sondern das Herz, das sich durch die Zunge offenbart. Das ist der Wille des Menschen und im negativen Fall die sündige Natur in uns.

Das Versagen des Menschen darin, seine Zunge zu kontrollieren, ist der Beweis seines inneren Zustands. Er betrügt sich selbst. Er versagt darin, die Unvereinbarkeit von solch gegensätzlichen Dingen zu erkennen: äußere Hingabe passt nicht zu bösen Worten, die Annahme bei einem heiligen Gott ist nicht mit einer ungezügelten Zunge zu verbinden. Diese Zunge benutzen wir manchmal, um gegen Menschen zu sprechen, obwohl eine Gott angenehme Religion gerade das Gute des anderen sieht und sucht.

Der Betrug hat hier also mit einer falschen Bewertung der eigenen Lebensführung zu tun. Man meint, dass es nur darum geht, äußerliche Riten einzuhalten. Damit aber betrügt man sein Herz. Jakobus spricht vom Herzen als vom Sitz und Zentrum der Persönlichkeit. Somit wird das moralische Versagen betont.

Derjenige, der den Namen des Herrn nennt und Gott dient, das heißt sichtbaren, äußerlichen Gottesdienst tun möchte, ist daran gebunden, den Fußspuren dessen zu folgen, der keine Sünde tat und in dessen Mund kein Trug gefunden wurde (1. Pet 2,21–23). Immer wieder finden wir unseren Meister im Blick auf seine Zunge als ein Vorbild für uns dargestellt (vgl. Ps 45,3; Joh 8,25).

Wir dagegen müssen ständig unsere Zunge zügeln. Der erste und genaueste Gradmesser für den Zustand des inneren Menschen ist tatsächlich die Zunge. Es gibt kaum etwas, das stärker als die Zunge offenbart, was in unserem Herzen ist. Falls wir die Zunge nicht zügeln, wird das Böse der gefallenen Natur darin ein Ventil finden. Daher müssen wir alles, was aus der alten Natur kommt, richten. Sonst wird unser Gottesdienst nichtig und bedeutungslos in den Augen Gottes. Der Gottesdienst dessen allerdings, der im vollkommenen Gesetz der Freiheit bleibt, wird von Gott angenommen.

Die Zunge offenbart das Herz

Es gibt somit einen Weg, auf dem wir Gott verherrlichen oder aber Ihn verunehren können: nicht nur durch unsere Aktivitäten, sondern auch durch unsere Worte. Das erinnert uns an die Worte des Herrn, die wir in Matthäus 12,35–37 lesen: „Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz Gutes hervor, und der böse Mensch bringt aus dem bösen Schatz Böses hervor. Ich sage euch aber: Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden werden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts; denn aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verurteilt werden.“

Der Mund offenbart also normalerweise das Herz (vgl. Mt 12,34). Allerdings kann man gelegentlich durch Worte betrügen (vgl. Spr 23,7; 15,2.28; 17,28) und geistlicher erscheinen, als man wirklich ist. Dabei sollte man nicht übersehen, dass das reine Vortäuschen von Religiosität durch die Zunge früher oder später doch entblößt wird. Die ungezügelte Zunge wird zeigen, dass hinter ihr ein Herz steht, in dem die Begierden und das Böse nicht gerichtet worden sind. Wirkliche Religiosität, das heißt echte Gottseligkeit, wird sich nicht in Worten, sondern in Taten offenbaren. Daher sollten wir uns wie der Psalmist David in unserem Inneren und in Bezug auf unsere Zunge bewahren lassen (vgl. Ps 39,2).

Auf keinem anderen Gebiet sind die Menschen und sogar Christen in ihrem praktischen Leben weiter entfernt von den Gedanken Gottes als in der Verwendung und Freiheit ihrer Zunge. Die schönsten christlichen Werke haben keinen Wert, wenn die Zunge nicht gezügelt wird. Gott urteilt nicht nur nach den Werken unserer Hände, die gesehen werden, sondern auch nach den Worten, die jemand spricht. Ein Mensch mag den Eindruck erwecken, dass er Gott diene. Seine Rede aber gibt zu erkennen, welcher Art sein Gottesdienst in Wirklichkeit ist.

Die Verben stehen hier im Präsens und bezeichnen jemanden, der das, was er tut, regelmäßig tut bzw. nicht tut. Er zügelt nämlich seine Zunge nicht. Ob er andere ständig kritisiert, unrein und unehrerbietig spricht oder in anderer Weise seine Zunge nicht beherrscht, konkretisiert Jakobus hier nicht. Jedenfalls macht er durch seine Worte klar, dass die normale Anwendung des Wortes Gottes und die Bereitschaft, langsam zum Reden zu sein, die Tätigkeit der Zunge beschränken würden.

Nichtiger Gottesdienst

Abschließend noch ein Wort zu nichtigem Gottesdienst. „Nichtig“ heißt nicht, dass dieser Gottesdienst leer und ohne Inhalt wäre. Er ist in Gottes Augen einfach vergeblich geschehen, denn er erreicht nicht das eigentliche Ziel, für das die Religion vorgesehen ist. Das liegt daran, dass Gott die Verehrung eines Christen, der nicht nach seinem Wort lebt, nicht annehmen kann, denn er hat nicht die Kraft und Botschaft des Evangeliums auf seinen ganzen Menschen bezogen. Er zeigt durch seine Zunge, dass er dem Eigenwillen auch noch einen Platz einräumt. In der Septuaginta wird dieses Wort (nichtig) im Blick auf die heidnischen Götzen benutzt und den damit verbundenen Götzendienst (vgl. Jer 2,5; 10,3; 2. Chr 11,15; Jes 44,19; Hes 8,10).

Eine bekennende Christenheit, die sich auf die äußerlichen Ausdrücke des Glaubens beschränkt, wie Besuch der Messen bzw. des Abendmahls, Rosenkranzbeten, Kirchenmitgliedschaft, Teilnahme an Einrichtungen, ist für Gott nutz- und wertlos. Die äußerlichen Aspekte sind wichtig als Ausdruck des persönlichen Glaubens. Aber sie sind wertlos ohne das Werk des Geistes im Inneren. Eine lebendige Religion ist nämlich eine lebensverändernde Kraft. Diese Kraft wird im Leben der Gläubigen sichtbar und verherrlicht Gott.

Wort Gottes & Glaube (10): Auswirkung 5 – reiner und unbefleckter Gottesdienst (V. 27)

Mit dem 27. Vers wird der erste Teil des Briefes abgeschlossen. So, wie Vers 26 den Wert praktischen äußerlichen Gottesdienstes verneinte, wenn er mit einer ungezügelten Zunge verbunden ist, finden wir hier ein Beispiel, wie praktischer Gottesdienst wirklich aussehen sollte. Wir lernen, was es praktisch heißt, Gott zu dienen.

Wie leicht können wir übersehen, dass wahrer Gottesdienst sehr praktisch ist. Genau die hier vorgestellte Lebenspraxis sollte einen wahren Christen prägen. Er ist von einer Welt umringt, die durch Sünde und Leiden charakterisiert ist. Man kann die vielen Bedürfnisse, die Todes- und Trauerfälle sowie die vielen Nöte eigentlich gar nicht übersehen. Wie tragisch, wenn dies kein gnädiges Mitleid in uns erregt, um verwundete Herzen zu verbinden. „Wer ist mein Nächster?“, fragte ein Gesetzgelehrter den Herrn einmal (Lk 10,29), der nur sich und seine Bedürfnisse wahrnahm. So sollte es uns nicht ergehen.

Manchmal wird das erste Beispiel dieses Verses überbetont, als ob dieses ohne das zweite, wahren Gottesdienst ausmachen könnte. Das ist unmöglich. Dadurch, dass Gottesdienst hier (wie auch im Vers davor) ohne Artikel steht, wird übrigens deutlich, dass die hier genannten Punkte nicht eine umfassende Beschreibung dessen sind, was Gottesdienst ist. Jakobus zeigt nur einzelne Punkte auf. Er spricht aber von solchen, die wirklich wesentlich sind.

Gott, unser Vater

Für uns ist dieser Gottesdienst im Unterschied zu Abraham und den alttestamentlich Gläubigen mit Gott in seiner Offenbarung als Vater verbunden. Wir kennen nicht nur den Allmächtigen oder den Herrn als Herrn Israels. Das ist Er natürlich auch als moralischer Regent seines Volkes, das berufen war, seine Gebote zu halten. Wir kennen Gott auch in dieser Hinsicht, aber wir stehen Ihm viel näher. Wir sind Ihm nahegebracht worden durch den Herrn Jesus, der Gott, seinen Vater offenbart hat. (Joh 1,18).

Wir kennen Christus als den, der allein in Vollkommenheit die Beziehung zu Ihm, als Vater, genoss. Es ist die reichste Offenbarung seiner Liebe, die uns in die Lage versetzt, in seine Gedanken und Zuneigungen einzutreten. Diese Beziehung macht uns fähig, dem zu gehorchen, durch den wir gezeugt worden sind. Wenn wir hier von Gott lesen, stehen wir daher vor dem allmächtigen, souveränen Gott, dessen Wille Autorität bedeutet. Wenn vom Vater die Rede ist, denken wir nicht nur an einen unparteiischen Richter, sondern an einen liebenden Vater, der Interesse an seinen Kindern hat.

Aus einer solchen Beziehung wird gnädige und mitleidende (nicht herablassende) Liebe hervorgehen, was sogar in gewisser Hinsicht eine Widerspiegelung von Gottes eigenem Handeln ist. Auch der Herr aß mit den Armen und Kranken, die einen Arzt nötig hatten (vgl. Mt 9,10.12). Wenn jemand ein Essen machen wollte, sollte er solche einladen, die nicht in der Lage wären, diese Einladung zu erwidern (vgl. Lk 14,12–14). Solche Taten würden in der Auferstehung der Gerechten vergolten werden. So verspricht es unser Meister. Auch in unserem Vers geht es somit wieder um praktische Gerechtigkeit als Kennzeichen eines Lebens, das durch wahren Gottesdienst geprägt ist.

Wahre Religion

Jakobus besteht darauf, dass die Werke, die jemand als Gottesdienst vollbringen möchte, mit der inneren Seite des Evangeliums im Einklang stehen. Eine lebendige Religion muss durch das göttliche Leben geprägt sein. Sie muss einen reinen Charakter tragen und durch Glaubensenergie Taten hervorbringen. Solch ein Leben wird im Gehorsam dem Wort Gottes gegenüber geführt. Dann sind Motive und Taten rein und unbefleckt. Auch wenn die jüdischen Empfänger möglicherweise zunächst an Zeremonien gedacht haben, zeigt der Finger von Jakobus sehr deutlich auf die inneren Werte, auf biblische Moral.

„Rein“ meint das, was in sich frei ist von moralischer Verunreinigung und Verdorbenheit. Man kann das kaum umfassend positiv ausdrücken: Es geht um die Übereinstimmung mit Gott, der Licht ist. „Unbefleckt“ weist auf dasselbe hin, allerdings in negativer Weise. Ein solcher Gottesdienst ist nicht verschmutzt oder befleckt mit moralisch Bösem und daher auch nicht wertlos und unannehmbar für Gott. Jakobus ersetzt rituelle Reinheit, die damals und heute besonders betont wird, durch moralische Reinheit. Wir lernen daraus, dass Religion, die Gott, unser Vater, annehmen kann, in Harmonie mit seinem göttlichen Wesen sein muss.

Jakobus gibt mit „ist dieser“ keine Definition biblischer Religion. Er beschreibt den Gottesdienst nicht in umfassender Weise. Er stellt letztlich „nur“ zwei Elemente vor, die illustrieren sollen, dass man dann dem Wort Gottes gehorsam ist, wenn man diese beiden Aspekte des geistlichen Lebens verwirklicht. So äußert sich die verändernde Kraft des Evangeliums, durch das ein Mensch zum rettenden Glauben an Gott gekommen ist, sowohl in der sozialen als auch in der persönlichen Ethik des Glaubenslebens.

Jakobus betont zunächst, dass zu einem unbefleckten Gottesdienst gehört, Witwen und Waisen zu besuchen. Besuchen ist mehr, als nur einen freundlichen sozialen Anruf zu tätigen. Es geht darum, Kranke und Einsame zu besuchen, sei es als Arzt oder Freund (beispielsweise als Glaubensbruder oder -schwester). Man sorgt für solche und stillt ihre Bedürfnisse (Hiob 2,11; Jer 23,2; Hes 34,11; Sach 11,16; Mt 25,36.43). Wer dieses Wort erfüllt, trägt Sorge für die betreffenden Personen. Er pflegt mit ihnen aktiv den persönlichen Kontakt.

Wir sollen nach Waisen und Witwen sehen und ihre Lasten erleichtern. Das ist weit mehr, als nur Wohltätigkeit durch einen Stellvertreter üben zu lassen. Das Besuchen oder Schauen nach denen, die sich in notvollen Lebenssituationen befinden, gehört sogar zu den Maßstäben, nach denen zu Beginn des Tausendjährigen Reiches Gericht geübt werden wird (Mt 25,35–46).

Worte und Taten

Lasst uns bedenken: Worte sind kein Ersatz für Handeln und Taten der Liebe (vgl. Jak 2,14–18; 1. Joh 3,11–18). Gott will auch nicht, dass wir als Ersatz für unseren eigenen persönlichen Einsatz einfach Geld für den Dienst von anderen geben. Er sucht unser Herz, das sich durch tätige Hände offenbart. Vielleicht ist der moderne Leser ein wenig überrascht, ausgerechnet von diesem Beispiel der Waisen und Witwen zu lesen. Es ist aber sehr passend, denn Gott selbst ist der Helfer der Waisen und Witwen. Wer dasselbe tut, vollzieht also tatsächlich einen reinen und unbefleckten Gottesdienst.

Hintergrund dieses Verses mag auch sein, dass die zum Christentum bekehrten Juden aus der Armenfürsorge der Synagoge ausgeschlossen wurden. Das führte besonders für Witwen zu Notständen (vgl. Apg 6,1 ff.; vgl. Joh 9,22).

Wir sollen an die Menschen denken, die in Trübsal, Drangsal und Not sind, die unter Druck stehen, eine schwere Last zu tragen haben oder verfolgt werden. Es sind solche, die in ihren innigsten Lebensbeziehungen von dem Lohn der Sünde getroffen wurden und nun ihrer natürlichen Stützen beraubt sind. Es gibt viele Gelegenheiten, sich um solche zu kümmern, denn es gibt viele Witwen und Waisen.

Waise und Witwen repräsentieren die zwei bedürftigsten Klassen in der damaligen Gesellschaft. Weil beide Titel ohne Artikel stehen, geht es nicht um spezielle Personen, sondern letztlich um jeden, der bedürftig ist und einen solchen Charakter trägt. Die Verbindung der beiden Gruppen finden wir wiederholt im Alten Testament (vgl. 2. Mo 22,21; 5. Mo 10,18; Jes 1,17; Hes 22,7; Sach 7,10). Sie wurden oft materiell ausgenommen und hatten keinen Rückhalt in der Gesellschaft (vgl. Sach 7,10; Mk 12,40). Wenn wir uns dieser Gruppe annehmen, handeln wir wie Gott (vgl. 5. Mo 10,18; Ps 10,14.18; 34,19; 68,6; 146,9; Jes 66,2; Jer 49,11).

Den Waisen und Witwen gehört also Gottes besondere Liebe und Fürsorge, da sie am Rand der Gesellschaft stehen und von vielen vergessen und wenig beachtet werden. Wer sie in ihrer Bedrängnis besucht, offenbart das Wesen Gottes. Wie oft wird dieser Vers leider von solchen zitiert, die nicht an das Evangelium der Gnade und an das Kreuz Christi glauben, sondern gute Werke als den wahren Gottesdienst ansehen. Als ob man durch solche „guten Werke“ errettet werden und Gott wohlgefällig sein könnte! Das ganze Kapitel zeigt, wie falsch eine derartige Anwendung ist. Es geht tatsächlich um ein Leben der aufrichtigen Selbsthingabe und Absonderung. Aber damit kann man nicht das Evangelium der Gnade ersetzen. Dessen Annahme ist vielmehr die Voraussetzung für ein solches Handeln, wenn es Gott ehren soll.

Auch wenn Jakobus diesen Vers nicht als eine Ermahnung formuliert, stellt er eine dar. Wir müssen bekennen, wie oft wir in diesem Punkt versagen. Man liebt es nicht, zu denen zu gehen, die leiden, sondern möchte sich gerne mit Freunden treffen oder sich mit den Großen dieser Welt zusammentun, wie der nächste Abschnitt zeigt. Unser natürliches Herz ist nicht bereit, ohne Anerkennung, Macht und Belohnung tätig zu werden. So müssen wir durch die Liebe und das Vorbild Christi daran erinnert werden, diesen gesegneten Weg zu gehen, den der Herr von uns wünscht. Wenn wir ihn gehen, werden wir erkennen, dass Jesus diesen Weg zuvor beschritten hat. Dort finden wir Ihn. So wählte Er die arme Familie Bethlehems als seine Eltern aus und so begab Er sich zu den Trauernden in Bethanien.

Es geht Jakobus im Übrigen nicht ausdrücklich um Personen, die gläubig sind. Jedenfalls spricht er nicht speziell von Gläubigen. Das heißt nicht, dass er nicht besonders an Erlöste dachte. Wir bedenken, dass es schon eine ausfüllende Tätigkeit ist, sich um gläubige Witwen und Waisen sowie um erlöste arme Personen zu kümmern.

Von der Welt unbefleckt erhalten

Von den Witwen und Waisen kann der Gläubige nichts erwarten, was sein Fleisch nährt, oder was dem eigenen Ich dienlich sein könnte. Gerade deswegen soll er sich um diese Menschen kümmern. Es reicht aber nicht, diesen ersten Punkt zu betonen. Der Geist Gottes, der auch im zweiten Teil unseres Verses den Gottesdienst auf sehr praktische Weise beschreibt, spricht nun davon, dass zur wahren Religion ebenfalls gehört, sich von der Welt unbefleckt zu erhalten.

Dieser Punkt sorgt für die Ausgewogenheit im Blick auf die persönliche Reinheit. Wenn hier nur der erste Teil stünde, könnte man denken, wahres Christentum sei eine diakonische Sache. Das ist es nicht. Hätte Jakobus nur das erste Beispiel mit den Waisen und Witwen gebraucht, hätte sich auch leicht das Missverständnis eines sozialen Evangeliums einstellen können. Hätte der Schreiber allerdings nur den zweiten Punkt genannt, hätte das Missverständnis einer christlichen Weltflucht im Sinn des Mönchtums nahegelegen. Es geht beim Christen wirklich um beides: tätige Nächstenliebe und Gottesliebe, getrennt von dem System „Welt“. Der Christ tut nicht, was alle Welt tut, sondern er meidet die Sünde, in welcher Gestalt sie auch auftreten mag.

Es ist auch zu bedenken, dass Vers 27 nicht wahres Christentum als solches beschreibt, sondern echte, Gott wohlgefällige Religion. Diese gehört zwar zum christlichen Glauben. Dieser umfasst aber noch mehr.

Nachdem im ersten Teil des Verses eher die „positive“ Seite vor uns stand, nämlich das, was wir tun sollen, betont Jakobus in diesem zweiten Versteil die „negative“ Seite, was wir als Christen unmöglich tun können. Wir sollen uns der Verunreinigung dieser Welt des Bösen entziehen. Anstatt danach zu streben, uns selbst zu erhöhen und in einer Welt des Hochmuts und Strebens nach wertlosen Dingen fern von Gott Ansehen zu erlangen, wendet sich unsere Tätigkeit (wie bei Gott selbst) den Elenden zu.

Die Welt als System

Jakobus spricht nicht von der materiellen Welt, sondern von dem gegenwärtigen System, das sich von Gott entfernt hat und durch Satan regiert wird (Joh 14,30; 2. Kor 4,4). Diese Welt steht in Rebellion gegen Gott. Es geht also darum, Gott gehorsam zu sein in Wort und Tat.

Die Welt, in der wir leben, ist genauso verdorben wie ihr Fürst, der Feind Gottes. Sie ist durch seine Herrschaft verunreinigt und liegt im Bösen. Sie ist durch Sünde geprägt und hat den Retter verworfen: Das ist Gott, der in Gnade zu uns gekommen ist. Der Mensch hat Ihn, der voller Gnade zugunsten seiner Mitmenschen in dieser Welt lebte, von sich gestoßen und weggetrieben. Die Welt ist zudem der Ort, wo sich das Fleisch freut und seinen Spaß hat. Wie könnte das geistliche Leben hier Befriedigung finden?

Wir machen uns viel zu wenig klar, wie verdorben diese Welt ist. Wenn wir nicht wachsam sind, werden wir befleckt durch die Sünde dieser Welt, vielleicht ohne es zu merken. Dadurch entsteht Schaden für uns selbst. Daher sollten wir die Mahnung dieses Verses sehr ernst nehmen.

Wieder einmal reiht sich Jakobus in die Belehrungen auch der anderen neutestamentlichen Schreiber ein. Man beachte die Worte des Apostels Johannes (1. Joh 2,15–17). Es kann keine Gemeinschaft zwischen Gott und der Welt geben, wie es auch keine Verbindung zwischen der neuen Natur in uns und dem befleckten Bereich Satans gibt. Jakobus selbst greift dieses Thema in anderem Zusammenhang später noch einmal auf (Jak 4,4). An dieser Stelle erkennen wir ebenfalls eine Parallele zu Petrus (2. Pet 3,14).

Unbefleckt

Von diesem System „Welt“ sollen wir uns unbefleckt erhalten. Hier steht für „unbefleckt“ ein anderes Wort als zu Beginn des Verses. Zunächst geht es in diesem Vers um einen unbesudelten, sittlich und rituell reinen Gottesdienst. Jetzt geht es um ein Leben, das nicht durch die Sünde der Welt befleckt und beschmutzt wird. „Unbefleckt“ wird auch vom Herrn Jesus in 1. Pet 1,19 gesagt, der ohne jeden Flecken war.

Auch wenn die Bewahrung des Gläubigen in der Welt letztlich allein ein Werk Gottes ist (vgl. 1. Thes 5,23; 1. Pet 1,5; Jud 24), ist es charakteristisch für Jakobus, die Betonung auf unsere Verantwortung zu legen. Wir sind gewissermaßen mit zuständig, dass Gottes Bewahrung für uns Wirklichkeit wird. Dafür ist ständige Wachsamkeit auf unserer Seite nötig.

Dass unser Leben nach dieser letzten Ermahnung nicht nur durch Menschenfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft geprägt sein kann, sollte klar sein. Oft fehlt der Gehorsam gerade gegenüber diesem Teil der Belehrung, der so wichtig für ein geistliches Wohlergehen ist. Eine solche Ermahnung hören wir in diesem Ausmaß nicht im Alten Testament. Dafür musste der Herr Jesus in diese Welt kommen. Erst Er hat vollkommen gezeigt, was die Welt in ihrem wahren Charakter ist. Die undankbare Wegwendung von Gott, das Vergessen dessen, der ihnen nur Liebe gebracht hat, letztlich ihre moralische und geistliche Unzucht und das Kreuzigen des Herrn Jesus haben diesen Charakter der Welt vollkommen offenbart.

Die Welt hat Gott, der Mensch geworden ist, abgelehnt. Damit wurde offenbar, dass sie in der Finsternis zu Hause ist. Sowohl der religiöse als auch der philosophische und der politische Mensch dieser Welt haben Gott und seinen Christus mit allem verworfen, was mit seiner Person an moralischer Herrlichkeit verbunden ist. Ohne Grund haben sie Ihn gehasst, und zwar sowohl den Vater als auch den Sohn (Joh 15,24).

Das Kreuz

Manchmal mag uns die Welt lächelnd erscheinen. Aber der wahre Charakter dieser Welt ist unveränderlich. Der große und dauerhafte Beweis ist das Kreuz Christi. Als der Herr auf dieses Kreuz schaute, erklärte Er, dass die Seinen nicht von der Welt sind, wie Er nicht von ihr ist (vgl. Joh 17,14). Er sagte nicht, dass sie nicht von der Welt sein sollten, sondern dass sie es nicht sind.

Die Belehrung der Briefe stimmt damit überein, nachdem der Heilige Geist auf diese Erde gekommen ist. Nicht von ungefähr lesen wir, dass das Kommen des Geistes Gottes auf diese Erde im Anschluss an das Kreuz Christi offenbart, dass diese Welt unter dem Gerichtsurteil Gottes steht (Joh 16,8.11). Wenn Gott das so sieht, sollten auch wir dieses Urteil haben und uns entsprechend verhalten. Es gehört zu dem größten Versagen der Christenheit, dass sie mit dieser Welt gemeinsame Sache gemacht hat. Nein, wir sollen uns von der Welt unbefleckt erhalten. Das schneidet uns sehr tief ins Fleisch. Aber wir tun gut daran, diese Ermahnungen auf unser Leben zu schreiben.

Bruder F. B. Hole schreibt zu diesem Vers: „Die Welt ist ein sehr schmutziger Ort, wo allzu viele ihr eigenes Vergnügen lieben (s. 2. Pet 2,22). Der wahre Christ wälzt sich nicht im Kot. Das ist wohl wahr! Aber wenn er einen reinen Gottesdienst übt, geht er noch weiter. Er bewegt sich so deutlich abseits von Sumpf und Schlamm, dass auch Spritzer davon ihn nicht erreichen.“

Nur wenn wir unsere Trennung von der Welt auch praktisch durchhalten, können wir anderen dienen. Die Welt will den Gläubigen erst ausspähen und ihn nach und nach beschmutzen. Zuerst ist da die Freundschaft der Welt (Jak 4,4). Der Teufel möchte sie benutzen, um uns zur Liebe zur Welt zu führen (1. Joh 2,15–17). Wenn wir nicht vorsichtig sind, passen wir uns früher oder später dieser Welt an (Röm 12,1.2). Das Ergebnis ist, dass wir mit ihr gerichtet werden.

Gott sei Dank, wir werden nicht mit der Welt verurteilt (vgl. 1. Kor 11,31.32). Wir sollten nicht vergessen, dass Satan und die Welt einen aktiven Anknüpfungspunkt in uns haben: das Fleisch. Dadurch kommen die vielen Sünden der Welt auch so leicht in unserem Herzen auf (vgl. Mt 15,10.11.15–20).

Jakobus muss das ausdrücklich schreiben, weil Christen offenbar genauso leben können wie die Welt und daher aussehen können wie die geistlich Toten dieser Welt (vgl. Eph 5,14). Lot ist ein zu Herzen gehendes und trauriges Beispiel für diesen Grundsatz. Es ist für Christen nicht notwendig, sich mit der Welt einzulassen, um ihr, das heißt den ungläubigen Menschen, dienen zu können. Abraham passte sich der Welt im Unterschied zu Lot nicht an und konnte ihr daher zum Segen sein. In vollkommenem Maß trifft das auf unseren Herrn zu. Jesus war fleckenlos und doch ein Freund der Zöllner und Sünder, die sich zu Ihm bekehrten. Die beste Art, der Welt zu dienen, ist rein vom Schmutz der Welt zu bleiben. Das gibt moralische Autorität.

Zusammenfassung

Wir stehen in der Gefahr, nach einem Teil dieses Verses zu handeln und dabei den anderen Teil zu vergessen. Wir mögen vielleicht viele dieser guten Werke tun und doch Hand in Hand mit der Welt gehen. Oder wir leben in absoluter Absonderung von der Welt und versagen doch darin, praktisch gute Werke zu vollbringen. Echter und unbefleckter Gottesdienst verlangt Gehorsam beiden Ermahnungen gegenüber.

Wer ausgeht, um die Bedürfnisse der Menschen in dieser Welt zu stillen, muss besonders darauf achten, nicht vom Bösen verunreinigt zu werden. Wie vollkommen sehen wir diesen echten und unbefleckten Gottesdienst in Christus verwirklicht! Der Bibelausleger J. G. Bellett hat einmal gesagt: „Seine Heiligkeit machte Ihn zu einem vollkommenen Fremdling in dieser verschmutzten Welt. Aber seine Gnade führte dazu, dass Er immer für die bedürftige und bedrängte Welt tätig war, ... auch wenn Er durch das Ausmaß des Bösen um Ihn herum immer der Einsame blieb. Dennoch wurde Er durch die Nöte und Leiden der Menschen dazu getrieben, der Tätige zu sein.“

Fußnoten

  • 1 Das Wort für „Lichter“ in Philipper 2,15 ist ein anderes, allerdings ein von Licht (phos) abgeleiteter Begriff.
  • 2 „wiedergezeugt“ (1. Pet 1,23).
  • 3 Textkritik ist keine „Bibelkritik“. Bibelkritik greift die Echtheit der Bibel an vielen Stellen an und fragt, was in der Bibel überhaupt Gottes Wort und Original ist. Textkritik dagegen untersucht, welche der zur Verfügung stehenden Lesarten der einzelnen Verse aus den verschiedenen, vorhandenen Manuskripten die vermutlich ursprüngliche ist. Textkritik ist somit eine notwendige und wichtige Arbeit, um den möglichst ursprünglichen Grundtext zu finden.
  • 4 Der Herr Jesus sichert dabei allen zu, die ewiges Leben besitzen, weil sie an Ihn als Retter glauben, dass sie nicht ins Gericht kommen. Sie sind gerettet für die Ewigkeit (vgl. Joh 5,24).
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