Vorträge über die Stiftshütte

Vortrag 4: Die Teppiche aus gezwirntem Byssus – ihre Maße und weitere Aspekte

„Und alle, die weisen Herzens waren unter den Arbeitern des Werkes, machten die Wohnung aus zehn Teppichen; aus gezwirntem Byssus und blauem und rotem Purpur und Karmesin, mit Cherubim in Kunstweberarbeit machte er sie. Die Länge eines Teppichs war achtundzwanzig Ellen, und vier Ellen die Breite eines Teppichs: ein Maß für alle Teppiche. Und er fügte fünf Teppiche zusammen, einen an den anderen, und er fügte wieder fünf Teppiche zusammen, einen an den anderen. Und er machte Schleifen aus blauem Purpur an den Saum des einen Teppichs am Ende, bei der Zusammenfügung; so machte er es an dem Saum des äußersten Teppichs bei der anderen Zusammenfügung. Fünfzig Schleifen machte er an den einen Teppich, und fünfzig Schleifen machte er an das Ende des Teppichs, der bei der anderen Zusammenfügung war, die Schleifen eine der anderen gegenüber. Und er machte fünfzig Klammern aus Gold und fügte mit den Klammern die Teppiche zusammen, einen an den anderen, so dass die Wohnung ein Ganzes wurde“ (2. Mo 36,8–13).

Nachdem wir uns mit den Farben und Materialien der Teppiche beschäftigt haben, möchten wir jetzt versuchen, etwas über die Bedeutung ihrer Maße und Anordnung zu erfassen.

Die innerste Bedeckung der Stiftshütte bestand aus zehn Teppichen, die jeweils 4 Ellen breit und 28 Ellen lang waren. Diese zehn Teppiche wurden zu zwei Feldern bestehend aus je fünf zusammengefügt, die wiederum zu einer vollständigen Decke verbunden wurden. Die Art und Weise, wie die fünf Teppiche zusammengefügt wurden, wird zwar nicht ausdrücklich erwähnt (vermutlich wurden sie zusammengenäht), doch die Anweisungen für die Vereinigung der beiden Felder sind dafür sehr deutlich.: Fünfzig blaue Schleifen wurden am Rand der Teppiche angebracht, und fünfzig goldene Klammern (oder Schnallen) verwendet, um alle zu einem Ganzen zu vereinen.

Diese erste Decke der zehn Teppiche war die eigentliche Stiftshütte, bzw. wörtlich „Wohnung“ (vgl. 2. Mo 36,14 und viele weitere Stellen). Die anderen Decken scheinen in Beziehung zu dieser ersten Lage zu stehen und als deren Schutz zu dienen (vgl. 2. Mo 36,14.19, wo die Decke aus Ziegenhaar als „Zelt über der Wohnung“ und die beiden anderen einfach als „Decke“ bezeichnet werden). In dem Gebrauch dieser unterschiedlichen Wörter liegt zweifellos eine Bedeutung. Die unterste Decke bzw. Wohnung mit ihren vielfältigen Farben und den Cherubim aus Kunstweberarbeit war weitaus kunstvoller als alle anderen. Wie wir teilweise schon gesehen haben, spricht sie auf eine sehr umfassende Weise von unserem Herrn Jesus. So stellt Ihn diese erste Decke, die eigentliche Wohnung, in einer Weise dar, zu der die übrigen Decken in einem ergänzenden Verhältnis stehen. Wir werden das klarer sehen, wenn wir uns näher mit ihnen beschäftigen.

Das Wort für „Teppich“ lautet im Hebräischen Yerioth, und ist von einem Wort abgeleitet, das „zittern“ oder „schwingen“ bedeutet, wie es hängende Teppiche tun. Ein ähnliches Wort mit einer vergleichbaren primären Bedeutung ist das Wort für „Furcht“. Wie treffend beschreiben diese Gedanken den Herrn Jesus, wie Er hier auf der Erde lebte. Er war der Abhängige, der sich nicht auf seine eigene, Ihm innewohnende Kraft verließ, sondern der sich immer auf seinen Vater warf. Er war vollkommen gehorsam, weil Er vollkommen abhängig vom Willen Gottes war. Ja, Ihn kennzeichnete die wahrhaftige „Furcht“ des Herrn. Stets wurde Er durch das geringste Wehen des Geistes bewegt. Aus der Sicht des Menschen war Er durch völlige Schwachheit gekennzeichnet, weil Er keinen Willen außerhalb der vollkommenen Unterwerfung unter Gott besaß. Und genau dadurch offenbarte sich in Ihm das ganze Wesen Gottes: einerseits in Bezug auf die Sünde, die Welt und Satan, andererseits gab Er auf diese Weise Gottes Gedanken und Wege der Barmherzigkeit oder auch des Gerichts in Bezug auf den Menschen in vollem Umfang Ausdruck.

Das Wort „Teppich“ ist im Hebräischen feminin, und wenn es heißt, dass „einer an den anderen“ zusammengefügt werden sollte, steht dort wörtlich „eine Frau zu ihrer Schwester“ (2. Mo 26,3; 3. Mo 18,18). Auch dieses Detail steht in Einklang mit dem Platz der Niedrigkeit, Abhängigkeit und Unterwerfung, den unser Herr einnahm und beibehielt.

Kehren wir nun zu den Maßen der innersten Decke zurück, um ihre Bedeutung zu erfassen. Wenn es in Bauwerken eine Symmetrie geben soll, ist es unerlässlich, präzise Messungen vorzunehmen und dazu bedarf es einer Maßeinheit. In der Heiligen Schrift ist dieser Maßstab die Elle, Hebräisch „Ammah“, das von einem Wort abstammt, welches „Mutter“ bedeutet. Es war die Länge des „Mutterarms“, d.h. des Unterarms, dem vordersten und markantesten Teil des Arms. Er reicht vom Ellbogen bis zur Fingerspitze und wird bei allen Arbeiten eingesetzt. Es war also ein Maß, das vom Menschen und nicht von höherer Stelle stammte. Die Anforderungen Gottes sind völlig nachvollziehbar und gerecht und gehen nicht über das menschliche Fassungsvermögen hinaus. Trotzdem ist es so, dass nicht einer der gefallenen Söhne Adams diesem vollkommenen menschlichen Maßstab gerecht geworden ist: „Alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes“ (Röm 3,23). Und doch ist die Wonne Gottes bei den Menschenkindern (Spr 8,31) und die himmlische Stadt wird mit dem Maß eines Menschen vermessen (Off 21,17). Wenn Gott in irgendeinem Maß von seinen Geschöpfen erfasst werden soll, dann nicht in jener unaussprechlichen Herrlichkeit und Unendlichkeit, die keiner kennt außer dem Sohn, sondern in dem, der sich selbst erniedrigt hat und in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden wurde (Phil 2,7). Wie wunderbar! Gott offenbart sich im Fleisch, und wir sind dazu eingeladen, den Maßstab (der in unseren Händen liegt und der uns insofern verurteilt hat, als dass wir die Herrlichkeit Gottes nicht erreichen) auf Ihn anzuwenden, um zu sehen, wie vollkommen Er den Anforderungen Gottes entsprochen hat.

So werden wir bei der Maßeinheit der Teppiche an die Menschwerdung unseres Herrn erinnert. Er war und ist Gott, aber Er ist jenes ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde, sodass Johannes sagen konnte: „Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben“ (1. Joh 1,1)

Wird etwas gründlich vermessen, umfasst es jede Richtung und so sehen wir, dass die Teppiche sowohl der Lange als auch der Breite nach vermessen wurden.

Die „Länge“ steht für die Ausdehnung und wir können sie gut mit dem gesamten Lebenslauf verbinden. Tatsächlich wird das Wort in diesem Sinn in der Schrift verwendet, denn die Wendung „Länge der Tage“ (vgl. z.B. Ps 21,5) ist ein bekannter Ausdruck.

Das Wort für „Breite“ geht seiner Wurzel nach auf die Bedeutung „geräumig“ oder „weitläufig“ zurück. Es wird durchweg dann verwendet, wenn von den Maßen der Stiftshütte und des Tempels gesprochen wird. Was den Tempel betrifft, gilt das sowohl für den zur Zeit Salomos als auch den zukünftigen Bau, den Hesekiel beschreibt. Wir sind aber auch mit der sinnbildlichen Verwendung dieses Wortes vertraut. So hatte Salomo eine große Weite (wörtlich „Breite“) des Herzens (1. Kön 5,9): „Und ich werde wandeln in weitem Raum; denn nach deinen Vorschriften habe ich getrachtet“ (vgl. auch Ps 119, 45, Jes 60,5, Ps 81,10, Ps 119,32).

Im negativen Sinne wird das Wort für Stolz verwendet: „Wer stolzer Augen und hochmütigen („breiten“) Herzens ist“ (Ps 101,5; Spr 21,4; 28,25).

Die „Breite“ deutet also auf den Charakter des Lebens und die damit verbundenen Umstände hin. Angewendet auf den Herrn, würde die „Länge“ den vollständigen Lebenslauf und die „Breite“ den Charakter und die Lebensumstände andeuten, in denen es sich entfaltete.

Was waren nun die Maße dieser Teppiche? Sie waren vier Ellen breit und achtundzwanzig Ellen lang. Vier ist die Zahl der Erde. Die Schrift spricht von den „vier Ecken der Erde“ (Jes 11,12). Das vierte Buch der Bibel, 4. Mose, spricht von der Wüstenreise und der Erprobung des Volkes Gottes. Wir haben gesehen, wie die vier Evangelien unseren Herrn als den vollkommenen Menschen darstellen, wie Er in jeder Hinsicht erprobt wurde. Darauf ist an anderer Stelle ausführlich eingegangen worden1 und deshalb genügt es an dieser Stelle zu sagen, dass vier die Zahl ist, die von der Erde, der Schöpfung, der Erprobung und von Schwachheit spricht. Wenn das Geschöpf geprüft wird, offenbart es Schwäche und allzu oft Versagen. Wenden wir nun die Bedeutung dieser Zahl auf unseren Herrn an, um zu sehen, inwiefern sie zu seinem Leben passt, und worin nicht.

Zunächst einmal ist es die Zahl der Erde, der Schöpfung. Wie wir bereits gesehen haben weist sie auf die menschliche Natur unseres Herrn hin und nicht auf seine Gottheit. Sie spricht von Ihm, wie Er auf der Erde wandelte – was wir mit der Breite des Teppichs verbinden dürfen.

Die Zahl vier spricht jedoch auch von Schwachheit – und wie deutlich sehen wir sie bei unserem Herrn! Wer hätte gedacht, dass der Sohn Gottes in der Weise als Mensch auf die Erde kommen würde, wie Er es getan hat? Was finden wir auf der Suche nach dem „Sohn des Höchsten“ (Lk 1,32), den die Engel loben? Das schwächste aller Wesen: „ein Kind, ..., in Windeln gewickelt“ (Lk 2,12) – was für ein Zeichen der Hilflosigkeit ist es für den, der sich in Licht hüllt wie in ein Gewand (Ps 104,2). Nun liegt er in Gesellschaft von Tieren „in einer Krippe“! O Herr der Herrlichkeit, lass das ganze Universum in Anbetung vor dir niederfallen, der du dich so erniedrigt hast!

Wenn wir den Herrn durch sein ganzes Leben begleiten, finden wir die Kennzeichen dieser Schwachheit (diese Zahl der Erde) immer wieder. „Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege“ (Mt 8,20). Wir lesen nie, dass Er ein Wunder tat um sich selbst zu helfen – Er, der vollkommen Abhängige, verwandte sich und seine Macht freiwillig und überreich für andere. Er sättigt 5.000 Männer mit ein paar Broten, verwandelt jedoch nicht einen einzigen Stein für sich selbst in Brot.

Darüber hinaus redet die Zahl vier auch von Versuchung, Erprobung und Prüfung. Die Erde ist der Ort, an dem der Mensch erprobt wird und welch eine Schwachheit, welch ein Versagen kommt zum Vorschein. Niemand ist je so vollständig geprüft worden wie unser geliebter Herr. Das gilt nicht nur für die vierzig Tage und den besonderen Versuchungen Satans, die diese Zeit abschlossen. Er ertrug sein ganzes Leben lang den „Widerspruch von den Sündern gegen sich“ (Heb 12,3). So spricht dieses Maß von vier Ellen Breite vom Menschen, der schwach ist, versucht und geprüft wird – ja, es spricht von Ihm, der „Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten“ und „der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde“ (Heb 4,15).

Die Länge dieser Teppiche betrug achtundzwanzig Ellen. Teilen wir diese Zahl in zwei Faktoren auf, erhalten wir 4 x 7. Wie wir gerade gesehen haben ist Vier die Zahl der Erde und Schwachheit. Sieben ist die vielleicht bekannteste Zahl überhaupt. Sie spricht von Vollständigkeit und Vollkommenheit. So besteht beispielsweise eine vollständige Woche aus sieben Tagen. Weitere Bespiele dafür sind die sieben fetten und mageren Kühe aus dem Traum des Pharao (1. Mo 41,1–8) und die verschiedenen Siebenerreihen im Buch der Offenbarung. Sieben mal vier legt den Gedanken nahe, dass Prüfung, Erprobung und Schwachheit in unserem Herrn nur der Anlass für die Offenbarung seiner Vollkommenheit waren.

Beachten wir, dass die Sieben nicht zu der Vier addiert wird, als sei sie etwas davon Getrenntes, Eigenständiges. Nein, sie wurde mit der Zahl Vier multipliziert. Schwachheit und Abhängigkeit stellten vollkommen dar, was Er war. Er war nicht nur trotz der Versuchung vollkommen, sondern vollkommen in der Versuchung. Sieh, wie Satan versuchte, Ihn von dem Platz der Abhängigkeit weg zu bewegen, indem er Ihn drängte, aus Steinen Brot zu machen. In solchen Umständen ein Wunder zu vollbringen, hätte bedeuten können, die Sieben zu der Vier zu addieren. Dadurch wäre jedenfalls seine Macht zum Ausdruck gekommen. Stattdessen sehen wir Vollkommenheit in Schwachheit und Abhängigkeit. Er hätte ebenso seine übernatürliche Kraft zeigen können, indem Er sich von der Spitze des Tempels gestürzt hätte, doch zeigte sich die Vollkommenheit des Gehorsams darin, dass Er es ablehnte, den Herrn, seinen Gott, zu versuchen. Als Er sich weigerte, sich vor Satan zu beugen, der Ihm doch alle Reiche dieser Welt und ihre Herrlichkeit angeboten hatte, könnten wir erwarten, dass Er diesen Feind Gottes und des Menschen dazu zwang, Ihn als Schöpfer und Herrn anzuerkennen, denn das war Er. Stattdessen sehen wir, wie sich die Vollkommenheit weiter in Niedrigkeit äußert, denn Er wird selbst anbeten, und darin die Huldigung der ganzen Schöpfung anführen: „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen“ (Mt 4,10).

Wo immer wir unseren Herrn in seinem Leben auf der Erde auch betrachten, begegnen wir diesem Kennzeichen. Ermüdet von der Reise setzt Er sich an der Quelle Sichars nieder und bittet die Frau, die dorthin gekommen war, um zu schöpfen, um etwas zu trinken (Joh 4). Hier haben wir die Zahl vier – Schwachheit und Abhängigkeit. In dem herzerforschenden Gespräch zeigt Er ihr jedoch all ihre Sünden und stellt sich selbst als der Christus vor. Wir sehen die Sieben (d.h. Vollkommenheit) in Verbindung mit dem niedrigen Platz, den Er eingenommen hatte. Es ist auffallend, wie unser Herr durch das gesamte Johannesevangelium hindurch auf seine Unterwerfung unter den Vater Nachdruck legt, dem Evangelium, das uns wie kein anderes seine Vollkommenheit vorstellt.

Ein anderes Mal sehen wir Ihn im hinteren Teil des Schiffes schlafen, während die Jünger über den See fahren (Mt 8,24–26). Als Er von seinen geängstigten Jüngern geweckt wird, steht Er jedoch auf, nimmt ihre Ängste und bringt den Sturm zum Schweigen – um ihretwillen, denn Er selbst konnte in der Fürsorge seines Vaters ruhen und schlafen, während der Sturm tobte. In den Evangelien wird er durchweg so gesehen: abhängig, gehorsam, versucht – doch in allem vollkommen.

Die beständige Abhängigkeit im Gebet veranschaulicht dieselbe Tatsache. Was könnte schöner sein, als zu sehen, wie unser Herr in jeder Lebenslage sein Herz dem Vater ausschüttet? Sein ringender Kampf in Gethsemane (und wenn wir darüber etwas sagen, möchten wir es vorsichtig tun) zeigt eine Vollkommenheit, die vollkommen menschlich ist, die aber niemand sonst je besessen hat. In 2. Kor 13,4 heißt es, dass Er „in Schwachheit gekreuzigt“ wurde – welche Vollkommenheit sehen wir so in jedem Teil dieses furchtbaren Leidens! In der Tat ist der Teppich achtundzwanzig Ellen lang: Die ganze „Länge“ seines Lebens offenbarte absolute Vollkommenheit in völliger Abhängigkeit.

Die Teppiche wurden in zwei Feldern zu jeweils fünf zusammengefasst – insgesamt waren es also zehn. Die Zahl fünf steht für die Fähigkeit des Menschen. So haben wir vier Finger und den Daumen an einer Hand, was für beide Hände insgesamt zehn ergibt. Die Zehn erinnert uns an die zehn Gebote, das Maß der vollen Verantwortung des Menschen. Die zehn Gebote waren auf zwei Tafeln niedergeschrieben und zeigten die Verantwortung des Menschen gegenüber Gott und Menschen2. Die beiden Teppichfelder versinnbildlichen diese zweifache Verantwortlichkeit, welcher unser Herr entsprochen hat. Sieh auf seine Beziehung zu Gott: Mangelte es hier zu irgendeinem Zeitpunkt an etwas? Das Zeugnis unseres Herrn darüber lautet, dass Er allezeit das Ihm Wohlgefällige tat (Joh 8,29), das Zeugnis des Vaters erging aus der prachtvollen Herrlichkeit mit den Worten „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 3,17) und schließlich haben wir das des Heiligen Geistes, der Ihn salbte und auf Ihm blieb.

Wir können jedes der ersten vier Gebote auf Ihn anwenden, und trotz unseres unvollkommenen Verständnisses kommen wir nicht umhin, hier die vier und die achtundzwanzig Ellen zu sehen:

  • „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ (2. Mo 20,3). Wie wunderbar hat dies jede Handlung des erniedrigten Menschen gezeigt. Gottes Vorstellung in Bezug auf dieses Gebot entfaltete sich in Ihm, stets war es Gott, der seine Gedanken erfüllte.
  • So gab es nie die geringste Hinwendung zu dem im zweiten Gebot verbotenen Götzendienst, der in irgendeiner Ausprägung von jedem Menschen praktiziert worden ist. Habsucht ist Götzendienst (Kol 3,5). Hier war einer, der in der ganzen Kraft seiner heiligen Seele sagen konnte: „Die Mess-Schnüre sind mir gefallen in lieblichen Örtern; ja, ein schönes Erbteil ist mir geworden“ (Ps 16,6). Und es war in diesem Zusammenhang, dass er die Worte sprach: „Zahlreich werden die Schmerzen derer sein, die einem anderen nacheilen; Ihre Trankopfer von Blut werde ich nicht spenden und ihre Namen nicht auf meine Lippen nehmen“ (Ps 16,4). Wie sehr stand das alles im Gegensatz zu Israel, dem geboten worden war: „Und den Namen anderer Götter sollt ihr nicht erwähnen, er soll in deinem Mund nicht gehört werden.“ (2. Mo 23,13). Wer würde auch nur einen Augenblick daran denken, den Namen unseres Herrn Jesus mit dem geringsten Akt der Untreue zu seinem Gott und Vater in Verbindung zu bringen?
  • „Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes, nicht zu Eitlem aussprechen“ (2. Mo 20,7). Ach, eins der bösen Dinge, die aus dem menschlichen Herzen hervorkommen, ist Gotteslästerung. Der Name des Vaters war immer auf den Lippen unseres Herrn, jedoch nie in leichtfertiger Weise. Er lehrte und praktizierte in absoluter Vollkommenheit die Bitte „Geheiligt werde dein Name“ (Lk 11,2). Das gleiche gilt für das Bezahlen von Gelübden: Niemand hatte je seine Verpflichtungen und Versprechungen Gott gegenüber erfüllt. Deshalb warnte unser Herr sie davor, Eide auf sich zu nehmen, die sie nicht erfüllen konnten (Mt 5,33–37). Er aber konnte sagen: „Auf mir, o Gott, sind deine Gelübde“ (Ps 56,13); „Ich will dem Herrn meine Gelübde bezahlen, ja, in der Gegenwart seines ganzen Volkes“ (Ps 116,14). Und was für Gelübde waren das! Gott im Hinblick auf Sünde zu verherrlichen, das Verlorene zu suchen und zu erretten (Lk 19,10), die ewigen Grundlagen der Erlösung tief, sicher und breit zu legen, viele zur Herrlichkeit zu bringen (Heb 2,10). Wenn wir über den Preis der Erfüllung dieser Gelübde nachdenken, führt uns das zur Anbetung dessen, der nie ein übereiltes Gelübde ablegte, noch eine einzige Verpflichtung brach, die Er seinem Gott und Vater gegenüber einging.
  • „Gedenke des Sabbattages, ihn zu heiligen“ (2. Mo 20,8). Die Pharisäer beschuldigten ihn wiederholt, den Sabbat gebrochen zu haben, weil er an diesem Tag Kranke heilte. Er überführte sie nicht nur der Heuchelei, schließlich würden sie am Sabbat einen Ochsen aus einem Brunnen ziehen, sondern zeigte auch, worin die wahre Ruhe Gottes besteht – die Menschen von den Folgen der Sünde zu befreien. Diese so genannten Sabbatverstöße waren moralisch die schönste und vollkommenste Einhaltung des Gebots.

Egal welches Gebot der ersten Gesetzestafel wir nehmen – je mehr wir ins Detail gehen, desto klarer entfaltet sich seine absolute Vollkommenheit als Mensch. Indem Er Gott in jeder Beziehung verherrlichte, atmete Sein Herz stets: „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust“ (Ps 40,8). Hier, in dem Allerheiligsten des Herzens und Lebens Christi, gab es tatsächlich eine passende Wohnung für die Herrlichkeit Gottes.

In den Anweisungen wird uns mitgeteilt, dass der Vorhang unter die Klammern aufgehängt wurde, die die beiden Teppichfelder vereinigte (2. Mo 26,33). Dementsprechend bedeckte ein Feld aus fünf Teppichen das Allerheiligste (wobei wahrscheinlich ein Teil davon an der Rückseite der Stiftshütte überhing) und das andere das Heilige. Es ist nicht abwegig anzunehmen, dass der Teil, der das Allerheiligste bedeckte, die Vollkommenheit unseres Herrn in aller Verantwortlichkeit gegenüber Gott versinnbildlicht und der Teil, welcher das Heilige bedeckte auf die Verantwortlichkeit gegenüber Menschen hinweist. Wir wollen nun auch etwas bei diesem letzten Teil stehenbleiben.

Die Grundlage jeder rechten menschlichen Beziehung ist der Gehorsam gegenüber dem ersten Gebot der zweiten Tafel: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ (2. Mo 20,12). Deshalb sehen wir bei unserem Herrn, wie er diese Unterwürfigkeit vollkommen verwirklichte: „Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth, und er war ihnen untertan“ (Lk 2,51). Wie viel ist in diesen einfachen Worten enthalten und wie vollkommen war Er in dieser grundlegenden Verantwortung. Es ist nicht verwunderlich, dass als er an Gestalt zunahm, er auch „an Gunst bei Gott und Menschen“ zunahm. Das bedeutet, dass sein ganzes Wachstum gut war und sich keine enttäuschenden Charakterzüge offenbarten – denn es gab keine: Alles war sowohl Gott als auch den Menschen wohlgefällig.

Wenn wir so jedes dieser Gebote der zweiten Gesetzestafel ansehen, stellen wir fest, dass unser Herr nicht nur die geforderte Gerechtigkeit in seinem Leben erfüllte, sondern darüber hinaus ging. Voller Begierde streckt sich der Mensch nach dem aus, was ihm nicht gehört und reißt es an sich, wobei er selbst vor Diebstahl nicht zurückschreckt. Im Gegensatz dazu steht unser Herr, von dem wir in Psalm 69,5 lesen „Was ich nicht geraubt habe, muss ich dann erstatten“. Er, der fleckenlose und reine, brachte armen Kindern der Sünde und Schande sowohl Frieden als auch Vergebung. Mochten die Menschen auch falsches Zeugnis ablegen, verkündigte er doch die ernste Wahrheit, egal wie schwer es war, und legte ein treues Zeugnis von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes ab. Als Schöpfer und Besitzer aller Dinge, hatte er nicht, wohin er sein Haupt legen konnte, und murrte dennoch nie.

Wir könnten davor zurückschrecken, diese Verbote auf ihn anzuwenden, als ob es nötig gewesen wäre, ihm Einhalt zu gebieten. Was im Menschen unterdrückt werden muss, existierte in Ihm nicht. Stattdessen bestand das Gesetz im Inneren seines Herzens. Deshalb war das Gesetz (innerhalb seiner Grenzen) ein Abbild seines vollkommenen Charakters – nicht nur in seinen äußeren Forderungen, sondern auch in seiner inneren und tiefgeistlichen Anwendung.

Aber Er ging über die reine Erfüllung der zweiten Gesetzestafel hinaus. Es heißt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, aber Er liebte seine Feinde bis zur Hingabe seines Lebens. Er war in der Tat der Nächste der Bedürftigen der ganzen Welt – ein „Freund von ... Sündern“ (Lk 7,34). So zeigte jede Verantwortlichkeit gegenüber Gott und Menschen, der Er entsprach, seine Vollkommenheit. Wenn wir uns daran erinnern, dass das Gesetz, das durch Ihn geehrt und geziert wurde, dazu dient, das Beste der Menschheit von Sünde zu überführen, ist seine sündlose Vollkommenheit nur umso offensichtlicher. Das, was „die Kraft der Sünde“ (1. Kor 15,56) in uns ist, war der Beweis der Gerechtigkeit in Ihm. Rufen wir uns einmal mehr ins Gedächtnis, dass diese ganze Vollkommenheit menschlich war: Es war ein Vielfaches von vier. Schwachheit, Abhängigkeit und Unterwürfigkeit bildeten den Hintergrund, auf dem sich alle Schönheiten seiner unvergleichlichen Wesensart zur Geltung kamen.

Die zehn Teppiche hatten ein „Maß“. Dieses Wort bedeutet ausdehnen, strecken und damit die Anwendung als Standard. Es ist ein treffendes Bild von dem Leben des Herrn, denn jeder Teil desselben entsprach einem unveränderlichen Standard. Nichts war unverhältnismäßig. In jeder Handlung und in Verbindung mit jeglicher Person entfaltete sich die gleiche Vollkommenheit in Schwachheit.

Sehen wir uns jedes einzelne der zehn Gebote an, könnten wir nicht behaupten, dass eins vollständiger gehalten wurde als das andere. Es ist diese Unausgeglichenheit des Charakters, die die Untauglichkeit des Menschen vor Gott und die Notwendigkeit einer neuen Geburt zeigt. Auch wenn es so aussieht, als ob jemand das ein oder andere der Gebote hielte, kommt er doch der Herrlichkeit Gottes in allen zu kurz: „Denn wer irgend das ganze Gesetz hält, aber in einem strauchelt, ist aller Gebote schuldig geworden“ (Jak 2,10). Wir müssen uns also sowohl was die Errettung als auch die Heiligung betrifft, ganz von uns selbst abwenden. Christus ist die einzige Hilfsquelle. Hier finden wir das eine Maß für jede Tat. Gottes Herrlichkeit war der Test, und diese Herrlichkeit zeigte sich überall in Vollkommenheit. Er war in dem Verurteilen der Sünde und der Heuchelei nicht vollkommener als im Vergeben und Heilen sündenkranker Seelen. Gnade verdunkelte nicht Gerechtigkeit noch Gerechtigkeit Gnade. Geduld war immer mit Unverzüglichkeit verbunden, Festigkeit mit Milde.

Ja, er erschließt uns jede Gnade,
Die Gott als Mensch hier zeigen konnt',
Ein göttlich Leben ward gesehen
In Ihm, in Dem die Fülle wohnt

Das führt uns schließlich dazu, die Art und Weise zu betrachten, in der diese beiden Teppichfelder miteinander verbunden wurden. Das Wort für Zusammenfügung ist aufschlussreich. Es stammt von derselben Wurzel wie „Hebron“, was Freundschaft oder auch Gemeinschaft bedeutet. Auch das weist uns auf die völlige Einheit des Wesens unseres Herrn hin. Das Verlangen des Psalmisten „einige mein Herz zur Furcht deines Namens“ (Ps 86,11) fand in Ihm vollkommene Verwirklichung. Wie wir bereits gesehen haben ist das Wort für „Teppiche“ eng mit dem Wort „fürchten“ verbunden, sodass wir hier diese Einigkeit in der Furcht Gottes sehen, wie sie unser Herr vorgelebt hat.

Es ist auch erwähnenswert, dass die Teppiche an ihren Seiten und nicht an den Enden zusammengefügt wurden. So waren sie parallel zueinander und dehnten sich in die Breite aus. Bezogen auf den Herrn zeigt dies, dass es keine aufeinander folgenden zeitlichen Abschnitte gab, in denen sein Leben in neue oder bisher unbekannte Anforderungen des Willens Gottes eintrat. Der Weg öffnete sich vor ihm, er machte neue Erfahrungen in dieser Welt der Wüste, doch fand sich bei ihm stets die volle Verantwortung vollkommener Liebe Gott und den Menschen gegenüber vom Anfang bis zum Ende. Vielleicht können wir es so sagen: Sein ganzes Leben hindurch wandelte Er in Übereinstimmung mit allen zehn Geboten.

Die Schrift schweigt in Bezug auf die Frage, wie die einzelnen Teppiche miteinander verbunden wurden. Möglicherweise wurden sie zusammengenäht, aber es wird uns nicht mitgeteilt. Worauf jedoch unsere Aufmerksamkeit gelenkt wird ist die Art und Weise, wie die beiden Teppichfelder miteinander verbunden wurden. Zweifellos wird die darin unterstrichene Belehrung bereits zu einem guten Teil in dem enthalten sein, was wir in den übrigen Stücken vor uns hatten.

Liegt nicht ein Grund für diese Anordnung darin, dass der Mensch so leicht zwischen seiner Verantwortung Gott und den Menschen gegenüber trennt? Wir sehen das in allen natürlichen Religionen. Gott ist aus dem Bereich des täglichen Lebens ausgeschlossen. Die Pflichten gegenüber dem Nächsten, die Verantwortung im Haus und Geschäft sind Dinge, um die wir uns selbst kümmern müssen. Weder der Wille noch die Hilfe Gottes werden hier miteinbezogen, einmal abgesehen von Ansprüchen allgemeiner Art wie Ehrlichkeit, Moral und Selbstlosigkeit.

Die Antwort des Herrn gegenüber dem Gesetzgelehrten (Lk 10,25ff.) legt diesen Gedanken im Herzen des Menschen offen. Zu Recht hatte der Gesetzgelehrte geantwortet, dass das Gesetz vollkommene Liebe zu Gott und zu dem Nächsten fordert. Wie schade, dass er trotz dieser Erkenntnis noch immer dachte, das ewige Leben durch das ererben zu können, was er noch nie getan hatte und auch nie tun könnte, denn durch Gesetz kommt zwar Erkenntnis der Sünde (vgl. Röm 3,20), nicht aber die Kraft es zu halten. Anstatt seine Sünde einzuräumen und sich selbst auf die Gnade Gottes zu werfen, heißt es: „Da er aber sich selbst rechtfertigen wollte, sprach er zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?“. Merkst du, wie er jede Bezugnahme auf Gott, und damit der ersten Gesetzestafel, übergeht? Gott ist so weit weg, unsichtbar und unbekannt, kann es da nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden, dass er ihn liebt und ihm dient? Wenn er seine Nächsten jetzt noch auf ein paar sympathische Freunde beschränkte gegenüber denen er seine mitmenschlichen Pflichten erfüllte, durfte er dann nicht die berechtigte Hoffnung haben sich das ewige Leben zu verdienen? Nach Ansicht des Gesetzgelehrten gab es also offensichtlich kaum eine Verbindung zwischen den beiden Teppichfeldern.

Im Allgemeinen ist diese Haltung unter den Menschen nur zu verbreitet. Wenn ein Mensch seine Mitmenschen liebt, dann liebt er auch Gott. Das wird als das wahre Evangelium angesehen und diese „goldene Regel“ wird bereitwillig als eine Regel akzeptiert, die man umsetzen kann – so wird Gott seines Anspruchs auf seine Geschöpfe beraubt. Stattdessen heißt es in der Schrift: „Dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe“ (1. Joh 4,21). Das kehrt das Denken des Menschen ins Gegenteil und gibt Gott seinen rechtmäßigen Platz der Oberhoheit und Herrschaft, bzw. erkennt an, dass Ihm dieser Platz zukommt.

Bei unserem Herrn gab es im Gegensatz dazu eine derartige Trennung der Verantwortlichkeiten nicht. Ebensowenig verlor er auch nur für einen Moment aus dem Auge, dass er vom Himmel herabgekommen war, nicht um seinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der ihn gesandt hatte (vgl. Joh 6,38). Wir werden dies an der Art und Weise sehen, wie die beiden Teppichfelder miteinander verbunden wurden.

„Looloth“ (Schleifen) leitet sich dem Wortstamm nach von „rollen“ ab. Über die Funktion und den Sinn dieser Schleifen müssen wir nicht lange nachdenken. Möglicherweise deutet das Wort auf die runde Form einer Öse hin, in die der Haken gehängt wurde, ohne dabei in den Stoff der Teppiche selbst einzudringen. Letztere blieben unversehrt, und jeder einzelne war vollkommen. Die „Schleife“, die zusätzlich an ihnen befestigt war, bildete eine Ergänzung in dem Sinne, dass das Mittel zur Vereinigung des einen Teppichfelds mit dem anderen das Muster der Teppiche nicht unterbrach.

Wie sehr erinnert uns dies an unseren Herrn! Seine Liebe zu den Menschen war so allumfassend, als ob sein ganzes Leben damit ausgefüllt wäre, sodass sogar der Unglaube gezwungen war, die Schönheit seines menschlichen Charakters anzuerkennen. So war es und verglichen mit den Menschen ist er der ideale Mensch – und ist doch so viel mehr als das! In gleicher Weise war seine Liebe zu Gott ebenso absolut, als ob es keinen Menschen gäbe. Er ragt als der zweite Mensch hervor, für den Gott alles war. Am „Saum“ des äußersten Teppichs eines Felds waren die blauen Schleifen angebracht, um uns an die Absicht Gottes zu erinnern, dass es eine göttlich gebildete Verbindung zwischen der Verantwortung gegenüber Ihm und gegenüber seiner Schöpfung, dem Menschen, gibt. Wir können uns unseren Herrn nicht so vorstellen, dass er an den Menschen denkt und Gott darüber vergisst, noch umgekehrt. Er war weder ein Einsiedler noch ein bloßer Philantrop (Menschenfreund).

Wie wir gesehen haben waren die Schleifen blau – die Farbe des Himmels. So kennzeichnete die Tatsache, dass Er vom Himmel war, im Himmel lebte und zum Himmel zurückkehren würde sein ganzes Leben des Gehorsams. Das Zeichen des Himmels war auf allem. Auf dem, was von seiner vollkommenen Liebe und seinem Gehorsam gegenüber Gott sprach, waren die blauen Schleifen, um zu zeigen, dass diese Liebe und dieser Gehorsam mit einem Leben auf der Erde vereint werden sollten, in dem sich die Verantwortlichkeiten dieses Lebens mit seinem Dienst für Gott verschmelzen würden. So zeigen die blauen Schleifen des zweiten Teppichfelds, dass alles eins war mit seiner Hingabe an Gott.

Kein Leben war jemals so vollkommen Gott geweiht wie das seine: Herz, Seele, Geist und Kraft – alles stellte er stets in den Dienst für Gott. Doch diese Hingabe machte ihn nicht zu einem Einsiedler. Es verbietet sich jeder Gedankenanflug in Richtung eines egoistischen Mönchtums, mit dem die menschliche Selbstgerechtigkeit den Namen des Christentums verbunden hat. Er liebte seinen Vater vollkommen, was gleichzeitig der Beweis seiner vollkommenen Liebe zu den Menschen war. Keine Hand und kein Herz waren so mit Liebe und Arbeit für den Menschen ausgefüllt wie die seinen, aber es war nichts Sentimentales oder bloß Wohltätiges daran. Über allem lagen die blauen Schleifen, die alles mit dem Willen seines Vaters verbanden. Er wirkte viele Wunder: Blinde erhielten ihr Augenlicht, Aussätzige wurden gereinigt, Lahme gingen umher, Tote wurden auferweckt (Mt 11,5), aber wir dürfen in Bezug auf diese Werke der Liebe und Kraft gegenüber den Menschen nicht denken, dass sie sich darin erschöpften. Er offenbarte die Werke, die der Vater ihm zu tun gab: „Ich muss die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat“; „Der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke“ (Joh 9,4; Joh 14,10).

Hier sehen wir den wahren „Nächsten“, dessen Liebe zu den Menschen immer im Gehorsam zur Liebe seinem gegenüber Gott stand. Dieser Gedanke wird noch verstärkt durch die Anzahl der Schleifen sowie die Klammern aus Gold, welche beide Felder miteinander verbanden. Es waren jeweils fünfzig, d.h. 5 x 5 x 2, was wir mit einer vollen, ja, verstärkten Verantwortlichkeit verbinden möchten, wenn wir an die Multiplikation der beiden Fünfen denken. Das Ganze mal zwei, als ob wieder die beiden Seiten, die menschliche und die göttliche, hervorgehoben werden sollten – und damit ein vollkommenes Zeugnis der Erfüllung aller Forderungen durch Ihn. Oder sind darin eher die Faktoren 10 x 5 zu sehen? Nun, auch dann bleibt der Gedanke bestehen, denn die Faktoren sind gleich. In seiner Hingabe an Gott atmete die Liebe zu den Menschen, die den stets kennzeichnete, dessen „Wonne bei den Menschenkindern“ lag. So stand kein Gehorsam zu einem Gebot für sich allein, sondern war mit allen anderen verbunden. Es war ein Gewand ohne Naht.

Und ist nicht genau das allein der Gehorsam, den Gott annehmen kann? „Denn wer irgend das ganze Gesetz hält, aber in einem strauchelt, ist aller Gebote schuldig geworden“ (Jak 2,10). Um irgendeine wahre Gerechtigkeit zu erlangen, muss sie vollständig sein, denn alles andere ist bruchstückhaft und gleicht einem unflätigen Kleid, selbst wenn es soweit geht, alle Habe zur Speisung der Armen auszuteilen oder seinen Leib hinzugeben, damit er verbrannt würde (vgl. 1. Kor 13,3). Hier, wie überall, ruft alles laut nach Christus, dem einzigen, der einen solchen Gehorsam leisten und Gott verherrlichen konnte.

Dieser Gedanke der Verherrlichung Gottes wird durch die fünfzig goldenen Klammern oder Haken veranschaulicht, die die Schleifen miteinander verbanden3. Wie wir später noch sehen werden, steht Gold für göttliche Herrlichkeit. Diese stand stets vor unserem Herrn, denn sein einziger Wunsch bestand darin, dass der Name des Vaters verherrlicht würde (Joh 12,28). „Ich ehre meinen Vater“ (Joh 8,49). „Ich habe dich verherrlicht auf der Erde (Joh 17,4). Wie deutlich spricht das davon, wie vollkommen frei er von jeder Selbstsucht und jedem Selbstbewusstsein war. Aber erinnert es uns nicht auch daran, dass solch ein Gehorsam zwar menschlich ist, aber mehr als menschliche Kraft benötigt um ihn zu leisten? Kein bloßes Geschöpf konnte ihn leisten – und schon gar kein gefallenes. Die goldenen Klammern erinnern uns daran, dass der vollkommene Charakter, den wir betrachtet haben, nicht nur menschlich, sondern auch göttlich ist. Eine göttliche Person, und doch wahrhaftig ein Mensch, vereinigte in sich selbst allen Gehorsam, alle Liebe zu Gott und Menschen. Dürfen wir nicht sagen, dass an dieser Tatsache das Geheimnis beruht, das im Vorhang gezeigt wird: Gott, offenbart im Fleisch (vgl. 1. Tim 3,16)?

Die Gottheit Christi zu leugnen bedeutet also, das Band zu zerstören, das sein Leben zu einer vollkommenen Einheit machte, und nur einen Bruchteil übrig zu lassen, welcher selbst durch falsche Behauptungen befleckt und verunstaltet ist, wäre er nicht tatsächlich der Sohn Gottes. Menschen, die von der Liebenswürdigkeit Jesu, seiner Freundlichkeit, seinen Hilfeleistungen, seinem untadeligen Leben, etc. sprechen und dennoch leugnen, dass er der ewige Sohn Gottes ist, betrügen sich selbst und andere. Diese Klammern aus Gold waren unentbehrlich für die Vereinigung der Teppichfelder zu einem vollkommenen Ganzen. Lässt man sie weg, wird alles verunstaltet. Wer seine Gottheit bewusst und willentlich leugnet, verunreinigt den Tempel Gottes und ist ein echter Feind des Herrn. Aber selbst dort, wo dies nicht der Fall ist, kann das Volk Gottes den wahren Teil der Wahrheit über die wunderbare Person unseres Herrn verlieren, wenn sie es unterlassen, in besonderer Weise die große und herrliche Tatsache vor sich zu stellen: „Das Wort war Gott“ (Joh 1,1). Möge der Heilige Geist seine gesegnete, unvergleichliche Person nicht nur in unseren Gedanken bewegen, sondern in unseren Herzen verankern – Ihn, den Gegenstand unserer Anbetung, Liebe und unseres willigen Gehorsams.

Fußnoten

  • 1 Vgl. die Einführung zu Band 1 der Numerical Bible („The Pentateuch“) sowie das Buch „The Numerical Structure of Scripture“ von F.W. Grant für eine umfassende Behandlung dieses wichtigen Themas. Anmerkung des Übersetzers: Im Deutschen ist dazu das Heft „Die symbolische Bedeutung der Zahlen“ vom gleichen Autor erschienen (beim Ernst-Paulus-Verlag erhältlich).
  • 2 Sehen wir uns an, wie häufig die Zahl zehn und ihr Faktor fünf in der Beschreibung der Stiftshütte zu finden sind. Es gab zehn innere Teppiche (2. Mo 26,1) und die Bretter waren zehn Ellen hoch (2. Mo 26,16). Außerdem gab es zehn Säulen und zehn Sockel an der West- und Ostseite des Vorhofs (2. Mo 27,12). Die Ausmaße des Hofes betrugen 100 x 50. Höchstwahrscheinlich war das Allerheiligste vollkommen würfelförmig zu je zehn Ellen. Es gab 100 Füße aus Silber, d.h. 10 x 10 (2. Mo 38,27), die aus dem Sühngeld gebildet wurden, zehn Gera für jeden Mann (2. Mo 30,13). Es gab 50 (= 10 x 5) Schleifen und Klammern (2. Mo 26,5) sowie fünf Säulen am Eingang des Zeltes (2. Mo 26,37). An den drei Seiten der Stiftshütte gab es jeweils fünf Riegel (2. Mo 26,26). Der Brandopferaltar war fünf Ellen im Quadrat und die Umhänge des Vorhofs waren fünf Ellen hoch (2. Mo 27,18).
  • 3 Das Wort für Klammern, karsim, stammt von einem Verb, das „beugen“ oder „krümmen“ bedeutet und so in Jesaja 46,1–2 wiedergegeben wird. Es geht dort um die Erniedrigung der falschen Götter Babylons, die weggeführt wurden. Hier soll die Beugung, bzw. der Haken eine Verbindung schaffen zwischen dem, was Gott und den Menschen zukommt. Stellt es nicht die Gnade dessen dar, der sich selbst erniedrigte, um Gottes Gedanken über den Menschen zu entfalten? Vielleicht finden wir hierin auch eine Andeutung seiner Demütigung, die ihn dazu führte, sich sozusagen mit der Schöpfung zu verbinden, um sie in ewige Harmonie mit ihrem Schöpfer zu bringen.
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