Vorträge über die Stiftshütte

Vortrag 1: Bei wem wohnt Gott?

Wenn man ein Thema in der Schrift betrachtet ist es immer lehrreich, auf den Zusammenhang zu achten. Wenn der Herr es schenkt, werden wir das in Verbindung mit dem tun, was die Schrift über seinen Wohnort unter den Menschen sagt. Die Stiftshütte war, wenn man so will, der Mittelpunkt seiner Offenbarung im Blick auf sein irdisches Volk. Israels Lager in der Wüste war um die Stiftshütte her angeordnet, und die Wege des Volkes standen immer mit ihr im Zusammenhang. Als sie das Land erreichten, wurde auch dort die Ordnung Gottes in Verbindung mit der Stiftshütte eingerichtet. Deshalb werden wir einen Blick auf den Zustand des Volkes werfen, als Gott ihnen die Stiftshütte gab.

Wenn dies schon bei der Betrachtung der buchstäblichen Geschichte Israels wesentlich ist, wie viel wichtiger ist es, wenn wir uns daran erinnern, von wem und von was sie für alle Zeiten ein Bild ist. Schauen wir uns nun die verlesenen Schriftstellen an, die uns sieben große Tatsachen vorstellen.

Gott liebt es bei den Lobgesängen seines Volkes zu wohnen und diese Lobgesänge bilden gleichzeitig eine Voraussetzung für sein Wohnen (Ps 22,4). Er kann nur dort wohnen, wo Er gekannt ist; und Er kann wiederum nur auf dem Boden der Erlösung gekannt werden. In Römer 1 sehen wir, dass diejenigen, die das Zeugnis seiner „ewigen Kraft und seiner Göttlichkeit“ (Röm 1,20) in den Werken der Schöpfung hatten, die sie umgaben, blind und verfinstert am Verstand waren. Indem sie sich für Weise ausgaben, wurden sie zu Toren und schließlich in alle Arten von Götzendienst und schändliche Leidenschaften hineingezogen.

Wenn wir Gott erkennen wollen, muss das auf der Grundlage seiner eigenen Offenbarung geschehen, und zwar entsprechend seiner Natur, die wahr und gerecht ist. Aus diesem Grund muss Er sich im Umgang mit sündigen und schuldigen Menschen als vollkommen gerecht und heilig offenbaren – als ein Gott des Gerichts, selbst wenn er noch weit mehr zu sagen hätte. Doch gelobt sei sein heiliger Name: Er hat tatsächlich mehr zu sagen, denn seine Offenbarung im Gericht hätte uns nur dazu verurteilen können, ewig von Ihm getrennt zu sein, und zwar in der äußersten Finsternis. Das bildet den dunklen Hintergrund, vor dem in all ihrem Glanz die Barmherzigkeit Gottes erstrahlt, wie Er sie in Christus Jesus – in seiner Person und in seinem Werk – offenbart hat. Das ist es, was in den erwähnten Stellen zum Ausdruck kommt.

Und ich werde in dieser Nacht durch das Land Ägypten gehen und alle Erstgeburt im Land Ägypten schlagen vom Menschen bis zum Vieh, und ich werde Gericht üben an allen Göttern Ägyptens, ich, der Herr. Und das Blut soll euch zum Zeichen sein an den Häusern, worin ihr seid; und sehe ich das Blut, so werde ich an euch vorübergehen; und es wird keine Plage zum Verderben unter euch sein, wenn ich das Land Ägypten schlage. (2. Mo 12,12–13)

1. Diese erste Schriftstelle (2. Mo 12,12–13) erinnert uns daran, dass sein Volk vor einem Gericht geschützt wurde, das sie gerechterweise verdient gehabt hätten. Gott kann nur in der Mitte solcher wohnen, die geschützt worden sind, denn andernfalls stünden sie noch immer (wie alle anderen Menschen auch) unter dem Gericht – ebenso wie Israel solange mit allen Ägyptern unter dem Gericht stand, bis Gott das Lamm gab und anordnete, dass sein Blut an den Türsturz und die Pfosten ihrer Häuser gestrichen werden sollte.

Wie sehr spricht das alles von Ihm, dem „Lamm ohne Fehl und ohne Flecken“ (1. Pet 1,19), der am Kreuz „zur Sünde gemacht“ worden ist (2. Kor 5,21), um den Schuldigen einen Zufluchtsort zu bereiten! Wie lieben es die Seinen, dabei etwas stehen zu bleiben! Hätte Gottes Langmut in Gericht geendet, wäre für immer nichts anderes als die äußerste Finsternis verblieben. Doch in seiner Liebe stellte Gott einen vollkommenen Schutz vor dem verdienten Gericht und Zorn bereit. Er tat das während sie sich noch in Ägypten befanden, dem Ort der Knechtschaft unter die Sünde. Gott verlangt von dem Sünder nicht, dass er den ersten Schritt auf dem Weg zu Ihm tut, sondern knüpft selbst an dem Menschen an, wo und wie er ist, und bietet ihm durch das kostbare Blut Christi einen vollkommenen Schutz.

Wenn dieses kostbare Blut durch den Glauben erfasst wurde1 lautet die Antwort Gottes: „Und sehe ich das Blut, so werde ich an euch vorübergehen“. Wir erkennen darin seine Vorkehrung in dem Blut Christi und seine Zusicherung in seinem eigenen Wort, dass diejenigen, die unter dem Schutz dieses Blutes stehen, für immer von dem kommenden Gericht befreit sind. Sein Volk erwartet die Errettung nicht irgendwann in der Zukunft, es wartet auch nicht darauf, dass sich erst irgendetwas in ihm selbst tut, bevor es dauerhaften Frieden mit Gott haben kann. Nein, das Volk beruft sich darauf, sich unter den Schutz gestellt zu haben, den Gott bereitet hat. „Und das Blut soll euch zum Zeichen sein an den Häusern, worin ihr seid; und sehe ich das Blut, so werde ich an euch vorübergehen“.

Und der Herr redete zu Mose und sprach: Heilige mir alles Erstgeborene, alles, was den Mutterschoß durchbricht unter den Kindern Israel, an Menschen und an Vieh; es ist mein. (2. Mo 13,1–2)

2. Nachdem wir gesehen haben, dass die Gläubigen ein geschütztes Volk sind, zeigt uns die nächste Stelle (2. Mo 13,1–2), dass sie ein erkauftes Volk sind. Als das Gericht in Ägypten ausgeübt wurde, blieb Israel durch das von Gott gegebene Bewahrungsmittel sicher geschützt, wobei das Blut, das sie bewahrte, gleichzeitig der Preis war, der für sie bezahlt wurde. So heißt es in 2. Mose 13,1: „Heilige mir alles Erstgeborene“, oder, wie wir es im Neuen Testament finden: „Ihr seid nicht euer selbst, denn ihr seid um einen Preis erkauft worden; verherrlicht nun Gott in eurem Leib“ (1. Kor 6,20). Gott sei Dank sind die Seinen nicht nur vom Gericht und der Furcht vor dem Zorn Gottes befreit, sondern außerdem aus der Knechtschaft Satans und der Sünde erkauft worden. Das Beste daran ist, dass sie dadurch nicht ihre eigenen Herren wurden. Paulus freute sich daran, sich als „Knecht Jesu Christi“ zu bezeichnen. Für ihn war es eine Auszeichnung höchster Ehre, ein Eigentum Christi zu sein. Auch wir sind Knechte und können uns einer Knechtschaft rühmen, die vollkommene Freiheit ist. Es ist eine Knechtschaft, in der wir völlig für Gott da sind, das Eigentum seiner wunderbaren Liebe, erkauft durch das kostbare Blut Christi. Der Wert, den Gott uns beimisst, wird an dem Preis erkannt, der bezahlt wurde. Gott blickt auf uns und sagt gewissermaßen: „Das ist mein Volk“. Schau dir einen armen, elenden Sünder an, der Christus angenommen hat. Der Einschätzung der Welt nach ist so jemand nur von geringem Wert, doch Gott sagt über ihn: „Er ist kostbar in meinen Augen, denn er ist durch das Blut meines eigenen Sohnes erkauft worden“.

Und Mose streckte seine Hand aus über das Meer, und der Herr trieb das Meer durch einen starken Ostwind weg, die ganze Nacht, und machte das Meer trocken, und die Wasser wurden gespalten. Und die Kinder Israel gingen mitten in das Meer hinein auf dem Trockenen, und die Wasser waren ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. (2. Mo 14,21–22)

3. Die dritte Stelle (2. Mo 14,21–22) stellt uns eine andere Seite der Wahrheit vor. Die ersten beiden Stellen haben gezeigt, was für Israel galt, als sie noch in Ägypten waren. So wie der barmherzige Samariter an den Ort kam, an dem der unter die Räuber gefallene und verwundete Mann lag, und dort das heilende Öl und den Wein ausgoss, so kam Gott zu seinem Volk nach Ägypten hinab. Doch Er ließ sein Volk nicht dort zurück. Er sprach zu ihnen nicht nur von Sicherheit im Gericht und davon, dass sie sein waren, sondern durch sein Wort führte Er sie auch dahin, sich aufzumachen, um den Ort ihrer Knechtschaft zu verlassen. Als Knechte Gottes sollten sie ausziehen – frei von allen übrigen Bindungen. Dabei ging es nicht nur darum, der Knechtschaft Pharaos entkommen zu sein, sondern auch darum, dem Ort, an dem er sie festgehalten hatte, zu entfliehen. Für den Gläubigen ist diese Welt nicht mehr Ägypten, sondern die Wüste, der Ort der Durchreise. Das Erbe, zu dem es ihn zieht, ist „die Zierde von allen Ländern“ (Hes 20), das „Land, das von Milch und Honig fließt“. Die dritte große Tatsache besteht also darin, dass das Volk Gottes von der Knechtschaft der Sünde, Satans und der Welt befreit ist. Mögen wir ganz praktisch mehr in den Segen dieser Dinge eingehen.

Wie gut ist diese Botschaft, die sowohl Gefangenen Befreiung ausruft als auch Vergebung der Sünden verkündet! Wie groß ist die Sklaverei und wie bitter sind die Ketten der Sünde! Derjenige, der dem Meister an den Ziegelöfen der Sünde gedient hat – und „wir ... dienten mancherlei Begierden und Vergnügungen“ (Tit 3,3) –, weiß, wie schrecklich diese Gefangenschaft ist. Ja, es gibt einen „Genuss der Sünde“, aber dieser Genuss ist ein „zeitlicher Genuss“ (Heb 11,25). Er zieht als Lohn nur den ewigen Zorn eines heiligen und die Sünde hassenden Gottes sowie ein ewiges Anklagen des erwachten Gewissens nach sich. Selbst den Gläubigen lässt diese Knechtschaft ausrufen: „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten...?“ (Röm 7,24). Doch die gnädige und liebende Antwort des Wortes Gottes lautet: „Durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ „Die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ (Röm 6,14). Gott hat also verkündet, dass die Sünde keinen Anspruch mehr an sein Volk hat! Das Blut Christi hat diese Frage geklärt. Doch haben wir eine Antwort auf diese Befreiung Gottes? Wir können solange nicht an der Freude teilhaben, die das Wohnen Gottes unter uns mit sich bringt, bis wir etwas davon verstehen, was es heißt, von der Macht und Sklaverei der Sünde befreit zu sein.

Schauen wir uns jetzt an, wie vollkommen das typologische Bild der Befreiung des Volkes Gottes von der Sünde entspricht. Die Kinder Israel waren zum Ufer des Roten Meeres gekommen und stehen nun an einem Ort in der Wüste, an dem zu beiden Seiten hin Berge emporragen. Kein Weg ist ersichtlich, dem Pharao zu entkommen, der sich vom Schrecken durch das Gericht Gottes erholt und sein Heer versammelt hat, um die Kinder Israel zu verfolgen und wieder in Knechtschaft zu bringen. Was können sie tun? Hinter ihnen befindet sich ihr unerbittlicher Feind, zu den Seiten hin sind sie eingeschlossen, und vor ihnen liegt das Wasser des Roten Meeres. Alles, was ihnen verbleibt, ist zu Gott zu rufen. Und hat Er jemals versäumt, auf das Rufen seines Volkes zu antworten? Er eröffnet ihnen einen Weg – nicht dadurch, dass Er zuerst den Pharao stürzt – sondern indem Er das Rote Meer spaltet. Die Wellen des Todes werden durch den Stab geteilt, der die Plagen über Ägypten brachte, sodass sich ein Weg durch das Rote Meer öffnet.

Ein Jungbekehrter beginnt seine Pilgerreise, doch schon bald fängt die Sünde wieder an, ihren Anspruch geltend zu machen und ihm nachzujagen. Sie umstrickt ihn so leicht und so hört er wieder die bekannten Forderungen der alten Meister, die auf seine Rückkehr in ihre Knechtschaft pochen. Was soll er tun? Es scheint für ihn absolut keinen Weg nach vorne zu geben. Wenn er auf seine eigene Kraft schaut, sieht er seine völlige Machtlosigkeit die Sünde zu überwinden. Weder rechts noch links gibt es eine Möglichkeit zu entkommen. Was drohend und dunkel vor ihm steht, ist der verdiente Lohn der Sünde: Tod und Gericht.

Doch gerade hier darf er sich an die kostbare Wahrheit erinnern, dass er in dem Tod Christi mit Ihm gestorben ist. Durch den Tod und die Auferstehung Christi ist der Weg offen. Christus hat diese Welt verlassen, in der die Sünde regiert (obwohl sie über Ihn nie die geringste Macht besaß), und hat durch seinen Tod den einzig möglichen Weg für die Seinen geöffnet. Ebenso wie sie mit Ihm gestorben sind, sind sie auch mit Ihm auferstanden. Deshalb sind sie fähig sich der Sünde für tot zu halten, „Gott aber lebend in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Röm 6,11). So beginnt der Siegeszug. Derjenige, der vorher aus Furcht über die Knechtschaft stöhnte, stimmt nun den Triumphgesang an: „Singen will ich dem Herrn, denn hoch erhaben ist er; das Pferd und seinen Reiter hat er ins Meer gestürzt“ (2. Mo 15,1).

Solche, die das praktisch verstanden haben, befinden sich jetzt als Pilger in der Wüste. Ihr Blick ist nicht auf das gerichtet, was hinter ihnen liegt, sondern auf das Erbe vor ihnen – den Berg Gottes, wo Er all die Reichtümer seiner Liebe offenbart, die Er für uns in Christus aufbewahrt hat in der Herrlichkeit. Gott kann diese weitergehenden Wahrheiten seines Wortes nur denen offenbaren, die von der Sünde und aus der Welt befreit sind. Schenke Er uns eine tiefere Übung in Bezug auf diese Dinge.

Dies ist das Wort, dass der Herr geboten hat: Sammelt davon, jeder nach dem Maß seines Essens; einen Gomer für den Kopf, nach der Zahl eurer Seelen, sollt ihr nehmen, jeder für die, die in seinem Zelt sind. Und die Kinder Israel taten so und sammelten, der viel und der wenig. Und sie maßen mit dem Gomer: Da hatte, wer viel gesammelt hatte, nicht übrig, und wer wenig gesammelt hatte, dem mangelte nichts; sie hatten jeder nach dem Maß seines Essens gesammelt. (2. Mo 16,16–18)

4. Das bringt uns zu der vierten Stelle (2. Mo 16,16–18), die uns vorstellt, wie Gott sein Volk in der Wüste versorgte – durch Manna vom Himmel und Wasser aus dem Felsen. Sie erhielten Brot und eine sichere Versorgung mit Wasser. Die Wüste ist ein dürres und lechzendes Land, das natürlicherweise nichts zum Überleben bietet. Dennoch brachte Gott dieses große Volk 40 Jahre lang hindurch bis zu seinem Erbteil. Er konnte sie am Ende sogar fragen, ob ihnen etwas gefehlt habe. Ihre Kleidung war nicht zerfallen; ihr Fuß war nicht geschwollen (5. Mo 8,4). Damals wie heute steht Gott zu seinem Wort.

Christus ist die Speise seines Volkes, und der Geist Gottes bringt uns im Bild des geschlagenen Felsens Erfrischung durch das Wort Gottes, um uns zu erhalten – „der Fels aber ist der Christus“ (1. Kor 10,4). Die Welt kennt Christus nicht, doch Er ist das Brot Gottes, das aus dem Himmel herabgekommen ist (Joh 6,58) und sich bis zum Tod erniedrigte, um den täglichen Bedürfnissen des Volkes entsprechend Tag für Tag ihre Nahrung zu sein. Er ist das Brot der Starken (Ps 78,25), das sie als siegreiche Überwinder durch die Wüste bringt und bis ans Ende ihrer Reise erfrischt.

Und Gott redete alle diese Worte und sprach: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. (2. Mo 20,1–3)

5. Wir gehen weiter zum nächsten Punkt, den wir recht sorgfältig betrachten müssen, der Wahrheit, die in 2. Mo 20,1–3 vor uns kommt. Das Volk befindet sich am Berg Sinai, wo sich Gott in seiner Ehrfurcht gebietenden Majestät und Heiligkeit offenbart. Keinem ist es erlaubt, den Berg auch nur zu berühren. Der Herr steht im Begriff, das Gesetz zu geben (d.h. seine Anforderungen an den Menschen) und es wird die ernste Tatsache betont, dass der Mensch diese Anforderungen nicht erfüllen kann. In den ersten vier Geboten finden wir die Anforderungen des Gesetzes im Hinblick auf Gott, in den letzten sechs die Anforderungen in Bezug auf die Mitmenschen. Dies wurde zusammengefasst und so von unserem Herrn zitiert: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27). Solch eine Forderung kann der gefallene Mensch ebenso wenig erfüllen, wie er eine Welt erschaffen kann.

Unter diesen Umständen ist das Gesetz weit davon entfernt Leben zu geben, es kann nur den Tod bringen. Anstatt den Menschen in die Gegenwart Gottes zu bringen, errichtet es Barrieren rund um den unzugänglichen Berg seiner Herrlichkeit und Heiligkeit. „Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde“ (Röm 3,20).

Es gibt zwei Übungen, die das Gesetz bewirkt und die zu dem passen, was die Gnade im Passah und im Roten Meer hervorbringt.

  • Wird es als Grundlage zur Rechtfertigung genommen, zeigt das Gesetz dem Menschen die Größe seiner Schuld und die Tatsache, dass er nicht zu Gott passt. Man wird die Schrift vergeblich nach einem Beispiel durchsuchen, in dem die Wirkung des Gesetzes Gottes auf den Menschen anders ausfällt.
  • Manchmal wird uns gesagt, dass das Gesetz zwar nicht die Grundlage unserer Rechtfertigung, wohl aber unsere Lebensregel sei. Es ist in der Tat ein Ausdruck des vollkommenen Willens Gottes für sein Volk, das nach diesen zehn Geboten leben soll. Allerdings ist es Tatsache, dass der Mensch das Gesetz als Lebensregel ebenso wenig halten kann wie es als Mittel zu seiner Rechtfertigung taugt. Durch das Gesetz kommt nur Erkenntnis der Sünde (Röm 3,20). Denken wir auch an die bemerkenswerte Stelle in 1. Korinther 15,56, die uns sagt, dass „die Kraft der Sünde aber das Gesetz“ ist – es bindet die Sündenschuld auf das Gewissen.

Was ist das Geheimnis des Kampfes in Römer 7? Wir begegnen dort einem Kind Gottes, das sich das Gesetz als Lebensregel nimmt, um so Heiligkeit zu erlangen. Er muss jedoch erkennen, dass sich ihm das, was zum Leben gegeben war, zum Tod erweist. Das, was „heilig, gerecht und gut“ ist, bringt in ihm nur Verdammnis hervor, und die Verbote wecken nur den unbezwingbaren Wunsch, genau dieses Verbotene zu tun.

Wann immer du einen Menschen siehst, der versucht das Gesetz als Forderung Gottes an ihn zu halten, wirst du ihn entweder schuldig und elend vorfinden oder – was weitaus schlimmer ist – selbstgerecht und einer Selbsttäuschung verfallen. Ist er ein Kind Gottes, wird er völlig unglücklich und ruft aus: „Ich elender Mensch!“ Wenn dem so ist, stellt sich die Frage, welchen Zweck das Gesetz dann überhaupt erfüllt? Gottes Antwort darauf lautet, dass es den Mund der Menschen verschließt und ihn zur vollkommenen Erlösung durch Christus führt, um sowohl von aller Schuld als auch von der Macht der Sünde befreit zu werden. Das Gesetz hat seine heilige Aufgabe erfüllt, wenn es die ernste, herzerforschende Wahrheit vermittelt hat, „dass in mir, das ist in meinem Fleisch nichts Gutes wohnt“ (Röm 7,18). Wenn es das bewirkt hat, weist es den Weg zu Christus. „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“ (Röm 8,2)

Nachdem wir uns mit den großen Fragen in Verbindung mit dem Gesetz beschäftigt haben, können wir auf eine andere große Wahrheit zu sprechen kommen, die durch das Gesetz angedeutet wird. In seinem ersten Brief schreibt Petrus an ein Volk von Pilgern – ähnlich dem Volk Israel, als es durch die Wüste zog. Er redet sie an als „auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi“ (1. Pet 1,2). Sie waren nicht nur ein auserwähltes und wiedergeborenes Volk, das durch das gesprengte Blut geschützt war, sondern es war auch zu praktischem Gehorsam berufen. Wir können es vielleicht so sagen: Das kostbare Blut wurde nicht nur zum Schutz auf ihre Türen gestrichen, sondern auch auf den Weg des erlösten Volkes Gottes gesprengt, um sicherzustellen, dass ihr Wandel für Ihn ist.

Wie groß ist der Gedanke, dass unser ganzer Weg ein blutbesprengter Weg ist, d.h. ein Weg der Heiligkeit. Es ist ein Weg der Erlösung für ein erlöstes Volk (Jes 35,8–10). Genauso wirklich, wie wir von Schuld und Sünde befreit sind, sind wir jetzt zum Gehorsam Gott gegenüber bestimmt. Und dies dürfen wir bildlich durch das Gesetz vorgeschattet sehen. Es ist ein Gehorsam, den es nicht bewirken konnte, den Gott jedoch bei seinem Volk sehen wollte. Das finden wir in Römer 8: „Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln“ (Röm 8,3–4). Für diejenigen, die vom Gesetz befreit worden sind, wird das Gesetz zum Beweis gerade des Gehorsams, den es selbst nicht hervorbringen konnte. So erinnert uns diese fünfte Stelle daran, dass Gott unter einem gehorsamen Volk wohnt.

Und Mose sprach zu dem Herrn: Siehe, du sprichst zu mir: Führe dieses Volk hinauf, aber du hast mich nicht wissen lassen, wen du mit mir senden willst. Und du hast doch gesagt: Ich kenne dich mit Namen, und du hast auch Gnade gefunden in meinen Augen. Und nun, wenn ich denn Gnade gefunden habe in deinen Augen, so lass mich doch deinen Weg wissen, dass ich dich erkenne, damit ich Gnade finde in deinen Augen; und sieh, dass diese Nation dein Volk ist! Und er sprach: Mein Angesicht wird mitgehen und ich werde dir Ruhe geben. (2. Mo 33,12–14)

6. Bei unserer sechsten Schriftstelle in 2. Mo 33,12–14 brauchen wir uns nicht lange aufzuhalten, obwohl die Lektion dort sehr wertvoll ist. Eine traurige Geschichte geht ihr voraus und bildet die Basis. Mose befindet sich auf dem Berg und genießt dort Gemeinschaft mit Gott im Hinblick auf die Stiftshütte. Gott zeigt ihm ihr Muster und gibt ihm Anweisungen in Bezug auf ihre Einzelheiten. Doch das Volk, das unmittelbar zuvor absoluten Gehorsam versprochen hatte, singt und tanzt um das goldene Kalb! Vielleicht sagst du jetzt: Was für ein erbärmliches Volk ist das doch, das seinen Eid nach so kurzer Zeit vergisst! Ach, ist der natürliche Mensch in uns etwa einen Deut besser? Auch unser Fleisch würde sich von den Herrlichkeiten der Person Christi weg zu den goldenen Kälbern wenden! Ließe uns Gott auch nur eine einzige Stunde allein, würden wir ihn ebenso entehren, wie es selbst seine geliebten Diener Petrus, David und Hiskia getan haben – Männer Gottes, die sie waren. Dem Fleisch ist nicht zu trauen! Möge es dem Heiligen Geist in der Kraft göttlicher Liebe und Gnade gelingen, dieses Bewusstsein in unseren Herzen zu bewirken.

Gott sei Dank bildet diese Szene nur den dunklen Hintergrund, vor dem der Glanz der göttlichen Gnade nur umso heller hervorstrahlt. Mose kehrt auf den Berg zurück, um sich für das Volk zu verwenden. „Vielleicht“, sagt er (denn schließlich sieht er sich einem rechtsgültigen, äußeren und an Bedingungen geknüpften Bund gegenüber), „kann ich Sühnung für eure Sünde tun“ (2. Mo 32,30). Anschließend kommt er zurück und bringt ihnen neue Steintafeln mit, auf denen dieselben Gebote stehen. Vielleicht können wir es so ausdrücken, dass sie ein – für ein halsstarriges und zu Bösem neigenden Volk – durch Barmherzigkeit abgemildertes Gesetz darstellen. Dieser Strahl der Barmherzigkeit in Verbindung mit dem starren Gesetz konnte zwar immer noch kein Leben geben, brachte aber das Angesicht Moses zum Leuchten, sodass er gezwungen war, eine Decke auf sein Angesicht zu legen, weil das Volk nicht in der Lage war das zu betrachten, was der Apostel den „Dienst der Verdammnis“ nennt (2. Kor 3,9). Doch wie dankbar dürfen wir sein, dass Gott die Decke nun in Christus weggenommen hat und wir nicht nur einen Teil Seiner Herrlichkeit sehen, sondern die volle Herrlichkeit des Dienstes des Lebens und der Gerechtigkeit im Angesicht des Herrn Jesus. Diese Herrlichkeit wird in der Schriftstelle, die wir betrachtet haben, zumindest angedeutet. Die Lektion, die wir aus dieser Begebenheit lernen, ist, dass ein Volk, das seine eigene Unwürdigkeit kennen erfahren hat und auf dem Boden der Gnade wiederhergestellt worden ist, nun in der Lage ist, das zu genießen, was Gott ihm offenbart.

Und Mose versammelt die ganze Gemeinde der Kinder Israel und sprach zu ihnen: Dies sind die Worte, die der Herr, geboten hat, sie zu tun: Sechs Tage soll man Arbeit tun, aber am siebten Tag soll euch ein heiliger Tag sein, ein Sabbat der Ruhe dem Herrn; wer irgend an ihm eine Arbeit tut, soll getötet werden. Ihr sollt am Tag des Sabbats kein Feuer anzünden in allen euren Wohnungen. (2. Mo 35,1–3)

7. Das bringt uns zu der siebten großen Wahrheit in 2. Mo 35,1–3, die den Höhepunkt aller vorherigen bildet: Die Ruhe Gottes. Alles, was zur Vorbereitung der Stiftshütte diente, ist abgeschlossen und vor ihnen liegt jetzt der tatsächliche Baubeginn. Doch beachte, dass zuerst das Gebot wiederholt wird, den Sabbat zu halten. Darin liegt ein Hinweis auf die Ruhe Gottes, der niemals ruhen kann, solange Sünde anwesend ist. Darin liegt ein Hinweis auf die Ruhe Gottes. Weil Er niemals in der Gegenwart von Sünde ruhen kann, zeigt Er hier, dass sein Wohnort auf einen ewigen Sabbat gegründet ist. Wir sehen das im letzten Teil der Offenbarung, wenn alle Mühe beendet und das herrliche Ende erreicht ist. Der Tag des Menschen mit all seinen Begleiterscheinungen ist endlich vorüber und wir treten in den wolkenlosen, ewigen Tag Gottes ein. „Siehe, die Hütte [o. das Zelt] Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen“ (Off 21,3). Die Ruhe Gottes und der Wohnort Gottes sind zwingend miteinander verbunden, und das bleibt so bis in Ewigkeit.

Wenn wir noch einmal in unsere Zeit zurückblenden und uns die Frage stellen, was die Basis dafür bildet, dass Gott bei seinem Volk wohnen kann, werden wir in einer kostbaren Weise an Den erinnert, der die wahre Grundlage für Ruhe ist, denn unsere Werke oder Würdigkeit konnten diese Basis nicht bilden. Haben wir das verinnerlicht, hört der Kampf auf, das Fleisch verbessern zu wollen. Vielmehr gehen wir bereits jetzt in einer Art Vorwegnahme in die Ruhe Gottes ein, d.h. in Christus selbst, der die Ruhe Gottes ist und dessen Herrlichkeit Gott als eine Decke über seine Erlösten ausbreitet (Jes 4,5–6).

Nachdem wir uns so in Kürze mit den Kennzeichen des Volkes beschäftigt haben, das Gott in die Wahrheit über seinen Wohnort einführen kann, möchten wir sie noch einmal aufzählen. Es ist...

  • ...ein Volk, das unter dem Schutz des Blutes des Lammes steht.
  • ...ein Volk, das durch dieses kostbare Blut erkauft ist.
  • ...ein Volk, das durch den Tod und die Auferstehung Christi von der Macht der Sünde befreit ist.
  • ...ein Volk, das während seiner Reise durch die Wüste ernährt und erhalten wird.
  • ...ein Volk, das durch das Blut Christi zum Gehorsam geheiligt ist.
  • ...ein Volk, das von der Sünde und Torheit des Abweichens von Gott wiederhergestellt ist.
  • ...ein Volk, das in die Gedanken der Ruhe Gottes eingegangen ist.

Wenn unsere Herzen diese Wahrheiten bis zu einem gewissen Grad erfasst haben, werden wir in einem moralischen Zustand sein, in dem wir uns an dem erfreuen können, was Gott in Verbindung mit seinem Wohnort inmitten seines Volkes offenbart hat und dadurch in seiner Gnade befestigt zu werden.

Fußnoten

  • 1 Der Büschel Ysop aus 2. Mose 12,22 mit dem das Blut an die Wohnungen gestrichen wurde, spricht von wahrhaftigem Selbstgericht vor Gott, dem Bekenntnis der Schuld und der eigenen Unwürdigkeit.
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