Befreit für Gott
Eine Auslegung über Römer 5-7

Kapitel 5,12-21

Befreit für Gott

Der Abschnitt beginnt mit einem „Darum“. Es stellt sich jetzt die Frage, worauf sich das bezieht. Man könnte das vielleicht so formulieren: Darum, weil das Problem unserer Sünden nun gelöst ist, gehen wir zu einem neuen Gedanken über. Die Versöhnung und ihre gesegneten Folgen sind vorgestellt worden. Nun wird eine andere Wahrheit erklärt: die Lösung des Problems der Sünde.

Adam – das Haupt eines sündigen Menschengeschlechts

Anders als im ersten Teil des Römerbriefes geht es jetzt nicht mehr um den Unterschied zwischen Juden und Heiden. Es geht auch nicht um die Frage, ob jemand mit oder ohne Gesetz gesündigt hat. Jetzt sagt der Heilige Geist, dass das Prinzip der Sünde – unabhängig von ihren verschiedenen Auswirkungen – auf einen Menschen zurückzuführen ist: auf Adam. Durch den ersten Menschen ist die Sünde (nicht: die Sünden) in die Welt gekommen. Durch einen einzigen Menschen ist dies geschehen. Im ersten Korintherbrief wird etwas Ähnliches gesagt: „Denn da ja durch einen Menschen der Tod kam, so auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten“ (1. Kor 15,21). Hier liegt die Betonung auf Mensch, aber in unserem Vers liegt der Schwerpunkt auf dem Wort ein. Adam allein war die Ursache dafür, dass die Sünde in die Welt gekommen ist und dass jetzt jeder Mensch von Natur Sünder ist.

Dies möchte ich mit einigen Schriftstellen untermauern. In Psalm 51 sagt David: „In Sünde [nicht: „in Sünden“] hat mich meine Mutter empfangen“ (Ps 51,7), und Hiob stellt fest: „Wie könnte ein Reiner aus einem Unreinen kommen? Nicht ein einziger!“ (Hiob 14,4). Schauen wir auch noch etwas im ersten Buch Mose an: „An dem Tag, als Gott Adam schuf, machte er ihn im Gleichnis Gottes“ (1. Mo 5,1).Adam wurde also im Gleichnis und im Bild Gottes (1. Mo 1,27) geschaffen. Dann lesen wir weiter: „Und Adam lebte 130 Jahre und zeugte einen Sohn in seinem Gleichnis, nach seinem Bild“ (1. Mo 5,3). In wessen Gleichnis und Bild zeugte er einen Sohn? In dem Gleichnis und Bild eines gefallenen Adam, denn erst nach dem Sündenfall bekamen Adam und Eva Kinder. Deshalb waren diese alle durch die Sünde infiziert – auch schon, als sie selbst noch nicht gesündigt hatten. Und alle Menschen, die danach geboren wurden, sind Reproduktionen des ersten Adam. Auch alle, die noch geboren werden, auch die Menschen im Tausendjährigen Reich, werden als Sünder geboren. Sie sind alle „in Sünde empfangen“ worden, gezeugt von sündigen Menschen. Deshalb sind sie von Geburt an Sünder, auch wenn sie noch nicht gesündigt haben. Das wird auch belegt durch die Worte des Herrn Jesus, der über die „Kleinen“ sprach und dann sagt: „Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, das Verlorene zu erretten“ (Mt 18,1 I). Also sind bereits unmündige, kleine Kinder verloren. Das geht auch aus Matthäus 18,14 hervor: „Ebenso ist es nicht der Wille eures Vaters, der in den Himmeln ist, dass eins dieser Kleinen verloren gehe.“ Obwohl sie noch nicht gesündigt haben, sind sie verloren – und doch gerettet durch das Werk des Herrn Jesus!

Aber dann kam ein anderer Mensch. Der zweite Mensch, der Mensch vom Himmel, der letzte Adam. Dieser war keine Reproduktion des ersten Adam, denn Er wurde vom Heiligen Geist gezeugt. Zu Maria, seiner Mutter, wurde gesagt: „Der Heilige Geist wird auf dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1,35). Da kam dieser reine Mensch auf die Erde und wurde Haupt eines anderen Menschengeschlechts. Das sehen wir dann später in den Versen 13 und 14.

Wir halten also fest: Jeder Mensch hat eine sündige Natur. Es handelt sich um eine „geerbte Sünde“. Und weil der Mensch diese sündige Natur hat, muss er sterben und geht verloren. Deshalb kann er nicht in die Herrlichkeit Gottes kommen. Er ist in einem sündigen Zustand. Auch wenn er noch nicht gesündigt hat, ist er verloren. Davon spricht der erste Teil des zwölften Verses.

Sünde und Schuld

Nun könnte jemand sagen: „Es ist nicht meine Schuld, dass ich die sündige Natur geerbt habe. Also darf Gott mich auch nicht dafür bestrafen!“ Um diesem Einwand zu begegnen, stellt jetzt der zweite Teil von Vers 12 fest, dass „alle gesündigt haben“. Jeder (mündige) Mensch hat also auch Schuld auf sich geladen. Mit der (Erb-) Sünde ist der Tod in die Welt gekommen, dieser König des Schreckens, und er ist „zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben“. „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6,23). Wir sind schuldig, weil wir gesündigt haben, und wir sündigen, weil wir die sündige Natur haben.

Der Mensch ist aus zwei Gründen nicht passend für den Himmel: weil er Sünden begangen hat und weil die Sünde in ihm wohnt. Am großen weißen Thron finden wir diese beiden Aspekte. Dort erscheinen alle Ungläubigen, und dann wird gesagt: „Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken“ (Off 20,12). Hier geht es also um ihre Schuld, um die Sünden, die sie getan haben. Das ist der Maßstab für ihr Gericht. Sie werden gerichtet, weil sie gesündigt haben. Aber dann ist da auch die Rede von dem Buch des Lebens (Off 20,12.15), und es wird festgestellt, dass keiner dieser Ungläubigen im Buch des Lebens steht. Sie stehen nicht im Buch des Lebens, weil sie die Gnade abgelehnt haben, die ihnen in dem Herrn Jesus angeboten wurde. Sie haben keine Buße getan, die ihnen das Leben gebracht hätte. Sie sind noch in ihrer sündigen Natur.

Wir brauchen also Vergebung unserer Schuld, um nicht gerichtet zu werden, und wir brauchen auch eine neue Natur, um nicht verloren zu gehen. Und Gott hat nicht nur auf das erste Problem, sondern auch auf das zweite eine wunderbare Antwort. Denn so wie durch einen Mensch der Tod kam, so kommt auch durch einen Menschen die „Rechtfertigung des Lebens“ (V. 18).

Sünden und Übertretungen

Um den Vers 12 zu erläutern, kommt nun ein langer Zwischensatz (V. 13–17), den die Übersetzer der Deutlichkeit halber in Klammern gesetzt haben. Er beginnt mit den Worten: „Denn bis zu dem Gesetz war Sünde in der Welt.“ Also schon bevor es ein Gesetz gab, das die Sünde verbot, war Sünde in der Welt. Woran kann man dies erkennen? Weil Menschen gestorben sind – und der Tod ist nun einmal der Lohn der Sünde. Er „herrschte von Adam bis auf Mose“ (V. 14).Aber Sünde, die in dieser Zeitperiode geschah, wurde nicht zugerechnet, weil noch kein Gesetz da war (V. 13). Ein Gesetz verändert den Charakter von Sünde und wandelt sie sozusagen in Übertretung um. Übertretung gibt es nicht, solange kein Gesetz da ist. Wenn ein Kind etwas Böses tut, was ihm nicht ausdrücklich verboten wurde, dann ist es zwar böse, aber es hat kein „Gesetz“ übertreten. Eine Übertretung gibt es nur, wenn vorher ein Verbot vorlag. Gott hatte dem Menschen vor dem Gesetz vom Sinai bereits ein Gewissen gegeben, das gegen die Sünde zeugte, doch nachdem das Gesetz vorlag, wurde sozusagen eine „Strichliste“ geführt – denn das ist die Bedeutung des Wortes „zurechnen“1. Sämtliche Sünden werden „aufgelistet“, werden „in ein Schuldbuch eingetragen“.

Sünde wird also nicht zugerechnet, wenn kein Gesetz da ist. Das heißt natürlich nicht, dass sie entschuldigt ist oder dass sie nicht böse ist: „Denn so viele ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verloren gehen; und so viele unter Gesetz gesündigt haben, werden durch Gesetz gerichtet werden“ (Röm 2,12). Die Menschen haben vor der Gesetzgebung gesündigt und gehen deshalb verloren, aber Übertreter wurden sie erst danach: „Denn das Gesetz bewirkt Zorn; wo aber kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung“ (Röm 4,15). Sünde ist also ein umfassenderer Begriff als Übertretung. Übertretung gibt es nur, wenn Gesetze vorliegen, aber Sünde ist alles, was in den Augen Gottes böse ist.

Die Übertretung Adams

„Der Tod herrschte von Adam bis auf Mose, selbst über die, die nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung Adams“ (V. l4).Von Adam bis zur Gesetzgebung hatten alle gesündigt und sind deswegen1 auch gestorben, aber sie hatten nicht „in der Gleichheit der Übertretung Adams“ gesündigt. Was das bedeutet, erfahren wir im Propheten Hosea, der von den Juden (d. h. von solchen, die ein Gesetz hatten) sagt: „Sie aber haben den Bund übertreten wie Adam“ (Hos 6,7). Adam war also ein Gesetzesübertreter. Wieso? Weil er das einzige Gebot, das Gott ihm gegeben hatte, übertrat: Er aß von der Frucht des Baumes. Die unter dem Gesetz stehenden Juden hatten nun „in der Gleichheit der Übertretung Adams“ gesündigt. Auch sie hatten Gebote, und sie haben tausendfach dagegen verstoßen. Die Nachkommen Adams, die vor der Gesetzgebung lebten, waren auch Sünder – aber sie hatten nicht wie Adam ein deutliches Gebot von Gott erhalten. Deshalb haben sie nicht „in der Gleichheit der Übertretung Adams“ gesündigt.

In Vers 14 wird weiter gesagt, dass Adam „ein Vorbild2 des Zukünftigen ist“. Wer ist dieser Zukünftige? Es ist eindeutig Christus. Und wieso ist Adam, der ein Gebot übertreten hat, ein Vorausbild auf Christus?

Zwei Häupter-zwei Familien

Um das zu verstehen, müssen wir beachten, dass es ab Vers 14 um zwei Familien geht. Jede Familie hat einen „Erzeuger“, ein Haupt. Das erste Haupt ist Adam; er ist Haupt seiner Familie. Das andere Haupt ist Christus; Er ist das Haupt einer anderen Familie.

Adam hat eine sündige Tat ausgeführt und wurde dadurch das Haupt eines gefallenen Menschengeschlechts. Entsprechend hat Christus ein Werk zur Abschaffung der Sünde ausgeführt und wurde dadurch das Haupt eines erlösten Menschengeschlechts. Nachdem Er auferstanden und zum Himmel gefahren ist, wurde Er das Haupt all derer, die Ihm angehören. Jetzt verstehen wir, wieso Adam „Vorbild des Zukünftigen“ genannt wird.

Das Ausmaß des Geschehenen

So gewaltig und folgenschwer die Übertretung Adams auch war – die Gnadengabe Christi, des zweiten Hauptes, ist viel größer. Über diese heißt es, dass sie „überströmend“ ist (V. 15), dass sie in „Überfülle“ gegeben wurde (V. 17) und dass sie „überreichlicher“ geworden ist (V. 20). Das muss uns glücklich machen! So schwerwiegend die Sünde und ihre Folgen auch sind, die Gnade überflutet alles. Die Übertretung des einen brachte den „vielen“ den Tod. Das sind ausnahmslos alle Menschen. Von dem ersten Sohn Adams bis zu dem letzten Menschen, der geboren wird – Adam ist ihr aller Haupt! Diese vielen sind gestorben oder werden sterben, und das aufgrund der Übertretung dieses einen. Aber „so ist viel mehr die Gnade Gottes und die Gabe in Gnade, die durch den einen Menschen, Jesus Christus, ist, zu den vielen überströmend geworden“ (V. 15). Der Ausdruck „viele“ bezieht sich hier natürlich nicht mehr auf alle Menschen. Gemeint sind nur die, die Christus angehören. Wir haben schon gesehen, auf welche Weise der Herr Jesus das Haupt über dieses neue Menschengeschlecht wurde. Es geschah auf der Grundlage seines Kreuzes, seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt. Deswegen kann Gott gegenüber den Menschen, die jetzt diesem Haupt angehören, in Gnaden handeln. Das ist eine unwiderlegbare Beweisführung. Was Adam im Bösestun für alle Menschen war, das war Christus im Gutestun für seine Nachkommen.

Was bedeutet nun der Ausdruck „die Gabe in Gnade“? Da die Gabe der Gnade der Übertretung Adams und dem Tod gegenübergestellt wird, liegt der Gedanke nahe, dass dieser Ausdruck – obwohl er allgemein ist – auf das ewige Leben hinweist, das durch Jesus Christus zu den vielen überströmend geworden ist. Das findet seine Bestätigung in Römer 6,23: „Die Gnadengabe Gottes [ist] ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.“ Da aber Christus selbst „das ewige Leben“ ist (1. Joh 5,20), könnten wir dann nicht sagen, dass die Gabe in Gnade der Herr Jesus ist? Davon redet auch der bekannte Vers in 2. Korinther 9,15: „Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!“ Adam brachte uns den Tod, aber Christus brachte uns „Leben in Überfluss“ (Joh 10,10).

Wir haben also in Vers 15 sowohl eine Übereinstimmung der beiden Häupter, indem das Tun des einen Auswirkungen auf die vielen hat, als auch eine Gegenüberstellung, nämlich den Tod auf der Seite Adams und die Gnadengabe auf der Seite Christi.

Die Wirkung des Geschehenen

Nun werden weitere Ergebnisse der Handlungen dieser beiden Häupter gegenübergestellt. „Und ist nicht wie durch einen, der gesündigt hat, so auch die Gabe?“ (V. 16). Der eine, der gesündigt hat, ist Adam. Und wie die Auswirkungen seiner Tat immens sind, so sind es auch die Auswirkungen der Gabe Gottes. „Denn das Urteil3 war von einem [d. h. von einer Sache oder Handlung4] zur Verdammnis.“ Die eine Handlung Adams brachte ausnahmslos allen Menschen Verdammnis. Aber die Gnadengabe war von „vielen Übertretungen zur Gerechtigkeit“. Durch die Gnadengabe wurden die, die viele Übertretungen begangen haben, jetzt aber Christus angehören, zur Gerechtigkeit oder zur Rechtfertigung geführt. Hier bedeutet Rechtfertigung den bestehenden Zustand einer vor Gott vorhandenen Gerechtigkeit, der nie mehr geändert wird. Das hat uns die Gabe in Gnade durch das Werk Christi gebracht.

Zusammenfassend haben wir also in Vers 16 wieder sowohl eine Übereinstimmung der beiden Häupter, indem das Endergebnis ihrer Tat jeweils immens ist, als auch eine Gegenüberstellung: die Verdammnis auf der Seite Adams und die Gerechtigkeit auf der Seite Christi.

Der eingetretene Zustand

In Vers 17 werden die Folgen der Handlungen beider Häupter weiter ausgeführt: „Denn wenn durch die Übertretung des einen der Tod durch den einen geherrscht hat, so werden viel mehr die, welche die Überfülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den einen, Jesus Christus.“ Das Erste hatten wir auch schon in Vers 14 gesehen: Durch die Übertretung Adams hat der Tod geherrscht, und er herrscht immer noch und wird bis zum Ende des Tausendjährigen Reiches herrschen. Aber nun kam ein anderer und brachte die Überfülle der Gnade zu all denen, die Ihm angehören. Er brachte die Gabe der Gerechtigkeit. Das tat Er für uns, Er brachte sie zu dir und zu mir. Diese Gabe der Gerechtigkeit ist hier etwas, was Gott mir schenken wollte: eine Gerechtigkeit auf der Grundlage dessen, was ich in Christus geworden bin. Ein Bruder sagte einmal dazu: „Durch die Übertretung Adams wurde das Kleid der Unschuld zerrissen, und durch das Opfer Christi wurden wir mit dem Kleid göttlicher Gerechtigkeit bekleidet.“

Im Nachsatz heißt es, dass die, die die Gabe der Gerechtigkeit empfangen haben – das sind also wir Gläubigen –, im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus. Dies klingt zunächst unlogisch, denn zu Beginn des Verses wurde gesagt, dass der Tod geherrscht hat, und daher erwartet man nun, dass jetzt das Leben herrscht. Doch so steht es da nicht. Nein, Gott schenkt uns mehr. Wir selbst herrschen im Leben, weil wir auf die andere Seite des Todes, in eine neue Welt, die Auferstehungswelt, versetzt worden sind. Das ist es auch, was der Apostel Paulus in Philipper 3,10 sagt: Er wollte die Kraft der Auferstehung des Herrn Jesus kennenlernen, die Kraft des Auferstehungslebens. Er wusste, dass sich diese Kraft bereits jetzt in unserem Leben entfaltet und nicht etwa erst in der Auferstehung beim Kommen des Herrn. Wir leben in der Atmosphäre dessen, der uns dieses Leben gebracht hat. In diesem Leben gehen wir auf, es ist eine neue Art zu leben. Wir wandeln „in Neuheit des Lebens“ (Rom 6,4) und führen ein siegreiches Christenleben.

Wieder haben wir hier sowohl eine Übereinstimmung, indem jeweils die Tat des einen Hauptes seine ganze Nachkommenschaft in denselben Zustand versetzt hat, als auch eine Gegenüberstellung, nämlich die Beherrschung durch den Tod auf der Seite Adams und das Herrschen im Leben auf der Seite Christi.

Reichweite und Ergebnisse

Die Verse 18 und 19 führen nun den in Vers 12 begonnenen Gedanken fort. Sie geben eine wunderbare Antwort auf das dort aufgeworfene Problem. Dies bestand darin, dass durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und dadurch der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist. Und jetzt lernen wir, dass durch die Gerechtigkeit des einen Menschen Jesus Christus diejenigen, die das Angebot der Gnade annehmen, zur Rechtfertigung des Lebens gelangen.

Doch wir wollen diese beiden Verse genauer untersuchen. Sie beinhalten zwei wichtige Grundsätze: In Vers 18 haben wir die Reichweite der Tat Adams und des Werkes des Herrn Jesus, und in Vers 19 haben wir die tatsächlichen Ergebnisse dieser zwei Handlungen. Wir können auch sagen, dass wir in Vers 18 die Sühnung und in Vers 19 die Stellvertretung vor uns haben.

Gegen alle – Verdammnis und Rechtfertigung

In Vers 18 heißt es, dass es durch eine Übertretung – das ist die Übertretung Adams – „gegen alle Menschen zur Verdammnis gereichte“. Wir müssen hier die Worte „gegen alle“ betonen. Sie zeigen, was für eine Reichweite die Tat hat. Es geht nicht darum, ob jemand tatsächlich verloren geht oder ob er der Verdammnis entrinnt, indem er an das Werk des Herrn Jesus glaubt. Insgesamt gesehen richtet sich die Folge der Übertretung Adams gegen alle Menschen.

Dasselbe gilt nun für die Rechtfertigung. Im zweiten Teil von Vers 18 steht, dass es „durch eine Gerechtigkeit gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens“ gereicht. Das ist der Gedanke der Sühnung, der schon in Römer 3 vorkommt: „Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle“ (V. 22). Das heißt, der Herr hat ein Werk getan, das ausreicht zur Rechtfertigung aller Menschen. So groß und so gewaltig ist das Werk! Das entspricht dem, was in Titus 2,11 steht: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen.“ Da ist keiner ausgenommen. Der Herr Jesus gab sich selbst „als Lösegeld für alle“ (1. Tim 2,6). Das ist ein gewaltiges Werk! Niemand muss verloren gehen, denn das Sühnungswerk des Herrn reicht aus zur Rettung aller Menschen, also „gegen alle“! – Doch genauso wie man der Verdammnis entgehen kann, so kann man auch der Rechtfertigung „entgehen“. Man wird sie nicht erlangen, wenn man sie durch Unglauben „verwirkt“. So spricht Vers 18 von der Verdammnis und der Rechtfertigung „gegen alle“ und nicht „auf alle“.

Um den Ausdruck „Rechtfertigung des Lebens“ zu verstehen, müssen wir uns zuerst vergegenwärtigen, was Rechtfertigung überhaupt bedeutet. Wir finden den Ausdruck schon in Kapitel 3,20 und speziell in Kapitel 4,25, aber ohne den Zusatz „des Lebens“. Zunächst möchte ich an einem Beispiel zeigen, dass Rechtfertigung und Vergebung zwei verschiedene Dinge sind: Der Sohn eines gläubigen Christen übertrat oft die Gebote seines Vaters. Der Vater hatte die Angewohnheit, wenn sein Sohn gesündigt hatte, einen Nagel in ein Brett zu schlagen, das an der Wand hing. Wenn nun der Sohn das Vergehen bekannt hatte, vergab ihm der Vater und zog den Nagel wieder heraus. Das ist Vergebung! – In gewissen Abständen aber kam der Opa zu Besuch. Der schaute als Erstes auf das Brett, um die Nägel zu zählen. Manchmal war kein Nagel mehr darin, aber dann zählte er die frischen Löcher „.Sechs!“ Dann sagte er: „So, sechsmal bist du schon wieder ungehorsam gewesen!“ Dem Vater wurde klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Deshalb spachtelte er alle Löcher sorgfältig zu und überstrich sie mit weißer Farbe. Das tat er auch mit jedem neu entstandenen Loch. Als der Opa wieder kam, freute er sich, dass kein einziges Loch zu sehen war. Das ist Rechtfertigung! – Rechtfertigung bedeutet, so vor Gott zu stehen, als ob man nie etwas Böses getan hätte.

Aber der Begriff „Rechtfertigung des Lebens“ geht noch weiter. Er bedeutet, in einer neuen Stellung vor Gott zu sein – auf der Seite des Lebens zu stehen und nicht mehr auf der Seite des Todes. Diese Rechtfertigung wird durch das Auferstehungsleben des Herrn Jesus charakterisiert. Das geht weiter als das, was wir über Rechtfertigung in Kapitel 3 und 4 lesen.

Auch hier müssen wir wieder auf die Gegenüberstellungen achten. Die Rechtfertigung des Lebens wird der Verdammnis gegenübergestellt, wie vorher in Vers 17 das Herrschen im Leben der Herrschaft des Todes gegenüberstand. Diese Gegensätze machen uns dankbar. Sie zeigen jedes Mal, dass die Gnade mehr bringt als das, was durch Adam verloren gegangen ist.

Stellung von Gerechten

In Vers 19 finden wir die tatsächlichen Ergebnisse davon, was Adam bzw. Christus getan haben. „Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen [Adam] die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind“ – das sind jetzt wieder die, die der Familie Adams angehören, also alle Menschen – „so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“ – das ist wieder die Familie des Christus. Beachten wir die beiden Gegenüberstellungen: Erstens der Ungehorsam des Adam gegenüber dem Gehorsam des Christus, zweitens die Stellung von Sündern gegenüber der Stellung von Gerechten.

Daraufhin wird gezeigt, wie das für den Einzelnen wahr wurde. In die Stellung von Gerechten werden nur die gesetzt, die das Werk des Herrn Jesus annehmen. Nur für diese ist Er stellvertretend gestorben. Das Werk geschah zwar „gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens“, aber der Einzelne muss es persönlich annehmen. Und nur von solchen kann gesagt werden, dass der Herr Jesus am Kreuz ihre Stelle eingenommen hat und sie in den Genuss des Segens seines Werkes kommen. Der Herr Jesus bezog sich auf die Stellvertretung, als Er davon redete, dass der Sohn des Menschen gekommen sei, sein Leben als Lösegeld zu geben für viele (Mt 20,28; siehe auch Jes 53,12). In 1. Timotheus 2,6 heißt es jedoch, dass Er sein Leben als Lösegeld für alle gegeben hat. Da geht es um Sühnung. Diese beiden Seiten des Werkes des Herrn Jesus müssen wir gut verstehen. Das Angebot der Gnade richtet sich „gegen alle“, aber es kommt nur „auf alle, die glauben“ (Röm 3,22).

Hast du geglaubt? Noch einmal steht das Angebot der Gnade vor dir. Das Sühnungswerk des Herrn Jesus auf Golgatha richtet sich gegen alle. Der heilige Gott ist angesichts des Werkes des Herrn Jesus völlig zufriedengestellt. Seinen Forderungen ist begegnet worden. Ihm gegenüber ist Sühnung geschehen, und jetzt kann Er allen Menschen das Angebot der Gnade machen. Hast du es angenommen zur Rechtfertigung des Lebens? Bist du in die Stellung eines Gerechten gesetzt – oder noch nicht? Nimm es heute an! Wenn du es nicht persönlich in Anspruch nimmst, wenn du nicht Buße tust und dich bekehrst, dann bleibst du in der Stellung der Sünder. Aber wenn du es annimmst, dann kommst du in die Stellung von Gerechten.

Was bedeutet es, in der Stellung von Gerechten zu sein? Das bedeutet nicht eine Zurückversetzung in den Zustand Adams vor dem Sündenfall, in den Zustand der Unschuld. Nein, das bedeutet, dass wir vor Gott in derselben Stellung stehen, in der sein eigener Sohn steht – eingehüllt in die Gnade von Golgatha! Christus wurde Mensch und bewirkte durch seinen Gehorsam viel mehr, als was Adam verwirkt hatte. Deshalb werden wir nicht in den Zustand der Unschuld, sondern in die Stellung von Gerechten versetzt.

Der Gehorsam des Einen

Dieser Gehorsam Christi muss uns beeindrucken. Dabei möchte ich zunächst unsere Gedanken auf das bekannte Zitat aus Psalm 40 lenken: „Da sprach ich: Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), um deinen Willen, o Gott, zu tun“ (Heb 10,7). Das ist eine Beschreibung des Gehorsams des Einen. Er ist gekommen, nicht um seinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der Ihn gesandt hatte (Joh 6,38). Ist es uns bewusst, was dieser Wille beinhaltete und was es für Ihn bedeutete, diesen Willen auszuführen? Er war gehorsam „bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8). Es war ein absolut freiwilliger Gehorsam. Das sehen wir in Johannes 10: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse ... Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen“ (V. 17.18). Außerdem war es ein reiner Gehorsam. In Gethsemane sagte der Heiland: „Vater, wenn du willst, so nimm diesen Kelch von mir weg.“ Wie hätte Er wünschen können, zur Sünde gemacht zu werden! Aber trotzdem fährt Er fort: „Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ (Lk 22,42). Welch ein absolut reiner Gehorsam!

Liebe und Gehorsam zu seinem Gott und Vater und Liebe zu uns, den Verlorenen, ermöglichte diese herrliche Antwort Gottes auf das Problem der in uns wohnenden Sünde.

Gesetz und überströmende Sünde

Vers 20 greift noch einmal zurück auf Vers 13, wo es um das Gesetz ging. Das Gesetz lief in der Zeitepoche zwischen Adam und Christus „neben her“ oder – wie es Vers 20 ausdrückt – kam „daneben ein“. Wozu kam es? Warum hat Gott es gegeben? Um eine Gerechtigkeit auf der Basis eigener Werke zu ermöglichen? Nein, natürlich nicht, denn Paulus schreibt: „...indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist“ (Phil 3,9). Außerdem würde dies der Feststellung widersprechen: „Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden“ (Rom 3,20). Brachte es Leben? Nein. „Denn wenn ein Gesetz gegeben worden wäre, das lebendig zu machen vermöchte, dann wäre wirklich die Gerechtigkeit aus Gesetz“ (Gal 3,21).

Dieser Vers im Römerbrief belehrt uns, wozu das Gesetz gegeben wurde: „... damit die Übertretung überströmend würde.“ Durch das Gesetz traten die Früchte der Sünde überdeutlich hervor und wurden zur Übertretung: der Eigenwille des Menschen, sein Hochmut, die Lust, die Leidenschaft, der Ungehorsam. All das wurde durch das Gesetz als Sünde offenbar, so dass niemand mehr auf irgendetwas stolz sein konnte.

Leider bringt nun das Gesetz bei uns schwer zu verbindende „Wirkungen“ hervor: Auf der einen Seite gebietet es einem sündigen Menschen, nicht zu sündigen, und dieser bemüht sich vergeblich darum, es zu halten. Auf der anderen Seite aber wird im Menschen durch das Gesetz „jede Begierde“ bewirkt (Röm 7,8). So wird nun nicht nur die Übertretung, sondern auch die Sünde an sich überströmend.

Überreichliche Gnade durch Gerechtigkeit

Doch die Antwort Gottes hierauf ist Gnade: Sie ist überreichlich und überflutet selbst diese überströmende Sünde des Menschen, „damit, wie die Sünde geherrscht hat im Tod“ – das haben wir in Vers 17 betrachtet – „so auch die Gnade herrsche“ (V. 21). Die Gnade herrscht, nicht das Gesetz. Gott sei Lob und Dank! Wir sind nicht wieder unter ein Gesetz gekommen, nein, die Gnade herrscht. Es ist auch noch nicht die Gerechtigkeit, die herrscht. Das wird in der Zukunft im Tausendjährigen Reich geschehen.

Jetzt herrscht die Gnade durch Gerechtigkeit. Ein wunderbarer Satz. Die Gnade herrscht nicht auf Kosten der Gerechtigkeit, denn der Herr hat durch sein Werk auf dem Kreuz die gerechten Forderungen Gottes in Bezug auf die Sünde völlig erfüllt. Gott ist gerecht, wenn Er „den rechtfertigt, der des Glaubens an Jesus ist“ (Röm 3,26), weil Er Sünde nicht zweimal bestrafen kann.

Nachdem sich die Liebe und Gnade Gottes in der Sendung und Opferung seines Sohnes erwiesen hatten, erwies sich Gottes Gerechtigkeit darin, dass Er den, der Ihn im Leben und im Sterben unendlich verherrlicht hatte, zu seiner Rechten setzte. Kurz vor dem Kreuz sagte der Herr Jesus: „Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm.“ Das geschah auf Golgatha. Dann fügte Er hinzu, dass „Gott ihn verherrlichen [wird] in sich selbst, und sogleich wird er ihn verherrlichen“ (Joh 13,31.32). Das bedeutet, dass Gott Ihn zu seiner Rechten setzen würde. Johannes 16,10 entnehmen wir, dass dies von Seiten Gottes ein Akt der Gerechtigkeit war. Gott handelte im Blick auf seinen Sohn, der Ihn verherrlicht hatte, gerecht, als Er Ihm den Platz zu seiner Rechten gab. Man kann auch sagen, dass Gott Ihm gerechterweise diesen Platz geben musste – den Platz, den Er als Sohn immer innehatte und den Er sich jetzt auf der Grundlage seines vollbrachten Erlösungswerks als Mensch erworben hatte. Wunderbar ist, dass wir nun Anteil an den Ergebnissen seines Werkes haben! Der Heiland ist für uns gestorben, wir sind gerechtfertigt und haben jetzt ein Leben, das die ewige Herrlichkeit zum Ziel hat. Vom Kreuz fließt jetzt ein Strom der Gnade, und zwar durch den Kanal der Gerechtigkeit. Dieser Strom mündet in die Heimat des ewigen Lebens. Alles ist durch Jesus Christus geworden. Das ist die herrliche Antwort Gottes auf das Überströmen der Sünde des Menschen!

Fußnoten

  • 1 Dies darf nicht verwechselt werden mit der „Zurechnung der Gerechtigkeit“ (Röm 4,23.24). Da wird eine Person (Abraham) aufgrund ihres Glaubens an Gott gerecht gesprochen.
  • 2 Im Sinn von „Vorausbild“.
  • 3 Oder das Gericht (vgl. Anmerkung in Elberfelder Übersetzung).
  • 4 Vgl. Anmerkung in Elberfelder Übersetzung.
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