Hat Gott Menschen geschaffen, die zum Verderben bestimmt sind?

Hat Gott einige Menschen extra erschaffen, um sie dann ins Verderben laufen zu lassen?

Bibelstelle(n): Römer 9,18

Die Frage steht in enger Verbindung mit der Auserwählung der Gläubigen vor Grundlegung der Welt in Epheser 1,4. Allgemein betrachtet geht es im Epheserbrief um die Segnungen, die ein Gläubiger hat. In Vers 4 geht es nicht um die Segnungen direkt, sondern um Gottes Vorbereitung, damit der Gläubige die Segnungen überhaupt empfangen kann. Schon bevor er die Welt schuf, hatte Gott die Gläubigen aus der ganzen Menge der Menschen auserwählt, damit sie an ihn glauben würden und heilig und tadellos vor ihm seien. Wenn jemand an den Herrn Jesus Christus und sein Werk auf Golgatha glaubt, dann tut er das, weil Gott ihn erwählt hat.

Wenn Gott Menschen zum Leben erwählt hat, hat er dann auch Menschen zur Verdammnis erwählt? Nein! Über der ganzen Menschheit steht das Urteil des Todes, denn alle haben gesündigt (Röm 3,23) und der Lohn der Sünde ist der Tod (Röm 6,23)! Gott in seiner Liebe wählte einige aus und erweist ihnen seine Gnade. Ist das ungerecht? Nein! Gerecht wäre es gewesen, wenn Gott alle Menschen richten würde, denn das ist genau das, was dem Menschen zusteht. Aber genau auf diese Frage geht Römer 9 ein. Kurz gesagt handelt der Römerbrief von Gottes Gnade – von unserem verdorbenen, sündigen Leben und von dem, wozu Gott uns in seiner Gnade gemacht hat. Im neunten Kapitel geht der Apostel Paulus auf die Autorität und die Souveränität Gottes ein. Wir müssen festhalten, dass Gott als der Schöpfer mit seinen Geschöpfen machen kann, was er will – sei es begnadigen oder verhärten (Röm 9,18). Es ist bemerkenswert, dass hier nicht das Gegenteil von begnadigen: „verdammen, verurteilen“, sondern verhärten steht. Verhärten ist eigentlich schon ein zweiter Schritt. Gott in seiner Langmut (Neh 9,17; 2. Pet 3,9; Röm 9,22) spricht mehrmals zu den Menschen (Hiob 33,29). Doch viele Menschen wollen nicht auf Gott hören und bleiben in ihrem sündigen Leben (Röm 1,16-32). Erst darauf hin reagiert Gott auf ihre Ablehnung. Gott macht den Menschen nicht sündig und böse, sondern lässt ihn in dem Zustand, indem er durch die Sünde schon ist.

Der Pharao zur Zeit Moses ist ein abschreckendes Beispiel dafür (2. Mo 5; Röm 9,17). Gott sprach mehr als zwei- bis dreimal zu dem Pharao, doch er lehnte Gott immer ab: „Wer ist der HERR, auf dessen Stimme ich hören soll?“ (2. Mo 5,2.) Daraufhin verhärtete Gott selbst den Pharao (2. Mo 11,10). Es ist des Menschen eigene Schuld und Verantwortung, dass es dazu kommt, aber dennoch beschwert er sich (Röm 9,19). Vorwurfsvoll fragt er: „Was soll ich machen? Ich kann doch nur das sein, wozu mich Gott gemacht hat. Wenn ich sündige, ist das nicht meine Schuld, sondern Gottes.“ Dieser Anklage wird schnell in Vers 20 und 21 entgegnet: „Wer bist du denn, o Mensch, der du das Wort nimmt gegen Gott?“ Wir sind Geschöpfe des allmächtigen, souveränen Gottes. Was gibt uns das Recht, Gott anzuklagen?

In Vers 20 verdeutlicht Paulus das Ganze noch mal, indem er das Bild eines Töpfers benutzt. Gott als dem Töpfer steht es völlig frei, in seiner Macht sowohl Gefäße zur Ehre als auch Gefäße zur Unehre zu schaffen, so, wie es ihm gefällt. Gott handelt, wie er will, und braucht niemanden Rechenschaft über sein Handeln zu geben. Hat Gott also doch Gefäße zur Unehre geschaffen? Nein! Vers 22 spricht von „Gefäßen des Zorns, die zubereitet sind zum Verderben“, Vers 23 spricht von „Gefäßen der Begnadigung, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat“. Beide Verse haben einen großen, bemerkenswerten Unterschied, der leider im Deutschen nicht ganz deutlich wird. Im griechischen Urtext werden hier zwei verschiedene Worte benutzt: καταρτίζω (engl. fitted = angepasst; V. 22) und προετοιμάζω (engl. prepared = zuvorbereitet; V. 23). In Vers 22 steht nicht, dass Gott sie zum Verderben zubereitet hätte, sondern es ist ihr eigenes sündiges Verhalten, das sie in diesen Zustand gebracht hat. Gott reagiert hier auf die freie Entscheidung des Menschen, sich in seiner Verantwortung gegen Gott aufzulehnen, mit Verhärtung. Bei den Gefäßen zur Ehre ist das anders: Gott hat sie vor Grundlegung der Welt zur Herrlichkeit auserwählt und zuvorbereitet (Eph 1,4; Röm 9,23).

In diesen Versen sehen wir auf der einen Seite die Verantwortung des Menschen und auf der anderen die Gnade Gottes und seinen Ratschluss. Es ist 100% Verantwortung und gleichzeitig 100% Gnade, auch wenn uns das zunächst unvereinbar scheint. Es ist wie bei einer Schiene: beide „Schienenstränge“ – Gnade und Verantwortung – laufen immer parallel und werden sich nie schneiden. Nur weit am Horizont scheinen sie sich zu treffen und genau dort steht das Kreuz, an dem unser Herr starb. Es war Gottes Ratschluss, der sich dort erfüllte, und doch trägt der Mensch die volle Verantwortung für das, was er getan hat (Apg 2,23). Menschlich gesehen ist das nicht logisch – aber wunderbar!

Halten wir fest: Gott hat Menschen auserwählt, in seine Herrlichkeit einzugehen, aber er hat keinen zum Verderben zuvorbestimmt. Wenn Gott einen Menschen verhärtet, dann ist das nur die Reaktion Gottes auf dessen Ablehnung ihm gegenüber und damit die Folge seiner eigenen Entscheidung gegen Gott.


Online seit dem 23.07.2008.


Ihre Nachricht