Die Entrückung der Gläubigen
Gehen Kinder Gottes durch die große Drangsal?

Einleitung

Die Entrückung der Gläubigen

Ein herrliches, ein gewaltiges Ereignis steht den Kindern Gottes bevor. Es wird ihr bisheriges Leben augenblicklich und total verändern. An einem Tag, der wie jeder andere begann, wird plötzlich und von den Menschen unerwartet der Herr Jesus kommen. Mit göttlicher Macht und in der Kraft Seiner Auferstehung wird Er die Seinen aus dieser Welt wegnehmen und sie zu Sich in die Herrlichkeit bringen, in das „Haus Seines Vaters“, das völlig außerhalb dieser Welt liegt. Und sind sie erst einmal an diesem wunderbaren Ort angekommen, werden sie für immer dort bleiben. Unbeschreibliche Glückseligkeit wird in Ewigkeit ihr Teil sein.

Die Menschen dieser Welt werden von den außergewöhnlichen Vorgängen selbst nichts wahrnehmen. Nur eines wird auch für sie unübersehbar, wenn auch unerklärbar, sein: Ungezählte Menschen, die mit ihnen hier auf der Erde gelebt haben, sind auf einmal nicht mehr auffindbar. Nicht, dass sie gestorben wären; nein, aber sie werden hier nicht mehr gefunden. Die Heilige Schrift indes gibt uns schon heute Aufschluss darüber, was dann mit ihnen geschehen sein wird: Diese Menschen haben das erlebt, wovon sie oft gesprochen hatten und worauf sie mit Ausharren gewartet haben – die Entrückung.

Aber es gibt noch ein anderes umwälzendes Geschehen, an dem die Gläubigen – allerdings zu einem späteren Zeitpunkt und von einem anderen Standpunkt aus – teilhaben werden: an der Erscheinung Christi in Macht und Herrlichkeit. Wenn Er aus dem Himmel herabkommen wird, um Seine Feinde auf der Erde zu vertilgen, dann werden sie mit Ihm aus dem Himmel hervortreten und Ihn auf Seinem Siegeszug begleiten. Und hat Christus im göttlichen Gericht Seine Feinde zertreten, wird Er hier auf der Erde Sein tausendjähriges Friedensreich aufrichten, zur Verherrlichung Gottes und zum Segen für die Menschen.

Nun ist es sehr wichtig, diese beiden Seiten des Kommens Christi voneinander zu unterscheiden (ohne sie allerdings voneinander zu trennen). Gott stellt uns in Seinem Wort wiederholt eine besondere Wahrheit oder Lehre vor, der eine andere Wahrheit gleichwertig gegenübersteht. Oder Er gibt uns verschiedene Seiten ein und derselben Wahrheit. Sie widersprechen sich natürlich nicht, aber sie ergänzen einander. Und um die ganze Wahrheit in dem bestimmten Punkt zu kennen und zu genießen, muss man beide Seiten beachten. Andernfalls besteht tatsächlich die Gefahr, dass man nicht nur diesen oder jenen Teil der Wahrheit Gottes, sondern den Genuss sowohl der einen als auch der anderen Seite verliert.

Ich mache das einmal an einem Beispiel deutlich. Wenn wir nicht mehr die Unterschiede zwischen dem Ratschluss Gottes mit Israel und dem Ratschluss Gottes mit der Versammlung, der Kirche, erkennen, kommen uns das Verständnis und der Genuss sowohl der einen wie auch der anderen Seite der Wahrheit abhanden. Denn wir werden dann nicht mehr klar verstehen, welche gesegneten Absichten Gott mit Seinem irdischen Volk vor alters, mit Israel, verfolgt. Noch weniger werden wir die ungleich höhere Zielsetzung Gottes für Sein himmlisches Volk, Seine Versammlung, erfassen.

Ist das tatsächlich so unheilvoll? Ja. Als Erstes verlieren wir nämlich den Genuss der uns geschenkten christlichen Stellung und Hoffnung. Unsere Segnungen in den himmlischen Örtern (Eph 1,3) werden auf dem (niedrigeren, weil irdischen) Niveau der Stellung Israels angesiedelt. Und wenn die christliche Stellung, wenn die Versammlung nichts anderes ist als eine „geistliche Fortsetzung Israels“, dann reiht uns das zwangsläufig in die irdische Szene, in die Welt ein. Das ist in der Tat unheilvoll! Aus Himmelsbürgern sind Erdenbürger geworden!

Doch wir verlieren noch etwas. Wir erkennen nicht mehr, dass Gott Seine schon im Alten Testament ausgesprochenen Verheißungen Israel gegenüber wahr machen wird. Deswegen hat Israel eine Zukunft.1 Und wenn dieses Volk auch noch durch unvergleichliche Drangsale wird gehen müssen, am Ende wird Sich Christus inmitten eines Überrestes aus diesem Volk verherrlichen. Gott wird Seinen Sohn, den Erstgeborenen, noch einmal in den Erdkreis einführen. Dann werden Ihn nicht nur alle Engel Gottes anbeten, sondern Er wird auch hier auf der Erde ein Reich haben. Ein Zepter der Aufrichtigkeit wird das Zepter Seines Reiches sein (Heb 1,6–8). Freuen nicht auch wir uns darüber, dass unserem Herrn und Erlöser einmal hier, wo Er verworfen und verachtet wurde, jede Ihm zustehende Ehre zuteilwerden wird? Kann es uns kalt lassen, wenn dem Herrn Jesus die Herrschaft nicht nur über Israel, sondern über die ganze Erde anvertraut wird? Und überdies, wir werden Ihn bei allem, was Er tut, begleiten!

Wie wichtig ist es daher, unsere christliche und damit himmlische Stellung unterscheiden zu lernen von der irdischen Stellung Israels im kommenden Reich! Unsere Hoffnung ist auf den Himmel gerichtet, dort ist „unser Bürgertum“ (Phil 3,20).

Damit sind wir bereits wieder auf unseren Gegenstand zurückgekommen, der uns im Folgenden beschäftigen soll. Auch hier können wir von zwei Teilen oder zwei Seiten der göttlichen Wahrheit sprechen. Was uns das Wort Gottes über die Ankunft Christi sagt, können wir entweder der einen oder der anderen Seite zuordnen. Die beiden Seiten in Bezug auf das Wiederkommen des Herrn sind

  • die Entrückung der Gläubigen und
  • die Erscheinung Christi oder der Tag des Herrn.

Auch hier hat die Verquickung beider Wahrheiten viel Unsegen gebracht und dazu geführt, dass die tägliche Erwartung des Herrn Jesus zur Entrückung der Seinen in der Christenheit weitestgehend verloren ging. Man weiß wohl etwas über den so genannten „jüngsten Tag“, aber eine Entrückung von Gläubigen – gibt es das? Dabei ist gerade dieses Ereignis nach den Gedanken Gottes die eigentliche christliche Hoffnung. Jeden Augenblick kann sie in Erfüllung gehen.

Deswegen möchte ich mit dieser Arbeit in erster Linie versuchen, den gläubigen Leser anhand der Aussagen der Heiligen Schrift zu dieser überaus gesegneten Wahrheit und Erwartung hinzuführen. Wenn auch die andere Seite des Kommens des Herrn, Seine Erscheinung in Macht und Herrlichkeit, bei dieser Arbeit nicht im Vordergrund steht, so möchte ich doch auch darauf eingehen und die Unterschiede zwischen den beiden Aspekten des Kommens des Herrn aufzeigen. Nicht fehlen soll schließlich ein Blick in das prophetische Wort, um der Frage nachzugehen: In welcher Beziehung steht die Entrückung zu den prophetischen Ereignissen? Das wird die oft gestellte Frage klären helfen, ob die Kinder Gottes der Gnadenzeit durch die Drangsalszeit zu gehen haben. Bei alledem möchte ich versuchen, zu differenzieren, ohne zu trennen: das auseinanderzuhalten, was unterschieden werden muss, und trotzdem die große Linie im Auge zu behalten, die alles miteinander verbindet.

Schenke es uns der Herr, dass wir so die bestehenden Unterschiede der göttlichen Wahrheit wieder klarer zu erkennen vermögen! Es wäre auch die beste Voraussetzung dafür, mit größerer Hingabe und unmittelbarer Den aus den Himmeln zu erwarten, der gesagt hat: „Ich komme bald; halte fest, was du hast, damit niemand deine Krone nehme!“ (Off 3,11).

Fußnoten

  • 1 Vgl. Da bin Ich in ihrer Mitte, S. 21–66
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