Propheten, Die – Bibel-Lexikon

Die Bücher, welche so bezeichnet werden, bilden einen besonderen und sehr wichtigen Teil der Schrift. Die Prophetie setzt gewöhnlich einen verfallenen Zustand der Dinge unter dem Volk Gottes voraus, der das Handeln des HERRN erfordern. Einige der Voraussagen sind Aufrufe, die das Volk daran erinnern, was Gott für sie getan hatte, und erklären, wie willens er war, sie zu segnen, wenn sie ihm treu sein würden. Mit diesen Appellen an das Volk werden aber auch stets Vorhersagen verbunden, welche die Segnungen Israels in der Zukunft betreffen, nachdem das Volk für eine Zeit beiseite gesetzt worden ist. Andere Aussagen spielen ausdrücklich auf Ereignisse an, die damals zukünftig waren und es heute immer noch sind. Im Ganzen beziehen sich die Propheten auf Israel als einen engeren Kreis oder Hauptschauplatz, auf welchem die Handlungen des HERRN stattfanden und noch stattfinden werden, und mit dem der Messias in unmittelbarem Verhältnis steht. Die Nationen bilden einen äußeren Kreis und werden mehr oder weniger entsprechend ihrem Verhältnis zu den zwölf Stämmem angesehen. Von diesen „Nationen" wird manchmal als den Werkzeugen Gottes gesprochen, durch welche er sein eigenes Volk bestraft und die wiederum selbst danach die Strafe Gottes zu tragen haben. Über allem stehend zeigt sich zudem Gottes universelle Regierung, in welcher letztendlich alles dem Messias unterworfen werden muss, während Gottes Verheißungen an Israel erfüllt werden. Ganz Israel wird wieder unter den Segen gebracht werden, mit dem Herrn in ihrer Mitte, umgeben mit Herrlichkeit, und die Nationen werden zusammen mit ihnen gesegnet werden.

Die prophetischen Schriften sind grundsätzlich in drei Teile aufzuteilen:

1. Solche, welche Israel gegeben wurden, als es noch eine Nation war - trotz der Spaltung in zwei Teile. Die Schriften dieser Kategorie erstrecken sich bis zur Einnahme Judas durch Nebukadnezar.

2. Solche, die sich auf die Zeiten der Nationen beziehen, welche mit Nebukadnezar begannen und sich bis zu den Tagen des Messias auf der Erde fortsetzten und noch anhalten. Die diesbezüglichen Mitteilungen von Seiten Gottes finden sich fast gänzlich im Propheten Daniel.

3. Solche, die gegeben wurden, nachdem ein Teil von Juda aus der Gefangenschaft zurückkehrt war. Der Überrest wurde damals durch die Prophezeiungen von Haggai, Sacharja und Maleachi unterstützt, welche die Zeit des Messias auf der Erde darstellen und darüber hinaus sogar auf zukünftige Segnungen eingehen.

Zusätzlich sei noch auf die Prophezeiungen in den Evangelien, den Briefen und der Offenbarung hingewiesen, welche das Gericht Gottes über die abgefallene Christenheit und die Nationen im Allgemeinen, sowie die endgültige Überwindung Satans und den Segen, der auf die gesamte Erde herabfließen wird, umfassen. All dies endet mit dem Gericht über die Toten und einem herrlichen Ausblick auf den ewigen Zustand.

Es ist vielleicht angebracht, hier einige Worte über die verschiedenen alttestamentlichen Schriften im Hinblick auf Israel zu erwähnen. Es sei vorausgeschickt, dass sich die Propheten Obadja, Jona und Nahum im Besonderen mit Edom und Ninive befassen, also mit Völkern, die immer Feinde von Israel waren. Es gibt nur wenige Hinweise, auf Grund derer man genau die Zeitpunkte der Prophetien von Joel und Habakuk feststellen kann.1 Von den übrigen Propheten fallen Hosea, Amos und Jesaja in die Zeit vor der Gefangenschaft der zehn Stämme. Die Gesichte Jesajas beziehen sich jedoch auf Juda und Jerusalem. Es ist wahrscheinlich, dass das Zeugnis, das allgemein unter dem Ausdruck „die Propheten" bekannt war, in der Zeit Jerobeams II., des Königs von Israel, und Ussijas, welcher gleichzeitig in Juda regierte, begann, was auch immer der Grund dafür sein mag. Die Einführung von prophetischen Schriften zeigte an, dass die normalen Beziehungen des Volkes zu Gott abgebrochen waren, Lo-Ammi war prophetisch auf sie geschrieben worden.

Danach folgt um die Zeit der Wegführung der zehn Stämme der Prophet Micha, dessen Prophezeiungen Samaria und Jerusalem betreffen, obwohl kein persönlicher Hinweis auf einen König von Israel gemacht wird. Es schließen sich die Propheten Zephanja und Jeremia an, die vor bzw. während der Gefangennahme Judas weissagten. Die Propheten Hesekiel und Daniel sprechen vom Land Chaldäa aus, als alle gegenwärtige Hoffnung sowohl für Israel als auch für Juda entschwunden war und die Zeit der Nationen anbrach. Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft haben wir Haggai, Sacharja und Maleachi. Das Zeugnis der Propheten erstreckte sich somit über eine Zeit von 300 bis 400 Jahren.

Die ungefähren Daten zur Wirkungszeit der Propheten können der Tabelle der Chronologie unter Könige entnommen werden.

Die Bücher Jesaja und Jeremia sind bemerkenswert. Das erstere ist höchst umfassend in seinen Prophezeiungen, wobei die verschiedenen moralischen Fragen, die das Handeln Gottes mit Israel betreffen, angesprochen werden. Man kann sagen, dass es ein allgemeines prophetisches Gerüst vorgibt. Das letztere stellt in einer selten rührenden Art die Gefühle vor, die durch den Geist Christi in Bezug auf das Volk Gottes bewirkt wurden, als es keinen Ausweg mehr gab und das vorläufige Ende gekommen war.

Was die Prophetie betrifft, so seien noch zwei Dinge von großer Wichtigkeit angemerkt. Erstens ist festzuhalten, dass keine Prophetie ihre eigene Auslegung mit sich bringt, jede muss an ihrem Platz und im Verhältnis zu dem ganzen System der Prophetie verstanden werden. Zweitens gilt zu beachten, dass der Umfang der Prophetie uns bis zum Tag des Herrn führt, welcher das Gericht über die Nationen und das Böse in Israel, die Errichtung des Königtums und die Wiedervereinigung von Israel und Juda unter dem Herrn, ihrer Gerechtigkeit, einschließt. Dies ist das große Ende von Gottes Wegen auf der Erde. Diese Wiederherstellung und Segnung von Gottes auserwähltem Volk durch ihren Messias kann als ein goldener Faden betrachtet werden, der durch alle Propheten läuft. Dieser Gedanke war immer vor Gott und er erscheint überall in der Schrift.

Es ist von größter Bedeutung sowohl für das richtige Verständnis dieser Schriften als auch für eine richtige Anwendung auf das Christentum, festzustellen, dass die Versammlung in den Propheten keinen Platz hat. In der Versammlung gibt es weder Jude noch Heide, und die Propheten anerkennen beide, wobei sie allerdings sorgfältig den Unterschied zwischen beiden Gruppen beibehalten. Prophetie hat mit der Erde und der Regierung Gottes zu tun; der Christ gehört zum Himmel und er wird mit Christus im Reich regieren. In manchen Übersetzungen des A.T. ist die Überschrift über manchen Kapiteln irreführend, da in ihnen oft von der Versammlung gesprochen wird, die im zugehörigen Text aber niemals gefunden wird. Vielmehr findet man dort Christus und die Offenbarung Gottes. Die prophetischen Schriften, welche seine Wege entfalten und von den Leiden und den Herrlichkeiten des Einen reden, mit dem der Christ vereinigt ist, sind für diesen von tiefem Interesse, obwohl von ihm, dem Christen selbst, nicht unmittelbar gesprochen wird.

Einige Christen, die, obwohl sie gewisse Teile der Prophetie kennen und sich daran erfreuen, nicht den ausschließlichen Bezug auf den Überrest von Israel erkennen, verfehlen das Studium der Prophetie. Nicht wenige betrachten das Studium der Prophetie als nicht nutzbringend. Ihrer Meinung nach ist der Gegenstand der Prophetie zu mysteriös, und die Ausleger unterscheiden sich so sehr in ihren Erklärungen! Ein großes Hindernis zum Verständnis der Propheten ist, dass deren Ausführungen nicht das bedeuten dürfen, was sie eigentlich besagen. Wenn man verstehen würde, dass mit Israel tatsächlich Israel in der Zeit unter der Zucht Gottes, in seiner Wiederherstellung und in seiner zukünftigen irdischen Herrlichkeit gemeint ist, so würde sich eine Menge von Schwierigkeiten auflösen. Viele Reden des Herrn und andere Teile der Schrift können nicht verstanden werden ohne die wahren Umrisse der Prophetie begriffen zu haben. Wenn die Prophetie verstanden wurde, gehen keine der Belehrungen und Tröstungen, welche die unveränderliche Natur und die Wege Gottes betrifft, verloren.

Die zwölf Propheten, die dem Buch Daniel folgen, werden oft die kleinen Propheten genannt, einfach weil sie kürzer sind als die anderen und nicht weil sie minderwertiger wären.

Im Folgenden sind einige prophetische Ereignisse zusammengestellt, die noch auf ihre Erfüllung warten.

1. Die Entrückung der Heiligen, wenn die Toten in Christo auferstehen werden, die Lebenden verwandelt werden und der Tod in Sieg verschlungen sein wird (1. Kor 15,51.52; 1. Thes 4,16.17).

2. Die Rückkehr eines Teiles der Juden nach Palästina, die im Unglauben den Tempel wiederaufbauen, und die Bräuche wieder einführen (Jes 17,10.11; 66,1.3; Off 11,1.2).2

3. Die Wiedererweckung des Römischen Weltreiches, wobei zehn der westlichen Mächte mehr oder weniger unter einem Haupt sein werden. Es wird zuerst eine Schutzherrschaft über die jüdische Nation ausüben (Jes 28,14-18; Dan 2,40-43; 7,7.8; 9,27; Off 17,7.8.10-13).

4. Der Abfall und die Offenbarung des Menschen der Sünde (2. Thes 2,3-12).

5. Die volle Entwicklung des römischen kirchlichen Systems, welches zuerst als eine Hure das Königreich beherrschen, aber danach von den zehn Königen zerstört werden wird (2. Tim 3,1-9; 4,3.4; 2. Pet 2,1-3; Jud 3.4.11; Off 17,1-6.16).

6. Das Hinauswerfen des Teufels und seiner Engel aus dem Himmel, wenn Satan das Tier (das Haupt des Römischen Reiches) und den falschen Propheten (den Antichristen) anspornt. Sie werden die gottesfürchtigen Juden verfolgen, werden die Anbetung des HERRN in Jerusalem abschaffen und dem Götzendienst und der Anbetung des Bildes des Tieres überall Geltung verschaffen. Dadurch wird die Dreieinheit des Bösen gebildet (Dan 7,19-25; 9,27; 11,36-39; 2. Thes 2,4; Off 13,1-18).

7. Die Erscheinung des Herrn mit den himmlischen Heiligen, um Seine Feinde zu richten und sein irdisches Volk zu befreien (Dan 2,34.35.44.45; Mt 24,30; 1. Thes 1,7-10; Off 19,11-21).

8. Die Sammlung der zehn Stämme nach dem Kommen des Herrn, sodass ganz Israel in dem Land unter dem Zepter des Herrn wieder vereint sein wird. Die Regierungszeit Davids ist ein schwaches Abbild dieser zukünftigen Zeitspanne. Israel wird in seinem Land von Gog (Russland) angegriffen werden, der völlig vernichtet werden wird (Jes 11,11-14; Hes 36; 38; 39; Dan 12,2.3; Rö 11,26.27).

9. Die Bindung Satans, wenn die Schöpfung befreit sein wird von der Knechtschaft des Verderbens, und Christus 1000 Jahre in Frieden über die Erde regieren wird, worauf die Herrschaft Salomos vorbildlich hinweist (Ps 72,8.17; Jes 2,4; 11,6-9; 25,6-8; Hab 2,14; Sach 14,9; Rö 8,21.22; Off 20,1-6).

10. Die Freilassung Satans für eine kurze Zeit, in der er die Nationen wieder verführen wird. Sie werden die Heiligen auf der Erde und Jerusalem angreifen, aber der Feind wird durch Feuer vernichtet und Satan wird in den Feuersee geworfen werden (Off 20,7-10). Der ewige Zustand wird dann folgen.

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Red.: Bei Habakuk ist man sich auf Grund des Hinweises auf die Chaldäer in Habakuk 1,6 allerdings sehr sicher, dass die Abfassung seines Buches in die Zeit zwischen 612 und 605 v. Chr. fällt (vgl. "Das Alte Testament im Überblick" von A. Remmers).
  • 2 Anm. d. Red.: Dies hat sich heute schon teilweise erfüllt.