Leben in Weisheit
Das Buch der Sprüche - Vers für Vers praxisnah erklärt

Sprüche Salomos Teil 2

Leben in Weisheit

Dieser zweite Teil des Buches besitzt wieder die Überschrift „Sprüche Salomos“1. Er besteht aus einzelnen Unterweisungen dieses weisen Königs, die jetzt mehr oder weniger unzusammenhängend aneinander gereiht zu sein scheinen. Wie wir sehen werden, kann man aber doch gewisse Zusammenhänge erkennen. Dies versuchen wir durch eine passende Gliederung der einzelnen Kapitel zu verdeutlichen, wodurch manche Verse sogar noch besser verständlich werden. Dabei sind wir uns der Tatsache bewusst, dass auch andere Einteilungen – auch über Kapitelgrenzen hinweg – möglich sind.

Jeder Vers ist kurz und einprägsam und besteht aus zwei Teilen,2 die meistens einen Parallelismus enthalten. Dadurch wird seine Aussagekraft erhöht und wir können die in ihm enthaltene Belehrung besser verstehen. Es werden alle Bereiche unseres Lebens behandelt: das Familienleben, das Eheleben, das Arbeitsleben und das gesellschaftliche Miteinander. Der Grundsatz ist immer derselbe: Der Gerechte erlangt Segen, der Böse empfängt Fluch.

Kapitel 10

In diesem Kapitel geht es im Wesentlichen um den Gegensatz zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen. Dieser Gegensatz entspringt ihrem unterschiedlichen Herzenszustand und offenbart sich in ihren Worten und Taten. Auch ihr Ende kann gegensätzlicher nicht sein.

Hier geben wir eine mögliche Einteilung an:

Spr 10,1: Einleitung der „Sprüche Salomos Teil II“
Spr 10,2–9: Kennzeichen eines profitablen Lebens
Spr 10,10–14: Auswirkungen unserer Worte I
Spr 10,15–17: Das gesicherte Leben
Spr 10,18–21: Auswirkungen unserer Worte II
Spr 10,22–30: Ergebnisse eines Lebens mit oder ohne Gott
Spr 10,31–32: Auswirkungen unserer Worte III

10,1 „Sprüche Salomos. Ein weiser Sohn erfreut den Vater, aber ein törichter Sohn ist der Kummer seiner Mutter.“ (Spr 15,20)

Dieser Vers kann als Überschrift für diesen Teil der Sprüche benutzt werden. Die Basis für ein Leben in Weisheit wird im Elternhaus gelegt. Dafür sind Vater und Mutter gleicherweise verantwortlich. Jedem fallen dabei unterschiedliche Aufgaben zu, aber insgesamt ergänzen sie sich in der Erziehungsarbeit. Ihr gemeinsames Ziel ist, ihr Kind zur Furcht des Herrn hin zu erziehen, was aller Weisheit Anfang ist. „Ihr Väter …, zieht sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn“ (Eph 6,4).

Doch der Sohn bzw. die Tochter ist auch selbst dafür verantwortlich, sich durch die Bemühungen der Eltern formen zu lassen. Es ist eine große Freude für Eltern, wenn ihr Kind sich zu dem Herrn Jesus bekehrt, wenn es die Bibel liest, wenn es Fortschritte im Glauben macht und die biblische Wahrheit auslebt. Es sind nicht so sehr die irdischen Sorgen, die Eltern zur Verzweiflung bringen. Schlechte Schulnoten, fehlender Ausbildungsplatz, Unfall oder Krankheit können schwer belasten, doch noch trauriger stimmt es Eltern, wenn sich ihr Kind zu einem „törichten“ Menschen entwickelt und einen eigenwilligen Weg geht.

► Wenn du gläubige Eltern hast: Ist dir bewusst, welch einen enormen Einfluss du auf ihr Glück hast? Frage dich: Bin ich meinen Eltern eher zur Freude oder eher zum Kummer?

10,2–9: Zunächst werden wir mit den Kennzeichen eines profitablen Lebens vertraut gemacht: Gerechtigkeit (V. 2.3.6.7), Fleiß (V. 4.5) und Gehorsam (V. 8.9).

10,2 „Schätze der Gottlosigkeit nützen nichts, aber Gerechtigkeit errettet vom Tod.“ (Spr 11,4)

Was sind „Schätze der Gottlosigkeit“? Es ist alles das, was wir ohne Gottes Zustimmung und Hilfe erlangt haben. Das mag eine Zeitlang befriedigen, nützt aber letztendlich nichts. Dadurch kann man dem (ewigen) Tod nicht entgehen. Der Prophet Hesekiel schreibt: „Ihr Silber und ihr Gold wird sie nicht erretten können am Tag des Grimmes des Herrn; ihren Hunger werden sie damit nicht stillen und ihren Bauch damit nicht füllen“ (Hes 7,19; vgl. Mt 16,26).

Gott besitzt eine vollkommene Gerechtigkeit. Wer sich in seinem Verhalten auf Gottes Wort berufen kann, handelt gerecht. Von so einem sagt die Bibel viermal: „Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben“ (Hab 2,4; vgl. Spr 12,28).

■ Ergänzend sei erwähnt, was Paulus uns über die neue Stellung der Gläubigen mitteilt. Er sagt, dass „die, welche die Überfülle … der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen“ werden (Röm 5,17).

10,3 „Der Herr lässt die Seele des Gerechten nicht hungern, aber die Gier der Gottlosen stößt er zurück.“

David hatte in seinem Leben viel Not erlebt, aber er schreibt: „Ich war jung und bin auch alt geworden, und nie sah ich den Gerechten verlassen, noch seine Nachkommenschaft um Brot bitten“ (Ps 37,25). Das bestätigt sich auch in manchen biblischen Begebenheiten.3

Es geht hier nicht nur um Nahrung für unseren Körper, sondern insbesondere um geistliche Nahrung. Gott lässt uns keinen Hunger leiden, sondern gibt uns das, was wir für den inneren Menschen benötigen.

Der Gottlose verachtet seinem Wesen entsprechend alles, was aus Gottes Hand kommt. Ein weiteres Merkmal ist seine „Gier“, durch die er seine Unmäßigkeit offenbart. Aus beiden Gründen wird er niemals satt.

10,4 „Wer mit lässiger Hand schafft, wird arm; aber die Hand der Fleißigen macht reich.“

In Vers 3 steht die Gnade Gottes im Vordergrund, hier die Verantwortung des Menschen. Er soll für sein eigenes Brot arbeiten. Der Sündenfall bewirkte, dass diese Arbeit unangenehm wurde: „Im Schweiß deines Angesichts wirst du dein Brot essen“ (1. Mo 3,19). Daher laufen wir Gefahr, „lässig“ zu werden.

Der Christ heiligt seine Arbeit, indem er sie nicht lässig, sondern in Treue „als dem Herrn“ ausführt (Kol 3,23). Das gilt auch für geistlichen Dienst: „Im Übrigen sucht man hier an den Verwaltern, dass einer für treu befunden werde“ (1. Kor 4,2). Wir sollen also sowohl im irdischen wie auch im geistlichen Bereich fleißig sein.

Der Israelit wurde mit Reichtum gesegnet, wenn er gerecht und fleißig war. Das ist im Christentum anders. Materielle Armut ist nicht unbedingt eine Folge von Faulheit oder mangelnder Gottesfurcht. Ebenso wenig ist materieller Reichtum immer die Folge von Fleiß. Aber Fleiß im geistlichen Bereich bringt Reichtum im geistlichen Bereich. Wer Gottes Wort eifrig studiert, empfängt daraus Segen.

10,5 „Wer im Sommer einsammelt, ist ein einsichtsvoller Sohn; wer zur Erntezeit in tiefem Schlaf liegt, ist ein Sohn, der Schande bringt.“

Sommer ist Erntezeit. Da gilt es, für den kalten Winter vorzusorgen (Spr 6,8). Es gibt Lebensphasen, da hat man Zeit und Energie. Es gibt andere Phasen, die von Hektik oder aber von Antriebslosigkeit oder Krankheit geprägt sind. Selbst ungläubige Menschen treiben Vorsorge für schlechte Zeiten. Wie viel mehr sollten Kinder Gottes zukunftsorientiert handeln. „So lehre uns denn zählen unsere Tage, damit wir ein weises Herz erlangen!“ (Ps 90,12).

Die Jugendzeit ist gut geeignet, sich intensiv mit der Bibel zu beschäftigen. Der Geist ist noch frisch und lernfähig. Viele Ältere haben davon profitiert, dass sie als Kind regelmäßig Bibelsprüche gelernt haben.

Doch Gott schenkt auch andere Ernte-Gelegenheiten im Leben. Der Herr Jesus sagt seinen Jüngern: „Erhebt eure Augen und schaut die Felder an, denn sie sind schon weiß zur Ernte“ (Joh 4,35). Wenn Gott Türen öffnet, beispielsweise für die Verbreitung des Evangeliums, sollen wir anpacken! Manche gute Gelegenheit in unserem Leben kehrt nie wieder. Der Herr warnt: „Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann“ (Joh 9,4).

■ Der ungerechte Verwalter wurde gelobt, obwohl er seinem Herrn Schaden zugefügt hatte. Mit dem Geld seines Herrn hatte er sich nämlich im Hinblick auf schlechtere Zeiten Freunde gemacht (Lk 16,1–9). Sein Herr lobt ihn, weil er Vorsorge für die Zukunft traf.

► Verschlafe dein Leben nicht – denk an die Zukunft! Bringe keine „Schande“ über deinen Herrn!

10,6 „Dem Haupt des Gerechten werden Segnungen zuteil, aber der Mund der Gottlosen birgt Gewalttat.“ (Spr 10,11)

Gerechtigkeit lohnt sich! Hier werden dem Gerechten Segnungen versprochen, die gleichsam als Krone oder auch als Schutz sein „Haupt“ bedecken.

Der Gottlose dagegen offenbart durch seine Worte, dass er auf „Gewalttat“ aus ist. So schadet er sich und anderen – das Gegenteil von Segen.

10,7 „Das Andenken an den Gerechten ist zum Segen, aber der Name der Gottlosen verwest.“

Die Verse 1–6 zeigten uns, welche Auswirkungen Gerechtigkeit bzw. Gottlosigkeit auf das Leben eines Menschen hat. Hier wird nun die Zeit nach seinem Tod beleuchtet. Diese Zeit bedenken viele nicht.

An einen Gläubigen, der für seine Gerechtigkeit bekannt war, erinnert man sich noch lange (Ps 112,6). Die Auswirkungen seines Lebens sind für viele zum Segen. Es spornt zur Nachahmung an. Psalm 72,17 sagt über den Gerechten: „Sein Name wird ewig sein. Solange die Sonne besteht, wird sein Name sprossen; und in ihm wird man sich segnen.“ Beispielsweise dient das Leben von Paulus uns heute noch zum Vorbild und damit zum Segen (vgl. auch Heb 13,7).

Wie erbärmlich muss Salomo seine Aussage im Blick auf den Gottlosen formulieren: sein Name „verwest“. Vom gottlosen König Joram heißt es: „Und er ging hin, ohne vermisst zu werden; und man begrub ihn … nicht in den Gräbern der Könige“ (2. Chr 21,20).

■ Der Herr Jesus war der Gerechte. Das „Andenken“ an Ihn ist zum größten Segen für alle, die Ihn im Glauben annehmen.

10,8 „Wer weisen Herzens ist, nimmt Gebote an; aber ein närrischer Schwätzer kommt zu Fall.“ (Spr 10,10)

Ein Weiser ist bereit, mehr Rat zu empfangen als zu geben (Spr 9,9). Er schaut zum Herrn auf, um durch seinen Rat geleitet zu werden (Ps 73,24; Ps 32,8). Und er ist vorsichtig mit seinen Worten – im Gegensatz zum Toren. Dieser „schwätzt“ drauflos und merkt nicht, wie ihm seine eigenen Worte schaden. Zuhören ist ihm fremd. Leider gibt es auch unter Christen „viele zügellose Schwätzer und Betrüger …, denen man den Mund stopfen muss, die ganze Häuser umkehren“. Solche sollen „streng“ zurechtgewiesen werden (Tit 1,10.11.13).

10,9 „Wer in Lauterkeit wandelt, wandelt sicher; wer aber seine Wege krümmt, wird bekannt werden.“

Gott möchte, dass wir „untadelig und lauter“ sind, „unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts“ (Phil 2,15). Dann „wandeln“ wir sicher. Gott wird die Gefahren auf unserem Lebensweg beseitigen. Ehrlichkeit und Transparenz werden sogar in der Welt geschätzt.

Trotzdem meinen viele Menschen, durch „krumme Machenschaften“ einer drohenden Gefahr zu entkommen. Sie hoffen, dabei unentdeckt zu bleiben. Aber Gott sieht alles. Er wird zu seiner Zeit aufdecken. „Von einigen Menschen sind die Sünden vorher offenbar und gehen voraus zum Gericht, einigen aber folgen sie auch nach“ (1. Tim 5,24).

Die Brüder Josephs konnten ihre böse Tat über 20 Jahre lang verschweigen, aber dann wurde alles bekannt (1. Mo 37,31–33; 45,3). David wollte seinen Ehebruch mit Bathseba verbergen, aber Gott konfrontierte ihn mit seiner Schuld und machte alles offenbar (2. Sam 12,9).

10,10–14: Diese Verse behandeln die Auswirkungen unserer Worte (vgl. V. 18–21.31.32). Der zentrale Vers 12 passt scheinbar nicht dazu, doch werden wir feststellen, dass er sich im Gegenteil sehr gut einfügt, weil er die Quelle unserer Worte aufdeckt.

10,10 „Wer mit den Augen zwinkert, verursacht Kränkung; und ein närrischer Schwätzer kommt zu Fall.“ (Spr 10,8)

Anders als in Sprüche 6,13 geht es hier beim Augenzwinkern offensichtlich um ein verstecktes Zeichen der Verachtung oder Verhöhnung, das man einer Person gegenüber zum Ausdruck bringt. Auch das „Naserümpfen“ gehört in diese Kategorie. Man vermeidet ein offenes und ehrliches Gespräch, so dass man später einfach sagen kann: „Ich habe dir doch gar nichts Schlimmes gesagt!“ Da diese Person das Augenzwinkern durchaus wahrnehmen kann und soll, verursacht es bei ihr verständlicherweise Verunsicherung und „Kränkung“. Es folgen Unfriede und schlimmstenfalls Zank und Streit. Darum: Lasst uns stets offen miteinander umgehen!

Bemerkenswerterweise wird der „närrische Schwätzer“ hier ein zweites Mal erwähnt, denn oft ist es einem gar nicht klar, wie man durch unbedachtes Schwätzen einen anderen kränken kann. Aber man kommt dabei selbst zu Fall.

10,11 „Eine Quelle des Lebens ist der Mund des Gerechten, aber der Mund der Gottlosen birgt Gewalttat.“ (Spr 10,6)

Gott möchte, dass wir uns gut überlegen, was wir mit unserem Mund ausdrücken. Es soll wahr und nützlich sein, eine aktive „Quelle“ des Segens für andere. Es soll für andere belebend und richtungsweisend sein. Und auch unsere ungläubigen Mitmenschen sollen durch unsere Worte zum Leben geführt werden. David schrieb: „Denn bei dir ist der Quell des Lebens“ (Ps 36,10). Aus dieser Quelle sollen wir weitergeben.

Im zweiten Versteil wird wieder eine kurz zuvor getätigte Aussage wörtlich wiederholt. Und zwar aus gutem Grund: Gewalttat ist alles andere als eine Quelle des Lebens: Gewalttat zerstört Leben! Auch das ist eine Wirkung gottloser Worte.

■ Wie vollkommen war dagegen der Herr Jesus. Er bezeugte: „Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“, und wenig später bekannte Petrus: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens“ (Joh 6,63.68).

Außer dem „Mund des Gerechten“ werden drei weitere Dinge eine „Quelle des Lebens“ genannt: die „Belehrung der Weisen“, die „Furcht des Herrn“ und „Einsicht“ (Spr 13,14; 14,27; 16,22).

10,12 „Hass erregt Zwietracht, aber Liebe deckt alle Übertretungen zu.“ (1. Pet 4,8; Jak 5,20)

Der Ursprung unserer Worte ist – absolut gesehen – entweder Hass oder Liebe. Deswegen steht dieser Vers mitten zwischen vier warnenden Aussagen über das Reden.

Hass ist meist eine Folge von Neid. Das zeigte sich bei Kain und auch bei Josephs Brüdern (1. Joh 3,12; 1. Mo 37,4). Aber Hass kann auch entstehen, wenn uns jemand in das Licht Gottes führt (Joh 3,20) oder wenn uns sein vorbildliches Leben straft (Ps 38,21; Joh 15,18.19). Aus diesen drei Gründen ist auch der Herr Jesus gehasst worden.

Brüder sollen „ein-trächtig beieinander wohnen“ (Ps 133,1). Doch Hass bewirkt „Zwie-tracht“. Ein kleiner Funke genügt, und das Feuer bricht aus. Bei Kain ging es bis zum Mord.

Ganz anders die Liebe. Sie will immer nur helfen. Wenn sie Sünde sieht, freut sie sich nicht darüber (1. Kor 13,6) und verbreitet das Böse nicht. Sie ist aber bemüht, dass der Betreffende die Sünde einsieht und bekennt, so dass sie vergeben wird. Das ist unter dem „Zudecken“ zu verstehen (Spr 17,9; 1. Pet 4,8; Jak 5,20). Keinesfalls bedeutet Zudecken, die Sünde „unter den Teppich kehren“. Das wäre kein Zeichen von Liebe, weil man den Betreffenden seinem Unglück überließe.

■ Der Herr Jesus hat sich für unsere Sünden hingegeben, so dass sie zugedeckt werden konnten. David schreibt in Psalm 32,1: „Glückselig der, dessen Übertretung vergeben, dessen Sünde zugedeckt ist.“

10,13 „Auf den Lippen des Verständigen wird Weisheit gefunden; aber der Stock gebührt dem Rücken des Unverständigen.“

Was der Verständige ausspricht, offenbart Weisheit. Er findet stets die einer Situation angemessenen Worte. Der Unverständige hat nicht auf die Worte der Weisheit hören wollen. Im Gegenteil: „Die Narrheit ist dem Unverständigen Freude“ (Spr 15,21). Daher muss Gott ihn strafen.

10,14 „Die Weisen bewahren Erkenntnis auf, aber der Mund des Narren ist drohender Unglücksfall.“

Ein weiteres Merkmal von Weisheit ist, dass man die einmal gewonnene Erkenntnis nicht aufgibt (Spr 14,33). Leider gibt es solche, die einmal die Wahrheit erkannt haben, aber dann davon abgeirrt oder abgefallen sind (2. Tim 2,17.18; Heb 6,4–6). – Eine andere Deutung dieses Verses ist, dass der Weise seine Erkenntnis zurückhält (Spr 12,23). Er kann schweigen.

Wenn ein „Narr“ seinen Mund auftut, halten alle den Atem an. Was wird er jetzt wieder von sich geben? Deswegen sollten wir uns selbst prüfen: Welche Wirkung haben unsere Worte? Führen sie ein „Unglück“ herbei? Sind sie uns oder anderen zum Schaden? Jakobus warnt: „So ist auch die Zunge ein kleines Glied und rühmt sich großer Dinge. Siehe, ein kleines Feuer, welch einen großen Wald zündet es an! Und die Zunge ist ein Feuer, die Welt der Ungerechtigkeit“ (Jak 3,5.6).

In unseren „aufgeklärten“ Ländern wird den Kindern schon in der Schule beigebracht, stets ungehemmt ihre Meinung zu äußern. So trifft man immer öfter auf Leute, die bei jedem Gespräch mitmischen – egal, ob sie Ahnung haben oder nicht. Leider findet man das auch auf geistlichem Gebiet. Daher sollten wir vorsichtig sein, das Gerede solcher Menschen ungeprüft zu glauben oder gar selbst in diesen Fehler zu verfallen.

10,15–17: Hier zeigt Salomo, was zu einem gesicherten Leben führt.

10,15 „Der Wohlstand des Reichen ist seine feste Stadt, der Unglücksfall der Geringen ihre Armut.“

Man könnte diesen Vers ironisch auffassen, wie es ja eindeutig in Sprüche 18,11 geschieht, wo ganz ähnliche Worte gebraucht werden. Doch aus dem Zusammenhang müssen wir entnehmen, dass er die Wirklichkeit beschreibt. Denn Reichtum wird ja in den Sprüchen tatsächlich fast nur positiv gewertet und Armut negativ.4 So war ein in Gottesfurcht erworbener Wohlstand für den Juden wirklich eine solide und sichere Lebensgrundlage („feste Stadt“). Obwohl wir unser Vertrauen natürlich nicht auf irdischen Besitz setzen, dürfen wir Gott aber doch für unseren Wohlstand danken. Unsere eigentlichen Segnungen liegen jedoch auf geistlichem Gebiet. Und geistlicher Reichtum ist tatsächlich wie eine „feste Stadt“.

In diesem Vers wird zum ersten Mal im Buch der Sprüche der „Geringe“ erwähnt. Es handelt sich um einen Menschen, der wenig gelernt hat und kaum Einfluss ausübt, z. B. „Weingärtner und Ackerbauer“ (2. Kön 25,12; 24,14). Solche Armen – ob materiell oder geistlich arm – haben das „Pech“ („Unglücksfall“), jeder Gefahr wehrlos ausgeliefert zu sein.

10,16 „Der Erwerb des Gerechten gereicht zum Leben, der Ertrag des Gottlosen zur Sünde.“

Der Gerechte ist aktiv; er „erwirbt“ etwas für sein Leben. Beim Gottlosen handelt es sich lediglich um einen „Ertrag“, der ihm von außen zufällt. Der Gerechte geht mit dem, was er sich erworben hat, verantwortungsvoll um, der Gottlose verwendet seinen Ertrag losgelöst von Gott (Spr 15,6). Manche vergeuden fast ihr gesamtes Monatseinkommen für ihr sündiges Vergnügen: Partys, Alkohol, sexuelle Ausschweifung. Da stellt sich die Frage, ob wir unser Geld besser einsetzen.

Es geht hier aber sicher nicht nur um das Materielle. Dieser Vers verbindet sehr deutlich die Aussagen von Sprüche 4,5 und Sprüche 8,35: „Erwirb Weisheit, erwirb Verstand“, „denn wer mich [die Weisheit] findet, hat das Leben gefunden“.

10,17 „Es ist der Pfad zum Leben, wenn einer Unterweisung beachtet; wer aber Zucht unbeachtet lässt, geht irre.“

Sich eine Unterweisung anhören ist gut, eine Unterweisung beachten ist besser. Nur dann befindet man sich auf dem Weg, der zum richtigen Ziel führt. Der Herr Jesus sagt: „Jeder nun, der irgend diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich mit einem klugen Mann vergleichen“ (Mt 7,24).

Wer hat sich nicht schon mal auf einer Bergwanderung verirrt? Vermutlich hat man dann ein Richtungsschild übersehen. Oder die Wanderkarte nicht beachtet. Das kann sehr schlimme Folgen haben. Noch tragischer ist es, wenn man „Zucht“, also Ermahnung oder Zurechtweisung, auf seinem Lebensweg unbeachtet lässt. Wir brauchen die göttliche Führung. Wenn Er uns auf Fehler aufmerksam macht, wollen wir Ihm dafür dankbar sein und uns korrigieren.

► Vor unserer Bekehrung gingen wir „in der Irre wie Schafe“ (1. Pet 2,25). Das sollte sich jetzt grundlegend geändert haben!

10,18–21: Diese Verse stellen uns ein zweites Mal die Auswirkungen unserer Worte vor Augen.

10,18 „Wer Hass verbirgt, hat Lügenlippen; und wer Verleumdung verbreitet, ist ein Tor.“

Hass an sich ist schon etwas Böses (V. 12). Aber wenn man ihn dann noch zu verbergen versucht, hat man außerdem „Lügenlippen“, denn man heuchelt dem anderen etwas vor.

Wenn gehässige Gedanken gegen eine Person in meinem Herzen aufkommen, sollte ich das bekennen und wegtun und gegebenenfalls mit dieser Person sprechen. Aber so tun, als sei alles in Frieden, ist Heuchelei und verschlimmert die ganze Situation nur noch mehr.

Ebenso schlimm wie das „Verbergen“ des Hasses ist es, dem Hass durch das „Verbreiten“ von Verleumdungen Ausdruck zu verleihen. Wer so etwas tut, wird irgendwann von Gott als ein „Tor“ entlarvt. Solche Menschen sind Ihm ein Gräuel (vgl. Spr 6,16.19).

► Ein treuer Diener des Herrn sagte einmal: „Ich möchte mich lieber hundertmal täuschen, indem ich Gutes über meinen Bruder erzähle, als ein einziges Mal, indem ich Böses über ihn erzähle.“

10,19 „Bei der Menge der Worte fehlt Übertretung nicht; wer aber seine Lippen zurückhält, ist einsichtsvoll.“

Schon ein menschliches Sprichwort sagt: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Das sollten wir uns gut merken. Aber besser ist es noch, diesen Vers auswendig zu lernen …!

An anderer Stelle schreibt Salomo: „Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit;“ und: „Der Tor wird laut durch viele Worte“ (Pred 3,7; 5,2). Das ist auch ein Thema bei Jakobus: „Wenn jemand nicht im Wort strauchelt, der ist ein vollkommener Mann“ (Jak 3,2). Es passiert schnell, dass wir etwas sagen, was wir später zurücknehmen müssen – sofern dies überhaupt noch möglich ist. Und je mehr wir reden, desto leichter passiert es.

Nicht zuletzt gilt dies auch für unsere Gebete. „Sei nicht vorschnell mit deinem Mund, und dein Herz eile nicht, ein Wort vor Gott hervorzubringen; denn Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde: Darum seien deiner Worte wenige“ (Pred 5,1). Ebenso warnt uns der Herr: „Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die von den Nationen; denn sie meinen, um ihres vielen Redens willen erhört zu werden“ (Mt 6,7).

10,20 „Die Zunge des Gerechten ist auserlesenes Silber, der Verstand der Gottlosen ist wenig wert.“

Manche böse Zunge „schneidet“ wie härtester Stahl. Anders die Zunge des Gerechten. Sie gleicht dem edlen und kostbaren Silber. Sie zerstört nicht, sondern ist nutzbringend. Es ist beschämend, dass Gottes Wort zu Glaubenden sagen muss: „Kein faules [oder wertloses] Wort gehe aus eurem Mund hervor“ (Eph 4,29).

Obwohl sich gottlose Menschen oft viel auf ihren Verstand einbilden, ist er aus Gottes Sicht doch „wenig wert“. Dagegen ist göttliche Weisheit wertvoller als Gold, Silber und Korallen (Spr 3,14.15), denn sie ist beständig.

10,21 „Die Lippen des Gerechten weiden viele, aber die Narren sterben durch Mangel an Verstand.“

Als Jesus predigte, „hing“ das ganze Volk an seinem Mund (Lk 19,48). Er war der „gerechte“ Hirte Israels für seine Schafe, denn „er weidete sie nach der Lauterkeit seines Herzens“ (Ps 78,72). Darin ist Er allen, die sich heute um seine Schafe kümmern, ein großes Vorbild. Was die „Lippen des Gerechten“ sagen, ist geistliche Nahrung, denn es kommt von Gott: „Und ich werde euch Hirten geben nach meinem Herzen, und sie werden euch weiden mit Erkenntnis und Einsicht“ (Jer 3,15).

Viele Menschen wollen nichts von Gott und dem Evangelium wissen. Das zeigt, wie „die Narren sterben durch Mangel an Verstand“.

10,22–30: In diesen Versen beschreibt Salomo die Ergebnisse eines Lebens mit Gott bzw. ohne Gott.

10,22 „Der Segen des Herrn, er macht reich, und Anstrengung fügt neben ihm nichts hinzu.“

Natürlich sollen wir fleißig sein. Das wird an vielen Stellen des Wortes Gottes gesagt.5 Doch hier geht es darum, dass jemand mit eigener Anstrengung versucht, dem Segen Gottes „nachzuhelfen“ und immer reicher zu werden. Gott warnt uns davor, in unserem Herzen zu sprechen: „Meine Kraft und die Stärke meiner Hand hat mir dieses Vermögen verschafft! Sondern du sollst dich daran erinnern, dass der Herr, dein Gott, es ist, der dir Kraft gibt, Vermögen zu schaffen“ (5. Mo 8,17.18).

Ein bekanntes Sprichwort leitet sich aus diesem Vers ab: „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Woanders sagt Salomo: „Wenn der Herr das Haus nicht baut, vergeblich arbeiten daran die Bauleute. … Vergeblich ist es für euch, dass ihr früh aufsteht, spät aufbleibt, das Brot der Mühsal esst; so gibt er seinem Geliebten im Schlaf“ (Ps 127,1.2; vgl. Pred 5,18). Und was ist die Voraussetzung dafür, dass Gott Segen gibt? Es ist ein Leben in Gerechtigkeit: „Denn du wirst den Gerechten segnen; Herr, mit Gunst wirst du ihn umgeben wie mit einem Schild“ (Ps 5,13; vgl. Spr 3,33).

Der bekannte Ausspruch „ora et labora“ (= „Bete und arbeite“) verbindet Sprüche 10,4 mit diesem Vers. Der Segen kommt vom Herrn, unsere Verantwortung aber wird in Vers 4 gezeigt. Die fleißige Hand ist nicht die Ursache für den Segen Gottes, aber sie gehört als „Werkzeug“ dazu.

10,23 „Dem Toren ist es wie ein Spiel, Schandtat zu verüben, und in Weisheit zu handeln dem verständigen Mann.“

Spielen ist eine leichte und vergnügliche Tätigkeit. Ebenso bereitet es dem Toren Vergnügen, Böses zu tun. Auch tut er es in einer leichtfertigen, spielerischen Weise. Der „verständige Mann“ dagegen freut sich, „in Weisheit“ Gutes zu tun, und es geht ihm ebenfalls „spielend“ von der Hand.

10,24 „Wovor dem Gottlosen graut, das wird über ihn kommen, und das Begehren der Gerechten wird gewährt.“

Das schlechte Gewissen lässt den Gottlosen nicht los. Er hat Angst vor der Zukunft, Angst vor Krankheit, Angst vor wirtschaftlichen Einbußen, Angst vor den politischen Entwicklungen usw. Seine Furcht ist nicht unbegründet, denn wenn er sich nicht bekehrt, werden tatsächlich ungeahnte Schrecken „über ihn kommen“: das ewige Gericht!

Die Gerechten fragen dagegen nach Gottes Willen. Was sie „begehren“, stimmt mit Gottes Gedanken überein und wird zu seiner Verherrlichung dienen. Gott wird ihnen dann gerne das Gewünschte „gewähren“. Der Herr Jesus verheißt seinen Jüngern: „Und um was irgend ihr bitten werdet in meinem Namen, das werde ich tun, damit der Vater verherrlicht werde in dem Sohn“ (Joh 14,13). Aber: „Das Begehren der Gottlosen wird untergehen“ (Ps 112,10).

10,25 „Wie ein Sturmwind daherfährt, so ist der Gottlose nicht mehr; aber der Gerechte ist ein ewig fester Grund.“

Der Gottlose mag in seinem Leben große Erfolge erzielen. Er mag großen Einfluss ausüben – wie ein „Sturmwind“! Aber genauso schnell, wie ein Sturm sich wieder legt, wird auch sein Leben enden. Und übrig bleibt nichts anderes als Verwüstung.

Eine alternative Übersetzung lautet: „Sobald ein Sturmwind daherfährt, ist der Gottlose nicht mehr da“ (FußEÜ). Da können wir an die beiden Häuser denken, die der Herr Jesus vergleicht. Das Haus auf dem Sand mag genauso schön aussehen wie das Haus auf dem Felsen – bis der Sturm kommt. Dann zeigt sich: „Und der Sturz jenes Hauses war groß“ (Lk 6,46–49).

Dagegen kann man sich auf den Gerechten verlassen; er ist ein „ewig fester Grund“. In vollem Maß trifft das natürlich nur auf den einen Gerechten zu, den Herrn Jesus. Er ist der „Fels der Ewigkeiten“ (Jes 26,4).

10,26 „Wie der Essig den Zähnen und wie der Rauch den Augen, so ist der Faule denen, die ihn senden.“

Auch Faulheit ist Sünde, weil Gott geboten hat, „euch zu beeifern …, eure eigenen Geschäfte zu tun und mit euren eigenen Händen zu arbeiten“ (1. Thes 4,11). Faulheit stürzt nicht nur den Betreffenden ins Unglück (Spr 19,15), sondern schadet auch dem, der ihn „sendet“ oder einsetzt. Wer schon einmal Essigsäure an die Zähne oder Rauch in die Augen bekommen hat, kann bestätigen, wie unangenehm und schädlich dies ist. In einer vergleichbar misslichen Lage befindet sich, wer einen Faulen mit einer Arbeit beauftragt hat.

► Der Herr Jesus hat uns ausgesandt, seine gute Botschaft zu verbreiten. Wer zu faul ist, diesem Auftrag nachzukommen, betrübt Ihn sehr.

10,27 „Die Furcht des Herrn mehrt die Tage, aber die Jahre der Gottlosen werden verkürzt.“

Die „Furcht des Herrn“ ist eine Quelle von Kraft und Sicherheit. Ähnliches verheißt Mose den Kindern Israel: „Und halte seine Satzungen und seine Gebote, die ich dir heute gebiete, damit es dir und deinen Kindern nach dir wohl ergehe und damit du deine Tage verlängerst“ (5. Mo 4,40; vgl. Spr 3,2). Auch Kinder, die ihre Eltern ehren, haben die Verheißung: „… damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf der Erde“ (Eph 6,3). Im neutestamentlichen Sinn bedeutet das nicht unbedingt, dass man ein langes Leben hat. Aber man wird ein gesegnetes Leben haben.

Dagegen lesen wir über gottlose Menschen: „Den Gottlosen wird das Böse töten.“ „Und du, Gott, wirst sie in die Grube des Verderbens hinabstürzen; die Männer des Blutes und des Truges werden ihre Tage nicht zur Hälfte bringen!“ (Ps 34,22; 55,24).

10,28 „Das Harren der Gerechten wird Freude, aber die Hoffnung der Gottlosen wird zunichte.“

Der Gottlose hofft vergeblich auf „bessere Zeiten“. „Des Ruchlosen Hoffnung geht zugrunde“ (Hiob 8,13). Seine Zukunft ist düster. Für Christen dagegen gilt, was Paulus in Kolosser 1,27 schreibt: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“ Unsere Hoffnung ist nicht vage, sondern hat die feste Gewissheit, dass Gottes Zusagen in der Zukunft eintreten werden.

Aber wir brauchen Ausharren. Wir müssen warten können. Deswegen schreibt der Apostel Paulus: „In Hoffnung freut euch; in Trübsal harrt aus; im Gebet haltet an“ (Röm 12,12). Und Jeremia gibt uns den Rat: „Es ist gut, dass man still warte auf die Rettung des Herrn“ (Klgl 3,26). Gelingt es uns, Ihm alles im Gebet zu übergeben, werden wir Frieden und Freude genießen. Und am Ende des Weges wartet die „Freude deines Herrn“ (Mt 25,21.23).

10,29 „Der Weg des Herrn ist eine Festung für die Lauterkeit, aber Untergang für die, die Frevel tun.“

Der Herr geht mit uns „seine Wege“ – Wege, die Er in seiner Weisheit für uns bereitet hat. „Der Fels: Vollkommen ist sein Tun; denn alle seine Wege sind recht“ (5. Mo 32,4). Wer diesen Weg „in Lauterkeit“ mit Ihm geht, findet dort Bewahrung vor allen möglichen Gefahren („Festung“). David stellt fest: „Herr, wer wird in deinem Zelt weilen? Wer wird auf deinem heiligen Berg wohnen? Der in Lauterkeit wandelt und Gerechtigkeit wirkt und Wahrheit redet von Herzen“ (Ps 15,1.2).

► Bittest du Gott jeden Morgen um Bewahrung? Das ist gut und notwendig. Aber dein Part ist, „in Lauterkeit zu wandeln“.

„Frevler“ sind Menschen, die gegen Gottes Gebote verstoßen. Für sie gibt es ebenfalls einen „Weg des Herrn“. Aber dieser endet im „Untergang“.

10,30 „Der Gerechte wird nicht wanken in Ewigkeit, aber die Gottlosen werden das Land nicht bewohnen.“

Gottes unerschütterliche Zusage gilt „in Ewigkeit“. Obwohl sich dieser Ausdruck im Alten Testament meist auf das Tausendjährige Reich bezieht und das „Land“ das Land Kanaan ist (vgl. Spr 2,21), dürfen wir diese Verheißung auch auf uns anwenden. Denn vor Gott sind wir der Stellung nach „Gerechte“. Unser Heil steht ewig fest. Insofern werden wir nicht wanken. Was allerdings die Praxis angeht – und gerade damit will uns das Buch der Sprüche ja beschäftigen –, so wird Gott (nur) denjenigen vor einem Sturz bewahren, der ein Leben in Gerechtigkeit führt.

Im Tausendjährigen Reich wird kein Gottloser Platz finden. Sie werden alle in den vorher wütenden Gerichten umkommen. Vergleichbares erlebten die Israeliten während der Wüstenreise. Keiner der Kriegsleute, die beim Auszug aus Ägypten mindestens 20 Jahre alt waren, kam in das verheißene Land, außer Josua und Kaleb (4. Mo 14,29.30).

10,31–32: Zum Abschluss dieses Kapitels wird ein drittes Mal auf den Einfluss unserer Worte hingewiesen.

10,31 „Der Mund des Gerechten bringt Weisheit hervor, aber die Zunge der Verkehrtheit wird ausgerottet werden.“ (Ps 37,30)

In den Versen 20 und 21 werden der Wert und der Nutzen der Worte des Gerechten beschrieben. Hier sehen wir, dass es die Weisheit ist, die ihn, den Gerechten, dazu leitet. Die Weisheit wandelt „auf dem Pfad der Gerechtigkeit“ (Spr 8,20). Wer einem Gerechten zuhört, wird weise.

■ Wir erinnern uns: Christus ist die personifizierte Weisheit. Unser Vers sagt also, dass ein guter Prediger seinen Zuhörern in erster Linie Christus bringen soll.

In Kontrast dazu steht die Zunge, die durch „Verkehrtheit“ gekennzeichnet ist (Spr 8,13). Es ist die Zunge eines Lügners, eines Menschen, dessen Worte stets in Zweifel gezogen werden müssen. Seine Zunge wird, „ausgerottet werden“, d. h., seine Worte verfallen und er selbst kommt in die ewige Verdammnis (Off 22,15).

10,32 „Die Lippen des Gerechten verstehen sich auf Wohlgefälliges, aber der Mund der Gottlosen ist Verkehrtheit.“

Als Jesus in der Synagoge von Nazareth predigte, „verwunderten sich [alle] über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen“ (Lk 4,22). Prophetisch rufen die Söhne Korahs bewundernd über Ihn aus: „Holdseligkeit ist ausgegossen über deine Lippen“ (Ps 45,3).

Sind unsere Worte ebenfalls „wohlgefällig“ vor Gott und Menschen? Oder verstehen wir uns nur auf flache, unnütze oder gar harte und kränkende Worte? „Aus der Fülle des Herzens redet der Mund“ (Mt 12,34). Sind wir viel mit Christus beschäftigt, wird das unser Reden und unsere Ausdrucksweise positiv beeinflussen.

Auch Gottlose sprechen nur das aus, was in ihrem Herzen ist. Der Herr tadelt die Pharisäer: „Ihr Otternbrut! Wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid?“ (Mt 12,34). In Verbindung mit dem vorigen Vers können wir feststellen: Der Mund der Gottlosen wird ausgerottet werden. David betet: „Lass beschämt werden die Gottlosen, lass sie schweigen im Scheol!“ (Ps 31,18).

Kapitel 11

Der Schwerpunkt liegt in diesem Kapitel auf den Beziehungen des Aufrichtigen und Gerechten zur menschlichen Gesellschaft. Paulus schreibt im Titusbrief: „Die Gnade Gottes … unterweist uns, damit wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf“ (Tit 2,11.12). Wenn jedoch unser Verhalten den Mitmenschen gegenüber nicht korrekt ist, gerät unser ganzes christliches Bekenntnis in Misskredit.

Wir können dieses Kapitel folgendermaßen einteilen:

Spr 11,1–8: Der richtige Umgang mit Besitztum
Spr 11,9–15: Beziehungen im öffentlichen Leben
Spr 11,16–23: Lohn für (nicht) praktizierte Tugenden
Spr 11,24–31: Selbstlose Zukunftsplanung kontra Egoismus

11,1–8: Hier wird uns der richtige Umgang mit Besitztum beigebracht. Verwandte Themen sind Geradheit, Bescheidenheit und Gier.

11,1 „Trügerische Waagschalen sind dem Herrn ein Gräuel, aber volles Gewicht ist sein Wohlgefallen.“ (Spr 20,23)

Betrug ist Gott ein Gräuel. Dazu hatte Er schon im Gesetz seinen Willen dargelegt: „Ihr sollt nicht unrecht tun im Gericht, im Längenmaß, im Gewicht und im Hohlmaß“ (3. Mo 19,35; vgl. Spr 16,11; Amos 8,5). Wer betrügt, täuscht dem anderen Redlichkeit vor, obwohl er ihn bewusst übervorteilen will. Bei „vollem Gewicht“ wird niemand hinters Licht geführt, niemand übervorteilt. Das gilt für unser Berufsleben genauso wie für unsere privaten Beziehungen.

Im Geschäftsleben ist Betrug heute an der Tagesordnung. Was sollen wir nun tun, wenn der Chef unlautere Machenschaften von uns verlangt? Da gilt der Grundsatz: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen“ (Apg 5,29). Das mag negative Folgen für uns haben, bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes, aber wir haben Gottes Wohlgefallen und Er wird uns dafür segnen (1. Pet 2,19.20).

11,2 „Kommt Übermut, so kommt auch Schande; bei den Bescheidenen aber ist Weisheit.“

Der Übermütige überschätzt seine Fähigkeiten. Irgendwann kommt er zu Fall, und das gereicht ihm zur „Schande“. Übermut kann aus Hochmut entstehen, aber auch aus einer gewissen Sorglosigkeit und Unbesonnenheit. Gott will, dass alte und junge Männer „nüchtern seien, würdig, besonnen“ (Tit 2,2.6). Übermut ist eines Christen unwürdig.

■ Viele Menschen handeln „übermütig“, indem sie meinen, sie schafften es schon irgendwie in den Himmel. Ihre „Schande“ wird ewig sein.

Der Weise ist von Bescheidenheit und Demut gekennzeichnet (Spr 30,2.3). Er überschätzt sich nicht und weiß, dass er jede Fähigkeit nur von Gott hat. So müssen auch wir uns fragen lassen: „Was aber hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber auch empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1. Kor 4,7).

11,3 „Die Unsträflichkeit der Aufrichtigen leitet sie, aber die Verkehrtheit der Treulosen zerstört sie.“

Im Herzen eines aufrichtigen Menschen findet sich keinerlei Trug. „Trügerische Waagschalen“ (V. 1) sind ihm fremd. Das galt ohne Einschränkung für den Herrn Jesus, „der keine Sünde tat, noch wurde Trug in seinem Mund gefunden“ (1. Pet 2,22). Auch ist der Aufrichtige treu, man kann sich auf ihn verlassen. Diese seine Unsträflichkeit „leitet ihn“. Sie hilft ihm, nicht auf Abwege zu geraten.

► Aufrichtigkeit ist das Geheimnis, Gottes Willen zu erkennen.

Joseph und Daniel sind schöne Beispiele für Unsträflichkeit und Treue. Bei Daniel konnten selbst seine Feinde „keinen Anklagegrund und keine schlechte Handlung finden, weil er treu war und kein Vergehen und keine schlechte Handlung an ihm gefunden wurde“ (Dan 6,5). – Kann man das auch von uns behaupten?

Der zweite Versteil erinnert dagegen an Männer wie Saul, Ahitophel, Absalom oder Judas Iskariot. Ihre eigene „Verkehrtheit“ (oder Schiefheit; FußEÜ) hat diese „Treulosen“ zerstört. In ihrer Verzweiflung nahmen sie sich das Leben oder kamen auf andere tragische Weise um.6

11,4 „Vermögen nützt nichts am Tag des Zorns, aber Gerechtigkeit errettet vom Tod.“ (Spr 10,2)

„Was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele einbüßt? Oder was wird ein Mensch als Lösegeld geben für seine Seele?“ (Mt 16,26; vgl. Hes 7,19). Die irdischen Verhältnisse werden nicht berücksichtigt, wenn Gott im Gericht eingreift. Am „Tag des Zorns“ ist es egal, ob man reich oder arm ist. Worauf es ankommt, ist, ob man gerecht ist oder nicht. Dieser Gedanke schwingt auch in der Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus mit (Lk 16,19–31).

■ Wir als Glaubende wissen, dass wir „nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden“ sind, „sondern mit dem kostbaren Blut Christi“ (1. Pet 1,18.19). Dieses Blut „nützt“ am Tag des Zorns!

Dass Gerechtigkeit vom Tod errettet, sehen wir sehr deutlich bei Noah: „Noah war ein gerechter, vollkommener Mann“ (1. Mo 6,9; vgl. Hes 14,14) und wurde vor der todbringenden Sintflut errettet. Wie Hebräer 11,7 zeigt, gehörte aber zu seiner praktischen Gerechtigkeit unbedingt auch der Glaube. Der Glaube ist Voraussetzung für die Gerechtigkeit. „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben“ (Röm 1,17).

11,5 „Die Gerechtigkeit des Vollkommenen macht seinen Weg gerade, aber der Gottlose fällt durch seine Gottlosigkeit.“

Der durch Gerechtigkeit gekennzeichnete „Vollkommene“ hat den Vorteil, dass sein Weg „gerade“ und ohne selbst verschuldete Hindernisse verläuft. „Wer in Gerechtigkeit wandelt …, der wird auf Höhen wohnen, Felsenfestungen sind seine Burg“ (Jes 33,15.16; vgl. Spr 13,6). Lohnt es sich nicht, sein Leben gerecht und gerade zu führen!?

Doch können wir diese Zusage überhaupt für uns in Anspruch nehmen? Sind wir „vollkommen“? Das Neue Testament kennt im Wesentlichen zwei Arten von Vollkommenheit. Der Stellung nach ist jeder Glaubende „vollkommen gemacht“ (Heb 10,14). Er besitzt ein von Sünden gereinigtes Gewissen. Bei der zweiten Bedeutung geht es um unsere Verantwortung. Wir sollen vollkommen, d. h. erwachsen werden. Das geschieht durch Beschäftigung mit Gottes Wort. Dann ist unser Handeln durch Weisheit geprägt. Dann sind wir „völlig überzeugt in allem Willen Gottes“ und „zu jedem guten Werk völlig geschickt“ (Kol 4,12; 2. Tim 3,17). Das sind gerade Wege! Diese zweite Bedeutung liegt hier vor.

■ Vollkommen sein bedeutet also nicht, völlig sündlos zu leben. Das konnte nur der Herr Jesus.

Der Weg des Gottlosen ist „vielgewunden“ (Spr 21,8). Er lässt sich nur durch seine bösen Neigungen leiten. Eine Leitung durch Gott lehnt er naturgemäß ab, denn er will ja ohne Gott leben. Daher fällt er „durch seine Gottlosigkeit.“

11,6 „Die Gerechtigkeit der Aufrichtigen errettet sie, aber die Treulosen werden gefangen in ihrer Gier.“

Nachdem es im vorigen Vers um die Gerechtigkeit des Vollkommenen ging, steht jetzt die Gerechtigkeit des Aufrichtigen vor uns. Diesen haben wir schon in Vers 3 charakterisiert. Wer aufrichtig ist, braucht sich nicht vor einer Verurteilung zu fürchten, er wird „errettet“. „Licht ist gesät dem Gerechten und Freude den von Herzen Aufrichtigen“ (Ps 97,11).

Gier führt leicht dahin, dass man treulos handelt. Das schrecklichste Beispiel hierfür liefert Judas Iskariot: „Treulos“ gegen seinen Meister verriet er Ihn für 30 Silberlinge. Er war „gefangen in seiner Gier“!

11,7 „Wenn ein gottloser Mensch stirbt, wird seine Hoffnung zunichte, und die Erwartung der Frevler ist zunichtegeworden.“

Der reiche Kornbauer in Lukas 12 setzte seine ganze Hoffnung auf erfolgreiche Ernten in den nächsten Jahren. Er riss seine alten Scheunen nieder und baute größere. Gott aber sprach zu ihm: „Du Tor! In dieser Nacht fordert man deine Seele von dir; was du aber bereitet hast, für wen wird es sein?“ (Lk 12,16–20).

Viele machen sich große Hoffnung auf ihre Kinder, ihre Angestellten, auf ihre Firma, ihre angehäuften Reichtümer oder auf ihr Ansehen. Doch der Tod zerstört alle unerfüllten Erwartungen. Das Ende eines Lebens ohne Gott ist im wahrsten Sinn des Wortes hoffnungslos.

■ Wir dagegen haben die sichere „Hoffnung des ewigen Lebens, das Gott, der nicht lügen kann, verheißen hat vor ewigen Zeiten“ (Tit 1,2).

11,8 „Der Gerechte wird aus der Drangsal befreit, und der Gottlose tritt an seine Stelle.“

Eine Illustration dieses Verses finden wir bei Daniel, der unversehrt aus der Löwengrube befreit wurde. Danach befahl der König, dass man die Männer, die Daniel angezeigt hatten, in die Löwengrube werfen sollte, „und ehe sie noch auf dem Boden der Grube angekommen waren, bemächtigten sich ihrer die Löwen und zermalmten alle ihre Gebeine“ (Dan 6,25). Ähnliches sehen wir auch in Esther 7,10: „Man hängte Haman an den Baum, den er für Mordokai bereitet hatte“ (vgl. auch Spr 21,18).

11,9–15: Jetzt geht es um Beziehungen im öffentlichen Leben, in einer „Stadt“. Themen sind Verleumdung, Versprechungen und Führung.

11,9 „Mit dem Mund verdirbt der Ruchlose seinen Nächsten, aber durch Erkenntnis werden die Gerechten befreit.“

Wie viel Leid ist schon durch ungerechtfertigte Anklage, falsche Zeugenaussage, Verleumdung, üble Nachrede und Beleidigung entstanden! Daher müssen wir gut auf unsere Worte aufpassen, aber auch verantwortlich umgehen mit dem, was wir hören. „Du sollst kein falsches Gerücht aufnehmen“ (2. Mo 23,1). Bevor wir etwas weitersagen, sollten wir sicher sein, dass es der Wahrheit entspricht. Doch auch wenn es wahr ist, müssen wir uns fragen, ob eine Weitergabe nützlich ist oder ob wir dadurch nur den Ruf eines anderen ruinieren wollen.

Wessen „Erkenntnis“ ist im zweiten Versteil gemeint? Der Zusammenhang zeigt, dass es wohl die eigene Erkenntnis des Gerechten ist. Selbst wenn er nämlich durch den Mund von „Ruchlosen“ in arge Bedrängnis gebracht wird, weiß er aufgrund seiner Erkenntnis doch, dass bei Gott jede Hilfe zu finden ist. Das wirkt für ihn „befreiend“. Gleichzeitig trägt sein umsichtiges Verhalten, das ebenfalls seiner Erkenntnis entspringt, dazu bei, gefährlichen Situationen zu entkommen (Spr 12,6).

11,10 „Die Stadt frohlockt beim Wohl der Gerechten, und beim Untergang der Gottlosen ist Jubel.“

Hier werden die positiven Auswirkungen gerechten Verhaltens dem negativen Einfluss gottloser Menschen gegenübergestellt. Selbst Ungläubige sind froh, wenn sich in ihrem Umfeld rechtschaffene Menschen befinden und gottlos handelnde Leute verschwinden (Spr 28,12; 29,2), vor allem wenn diese Menschen eine Machtposition bekleiden.

Doch müssen die richtigen Motive vorliegen. Es darf weder zu einem Hofieren des Gerechten noch zur Schadenfreude dem Gottlosen gegenüber kommen (Spr 24,17). Stattdessen sollten wir im Auge behalten, dass Gott sowohl durch das Eine wie durch das Andere verherrlicht wird.

► Wir leben in der Zeit der Gnade. Deshalb sollten wir nicht unsere Genugtuung daran finden, wenn es jemand schlecht geht, der uns Mühe macht. „Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht“ (Röm 12,14).

11,11 „Durch den Segen der Aufrichtigen kommt eine Stadt empor, aber durch den Mund der Gottlosen wird sie niedergerissen.“

Hier wird der Grund angegeben, warum eine Stadt „beim Wohl der Gerechten“ frohlockt (V. 10): Sie hat selbst Nutzen davon. Ein Beispiel hierfür im kleineren Rahmen ist Joseph: Der Herr „segnete … das Haus des Ägypters um Josephs willen; und der Segen des Herrn war auf allem, was er hatte, im Haus und auf dem Feld“ (1. Mo 39,5).

► Trägst du durch ein korrektes Verhalten zum Wohl deiner „Stadt“ bei?

Umgekehrt führt es zum Untergang einer Stadt, wenn Gottlose das Sagen haben. Ein Beispiel ist die Stadt Pnuel. Als Gideon ihre Obersten um Unterstützung bei der Verfolgung seiner Feinde bat, antworteten sie ihm frech und ablehnend. Sie bezahlten dies mit der Zerstörung des Turms ihrer Stadt (Ri 8,8.17).

11,12 „Wer seinen Nächsten verachtet, hat keinen Verstand; aber ein verständiger Mann schweigt still.“

Wer seinen Nächsten geringschätzig behandelt, hat noch nicht erkannt, wie gering er selbst ist. Es ist eine Form von Hochmut und daher Sünde (Spr 14,21). Verachtung muss sich nicht immer nach außen zeigen. Wir können sie auch im Herzen verbergen. Doch dadurch ist sie nicht weniger böse. Michal „verachtete [David] in ihrem Herzen“ (2. Sam 6,16).

Wenn uns jemand verachtet, verunglimpft oder verleumdet, sollen wir nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Der „Verständige“ schweigt in solchen Fällen. Er „urteilt nicht irgendetwas vor der Zeit“ (1. Kor 4,5).

11,13 „Wer als Verleumder umhergeht, deckt das Geheimnis auf; wer aber treuen Geistes ist, deckt die Sache zu.“ (Spr 20,19)

Verleumdung ist eine Form der Lüge, die einen anderen in Misskredit bringen soll. Schlimm ist es, wenn der Verleumder damit sogar als „Ausplauderer“ (FußEÜ) überall hausieren geht. „Du sollst nicht als ein Verleumder unter deinen Völkern umhergehen“ (3. Mo 19,16). Außerdem scheint der Verleumder seine Lüge hier zusätzlich mit Wahrheit zu vermischen. Das ist besonders hinterhältig. Es werden private Dinge („Geheimnisse“) erwähnt, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Auch wir sind nicht vor dieser Sünde gefeit. Das zeigt die zweimalige Ermahnung von Paulus an die Frauen, nicht verleumderisch tätig zu sein (1. Tim 3,11; Tit 2,3). Haben sie es vielleicht besonders nötig?

Ganz anders der „treue Geist“. Er verbreitet nichts Peinliches oder Unrühmliches. Taktvoll deckt er alles Negative zu (s. Auslegung zu Spr 10,12). Wenn es sich um Böses handelt, ist er zunächst bemüht, dass der Betreffende zur Einsicht und zu einem Bekenntnis kommt (Gal 6,1). Manchmal ist jedoch ein „Zudecken“ nicht (mehr) möglich.

► Mancher gläubigen Person konnte nach ihrem Tod das Zeugnis ausgestellt werden: „Nie hat sie über eine andere Person schlecht geredet.“

11,14 „Wo keine Führung ist, verfällt ein Volk; aber Rettung ist bei der Menge der Ratgeber.“ (Spr 24,6)

Zur Zeit der Richter ging alles Drunter und Drüber. „In jenen Tagen war kein König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri 21,25). Bis heute dient eine geordnete Staatsführung zum Wohl eines Volkes.

Auch im Volk Gottes muss es „Führer“ geben. Sie werden natürlich nicht von Menschen eingesetzt. Nur Gott verleiht ihnen ihre Autorität. Deshalb: „Gehorcht euren Führern und seid fügsam; denn sie wachen über eure Seelen“ (Heb 13,17). Wer sie ignoriert, tut es zu seinem eigenen Schaden und trägt zum „Verfall“ des Volkes Gottes bei.

Auch sollen wir nicht meinen, alles alleine bewerkstelligen zu können (Spr 15,22). Im Gegenteil sollten wir die Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern pflegen und uns über einen weisen Rat von ihnen freuen. Sogar Salomo, der weiseste Mann auf der Erde, ließ sich von den Alten, die „vor“ ihm standen, raten (1. Kön 12,6).

11,15 „Sehr schlecht ergeht es einem, wenn man für einen anderen Bürge geworden ist; wer aber das Handeinschlagen hasst, ist sicher.“

Im ersten Teil dieses Verses wird die Belehrung über die Bürgschaft von Sprüche 6,1–5 zusammengefasst. Das „Handeinschlagen“ ist noch allgemeiner (Spr 17,18). Dabei geht es um irgendwelche Versprechungen und Abmachungen. Auch damit sollten wir nicht leichtfertig umgehen. Wir können uns dadurch ungewollt mit einer Aktion verbinden, die wir bei gründlicher Untersuchung ablehnen würden.

11,16–23: In diesen Versen wird uns der Lohn für praktizierte Tugenden und der Verlust, den der Böse erleidet, vorgestellt.

11,16 „Eine anmutige Frau erlangt Ehre, und Gewalttätige erlangen Reichtum.“

Anmut wird im Buch der Sprüche stets positiv gesehen; nur in Sprüche 31,30 wird sie relativiert. Sie ist mehr als bloße Schönheit, aber weniger als Tüchtigkeit. Eine anmutige Frau wird allgemein geachtet. Abigail ist ein gutes Beispiel für Anmut und Tüchtigkeit (1. Sam 25).

Auch der zweite Versteil ist positiv zu deuten, wie das verbindende „und“ zeigt. Statt „Gewalttätige“ kann man nämlich auch „starke Männer“ übersetzen. Dann wird die Anmut der Frau durch die Tatkraft des Mannes ergänzt. Sie erlangt Ehre, er aber Reichtum.

11,17 „Sich selbst tut der Mildtätige gut, der Unbarmherzige aber tut seinem Fleisch weh.“

In Verbindung mit Vers 24 verstehen wir, wie diese Aussage gemeint ist: Der „Mildtätige“ empfängt Lohn für seine Freigebigkeit. Dem Hauptmann Kornelius wird gesagt: „Deine Gebete und deine Almosen sind hinaufgestiegen zum Gedächtnis vor Gott“ (Apg 10,4). Als „Lohn“ durfte er als der wohl erste Heide das Heil in Christus vernehmen.

► Wir sollen jedoch nicht um des Lohnes willen mildtätig sein. Es geht um unser Herz, „denn einen fröhlichen Geber liebt Gott“ (2. Kor 9,7).

Der „Unbarmherzige“ hat kein Mitleid mit seinem Nächsten. Er kennt Gott nicht, der „reich ist an Barmherzigkeit“ (Eph 2,4). Dadurch verbaut er sich selbst den Zugang zur Barmherzigkeit Gottes: „Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit zuteil werden“ (Mt 5,7). Und es geht sogar noch weiter: „Das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat“ (Jak 2,13). Ein Beispiel für Unbarmherzigkeit liefern die Brüder Josephs, die von der „Seelenangst“ ihres Bruders völlig unberührt blieben (1. Mo 42,21) und dadurch viele Probleme über sich brachten.

11,18 „Der Gottlose schafft sich trügerischen Gewinn, wer aber Gerechtigkeit sät, wahren Lohn.“

Hier wird nicht in erster Linie das betrügerische Werk des Gottlosen unterstrichen, sondern vielmehr, dass es ihm nicht den erwarteten (sondern „trügerischen“) Gewinn einbringt (Spr 23,5). Dadurch ist er vielleicht noch mehr „betrogen“ als die Menschen, die er betrogen hat. Im Gegensatz zu dem, der „Gerechtigkeit sät“, kann Gott ihn nicht segnen. Ähnlich erging es den aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Juden: „Ihr habt viel gesät und wenig eingebracht; … und der Lohnarbeiter erwirbt Lohn für einen durchlöcherten Beutel“ (Hag 1,6). Warum? Weil sie nur „für sich schafften“.

„Gerechtigkeit säen“ bedeutet, dass wir uns stets gerecht verhalten und dadurch zum Nutzen als auch zum Vorbild für andere sind. Später ernten wir dann die „Frucht der Gerechtigkeit“ (Jak 3,18; Phil 1,11; Spr 11,30).

11,19 „Wie die Gerechtigkeit zum Leben, so gereicht es dem, der Bösem nachjagt, zu seinem Tod.“

Gott fordert sein Volk auf: „Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, damit du lebest“ (5. Mo 16,20). Doch viele „jagen dem Bösen nach“. Angetrieben von Satan, dem „Menschenmörder von Anfang an“ (Joh 8,44), wollen sie möglichst viel Böses tun – und bedenken nicht, dass ihr „Jagen“ zum Tod führt.

11,20 „Die verkehrten Herzens sind, sind dem Herrn ein Gräuel; aber sein Wohlgefallen sind diejenigen, die in Lauterkeit wandeln.“

Nicht erst die bösen Taten „sind dem Herrn ein Gräuel“, sondern bereits das verkehrte Herz. „Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen“ (Mt 15,19). Wer aber ein reines Herz hat und „in Lauterkeit wandelt“, darf mit David beten: „Ich aber wandle in meiner Lauterkeit. Erlöse mich und sei mir gnädig!“ (Ps 26,11).

► Wenn keine finsteren Ecken in deinem Herzen sind und du bei allem, was du tust, reine Beweggründe hast, bist du „Gottes Wohlgefallen“.

11,21 „Die Hand darauf: Der Böse wird nicht für schuldlos gehalten werden; aber die Nachkommenschaft der Gerechten wird entkommen.“

„Die Hand darauf“ bedeutet: So wird es mit Sicherheit sein. Ein böser Mensch wird für seine Schuld aufkommen müssen. Gott ist es seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit schuldig. Dass es in dem Herrn Jesus eine Stellvertretung und Vergebung gibt, wird hier nicht in Betracht gezogen. Es geht hier – wie schon oft betont – um Gottes Regierung auf der Erde, die auch Gläubige betrifft (z. B. 1. Kor 11,29.30).

So ist auch der zweite Versteil zu sehen: Kinder gläubiger Eltern werden eben nicht automatisch dem ewigen Gericht „entkommen“. Dennoch sind sie in gewissem Sinn „heilig“ (1. Kor 7,14). Gott segnet Kinder aufgrund der Gerechtigkeit ihrer Eltern auf dieser Erde: „Der Güte erweist auf Tausende hin an denen, die mich lieben und meine Gebote halten“ (2. Mo 20,6; vgl. Ps 112,2).

► Sollten wir nicht schon allein im Blick auf unsere Kinder und Enkel ein Gott wohlgefälliges Leben führen (Spr 14,26)?

11,22 „Ein goldener Ring in der Nase eines Schweines: So ist eine schöne Frau ohne Anstand.“

Hier liegt ein interessanter parabolischer Parallelismus vor, da zusätzlich beide Teile eine antithetische Aussage (Gegensätzlichkeit) enthalten.7

Wir können diesen eindrucksvollen Vergleich leicht nachvollziehen. Keine Frau sollte sich auf ihre natürliche Schönheit (die wie ein „goldener Ring“ ist) etwas einbilden. Und kein Mann sollte auf die äußere Schönheit einer Frau hereinfallen. Es kommt auf ihren „Anstand“, auf ihr inneres Wesen an. Bei Rebekka passten diese beiden Dinge zusammen und sie erhielt bezeichnenderweise einen goldenen Ring (1. Mo 24,16–22).

Dieser Vers lässt sich aber auch allgemeiner deuten. Das Schwein verhält sich seiner Natur gemäß. Das kann auch ein goldener Nasenring nicht kaschieren. So ist auch der Mensch von Natur aus „ohne Anstand“: sündig und entfremdet von Gott. Dagegen hilft keine äußere Veredelung. Er benötigt eine neue Natur. „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. … Ihr müsst von neuem geboren werden“ (Joh 3,6.7).

11,23 „Das Begehren der Gerechten ist nur Gutes; die Hoffnung der Gottlosen ist der Grimm.“

Wer als Gerechter in Gemeinschaft mit Gott lebt, stimmt in seinen Wünschen mit Ihm überein. Daher „begehrt“ er nur Gutes. Das ist auch das Geheimnis der Erhörung unserer Gebete: „Wenn ihr um etwas bitten werdet in meinem Namen, werde ich es tun“ (Joh 14,14). Dieses Begehren in Übereinstimmung mit Gottes Gedanken ist eine Versicherung gegen Enttäuschungen. Was man erhofft hat, geht in Erfüllung.

Dagegen können die Gottlosen nur den „Grimm“ Gottes erwarten. Eine schreckliche „Hoffnung“! Ihnen bleibt nur „ein gewisses furchtvolles Erwarten des Gerichts“ (Heb 10,27).

Eine andere Übersetzungsmöglichkeit für „Grimm“ ist „Vermessenheit“ (FußEÜ). Dann bedeutet dieser Vers wohl, dass es Vermessenheit ist, wenn der Gottlose sich irgendetwas (Gutes) erhofft.

11,24–31: Die letzten Verse dieses Kapitels behandeln den Egoismus und seine Folgen. Auf der anderen Seite sehen wir den Segen, der auf einer soliden und selbstlosen Zukunftsplanung ruht.

11,24 „Da ist einer, der ausstreut, und er bekommt noch mehr; und einer, der mehr spart, als recht ist, und es ist nur zum Mangel.“

Wir müssen investieren! Das ist auch in der Geschäftswelt ein bekanntes Prinzip. Und es ist auch ein göttliches Prinzip: „Wer sparsam sät, wird auch sparsam ernten, und wer segensreich sät, wird auch segensreich ernten; … wie geschrieben steht:,Er hat ausgestreut, er hat den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit’“ (2. Kor 9,6.9). Eifriges „Ausstreuen“ wird uns also als Gerechtigkeit angerechnet.

Aber es geht noch weiter: „Der aber, der dem Sämann Samen darreicht und Brot zur Speise, wird eure Saat darreichen und vermehren und die Früchte eurer Gerechtigkeit wachsen lassen, indem ihr in allem reich gemacht werdet zu aller Freigebigkeit, die durch uns Gott Danksagung bewirkt“ (2. Kor 9,10.11). Es ist also eine Aufwärtsspirale: Gott gibt uns („Samen“), davon geben wir weiter („eure Saat“). Gott gibt uns mehr („Früchte wachsen“), so dass wir noch mehr geben können („alle Freigebigkeit“). Am Ende wird alles zu Lob und Dank gegen Gott ausschlagen.

► Wenn du freigebig bist, hast du zunächst weniger, aber später mehr. Wenn du geizig bist, hast du zunächst mehr, aber später weniger. Entscheide selbst, was besser ist!

Dasselbe Prinzip gilt auch im Dienst für den Herrn. Wer seine „Talente“ einsetzt, verdoppelt sie, wer sein Talent in der Erde vergräbt, hat am Ende gar nichts mehr (Mt 25,14–30).

► Gott hat auch dir „Talente“ gegeben. Als du dich bekehrt hast, hat der Herr deine natürlichen Fähigkeiten mit einer speziellen, geistlichen Aufgabe verknüpft, die du wahrnehmen sollst.

■ Spurgeon sagte einmal: „Wir müssen geben, um empfangen zu können, wir müssen ausstreuen, um sammeln zu können, wir müssen glücklich machen, um glücklich zu werden. Wir haben verborgene Talente, schlummernde Gaben, die durch Ausübung ans Licht kommen.“

Sparen als vernünftige Vorsorge ist nicht verwerflich. Aber „mehr sparen, als recht ist“ führt nur zum Mangel. Wir müssen uns vor Gott prüfen, wo bei uns persönlich die Grenze liegt.

11,25 „Die segnende Seele wird reichlich gesättigt, und der Tränkende wird auch selbst getränkt.“

Dieser Vers greift die erste Teilaussage des vorigen Verses wieder auf. Jetzt geht es weniger um den materiellen Aspekt als um den geistig-seelischen Bereich. Daher steht auch nicht so sehr die Vermehrung des Eingesetzten, sondern die (immaterielle) Belohnung im Vordergrund. Die eigene Seele wird „gesättigt“ und „getränkt“, nachdem man eine andere Seele „gesättigt“ und „getränkt“ hat. Sättigung bewirkt Zufriedenheit, Tränkung sorgt für Belebung.

Unser Leben soll von Geben geprägt sein. Es soll uns am Herzen liegen, dass andere gesegnet werden. „Geben ist seliger als Nehmen“ (Apg 20,35). Das macht glücklich, und der ausgeteilte Segen kehrt ohne unser Dazutun auf uns selbst zurück.

11,26 „Wer Korn zurückhält, den verflucht das Volk; aber Segen wird dem Haupt dessen zuteil, der Getreide verkauft.“

Manche denken nur an sich. Die Nöte anderer Menschen lassen sie kalt. Um höhere Gewinne zu erzielen, halten sie das „Korn“ zurück, was andere dringend brauchen. So jemand zieht sich den „Fluch“ seiner Mitmenschen zu. Umgekehrt wird derjenige gesegnet, der zur rechten Zeit seine Habe zum Nutzen anderer einsetzt. Schon das Gesetz sagte: „Mit der Fülle deines Getreides und dem Ausfluss deiner Kelter sollst du nicht zögern“ (2. Mo 22,28).

Wir sollen „verkaufen“. Im Gegensatz zu den vorigen Versen steht hier also nicht die Freigebigkeit im Vordergrund, sondern der bereitwillige Einsatz unserer Ressourcen, angepasst an die aktuellen Bedürfnisse unserer Mitmenschen. Die Kraft und die Mittel, die Gott uns gibt, sollen wir einsetzen, um anderen in ihrer Not praktisch und geistlich zu helfen.

► Wenn der Herr uns bei der Beschäftigung mit seinem Wort Segen schenkt, sollen wir dieses „Korn“ auch an andere weitergeben (Rt 2,18).

11,27 „Wer das Gute eifrig sucht, sucht Wohlgefallen; wer aber nach Bösem trachtet, über ihn wird es kommen.“

Wer aus lauteren Beweggründen das Gute sucht, der tut es nicht aus Selbstgefälligkeit, sondern um Gott zu gefallen. So war es bei dem Herrn Jesus: „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens“ (Ps 40,9).

Zweitens sollte man – in Verbindung mit dem vorigen Vers – auch seine Mitmenschen im Auge haben. Man tut das Gute, damit es ihnen „wohl gefällt“. So war es bei Mordokai: Er war „wohlgefällig der Menge seiner Brüder; er suchte das Wohl seines Volkes“ (Est 10,3).

Sein Gegenspieler Haman dagegen ist ein deutliches Beispiel für den zweiten Teil dieses Verses. Er wollte das ganze Volk der Juden ausrotten und Mordokai an einen Baum hängen lassen. Am Ende hing er selbst an diesem Baum (Est 7,10). „Das Tun seiner Hände wird ihm angetan werden“ (Jes 3,11; vgl. Spr 11,8).

11,28 „Wer auf seinen Reichtum vertraut, der wird fallen; aber die Gerechten werden sprossen wie Laub.“

Wer auf Reichtum vertraut, wird fallen, weil er sich auf irdische Hilfsmittel stützt, die erfahrungsgemäß schnell verloren gehen können (Spr 23,4.5). Paulus schreibt an Timotheus: „Den Reichen in dem gegenwärtigen Zeitlauf gebiete, nicht hochmütig zu sein noch auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen, sondern auf Gott“ (1. Tim 6,17).

Der Gerechte erwartet alles von Gott. Auch wenn es ihm finanziell gut geht, hat er seine Quellen in Gott und wird daher „sprossen wie Laub“. „Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen …, dessen Blatt nicht verwelkt; und alles, was er tut, gelingt“ (Ps 1,3).

11,29 „Wer sein Haus zerrüttet, wird Wind erben; und der Narr wird ein Knecht dessen, der weisen Herzens ist.“

Der Herr hat uns manches anvertraut: unsere Familie, unseren Beruf, unseren Besitz, und nicht zuletzt sein Werk. Wenn wir das vernachlässigen („zerrütten“), werden wir am Ende nichts Substanzielles mehr in den Händen haben – nur „Wind“! Unser Werk wird letztlich „verbrennen“ (1. Kor 3,12–15).

Ein solches Verhalten ist „Narrheit“ (Spr 14,1). Dadurch verwirkt man sein Ansehen und nimmt nur noch eine untergeordnete Stellung ein. Der nächste Vers lässt hoffen, dass man als „Knecht dessen, der weisen Herzens ist“, langsam wieder weise wird.

11,30 „Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens, und der Weise gewinnt Seelen.“

Wer „Gerechtigkeit sät“ (Spr 11,18), wird entsprechende Frucht hervorbringen: Auswirkungen seines gerechten Handelns. Diese Frucht ist ein „Baum des Lebens“, d. h., viele können davon essen und leben, und auch ihm selbst kommt sie zugute.

► Ist unser Verhalten derart von Gerechtigkeit geprägt, dass wir den Menschen in unserer Umgebung zu wahrem Leben verhelfen? Zeigen wir ihnen etwas von Jesus Christus, dem wahren „Baum des Lebens“?

„Der Weise gewinnt Seelen“, denn auch die Weisheit ist ein „Baum des Lebens“ (Spr 3,18)8. Wir benötigen göttliche Weisheit, um jedem Menschen so zu begegnen, dass seine Seele gewonnen wird. Es ist ein dreifacher Gewinn: Für den Betreffenden selbst, für uns und für unseren Herrn. „Er kommt heim mit Jubel und trägt seine Garben“ (Ps 126,6).

11,31 „Siehe, dem Gerechten wird auf der Erde vergolten, wie viel mehr dem Gottlosen und Sünder!“

Haben wir die ersten beiden Kapitel dieser „Sprüche Salomos“ verstanden? „Siehe“, sagt Salomo, und man könnte fortfahren: „Schau es dir noch einmal genau an“: Gerechtigkeit lohnt sich, sie wird schon auf der Erde belohnt. Und Sünde rächt sich, sie wird bestraft. „Denn wer unrecht tut, wird das Unrecht empfangen, das er getan hat; und da ist kein Ansehen der Person“ (Kol 3,25). Gott handelt mit jedem Menschen gemäß seiner Verantwortung und wie er ihr entsprochen hat. Dieser Grundsatz durchzieht das gesamte Buch der Sprüche. Es sind die Regierungswege Gottes mit uns auf dieser Erde.

Nicht immer aber tritt dieser Grundsatz sofort zutage. Asaph musste das erleben. Er sah „das Wohlergehen der Gottlosen“, und dass er selbst „geplagt wurde den ganzen Tag“ (Ps 73,3.14). Doch Gott öffnete ihm die Augen. Dann erkannte er, dass die Vergeltung, von der unser Vers spricht, nicht immer nach außen hin sichtbar ist. Gerechte genießen oft nur einen unsichtbaren Segen und Gottlose haben manchmal nur unsichtbare Probleme. Fest steht: „Denn Gott wird jedes Werk, es sei gut oder böse, in das Gericht über alles Verborgene bringen“ (Pred 12,14).

■ Die ewige Zukunft eines Menschen entscheidet sich ausschließlich danach, ob er durch Glauben gerechtfertigt ist und neues Leben besitzt.

Kapitel 12

Ähnlich wie in Kapitel 10 wird auch in diesem Kapitel mehrfach darauf hingewiesen, welche Bedeutung unseren Worten zukommt. Weiterhin wird uns der Fleiß als ein wichtiges Element eines ordentlichen Lebenswandels vorgestellt.

Folgende Einteilung bietet sich an:

Spr 12,1–3: Einleitung
Spr 12,4–8: Der Fortbestand des Hauses des Gerechten
Spr 12,9–12: Verhalten im häuslichen Bereich
Spr 12,13–23: Ursprung und Wirkung unserer Worte
Spr 12,24–27: Positiver Einfluss des Fleißigen und Gerechten
Spr 12,28: Das Endziel

12,1–3: Einleitend stellen diese drei Verse noch einmal den Gegensatz heraus zwischen dem Weisen und dem Törichten, dem Gütigen und dem Tückischen sowie dem Gerechten und dem Gottlosen.

12,1 „Wer Unterweisung liebt, liebt Erkenntnis; und wer Zucht hasst, ist dumm.“

Nicht weniger als siebenmal wird im Buch der Sprüche der Wert von Zucht und Unterweisung innerhalb eines Verses geschildert.9 Hier wird besonders auf die innere Einstellung zur Unterweisung bzw. zur Zucht hingewiesen. Wir sollen sie „lieben“. Diese Liebe wird durch ein tiefes Begehren nach wahrer Erkenntnis in unseren Herzen hervorgerufen.

Doch „wer Zucht hasst, ist dumm“ – und bleibt dumm. Er versteht nicht die Tragweite und den Trost, der in den Worten liegt: „Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er“ (Heb 12,6).

12,2 „Der Gütige erlangt Wohlgefallen von dem Herrn, aber den tückischen Mann spricht er schuldig.“

Die Sprüche zählen fünf Qualitäten auf, durch die man das Wohlgefallen Gottes erlangt: Nicht betrügen, im Weg vollkommen sein, Wahrheit reden, aufrichtig beten (Spr 11,1.20; 12,22; 15,8) und hier: das Gute ausüben. Dieser Vers ist die Antwort auf Sprüche 11,27, wo im Prinzip gesagt wird, dass der Gütige „Wohlgefallen sucht“. Hier erhält er nun die feste Zusage dieses „Wohlgefallens von dem Herrn“.

Was wir an Gutem für die Kinder Gottes tun, tun wir letztlich für den Herrn (Mt 25,34–36). Ja, wir sollen sogar unsere irdische Tätigkeit „von Herzen als dem Herrn“ ausführen (Kol 3,23). Durch all das erlangen wir nicht nur bei den Menschen, sondern vor allem von Ihm Wohlgefallen.

Aber derselbe Herr spricht den „schuldig“, der in arglistiger Weise nur böse Anschläge (FußEÜ) im Sinn hat.

12,3 „Ein Mensch wird nicht bestehen durch Gottlosigkeit, aber die Wurzel der Gerechten wird nicht erschüttert werden.“

Nicht wenige versuchen, unabhängig und losgelöst von Gott („gottlos“) erfolgreich zu sein. Sie meinen, durch Intrigen oder Betrug schnell zu Reichtum und Ehre zu gelangen. Das mag eine Weile gut gehen. Aber auf Dauer werden sie „nicht bestehen“ (vgl. V. 7).

Der Gerechte dagegen hat Bestand. Er hat tief gegründete „Wurzeln“.

  • Er ist gewurzelt in dem Glauben (Kol 2,7) und lässt sich nicht durch unbiblische Lehren beeinflussen.
  • Er ist gewurzelt in einem festen Vertrauen auf den Herrn, fürchtet sich nicht vor schlechten Zeiten und „hört nicht auf, Frucht zu tragen“ (Jer 17,7.8; s. auch Spr 12,12).
  • Er ist gewurzelt in Liebe (Eph 3,17), die das Herz erfüllt und zu anderen ausströmt.

12,4–8: Diese Verse nennen uns die Voraussetzungen für den Fortbestand des Hauses des Gerechten: Eine tüchtige Frau, ein einsichtsvoller Mann, sowie aufrichtige Gedanken und Worte.

12,4 „Eine tüchtige Frau ist ihres Mannes Krone, aber wie Fäulnis in seinen Gebeinen ist eine schändliche.“

Kapitel 31 schildert sehr ausführlich eine Frau nach dem Herzen Gottes. So eine „tüchtige Frau“ ist fleißig, ausdauernd und umsichtig. Sie ist für ihren Mann nicht nur eine segensreiche Hilfe, sie ist auch seine „Krone“, d. h. zu seiner Ehre. Sie lebt es aus, „des Mannes Herrlichkeit“ zu sein (1. Kor 11,7). Es mag sein, dass eine Frau mehr Qualitäten und Fähigkeiten hat als ihr Ehemann. Doch wenn sie Gottes Wort beachtet, wird sie sich ihm unterordnen (Eph 5,22). Nur so kann sie seine Krone sein.

■ Es ist ein Ansporn für jede verheiratete Frau, dass sie ein Bild von der Versammlung aller Glaubenden abgeben darf, deren Haupt Christus ist (Eph 5,23). Auch diese soll „ihres Mannes Krone“ sein (vgl. Eph 3,10).

Eine schändliche Frau vergiftet das Leben ihres Mannes. Er muss sich ihrer schämen. Sie ist ein fortschreitendes Übel („Fäulnis“). Sie hemmt ihn in seinem Dienst für Gott oder macht diesen unmöglich.

12,5 „Die Gedanken der Gerechten sind Recht, die Überlegungen der Gottlosen sind Betrug.“

Unsere Gedanken und Überlegungen entscheiden über unsere Worte und Taten. Entspringen sie aus dem uns von Gott geschenkten neuen Leben, sind sie „Recht“. Entspringen sie unserer sündigen Natur, sind sie „Betrug“, also für uns und andere irreführend. Paulus ermahnt die Korinther, „jeden Gedanken gefangen [zu] nehmen unter den Gehorsam des Christus“ (2. Kor 10,5).

► Vergessen wir nie, dass Gott stets Einblick in unsere Gedanken hat, schon bevor wir sie aussprechen oder ausführen (Ps 139,2–4)!

12,6 „Die Worte der Gottlosen sind ein Lauern auf Blut; aber der Mund der Aufrichtigen errettet sie.“

Eben ging es um unsere Gedanken und Überlegungen, jetzt um die Worte unseres Mundes. Worte offenbaren, was im Herzen ist, „denn aus der Fülle des Herzens redet sein Mund“ (Lk 6,45).

Die Gottlosen haben es sich zum Ziel gesetzt, durch verletzendes oder lügnerisches Reden die Existenz einer Person zu vernichten (Spr 11,9). David hat dies mehrfach erfahren und klagt: „Mitten unter Löwen ist meine Seele …, unter Menschenkindern, deren Zähne Speere und Pfeile sind und deren Zunge ein scharfes Schwert ist“ (Ps 57,5).

Doch der „Mund der Aufrichtigen“ verteidigt diese verunglimpften Personen und „errettet“ sie dadurch vor dem Untergang.

Eine andere Deutung ist, dass der Mund der Aufrichtigen sie selbst „errettet“ (FußEÜ). Ihre Aufrichtigkeit ist entwaffnend, so dass man sie laufen lässt (Apg 4,13.14).

■ Was unser Heil („Errettung“) angeht, sagt Paulus: „Mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil“ (Röm 10,10).

12,7 „Die Gottlosen stürzen um, und sie sind nicht mehr; aber das Haus der Gerechten bleibt stehen.“

Dies erinnert an die beiden Häuser, die der Herr Jesus in einem Gleichnis beschreibt: Das eine ist auf Ihn, den Felsen, gegründet, weil der Bauherr auf seine Worte gehört hat. Der andere Bauherr hat gehört, aber nicht gehorcht, und baute somit sein Haus gleichsam auf Sand. Das Ergebnis ist bekannt: „Sein Fall [„Sturz“] war groß“ (Mt 7,24–27).

Die Worte „sie sind nicht mehr“ sind äußerst tragisch. In letzter Konsequenz deutet dies auf die ewige Gottesferne hin. Dagegen hat das „Haus des Gerechten“ durch Gottes Gnade Bestand (2. Tim 1,16–18).

12,8 „Entsprechend seiner Einsicht wird ein Mann gelobt; wer aber verkehrten Herzens ist, gerät in Verachtung.“

Der Einsichtige hat Einblick in Gottes Willen. Das führt ihn zu vernünftigen Beurteilungen und richtigen Entscheidungen, die ihm zunehmend Lob einbringen (Spr 13,15). Das beste Beispiel dafür ist der Herr Jesus. Seine Jugend wird geschildert mit den Worten: „Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe und an Gunst bei Gott und Menschen“ (Lk 2,52).

Gute Einsicht ist nicht zu verwechseln mit hoher Intelligenz, denn sie kommt aus dem Herzen und nicht nur aus dem Kopf. Deswegen wird Einsicht hier dem „verkehrten Herzen“ gegenübergestellt. Dieses ist trügerisch und trifft eigenwillige Entscheidungen. So ein Mensch macht viele Probleme und wird daher schließlich „verachtet“.

12,9–12: Nun lernen wir etwas über gerechtes und daher gewinnbringendes Verhalten im häuslichen Bereich.

12,9 „Besser, wer gering ist und einen Knecht hat, als wer vornehm tut und Mangel an Brot hat.“

Die erste Person ist zwar gering (sie tut nicht nur so), hat es aber doch zu etwas gebracht. Obwohl sie nun „Chef“ ist, bleibt sie offenbar demütig. Sie weiß, dass auch sie einen Herrn über sich hat (Kol 4,1).

Die zweite Person tut vornehm, ist es aber nicht. Sie hat sogar „Mangel an Brot“. Das ist im Buch der Sprüche stets selbst verschuldet (Spr 6,6–8; 10,4; 28,19). Aber sie übertüncht diesen Mangel durch gespielte Vornehmheit. Ähnlich versuchen viele Menschen, ihren geistlichen Mangel durch vornehmes, der „christlichen Etikette“ angepasstes Auftreten zu kompensieren (Spr 13,7).

► „Mehr Schein als Sein“ – ist das manchmal auch dein Bestreben?

12,10 „Der Gerechte kümmert sich um das Leben seines Viehs, aber das Herz der Gottlosen ist grausam.“

Vielleicht hätten wir nicht gedacht, dass sich Gerechtigkeit auch in unserem Verhalten gegenüber den Tieren offenbart. Die Tiere sind dem Menschen unterworfen (1. Mo 1,28), aber er soll sie als Gottes Geschöpfe wertschätzen. Insbesondere gilt dies für Nutztiere, von denen viele uns zur Nahrung gegeben sind (Spr 27,23–27). Als Jakob seinen Sohn Joseph aussandte, lautete der Auftrag: „Sieh nach dem Wohlergehen deiner Brüder und nach dem Wohlergehen der Herde“ (1. Mo 37,14). Und Gott selbst kümmert sich um die Tiere: „… der dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die da rufen“ (Ps 147,9; vgl. Jona 4,11; 2. Mo 20,10; 23,5).

Das Herz des Gottlosen kennt nichts von dieser Fürsorge Gottes. Es ist „grausam“ – und nicht nur den Tieren gegenüber.

■ Thema Tierschutz: Gott will, dass wir Achtung vor seiner Schöpfung haben und sie bewahren (1. Mo 2,15). Gleichzeitig müssen wir aber bedenken, dass die Sünde, die durch uns in die Welt gekommen ist, auch der Schöpfung geschadet hat und schadet (Röm 8,20). Daher ist der Versuch, die Schöpfung zu „retten“, zum Scheitern verurteilt. Vor allem aber kann es nicht nach Gottes Gedanken sein, dass der Wert eines Tieres dem Wert eines Menschen gleichgesetzt wird (wie es heute bisweilen geschieht). Der Herr sagte: „Seht hin auf die Vögel des Himmels. … Seid ihr nicht viel vorzüglicher als sie?“ (Mt 6,26).

12,11 „Wer sein Land bebaut, wird mit Brot gesättigt werden; wer aber nichtigen Dingen nachjagt, ist unverständig.“ (Spr 28,19)

Schon im Garten Eden bekam der Mensch den Auftrag, diesen zu „bebauen“ (1. Mo 2,15). Wer also „sein Land bebaut“, handelt nach Gottes Willen. Wir sollen arbeiten, um unser Brot zu verdienen, und Gott wird es uns geben. Aber „wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen“ (2. Thes 3,12.10).

Von einigen der Thessalonicher musste Paulus sagen, dass sie „unordentlich wandeln, indem sie nichts arbeiten, sondern fremde Dinge treiben“ (2. Thes 3,11). Sie waren nicht direkt faul, sondern „jagten nichtigen Dingen nach“. Sie waren „unverständig“.

► Wir machen uns leicht etwas vor: Den ganzen Tag sind wir beschäftigt, haben nie Zeit, sind fleißig und emsig. Wir sind nicht faul, nein! – aber bebauen wir wirklich „unser Land“, oder beschäftigen wir uns eher mit „nichtigen Dingen“?

12,12 „Den Gottlosen gelüstet nach dem Raub der Bösen, aber die Wurzel der Gerechten trägt ein.“

Auf alle möglichen Weisen versucht der Gottlose, einen Vorteil für sich herauszuholen – und sei es aus „dem Raub der Bösen“. Schon bei seiner allerersten Ansprache in Sprüche 1,10–19 warnte der Vater seinen Sohn, nicht nach dem Raub der Bösen zu gelüsten.

Beide, der Gottlose und der Gerechte, wollen etwas besitzen. Aber der eine will es sich durch Raub aneignen, der andere will es „produzieren“. Er nimmt über seine „Wurzeln“ Nahrung auf (s. Auslegung zu Spr 12,3) und bringt daraus Frucht hervor: Er „trägt ein“. Dieser Ertrag, der aus der lebendigen „Wurzel-Verbindung“ mit Gott entstanden ist, ist kein Raub, sondern Segen für sich und andere. Und es ist Frucht für Gott.

12,13–23: Erneut geht Salomo hier unter verschiedenen Gesichtspunkten auf den Ursprung und die Wirkung unserer Worte ein.

12,13 „In der Übertretung der Lippen ist ein böser Fallstrick, aber der Gerechte entgeht der Bedrängnis.“

„Bei der Menge der Worte fehlt Übertretung nicht“ (Spr 10,19), und hier zeigen sich die weiteren Folgen: Die „Übertretung der Lippen“ bringt uns zu Fall. Wir werden in unserem gesellschaftlichen Umfeld nicht bestehen können.

■ Obwohl Hiob in größter Not war und sich sogar seine eigene Frau gegen ihn richtete, „sündigte Hiob nicht mit seinen Lippen“ (Hiob 2,11).

„Die Lippen des Gerechten verstehen sich auf Wohlgefälliges“ (Spr 10,32). Daher kommt er nicht zu Fall und wird von niemand „bedrängt“.

12,14 „Von der Frucht seines Mundes wird ein Mann mit Gutem gesättigt, und das Tun der Hände eines Menschen kehrt zu ihm zurück.“ (Spr 13,2)

Unsere guten Worte wirken sich nicht nur für andere positiv aus (Spr 10,11), sondern auch für uns selbst. Ist es nicht eine freudige Genugtuung, wenn wir sehen, dass das Gesagte Frucht getragen hat (Spr 18,20)?

► Es ist schade, wenn du nie etwas zur Auferbauung anderer sagst, wo es doch zu deinem eigenen Segen wäre!

Ähnliches gilt für unser „Tun“, egal ob positiv oder negativ: „Sagt vom Gerechten, dass es ihm wohl ergehen wird; denn die Frucht ihrer Handlungen werden sie genießen. Wehe dem Gottlosen! Es wird ihm schlecht ergehen; denn das Tun seiner Hände wird ihm angetan werden“ (Jes 3,10.11; vgl. Spr 11,17.25).

12,15 „Der Weg des Narren ist richtig in seinen Augen, aber der Weise hört auf Rat.“

Ein Narr ist ja durch „Mangel an Verstand“ gekennzeichnet (Spr 10,21). Hier kommt nun eine weitere Tragik hinzu: Er ist der Überzeugung, alles richtig zu machen.

► Müssen wir nicht zugeben, dass dies mehr oder weniger auch auf uns zutrifft? Es ist ein Zeichen von Hochmut!

Wer so denkt, braucht keinen Rat, braucht keine Unterweisung – und braucht keine Bekehrung. Er braucht auch keine Bibel, denn sein Maßstab ist er selbst. Er akzeptiert keine Autorität über sich, sondern verhält sich wie die Leute zur Zeit der Richter: „Jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri 21,25).

Ganz anders handelt der Weise. Ihm ist bewusst, dass er keine vollständige Weisheit besitzt (Spr 9,9). Er misstraut sich selbst und sucht Rat. Aber er hört sich den Rat nicht einfach nur an und geht dann doch einen eigenen Weg. Nein, er „hört auf Rat“. Durch seine Einsicht ist er zudem in der Lage, guten Rat von schlechtem zu unterscheiden. Er weiß, welcher Rat in Übereinstimmung mit Gottes Gedanken ist und welcher nicht.

■ Wir sollten übrigens auch dankbar sein, dass Gott Menschen befähigt hat, guten Rat zu geben. Sekarja war z. B. so ein „verständiger Ratgeber“, ebenso Hiob (1. Chr 26,14; Hiob 29,21).

12,16 „Der Unmut des Narren tut sich am selben Tag kund, aber der Kluge verbirgt den Schimpf.“

Da der Weg des Narren in seinen Augen richtig ist (V. 15), bricht sofort sein Unmut aus ihm heraus, wenn er korrigiert wird. Es fehlt ihm die Selbstkontrolle. Er regt sich ständig über alles Mögliche auf (Spr 29,11).

Der Kluge lässt sich beschimpfen, ohne ein Wort dagegen zu sagen. Er gießt kein Öl ins Feuer. Als David von Simei geflucht wurde, sagte er: „Ja, mag er fluchen!“ (2. Sam 16,10). Und unser Herr schwieg zu allem Hohn und Spott der Menschen. – Vielleicht kann so ein Verhalten den anderen sogar dazu bringen, seine bösen Worte zu bereuen.

„Den Schimpf verbergen“ geht allerdings noch weiter: Der Kluge erzählt auch keinem anderen von der Demütigung, die er erfahren hat. Er ist auf Frieden bedacht.

► Wer einen im Ärger geschriebenen Brief über Nacht liegen lässt und dann neu bedenkt, wird wahrscheinlich das Porto sparen.

12,17 „Wer Wahrheit ausspricht, tut Gerechtigkeit kund, aber ein falscher Zeuge Trug.“

Wenn wir wissen wollen, was Wahrheit ist, müssen wir Gott fragen. Wahrheit ist seine absolute und vollkommene Beurteilung aller Dinge. Er ist auch der Einzige, der uns sagen kann, was gerecht ist, denn Er hat es gemäß seiner vollkommenen Beurteilung selbst festgelegt: Seine Gerechtigkeit ist gegründet auf seiner Wahrheit (Jes 42,3).

Seine Wahrheit hat Er in dem Herrn Jesus, in seinem Wort und durch den Heiligen Geist offenbart (Joh 18,37; 17,17; 16,13). Wenn wir also den Herrn Jesus betrachten, sein Wort lesen und uns durch den Geist leiten lassen, werden wir „Wahrheit aussprechen“. Da nun aber Gottes Gerechtigkeit seiner Wahrheit entspringt, wird auch alles, was wir sagen, automatisch „Gerechtigkeit kundtun“.

► Wenn wir stets bei der Wahrheit bleiben, werden wir keine ungerechten Entscheidungen fällen wie Pilatus, der noch nicht einmal wusste, was Wahrheit ist (Joh 18,38).

Ein falscher Zeuge ist schlimmer als ein (einfacher) Lügner, weil er bewusst einem anderen schaden will (Spr 6,19). Er tut „Trug“ kund, er ist ein Betrüger (Spr 14,5).

► Wir sollten uns sehr hüten, die Motive eines anderen zu beurteilen: „Der oder die hat das nur deswegen getan, weil …!“ Dadurch können wir schnell ein „falscher Zeuge“ werden.

12,18 „Da ist jemand, der unbesonnene Worte redet gleich Schwertstichen; aber die Zunge der Weisen ist Heilung.“

Wie leicht lassen wir eine vorschnelle Bemerkung fallen, die einen anderen sehr verletzt (Spr 29,20). Es war nicht unsere Absicht – aber es ist geschehen. Das ist oft nur schwer wiedergutzumachen. Wir sollten immer wieder beten: „Setze, Herr, meinem Mund eine Wache, behüte die Tür meiner Lippen!“ (Ps 141,3).

Die „Zunge der Weisen“ aber ist stets zum Nutzen, zum Trost, ja zur „Heilung“. Auch dann, wenn sie einmal „deutliche“ Worte sagen muss. Der Weise kann auch eine Situation entschärfen und heilen, wo jemand „unbesonnene Worte“ geredet hat.

12,19 „Die Lippe der Wahrheit besteht ewig, aber nur einen Augenblick die Zunge der Lüge.“

Worte der Wahrheit können nicht widerlegt werden. Auch müssen sie nie zurückgenommen werden. Sie haben immer Bestand. Das gilt erst recht für die göttliche Wahrheit: „Die Wahrheit des Herrn währt ewig“ (Ps 117,2). Der Herr Jesus, der die Wahrheit ist, sagte: „Meine Worte aber werden nicht vergehen“ (Lk 21,33).

Die „Zunge der Lüge“ dagegen hat keinen Bestand, sie wird vielmehr schnell entdeckt. Ein Sprichwort sagt: „Lügen haben kurze Beine.“

■ Wenn wir Kinder haben, unterliegen wir einer doppelten Verantwortung: Erstens stehen wir in Gefahr, es selbst mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Die Kinder merken das sehr schnell und machen es uns nach. Zweitens sollten wir jede Unwahrheit, die wir bei ihnen feststellen, sofort zur Sprache bringen. Ihnen muss so früh wie möglich beigebracht werden, dass das Lügen eine schlimme Sünde ist, denn Psalm 58,4 sagt: „Es irren von Mutterleib an die Lügenredner.“

12,20 „Trug ist im Herzen derer, die Böses schmieden; bei denen aber, die Frieden planen, ist Freude.“

Jeder böse Plan entsteht im Herzen, und dieses ist „arglistig“ (Jer 17,9). Wer „Böses schmiedet“, wird sein Ziel kaum ohne Betrug und Verkehrtheit erreichen (Spr 6,14). Da sein Herz finster ist und voller „Trug“, kann es auch niemals mit Freude erfüllt sein.

Anders bei demjenigen, der nicht Böses, sondern „Frieden plant“. Bei ihm ist Freude: „Glückselig die Friedensstifter“ (Mt 5,9). Petrus verbindet die Aussagen des vorigen und dieses Verses miteinander, indem er schreibt: „Denn wer das Leben lieben [„ewig bestehen“] und gute Tage [„Freude“] sehen will, der halte seine Zunge vom Bösen zurück und seine Lippen, dass sie nicht Trug reden [„Lippe der Wahrheit“]; … er suche [„plane“] Frieden und jage ihm nach“ (1. Pet 3,10.11; vgl. Ps 34,13–15). Wir können auf mancherlei Weise Frieden planen:

  • Streit schlichten (wie z. B. Paulus in Philipper 4,2.3).
  • Ungläubige Menschen darauf hinweisen, dass sie Frieden mit Gott benötigen, und ihnen den Weg dahin zeigen.
  • Glaubensgeschwister, die den Frieden des Herzens verloren haben, trösten und ermutigen (1. Thes 5,14).

12,21 „Dem Gerechten wird keinerlei Unheil widerfahren, aber die Gottlosen sind voller Unglück.“

Erstaunt uns der erste Teil dieses Verses? Gibt es nicht viele Gerechte, denen „Unheil widerfahren“ ist? Ja und nein. Vom irdischen Standpunkt aus gesehen, erleben wir tatsächlich manches Leid unter Christen. Aber aus göttlicher Sicht gilt, „dass denen, die Gott lieben [also den Gerechten], alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind“ (Röm 8,28; vgl. Spr 11,31). Was andere „Unheil“ nennen, ist für uns „Heil“. Und wenn Gott uns in seinen Regierungswegen „Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hungersnot oder Blöße oder Gefahr oder Schwert“ sendet, gibt Er uns auch die Kraft zum Überwinden und schenkt Segen für den inneren Menschen (Röm 8,35.37).

Umgekehrt ist es bei den Gottlosen. Manchmal verläuft ihr Leben scheinbar ohne große Probleme (Ps 73,3–5). Doch oft sehen wir ihr inneres Elend nur nicht. Ohne Gott zu leben kann nur unglücklich machen. Und ohne Ihn zu sterben ist „Unglück“ in höchster Potenz.

12,22 „Die Lippen der Lüge sind dem Herrn ein Gräuel, die aber, die Wahrheit üben, sein Wohlgefallen.“

Gott nimmt von jeder Lüge Kenntnis, und Er verabscheut sie. Was muss es für Ihn sein, dass Menschen, die Er „aufrichtig geschaffen hat“ (Pred 7,29), dem „Vater der Lüge“ geglaubt haben und nun selbst zu Lügnern geworden sind (Joh 8,44)! Satan ist der Widersacher Gottes – und Menschen tun es ihm gleich! Wie wir schon in Sprüche 6,17 sahen, empfängt daher ein Lügner dasselbe Gericht wie die „größten“ Sünder. Ein Beispiel dafür sind Ananias und Sapphira (Apg 5,1–11). Sie bezahlten ihre Lüge mit dem Tod.

Gott liebt die anderen, die „Wahrheit üben“ und die, wie Er, „Lügenrede hassen“ (Spr 13,5). Sie reden nicht nur Wahrheit, sondern sie praktizieren sie auch. Das war in Vollkommenheit bei Christus der Fall: Auf die Frage „Wer bist du?“ antwortete Er: „Durchaus das, was ich auch zu euch rede“ (Joh 8,25). Sein ganzes Verhalten war von Wahrheit geprägt.

12,23 „Ein kluger Mensch hält die Erkenntnis verborgen, aber das Herz der Toren ruft Narrheit aus.“

Es ist zwar die Aufgabe eines Weisen, seine Erkenntnis an andere weiterzugeben (Spr 15,2.7), aber dieser Vers will etwas anderes sagen. Ein „kluger Mensch“ wird sein Wissen nicht bei jeder Gelegenheit ausposaunen (Spr 10,14; 17,27). Er geht damit nicht hausieren. Er ist bescheiden und nüchtern.

Der Tor prahlt mit seinem vermeintlichen Wissen und merkt nicht, dass er gerade dadurch seine Dummheit zur Schau stellt (Spr 14,33; 18,2). Nicht wenige haben durch ungeistliche Aussagen oder öffentliche Briefe ihre „Narrheit“ offenbart.

► Besser heimlich schlau als unheimlich dumm!

12,24–27: Diese vier Verse beschreiben den guten Einfluss, den der Fleißige und Gerechte auf seine Umgebung ausübt.

12,24 „Die Hand der Fleißigen wird herrschen, aber die lässige wird fronpflichtig sein.“

Salomo wird ein fleißiger Mann gewesen sein. Sonst hätte er nicht solche Projekte wie den Tempel in Angriff nehmen und sich gleichzeitig noch als „Schriftsteller“ betätigen können. Dadurch nahm sein Reich an Größe zu, so dass er schließlich „Herrscher über alle Königreiche, vom Strom bis zum Land der Philister und bis zur Grenze Ägyptens“ wurde (1. Kön 5,1). Alle diese Völker wurden ihm „fronpflichtig“.

Wir sollen zwar nicht über andere herrschen (Mt 20,25.26), doch wird jemand, der fleißig im Wort Gottes forscht, vom Herrn mit besonderen Aufgaben bedacht werden.

Der „Lässige“ wird arm (Spr 10,4) und muss sich schließlich selbst als Sklave verkaufen. Issaschar war so jemand: „Er sieht, dass die Ruhe gut ist … und wird zum fronpflichtigen Knecht“ (1. Mo 49,14.15).

► Wenn du „lässig“ bist im Lesen der Bibel, läufst du Gefahr, eines Tages der Sünde „fronpflichtig“ zu werden. Du bist dann abhängig und wirst vielleicht sogar süchtig.

12,25 „Kummer im Herzen des Mannes beugt es nieder, aber ein gutes Wort erfreut es.“

Ein von Kummer und Sorge niedergebeugtes Herz ist kraftlos. Denn ihm fehlt die Freude an dem Herrn, die unsere Stärke ist (Neh 8,10). Aber Gott ruft uns zu: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden“ (Phil 4,6). Das ist ein „gutes Wort“, das ein kummervolles Herz „erfreut“.

Die Bibel ist voll von derart ermunternden Worten. Und es ist gut, wenn wir solche Verse immer wieder lesen, um sie uns einzuprägen. Dann können wir uns in trüben Tagen an ihnen erfreuen. Dann können wir aber auch anderen eine Hilfe sein, die unter depressiven Gedanken leiden. „Ein Wort zu seiner Zeit, wie gut!“ (Spr 15,23). Ein Sprichwort sagt: „Gib mir einen Kameraden, der mit mir weinen will. Einen, der mit mir lachen will, finde ich leicht.“

► Vielleicht kennst du jemand, dessen Herz niedergebeugt ist, weil er in Sündennot ist. Das ist eine Gelegenheit, ihm das Evangelium, die „gute Botschaft“, zu sagen. Das wird nicht nur in seinem Herzen, sondern auch im Himmel Freude hervorrufen.

12,26 „Der Gerechte weist seinem Nächsten den Weg, aber der Weg der Gottlosen führt sie irre.“

Wenn wir ein Leben in Gerechtigkeit führen, ist unser Verhalten richtungsweisend für unseren Nächsten. Sein Gewissen wird getroffen und wir sind ihm ein positives Vorbild, das er nachahmen kann. Auch unsere Worte haben dann mehr Gewicht und werden akzeptiert.

Der Gottlose lässt sich vom Verhalten des Gerechten nicht beeindrucken. Er verfolgt seinen eigenen Weg und merkt nicht, dass dieser ihn „irreführt“ (vgl. Spr 14,12).

■ Der Herr Jesus weist seinen Jüngern den richtigen Weg mit den Worten: „Folge du mir nach“ (Joh 21,22).

12,27 „Nicht erjagt der Lässige sein Wild; aber kostbares Gut eines Menschen ist es, wenn er fleißig ist.“

Schon wieder steht der „Lässige“ vor unseren Blicken. Immerhin macht er sich diesmal auf, um „sein Wild“ zu erjagen. Das spricht alle diejenigen von uns an, die in einem Beschäftigungsverhältnis stehen. Wir fahren jeden Morgen zur Arbeit, begeben uns an unseren Arbeitsplatz – und dann? Sind wir dann „fleißig“? Arbeiten wir „von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen“ (Kol 3,23)? Gehören wir zu denen, die, „nichts unterschlagend [auch keine Arbeitszeit], sondern alle gute Treue erweisend …, die Lehre, die unseres Heiland-Gottes ist, zieren in allem“ (Tit 2,10)? Nicht das (verdiente?) Gehalt am Ende des Monats ist unser „Wild“, sondern das Ergebnis unserer Arbeit. „Erjagen“ wir es?

Zum Jagen gehören Einsatz und Ausdauer. Beides benötigen wir auch beim Lesen des Wortes Gottes. Wir sollten dabei nicht dem Lässigen gleichen, der vielleicht seine Freude daran findet, auf die Jagd zu gehen, dann aber keine Energie aufbringt, sein Wild auch zu erjagen. Das heißt für uns, dass wir nicht nur die „schönen“ und leicht zu Herzen gehenden Bibelstellen lesen, sondern uns auch bemühen, in die tieferen Wahrheiten des Wortes Gottes einzudringen. Wir müssen uns das, was wir lesen, erjagen und aneignen, „darüber nachsinnen Tag und Nacht“ (Jos 1,8). Dann werden wir in der Wahrheit befestigt und die Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn immer tiefer genießen.

Das ist dann „kostbares Gut“. So können wir mit Jeremia sagen: „Deine Worte waren vorhanden, und ich habe sie gegessen, und deine Worte waren mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens“ (Jer 15,16).

12,28 „Auf dem Pfad der Gerechtigkeit ist Leben, und kein Tod ist auf gebahntem Weg.“

Dieser Vers schließt die Gedankenreihe der Kapitel 10–12 ab. Es ist einer der wenigen Verse, wo der Gerechtigkeit bzw. dem Gerechten nichts Negatives gegenübergestellt wird. Zwar wird der Tod als Gegensatz zum Leben erwähnt, aber ebenfalls nur im positiven Sinn. Gott will offenbar, dass wir vornehmlich das Gute im Gedächtnis behalten.

■ Wir können diesen Vers sehr gut mit Psalm 23 verbinden: Mein Hirte „leitet mich auf Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen.“ Dort ist wahres Leben, „auch wenn ich wanderte im Tal des Todesschattens“. Der Tod kann mir dort nichts anhaben, denn ich bin „auf gebahntem Weg“, weil „sein Stecken und sein Stab“ mir beistehen (Ps 23,3.4).

Der Herr Jesus, das ewige Leben in Person, hat „den Tod zunichtegemacht, aber Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht“ (2. Tim 1,10). „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind“ (1. Joh 3,14).

Kapitel 13

Die nächsten Kapitel der Sprüche Salomos werden wieder eingeleitet mit der Beschreibung des „weisen Sohns“ (vgl. Spr 10,1). Danach kommen folgende Themen vor uns:

Spr 13,2–6: Auswirkungen unserer Worte
Spr 13,7–8: Reiche und Arme
Spr 13,9–12: Konstanz und Ausharren
Spr 13,13–20: Vielfältiger Nutzen der Worte der Weisheit
Spr 13,21–25: Kein Mangel beim Gerechten

13,1 „Ein weiser Sohn hört auf die Unterweisung des Vaters, aber ein Spötter hört nicht auf Schelten.“

Zu Beginn des Buches wurde der „Sohn“ aufgefordert, auf die Unterweisung seines Vaters zu hören (Spr 1,8). Hier nun wird er weise genannt, wenn er es tut. Weisheit ist einerseits das Ergebnis von Unterweisung (Spr 8,33) und fördert andererseits das Verlangen nach weiterer Unterweisung (Spr 9,9). Sie muss über Jahre entwickelt werden.

Ein „weiser Sohn“ weiß auch, dass der Vater erstens die Autorität hat, ihn zu unterweisen, dass er es zweitens (davon können wir hier ausgehen) aus Liebe tut und drittens größere Erfahrung aufzuweisen hat als er. Deswegen ist er bereit, auf ihn zu hören und zu gehorchen. Das gilt für den leiblichen Vater, für einen geistlichen Vater und erst recht für unseren Gott und Vater im Himmel.

■ Viele haben sich auch nach dem Tod ihrer Eltern noch an deren weisen Ratschläge erinnert. „Und Isaak grub die Wasserbrunnen wieder auf, die sie in den Tagen seines Vaters Abraham gegraben … hatten; und er benannte sie mit denselben Namen, womit sein Vater sie benannt hatte“ (1. Mo 26,18).

Für einen „Spötter“ gibt es kaum Hoffnung. Wir finden ihn bereits in Sprüche 9,7–12 beschrieben. Er verachtet jeden, der ihm die Wahrheit sagen will, und macht sich über dessen Worte lustig. Unterweisung

hilft bei ihm gar nicht mehr, ja selbst „Schelten“ ist nutzlos. Solche Menschen hören weder auf gütige noch auf strafende Worte.

► Bist du ein weiser Sohn – oder gehörst du eher zu den Spöttern?

13,2–6: Zum wiederholten Mal zeigt Salomo die positiven und negativen Folgen des gesprochenen Wortes auf. Speziell geht es in den ersten drei Versen jedes Mal um die Seele. Sie ist der Sitz der Empfindungen und des Verlangens im Menschen.10 Das muss beim Überdenken dieser Verse berücksichtigt werden.

13,2 „Von der Frucht seines Mundes isst ein Mann Gutes, aber die Seele der Treulosen isst Gewalttat.“ (Spr 12,14)

Wenn die Unterweisung beim Sohn „gefruchtet“ hat, gereicht dies zur Freude und Ehre des Vaters (Spr 10,1). Er „isst Gutes“. Das spornt jeden Vater an, seine Kinder in den Worten Gottes zu unterweisen. „Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst und wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst“ (5. Mo 6,7).

Der „Treulose“, der seiner Verantwortung nicht nachkommt, wird ebenfalls die Früchte seines Handelns „essen“ müssen. Seine Schutzbefohlenen werden sich schlimmstenfalls der „Gewalttat“ zuwenden (vgl. Jakob und seine Söhne Simeon und Levi in 1. Mose 34,25–31).

Man kann den Vers auch so deuten, dass ein Treuloser sich sozusagen von Gewalttat ernährt. Es ist seine Gier (FußEÜ) und es erfüllt ihn mit Genugtuung, gewalttätig zu sein.

13,3 „Wer seinen Mund bewahrt, behütet seine Seele; wer seine Lippen aufreißt, dem wird es zum Untergang.“

Dieser Vers hat einen engen Bezug zum vorherigen. Dort ging es um das Reden, hier mehr um das Schweigen. Schon in Sprüche 12,18 wurden wir vor unbesonnenen Worten gewarnt. Wir sollen unseren „Mund bewahren“, denn „wenn jemand nicht im Wort strauchelt, der ist ein vollkommener Mann, fähig, auch den ganzen Leib zu zügeln“ (Jak 3,2). Der Mund beeinflusst also unser ganzes Verhalten. Wer seinen Mund bewahrt, erspart sich (und anderen) manchen Kummer, er „behütet seine Seele“ (vgl. Spr 16,17). David nahm sich vor: „Ich will meine Wege bewahren, damit ich nicht sündige mit meiner Zunge; ich will meinen Mund mit einem Maulkorb verwahren“ (Ps 39,2).

Wer dagegen „seine Lippen aufreißt“, indem er dreist und lärmend alles erzählt, was er denkt oder von anderen gehört hat, wird als Folge seiner Torheit „untergehen“ (vgl. Spr 18,7). Man wird sich von ihm abwenden und Gott wird ihn strafen.

13,4 „Die Seele des Faulen begehrt, und nichts ist da; aber die Seele der Fleißigen wird reichlich gesättigt.“

Dass Faulheit zu Armut führt, sahen wir schon an mehreren Stellen (z. B. Spr 6,10.11; 10,4). Deswegen „ist nichts da“ – außer Begehrlichkeiten, die man tatsächlich bei arbeitsunwilligen Menschen oft beobachtet, die sich aber nicht erfüllen. Dagegen wird das Begehren eines Fleißigen gestillt. Er empfängt seinen Lohn von Gott, der stets „reichlich“ gibt (Spr 28,25; 1. Tim 6,17).

► Wenn ich mich beklage, dass ich in den Gemeindestunden so wenig Erbauung empfange, muss ich mich fragen lassen, inwieweit ich selbst fleißig im Erforschen der Bibel bin. „Wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen“ (2. Thes 3,10).

13,5 „Der Gerechte hasst Lügenrede, aber der Gottlose handelt schändlich und schmählich.“

In Sprüche 6,16.17 lasen wir, dass Gott die Lügenzunge hasst. Deswegen hasst auch der Gerechte sie, denn er ist in Übereinstimmung mit Gottes Gedanken. Wie äußert sich nun dieser „Hass“ im täglichen Leben? Erstens natürlich dadurch, dass wir selbst niemals lügen. Zweitens aber auch darin, dass wir Stellung beziehen, wenn jemand in unserer Umgebung eine Lüge ausspricht. Das gilt vor allem dann, wenn diese Person unseren Herrn Jesus oder sein Wort verunglimpft, aber auch dann, wenn anderen dadurch geschadet wird.

Die zweite Aussage bezieht sich wohl ebenfalls auf Lügenrede. Wer sie nicht hasst, handelt gottlos. Es ist „schändlich und schmählich“, beim Lügen „mitzumachen“, oder es bringt in Schmach und Schande (FußEÜ).

13,6 „Die Gerechtigkeit behütet den im Weg Vollkommenen, und die Gottlosigkeit kehrt den Sünder um.“

Wer in Vollkommenheit seinen Weg geht, wird durch die Gerechtigkeit „behütet“. Denn einerseits lässt ihn seine eigene Gerechtigkeit vor aller Art des Bösen zurückschrecken, so dass sein Weg „gerade“ ist (Spr 11,5). Andererseits bewahrt ihn aber auch Gott, der es sozusagen seiner Gerechtigkeit schuldig ist, den Vollkommenen, d. h. den Unsträflichen, zu unterstützen. Das hat dann auch insbesondere Auswirkungen auf dessen Worte, wodurch die Aussage von Vers 5 abgerundet wird.

Der Sünder dagegen wird durch seine Gottlosigkeit „umgekehrt“. Er wird zu Fall gebracht, ruiniert. Da er ohne Gott leben will, hat er auch keinen Anspruch auf Gottes Bewahrung.

13,7–8: Diese beiden Verse stellen den Unterschied zwischen wirklich Reichen und Armen heraus.

13,7 „Da ist einer, der sich reich stellt und hat gar nichts, und einer, der sich arm stellt und hat viel Vermögen.“

Wer einen falschen Eindruck von sich selbst vermittelt, macht sich schuldig. Hier werden zwei Menschen vorgestellt: Der eine blufft, indem er sich reich stellt, obwohl er nichts hat. Der andere spielt den Armen, obwohl er in Wirklichkeit reich ist. Beiden geht es letztendlich um ihr eigenes Ansehen. Der Arme möchte nichts annehmen müssen, der Reiche möchte nichts abgeben müssen.

Zu diesen Verhaltensweisen gibt es Beispiele in der Bibel. Der Versammlung in Laodizea musste Johannes schreiben: „Weil du sagst: Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts – und du weißt nicht, dass du der Elende und Jämmerliche und arm und blind und nackt bist“ (Off 3,17). – Die Gibeoniter kamen in Lumpen zu Josua und gaben vor, von weither gekommen zu sein, obwohl sie einen Teil des Landes Kanaan besaßen. Sie wollten ihn nicht abgeben müssen (Jos 9,3–24).

Der zweite Versteil kann natürlich auch als ein Zeichen von Bescheidenheit gedeutet werden. Es beeindruckt, wenn jemand es nicht zur Schau stellt, dass er ein großes Vermögen hat (Spr 12,9).

Wie das Beispiel von Laodizea zeigt, können und müssen wir diesen Vers auch auf den geistlichen Bereich beziehen. Manch einer gibt vor, sehr geistlich zu sein, hat aber nichts. Ein anderer hat tiefe geistliche Einsicht, hält sich aber „zu den Niedrigen“ (Röm 12,16).

■ In diesem Zusammenhang stellt Paulus uns einen beachtenswerten Aspekt vor: „Als Arme, aber viele reich machend; als nichts habend und alles besitzend“ (2. Kor 6,10). Hier wird materielle Armut geistlichem Besitz gegenübergestellt. Dasselbe wird noch absoluter in dem Verhalten des Herrn Jesus deutlich, der, „da er reich war, um euretwillen arm wurde, damit ihr durch seine Armut reich würdet“ (2. Kor 8,9).

13,8 „Lösegeld für das Leben eines Mannes ist sein Reichtum, aber der Arme hört keine Drohung.“

Die Deutung dieses Verses ist nicht einfach. Eine Möglichkeit ist, dass ein Reicher in Gefahr steht, erpresst zu werden (man fordert „Lösegeld für sein Leben“), und er dadurch seinen ganzen Reichtum verlieren kann. Der Arme dagegen wird in Ruhe gelassen, er muss keine Erpressung befürchten („keine Drohung hören“). Demnach wäre es für einen Reichen von Vorteil, sich lieber arm zu stellen (V. 7).

Man kann den Vers aber auch so verstehen, dass „ein Mann“ sich glücklich schätzen kann, wenn jemand Lösegeld für ihn zahlt (es ist „sein Reichtum“). Der Arme ist dann jemand, der durch eigene Trägheit arm geworden ist (z. B. Spr 10,4). Er achtet einfach nicht darauf, wenn ihm gedroht wird („hört keine Drohung“), und läuft ins Verderben, weil er sich nicht um Lösegeld gekümmert hat.

■ In die Sprache des Neuen Testaments übertragen, besagt die zweite Deutung: Unser Reichtum ist das Lösegeld, das Christus für unser Leben bezahlt hat. Wir mussten es nur im Glauben annehmen. Andere dagegen ignorieren die Drohung vor dem kommenden Gericht und bleiben „arm“.

13,9–12: Hier werden wir zu Konstanz und Ausharren im Leben ermahnt, wogegen unüberlegtes Handeln verurteilt wird.

13,9 „Das Licht der Gerechten brennt fröhlich, aber die Leuchte der Gottlosen erlischt.“ (Spr 24,20)

Die Begriffe „Licht“ und „Leuchte“ bezeichnen nicht dasselbe. Das Erste ist Licht im absoluten Sinn, das Zweite ist eine Lampe, die angezündet werden muss und auch erlöschen kann.

Das göttliche Licht, das den Gerechten bescheint, flößt ihm keine Angst ein. Er empfindet es als eine Freude. Der Gerechte heute besitzt den Herrn Jesus, der sich „das Licht der Welt“ nennt (Joh 8,12). Dieses Licht „brennt fröhlich“, es kann nicht erlöschen. So kann er zuversichtlich seinen Weg gehen, der klar bezeichnet vor ihm liegt.

Aber auch das Licht, das der Gerechte ausstrahlt, „brennt fröhlich“. Es ist ein Segen für seine Umgebung. In vollkommener Weise wird sich dies im Tausendjährigen Reich erfüllen: „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters“ (Mt 13,43).

Die Gottlosen haben nur eine „Leuchte“. Sie kann erlöschen – und sie wird erlöschen. Es ist ihr äußeres Bekenntnis. Dies erinnert an die fünf törichten Jungfrauen, deren Lampen nach einiger Zeit erloschen, weil sie kein Öl (ein Bild des Heiligen Geistes) mitgenommen hatten (Mt 25,1–13). In Bezug auf das untreue Volk Israel sagt Jeremia 25,10: „Und ich will unter ihnen aufhören lassen … das Licht der Lampe.“

13,10 „Durch Übermut gibt es nur Zank, bei denen aber, die sich raten lassen, Weisheit.“

Übermut bringt nicht nur Schande über einen selbst (Spr 11,2), sondern auch Zank und Streit mit anderen. Das beobachtet man schon bei Kindern, die sich in ihrem Übermut gegenseitig übertrumpfen wollen. Plötzlich kommt eines von ihnen zu Schaden – und schon ist der Streit da!

Bei Erwachsenen geht es vielleicht nicht so „hoch her“, doch auch hier entstehen Konflikte, wenn Übermut zu unbesonnenem Verhalten führt. Der Übermütige ist einerseits durch eine gewisse Überheblichkeit, andererseits durch fahrlässige Leichtfertigkeit gekennzeichnet. Das kommt nicht bei allen gut an.

► Der Heilige Geist leitet uns zu Demut und Besonnenheit, niemals zu Übermut.

Der Weise kennt seine eigene Schwachheit und Unvollkommenheit. Deswegen hört er demütig auf weisen Rat, um dann überlegt zu handeln und Streit zu vermeiden.

13,11 „Vermögen, das auf nichtige Weise erworben ist, vermindert sich; wer aber allmählich sammelt, vermehrt es.“

Wir sollten nicht meinen, dass sich dieser Vers nur auf Vermögen bezieht, das sich jemand durch Raub oder Diebstahl angeeignet hat. „Auf nichtige Weise“ bezieht sich auf jeden Gewinn, den man ohne Einsatz und ohne Berechtigung11 erlangt hat. Darauf ruht kein Segen.

■ Lot ist dafür ein tragisches Beispiel. Er wollte sein Vermögen in der Ebene von Sodom und Gomorra vergrößern – und rettete am Ende nur das nackte Leben (1. Mo 13,10–13; 19,30).

Wir sollen unser Vermögen auf legitime Weise „allmählich“ vergrößern (Spr 28,20), um dann damit Gutes tun zu können.

Auch dieser Vers gibt uns Belehrung für unser geistliches Leben. „Vermögen“ ist hier unsere Erkenntnis biblischer Wahrheiten. Wenn wir uns diese Erkenntnis anlesen, ohne sie zu einem persönlichen Eigentum zu machen, erwerben wir sie auf „nichtige Weise“. Sie wird uns wieder verloren gehen. Aber stetige Beschäftigung mit Gottes Wort führt nach und nach zu einer großen Erkenntnis. „Wachst aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ (2. Pet 3,18).

13,12 „Lang hingezogenes Harren macht das Herz krank, aber ein eingetroffener Wunsch ist ein Baum des Lebens.“

Dies kann sicher jeder von uns bestätigen. Krankheit, Arbeitslosigkeit oder andere Sorgen, die sich über längere Zeit hinziehen, können uns mutlos oder bitter machen.

Es ist klar, dass es dann, wenn man auf Gott harrt, nicht um eigenwillige Wünsche gehen kann, sondern um solche, die in Übereinstimmung mit seinem Willen sind. Wenn uns jedoch das Vertrauen auf Gott und die Geduld fehlen, kommt es früher oder später zu Resignation oder gar Depression. Daher ermuntert die Bibel uns: „Vertraue still dem Herrn und harre auf ihn!“ (Ps 37,7). Dann lässt sich „lang hingezogenes Harren“ besser ertragen.

■ Abraham und Sara sind uns hier eine Lehre. Zunächst versagten sie zwar im „Harren“ auf den verheißenen Sohn. Voller Ungeduld dachten sie sich ihren eigenen Plan aus. Ismael wurde geboren. Dann aber kam in ihnen während weiterer 13 Jahre Glaube auf, so dass Gott bezeugen konnte: „Durch Glauben empfing auch selbst Sara Kraft, einen Samen zu gründen …, weil sie den für treu erachtete, der die Verheißung gegeben hatte“ (Heb 11,11). Diesen Glauben wollen wir nachahmen!

Die Söhne Korahs fanden die richtige Antwort auf „krank“ machendes Harren: „Was beugst du dich nieder, meine Seele, und was bist du unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen, der die Rettung meines Angesichts und mein Gott ist“ (Ps 42,12; 43,5).

Zu seiner Zeit wird Gott antworten. Dann erkennen wir seine Güte und Weisheit, die uns so lange hat harren lassen und die nun unseren „Wunsch“ erfüllt hat. Das ist für uns dann wie „ein Baum des Lebens“.

► Das Warten auf das baldige Kommen des Herrn Jesus wird unser Herz nicht krank machen. Stattdessen werden wir aufgefordert: „So ermuntert nun einander mit diesen Worten“ (1. Thes 4,18).

13,13–20: In diesen Versen erkennen wir im Wesentlichen etwas von dem vielfältigen Nutzen der Worte der Weisheit.

13,13 „Wer das Wort verachtet, wird von ihm gepfändet; wer aber das Gebot fürchtet, dem wird vergolten werden.“

Mit dem „Wort“ ist hier zweifellos das Wort Gottes gemeint. Es ist aus unserer heutigen Sicht die gesamte Bibel. Wer sich über ihre Aussagen hinwegsetzt, „verachtet“ sie und ihren Autor: Er verachtet Gott. Deswegen wird er „gepfändet“, d. h., er wird für diesen Frevel zur Rechenschaft gezogen und muss seine Schuld bezahlen.

Viele Menschen glauben nicht, dass die Bibel Gottes Wort ist. Sie meinen, sie sei reines Menschenwerk und habe daher auch keine Autorität. Wenn sie aber die Bibel aufrichtig lesen würden, würden sie spüren, dass Gott zu ihnen spricht. „Sehr nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen, damit du es tust“ (5. Mo 30,14).

Wer ehrfürchtig vor Gottes Gebot steht und ihm gehorcht, darf auch alle in der Bibel verheißenen Segnungen für sich in Anspruch nehmen und sich an ihnen erfreuen. Das ist die „Vergeltung“ für seinen Gehorsam.

13,14 „Die Belehrung des Weisen ist eine Quelle des Lebens, um den Fallstricken des Todes zu entgehen.“ (Spr 14,27)

Schon in Sprüche 10,11 wurde eine „Quelle des Lebens“ beschrieben. Dort war es der „Mund des Gerechten“, hier die „Belehrung des Weisen“. Diese Belehrung spendet unaufhörlich, wie eine Wasserquelle, erfrischende Erbauung. Sie sorgt für eine Aufrechterhaltung der Gemeinschaft mit Christus, dem „Leben“. Das ist gleichzeitig eine Bewahrung vor dem „Fallstrick“ des Teufels, der uns „für seinen Willen“ fangen (2. Tim 2,26) und uns auf einen Weg „des Todes“ bringen will.

13,15 „Gute Einsicht verschafft Gunst, aber der Weg der Treulosen ist hart.“

Wieder wird der Wert guter Einsicht hervorgehoben (Spr 12,8), denn wer sie besitzt, ist nützlich für seine Umgebung und wird geehrt und unterstützt. Der „Treulose“ ist dagegen jemand, auf den man sich nicht verlassen kann. Das wird ihm heimgezahlt, indem man ihm gegenüber keine Milde walten lässt. Dadurch wird sein Leben zu einem „harten Weg“.

Dieser Vers wird treffend durch das Ehepaar Abigail und Nabal illustriert. Abigail „war von guter Einsicht“, wogegen ihr Mann „boshaft in seinen Handlungen“ war. David wollte ihn daher vernichten, aber Abigail hielt ihn in ihrer Einsicht davon ab und verhinderte dadurch großen Schaden. Auf diese Weise erlangte sie die „Gunst“ Davids, wogegen Nabals Weg „hart“ wurde: „Sein Herz … wurde wie ein Stein“, und er fand kurze Zeit später den Tod (1. Sam 25,3.33.37).

13,16 „Jeder Kluge handelt mit Bedacht; ein Tor aber breitet Narrheit aus.“

Wir handeln nur klug, wenn wir uns vorher gut überlegen, welche Konsequenzen unser Verhalten haben könnte. Es ist eine gute Gewohnheit, immer erst „eine Nacht darüber zu schlafen“, bevor wir eine wichtige Entscheidung treffen.

Der Tor, dem diese Klugheit mangelt, stellt immer wieder zur Schau, wie unvernünftig er ist (Spr 12,23). Wir gleichen ihm, wenn wir unsere alte Natur wirken lassen.

13,17 „Ein gottloser Bote fällt in Unglück, aber ein treuer Gesandter ist Gesundheit.“

Früher wurden Eilnachrichten oft mündlich durch einen Boten übermittelt. Dabei kam es natürlich auf eine exakte Wiedergabe der Botschaft an.

► Bist du immer „treu“ in der Weitergabe von Informationen?

Zwei Begebenheiten aus dem Leben Davids verdeutlichen diesen Vers. Kurz nachdem Saul im Kampf gefallen war, kam ein Mann eilig zu David gelaufen und berichtete ihm, er habe Saul getötet. Durch diese Lüge erhoffte er sich eine Belohnung. David aber durchschaute ihn und tötete ihn (2. Sam 1,1–16). Er war ein „gottloser Bote“, der „in Unglück“ fiel.

In der zweiten Begebenheit ging es um den Tod Absaloms, des Sohnes Davids. Joab beauftragte einen Kuschiten, um David darüber zu informieren. Aber der treue Achimaaz kam diesem zuvor. Er wollte David diese traurige Nachricht schonend beibringen. War das nicht „Gesundheit“ für das Herz des Vaters (2. Sam 18,19–32)?

► Wir sind auch „Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott“ (2. Kor 5,20). Sind wir in dieser Aufgabe treu? Sagen wir den Menschen die ganze Wahrheit, mit Ernst, aber auch in Liebe?

13,18 „Armut und Schande dem, der Unterweisung verwirft; wer aber Zucht beachtet, wird geehrt.“

Erneut hören wir die Warnung, Unterweisung nicht zu verwerfen. „Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der redet!“ (Heb 12,25; vgl. Spr 3,11; 8,33; 10,17). Wer das tut, wird „arm“ (insbesondere an Weisheit) und bringt „Schande“ über sich. Viele meinen, es sei eine Schande, Zucht zu erhalten und sich unter sie zu beugen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wer „Zucht beachtet, ist klug“ (Spr 15,5) und „wird geehrt.“

13,19 „Ein erfüllter Wunsch ist der Seele süß, und den Toren ist es ein Gräuel, vom Bösen zu weichen.“

Schon in Vers 12 sahen wir, dass es das Herz ermuntert, wenn unser Wunsch in Erfüllung geht. Wir dürfen dann schlussfolgern, dass er nach Gottes Willen war, und das macht glücklich.

Was aber hat der zweite Versteil hiermit zu tun? Auch der Tor hat Wünsche: Er will im Bösen leben. Das Gegenteil davon, nämlich „vom Bösen weichen“, ist ihm widerlich, ein „Gräuel“. Es entspricht nicht seinen Wünschen. Für den Toren ist es also gleichsam „süß“, wenn ihm sein Wunsch gewährt wird, im Bösen leben zu „dürfen“. Wie ein Schwein, das sich erst richtig wohlfühlt, wenn es sich im Dreck suhlen darf.

13,20 „Wer mit Weisen umgeht, wird weise; aber wer sich zu Toren gesellt, dem wird es schlecht ergehen.“

„Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist.“ Unsere persönlichen Kontakte prägen uns. Sie offenbaren aber auch, wo unsere Interessen liegen.

Es gibt freiwillige und unfreiwillige Kontakte. Für die Wahl meiner Freunde bin ich selbst verantwortlich. Ich muss mich fragen: Fördern sie mich im Glaubensleben? Werde ich durch sie „weise“ oder eher „schlecht“ (FußEÜ)? Oder suche ich mir etwa einen zweifelhaften Freund („Tor“), weil er zu meinen ebenso zweifelhaften Interessen passt?

Bei den unfreiwilligen Kontakten (Ausbildung, Beruf, Nachbarschaft) muss ich natürlich ebenso vorsichtig sein. Sie dürfen sich niemals derart vertiefen, dass sie mir zum Schaden werden. „Böser Verkehr verdirbt gute Sitten“ (1. Kor 15,33).

► Es ist außerordentlich wichtig, dass wir als Eltern darüber wachen, welchen Umgang unsere Kinder pflegen. Die jungen Herzen sind noch sehr leicht beeinflussbar!

Der beste Umgang ist der Umgang mit dem Herr Jesus. Er ist der Weise! In seiner Gemeinschaft werden wir wirklich weise.

13,21–25: Aus den letzten Versen dieses Kapitels lernen wir, dass der Gerechte nie Mangel haben wird.

13,21 „Das Böse verfolgt die Sünder, aber den Gerechten wird man mit Gutem vergelten.“

Dies wird im Neuen Testament bestätigt: „Drangsal und Angst über jede Seele eines Menschen, der das Böse vollbringt …; Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden jedem, der das Gute wirkt“ (Röm 2,9.10).

Wenn wir sündigen, lässt uns unser Gewissen keine Ruhe, das „Böse verfolgt“ uns. Gut, wenn wir das Gewissen dann nicht zum Schweigen bringen, sondern unsere Sünde bekennen und lassen (Spr 28,13). Andernfalls wird uns das Böse in dem Sinn „verfolgen“, dass Gott „Drangsal und Angst“ über uns bringt. Für Ungläubige bedeutet dies das ewige Gericht.

Wie ganz anders ist der Lohn eines Gerechten! Gott bleibt kein Schuldner – wobei das „Gute“, das Er vergilt, bei einem Christen nicht immer in irdischen Segnungen besteht. Er lässt uns auch durch Leiden gehen. Paulus schreibt ja, dass gerade die, „die gottselig leben wollen in Christus Jesus, verfolgt werden“, andererseits aber, „dass die Leiden der Jetztzeit nicht wert sind, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ (2. Tim 3,12; Röm 8,18). Gott wird Gutes immer mit Gutem vergelten.

13,22 „Der Gute vererbt auf Kindeskinder, aber der Reichtum des Sünders ist aufbewahrt für den Gerechten.“

Auch wenn ein Christ nicht immer viel Materielles zu vererben hat, so kann er aber doch eines an seine Kinder und Enkel weitergeben: das Glaubensgut. Darin haben Väter eine große Verantwortung, aber auch die Kinder. Sie sind gehalten, das Erbe der Väter zu schätzen, in Besitz zu nehmen und zu pflegen.

■ Beispielhaft für uns sind die Rekabiter. Sie befolgten nach über 200 Jahren immer noch das Gebot ihres Urahnen Jonadab (Jer 35).

Wortwörtlich ist der zweite Versteil beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten in Erfüllung gegangen. Der Reichtum der Ägypter gelangte in die Hände der Israeliten (2. Mo 12,35.36).12 Dem Sünder gibt Gott „die Beschäftigung, einzusammeln und aufzuhäufen, um es dem abzugeben, der Gott wohlgefällig ist“ (Pred 2,26). In Zukunft wird sich dieser Grundsatz erfüllen, wenn die Sünder von der Erde vernichtet werden und ihr zurückgelassener Reichtum in die Hände derjenigen gelangt, die in das Tausendjährige Reich eingehen werden.

13,23 „Der Neubruch der Armen gibt viel Speise, aber mancher geht zugrunde durch Unrecht.“

Manchmal müssen wir in unserem Leben einen Neuanfang starten. Besonders dann, wenn wir verspüren, dass wir geistlich „verarmt“ sind. Diese Einsicht wird uns zu vermehrtem Einsatz führen.

Hosea forderte das abgeirrte Volk auf: „Pflügt euch einen Neubruch, denn es ist Zeit, den Herrn zu suchen, bis er kommt und euch Gerechtigkeit regnen lässt“ (Hos 10,12). Nach einem Bekenntnis und der Umkehr vom falschen Weg kann Gott uns wieder „viel Speise“ geben, so dass wir bald nicht mehr zu den „Armen“ gehören.

Umgekehrt wird unser Besitz verloren gehen, wenn wir „unrecht“ handeln. Das gilt für den irdischen Bereich ebenso wie für den geistlichen. Diese tragische Abwärtsentwicklung sehen wir deutlich in der Geschichte des Volkes Israel und auch in der Christenheit.

13,24 „Wer seine Rute spart, hasst seinen Sohn, aber wer ihn lieb hat, sucht ihn früh heim mit Züchtigung.“

Dieser Grundsatz ist von außerordentlicher Wichtigkeit bei der Erziehung unserer Kinder. Das Motiv bei jeder Zuchtmaßnahme muss und darf nur die Liebe sein. Das beste Vorbild ist auch hier wieder unser Gott und Vater: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er, und zwar wie ein Vater den Sohn, an dem er Wohlgefallen hat“ (Spr 3,12).

Weise Eltern werden die „Rute“ so einsetzen, dass sie das Kind dabei weder körperlich noch seelisch verletzen. Es muss auch sehen können, dass sie es aus Liebe und nicht im Zorn tun. „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn“ (Eph 6,4). Dabei sollte dem Kind vermittelt werden, dass es diese Maßnahme verdient hat. Und obwohl „früh“ mit Züchtigung begonnen werden soll, muss doch das Alter des Kindes sorgfältig berücksichtigt werden. Die Rute soll zwar nicht „gespart“ werden, aber andererseits dürfen Eltern auch nicht übertreiben. Bei Weitem nicht jeder Ungehorsam muss mit körperlicher Züchtigung geahndet werden. Wenn sie aber erforderlich ist, muss sie auch konsequent durchgeführt und nicht nur permanent angedroht werden (Spr 23,13.14; s. Ausführungen zu Spr 1,2; 3,11).

Um diesen Vers zu befolgen, müssen wir gerade in der heutigen Zeit, wo die Anwendung mancher biblischen Grundsätze vernachlässigt oder sogar verboten wird, mit viel Weisheit und Umsicht handeln. Wichtig ist, dass wir die Kinder je nach Alter darüber belehren, dass wir uns (auch) in diesem Punkt nur nach Gottes Wort richten wollen. Ihnen muss bewusst sein, dass sie zu einer Familie gehören, die dem Herrn Jesus in allem gehorchen möchte und die in Liebe „zusammenhält“.

13,25 „Der Gerechte isst bis zur Sättigung seiner Seele, aber der Leib der Gottlosen muss darben.“

Wir wollen diesen Vers nicht vergeistlichen, weil der erste Teil bereits einen Zusammenhang zwischen Körper und Seele aufzeigt. Wenn der Gerechte Nahrung aufnimmt, tut er es mit Dank zu Gott und bittet um seinen Segen zu den Speisen. Durch dieses Bewusstsein, dass „Gott … uns alles reichlich darreicht zum Genuss“ (1. Tim 6,17), wird nicht nur der Leib, sondern auch die Seele gesättigt. „Ob ihr nun esst oder trinkt oder irgendetwas tut, tut alles zur Ehre Gottes“ (1. Kor 10,31).

Der Gottlose betet nicht vor dem Essen. Sein „Gott ist der Bauch“ (Phil 3,19). So wird Gott die aufgenommene Speise weder seinem Leib, geschweige denn seiner Seele zum Segen sein lassen.

Kapitel 14

Zunächst behandelt dieses Kapitel den Kontrast zwischen Weisheit und Narrheit (bzw. vergleichbaren Eigenschaften). Im weiteren Verlauf geht es dann im Wesentlichen um den Einfluss, den man als Träger dieser Eigenschaften auf seine Mitmenschen ausübt.

Eine Gliederung dieses Kapitels ist nicht einfach. Vielleicht kann folgende Einteilung hilfreich sein:

Spr 14,1–5: Kennzeichen von Weisheit und Narrheit
Spr 14,6–11: Verhalten gegenüber törichten Menschen
Spr 14,12–15: Ergebnisse verschiedener Lebenswege
Spr 14,16–18: Unmut im Herzen eines Toren
Spr 14,19–25: Verhalten gegenüber Bedürftigen
Spr 14,26–30: Die Furcht des Herrn als Lebensspenderin
Spr 14,31–35: Allgemeine Auswirkungen von Gerechtigkeit

14,1–5: Es beginnt mit wesentlichen Kennzeichen von Weisheit und Narrheit (s. Auslegung zu Spr 1,7). Der Weise handelt umsichtig in Wort und Tat. Er fürchtet den Herrn. Der Narr dagegen setzt sich über alles hinweg und übt einen zerstörerischen Einfluss aus.

14,1 „Die Weisheit der Frauen baut ihr Haus, und ihre Narrheit reißt es mit eigenen Händen nieder.“

Zuerst beschreibt Salomo die grundsätzliche Wirkung von weisem Handeln: Es wird „gebaut“, es entsteht ein Haus, eine wohnliche und schützende Atmosphäre. Wir können auch sagen: Es wird auferbaut.

Dass es hier nicht um das Bauen eines wirklichen Hauses geht, ist klar, denn das wäre eher die Aufgabe eines Mannes. Aber der Frau fallen wichtige Aufgaben innerhalb des Hauses und in der Familie zu. Um zu verstehen, was damit gemeint ist, brauchen wir nur das 31. Kapitel über die „tüchtige Frau“ zu lesen. Auch im Neuen Testament werden die Frauen aufgefordert, „ihre Männer zu lieben, ihre Kinder zu lieben, besonnen, keusch, mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, gütig, sich den eigenen Männern unterzuordnen“ (Tit 2,4.5).

Narrheit hat dagegen grundsätzlich eine zerstörerische Wirkung. Wie zeigt sich Narrheit bei einer Frau? Indem sie sich nicht an die oben zitierten Worte hält und die ihr von Gott zugeteilte Stellung verlässt. Es ist Torheit, diese Stellung beispielsweise durch Emanzipation verändern zu wollen.

14,2 „Wer in seiner Geradheit wandelt, fürchtet den Herrn; wer aber in seinen Wegen verkehrt ist, verachtet ihn.“

Das erste zentrale Kennzeichen von Weisheit ist die „Furcht des Herrn“ (Spr 9,10). Sie ist eng verknüpft mit einem aufrichtigen, geradlinigen Wandel (FußEÜ).

Entsprechend beleuchtet der zweite Versteil das zentrale Kennzeichen von Narrheit: Keine Furcht, sondern „Verachtung“ des Herrn. Diese Verachtung ist wiederum eng verknüpft mit einem „verkehrten“ Weg.

► Wenn du dich als Kind Gottes auf einen bösen Weg begibst, verachtest du den, der für dich gestorben ist!

14,3 „Im Mund des Narren ist eine Gerte des Hochmuts; aber die Lippen der Weisen, sie bewahren sie.“

Das zweite hier genannte Kennzeichen von Weisheit ist der behutsame und bescheidene Umgang mit den „Lippen“. Das wird den Weisen vor Streit, Strafe und Drangsal bewahren (Spr 12,6; 21,23).

Dagegen ist Narrheit durch hochmütiges Reden gekennzeichnet. Dieses wird dem Narren Strafe „durch den Stock“ („Gerte“) einbringen (Spr 10,13). – Jeder empfängt also die Frucht seiner Worte.

► Wenn du deine Lippen bewahrst, wirst du selbst bewahrt.

14,4 „Wo keine Rinder sind, ist die Krippe rein; aber viel Ertrag ist durch die Kraft des Stieres.“

Ein drittes Kennzeichen von Weisheit ist, dass sich eingesetzte Kraft nicht als fruchtlos erweist. Zunächst muss natürlich überhaupt Kraft („Stier“) vorhanden sein. Gott gibt sie uns in Christus, der „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ ist (1. Kor 1,24). Dann aber bewirkt sie „Ertrag“, so dass die vorher reine Krippe mit Futter befüllt werden kann, was wiederum weitere Kräfte („Rinder“) nährt („Krippe“).

14,5 „Ein treuer Zeuge lügt nicht, aber ein falscher Zeuge spricht Lügen aus.“

Das vierte wichtige Kennzeichen von Weisheit ist Wahrheit. Warum wird so viel gelogen? Weil man eine Situation zugunsten eigener Interessen beeinflussen will oder sich vor den Konsequenzen seiner Taten und Worte fürchtet. Das zeugt aber nicht von Gottesfurcht und daher nicht von Weisheit. Ein falscher Zeuge ist Gott „ein Gräuel“ (Spr 6,16.19).

■ Zum Nachdenken: Jesus Christus ist der „treue Zeuge“, aber Er wurde durch „falsche Zeugen“ angeklagt (Off 1,5; Mk 14,55–59).

14,6–11: Diese Verse helfen dem Weisen und Aufrichtigen, sich gegenüber törichten Menschen angemessen zu verhalten.

14,6 „Der Spötter sucht Weisheit, und sie ist nicht da; aber für den Verständigen ist Erkenntnis leicht.“

Der Spötter verachtet göttliche Dinge. Daher ist auch die göttliche Weisheit für ihn „nicht da“. Es ist auch unmöglich, sie ihm zu vermitteln. Diese Erfahrung macht man immer wieder. Ungläubige Menschen „suchen“ zwar Weisheit, aber nur eine solche, die in ihr Gedankenmuster passt. Wenn sie ihr Herz weiter verstocken, kommt der Zeitpunkt, von dem die Weisheit prophezeit: „Dann werden sie zu mir rufen, und ich werde nicht antworten; sie werden mich eifrig suchen und mich nicht finden“ (Spr 1,28).

Der „Verständige“ hat sich (rechtzeitig) Weisheit und Erkenntnis erworben (Spr 4,7; 18,15). Wir beziehen sie aus dem Wort Gottes, wenn wir es mit Verstand und Glauben lesen. Der Heilige Geist leitet uns dann „in die ganze Wahrheit“ (Joh 16,13). Das macht für uns „Erkenntnis leicht“.

14,7 „Geh weg von einem törichten Mann und bei wem du keine Lippen der Erkenntnis bemerkst.“

Törichte Menschen offenbaren sich durch ihre Worte. Das können dumme Sprüche sein, Witzelei, albernes Geschwätz bis hin zu Spott, üble Nachrede, Lügen, bibelkritische oder sogar bibelwidrige Aussagen. Wenn wir so etwas feststellen und die Person keine Korrektur annehmen will, müssen wir uns von ihr abwenden (Röm 16,17). Sie würde uns sonst negativ beeinflussen.

14,8 „Die Weisheit des Klugen ist, auf seinen Weg zu achten, und die Narrheit der Toren ist Betrug.“

Der Kluge überdenkt sorgfältig seine Motive und Ziele – auch im Hinblick auf die Ewigkeit. Er lässt sich dabei nicht durch „Spötter“ oder „Narren“ beeinflussen. Er möchte keinen falschen Schritt, keinen Schritt ohne Gott tun. Er befolgt Epheser 5,15: „Gebt nun acht, wie ihr sorgfältig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise.“ „Glückselig, wer sich selbst nicht richtet in dem, was er gutheißt“ (Röm 14,22).

Der Narr aber „betrügt“ sich selbst, indem er von seinem falschen Weg überzeugt ist. Das Neue Testament nennt fünf Beispiele für Selbstbetrug:

  • „Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1. Joh 1,8).
  • „Niemand betrüge sich selbst. Wenn jemand unter euch meint, weise zu sein …“ (1. Kor 3,18).
  • „Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst“ (Gal 6,3).
  • „Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen“ (Jak 1,22).
  • „Wenn jemand meint, er diene Gott, und zügelt nicht seine Zunge, sondern betrügt sein Herz …“ (Jak 1,26).

14,9 „Die Narren spotten über die Schuld, aber unter den Aufrichtigen ist Wohlwollen.“

Narren sehen sich nicht auf einem sündigen Weg. Sie „spotten“ und verharmlosen ihre Sünden. Statt „Hurerei“ sagen sie „Liebe“, statt „lügen“ sagen sie „schummeln“ – aber nach einem guten Essen sprechen sie von „Sünde“. Sie sehen keine Schuld in ihrem Leben und meinen daher, weder eine Bekehrung noch ein „Schuldopfer“13 nötig zu haben. Sie sehen nicht, dass die Sünde die eigentliche Ursache aller Probleme der Welt ist.

Wahre Christen haben dagegen „aufrichtig“ ihre Schuld eingesehen und bekannt. Sie haben das „Wohlwollen“ Gottes erfahren und besitzen nun auch selbst „Wohlwollen“ gegenüber ihren Mitmenschen – seien es Gläubige oder Ungläubige. Die erfahrene Gnade macht sie gnädig.

► Auch wenn wir Ablehnung erfahren oder uns sogar selbst von jemand abwenden müssen (V. 6.7), so können wir doch für diese Person beten.

14,10 „Das Herz kennt seine eigene Bitterkeit, und kein Fremder kann sich in seine Freude mischen.“

In den Schmerz oder die Freude des Einzelnen kann sich ein anderer nur schwer hineinversetzen. Die Freunde Hiobs, und auch Eli in Bezug auf Hanna (1. Sam 1,12–16), sind hierfür bekannte Beispiele. Paulus schreibt in 1. Korinther 2,11: „Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist?“

Auch wenn dies grundsätzlich wahr ist, enthält unser Vers doch die stille Aufforderung, den Empfindungen anderer nicht gleichgültig gegenüber zu stehen. Dadurch verbindet er sich mit dem Ende des vorigen Verses, wo von „Wohlwollen“ die Rede war. Viele Menschen – auch Gläubige – fühlen sich einsam und unverstanden. Sollten wir da nicht in Liebe versuchen, uns in ihre Lage hineinzuversetzen und ihnen zu helfen? Selbstverständlich darf dies nur mit dem nötigen Feingefühl erfolgen. Wir sollten auch den Wunsch nach einer gewissen Distanz respektieren.

► Aber: Wer seine Nöte oder Freuden anderen nicht mit-teilt, kann nicht erwarten, dass sie ge-teilt werden.

Die Bibel fordert uns auf: „Freut euch mit den sich Freuenden, weint mit den Weinenden“ (Röm 12,15). Das kann ein „Fremder“ tatsächlich nicht tun. Es erfordert Herzensgemeinschaft. Deutlich sehen wir das bei dem älteren Sohn in Lukas 15, der sich nicht mit seinem Vater darüber freuen konnte, dass sein Bruder „lebendig geworden“ war (Lk 15,32).

► Egoismus lässt uns kalt gegenüber der Bitterkeit im Herzen unseres Nächsten; Neid lässt uns kalt gegenüber seiner Freude.

14,11 „Das Haus der Gottlosen wird vertilgt werden, aber das Zelt der Aufrichtigen wird aufblühen.“

Diese Gegenüberstellung bekräftigt noch einmal die Warnung, uns nicht mit gottlosen Menschen einzulassen. Sonst kann unser „Zelt“, unser Aufenthalt als Fremde auf der Erde, nicht gesegnet sein. Der Vers leitet gleichzeitig über zum nächsten Abschnitt.

14,12–15: Jetzt geht es um die Ergebnisse verschiedener Lebenswege.

14,12 „Da ist ein Weg, der einem Menschen gerade erscheint, aber sein Ende sind Wege des Todes.“ (= Spr 16,25)

Wir haben jeden Tag viele Entscheidungen zu treffen. Kleine und unbedeutende, aber auch große und weittragende. Oft treffen wir sie einfach „aus dem Bauch heraus“, manchmal besprechen wir sie mit unseren Eltern, dem Ehepartner oder anderen Personen. Aber fragen wir auch Gott um Rat? Er ist der Einzige, der uns vor einem „Weg des Todes“ bewahren kann, der Einzige, der „von Anfang an das Ende verkündet“ (Jes 46,10).

Jetzt erhebt sich natürlich die oft gestellte Frage: „Wie erkenne ich Gottes Willen, wenn ein bestimmter Plan („Weg“) zur Entscheidung ansteht?“ Eine kleine Checkliste kann uns dabei behilflich sein:

  • Rechtzeitig und ohne vorgefasste Meinung um Klarheit beten.
  • Untersuchen, ob der Plan (in Teilen) der Bibel widerspricht.
  • Überlegen, ob die Motive für den Plan lauter sind.
  • Sich fragen, wem oder wozu der Plan nützlich ist.
  • In Gottes Wort nach Beispielen suchen.
  • Weise Glaubensgeschwister, auch Eltern, um Rat fragen.
  • Ergründen, ob das Herz beim Überdenken des Plans ruhig ist.
  • Wenn möglich warten, sofern keine Klarheit besteht.

14,13 „Auch beim Lachen hat das Herz Kummer, und das Ende der Freude ist Traurigkeit.“

Dieser Vers vertieft die Belehrung des vorigen. Man geht munter seinen eigenen Weg und muss am Ende „traurig“ feststellen, wie sehr man sich geirrt hat.

Es gibt aber noch eine andere Tragik. Angesichts von Leid und Not stürzen sich viele Menschen in alle möglichen Vergnügungen. Aber ohne Gott gibt es nur hohle Freude. Wie mag es hinter der strahlenden Fassade der glamourösen Show-Gesellschaft aussehen! Schon Zophar erlebte, dass „der Jubel der Gottlosen kurz und die Freude des Ruchlosen für einen Augenblick“ ist (Hiob 20,5). Nachdenklich stimmen auch die Worte Salomos: „Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend, und dein Herz mache dich fröhlich in den Tagen deiner Jugendzeit, und wandle in den Wegen deines Herzens und im Anschauen deiner Augen; doch wisse, dass für dies alles Gott dich ins Gericht bringen wird“ (Pred 11,9).

■ Ganz anderes verheißt uns der Herr Jesus: „Euer Herz wird sich freuen, und eure Freude nimmt niemand von euch“ (Joh 16,22).

14,14 „Von seinen Wegen wird gesättigt, wer abtrünnigen Herzens ist, und von dem, was in ihm ist, der gute Mann.“

Ein „Abtrünniger“ ist eine Person, die einmal den guten Weg betreten hatte, sich aber dann wieder von ihm abgewandt hat. Das ist besonders tragisch, „denn es wäre besser für sie, den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt zu haben, als, nachdem sie ihn erkannt haben, sich abzuwenden“ (2. Pet 2,21; vgl. Heb 6,4–6). Solche werden „gesättigt“ von den verhängnisvollen Konsequenzen ihres Verhaltens (Spr 1,31).

Der „gute Mann“ aber wird sich sättigen an dem, was „in ihm ist“, also was aus seinem guten Herzen hervorgebracht wird. Es dient zu seiner eigenen Genugtuung (im positiven Sinn).

► Als Glaubender darfst du die Worte „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27) für dich beanspruchen. Du wirst also von Christus „gesättigt“; Er möchte dich ganz erfüllen.

14,15 „Der Einfältige glaubt jedem Wort, aber der Kluge achtet auf seine Schritte.“

Wer alles glaubt, ist dumm oder macht seine eigenen Wünsche zum Vater seiner Gedanken. Viele Menschen glauben die absurdesten Dinge, lehnen jedoch die Wahrheit der Bibel ab. Beispiele dafür sind Horoskope, Verschwörungstheorien oder die Evolutionslehre. Wer daran glaubt, ist „einfältig“ – kann aber noch belehrt werden (Spr 1,4).

Biblischer Glaube dagegen ist „klug“. Er stützt sich auf Gott, der unmöglich lügen kann (Heb 6,18). Wer diesen Glauben hat, achtet darauf, dass seine „Schritte“ dem Wort Gottes entsprechen.

14,16–18: Diese Verse beschreiben den Unmut im Herzen eines Toren (Spr 14,29.30), der sich im Wesentlichen durch seine Worte kundtut.

14,16 „Der Weise fürchtet sich und meidet das Böse, aber der Tor braust auf und ist sorglos.“

„Glückselig der Mensch, der sich beständig fürchtet“ (Spr 28,14). Es geht natürlich um die „Furcht des Herrn“, die bereits mehrfach vor uns stand (Spr 1,7). Wir können es uns nicht oft genug sagen: „Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand“ (Hiob 28,28), und: „Von jeder Art des Bösen haltet euch fern!“ (1. Thes 5,22).

Der Tor äußert sofort seinen Unmut und „braust auf“, wenn ihn jemand auf seine Verfehlungen hinweist. Stellen wir die sich darin zeigende „Sorglosigkeit“ nicht mit großer Sorge bei vielen unserer Mitmenschen fest?

14,17 „Der Jähzornige begeht Narrheit, und der tückische Mann wird gehasst.“

Jähzorn ist plötzlich hervorbrechender, wütender Zorn, oft schon bei geringstem Anlass. Es geht noch weiter als das „Aufbrausen“ in Vers 16. Der Jähzornige ist derart erregt, dass er seine Worte nicht mehr unter Kontrolle hat. Er schadet dadurch sich und anderen. „Eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit“ (Jak 1,20; vgl. Spr 14,29).

Der „tückische Mann“ wird gehasst, weil er unberechenbar ist und ständig irgendwelche hinterhältigen Anschläge schmiedet (Spr 24,8).14

14,18 „Die Einfältigen erben Narrheit, die Klugen aber werden mit Erkenntnis gekrönt.“

Aufbrausen und Jähzorn (V. 16.17) sind letztlich Zeichen von Einfältigkeit. Der Jähzornige begeht Narrheit, aber der Einfältige erbt sie sogar, d. h., sie prägt schließlich sein ganzes Wesen, sofern er einfältig bleibt.

Der Kluge dagegen lässt sich nicht durch seine alte Natur leiten. Daher kann seine Erkenntnis wachsen. Sie schmückt ihn dann wie eine „Krone“ und erhöht sein Ansehen.

► Wenn wir in Gottes Erkenntnis wachsen, wird man uns das ansehen.

14,19–25: Nun werden wir über das rechte Verhalten gegenüber Bedürftigen belehrt. Es muss durch Barmherzigkeit gesteuert werden.

14,19 „Die Bösen beugen sich vor den Guten, und die Gottlosen stehen an den Toren des Gerechten.“

Dieser Vers klärt uns über die eigentliche Ursache von sozialen Unterschieden auf, soweit es die Regierungswege Gottes betrifft. Er segnet den Gerechten und bestraft den Gottlosen. Daher stehen die „Bösen“ und „Gottlosen“ unter den „Guten“ und „Gerechten“. Daraus entsteht im Allgemeinen auch der Unterschied zwischen reich und arm (Spr 22,7).

■ Im Christentum gibt es jedoch noch einen anderen Aspekt: „Der niedrige Bruder aber rühme sich seiner Hoheit, der reiche aber seiner Erniedrigung“ (Jak 1,9.10).

14,20 „Sogar von seinem Nächsten wird der Arme gehasst; aber zahlreich sind die, die den Reichen lieben.“

Wenn soeben die Ursache von Armut und Reichtum gezeigt wurde, so sehen wir jetzt die Folgen davon. Der Arme wird gehasst, weil man von ihm nichts erwarten kann. Der Reiche wird geliebt, weil oder damit man von ihm etwas bekommt (Spr 19,4). Weder im einen noch im anderen Fall ist Nächsten-Liebe vorhanden. Der Reiche wird zwar geliebt, aber nur zum Selbstzweck. Letztlich ist in beiden Fällen Habsucht im Spiel.

► Der Herr Jesus kam als Armer auf diese Erde und wurde gehasst. Aber wir lieben Ihn, weil wir in Ihm den größten Reichtum haben.

Wenn wir diese Aussage allerdings auf selbstverschuldete Armut (Spr 13,18) und mit Fleiß erworbenen Reichtum beziehen (was im geistlichen Bereich fast immer der Fall ist), empfinden wir sie durchaus als gerecht. „Hassen“ muss dann natürlich im Sinne von „geringachten“ verstanden werden und „lieben“ im Sinn von „hochachten“.

14,21 „Wer seinen Nächsten verachtet, sündigt; wer sich aber der Elenden erbarmt, ist glückselig.“

Die Verachtung eines Menschen hat ihre Wurzel im Hochmut. In Gottes Augen ist es Sünde. Haben wir uns nicht schon oft darin verschuldet? Wie leicht verachten wir unseren Nächsten, weil er beispielsweise in eine Sünde gefallen ist. Oder weil er eine geringe Erkenntnis hat oder sich öfters „danebenbenimmt“. Oder auch einfach, weil er ungläubig ist!

Gott verachtete sein abgefallenes Volk nicht (3. Mo 26,44). Denn Er ist „reich an Barmherzigkeit“, und wir sollen „Nachahmer Gottes sein als geliebte Kinder“ (Eph 2,4; 5,1). Wenn wir uns der „Elenden erbarmen“, sind wir „glückselig“. Der Herr sagt in der Bergpredigt: „Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit zuteil werden“ (Mt 5,7).

14,22 „Werden nicht irregehen, die Böses schmieden, aber Güte und Wahrheit finden, die Gutes schmieden?“

Wegen des Zusammenhangs bezieht sich dieser Vers wohl vornehmlich auf das Verhalten gegenüber einem Bedürftigen. Wie herzlos ist es, ihn nicht allein zu verachten (V. 20.21), sondern ihm auch noch schaden zu wollen. Solch ein Vorhaben verhindert der barmherzige Gott, der alle „Geheimnisse des Herzens kennt“ (Ps 44,22). Diese Menschen „gehen irre“ indem sie meinen, andere zu verderben, wogegen sie tatsächlich selbst dem Verderben entgegengehen.

Der Ausdruck „schmieden“ deutet an, dass sowohl das Böse als auch das Gute ein gewisses Maß an Vorbereitung erfordern. Aber die Folgen sind äußerst unterschiedlich. Wer sorgfältig Gutes plant, um dem Armen zu helfen, findet Gottes Anerkennung. Psalm 61,8 sagt über den Gottesfürchtigen: „Bestelle Güte und Wahrheit, dass sie ihn behüten!“

14,23 „Bei jeder Mühe wird Gewinn sein, aber Lippengerede gereicht nur zum Mangel.“

Etwas Gutes planen ist eine Sache, den Plan dann auch ausführen eine andere. Das erfordert zwar „Mühe“, doch es lohnt sich, denn der „Gewinn“ wird nicht ausbleiben. „Gott ist nicht ungerecht, euer Werk zu vergessen und die Liebe, die ihr für seinen Namen bewiesen habt, da ihr den Heiligen gedient habt und dient“ (Heb 6,10).

Andere versprechen viel, halten es aber nicht ein. Es ist bloßes „Lippengerede“ und nichts anderes als Untreue! So etwas führt „nur zum Mangel“ – bei sich selbst und bei den anderen.

► Wenn du „Mühe“ aufwendest, um Gottes Wort zu studieren, wird dir das bleibenden „Gewinn“ einbringen.

14,24 „Die Krone der Weisen ist ihr Reichtum; die Narrheit der Toren ist Narrheit.“

Hier wird gesagt, dass Reichtum nicht etwas Ungehöriges ist. Im Gegenteil, wenn er in der Hand eines Weisen ist, gleicht er einer Krone (wie vorher schon die Erkenntnis; V. 18). Der Weise wird seinen Reichtum nämlich zum Nutzen anderer einsetzen (1. Tim 6,17.18).

Der zweite Versteil hört sich recht banal an, enthält aber eine nachdenkenswerte Aussage. Wir lernen, dass die Narrheit eines Toren sich niemals zum Guten wendet: sie ist und bleibt Narrheit! Seine äußeren Umstände mögen sich bessern oder verschlechtern – er lernt nichts dazu. Es handelt sich also um einen verstockten Sünder.

14,25 „Ein wahrhaftiger Zeuge errettet Seelen; wer aber Lügen ausspricht, ist lauter Trug.“

Wenn wir durch eine wahrheitsgemäße Aussage zur Klärung eines Sachverhalts beitragen, ist dies in jedem Fall nützlich. Wir „erretten Seelen“, weil alle Beteiligten zu ihrem Recht kommen, insbesondere ein Unschuldiger ohne Rechtsbeistand. Sollte durch unsere Zeugenaussage jemand verurteilt werden, so kann es auch ihm in einem höheren Sinn zur Errettung dienen, nämlich wenn er dadurch zur Einsicht seiner Schuld kommt.

Wer als Zeuge „Lügen ausspricht“, offenbart dadurch seine innere Einstellung, er „ist lauter Trug“. Er lügt und betrügt ganz bewusst (Spr 12,17).

14,26–30: Diese Verse zeigen uns, dass die Furcht des Herrn Leben gibt. Dazu tragen Langmut und Gelassenheit bei (V. 29.30).

14,26 „In der Furcht des Herrn ist ein starkes Vertrauen, und seine Kinder haben eine Zuflucht.“

„Ihr, die ihr den Herrn fürchtet, vertraut auf den Herrn! Ihre Hilfe und ihr Schild ist er“ (Ps 115,11). Wenn wir den Herrn fürchten, haben wir Ihn auf unserer Seite und können Ihm in jeder Lebenslage vertrauen. „Wenn unser Herz uns nicht verurteilt, so haben wir Freimütigkeit zu Gott“ (1. Joh 3,21).

Sogar die Kinder gottesfürchtiger Personen (FußEÜ) haben in Gott eine „Zuflucht“ (vgl. Spr 11,21), denn sie sind durch die Eltern geheiligt (1. Kor 7,14). „Die Güte des Herrn aber ist von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskinder hin“ (Ps 103,17). Liegt darin nicht ein tiefer Trost? Und auch eine ernste Verantwortung? Biblische Beispiele dafür sind Noah, Abraham, Josua und Kornelius.15

► Wenn du gläubige Eltern hast, die dich zum Herrn Jesus geführt haben, sollte dich das immer wieder neu dankbar stimmen!

14,27 „Die Furcht des Herrn ist eine Quelle des Lebens, um den Fallstricken des Todes zu entgehen.“ (Spr 13,14)

Aus der „Furcht des Herrn“ quillt Leben hervor (Spr 19,23). Das bedeutet, dass wir in unserem Leben immer wieder neue Kraft und Erfrischung erhalten, wenn wir es mit Gott führen.

► Sollten wir durch unser Vorbild und unsere Worte nicht auch eine „Quelle des Lebens“ für andere sein?

In der Kraft des Heiligen Geistes werden wir dann auch den „Fallstricken des Todes entgehen“. Was bedeutet das? Der Tod ist ja das Ende oder Ergebnis der Sünde (Röm 6,21). Um dem Tod zu entgehen, müssen wir also den Fallstricken der Sünde entgehen. Das aber können wir nur, wenn wir verwirklichen, dass „wir der Sünde gestorben sind“ (Röm 6,2). Dafür benötigen wir die Kraft des Heiligen Geistes.

14,28 „In der Menge des Volkes ist die Herrlichkeit eines Königs, aber im Schwinden der Bevölkerung eines Fürsten Untergang.“

Hier wird zum ersten Mal in den Sprüchen der „König“ erwähnt. Es handelt sich dabei immer um einen Herrscher, der sein Amt würdig vertritt.16 Er richtet in Gerechtigkeit, belohnt das Gute und bestraft das Böse. Er ist ein Vertreter Gottes auf der Erde (Röm 13,4).

Die „Herrlichkeit“ eines solchen Königs liegt nicht in seiner glanzvollen Hofhaltung oder in seinem Reichtum. Sie liegt auch nicht in der Besiegung seiner Feinde. Sie liegt in der „Menge des Volkes“. Das weist darauf hin, dass sein Volk ein gutes und sicheres Leben führen kann. Niemand verhungert oder wird durch Feinde getötet. Wie kommt das? Weil der König sie offenbar zur Furcht des Herrn geleitet hat: „Die Furcht des Herrn ist zum Leben; und gesättigt verbringt man die Nacht, wird nicht heimgesucht vom Unglück“ (Spr 19,23). „Und Juda und Israel wohnten in Sicherheit, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, von Dan bis Beerseba, alle Tage Salomos“ (1. Kön 5,5; vgl. Mich 4,4). Ein glückliches und zahlreiches Volk macht einen König stark und bewahrt ihn vor dem „Untergang“.

■ Die Aussage trifft prophetisch auf Christus zu, den kommenden König über die ganze Erde („Menge des Volkes“): „Es kommt die Zeit, alle Nationen und Sprachen zu versammeln; und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen … und sie werden meine Herrlichkeit unter den Nationen verkündigen“ (Jes 66,18.19).

14,29 „Ein Langmütiger hat viel Verstand, aber ein Jähzorniger erhöht die Narrheit.“

Langmut ist ein Kennzeichen der Liebe (1. Kor 13,4). Es ist die Geduld mit den Unzulänglichkeiten anderer, die „Verständnis“ für deren Probleme erfordert. Ein Langmütiger hat von Gott gelernt (Röm 2,4), der aber in seiner Weisheit auch genau weiß, wann Langmut ihr Ende finden und Gericht beginnen muss.

Wer jähzornig ist, „begeht Narrheit“, lasen wir in Sprüche 14,17. Hier, wo der Jähzorn offenbar jemand trifft, dem Langmut zusteht, wird die Narrheit „erhöht“, sozusagen auf die Spitze getrieben.

Micha und Zedekia illustrieren diesen Vers gut: Zedekia „schlug Micha [„jähzornig“] auf die Wange und sprach: Wo wäre der Geist des Herrn von mir gewichen, um mit dir zu reden? Und Micha sprach [„langmütig“]: Siehe, du wirst es an jenem Tag sehen, wenn du von Gemach zu Gemach gehen wirst, um dich zu verstecken“ (1. Kön 22,24.25).

14,30 „Ein gelassenes Herz ist das Leben des Leibes, aber Ereiferung ist Fäulnis der Gebeine.“

Das „gelassene Herz“ spricht von Frieden und Ruhe, die wir genießen, wenn wir in der Furcht des Herrn leben. Es ist bekannt, dass jemand, der sich ständig über alles Mögliche aufregt („ereifert“), seiner körperlichen und seelischen Gesundheit schadet („Fäulnis der Gebeine“). Gelassenheit aber führt nicht nur zu einer gesunden Physis und Psyche, sondern trägt auch dazu bei, im geistlichen Leben ein gesundes Urteil zu haben.

14,31–35: Die letzten Verse dieses Kapitels beschreiben, wie sich Gerechtigkeit in der menschlichen Gesellschaft auswirkt.

14,31 „Wer den Geringen bedrückt, verhöhnt den, der ihn gemacht hat; wer sich aber des Armen erbarmt, ehrt ihn.“

Gott hat Erbarmen mit seinen Geschöpfen und bei Ihm ist „kein Ansehen der Person“ (Röm 2,11). Daher ist es eine „Verhöhnung“ Gottes, wenn wir einen Geringen bedrücken oder verachten (Spr 17,5; 3. Mo 19,15; Jak 2,9).

Armut sollte es in Israel eigentlich gar nicht geben. Doch Gott wusste: „Der Arme wird nicht aufhören inmitten des Landes.“ Daher ordnete Er auch an: „Wenn ein Armer unter dir sein wird …, so sollst du dein Herz nicht verhärten und deine Hand vor deinem Bruder, dem Armen, nicht verschließen“ (5. Mo 15,11.7). Wenn wir dies befolgen, handeln wir gerecht (weil Gott es befohlen hat) und barmherzig (sofern es von Herzen kommt). Dann verhöhnen wir Gott nicht, sondern „ehren Ihn“.

14,32 „In seinem Unglück wird der Gottlose umgestoßen, aber der Gerechte vertraut auch in seinem Tod.“

Jeder Mensch gerät irgendwann in ein „Unglück“, eine missliche Lage. Der Gottlose hat dann keinen Halt in Gott und wird „umgestoßen“. So widerfuhr es Haman, als er entlarvt wurde (Est 7,8).

Der Gerechte aber vertraut selbst bei dem schwersten „Unglück“, dem Tod, auf Gott. Er hat keine Angst vor dem Tod, denn er genießt ja das Wohlgefallen Gottes (Spr 11,20). Aber auch „in seinem Tod“ (d. h. während des Sterbens) darf er auf Gott vertrauen (Ps 48,15).

14,33 „Die Weisheit ruht im Herzen des Verständigen; aber was im Innern der Toren ist, tut sich kund.“

Wenn wir auf Gottes Wort hören, haben wir die Verheißung: „Weisheit wird in dein Herz kommen“ (Spr 2,10). Dort „ruht“ sie dann. Man sieht es uns nicht unmittelbar an,17 aber sie übt einen bleibenden Einfluss auf unsere Gedanken und unseren Willen aus (Spr 10,14).

Was hat der Tor in seinem „Innern“? Nur Narrheit! (V. 24). Sie „ruht“ dort aber nicht, sondern offenbart sich durch seine törichten Worte (Spr 15,2). Daher können wir einen törichten Menschen (glücklicherweise!) recht schnell als solchen erkennen.

14,34 „Gerechtigkeit erhöht eine Nation, aber Sünde ist die Schande der Völker.“

Gerechtigkeit ist das genaue Gegenteil von Sünde. Gerechtigkeit handelt gemäß Gottes Gedanken, Sünde dagegen handelt gegen Gottes Gedanken, denn sie „ist die Gesetzlosigkeit“ (1. Joh 3,4).

Hier geht es nun darum, ob das Verhalten einer gesamten „Nation“ eher durch Gerechtigkeit oder eher durch Sünde gekennzeichnet ist. Dabei übt die jeweilige Regierung sicherlich einen großen Einfluss aus18. Die Geschichte der Völker bestätigt die Wahrheit dieses Verses.

14,35 „Die Gunst des Königs wird dem einsichtigen Knecht zuteil; aber der Schändliche wird Gegenstand seines Grimmes sein.“

Ein gerechter König freut sich über einen Knecht, der ihm mit Einsicht dient. Aber er bestraft denjenigen, der für ihn unbrauchbar ist. Ein Beispiel hierfür liefert der König Ahasveros, der im Buch Esther ein Bild von Gott ist. Dem einsichtigen Mordokai wurde seine Gunst zuteil, wogegen der schändliche Haman seinen Grimm zu spüren bekam (Est 6,11; 7,7–10).

■ Auch wir sind Knechte, und zwar von unserem Herrn Jesus Christus. Wenn wir unsere Arbeit in Einsicht und Treue ausführen, wird Er einmal anerkennend sagen: „Wohl, du guter und treuer Knecht!“ Ist das nicht ein gewaltiger Ansporn? – Der unnütze Knecht dagegen erfährt seinen Grimm und wird „in die äußerste Finsternis“ geworfen (Mt 25,24–30).

Kapitel 15

Mehr noch als in den übrigen Kapiteln dieser Sprüchesammlung geht es hier um unser Herz. Gott kennt und beurteilt es. Das Herz steuert den Mund, das Ohr und den Fuß. Entsprechend geht es in diesem Kapitel vornehmlich um unsere Kommunikation und unseren Weg.

Es bietet sich folgende Einteilung an:

Spr 15,1–5: Guter und böser Einfluss unserer Worte
Spr 15,6–15: Das gute und das böse Herz
Spr 15,16–24: Der Vorteil des bescheidenen und geraden Weges
Spr 15,25–27: Formen unsozialen Verhaltens
Spr 15,28–33: Segensreiche Kommunikation

15,1–5: Unser Herzenszustand offenbart sich als Erstes durch unsere Worte. Sie können einen guten oder bösen Einfluss ausüben. Deswegen wird in Vers 3 die wichtige Feststellung eingeschoben, dass Gott genau sieht, wer gut und wer böse ist.

15,1 „Eine milde Antwort wendet den Grimm ab, aber ein kränkendes Wort erregt den Zorn.“

Eine milde Antwort ist keine schwache Antwort und schon gar nicht eine, die im Blick auf die Wahrheit Kompromisse macht. Aber sie wird in ruhigem Ton gesprochen und zeigt ein gewisses Verständnis für den aufgebrachten Gesprächspartner. Sie relativiert und beschwichtigt den „Grimm“. Vor allem aber geschieht sie aus Liebe und sucht den Frieden. Weiterer Streit wird vermieden. Der Grimm ist hier natürlich nicht der berechtigte Grimm des Königs (Spr 14,35), sondern der zornige Groll eines Mitmenschen, der beispielsweise durch ein „kränkendes Wort“ entstanden ist.

Kränkung erfolgt oft unbewusst, indem wir ein vorschnelles Urteil abgeben. Deswegen sollten wir gut überlegen, ob das, was wir sagen wollen, dem anderen eventuell wehtun könnte.

Im Buch der Richter finden wir zwei Beispiele für unseren Vers. Das Verhalten Gideons und das von Jephta, als ihnen die Männer von Ephraim jeweils vorwurfsvoll entgegentraten (Ri 8,1–3; 12,1–4). Gideon gibt eine gelinde Antwort und „da ließ ihr Zorn von ihm ab, als er dieses Wort redete“ (Ri 8,3). Jephta dagegen setzte sich selbst in Szene und antwortete mit Waffengewalt. Das Ergebnis: „Und es fielen in jener Zeit von Ephraim 42.000“ (Ri 12,6).

► Es ist beschämend, wenn wir als Christen aufbrausen, während es ungläubige Mitmenschen schaffen, ruhig zu reagieren.

15,2 „Die Zunge der Weisen spricht tüchtiges Wissen aus, aber der Mund der Toren sprudelt Narrheit hervor.“

Der Weise hat nicht nur „tüchtiges Wissen“, sondern kann es auch gut mit Worten ausdrücken, so dass es anderen nützt. Er spricht ruhig und sachlich, wogegen der Tor seine Worte ohne Sinn und Verstand „hervorsprudeln“ lässt. Er redet ununterbrochen Unsinn, ohne jeden Nutzen.

► Jeder von uns sollte sich immer wieder neu fragen: Welchen Nutzen haben meine Worte?

15,3 „Die Augen des Herrn sind an jedem Ort, schauen aus auf Böse und auf Gute.“

Der Herr ist allgegenwärtig und allwissend. Er hört unsere Worte, ja Er kennt sie schon, bevor wir sie aussprechen (Ps 139,4). Er sieht auch alles, was wir tun. „Oder kann sich jemand in Schlupfwinkeln verbergen, und ich sähe ihn nicht?, spricht der Herr“ (Jer 23,24; vgl. Sach 4,10 b). Aber Er sieht nicht nur, sondern beurteilt auch jeden, egal ob er böse oder gut ist. „Kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben“ (Heb 4,13). Wenn uns das doch mehr bewusst wäre! David sagt: „Im Innern meines Hauses“, also da, wo er sich von Menschen unbeobachtet wusste, „will ich wandeln in Lauterkeit meines Herzens“ (Ps 101,3).

15,4 „Gelassenheit der Zunge ist ein Baum des Lebens, aber Verkehrtheit in ihr ist eine Verwundung des Geistes.“

„Gelassenheit der Zunge“ äußert sich in einer unverkrampften und ruhigen Sprache. Man ereifert sich nicht und wird nicht laut. Sie ist ein „Baum des Lebens“ (vgl. Spr 3,18), d. h., sie wirkt belebend.

Verkehrtes Reden aber „verwundet“ den anderen und kann tatsächlich krank machen. Wenn immer wieder etwas fest behauptet wird, das nicht wahr ist, kann dies bei dem Betroffenen schließlich zu Aggression oder Depression führen. Deswegen sagt der Herr: „Den Mund der Verkehrtheit hasse ich“ (Spr 8,13).

15,5 „Ein Narr verschmäht die Unterweisung seines Vaters; wer aber die Zucht beachtet, ist klug.“

„Ein weiser Sohn hört auf die Unterweisung des Vaters“ (Spr 13,1), aber ein „Narr“ will nichts von ihr wissen. Er erkennt offenbar weder die Liebe, aus der heraus sein Vater handelt, noch den Nutzen der Unterweisung. Auch wenn Eltern in der Praxis nicht unfehlbar sind, ruht dennoch Segen darauf, wenn Kinder sich ihren Erziehungsmaßnahmen unterordnen. Es ist ein Zeichen von Klugheit und bewirkt Klugheit (FußEÜ). Und das gilt nicht nur für die Unterweisung, die von den Eltern ausgeht, sondern allgemein für jede „Zucht“: in der Schule, in der Ausbildung und im Gemeindeleben.

15,6–15: In diesen Versen wird immer wieder auf das Herz hingewiesen. Aus ihm kommen unsere Worte und Taten hervor, seien es gute oder böse. Der Gerechte hat ein gutes, der Gottlose ein böses Herz.

15,6 „Das Haus des Gerechten ist eine große Schatzkammer; aber im Einkommen des Gottlosen ist Zerrüttung.“

Zunächst ist diese Aussage natürlich buchstäblich wahr. Wer sich korrekt verhält, füllt im Allgemeinen mit der Zeit sein Sparkonto („Schatzkammer“), wogegen es beispielsweise bei einem Trinker nur Geldsorgen, Streit und Elend gibt („Zerrüttung“).

Aber wir sollten mehr den geistlichen Aspekt ins Auge fassen. Ein Gerechter verhilft seinem ganzen Haus zum Segen, weil ihn Gottesfurcht kennzeichnet: „Die Furcht des Herrn wird sein Schatz sein“ (Jes 33,6). Aus dieser „Kammer“ bringt er weitere „Schätze“ hervor: In seinem Haus herrschen Liebe und Freude, Frieden und Freundlichkeit. Und natürlich Gerechtigkeit, aber auch Gütigkeit und andere Tugenden des Herzens. Das ist mehr wert als alle irdischen Schätze. Daher mahnt der Herr Jesus, in dem ja „verborgen sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“: „Macht euch Geldbeutel, die nicht veralten, einen Schatz, unvergänglich, in den Himmeln“ (Kol 2,3; Lk 12,33).

Ganz anders der Gottlose. Er lehnt jede göttliche Ordnung ab, daher ist alles, was er sich materiell oder ideell erwirtschaftet, der „Zerrüttung“ preisgegeben. Und geistliche Schätze sind ihm ja ohnehin unbekannt.

15,7 „Die Lippen der Weisen streuen Erkenntnis aus, aber nicht so das Herz der Toren.“

Der Weise „streut“ seine Erkenntnis in eine Welt voller Torheit aus. Wir können schließen, dass ihm dies „auf dem Herzen“ liegt, weil seinen Lippen das Herz der Toren gegenübergestellt wird. Die Toren wollen von Erkenntnis nichts wissen, denn ihr „Herz ruft Narrheit aus“ (Spr 12,23).

Wir sollen, wie der Herr Jesus einst, den Samen des Evangeliums ausstreuen, damit Menschen „errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim 2,4).

15,8 „Das Opfer der Gottlosen ist dem Herrn ein Gräuel, aber das Gebet der Aufrichtigen sein Wohlgefallen.“ (Spr 21,27)

Welches Motiv mag ein Gottloser haben, Gott ein Opfer darzubringen? Ist es reines Ritual, eine Art Pflichterfüllung? Will er nur sein Gewissen beruhigen? Oder ist es Heuchelei, um einen guten Eindruck zu erwecken? Wie dem auch sei: Alle diese Beweggründe sind eine Verhöhnung Gottes, der „Wahrheit im Innern“ sucht (Ps 51,8; lies Ps 50,8–23).

Gott hatte den Israeliten verschiedene Opfer angeordnet. Die freiwilligen Opfer19 gab Er ihnen, damit sie Ihm auf eine wohlgefällige Weise Anbetung, Ehre und Dank bringen könnten. Dies erforderte ein aufrichtiges und Gott zugeneigtes Herz – was ein Gottloser niemals besitzt. Die Pflichtopfer20 hatte Er ihnen gegeben, damit sie Vergebung ihrer Sünden erlangen konnten. Auch dafür war (eigentlich) ein aufrichtiges Herz Bedingung. Ein Opfer ohne Beteiligung des Herzens wird Gott niemals annehmen.

David hat das verstanden, wenn er nach seiner Sünde mit Bathseba betet: „Denn du hast kein Gefallen an Schlachtopfern, sonst gäbe ich sie; an Brandopfern hast du kein Wohlgefallen. Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten“ (Ps 51,18.19; vgl. 1. Sam 15,22). Das war ein „Gebet der Aufrichtigen“, an dem Gott sein Wohlgefallen hat. Ein weiteres Beispiel dafür ist das Gebet des Zöllners in Lukas 18,13.

■ Alle von Gott angeordneten Opfer sprechen von seinem geliebten Sohn, wie Er in seinem Leben und in seinem Tod Gott aufs Höchste verherrlicht hat. Können wir dann verstehen, dass es Gott ein Gräuel ist, wenn diese Opfer missbraucht werden?

15,9 „Der Weg des Gottlosen ist dem Herrn ein Gräuel; wer aber der Gerechtigkeit nachjagt, den liebt er.“

Nicht nur die Entartung ihres religiösen Dienstes (V. 8), sondern auch das ganze Verhalten („Weg“) der Gottlosen ist „dem Herrn ein Gräuel“. Sie verunehren Ihn auf Schritt und Tritt.

► Ist dir das Treiben deiner ungläubigen Mitschüler oder Kollegen ein „Gräuel“ – oder findest du es manchmal ganz spannend und amüsant?

„Der Gerechtigkeit nachjagen“ – was für eine plastische Ausdrucksweise! Wir sollen Gerechtigkeit nicht nur einfach gut finden, nicht nur tun, nicht nur erstreben, nein, wir sollen ihr mit Eifer und Energie nachjagen, damit wir sie auf jeden Fall erreichen. Wie leicht kann uns die Gerechtigkeit entschwinden: ein unbedachtes Wort, ein Rotlichtverstoß, ein verbotener Blick auf die Klausur unseres Tischnachbarn …

■ Hier geht es natürlich nicht darum, dass wir durch den Glauben der Stellung nach gerecht geworden sind. Dieser Gerechtigkeit können und müssen wir nicht nachjagen. Nein, es geht um unsere praktisch ausgelebte Gerechtigkeit im täglichen Leben.

15,10 „Schlimme Züchtigung wird dem zuteil, der den Pfad verlässt; wer Zucht hasst, wird sterben.“

Welcher „Pfad“ ist hier gemeint? Natürlich der gute! Die Sprüche sprechen vom Pfad des Rechts, der Gerechtigkeit, der Geradheit und des Lebens. Wenn wir ihn verlassen, wird Gott uns nicht einfach gehen lassen. Er kümmert sich um unseren Zustand und wendet seine „schlimmen“ Zuchtmaßnahmen an (s. Auslegung zu Spr 3,11.12). Das ist nicht angenehm, zeigt aber Gottes Liebe und Fürsorge.

Was würde man von Eltern denken, die ihr Kind einfach weiterlaufen lassen, wenn es sich einem gefährlichen Abgrund nähert? Deswegen sollten wir Gottes Zucht nicht hassen. „Wer Zucht hasst, ist dumm“ (Spr 12,1; vgl. Spr 5,12). So jemand bleibt auf dem Weg, der zum Tod führt („wird sterben“).

15,11 „Scheol und Abgrund sind vor dem Herrn, wie viel mehr die Herzen der Menschenkinder!“

Gott kennt unsere Herzen besser als wir selbst. „Ich, der Herr, erforsche das Herz und prüfe die Nieren, und zwar um einem jeden zu geben nach seinen Wegen“ (Jer 17,10; vgl. Off 2,23). Er nimmt genau Notiz von unseren Gedanken und Beweggründen (Heb 4,13).

Selbst die für uns unsichtbare Welt liegt offen vor seinen Augen. Dass in diesem Zusammenhang nur der Bereich des Todes (Scheol und Abgrund21) erwähnt wird, ist bezeichnend. Wir sollen offensichtlich bedenken, dass Gott nicht nur die lebenden, sondern auch die bereits gestorbenen Menschen sieht. Nach dem Tod ist also nicht „alles aus“.

Macht es uns Angst, dass alle unsere Gedanken vor Gott offenbar sind? Als erlöste und geliebte Kinder sollten wir uns darüber freuen und sogar darum beten: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Und sieh, ob ein Weg der Mühsal bei mir ist, und leite mich auf ewigem Weg!“ (Ps 139,23.24).

15,12 „Der Spötter liebt es nicht, dass man ihn zurechtweist; zu den Weisen geht er nicht.“

Um seine Zucht auszuüben (V. 10), benutzt Gott oft „weise“ Menschen. Sie sollen den Spötter zurechtweisen. Dieser liebt es aber überhaupt nicht und würde nie um Rat, geschweige denn um eine Zurechtweisung bitten. Dazu ist er viel zu arrogant.

► Liebst du es, wenn man dich zurechtweist? Wenn nicht, dann gehörst du vielleicht zu den Spöttern, die andere gern kritisieren.

Da der Spötter nicht zu den Weisen geht, muss sich der Weise selbst aufmachen und zu ihm gehen. Ein mühevolles, wenn nicht aussichtsloses Unterfangen, wie Sprüche 9,7.8 zeigt.

■ Weil wir nicht zu dem weisen Gott kamen, ist Er zu uns gekommen!

15,13 „Ein frohes Herz erheitert das Angesicht; aber bei Kummer des Herzens ist der Geist zerschlagen.“

Wenn unser Herz in Übereinstimmung mit Gott ist – vielleicht aufgrund erfolgreicher Zurechtweisung (V. 12) –, dann haben wir „ein frohes Herz“. Wir können in jeder Lage getrost zu Ihm aufblicken. Das wird man uns ansehen. „Sie blickten auf ihn und wurden erheitert, und ihre Angesichter wurden nicht beschämt“ (Ps 34,6). Dass dies dann eine ansteckende Wirkung hat, zeigt Sprüche 15,30.

► Ein erkennbar frohes Herz ist eine gute Werbung für das Evangelium.

Nichtsdestoweniger kann auch ein Gläubiger „Kummer des Herzens“ haben. Man denke nur an Hanna, die nicht nur kinderlos war, sondern dafür auch noch gekränkt wurde. Oder an Elia, der in seinem Volk keinen Gerechten mehr wahrnahm. Und nicht zuletzt an Hiob, der unter großen körperlichen Qualen litt und statt Trost ungerechtfertigte Anklage hören musste. Ihr Geist war tatsächlich „zerschlagen“. Sie waren mutlos und verzagt, aber am Ende hat Gott sie wieder aufgerichtet (Spr 17,22). Solche Beispiele ermuntern uns, bei Kummer des Herzens auf Gott zu vertrauen.

■ Spätestens im Himmel wird Gott jede Träne von unseren Augen abwischen (Off 21,4).

15,14 „Das Herz des Verständigen sucht Erkenntnis, aber der Mund der Toren weidet sich an Narrheit.“

Jeder verfolgt beharrlich seinen Weg. Der Verständige weiß, dass Stillstand Rückgang ist. Deswegen sucht er immer weitere Erkenntnis (Spr 18,15). Er empfindet, dass es mehr gibt, als er weiß.

Aber auch der Tor bleibt – tragischerweise – auf dem einmal eingeschlagenen Weg. Er erfreut sich an der ihn umgebenden „Narrheit“ und nimmt sie begierig auf („weidet sich“), um sie dann weiterzuerzählen.

► Weidet sich mein Ohr auch zuweilen an dem Mund der Toren?

15,15 „Alle Tage des Elenden sind böse, aber ein fröhliches Herz ist ein beständiges Festmahl.“

Zum Abschluss dieser Serie wird gezeigt, wie der Herzenszustand eines Menschen sein ganzes Leben prägt. Der „Elende“ ist ein niedergeschlagener Mensch. Seine Tage sind „böse“ in dem Sinn, dass sie für ihn mühselig und freudelos sind. Vielleicht beschäftigt er sich so intensiv mit seinem Elend, dass in seinen Gedanken und Gefühlen ein regelrechter Kreislauf darüber entsteht.

Wie viel weiser ist es, sich immer an den zu wenden, der uns „alle Dinge zum Guten mitwirken lässt“ (Röm 8,28)! Das führt zu einem „beständig“ fröhlichen Herzen. Der gefangene Paulus konnte die Philipper ermuntern: „Freut euch in dem Herrn allezeit!“ (Phil 4,4).

15,16–24: Wir hören in diesen Versen etwas über den Vorteil des bescheidenen und geraden Weges. Zwei Besser-als-Verse (komparativer Parallelismus) leiten diese Gedanken ein.

15,16 „Besser wenig mit der Furcht des Herrn, als ein großer Schatz und Unruhe dabei.“

Die „Furcht des Herrn“ leitet uns zur Bescheidenheit. Wir sind dann zufrieden und begnügen uns „mit dem, was vorhanden ist, denn er hat gesagt:,Ich will dich nicht versäumen und dich nicht verlassen’“ (Heb 13,5). In unseren Herzen ist dann weder die Unruhe: „Wie soll es mit dem wenigen Geld weiter gehen?“ noch: „Hoffentlich geht mir das viele Geld nicht verloren!“

► Kommt die Unruhe im Herzen manchmal vielleicht auch daher, dass man sich das Vermögen auf „nichtige Weise“ erworben hat (Spr 13,11; 16,8)? Denn von „Furcht des Herrn“ kann ja dann keine Rede sein.

15,17 „Besser ein Gericht Gemüse und Liebe dabei, als ein gemästeter Ochse und Hass dabei.“

Wieder stellt Salomo das Wenige dem Reichlichen gegenüber. Eben betonte er den Gegensatz zwischen der Furcht des Herrn und der Unruhe im Herzen, hier zwischen Liebe und Hass. Ein einfaches Gericht mit Liebe gekocht und in Harmonie miteinander gegessen – das ist wirklich besser als eine reiche und vornehme Mahlzeit, die unter gegenseitigen Vorwürfen und Hassgefühlen eingenommen wird.

Wir sollten dies aber auch auf den geistlichen Bereich übertragen. Eine einfache Wortauslegung, bei der man die Liebe des Predigers verspürt, ist erbaulicher als eine geschliffene Rede über die höchsten Wahrheiten, die streng und kühl vorgetragen wird.

15,18 „Ein zorniger Mann erregt Zank, aber ein Langmütiger beschwichtigt den Streit.“ (Spr 29,22)

Nicht ohne Grund mahnt Paulus: „Zürnt, und sündigt nicht. Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn“ (Eph 4,26). Sobald nämlich unser Zorn nicht mit Trauer gepaart ist (wie bei unserem Herrn; Mk 3,5), erregt er „Zank“. Wir können uns derart in – vermeintlich berechtigten – Zorn hineinsteigern, dass am Ende keine Einigung mehr möglich ist.

Deshalb werden wir ermahnt: „Seid langmütig zu allen“ (1. Thes 5,14). Wir sollen also bei einem Streit nicht vorschnell Partei ergreifen, sondern geduldig versuchen, die einzelnen Beteiligten zu „beschwichtigen“. Und wir dürfen nicht meinen, dass dies stets in einem einzigen Gespräch gelingt. Daher: „Jagt dem Frieden nach“ (Heb 12,14)!

► Wenn wir bedenken, wie viel Geduld Gott oft mit uns haben muss, werden auch wir langmütig gegenüber anderen sein.

15,19 „Der Weg des Faulen ist wie eine Dornenhecke, aber der Pfad der Aufrichtigen ist gebahnt.“

Der Faule sieht überall Hindernisse, die ihm schaden könnten. Er befürchtet beispielsweise: „Ein Löwe ist draußen; ich könnte mitten auf den Straßen ermordet werden!“ (Spr 22,13). Hier traut er sich vor lauter „Dornen“ nicht weiter (FußEÜ). Er fürchtet sich sowohl vor aktivem als auch vor passivem Widerstand („Löwe“/„Dornen“). Doch im Grunde ist es gar nicht so sehr seine Angst, sondern seine Faulheit, die ihn daran hindert, eine Aufgabe in Angriff zu nehmen. Er ist also zusätzlich unaufrichtig, wenn er seine Faulheit mit irgendwelchen anderen Hinderungsgründen entschuldigt.

Dagegen sieht der Aufrichtige – weil er ehrlich ist – keinerlei Hindernisse. Gott hat ihm den Weg „gebahnt“, und daher vertraut er Ihm auch in „schwierigem Gelände“. Für ihn spielen weder Dornen noch Löwen eine Rolle.

15,20 „Ein weiser Sohn erfreut den Vater, aber ein törichter Mensch verachtet seine Mutter.“ (Spr 10,1)

Unvermittelt drückt Salomo hier zum zweiten Mal seine Freude über den „weisen Sohn“ aus. Das dürfen wir einmal so anwenden, als wolle er kurz innehalten, um uns zuzurufen: „Hört doch bitte auf alle die Unterweisungen, die ich euch hier gebe. Ihr erfreut damit das Herz Gottes, eures Vaters! Wandelt auf dem Weg, den Er euch gebahnt hat!“ (V. 19.21).

Wie „töricht“ und undankbar ist es, wenn jemand seine Mutter verachtet, die ihn geboren hat und die für ihn gesorgt hat, als er klein war (Spr 23,22). So etwas kann auch nicht mit einem (angeblich) törichten Verhalten der Mutter entschuldigt werden, das sie vielleicht mal an den Tag gelegt hat.

15,21 „Die Narrheit ist dem Unverständigen Freude, aber ein verständiger Mann wandelt geradeaus.“

Man begreift es kaum, wie jemand „Freude“ an seiner Dummheit haben kann. Aber das macht ja gerade seine „Narrheit“ aus! Das verhindert auch jegliche Reue oder gar Buße über den krummen Weg, auf dem er sich offensichtlich (im Gegensatz zum verständigen Mann) befindet.

Der Verständige überblickt seinen Weg, denn dieser liegt völlig „gerade“ vor ihm. Daher kommt er auch ungehindert und schnell ans Ziel, so wie Paulus, der „das Ziel anschauend“ dahinjagte (Phil 3,14). Im Klartext heißt das, dass wir als Verständige den Willen Gottes für unser Leben erkennen und ihn konsequent ausführen sollen.

15,22 „Pläne scheitern, wo keine Besprechung ist; aber durch viele Ratgeber kommen sie zustande.“

Alleingänge sind nie gut. Der Einzelne kann leicht einen Aspekt übersehen, wodurch das Vorhaben scheitert. Teamwork ist auch in der Welt angesagt. Der Tüftler und Einzelkämpfer wird zwar auch gebraucht, ist aber nur dann wirklich nützlich, wenn er sein Wissen in die Gemeinschaft einbringt.

So ist es auch unter Christen. Jeder Einzelne muss das Wort studieren, um seine Erkenntnis dann bei anstehenden Entscheidungen einbringen zu können. Echte Ratgeber können nur solche sein, die, aus der Furcht des Herrn heraus, Weisheit gelernt haben. So gelangt man dann gemeinsam zu einem vernünftigen und ausgewogenen Plan (Spr 11,14). „Da unterredeten sich miteinander, die den Herrn fürchten“ (Mal 3,16). Dabei darf natürlich der wichtigste Ratgeber nicht fehlen. Ihn müssen wir unbedingt unter Gebet und in seinem Wort befragen: „Man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Berater“, und: Seine „Zeugnisse sind auch … meine Ratgeber“ (Jes 9,6; Ps 119,24).

► Wir wollen nicht übereinander, sondern miteinander reden!

15,23 „Ein Mann hat Freude an der Antwort seines Mundes; und ein Wort zu seiner Zeit, wie gut!“ (Spr 25,11)

Die Freude dieses Mannes besteht darin, dass seine „Antwort“ eine positive Wirkung hervorgebracht hat (Spr 12,14). Er hat offenbar gesprochen, was „gut ist zur notwendigen Erbauung, damit es den Hörenden Gnade darreiche“ (Eph 4,29), und man hat auf ihn gehört. Das ist ermunternd!

Wer das Richtige zur rechten Zeit sagt, offenbart hierin seine Weisheit. Dazu muss man sich in die Umstände dessen hineinversetzen, an den man ein Wort richten möchte. Egal, ob es ein Wort des Trostes, der Ermunterung oder der Ermahnung ist. Und es heißt nicht: „viele Worte zu ihrer Zeit …“, denn auch hier gilt: „Darum seien deiner Worte wenige“ (Pred 5,1). Doch ein solches Wort erfordert Energie, Mut und nicht zuletzt Abhängigkeit von Gott. Nur Er kann uns belehren, das „gute Wort zu seiner Zeit“ zu sagen. Jesaja schreibt: „Der Herr, Herr, hat mir eine Zunge der Belehrten gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten“ (Jes 50,4). So sollte es auch bei uns sein!

15,24 „Der Weg des Lebens geht für den Einsichtigen aufwärts, damit er dem Scheol unten entgehe.“

Der Einsichtige „sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist“ (Kol 3,2). So geht sein Weg auch in niederdrückenden Lebensumständen „aufwärts“. Dadurch entgeht er der trostlosen Finsternis des Scheols. „Der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht, das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe“ (Spr 4,18).

■ Für uns führt der Weg des (ewigen) Lebens aufwärts ins Vaterhaus.

Es gibt ja auch „Wege des Todes“ (Spr 14,12). Das sind gedankenlose und eigenwillige Wege. Sie führen in den Scheol.

15,25–27: Diese drei Verse behandeln verschiedene Formen von unsozialem Verhalten.

15,25 „Das Haus der Stolzen reißt der Herr nieder, aber die Grenze der Witwe stellt er fest.“

Stolze Menschen geben vor, alles selbst regeln zu können. In frecher Überheblichkeit meinen sie, den Schutz Gottes nicht zu benötigen. Doch irgendwann kommt der Tag, da Gott sie von ihrem wackeligen Fundament „niederreißt“.

Eine Witwe ist wehrlos und hat scheinbar keinen Schutz. Deswegen liebäugelt der Stolze mit ihrem Besitz, um seinen eigenen zu vergrößern. Aber Gott nimmt sie in seinen Schutz („stellt ihre Grenze fest“): „Wenn du sie [die Witwe] irgend bedrückst, so werde ich, wenn sie irgendwie zu mir schreit, ihr Schreien gewiss erhören; und mein Zorn wird entbrennen, und ich werde euch mit dem Schwert töten“ (2. Mo 22,21–23). Das ist ein Trost für jede alleinstehende Person – und eine Warnung an alle, die stolz auf sie herabblicken.

15,26 „Böse Gedanken sind dem Herrn ein Gräuel, aber huldvolle Worte sind rein.“

Dieser Vers bestätigt, was schon David sagte: „Du verstehst meine Gedanken von fern“ (Ps 139,2). Vor Menschen können wir unsere „bösen Gedanken“ über sie verbergen, nicht aber vor Gott. Sie sind Ihm ein Gräuel – ekelhaft und widerlich. So war es auch kurz vor der Sintflut: „Der Herr sah, dass die Bosheit des Menschen groß war auf der Erde, und alles Gebilde der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag“ (1. Mo 6,5).

► Jeder böse Gedanke, den wir nicht im Herzen verurteilen, kann leicht zu einer bösen Tat werden.

Den bösen Gedanken werden nun Worte gegenübergestellt, „huldvolle“, freundliche, liebliche Worte. Die kann jeder vernehmen. Anders als die Gedanken sind sie nicht verborgen und müssen auch nicht verborgen werden. Das erinnert an Philipper 4,8: „Im Übrigen, Brüder, alles, was wahr, alles, was würdig, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was lieblich ist, alles, was wohllautet, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, dies erwägt.“

15,27 „Wer der Habsucht frönt, zerrüttet sein Haus; wer aber Geschenke hasst, wird leben.“

Der Habsüchtige hat vielleicht ein schönes, großes Haus, doch sein eigentliches „Haus“, seine Familie, geht auf Dauer in die Brüche. Die Habsucht nimmt also nicht nur „ihrem eigenen Herrn das Leben“ (Spr 1,19), sondern auch allen, die von ihm abhängig sind. Das beginnt damit, dass der Vater keine Zeit mehr für Frau und Kinder hat, und das endet (oft) mit Erbstreitigkeiten unter seinen Hinterbliebenen.

► Auch wir Christen stehen in Gefahr, Süchte zu entwickeln. Außer der Habsucht gibt es: Selbstsucht, Spielsucht, Tabaksucht, Esssucht, Putzsucht, Internetsucht, Sexsucht, Alkoholsucht, usw. Wenn du einer dieser Süchte „frönst“, bitte den Herrn, dass Er dich davon freimacht. Alleine schaffst du es nicht!

In der Bibel gibt es einige Personen, die von Habsucht gekennzeichnet waren und deren Ende schrecklich war, z. B. Bileam, Achan und Gehasi.22 Sie dienen uns als Warnung!

Im zweiten Teil geht es um Bestechungsgeschenke (Spr 17,23). Wer sie gibt und wer sie annimmt, macht sich gleichermaßen schuldig. So etwas wird selbst von weltlichen Gesetzen unter Strafe gestellt. Der Prediger warnt: „Das Bestechungsgeschenk richtet das Herz zugrunde“ (Pred 7,7). Abraham weigerte sich, ein Geschenk vom sodomitischen König anzunehmen und erhielt stattdessen Gottes Segen (1. Mo 14,21–24).

■ Im weitesten Sinn können wir hier auch an die Bestechung durch Schmeichelei denken, die im täglichen Miteinander vielleicht eine noch größere Gefahr darstellt (Spr 19,6).

15,28–33: Das Kapitel schließt mit einigen Beispielen für eine segensreiche Kommunikation.

15,28 „Das Herz des Gerechten überlegt, um zu antworten; aber der Mund der Gottlosen sprudelt Bosheiten hervor.“

Gerade wenn gerechte Entscheidungen zu treffen sind, muss vorher gut überlegt werden. Vorschnelle Worte können oft nicht mehr zurückgenommen werden (Spr 18,13).

„Der Mund der Toren sprudelt Narrheit hervor“ (Spr 15,2). Das ist schon schlimm genug. Aber der Mund der Gottlosen geht weiter: Er „sprudelt Bosheiten hervor“. Ohne zu überlegen sagt der Gottlose alles, was in seinem Herzen ist, und das ist nur Böses (Spr 6,14).

15,29 „Der Herr ist fern von den Gottlosen, aber das Gebet der Gerechten hört er.“

Die Gottlosen leben fern von Gott. Das beantwortet Gott, indem Er sich „fern von den Gottlosen“ hält. Das wird auch in der Ewigkeit ihre Qual ausmachen.

■ Am Kreuz hat Christus unsere Stelle, die Stelle von Gottlosen, eingenommen. Deswegen musste Er in die Finsternis hineinrufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern von meiner Rettung, den Worten meines Gestöhns?“ (Ps 22,2).

Wenn wir im vorigen Vers sahen, dass der Gerechte erst überlegt, bevor er redet, lesen wir hier, was er offenbar in dieser Zeit tut: Er betet! Und Gott erhört ihn, weil er in Übereinstimmung mit Ihm ist (Spr 15,8). „Das inbrünstige Gebet eines Gerechten vermag viel“ (Jak 5,16).

■ Christus war „der Gerechte“. Daher konnte Er zu seinem Vater sagen: „Ich aber wusste, dass du mich allezeit erhörst“ (1. Pet 3,18; Joh 11,42).

15,30 „Das Leuchten der Augen erfreut das Herz; eine gute Nachricht labt das Gebein.“

Wenn unsere Augen leuchten, weil unser Herz fröhlich ist (Spr 15,13), wirkt sich das auf unsere Umgebung aus. Strahlende Augen beim Begrüßen, ein liebevolles Lächeln bei der Nachfrage: „Wie geht es dir?“ – all das ist wohltuend für unser Gegenüber. Wenn wir dann noch mit einer „guten Nachricht“ aufwarten können, richtet das zusätzlich auf.

Jetzt stellt sich die Frage: Was aber, wenn wir keine gute Nachricht haben? Dann brauchen wir bloß einmal unsere Bibel aufzuschlagen. Dort finden wir zahlreiche ermunternde Verse, die in der Lage sind, jede schlechte Nachricht „in den Schatten“ zu stellen. Diese können wir dann – mit leuchtenden Augen! – zitieren.

15,31 „Ein Ohr, das auf die Zucht zum Leben hört, wird inmitten der Weisen weilen.“

Dieser und der nächste Vers haben noch einmal die unterweisende Zucht zum Thema (Spr 15,5). Wenn unser Ohr auf einen berechtigten Tadel hört, wird uns das weise machen. „Inmitten der Weisen“ sind wir dann in guter Gesellschaft und werden an Weisheit zunehmen: „Wer mit Weisen umgeht, wird weise“ (Spr 13,20).

■ Obwohl der Herr Jesus keine Zucht benötigte, hat Er sich doch das Ohr öffnen lassen: „Der Herr, Herr, hat mir das Ohr geöffnet, und ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen“ (Jes 50,5).

15,32 „Wer Unterweisung verwirft, verachtet seine Seele; wer aber auf Zucht hört, erwirbt Verstand.“

Was bedeutet es, seine Seele zu „verachten“? So jemand legt keinen Wert auf ein Leben nach Gottes Gedanken und gibt sich dadurch sozusagen selbst dem Tod preis. Die erste Aussage deckt sich also mit Vers 10: „Wer Zucht hasst, wird sterben“, und findet ihr Gegenstück in Sprüche 19,8: „Wer Verstand erwirbt, liebt seine Seele.“ – Der zweite Teil vertieft den vorigen Vers.

15,33 „Die Furcht des Herrn ist Unterweisung zur Weisheit, und der Ehre geht Demut voraus.“ (Spr 18,12)

Das Kapitel schließt mit der „Furcht des Herrn“, die der Anfang der Weisheit ist. Nur an dieser Stelle wird gesagt, dass sie selbst es ist, die zur Weisheit unterweist. Indem wir also die Gottesfurcht praktisch verwirklichen, gelangen wir zu der Einsicht, was wirklich weise ist. Die Reihenfolge ist demnach: Erst Gottesfurcht, dann Weisheit (Spr 9,10). Und ebenso: Erst Demut, dann Ehre. Mit anderen Worten: Ein Hochmütiger oder Stolzer wird – allen Anstrengungen zum Trotz – niemals Ehre erhalten.

■ Unser Herr war so demütig, dass Er „sich selbst zu nichts machte“. Deshalb bekam Er die höchste Ehre: „Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen gegeben, der über jeden Namen ist“ (Phil 2,7.9).

Weitere Beispiele für den Grundsatz „Der Ehre geht Demut voraus“ finden wir bei Joseph (vom gefangenen Diener zum zweiten Herrscher), Mose (vom Hirten zum Führer des Volkes), Ruth (von einer schlichten Ährenleserin zur Frau des reichen Boas) und David (vom Hirten und „Floh“ zum König; 1. Sam 26,20).

Kapitel 16

In diesem Kapitel lernen wir, wie Gott über die Herzenszustände und Überlegungen der Menschen denkt und welchen verborgenen Einfluss Er auf sie ausübt. – Es fällt auf, dass nur wenige Verse Gegensätze beschreiben.

Die einzelnen Versgruppen sind recht deutlich voneinander abgegrenzt:

Spr 16,1–9: Überlegungen und Pläne des Herzens
Spr 16,10–15: Der gerechte König
Spr 16,16–24: Das Herz des Weisen
Spr 16,25–30: Das Herz des Bösen
Spr 16,31–33: Der erfahrene Weise

16,1–9: Wir können diesen Versen die Überschrift geben: „Der Mensch denkt, Gott lenkt“ (vgl. V. 9). Sie offenbaren uns die Überlegungen und Pläne des Herzens, und welchen Einfluss der souveräne Gott darauf nimmt. Theologen und Philosophen standen schon immer vor dem Rätsel: Wie kann ein Mensch freie Entscheidungen treffen, wenn andererseits Gott doch alles schon vorher weiß und lenkt? Obwohl auch wir nicht in der Lage sind, dies wirklich übereinander zu bringen, sollten wir aber doch lernen, beide Aspekte für sich gesehen zu beachten.

16,1 „Die Entwürfe des Herzens sind des Menschen, aber die Antwort der Zunge kommt von dem Herrn.“

Entwürfe und Gedanken entspringen unseren Wünschen. Diese entstehen im Herzen. Unser Verstand bleibt natürlich nicht außen vor, denn er benutzt Logik und Erfahrungen, um diese Entwürfe zu sondieren und zu entwickeln. Aber der Ursprung, das Grundmuster unserer Worte (und Taten) entsteht im Herzen – so wie dann auch die später getroffenen Entscheidungen („Wege“, V. 2.3) aus dem Herzen kommen.

Diese Freiheit hat Gott uns gegeben: „Die Entwürfe sind des Menschen“. Deswegen sind wir aber auch für all das verantwortlich, was wir denken, sagen und tun. Gott wird es beurteilen und gegebenenfalls verurteilen.

Doch nun die andere Seite, die hiermit unvereinbar zu sein scheint: Gott lenkt alles so, wie es Ihm gefällt. Wir mögen manches entwerfen, „aber die Antwort der Zunge kommt von dem Herrn.“ Das dürfen wir allerdings nicht mit „Verbalinspiration“ verwechseln, die Gott beim Verfassen der Bibel anwandte. Aber es ist doch so, dass Er „die Fäden in der Hand“ behält und unsere Gedanken und Worte durch innere Impulse und äußere Umstände so steuert, dass letztlich sein Wille geschieht.

Wenn wir das wissen, sollten wir uns von vornherein bemühen, seine Gedanken zu erforschen und ihnen zu entsprechen. Das Beispiel Bileams sollte uns warnen, uns nicht dem offenbaren Willen Gottes zu widersetzen. Bileam musste gegen seinen Willen schließlich doch genau das sagen, was Gott wollte (zu seinem eigenen Nachteil, denn dadurch entging ihm der Wahrsagerlohn).

Dieser Vers enthält auch einen großen Trost. Wenn wir um die richtige „Antwort“ ringen, „kommt sie von dem Herrn“. Er sagt: „Sorgt euch vorher nicht, was ihr reden sollt, sondern was irgend euch in jener Stunde gegeben wird, das redet“ (Mk 13,11).

16,2 „Alle Wege eines Mannes sind rein in seinen Augen, aber der Herr wägt die Geister.“

Bei der Einschätzung unserer Entscheidungen und Wege sind wir oft großzügig. Wir hoffen und glauben, alles richtig zu machen. Aber unser Maßstab ist nicht immer Gottes Maßstab. Er beurteilt nicht nur, was wir sagen und tun, sondern „wägt“ bereits unsere Gedanken („die Geister“). Dessen war sich auch Paulus bewusst, wenn er sagt: „Ich beurteile mich aber auch selbst nicht. Denn ich bin mir selbst nichts bewusst, aber dadurch bin ich nicht gerechtfertigt. Der mich aber beurteilt, ist der Herr“ (1. Kor 4,3.4). David sah ebenfalls die Gefahr, den klaren Blick auf seine „Wege“ zu verlieren, und betete: „Von verborgenen Sünden reinige mich“ (Ps 19,13).

16,3 „Befiehl dem Herrn deine Werke, und deine Gedanken werden zustande kommen.“

Psalm 37,5 empfiehlt, dem Herrn unsere Wege anzuvertrauen, hier sind es die Werke. Wie beruhigend, das tun zu dürfen! Es bringt nichts, nur unsere Pläne nach seinem Willen auszurichten und dann alles selbst in die Hand zu nehmen. Nein, Er muss uns auch bei der Ausführung der Pläne unterstützen. Nur dann werden unsere Gedanken und Wünsche zustande kommen. Mose betete: „Befestige über uns das Werk unserer Hände; ja, das Werk unserer Hände, befestige es!“ (Ps 90,17).

► „Selbst ist der Mann!“ – so denken wir oft, und wollen damit unsere Tatkraft hervorheben. Aber schwingt da in unserem Herzen nicht auch (ein wenig?) Hochmut und Unabhängigkeit von Gott mit?

16,4 „Der Herr hat alles zu seinem Zweck gemacht, und auch den Gottlosen für den Tag des Unglücks.“

Alles, was Gott geschaffen hat, dient einem bestimmten Zweck. Das zu erforschen würde Millionen Bücher füllen. Jede Pflanze, jedes Tier, jeder Stern und jedes Atom – alles hat seinen Platz in dem großen „Räderwerk“ der Schöpfung. Und besonders jeder einzelne Mensch.

► Gott hat ein Ziel mit dir! Du bist kein Zufallsobjekt, sondern bist zum Preise der Herrlichkeit Gottes geschaffen (Eph 1,6.12). Das ist Gnade – und Verantwortung!

Nun könnte man denken: Eine Ausnahme bildet aber doch der Gottlose. Welchen Sinn hat seine Existenz? Die Antwort ist: Es kommt einmal der Tag, an dem er von Gott gerichtet wird. Und das hat den „Zweck“, dass Gott verherrlicht wird. In diesem Sinne hat Gott den Gottlosen für den Tag des Unglücks „gemacht“.

Was dieser Vers nicht sagt, ist, dass es Menschen gäbe, die für die Verdammnis auserwählt seien. Abgesehen davon, dass es hier gar nicht um die ewige Verdammnis geht, müssen wir bedenken, dass der Gottlose seinen Weg selbst gewählt hat. Denn Gott versichert: „Ich habe kein Gefallen am Tod des Gottlosen, sondern dass der Gottlose von seinem Weg umkehre und lebe!“ (Hes 33,11). Dafür hat Er in unendlicher Liebe seinen Sohn Jesus Christus hingegeben. Nun trägt Gott „mit vieler Langmut … die Gefäße des Zorns, die zubereitet sind zum Verderben“ (Röm 9,22). Wenn jemand nicht glauben will, bereitet er sich selbst für das Verderben zu. Möge er noch rechtzeitig umkehren!

16,5 „Jeder Hochmütige ist dem Herrn ein Gräuel. Die Hand darauf: Er wird nicht für schuldlos gehalten werden.“

Wenn wir von uns überzeugt sind und meinen, unsere Pläne ohne Gott ausführen zu können (V. 2.3), sind wir hochmütig. So etwas „hasst“ Gott (Spr 8,13; 6,16.17), es ist Ihm ein „Gräuel“. Hochmut ist nicht nur einfach eine unerwünschte Eigenschaft, sondern Sünde. Wir werden „nicht für schuldlos gehalten“.

■ Der Pharao stellte sich hochmütig über Gott und sagte: „Wer ist der Herr, auf dessen Stimme ich hören soll?“ (2. Mo 5,2). Durch die Plagen und im Roten Meer hat er Ihn dann kennengelernt.

16,6 „Durch Güte und Wahrheit wird die Ungerechtigkeit gesühnt, und durch die Furcht des Herrn weicht man vom Bösen.“

Um diesen Vers richtig zu verstehen, müssen wir zuerst beachten, dass es hier nicht um die ewige Sühnung von Sünden geht. Der Gedanke ist, dass ein Mensch, von „Güte und Wahrheit“ beseelt, für die Ungerechtigkeit eines anderen vor Gott eintritt. Dadurch erreicht er die Abwendung der Strafe, indem Gott seine Regierungswege ändert und dem Sünder vergibt.

Eine solche Situation haben wir bei Stephanus, der sterbend betete: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu!“ (Apg 7,60). Und in welcher Güte und Wahrheit hat der Herr Jesus am Kreuz gesprochen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34). Gott hat diese Gebete erhört und nicht mit dem unmittelbaren Gericht geantwortet, das auf diese schweren Sünden hätte folgen müssen.

■ Wir können diesen Vers auch auf unser ewiges Heil anwenden. Nur Gottes „Güte und Wahrheit“ ist es zu verdanken, dass unsere Ungerechtigkeit ein für alle Mal gesühnt ist. Dafür hat Er seinen Sohn in die Welt gesandt. „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“ (Joh 1,17). Als Er Ihn dann am Kreuz strafte, ist Psalm 85,11 in Erfüllung gegangen: „Güte und Wahrheit sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst.“

Wenn unser Leben von der „Furcht des Herrn“ gekennzeichnet ist, werden wir „vom Bösen weichen“ (vgl. Spr 8,13). Dann wird es gar nicht erst nötig sein, dass jemand für uns eintritt, und wir dürfen die Erfahrung machen: „Alle Pfade des Herrn sind Güte und Wahrheit für die, die seinen Bund und seine Zeugnisse bewahren“ (Ps 25,10).

16,7 „Wenn die Wege eines Mannes dem Herrn wohlgefallen, so lässt er sogar seine Feinde mit ihm in Frieden sein.“

Wenn wir in praktischer Gerechtigkeit leben, belohnt uns Gott. Er bewirkt dann sogar in denen, die uns feindlich gesonnen sind, eine gewisse Zurückhaltung, so dass sie uns nicht angreifen. Diese Menschen spüren, dass uns eine höhere Macht zur Verfügung steht.

Isaak machte diese Erfahrung, als der Philisterkönig Abimelech zu ihm kam und sagte: „Wir haben deutlich gesehen, dass der Herr mit dir ist; … und wir wollen einen Bund mit dir schließen“ (1. Mo 26,28). Und die treuen Israeliten bekamen die Verheißung „Niemand wird dein Land begehren, wenn du hinaufziehst, um vor dem Angesicht des Herrn, deines Gottes, zu erscheinen“ (2. Mo 34,24).

► Wenn wir einen feindseligen Nachbarn oder Arbeitskollegen haben, können wir vielleicht nur durch einen gerechten Lebenswandel erreichen, dass er uns in Frieden lässt. Auch Freundlichkeit kann „feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“ (Röm 12,20).

16,8 „Besser wenig mit Gerechtigkeit, als viel Einkommen mit Unrecht.“

Dieser „Besser-wenig-als-viel-Vers“ gleicht Sprüche 15,16. Dort wurde die Furcht des Herrn der Unruhe gegenübergestellt, hier die Gerechtigkeit dem Unrecht. Wer sein Leben in Gerechtigkeit führen will, muss zwar oft Nachteile in Kauf nehmen, ist aber dafür gottselig, d. h. in glücklicher Übereinstimmung mit Gott. David bestätigt: „Besser das Wenige des Gerechten als der Überfluss vieler Gottloser“ (Ps 37,16).

Auf zu Unrecht erworbenem Besitz ruht kein Segen. Man kann sich nicht an ihm erfreuen, weil man ständig ein schlechtes Gewissen hat. Statt mit seinem „Feind“ in Frieden zu leben (V. 7), gibt man ihm sogar Anlass zum Streit.

16,9 „Das Herz des Menschen erdenkt seinen Weg, aber der Herr lenkt seine Schritte.“

Mit diesem Vers wird der in Vers 1 eröffnete Gedanke abgeschlossen. Dort sahen wir, dass Gott unsere Zunge „lenkt“ (Worte), hier „lenkt“ Er unsere Schritte (Taten). Der Mensch mag sich allerlei Gutes oder Böses ausdenken, aber was und wie er es schließlich tut, wird von Gott überwacht und gelenkt (Spr 19,21). Er steuert jeden einzelnen „Schritt“. Dabei wendet Er, abhängig von unserem Verhalten, unterschiedliche Methoden an: Die sanfte, indem Er uns mit seinen „Augen“ lenkt, oder die strenge, indem Er „Zaum und Zügel“ benutzt (Ps 32,8.9). Mit den Augen kann Er uns nur leiten, wenn wir unseren Blick stets auf Ihn gerichtet halten, also im Gebet um seine Leitung bitten. Andernfalls muss Er uns durch (widrige) Umstände lenken.

► Jakobus mahnt: „Wohlan nun, ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt gehen … (die ihr nicht wisst, was der morgige Tag bringen wird); statt dass ihr sagt: Wenn der Herr will und wir leben, so werden wir auch dieses oder jenes tun“ (Jak 4,13–15).

16,10–15: Diese Verse beschreiben den gerechten König. Er ist ein Bild von Christus. Man tut gut daran, sich seiner Autorität zu unterwerfen.

16,10 „Ein Orakelspruch ist auf den Lippen des Königs: Sein Mund vergeht sich nicht am Recht.“

Hier erfüllt sich Vers 1: „Die Antwort der Zunge kommt von dem Herrn“. Gott kann die Zunge des Königs benutzen, um seine Gedanken durch Wahrsagung („Orakelspruch“) kundzutun. Die Folge ist, dass dieser ein gerechtes Urteil ausspricht.

■ Über Christus wird gesagt: „Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er wird den Nationen das Recht kundtun“ (Jes 42,1).

16,11 „Gerechte Waage und Waagschalen sind des Herrn; sein Werk sind alle Gewichtssteine des Beutels.“

Gerechtigkeit erweist sich darin, dass jeder Mensch das ihm zustehende bekommt – materiell und ideell. Dafür ist ein König verantwortlich. Er muss stets die göttliche Norm einhalten, den gerechten Maßstab, der hier durch „gerechte Waage“ und „Gewichtssteine“ symbolisiert wird (Spr 11,1; 20,23; 5. Mo 25,13; Mich 6,10.11).

■ Es geht hier um eine „Balkenwaage“. Der Balken ist in seiner Mitte an einem drehbaren Gelenk befestigt und trägt an beiden Enden je eine Waagschale. Auf die eine Waagschale wird nun ein geeichter Gewichtsstein gelegt und auf die andere Seite die zu wiegende Ware. Wenn sich beide Waagschalen auf gleicher Höhe einpendeln, stimmen die Gewichte überein.

Waage und Gewichtssteine „sind des Herrn“, mit anderen Worten: Ein gerechter Maßstab ist nur bei Gott zu finden. Ohne Gottes Wort und seinen Geist werden wir niemals zu einem gerechten Urteil gelangen. Bemerkenswert ist, dass Gott mehrere Gewichtssteine „im Beutel hat“. Daraus lernen wir, dass Er auch immer ein individuell gerechtes Urteil fällt.

■ 25-mal betont Gott im Gesetz, dass alles „nach dem Sekel des Heiligtums“ gewogen werden soll (z. B. 2. Mo 30,13). Gott bestimmt das Maß.

16,12 „Ein Gräuel der Könige ist es, gottlos zu handeln; denn durch Gerechtigkeit steht ein Thron fest.“ (Spr 25,5)

Der König ist in Übereinstimmung mit Gott. Da er weiß, dass das Tun der Gottlosen für Gott ein „Gräuel“ ist (Spr 15,8.9), ist es auch ihm ein Gräuel. Er wird niemals „gottlos handeln“.

Die Festigkeit seines Thrones beruht nicht auf Macht oder Waffen, sondern auf „Gerechtigkeit“ (vgl. Spr 29,14). Auch heute hat eine Regierung Bestand, wenn sie gerechte Gesetze verabschiedet und für deren Einhaltung sorgt – wobei gerecht ja nur das ist, was mit Gottes Wort übereinstimmt!

16,13 „Das Wohlgefallen der Könige sind gerechte Lippen; und wer Aufrichtiges redet, den liebt er.“

So wie der König einerseits gottloses Handeln hasst (V. 12), liebt er andererseits „gerechte“ und „aufrichtige“ Worte. Solche Worte unterstützen ihn in seinen Regierungsgeschäften, egal ob es sich um Ratgeber, Knechte oder Zeugen bei einer Urteilsfindung handelt.

■ Ein ungerechter König wird jedoch kein Gefallen an gerechten Lippen haben, weil sie ihn selbst in das Licht Gottes stellen. Das sehen wir deutlich bei Ahab, der über den Propheten Micha sagte: „Ich hasse ihn, denn er weissagt nichts Gutes über mich, sondern nur Böses“ (1. Kön 22,8).

► Liebst du es, wenn jemand gerecht und aufrichtig redet, auch wenn du dadurch vielleicht in das Licht Gottes gestellt wirst?

16,14 „Der Grimm des Königs gleicht Todesboten, aber ein weiser Mann versöhnt ihn.“

Hier haben wir ein Beispiel für die guten Auswirkungen von weisen und gerechten Lippen (V. 13). Der „Grimm des Königs“ wird berechtigt sein, doch es besteht die Gefahr, dass er jedes Maß überschreitet („wie Todesboten“). Daran kann ihn ein „weiser Mann“ hindern. Beispielhaft ist hier Daniel, der „mit Verstand und Einsicht“ den König Nebukadnezar daran hinderte, in seinem Grimm alle Weisen von Babel umzubringen (Dan 2,12–14).

► Vielleicht kann es auch einmal deine Aufgabe sein, den Zorn eines Lehrers oder Vorgesetzten durch vermittelnde Worte zu beschwichtigen.

Wir dürfen hier in dem König auch den Herrn Jesus sehen. Beim Antritt seiner zukünftigen Herrschaft kann sein Zorn nur durch weise Unterwerfung beschwichtigt werden: „Küsst den Sohn, damit er nicht zürnt und ihr umkommt auf dem Weg, wenn nur ein wenig entbrennt sein Zorn. Glückselig alle, die zu ihm Zuflucht nehmen!“ (Ps 2,12).

16,15 „Im Licht des Angesichts des Königs ist Leben, und sein Wohlgefallen ist wie eine Wolke des Spätregens.“

Auch hier sehen wir wieder den Herrn Jesus in seinem zukünftigen Reich. Jeder Segen wird von Ihm ausgehen. Johannes prophezeit in Bezug auf die himmlische Seite des Reiches: „Und sie werden sein Angesicht sehen. … Und Nacht wird nicht mehr sein und kein Bedürfnis nach einer Lampe und dem Licht der Sonne; denn der Herr, Gott, wird über ihnen leuchten“ (Off 22,4.5). Diese Herrlichkeit des Christus haben auch die drei Jünger schon auf dem Berg der Verklärung sehen können: „Und er wurde vor ihnen verwandelt; und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne“ (Mt 17,2). Und in Psalm 72,6 heißt es: „Er wird herabkommen wie ein Regen auf die gemähte Flur, wie Regenschauer, Regengüsse auf das Land.“ Regen ist in der Bibel im Allgemeinen ein Bild von Segen, ebenso wie der „Tau auf das Gras“, mit dem das Wohlgefallen des Königs ebenfalls verglichen wird (Spr 19,12).

► Wie glücklich und gesegnet verläuft unser Leben, wenn Gott mit Wohlgefallen auf uns blicken kann. Kann Er das immer?

16,16–24: Hier wird uns vorbildhaft das Herz des Weisen vorgestellt, der aufrichtig, demütig und einsichtig seinen Weg mit Gott geht.

16,16 „Weisheit erwerben, wie viel besser ist es als feines Gold, und Verstand erwerben, wie viel vorzüglicher als Silber!“ (Spr 3,14)

Einleitend zu dieser Versreihe wird die Weisheit zum wiederholten Mal dem vergänglichen Gold und Silber gegenübergestellt. Gott kennt unser Herz und weiß, wie leicht es immer wieder mit irdischen Dingen beschäftigt ist. Wann verstehen wir es endlich, dass Vergängliches niemals das Unvergängliche in uns, nämlich Geist und Seele, befriedigen kann?

Bezeichnenderweise heißt es nicht „Weisheit besitzen“ (wie in Hiob 28,18), sondern „erwerben“. Also schon während des Erwerbens stellt man fest, wie vorzüglich Weisheit und Verstand sind. Wir erwerben sie bei der Beschäftigung mit dem, der die Weisheit ist.

► Beim Lesen der Bibel wird das Herz erfrischt und belehrt. „Deine Zeugnisse sind auch meine Wonne, meine Ratgeber“ (Ps 119,24).

16,17 „Die Bahn der Aufrichtigen ist: vom Bösen weichen; wer seinen Weg bewahrt, behütet seine Seele.“

Der Aufrichtige und Rechtschaffene wird jedem bösen Einfluss aus dem Weg gehen. Das geht weiter als „nur“ nichts Böses tun. In einer bösen Welt ist das nicht so einfach, zumal wir auch noch das Fleisch, die alte Natur, in uns haben. Deswegen ist es gut, diese „Bahn“ zu kennen, die da heißt: „Vom Bösen weichen“. Links und rechts ist das Böse. Daher müssen wir unseren Weg gut im Auge behalten, „bewahren“. Dann „behüten“ wir unsere Seele vor Schmerz und Schaden (vgl. Spr 13,3).

16,18 „Stolz geht dem Sturz, und Hochmut dem Fall voraus.“

Dieser Vers beleuchtet das Gegenteil des zweiten Teils von Vers 17 und ist gleichzeitig die Begründung für Vers 19. So ist er der einzige Vers in diesem Abschnitt, der nicht das Herz des Weisen beschreibt.

In Sprüche 15,33 lernten wir die Reihenfolge: erst Demut, dann Ehre. Hier hören wir: erst Hochmut, dann Fallen. Der Stolze und Hochmütige will sich über alles erheben. Doch er ahnt nicht, dass er hinabstürzen und fallen wird. Die Weisheit hasst diese beiden Eigenschaften.23

■ Hochmut ist eine der schlimmsten Sünden. Der „gesalbte Cherub“ (Satan) war „das Bild der Vollendung“. Aber dann erhob sich sein Herz (Hes 28,12–17), und Gott stürzte ihn hinab: „Wie bist du vom Himmel gefallen, du Glanzstern, Sohn der Morgenröte!“ (Jes 14,12).

Auch das Beispiel Davids ist eine Warnung für uns. Stolz wollte er sich an seiner Macht und Größe weiden, indem er das Volk zählen ließ. Zur Strafe verlor er 70.000 seiner Soldaten durch die Pest (1. Chr 21).

Noch deutlicher wird dieser Vers durch Nebukadnezar illustriert. Übermäßig stolz auf seinen Palast schrieb er dessen Pracht hochmütig seiner eigenen Genialität zu. „Da kam eine Stimme vom Himmel herab: … Das Königtum ist von dir gewichen! Und man wird dich von den Menschen ausstoßen, und bei den Tieren des Feldes wird deine Wohnung sein“ (Dan 4,25–30). Wohl kaum ein Mensch ist je so tief gefallen wie er!

► Es kann sein, dass wir hochmütig glauben, vor bestimmten Sünden gefeit zu sein: „Das kann mir nicht passieren!“ Daher mahnt Paulus: „Wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle“ (1. Kor 10,12).

16,19 „Besser niedrigen Geistes sein mit den Demütigen, als Raub teilen mit den Stolzen.“

Weil der Hochmütige zu Fall kommen wird (V. 18), ist es „besser, niedrigen Geistes zu sein“ und sich bei den Demütigen aufzuhalten – am besten bei dem Herrn Jesus. Bei Ihm können wir wahre Demut lernen: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29). Betrachten wir Ihn, wie Er auf seinem schweren Weg nach Golgatha alles in Sanftmut und Demut getragen hat! Er hat sich ganz dem Willen seines Vaters „unterjochen“ lassen.

Der zweite Teil erinnert an Sprüche 1,10–14, wo davor gewarnt wird, bei den Sündern „mitzumachen“. Hier wird deutlich, dass sich Stolz oft auf das bezieht, was man sich unrechtmäßig angeeignet hat („Raub“). Manche sind tatsächlich stolz darauf, andere „übers Ohr gehauen“ zu haben! Wer sich zu ihnen gesellt, kann leicht mit ihnen umkommen: „mitgefangen – mitgehangen“.

16,20 „Wer auf das Wort achtet, wird Gutes finden; und wer auf den Herrn vertraut, ist glückselig.“

Es ist klar: Wir müssen die Bibel nicht nur hören und lesen, sondern auch „auf das Wort achten“. Nehmen wir uns Josua 1,8 zu Herzen: „Dieses Buch des Gesetzes soll nicht von deinem Mund weichen, und du sollst darüber nachsinnen Tag und Nacht, damit du darauf achtest, zu tun nach allem, was darin geschrieben ist; denn dann wirst du auf deinem Weg Erfolg haben“, also „Gutes finden“.

Wenn wir darüber hinaus „auf den Herrn vertrauen“, werden wir auf unserem Weg nicht nur Gutes finden, sondern sogar „glückselig“ sein. Zusammengefasst haben wir hier das Geheimnis eines gottseligen Lebens: Gehorsam und Gottvertrauen.

► Müssen wir nicht zugeben, dass wir oft statt auf den Herrn eher auf unseren Verstand, unseren Reichtum oder auf unser Herz vertrauen (Spr 3,5; 11,28; 28,26)?

16,21 „Wer weisen Herzens ist, wird verständig genannt; und Süßigkeit der Lippen mehrt die Lehre.“

Der Weise ist gleichzeitig „verständig“, er kann also alles richtig beurteilen und zwischen Gut und Böse unterscheiden (1. Kön 3,9). Das ist eine Fähigkeit, die wir täglich benötigen.

Mit „Süßigkeit der Lippen“ sind offensichtlich nicht verführerische Worte gemeint (wie in Spr 5,3; Röm 16,18). Auch verlangt Salomo hier keine geschliffene Sprache; Paulus redete bewusst nicht in „Redeweisheit“ (1. Kor 1,17). Es soll vielmehr heißen, dass jemand mit freundlicher Überzeugungskraft redet. Das sollte jeder bedenken, der in der Belehrung von Gläubigen oder in der Verkündigung des Evangeliums tätig ist. Ansprechende Worte unter Berücksichtigung der Aufnahmefähigkeit der Hörer steigern den Erfolg der Lehre (1. Kor 9,22).

16,22 „Einsicht ist für ihre Besitzer eine Quelle des Lebens, aber die Züchtigung der Narren ist die Narrheit.“

Zum vierten Mal hören wir hier von einer „Quelle des Lebens“ (Spr 10,11). Wer Einsicht besitzt, sieht Gott in allen Umständen. Das ist für ihn eine Quelle von Kraft und Freude und gibt ihm Rückhalt und Lebensmut.

Den Narren fehlt jede Einsicht. Sie haben keine Quelle des Lebens. Sie haben nur ihre Narrheit, und das ist eine Strafe („Züchtigung“) für sie.

16,23 „Das Herz des Weisen gibt seinem Mund Einsicht und mehrt auf seinen Lippen die Lehre.“

Hier lernen wir zweierlei: Erstens kommt die Einsicht aus dem Herzen des Weisen, nicht aus dem Kopf. Zweitens wirkt sich diese Einsicht nicht nur für ihn selbst positiv aus (V. 22), sondern (durch seine Worte) auch auf seine Umgebung (Spr 15,7). Seine Zuhörer können feststellen, dass immer „mehr“ Lehre auf seinen Lippen gefunden wird.

16,24 „Huldvolle Worte sind eine Honigwabe, Süßes für die Seele und Gesundheit für das Gebein.“

Dieser Vers vertieft das, was wir in Vers 21 sahen. Ansprechende und überzeugende Worte lassen uns nicht nur die Lehre besser aufnehmen, sondern erfreuen und ermuntern uns auch. Sie sind für das Innere („Seele“) süß und verleihen dem ganzen Körper („Gebein“) Energie. Die belebende Wirkung von Honig erfuhr auch Jonathan. Er nahm von dem Honig, der sich ihm bot, „und seine Augen wurden hell“ (1. Sam 14,27).

■ Wenn ein Mensch in Sündennot ist, dürfen wir ihm mit „huldvollen“, freundlichen Worten das Heil vorstellen, das Gott in Christus bereitet hat.

16,25–30: Als Gegenstück zum vorigen Abschnitt wird hier das Herz des Bösen beschrieben. Es denkt sich seinen eigenen Weg aus, ist selbstsüchtig und lebt nur zum Schaden anderer.

16,25 „Da ist ein Weg, der einem Menschen gerade erscheint, aber sein Ende sind Wege des Todes.“ (= Spr 14,12)

Warum kommt dieser Vers zweimal in der Bibel vor? Einerseits sicher, weil er eine immens wichtige Aussage enthält. Andererseits steht er jeweils in einem anderen Zusammenhang (was nebenbei zeigt, dass die „Sprüche Salomos“ eben nicht einfach wahllos aneinandergereiht sind). In Kapitel 14 stand er am Anfang einer Spruchreihe, bei der es um die Ergebnisse verschiedenartiger Lebenswege ging. Wenn wir unseren Weg nach unserem eigenen Ermessen wählen, gehen wir irre.

Hier leitet diese Aussage eine Spruchreihe ein, in der das Herz böser Menschen beleuchtet wird. Da soll uns zu Beginn gezeigt werden, dass diese Menschen auf den ersten Blick nicht immer als solche zu erkennen sind. Dadurch sind sie besonders gefährlich für uns. Sie gehen ihren Weg möglicherweise in guter Absicht. Und auch uns kann ihr Weg „gerade erscheinen“. Doch weil sie unabhängig von Gott handeln, ist ihr Weg böse. Und zu seiner Zeit wird sich der Konflikt zwischen den Wegen Gottes und ihren eigenen Wegen auswirken.

16,26 „Der Hunger des Arbeiters arbeitet für ihn, denn sein Mund spornt ihn an.“

Hier bestätigt sich das eben Gesagte. Das Motiv dieses Arbeiters ist nicht die Furcht Gottes. Es geschieht auch nicht aus Weisheit. Er hat auch nicht vor, andere am Segen seiner Arbeit teilhaben zu lassen. Nein, es sind nur sein eigener „Hunger“ und sein „Mund“, die ihn antreiben. So sind die Wege der Gottlosen: Es sieht nach Fleiß aus, nach einem „geraden“ Weg. Doch dieser Weg führt sie zum Tod, weil er nur von Egoismus diktiert wird.

► Überprüfe deine Motive, die dich zur Arbeit antreiben!

16,27 „Ein Belialsmann gräbt nach Bösem, und auf seinen Lippen ist es wie brennendes Feuer.“

Ein Belialsmensch (Spr 6,12–15) ist ein Handlanger Satans. Er bemüht sich intensiv („gräbt“), immer wieder Neues zu erdenken, was anderen schaden könnte. Wie viel Böses ist z. B. durch die Evolutionstheorie, die Gender-Ideologie, aber auch durch das Internet und die modernen Medien entstanden.

Die Worte des Belialsmenschen („Lippen“) sind feindselig, verleumderisch, Streit provozierend und vernichtend. Jakobus sagt: „Siehe, ein kleines Feuer, welch einen großen Wald zündet es an! Und die Zunge ist ein Feuer, die Welt der Ungerechtigkeit.“ Sie wird „von der Hölle angezündet“ (Jak 3,5.6).

Ein Beispiel für einen solchen Menschen ist Doeg, der Edomiter, der den Priester Ahimelech bei Saul verriet und verleumdete (1. Sam 22,9.10). David beschreibt seine Bosheit in Psalm 52 mit eindrücklichen Worten, z. B.: „Verderben plant deine Zunge, wie ein geschliffenes Schermesser übt sie Trug“ (Ps 52,4).

16,28 „Ein verkehrter Mann streut Zwietracht aus, und ein Ohrenbläser entzweit Vertraute.“

Hier wird die Beschreibung des Belialsmannes fortgesetzt, denn er ist nach Sprüche 6,14 ebenfalls einer, der „verkehrt“ ist und „Zwietracht ausstreut“. Letzteres ist Gott ein Gräuel (Spr 6,19). Leider gibt es auch unter Kindern Gottes solche, die Zwietracht ausstreuen. Ihre Motive sind vielfältig: Selbstdarstellung, Hochmut, Gesetzlichkeit, Missgunst, Parteilichkeit, Sektenbildung usw. Dagegen sollten wir Friedensstifter sein!

Das „Ausstreuen“ der Zwietracht kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Eine „beliebte“ Methode ist die „Ohrenbläserei“, d. h., verleumderische oder unrechtmäßig erworbene Informationen unter dem Siegel der Verschwiegenheit weiterzugeben. Dadurch entsteht eine Atmosphäre des Misstrauens, wodurch Freunde („Vertraute“) entzweit werden (Spr 26,20). Wir müssen uns sehr in Acht nehmen, nicht in so etwas hineingezogen zu werden: „Ich ermahne euch aber, Brüder, auf die zu achten, die Zwiespalt und Ärgernis anrichten“ (Röm 16,17).

16,29 „Ein Mann der Gewalttat verlockt seinen Nächsten und führt ihn auf einen Weg, der nicht gut ist.“

Gewalttat zeigt sich nicht immer offen. Gewalttätige Menschen verstehen es geschickt zu verschweigen, was sie eigentlich vorhaben. Durch harmlos erscheinende Ideen, die sie aber mit „Gewalt“ durchsetzen wollen, locken sie uns auf einen Weg, „der nicht gut ist“. Wenn wir dies feststellen, ist es für eine Umkehr oft schon zu spät. Deswegen noch einmal die Ermahnung aus Sprüche 3,31: „Beneide nicht den Mann der Gewalttat, und erwähle keinen von seinen Wegen.“

16,30 „Wer seine Augen zudrückt, um Verkehrtes zu ersinnen, seine Lippen zusammenkneift, hat das Böse beschlossen.“

Wir bewundern, wie treffend Gottes Wort sogar die Mimik eines Menschen charakterisiert. Hier haben wir eine Hilfe, wie wir bei einer Person erkennen können, dass sie Böses im Sinn hat: Zugekniffene Augen, zusammengepresster Mund. Wenn jemand uns nicht klar in die Augen blicken kann und nicht offen mit uns spricht, ist das kein gutes Zeichen und mahnt uns zur Vorsicht.

16,31–33: Das Kapitel endet mit einer Beschreibung des erfahrenen Weisen und der abschließenden Bestätigung, dass Gott alles lenkt.

16,31 „Das graue Haar ist eine prächtige Krone: Auf dem Weg der Gerechtigkeit wird sie gefunden.“

Das graue Haar ist ein Symbol für ein in Würde erreichtes hohes Alter.24 Diese Person hat schon in jungen Jahren den „Weg der Gerechtigkeit“ beschritten und dadurch ein langes Leben erlangt, wie es ja dem Gerechten in diesem Buch mehrfach verheißen wird (z. B. Spr 3,2; 4,10; 9,11). Sie war gottesfürchtig, hat sich Weisheit erworben, Erfahrungen gesammelt, und wird daher nun geachtet und geehrt („prächtige Krone“). Gerne befolgt man ihr gegenüber die Aufforderung: „Vor grauem Haar sollst du aufstehen und die Person eines Greises ehren“ (3. Mo 19,32).

Natürlich ist nicht jeder alt gewordene Mensch auch weise. Das ist beschämend für so jemand. In 1. Könige 13 lesen wir beispielsweise von einem alten Propheten, der einen anderen Mann Gottes vom rechten Weg abbrachte, indem er ihn belog. Trotzdem sollte der eben zitierte Vers von Jüngeren beachtet werden, denn: „Einen älteren Mann fahre nicht hart an, sondern ermahne ihn als einen Vater“ (1. Tim 5,1).

16,32 „Besser ein Langmütiger als ein Held, und wer seinen Geist beherrscht, als wer eine Stadt erobert.“

Wer in seinem (langen) Leben Erfahrungen mit sich selbst gesammelt hat, ist eher mit anderen langmütig als ein junger Mensch. Langmut ist ein Teil der Frucht des Geistes und erfordert Verstand und Selbstbeherrschung (Spr 14,29; Gal 5,22). Das ist mehr wert als große Heldentaten und „Eroberungszüge“. Durch derartige „Muskelspiele“ wird nämlich kein Herz gewonnen. Aber der Langmütige lässt dem anderen Zeit – zur Besinnung und auch zu einer eventuell notwendigen Umkehr. Er offenbart darin die Gesinnung Gottes, der „langsam zum Zorn“ ist.25

16,33 „Das Los wird im Gewandbausch geworfen, aber all seine Entscheidung kommt von dem Herrn.“

Bevor der Heilige Geist auf die Erde kam, offenbarte Gott seinen Willen oft durch das Los, zuletzt bei der Wahl des Apostels Matthias (Apg 1,26). Der Mensch wirft zwar das Los, aber er hat keinen Einfluss auf das Ergebnis. Es tritt scheinbar zufällig ein. Doch dieser Vers belehrt uns, dass es Gott ist, der die Entscheidung bewirkt. Damit wird noch einmal die Aussage des ersten Verses dieses Kapitels aufgegriffen und vertieft.

In der heutigen Zeit werfen wir keine Lose mehr, weil Gott, der Heilige Geist, unser Führer in allen Lebenslagen sein will. Unsere Verantwortung besteht darin, Ihn nicht auszulöschen oder zu betrüben, sondern Ihn frei wirken zu lassen. Dann erfahren wir den Willen Gottes und treffen Entscheidungen, zu denen Er seinen Segen geben kann.

Kapitel 17

Eine Überschrift zu diesem Kapitel könnte lauten: „Streit kontra Frieden“. Wir werden sehen, wie Streit entsteht, wie er geahndet wird und wie sich dagegen ein friedvoller Mensch verhält. Einige Verse behandeln dabei die Beziehungen innerhalb einer Familie (V. 1.2.6.21.25). Aber auch allgemeine Verhaltensregeln finden sich in diesem Kapitel, vor allem wieder über Reden und Schweigen.

Hier der Versuch einer Gliederung:

Spr 17,1–10: Der Einfluss unserer Worte auf Streit und Frieden
Spr 17,11–14: Die Folgen von Streit und Empörung
Spr 17,15–18: Freundschaft mit oder ohne Einsicht
Spr 17,19–26: Weitere Ursachen für Entzweiung und Unglück
Spr 17,27–28: Der Vorteil des Schweigens

17,1–10: In diesen Versen wird hauptsächlich hervorgehoben, dass Streit meistens durch böse Worte angezettelt wird. Auf der anderen Seite können wir aber auch durch einsichtige Worte, hier vor allem durch gute Unterweisung, zum Frieden beitragen.

17,1 „Besser ein trockener Bissen und Frieden dabei, als ein Haus voll Opferfleisch mit Zank.“

Äußerer Mangel mit innerer Ruhe ist besser als äußeres Wohlergehen mit Zank und Streit. Einen ähnlichen Gedanken fanden wir in Sprüche 15,17. Dort wurde Liebe dem Hass gegenübergestellt, hier sind es deren Früchte: Wo Liebe ist, da ist auch „Frieden“, und wo Hass ist, entsteht „Zank“. Wir sollten also nicht so sehr auf günstige äußere Umstände Wert legen, als vielmehr darauf, dass Liebe und Eintracht in unseren Häusern herrschen. Es ist sogar oft so, dass Not zusammenschweißt. Man lebt bewusster in Abhängigkeit von Gott und ist „um nichts besorgt“, sondern genießt seinen „Frieden, der allen Verstand übersteigt“ (Phil 4,6.7).

Bemerkenswert ist, dass selbst bei „Opferschlachtungen“ (FußEÜ) Streit aufkommen kann. Da, wo man eigentlich die Gemeinschaft mit Gott und untereinander ausdrückt, wird miteinander gestritten. Was für ein Widerspruch! Ein Beispiel dafür haben wir bei Elkana und seinen beiden Frauen Peninna und Hanna. Gerade am Tag der Opferung wurde Hanna von Peninna besonders gekränkt (1. Sam 1,4–6). Auch in Korinth wurden ausgerechnet beim Mahl des Herrn die „beschämt“, die nichts hatten (1. Kor 11,20–22).

► Können wir nach einem Tischgebet, bei dem wir die Speisen dankbar aus Gottes Hand angenommen haben, über das Essen „meckern“?

17,2 „Ein einsichtiger Knecht wird über den schändlichen Sohn herrschen und inmitten der Brüder die Erbschaft teilen.“

Gute Einsicht kann einen Knecht so weit bringen, dass er die Rechte eines Sohnes erhält und in der betreffenden Familie sogar eine „herrschende“ Stellung einnimmt. Diese Stellung hat er sich verdient, wogegen der „schändliche Sohn“, der sie durch Geburt erlangt hat, sich ihrer unwürdig erwies. Das sehen wir auch bei dem ungehorsamen Volk Israel, das seine Stellung des Segens an die Christen aus den Nationen abgeben musste (Röm 11).

Der Begriff „Brüder“ spricht von Harmonie, die der nichtsnutzige Sohn gestört hat und die vom einsichtigen Knecht wiederhergestellt wird.

■ Von dem Herrn Jesus lesen wir prophetisch: „Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln; er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein“ (Jes 52,13).

17,3 „Der Schmelztiegel für das Silber und der Ofen für das Gold, aber Prüfer der Herzen ist der Herr.“ (Spr 27,21)

Silber und Gold werden im Schmelztiegel auf ihre Echtheit geprüft und gereinigt. Dasselbe tut Gott mit unseren Beweggründen. Er prüft beispielsweise, ob wir Streit oder ob wir Frieden planen. Er macht uns klar, was seine Gedanken sind, und wir sollten bereit sein, uns dementsprechend zu prüfen. Paulus mahnt: „So prüft euch selbst, ob ihr im Glauben seid, untersucht euch selbst“ (2. Kor 13,5; vgl. 1. Kor 11,28; Gal 6,4).

Sollte das Ergebnis der Herzensprüfung negativ ausfallen, muss gehandelt werden. Dann ruft Gott uns zu: „So beschneidet denn die Vorhaut eures Herzens!“ (5. Mo 10,16). Sonst wird es uns wie dem Volk Israel ergehen: „Siehe, ich habe dich geläutert, doch nicht wie Silber; ich habe dich geprüft im Schmelzofen des Elends“ (Jes 48,10).

17,4 „Ein Übeltäter horcht auf die Lippe des Unheils, ein Lügner gibt Gehör der Zunge des Verderbens.“

Gleich und Gleich gesellt sich gern. Ein Übeltäter lässt sich durch seinesgleichen inspirieren, ebenso der Lügner. In vielen Sprüchen werden wir davor gewarnt, nicht auf „unheilvolle“ und „verderbende“ Worte zu hören. Hier sehen wir, dass man dadurch selbst zu einem Übeltäter oder Lügner werden kann. Begierig hört man sich jedes Schlechte an – oft über andere Menschen –, um es dann für seine eigenen Bosheiten und Lügen verwenden zu können. Vorhandener Streit wird dadurch weiter geschürt. Daher ermahnt Johannes: „Geliebter, ahme nicht das Böse nach, sondern das Gute“ (3. Joh 11).

17,5 „Wer den Armen verspottet, verhöhnt den, der ihn gemacht hat; wer über Unglück sich freut, wird nicht für schuldlos gehalten werden.“

Spott ist ein weiteres Gift. Er erzeugt bei dem Verspotteten Bitterkeit und Minderwertigkeitsgefühle. Sind wir uns immer bewusst, dass wir alle aus der Hand Gottes hervorgegangen sind? Wenn wir einen Menschen verspotten, sagen wir gleichsam, Gott habe da etwas Minderwertiges erschaffen. Wir „verhöhnen“ Gott (vgl. Spr 14,31).

Elihu sagte zu Hiob: „Siehe, ich bin Gottes wie du; vom Ton abgekniffen bin auch ich“ (Hiob 33,6). Er stellte sich nicht über Hiob, machte ihm aber doch deutlich, dass auch er (Hiob) nur ein fehlbarer Mensch ist.

Einen „Armen“ zu verspotten ist letztlich Schadenfreude. Der zweite Versteil zeigt, dass dies Sünde ist (Spr 24,17). Hiob konnte von sich sagen, dass er sich nicht „freute über das Unglück meines Hassers und [nicht] aufjauchzte, als Böses ihn traf“ (Hiob 31,29).

► Oft meinen wir ja, der andere habe das Unglück verdient. Aber selbst dann sollten wir „mitleidig, voll brüderlicher Liebe, barmherzig“ sein (1. Pet 3,8). Hat nicht auch Gott sich über unser „Unglück“ erbarmt?

17,6 „Kindeskinder sind die Krone der Alten, und der Schmuck der Kinder sind ihre Väter.“

So sollte es in einer gläubigen (Groß-)Familie sein: Die Großeltern können „stolz“ auf ihre Enkelkinder sein und die Kinder „stolz“ auf ihre Eltern (und möglichst auch umgekehrt). Dann hat sich offensichtlich jeder durch die Furcht des Herrn leiten lassen (Ps 103,17; 128,3.4). Die Eltern haben ihre Kinder „in der Zucht und Ermahnung des Herrn“ erzogen (Eph 6,4), und andererseits haben die Kinder die Unterweisung ihrer Eltern angenommen. Eine solche Familie findet (Be-)Achtung.

Über seine geistlichen Kinder sagt Paulus: „Ihr seid unsere Herrlichkeit und Freude“ (1. Thes 2,20). Beide, Paulus und die Thessalonicher, sind für uns ein großes Vorbild. Denn Paulus hat sie gut belehrt und sie haben gut gelernt.

17,7 „Vortreffliche Rede schickt sich nicht für einen gemeinen Menschen; wie viel weniger Lügenrede für einen Edlen!“

Unsere Worte müssen zu unserer Stellung passen. Als gläubige Christen tragen wir hierin eine große Verantwortung. „Kein faules Wort gehe aus eurem Mund hervor“ (Eph 4,29), geschweige denn „Lügenrede“! Wir würden Schmach auf den Namen des Herrn Jesus bringen, wenn man uns der Unwahrheit bezichtigen müsste. Wenn man sich nicht mehr auf unsere Worte verlassen kann, trägt dies zu Misstrauen und Unfrieden bei.

Auf der anderen Seite sollten wir skeptisch sein, wenn ein „gemeiner Mensch“ – also ein Mensch in seiner alten Natur – überaus fromm redet. Denn das Normale ist: „Ein gemeiner Mensch redet Gemeinheit; und sein Herz sinnt auf Frevel“ (Jes 32,6).

17,8 „Das Geschenk ist ein Edelstein in den Augen des Empfängers; wohin er sich wendet, gelingt es ihm.“

Es geht hier um ein Bestechungsgeschenk (FußEÜ), wovor Gott eindringlich warnt (Spr 17,23). Doch wird hier eigenartigerweise keine der beiden beteiligten Personen verurteilt. Salomo beschreibt lediglich die Wirkung der Bestechung. Und was für eine Wirkung! Der Empfänger reibt sich die Hände. Er hat nun das Geschenk und den Schenkenden in der Hand. Denn ob und wann er die mit dem Geschenk verbundene Zusage erfüllt, bleibt ihm überlassen. So kann er immer mehr fordern. Es ist tatsächlich wie ein „Edelstein“!

► Lass dich nie verleiten, jemand auf irgendeine Weise zu bestechen! Abgesehen davon, dass es böse ist, hast du auch keine Garantie, dass der andere sein Versprechen einhält.

17,9 „Wer Liebe sucht, deckt die Übertretung zu; wer aber eine Sache immer wieder anregt, entzweit Vertraute.“

Wer Liebe sucht, muss nicht bestochen werden (V. 8), um eine Übertretung zuzudecken. „Die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden“ (1. Pet 4,8; vgl. Spr 10,12). Wenn jemand seine Sünde verurteilt und bekennt, sollte sie vergeben und bedeckt werden. Auch Gott „deckt“ sie dann zu. Die Liebe verbreitet das Böse nicht. So kann ein Streit dauerhaft beigelegt werden.

Wenn wir dagegen immer wieder auf eine alte Sache zurückkommen, die längst bereinigt wurde, sorgen wir für Streit und „entzweien Vertraute“. „Du sollst … den Kindern deines Volkes nichts nachtragen, sondern sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mo 19,18). Gott ist unser großes Vorbild: „Ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken“ (Heb 10,17).

► Der Ruf unseres Bruders, seine Nützlichkeit im Dienst und sein Glück liegen sozusagen in unserer Hand. Ein Wort kann dies alles verderben!

17,10 „Ein Verweis dringt bei einem Verständigen tiefer ein als hundert Schläge bei einem Toren.“

Es braucht Weisheit, die passende Methode für eine Zurechtweisung zu finden. Beim Toren hilft ein Verweis wenig, er braucht „Schläge“ (Spr 15,5; 19,29), d. h., er muss durch schmerzliche Ereignisse zur Einsicht gebracht werden. Aber selbst „hundert Schläge“ bringen bei ihm nicht die Wirkung hervor wie ein einziger Verweis bei einem Verständigen. Diesen kann Gott sogar bereits mit seinen „Augen“ leiten (Ps 32,8). So tat es der Herr bei Petrus: Ein Blick genügte, und Petrus kam zur Besinnung (Lk 22,61).

Lassen wir uns zu einem solchen Dienst ermuntern! „Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit abirrt, und es führt ihn jemand zurück, so wisse er, dass der, der einen Sünder von der Verirrung seines Weges zurückführt, eine Seele vom Tod erretten und eine Menge von Sünden bedecken wird“ (Jak 5,19.20).

► Genügt bei uns „ein Verweis“, oder benötigen wir „hundert Schläge“, um zur Einsicht zu kommen?

17,11–14: Diese Verse zeigen etwas von den Folgen von Streit und Empörung.

17,11 „Der Böse sucht nur Empörung, aber ein grausamer Bote wird gegen ihn gesandt werden.“

Empörung ist Widerstand gegen Autoritäten. Leider hat diese Sünde auch unter gläubigen Christen Einzug gehalten. Daher schreibt Paulus: „Wir bitten euch aber, Brüder, dass ihr die erkennt, die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen, und dass ihr sie über die Maßen in Liebe achtet, um ihres Werkes willen. Seid in Frieden untereinander“ (1. Thes 5,12.13; vgl. Heb 13,17).

Wenn wir uns gegen Autoritäten auflehnen, muss Gott uns Gericht ankündigen („grausamer Bote“). Die Bibel ist voll von solchen Warnungen, und wir sollten sie ernst nehmen (z. B. Röm 13,2; Kol 3,22.25).

17,12 „Eine Bärin, die der Jungen beraubt ist, begegne einem Mann, aber nicht ein Tor in seiner Narrheit!“

Wenn ein Tor gereizt ist, ist er gefährlicher als eine Bärenmutter. Ihr kann man vielleicht mit Klugheit entkommen. Aber wenn wir es mit der Unbelehrbarkeit eines törichten Menschen zu tun haben, ist alles verloren. Argumente erreichen ihn nicht, im Gegenteil: Er wird immer boshafter und angriffslustiger. Wir sollten ihm rechtzeitig aus dem Weg gehen.

17,13 „Wer Böses für Gutes vergilt, von dessen Haus wird das Böse nicht weichen.“

Bloßer Undank für eine erwiesene Wohltat ist schon schlimm. Aber eine Wohltat mit Bösem vergelten ist pure Bosheit. So jemand erfährt ein dauerhaftes Gericht. „Das Böse“ kommt sozusagen auf ihn zurück, und es wird nicht mehr von ihm weichen!

Man könnte noch verstehen, wenn jemand Böses für Böses vergelten würde (s. jedoch Spr 20,22). Aber selbst das sollen wir niemals tun; wir werden in den neutestamentlichen Briefen sogar dreimal davor gewarnt (Röm 12,17; 1. Thes 5,15; 1. Pet 3,9). Stattdessen fordert der Herr Jesus uns auf: „Tut wohl denen, die euch hassen“ (Lk 6,27).

■ Der Herr Jesus musste klagen: „Böses für Gutes vergeltend, feinden sie mich an, weil ich dem Guten nachjage“ (Ps 38,21). Er, der nur Gutes tat, hat das sicher sehr schmerzlich empfunden.

17,14 „Der Anfang eines Zankes ist wie die Entfesselung von Wasser; so lass den Streit, ehe er heftig wird.“

Schon beim kleinsten Anlass kann ein Streit entstehen, der völlig aus dem Ruder gerät – so wie sich die Wassermassen bei einem Dammbruch („Entfesselung“) plötzlich ins Tal ergießen und nicht aufgehalten werden können. Schon bei Kindern lässt sich das gut beobachten, doch bei Erwachsenen führt es zu weit größeren Schäden, die oft nie mehr geheilt werden.

Der zweite Versteil sagt übrigens nicht, dass wir beim Streiten aufpassen sollen, dass es nicht „zu heftig“ wird. Nein, sondern wir sollen erst gar nicht anfangen zu streiten. „Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden“ (Röm 12,18). Wir sollen dem Frieden sogar nachjagen (1. Pet 3,11). Er „entwischt“ uns offenbar sehr leicht.

17,15–18: Hier weist Salomo darauf hin, dass gute Freundschaften mit Einsicht ausgelebt werden müssen. Sonst sind sie eher zum Schaden.

17,15 „Wer den Gottlosen rechtfertigt und wer den Gerechten verurteilt, sie alle beide sind dem Herrn ein Gräuel.“

Ein derart ungerechtes Verhalten ergibt sich leicht, wenn wir für jemand, den wir mögen, Partei ergreifen. Vielleicht handelt es sich um eine nette, liebenswürdige Person. Aber ist sie auch gerecht? Wie leicht können wir uns dabei auf die Seite eines „Gottlosen“ stellen und einen Gerechten missachten. Und gleichzeitig missachten wir die Grundsätze göttlicher Regierung. „Wenn ein Streit zwischen Männern entsteht und sie vor Gericht treten und man richtet sie, so soll man den Gerechten gerecht sprechen und den Schuldigen schuldig“ (5. Mo 25,1). Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit? Aber Gott wusste, warum Er dieses Gebot extra in sein Wort aufnehmen ließ.

Am eklatantesten übertraten Pilatus und die Obersten der Juden dieses Gebot. Barabbas, einen Mörder, ließen sie frei, aber Jesus, den einzig wirklichen Gerechten, verurteilten sie zum Tod.

17,16 „Wozu doch Geld in der Hand eines Toren, um Weisheit zu kaufen, da ihm doch der Verstand fehlt?“

Dies ist der nächste Fehler, den wir aus Sympathie begehen können. Wir unterstützen oder beschenken beispielsweise eine ungläubige Person in dem Glauben, sie dadurch für den Herrn zu gewinnen. Aber sie ist unfähig, sich im Zusammenhang mit dieser freundlichen Geste „Weisheit zu kaufen“. Nein, Hass gegen das Böse und Liebe zum Guten ist der einzige Kaufpreis, mit dem Weisheit erworben werden kann. Das heißt, wir müssen diese Person gleichzeitig auf die Bekehrung hinweisen, sonst ist alles vergebens.

Illustriert wird dieser Vers durch Simon, den Zauberer. Er wollte sich mit seinem Geld „Weisheit kaufen“, nämlich die Fähigkeit, durch Handauflegen den Heiligen Geist zu vermitteln (Apg 8,18.19).

17,17 „Der Freund liebt zu aller Zeit, und als Bruder für die Bedrängnis wird er geboren.“

Ein Freund, der nur in guten Tagen zu uns hält, ist kein Freund (Spr 19,4). Wo wahre Freundschaft ist, geht man zusammen „durch Dick und Dünn“. Da ist echte Liebe, die „nicht das Ihre sucht“ (1. Kor 13,5). Johannes und Petrus waren solche Freunde. Obwohl sie wohl einen ziemlich unterschiedlichen Charakter hatten und auch nicht gleich alt waren, sehen wir sie doch viel beieinander. Und als Petrus den Herrn verleugnet hatte und sicher vor lauter Selbstvorwürfen verging, gab Johannes ihn nicht auf, sondern erwies sich als „Bruder in der Bedrängnis“ (Joh 20,2.3). Es gibt das Sprichwort: „Ein Freund ist ein Mensch, der dich liebt, obwohl er dich kennt.“

In besonderer Weise bezieht sich unser Vers natürlich auf den Herrn Jesus. Obwohl Er die Herzen seiner Jünger kannte, „liebte er sie bis ans Ende“ (Joh 13,1). Und so liebt Er auch jeden von uns! „Wer wird uns scheiden von der Liebe des Christus?“ (Röm 8,35). Am Kreuz zeigte sich diese Liebe in ihrem höchsten Ausmaß. Er trat in unsere „Bedrängnis“ ein, indem Er unsere Sünden trug. „Größere Liebe hat niemand als diese, dass jemand sein Leben lässt für seine Freunde“ (Joh 15,13). Darin ist Er uns aber auch ein Beispiel: „Auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzulegen“ (1. Joh 3,16). Diese Freundesliebe haben Priska und Aquila praktiziert, „die“, schreibt Paulus in Römer 16,4, „für mein Leben ihren eigenen Hals preisgegeben haben“.

■ Der Herr Jesus wusste allerdings auch, was es heißt, einen falschen Freund zu haben. Wie traurig muss Ihn der Verrat von Judas Iskariot gemacht haben: „Freund, wozu bist du gekommen!“ (Mt 26,50). Mögen wir nie einen unserer Freunde enttäuschen!

Niemals sollten wir uns Freunde in der Welt suchen, denn „die Freundschaft der Welt [ist] Feindschaft gegen Gott“ (Jak 4,4). Ein solcher Freund oder eine solche Freundin mag sehr treu sein, kann aber niemals „zu aller Zeit lieben“, weil eine geistliche Gemeinschaft unmöglich ist. Und gerade diese macht unter Gläubigen erst eine echte Freundschaft aus.

17,18 „Ein unverständiger Mensch ist, wer in die Hand einschlägt, wer Bürgschaft leistet gegenüber seinem Nächsten.“

Hier haben wir nun ein drittes Beispiel dafür, wie man seine Sympathie für eine Person ohne Einsicht zeigen kann: die Bürgschaft. Wie wir bereits in Sprüche 6,1–5 sahen, ist eine Bürgschaft für beide Beteiligten nur zum Schaden. Es mag vonseiten des Bürgen gut gemeint sein und sieht nach guter Freundschaft aus, kann aber zu großen Problemen und zu Entzweiung führen. Das Gleiche gilt für alle anderen Arten von leichtfertigen Versprechungen („Hand einschlagen“; Spr 11,15).

17,19–26: Hier folgt nun eine lockere Auflistung weiterer Ursachen für Entzweiung und Unglück.

17,19 „Wer Zank liebt, liebt Übertretung; wer seine Tür hoch macht, sucht Einsturz.“

Zank zu „lieben“ geht sehr weit. Dieser Mensch findet seine Freude darin, wenn andere sich streiten. Aber selbst wenn er sich mit einer inneren Genugtuung den Zank lediglich anschaut, versündigt er sich schon. Auch unter Kindern Gottes kann es diese hämische Freude beim Beobachten eines Streits geben. Seien wir auf der Hut!

Noch tragischer ist es natürlich, wenn wir aus „Liebe zum Zank“ auch noch kräftig mitmischen. Das kann dahin führen, dass wir uns in verletzende und überhebliche Ausdrücke versteigen. Diese zurückzunehmen würde bedeuten, unser Gesicht zu verlieren. Also machen wir weiter, machen vor lauter Prahlerei „unsere Tür hoch“ und höher, bis uns schließlich unser Hochmut zu Fall bringt und alles „einstürzt“ (vgl. Spr 16,18).

17,20 „Wer verkehrten Herzens ist, wird das Gute nicht finden; und wer sich mit seiner Zunge windet, wird ins Unglück fallen.“

Ein falsches Herz ist nur auf Bosheit aus. Wie soll es dann „das Gute“ finden können? Der Herr Jesus belehrt uns: „Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz des Herzens das Gute hervor, und der böse bringt aus dem bösen das Böse hervor“ (Lk 6,45).

Daher „windet“ sich der Verkehrte auch mit seiner Zunge, d. h., er ist unaufrichtig, weil er beim Aussprechen der ganzen Wahrheit Probleme zu erwarten hätte. Aber gerade diese Probleme („Unglück“), denen er zu entgehen versucht, werden über ihn kommen. „Aus deinen Worten wirst du verurteilt werden“. Deswegen: „Eure Rede sei aber: Ja – ja; nein – nein; was aber mehr ist als dieses, ist aus dem Bösen“ (Mt 12,37; 5,37).

17,21 „Wer einen Narren zeugt, dem wird es zum Kummer, und der Vater eines Toren hat keine Freude.“

Im Gegensatz zu Sprüche 10,1, wo von einem weisen und einem törichten Sohn gesprochen wird, kommt hier der Begriff „Sohn“ überhaupt nicht vor. Wenn wir bedenken, dass dieser Ausdruck auf einen erlösten Menschen, also auf eine geistliche Abstammung hinweist (s. Vorbemerkung zu Spr 1,8), muss es sich hier also um eine rein natürliche Abstammung handeln. Und so ist es tatsächlich: „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch“ (Joh 3,6). Was der Vater zeugt, hat dieselbe sündige Natur wie er selbst. Und das kann nur „Kummer“ bringen! Stellen wir das nicht immer wieder bei unseren Kindern fest? Erst die Neugeburt macht aus ihnen „Söhne“, an denen die Eltern Freude haben können.

17,22 „Ein fröhliches Herz bringt gute Besserung, aber ein zerschlagener Geist vertrocknet das Gebein.“

Wer ein fröhliches Herz besitzt, hat seine Freude in dem Herrn Jesus gefunden. Es ist weder eine ausgelassene noch eine aufgesetzte Fröhlichkeit. Daher kann sie ihrem Besitzer nach einer traurigen, notvollen Lebensphase auch wieder Mut und Zuversicht („Besserung“) geben (vgl. Spr 15,13). Das dürfen wir auch auf den allgemeinen Gesundheitszustand beziehen.

Bleibt es allerdings bei dem „zerschlagenen Geist“ – aus welchen Gründen auch immer –, führt das zu körperlichen und psychischen Problemen („Vertrocknung des Gebeins“). Neben einer eventuell notwendigen medizinischen Hilfe kann dann nur schlichter Glaube helfen. Er ist die beste Quelle für Fröhlichkeit und Freude im Heiligen Geist. Der Blick muss vertrauensvoll auf Gott gerichtet sein. Dann wird man dieselbe Erfahrung machen wie David: „Ich aber, ich habe auf deine Güte vertraut; mein Herz soll über deine Rettung frohlocken. Ich will dem Herrn singen, denn er hat wohlgetan an mir“ (Ps 13,6).

► Fröhliche Christen sind starke Christen. Und diese Fröhlichkeit drückt sich nicht zuletzt auch in fröhlichen Liedern aus.

17,23 „Der Gottlose nimmt ein Geschenk aus dem Gewandbausch, um die Pfade des Rechts zu beugen.“

Bereits in Sprüche 17,8 war die Rede von einem Bestechungsgeschenk. Hier wird der Gedanke wieder aufgegriffen, um das zugrunde liegende Motiv zu offenbaren: Das Recht soll gebeugt werden. Die Entnahme des Geschenks aus dem „Gewandbausch“ deutet schon auf die böse Absicht hin. Es geschieht im Verborgenen. Beide Beteiligten verschaffen sich einen heimlichen Vorteil. Der das Geschenk gibt, weil ein Streitfall zu seinen Gunsten entschieden wird, und der Empfänger, weil er sich bereichern kann. Dieser versündigt sich sogar zweifach, denn Gott hatte befohlen: „Du sollst das Recht nicht beugen. Du sollst die Person nicht ansehen und kein Geschenk nehmen, denn das Geschenk blendet die Augen der Weisen und verdreht die Worte der Gerechten“ (5. Mo 16,19).26 Der Prophet Micha beschreibt diese Situation recht plastisch: „Der Fürst fordert, und der Richter richtet gegen Entgelt, und der Große spricht die Gier seiner Seele aus, und sie flechten es ineinander“ (Mich 7,3).

■ Ein Rechtsanwalt kann eine böse Tat durch sein geschicktes Verhandeln weniger schlimm darstellen, wodurch eventuell das Recht gebeugt wird. Wenn er bezahlt wird, um dem Richter den klaren Blick zu vernebeln, ist dies einem „Bestechungsgeschenk“ gleichzusetzen.

17,24 „Vor dem Angesicht des Verständigen ist Weisheit, aber die Augen des Toren sind am Ende der Erde.“

Der Verständige sucht nicht nur nach Weisheit (Spr 15,14), sondern hält sie sich auch ständig vor Augen. Sie soll sein ganzes Leben bestimmen. Dies bedeutet für uns, dass wir stets den Herrn Jesus im Blick haben. „Ich habe den Herrn stets vor mich gestellt; weil er zu meiner Rechten ist, werde ich nicht wanken“ (Ps 16,8). Dann werden wir uns nicht mit dem beschäftigen, was uns nichts angeht, was „am Ende der Erde“ ist, sondern das ausführen, was Gott uns vor die Füße legt.

Der Tor sucht nach allem Möglichen, nur nicht nach der Weisheit, die ihm eigentlich ganz nah ist: „Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen; das ist das Wort des Glaubens“ (Röm 10,8).

► Was deine Augen sehen, beeinflusst deine Gedankenwelt. „Wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein“ (Mt 6,22).

17,25 „Ein törichter Sohn ist Kummer für seinen Vater und Bitterkeit für die, die ihn geboren hat.“

Dieser Vers ergänzt Vers 21. Wir erinnern uns, dass der Ausdruck „Sohn“ mehr als nur die natürliche Abstammung beinhaltet. Der Sohn hat eine bevorzugte Stellung bei seinen Eltern. Dieser hier aber ist „töricht“, sein Verhalten entspricht nicht seiner Stellung. Er geht seinen eigenen Weg, der ihn vielleicht äußerlich, auf jeden Fall aber innerlich von den Eltern distanziert. Er verachtet die Autorität des Vaters und missachtet die Zuneigung seiner Mutter (Spr 15,20). Das ist für Eltern ein besonderer Schmerz, zumal sie auch noch die Strafe Gottes mit ansehen müssen, die ihn auf diesem Weg treffen wird (5. Mo 21,18–21).

► Wie oft musste Gott darüber klagen, dass sein Volk Israel sich von Ihm abgewandt hatte. „Wehe den widerspenstigen Kindern, spricht der Herr, die Pläne ausführen, aber nicht von mir aus“ (Jes 30,1). Hat Er Anlass, auch über dich so zu sprechen?

17,26 „Auch den Gerechten zu bestrafen, ist nicht gut, Edle zu schlagen um ihrer Geradheit willen.“

Wer zugleich mit dem Ungerechten „auch den Gerechten“ bestraft, handelt gesetzlos. So geschah es auf Golgatha: „Und mit ihm kreuzigen sie zwei Räuber, einen auf der rechten und einen auf seiner linken Seite.“ „Und er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden“ (Mk 15,27; Lk 22,37). Ja, Er wurde auch „um seiner Geradheit willen“ gehasst und verurteilt, denn Er hatte bezeugt, dass Er Gottes Sohn ist (Mt 26,63–66; Joh 19,7).

Wenn ein Richter bewusst einen Gerechten bestraft oder einen Schuldlosen („Edlen“) schlägt, ist er entweder völlig gesetzlos oder aber bestochen worden. Das Erste war bei den Obersten der Juden der Fall, als sie die Apostel grundlos schlugen (Apg 5,40). Bestechung war bei Pilatus im Spiel, der Angst hatte, dass die Juden ihn beim Kaiser in Misskredit bringen würden, wenn er Jesus frei ließe.

► Wenn wir Kinder haben, ist es eine große Herausforderung, in jedem Fall eine gerechte Strafe oder eben keine Strafe zu verhängen. Das muss mit Bedacht und Weisheit entschieden werden.

17,27–28: Die beiden letzten Verse des Kapitels zeigen, wie vorteilhaft es ist, schweigen zu können. Dann würde mancher Streit vermieden.

17,27 „Wer seine Worte zurückhält, besitzt Erkenntnis; und wer kühlen Geistes ist, ist ein verständiger Mann.“

Schon in Sprüche 10,19 betonte Salomo: „Bei der Menge der Worte fehlt Übertretung nicht; wer aber seine Lippen zurückhält, ist einsichtsvoll.“ Und Jakobus empfiehlt: „Daher, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören, langsam zum Reden“ (Jak 1,19). Natürlich gibt es auch ein gutes „Wort zu seiner Zeit“ (Spr 15,23; 25,11). Wir können nicht immer nur schweigen. Aber unbesonnene Worte, womöglich noch aus einem „hitzigen“ Geist, sind nur zum Schaden (Spr 12,18).

► Wir meinen oft, unsere „Erkenntnis“ wortreich kundtun zu müssen. Dagegen zeigt sich wahre Erkenntnis darin, dass man schweigen kann.

17,28 „Auch ein Narr, der schweigt, wird für weise gehalten, für verständig, wer seine Lippen verschließt.“

Der hier angenommene Fall, dass ein Narr schweigt, ist eher hypothetisch. Es würde nämlich dem ersten Teil von Vers 27 widersprechen. Er kann es eigentlich nicht (Spr 15,2; 14,33). Aber was will dieser Vers dann sagen?

Solange ein Mensch schweigt, kann man ihn nur schwer beurteilen. Wenn ihm jedoch ein „närrisches“ Wort entschlüpft, wird Zweifel an seiner Weisheit aufkommen. Wenn wir also „unseren Mund halten“, sind wir auf der sicheren Seite. Demnach vertieft dieser Vers die Aussage des vorigen. Ähnliches drückt Hiob gegenüber seinen Freunden aus: „O dass ihr doch stillschwieget! Das würde euch zur Weisheit gereichen“ (Hiob 13,5).

Kapitel 18

Vornehmlich möchte uns dieses Kapitel erneut die Wirkung unserer Worte vorstellen und uns zu einem sozialen Verhalten anleiten.

Eine mögliche Einteilung sieht folgendermaßen aus:

Spr 18,1–3: Das typische Verhalten eines Gottlosen
Spr 18,4–8: Gute und schlechte Worte
Spr 18,9–12: Das Verhältnis zum irdischen Besitz
Spr 18,13–24: (Un-)Soziales Verhalten

18,1–3: Die einleitenden Verse dieses Kapitels geben uns einen kurzen Überblick über das typische Verhalten eines Gottlosen.

18,1 „Wer sich absondert, trachtet nach einem Gelüst; gegen alle Einsicht geht er heftig an.“

Die Aussage dieses Verses erscheint manchem vielleicht sonderbar. Ist Absonderung denn nicht gut? Ja und nein, denn es kommt immer darauf an, wovon man sich absondert und zu wem oder was man sich wendet. Sondern wir uns von der Welt ab und zu dem Herrn Jesus hin, ist das natürlich positiv. Sondern wir uns aber vom Guten ab (z. B. von treuen Glaubensgeschwistern; Jud 19), ist das stets negativ. So auch hier. Man sondert sich ab, um heimlich eigenen Wünschen und Vergnügungen („Gelüst“) nachzugehen. „Wir alle irrten umher wie Schafe“ (Jes 53,6). Das ist ein typisches Merkmal gottloser Menschen.

Es kann auch sein, dass man mit den anderen nichts mehr zu tun haben will, weil diese anders denken. Man zieht sich verärgert oder beleidigt zurück, statt sich in Ruhe mit ihnen auszutauschen. „Gegen alle Einsicht“ geht man dann heftig an. – Dieser zweite Versteil kann aber auch bedeuten, dass eine böse Absonderung nicht zum Erfolg führt (FußEÜ).

18,2 „Der Tor hat kein Gefallen an Verständnis, sondern nur daran, dass sein Herz sich offenbare.“

Ein weiteres, uns schon bekanntes Merkmal des Toren ist, dass er kein Verlangen nach Weisheit und Verständnis hat (V. 1b; Spr 1,7). Er kennt weder seinen eigenen Mangel noch den Wert der Weisheit. Statt sich dafür zu schämen, tut er alles, um sein törichtes Herz zu „offenbaren“. Wir kennen solche Menschen aus unserem Umfeld, die ihre Unwissenheit lauthals preisgeben. Der Prediger drückt dies sehr krass aus: „Er sagt allen, er sei ein Tor“ (Pred 10,3; vgl. Spr 12,23; 13,16).

18,3 „Wenn ein Gottloser kommt, so kommt auch Verachtung; und mit der Schande kommt Schmähung.“

Hier haben wir ein drittes Merkmal des Gottlosen: Egal, wo er auftaucht, blickt er verächtlich auf seine Umgebung herab. Über alles, was ihm nicht gefällt, lästert und spottet er.

Im zweiten Versteil verschärft sich die Situation. Die „Schande“, die er durch seine Verachtung über die Menschen gebracht hat, setzt sie dem offenen Hohn, der „Schmähung“ aus. Ob nur er selbst diese Schmähung verübt oder ob jetzt auch andere beteiligt sind, bleibt offen.

18,4–8: Unsere Worte üben einen nicht unerheblichen Einfluss auf unsere Mitmenschen aus. Gleichzeitig offenbaren sie unser Inneres. Daher geht Salomo nun zum wiederholten Mal auf dieses Thema ein. Nach einem einzigen Vers über nützliche Worte folgen vier Verse, die das Gegenteil beleuchten – als Warnung für uns!

18,4 „Die Worte aus dem Mund eines Mannes sind tiefe Wasser, ein sprudelnder Bach, eine Quelle der Weisheit.“

Wie derselbe Ausdruck in Sprüche 20,5 andeutet, sprechen „tiefe Wasser“ von verborgener Weisheit, die wie in einem großen Reservoir zur Verfügung steht. Die Worte dieses weisen Mannes lassen sie nun heraufkommen, hervorsprudeln. Das erinnert an die Quelle, von der Jesus zur Frau am Jakobsbrunnen spricht: „Das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt“ (Joh 4,14). Diese Quelle ist der Heilige Geist, der als lebendige Kraft in uns wirkt und sich (unter anderem) in unseren Worten offenbart.

► Könnte auch dein Name in diesen Vers eingesetzt werden? „Die Worte aus dem Mund von sind tiefe Wasser …“

In vollkommener Weise trifft dieser Vers natürlich nur auf die Worte aus dem Mund Gottes zu: auf sein heiliges Wort, die Bibel.

18,5 „Es ist nicht gut, die Person des Gottlosen anzusehen, um den Gerechten zu beugen im Gericht.“ (Spr 24,23; 28,21)

Von einem Richterspruch wird erwartet, dass er ohne Vorurteile und unparteiisch zustande kommt. Doch gottlose Menschen haben oft einen großen Einfluss. Sie verfügen über zweifelhafte Beziehungen oder über ein nicht unerhebliches Vermögen, wodurch sie den Richter bestechen können (Spr 17,23). So kann es passieren, dass dieser „die Person des Gottlosen ansieht“ und das Recht beugt. Doch kann es auch vorkommen, dass ein „unbedeutender“ Gottloser aus Mitleid – oder vielleicht sogar aus Sympathie? – bevorzugt wird. In jedem Fall ist ein derartiges Verhalten „nicht gut“ – also böse! Es schädigt („beugt“) den Gerechten.

18,6 „Die Lippen des Toren geraten in Streit, und sein Mund ruft nach Schlägen.“

Sobald ein törichter Mensch seinen Mund öffnet, gibt es Zank und Streit. Wie kommt das? Es kann mangelndes Taktgefühl sein. Es kann aber auch tiefer liegen: Üble Nachrede, Kränkung, neidische Äußerungen oder überhebliche Worte, um nur einiges zu nennen. Der Tor beschwört dadurch Gottes Züchtigung herauf, „sein Mund ruft nach Schlägen“. Der nächste Vers erweitert diesen Gedanken.

18,7 „Der Mund des Toren wird ihm zum Untergang, und seine Lippen sind der Fallstrick seiner Seele.“ (Spr 13,3)

Wenn die Züchtigung (V. 6) nicht fruchtet, kommt es schließlich zum „Untergang“. Es kann sein, dass dieser Mensch durch sein törichtes Gerede sein Ansehen und seine irdische Stellung verliert; auf jeden Fall aber wird seine Seele Schaden nehmen und er wird einmal von Gott hören: „Aus deinem Mund werde ich dich richten“ (Lk 19,22).

Herodes musste die Wahrheit dieser Worte auf schreckliche Weise erfahren. Nach einer überheblichen Rede rief ihm das Volk zu: „Eines Gottes Stimme und nicht eines Menschen! Sogleich aber schlug ihn ein Engel des Herrn dafür, dass er nicht Gott die Ehre gab; und von Würmern zerfressen, verschied er“ (Apg 12,22.23).

18,8 „Die Worte des Ohrenbläsers sind wie Leckerbissen, und sie dringen hinab in das Innerste des Leibes.“ (= Spr 26,22)

Der Ohrenbläser flüstert einem anderen fragwürdige Informationen ins Ohr – und es gibt nicht wenige, die sich so etwas gerne anhören. Sie genießen es regelrecht als „Leckerbissen“. Es entspricht ihrem natürlichen Herzen, und so nehmen sie derartige Mitteilungen bereitwillig „in das Innerste des Leibes“ auf. Dort einmal eingedrungen, lassen sich diese unnützen, oft böswilligen Worte nur schwer wieder entfernen.

► Sei kein Ohrenbläser und höre nicht auf Ohrenbläser!

18,9–12: Diese Verse fordern uns auf, über unser Verhältnis zum irdischen Besitz nachzudenken. Es gibt zweierlei Gefahren: Man vernachlässigt ihn sträflich, indem man faul ist, oder man setzt hochmütig sein ganzes Vertrauen auf ihn. Der richtige Weg liegt dazwischen. Er wird uns in Vers 10 beschrieben.

18,9 „Auch wer sich lässig zeigt in seiner Arbeit, ist ein Bruder des Verderbers.“

Gott legt Wert darauf, dass wir unsere Arbeit gewissenhaft erledigen. Nicht um Besitz aufzuhäufen, sondern um das, was Er uns anvertraut hat, verantwortungsvoll zu verwalten. Wenn wir darin nachlässig sind, stehen wir auf derselben Stufe („Bruder“) wie einer, der sein Vermögen vergeudet. Ein Beispiel für einen solchen „Verderber“ ist der „verlorene Sohn“: Er „vergeudete sein Vermögen, indem er ausschweifend lebte“ (Lk 15,13).

Wir sollten nicht übersehen, dass dieser Vers auch auf unser geistliches Leben angewandt werden muss. Auch in dieser Hinsicht sind wir nur Verwalter der uns anvertrauten Gnadengaben (1. Pet 4,10). Paulus mahnt: „Im Fleiß seid nicht säumig, seid inbrünstig im Geist; dem Herrn dienend“ (Röm 12,11), und „dass jeder von euch denselben Fleiß beweise … bis ans Ende, damit ihr nicht träge werdet“ (Heb 6,11.12).

18,10 „Der Name des Herrn ist ein starker Turm; der Gerechte läuft dahin und ist in Sicherheit.“

Egal, welche Gefahr uns droht: Bei Gott finden wir einen „starken Turm“, der uns Sicherheit bietet. Manchmal benötigen wir seine Gnade, seine Treue, manchmal seine Gerechtigkeit, seine Wahrheit, dann wieder seine Barmherzigkeit, seine Güte, seine Liebe – alles das bietet uns der „Name des Herrn“. Er bewahrt uns auch vor dem Sündigen und nicht zuletzt vor den beiden in der Einleitung der Verse 9–12 beschriebenen Gefahren.

Ein Turm ist stark, standhaft und solide gebaut. Das erinnert uns an Gottes Macht. Ein Turm ist auch erhaben, von Weitem sichtbar. Wir müssen ihn nicht lange suchen, Gott bietet uns seine Hilfe in seinem Wort reichlich an. Aber der Turm kommt nicht zu uns, sondern wir müssen zu ihm laufen. Dafür haben wir das Gebet. Den Turm nur anschauen, bringt keine Sicherheit. Wir müssen uns ganz in seinen Schutz begeben.

Wenn wir dann Gottes Hilfe erfahren haben, sollten wir Ihm danken: „Du bist mir eine Zuflucht gewesen, ein starker Turm, vor dem Feind“ (Ps 61,4). Dann können wir auch andere ermuntern, beispielsweise mit den Worten: „Gott ist uns Zuflucht und Stärke, eine Hilfe, reichlich gefunden in Drangsalen“ (Ps 46,2).

■ Auch jeder Mensch, der von seinen Sünden befreit werden möchte, findet Rettung in diesem starken Turm, dem „Namen des Herrn“: „Es ist in keinem anderen das Heil, denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in dem wir errettet werden müssen“ (Apg 4,12).

18,11 „Das Vermögen des Reichen ist seine feste Stadt, und in seiner Einbildung wie eine hochragende Mauer.“

Im Gegensatz zu dem starken Turm göttlicher Sicherheit sieht der Reiche seine feste Stadt in seinem Vermögen (Spr 10,15; 11,28). Er bildet sich ein, sein Reichtum könnte ihn wie eine „hochragende Mauer“ schützen. Er denkt aber nicht daran, dass Reichtum „Flügel bekommen kann“ und durch irgendein Missgeschick wegfliegen mag (Spr 23,5; Pred 5,13). Ohne Gott gibt es keine dauerhafte Sicherheit. Daher wollen wir „auf einen lebendigen Gott hoffen, der ein Erhalter aller Menschen ist, besonders der Gläubigen“ (1. Tim 4,10). „Wenn der Reichtum wächst, so setzt euer Herz nicht darauf!“ (Ps 62,11).

18,12 „Vor dem Sturz wird das Herz des Mannes überheblich, und der Ehre geht Demut voraus.“ (Spr 15,33)

„Stolz geht dem Sturz, und Hochmut dem Fall voraus“ (Spr 16,18). Mehrfach lesen wir in der Bibel, dass Gott dem Hochmütigen widersteht und dem Demütigen Gnade gibt (z. B. 1. Pet 5,5). Der Blitz schlägt zuerst in die hohen Bäume ein!

■ Durch Hochmut wurde ein Engel zum Teufel, Nebukadnezar zu einem Tier, Ussija aussätzig, Goliath getötet, Belsazar ermordet und Herodes von Würmern gefressen.27

Hier hat sich das „Herz des Mannes“ offenbar aufgrund seines Reichtums erhoben. Wie leicht bildet man sich auf sein gut gefülltes Bankkonto etwas ein! 1. Timotheus 6,17 verbindet diesen Vers mit dem vorigen: „Den Reichen in dem gegenwärtigen Zeitlauf gebiete, nicht hochmütig zu sein noch auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darreicht zum Genuss.“

18,13–24: Im Folgenden werden wir im Wesentlichen über das rechte Sozialverhalten belehrt. Es geht um unsere Gesprächskultur, um angemessenen Umgang mit Problemen und um weitere Verhaltensregeln, auch im familiären Bereich.

18,13 „Wer Antwort gibt, bevor er anhört, dem ist es Narrheit und Schande.“

Wer eine voreilige Antwort gibt, hat nicht bedacht, was er damit ausdrückt und was die möglichen Folgen sein können:

  • Er zeigt wenig Interesse an dem, was der andere zu sagen hat, vor allem dann, wenn er ihn auch noch unterbricht. Das kommt einer Beleidigung
  • Er gibt dem anderen keine Chance, seine Frage, seine Meinung, seine Bedenken oder seine Umstände näher zu erläutern. Das ist ungerecht (Spr 15,28).
  • Wenn es sich um eine Diskussionsrunde handelt, könnte er seine eigene Meinung besser bilden, wenn er sich zuvor andere Meinungen angehört hat. Das ist unweise.
  • Eine gute Antwort erfordert auch die Einbeziehung des Wortes Gottes. Auch dieses sollte er vorher „angehört“ haben. Alles andere wäre Selbstüberschätzung.
  • Er steht in Gefahr, den anderen durch seine Antwort vor den Kopf zu stoßen, zu verletzen oder gar zu verleumden. Das erzeugt Streit.
  • Weil er das Problem noch nicht erfasst hat, wird er etwas sagen, was nicht wirklich weiterhilft. Dadurch wird er sich zusätzlich blamieren, ihm ist es „Narrheit und Schande“.

Nikodemus war in dieser Hinsicht redlich, wenn er seinen Genossen vorwirft: „Richtet denn unser Gesetz den Menschen, ehe es zuvor von ihm selbst gehört hat und erkannt hat, was er tut?“ (Joh 7,51).

■ Schauen wir erneut auf den Herrn Jesus. Obwohl Er ja alles vorher weiß, ließ Er doch die Jünger auf dem Weg nach Emmaus erst einmal reden. Er stellte ihnen sogar die Frage: „Was ist denn geschehen?“, um sie zu ermuntern, Ihm ihr ganzes Herz auszuschütten (Lk 24,19).

Auch bei der Erklärung einer Bibelstelle ist es nicht gut, schnelle Schlussfolgerungen zu ziehen. Wir müssen Gottes Wort als Ganzes berücksichtigen, Parallelstellen aufsuchen und vergleichen sowie den Herrn um Einsicht bitten.

18,14 „Der Geist eines Mannes erträgt seine Krankheit; aber ein zerschlagener Geist, wer richtet ihn auf?“

Eine körperliche Krankheit ist oft leichter zu ertragen als Trauer, Aussichtslosigkeit, Selbstvorwürfe oder andere geistig-seelische Schmerzen. Aber gläubige Christen haben auch in solchen, den Geist „zerschlagenden“ Lebensphasen eine wunderbare Verheißung Gottes: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen“ (Jes 57,15). Das ist die Antwort auf die Frage dieses Verses.

Die Frage enthält aber auch eine Aufforderung an uns. Gott ruft sozusagen „in die Runde“: „Wer ist bereit zu helfen?“ Jeder ist gefragt, wenn es darum geht, eine niedergeschlagene Person aufzurichten. Das ist nicht einfach. Die Weisheit dazu müssen wir uns vom Herrn erbitten und Ihn selbst zum Vorbild nehmen. Er konnte prophetisch durch Jesaja sagen: „Der Herr, Herr, hat mir eine Zunge der Belehrten gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten“ (Jes 50,4). Diese „Zunge der Belehrten“ benötigen wir ebenfalls. Das Beste wird immer sein, auf die Güte und Größe Gottes hinzuweisen. „Er gibt dem Müden Kraft, und dem Unvermögenden reicht er Stärke dar in Fülle“ (Jes 40,29). Das Erste gilt dem Verzagten, das Zweite vor allem dem, der helfen will.

18,15 „Das Herz des Verständigen erwirbt Erkenntnis, und das Ohr der Weisen sucht nach Erkenntnis.“

Dass Unverständige und Unweise Erkenntnis suchen und erwerben müssten, steht an anderer Stelle (z. B. Spr 8,5; 9,4–6). Hier aber wird ein weiteres Grundanliegen des Buches der Sprüche wiederholt: „Der Weise wird hören und an Kenntnis zunehmen, und der Verständige wird sich weisen Rat erwerben“ (Spr 1,5). Ein verständiger Mensch wird aus allen Unterweisungen, aus seinen Beobachtungen und Begegnungen Erkenntnis schöpfen, weil er sein Ohr öffnet, um Belehrung zu empfangen. Aber wir wollen es uns immer wieder sagen: Erkenntnis muss aus dem Kopf ins Herz dringen. Dort soll sie unsere Entscheidungen beeinflussen.

► Suchen wir mehr Erkenntnis? Der Herr ruft uns zu: „Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden“ (Mt 7,7).

18,16 „Das Geschenk des Menschen macht ihm Raum und verschafft ihm Zutritt zu den Großen.“

Das hebräische Wort für „Geschenk“ ist ein anderes als in Sprüche 17,8.23 und in Sprüche 21,14, wo es um ein Bestechungsgeschenk geht. Hier will jemand durch das Geschenk einfach in einen angesehenen Kreis aufgenommen werden. Das ist nicht direkt böse, zeugt aber doch von einem gewissen Drang nach Anerkennung. Offenbar kann er diese nicht auf einem anderen Weg erlangen. Dazu fehlt ihm die nötige Weisheit.

Salomo entlarvt hier eine Herzenseinstellung, die uns nicht fremd ist. Ein Geschenk sollte eigentlich nur den Zweck haben, den Nächsten zu erfreuen oder ihm in einer Notlage zu helfen. Wenn wir es aber einsetzen, um mehr geachtet und geliebt zu werden, ist es wenig wert.

► Gott brauchen wir keine „Geschenke“ zu machen, um bei Ihm angenehmer zu werden. Wenn wir Ihm etwas geben, sollten wir es nur aus reiner Dankbarkeit tun und um Ihn zu ehren und sein Werk zu fördern.

18,17 „Der Erste in seiner Streitsache hat Recht; doch sein Nächster kommt und forscht ihn aus.“

Der Erste in einer Streitsache ist derjenige, der Klage führt. Er beansprucht zunächst einmal die Wahrheit und das Recht für sich. Er schildert seine Sicht der Dinge. Der „Nächste“ aber beleuchtet dann die Sache von einer anderen Seite und stellt ihn gegebenenfalls bloß (Spr 25,8). Wir lernen hier also, in einer Streitsache stets beide Seiten anzuhören.

18,18 „Das Los schlichtet Zwistigkeiten und bringt Mächtige auseinander.“

Es gibt Streitfälle, wo eine gerechte Entscheidung schwer zu treffen ist. Für derartige Fälle hatte Gott in Israel das Los gegeben. Er selbst beeinflusste dessen Ausgang und tat dadurch seinen Willen kund (Spr 16,33). Das Los „schlichtete“ also die Zwistigkeiten, und die „Mächtigen“, die aneinandergeraten waren, konnten in Frieden „auseinander“ gehen.

In der christlichen Zeit werden wir nicht durch das Los geleitet, sondern durch den Heiligen Geist, der in uns und in der Versammlung wohnt (2. Tim 1,14; 1. Kor 3,16). Er gibt uns Kraft und leitet uns durch sein Wort, bei Zwistigkeiten gerecht und zielführend zu entscheiden.

18,19 „Ein Bruder, an dem man treulos gehandelt hat, widersteht mehr als eine feste Stadt; und Zwistigkeiten sind wie der Riegel einer Burg.“

Wenn zwischen zwei Personen eine enge Vertrautheit besteht, wiegt eine Treulosigkeit doppelt schwer. Man konnte sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt aufeinander verlassen, hat Gedanken ausgetauscht, die nicht für andere bestimmt waren, hat sich gegenseitig unterstützt – und nun dies! Die Enttäuschung und der seelische Schmerz sind so groß, dass eine Entschuldigung nur sehr schwer angenommen wird (man „widersteht“). Dann ist die Tür zur Versöhnung für eine Zeit – wenn nicht für immer – verschlossen, wie der „Riegel einer Burg“.

Doch wenn die Verbitterung auch noch so verständlich und noch so groß ist – Christus lehrt uns eine andere Reaktion: „Wenn aber dein Bruder gegen dich sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein“ (Mt 18,15). Und dann: „Seid aber zueinander gütig, einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat“ (Eph 4,32).

Und was den anderen angeht, der treulos gehandelt hat: Er sollte alles tun, um diese „Riegel“ zu brechen. Dazu ist als Erstes ein aufrichtiges Bekenntnis nötig. „Bekennt nun einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet“ (Jak 5,16).

18,20 „Von der Frucht des Mundes eines Mannes wird sein Inneres gesättigt, vom Ertrag seiner Lippen wird er gesättigt.“

Wer anderen zur Erbauung redet, wird dadurch selbst erbaut, „gesättigt“. Wer aber Worte redet, die anderen schaden, muss es selbst auskosten. Auch er „wird gesättigt“. Schon Sprüche 14,14 zeigte uns dieses Prinzip der Rückwirkung, und zwar allgemein auf alle unsere Wege bezogen. Dagegen wurde es in Sprüche 12,14 ausnahmslos auf gute Worte angewandt.

18,21 „Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge, und wer sie liebt, wird ihre Frucht essen.“

Wie auch Jakobus bestätigt, können wir mit unserer Zunge Böses und Gutes sagen: „Mit ihr preisen wir den Herrn und Vater, und mit ihr fluchen wir den Menschen, die nach dem Gleichnis Gottes geworden sind. Aus demselben Mund geht Segen und Fluch hervor. Dies, meine Brüder, sollte nicht so sein“ (Jak 3,9.10).

Unsere Worte haben immer eine Auswirkung. Besonders vorsichtig müssen wir sein, wenn wir uns über andere äußern. Da kann es schnell zu übler Nachrede kommen („Tod“). Stattdessen sollten wir mehr das Gute über unseren Nächsten weitererzählen („Leben“).

■ Eine direkte Anwendung dieses Verses finden wir in Hesekiel 3,19.21, wo wir lernen, dass wir durch mahnende Worte Einfluss auf Tod und Leben unseres Nächsten ausüben können: „Wenn du aber den Gottlosen warnst, und er kehrt nicht um von seiner Gottlosigkeit und von seinem gottlosen Weg, so wird er wegen seiner Ungerechtigkeit sterben … Wenn du aber ihn, den Gerechten, warnst, damit der Gerechte nicht sündige, und er sündigt nicht, so wird er gewiss leben, weil er sich hat warnen lassen“.

Wer seine Zunge „liebt“, d. h. viel spricht, wird die Folgen zu spüren bekommen. Insofern schließt sich dieser Vers an den vorigen an, bezieht sich aber noch deutlicher als dieser auf Gutes und auf Böses.

18,22 „Wer eine Frau gefunden, hat Gutes gefunden und hat Wohlgefallen erlangt von dem Herrn.“

Schon am sechsten Schöpfungstag sah Gott: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, und sprach: „Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht“ (1. Mo 2,18). Eine Frau ist also eine besondere Gabe Gottes an den Mann. Und so soll er sie auch stets betrachten!

Der Begriff „gefunden“ kann andeuten, dass man vorher gesucht hat (was durchaus legitim ist). Das muss aber mit Gott geschehen, denn sonst erlangt man beim „Finden“ kein „Wohlgefallen von dem Herrn“. Wer ohne Gottes Zustimmung heiratet, kann diesen Vers nicht für sich in Anspruch nehmen. Er bekommt dann vielleicht keine gute, sondern eine „zänkische Frau“ (Spr 21,9.19). Daher wird hier auch keine Einschränkung bezüglich der Eigenschaften oder des Charakters der Frau gemacht: Weil sie von Gott kommt, ist sie jedenfalls „gut“ für ihren Mann.

► Jeder Ehemann sollte einmal darüber nachdenken, in wie viel kleinen und großen Dingen des Lebens seine Frau ihm schon eine Hilfe war und weiterhin täglich ist!

Die Frau ist übrigens nicht das Gegenstück, sondern die Ergänzung ihres Mannes. Er soll sie auch nicht als bloßes Lustobjekt betrachten, sondern ihr Ehre erweisen und sie lieben (1. Pet 3,7; Eph 5,25). Selbstsucht in der Ehe ist verhängnisvoll!

18,23 „Flehentlich bittet der Arme, aber der Reiche antwortet Hartes.“

Auch wenn die Armut des Mittellosen durch Faulheit oder Verschwendungssucht entstanden sein sollte, ist es verwerflich, wenn wir als „Reiche“ nicht auf das Flehen des „Armen“ hören (Spr 21,13). Braucht man bei selbst verschuldetem Elend nicht zu helfen? Doch, denn sonst würde man nicht die Gesinnung Gottes zeigen. Er hat auch uns nicht in unserem selbst verschuldeten Sündenelend gelassen! Er ist barmherzig: „Wegen der gewalttätigen Behandlung der Elenden, wegen des Seufzens der Armen will ich nun aufstehen, spricht der Herr“ (Ps 12,6).

► Der reiche Gott, unser Vater, wird uns niemals „Hartes“ antworten, wenn wir Ihn bitten (Mt 7,7–12).

Alles, was wir besitzen, ist uns von Gott gegeben. Und Er fordert uns auf, damit „Gutes zu tun, reich zu sein an guten Werken, freigebig zu sein, mitteilsam“ (1. Tim 6,18). Wir befolgen damit sein Gebot: „Du sollst dein Herz nicht verhärten und deine Hand vor deinem Bruder, dem Armen, nicht verschließen“ (5. Mo 15,7). Und Gott wird uns dafür belohnen: „Glückselig, wer achthat auf den Armen! Am Tag des Unglücks wird der Herr ihn erretten“ (Ps 41,2; vgl. Spr 19,17). Was für eine Zusage!

18,24 „Ein Mann vieler Freunde wird zugrunde gehen; doch es gibt einen, der liebt und anhänglicher ist als ein Bruder.“

Der erste Versteil ist in Verbindung mit Sprüche 14,20 zu sehen: „Zahlreich sind die, die den Reichen lieben.“ Diese „vielen Freunde“ sind lediglich Schmarotzer. Daher müssen wir vorsichtig sein, wenn jemand uns „als Freund“ haben will (Stichwort: Facebook). Echte Freundschaft entsteht „unabsichtlich“, nämlich einfach aus dem Herzen!

■ Wir kennen den Einen, der mehr liebt als ein Bruder, und zwar „zu aller Zeit“ (Spr 17,17). Er hat seine Liebe bewiesen, indem Er mehr tat, als jemals ein Mensch für seinen Bruder getan hat. Und er ist „anhänglich“, denn Er sagt: „Niemand wird sie aus meiner Hand rauben“ (Joh 10,28).

Gottes Wort zeigt uns eine beispielhafte Freundesliebe bei David und Jonathan (1. Sam 20,17; 2. Sam 1,26). Bei einer solchen Liebe gibt es keine selbstsüchtigen Gedanken. Keiner nutzt den anderen aus. Im Gegenteil: Jeder ist um das Wohl des anderen bemüht. Man „lässt sich nicht erbittern“ und „rechnet das Böse nicht zu“ (1. Kor 13,5).

Kapitel 19

Ein thematischer Schwerpunkt dieses Kapitels liegt auf dem korrekten Umgang mit dem gottesfürchtigen Armen und Geringen. In Zusammenhang damit wird erneut das Thema „Erziehung des Sohnes“ aufgegriffen. Diese soll angemessen erfolgen und ihm neben der Gottesfurcht vor allem Fleiß und Achtung vor dem Geringen und Armen beibringen.

Dieses Kapitel lässt sich folgendermaßen einteilen:

Spr 19,1–3: Armut kontra Torheit
Spr 19,4–7: Armut kontra Reichtum
Spr 19,8 -12: Reichtum und Hoheit mit Verstand
Spr 19,13–27: Erziehung des Sohnes zu Fleiß und Mildtätigkeit
Spr 19,28–29: Die Abtrünnigen

19,1–3: Das Kapitel beginnt mit einer kurzen Gegenüberstellung von Armut und Torheit und berührt dabei verschiedene Facetten der Torheit.

19,1 „Besser ein Armer, der in seiner Lauterkeit wandelt, als wer verkehrter Lippen und dabei ein Tor ist.“ (Spr 28,6)

In Lauterkeit seinen Weg gehen ist eine Folge der Furcht des Herrn. Das ist die Hauptsache im Leben. Der soziale Stand ist zweitrangig.

Als Gegenstück hätten wir im zweiten Teil erwartet: „… als wer reich und dabei verkehrter Lippen ist.“ Aber Gottes „Logik“ ist anders. Er will hier dem Armen keinen Reichen, sondern einen „Toren“ gegenüberstellen. Dadurch wird vermittelt, dass dieser Arme durch Weisheit gekennzeichnet ist. Er besitzt also tatsächlich Gottesfurcht, die ja der Anfang der Weisheit ist. Der Vers will also sagen, dass es besser ist, einem Armen zu begegnen, dessen Weisheit sich in seiner Lauterkeit zeigt, als einem Menschen, der sich mit törichten und hämischen (FußEÜ) Worten über dessen Armut lustig macht.

► Somit brauchst du dich nicht zu grämen, wenn sich törichte Menschen darüber mokieren, dass du das, was die Welt bietet, ablehnst („Armut“) und stattdessen in Reinheit („Lauterkeit“) deinen Weg gehen möchtest.

19,2 „Auch Unkenntnis der Seele ist nicht gut; und wer mit den Füßen hastig ist, tritt fehl.“

Der in Vers 1 erwähnte Tor hat keine Ahnung über den inneren Reichtum des Armen. Dessen Weisheit ist ihm fremd. Er hasst Erkenntnis (Spr 1,22). Ohne Erkenntnis besteht aber die Gefahr, „hastig“ und unüberlegt zu handeln. Dadurch fällt man leicht in Sünde („tritt fehl“).

► „Unkenntnis der Seele“ entsteht, wenn du Gottes Wort nur in deinen Kopf aufnimmst, statt es zu verinnerlichen, um verantwortlich danach zu leben.

19,3 „Die Narrheit des Menschen verdirbt seinen Weg, und sein Herz grollt gegen den Herrn.“

Gott hat für jeden von uns einen guten und gangbaren Weg bereit. Aber durch unsere „Narrheit“ verderben wir ihn. Unser Eigenwille und Hochmut weiß es besser – und alles geht daneben! Und dann fangen wir noch an, Gott für das Misslingen unserer Pläne verantwortlich zu machen. Das ist „Groll“ gegen Gott! Ebenso verhielt sich das Volk Israel und musste dann hören: „Ihr sprecht: Der Weg des Herrn ist nicht recht. Hört doch, Haus Israel: Ist mein Weg nicht recht? Sind nicht vielmehr eure Wege nicht recht?“ (Hes 18,25).

Auch Jona war unzufrieden mit Gottes (gütigem) Handeln. Er erdreistete sich sogar zu sagen: „Mit Recht zürne ich bis zum Tod!“ (Jona 4,9).

Wie entsteht Groll gegen den Herrn? Es beginnt oft damit, dass wir innerlich unzufrieden sind: Schlechtes Wetter, unangenehme Arbeit, finanzielle Probleme, Krankheit, usw. Wenn wir nicht aufpassen, geht es in Murren über. Vielleicht liegt es uns fern, direkt gegen Gott zu murren. Aber als Israel gegen Mose murrte, musste dieser ihnen sagen: „Nicht gegen uns ist euer Murren, sondern gegen den Herrn“ (2. Mo 16,8). Murren wendet sich letztlich gegen Gottes Wege. Es ist Ärger darüber, dass Gott unseren eigenen Weg durchkreuzt hat. Dieser Ärger kann sich dann so steigern, dass er in offenen Groll gegen Gott mündet. Dann zürnt man nicht nur über die Wege Gottes, sondern über Ihn selbst.

► Groll gegen die Wege des Herrn ist nicht nur böse, sondern auch töricht, weil wir nicht wissen, was das Beste für uns ist. Und es ist ein Zeichen von Undankbarkeit.

19,4–7: In diesen Versen beschreibt Salomo, wie die Menschen im Allgemeinen mit Reichen und Armen umgehen. Der Arme und Geringe wird gemieden, der Reiche umworben.

19,4 „Reichtum verschafft viele Freunde; aber der Geringe – sein Freund trennt sich von ihm.“

In Verbindung mit Sprüche 18,24 sehen wir, dass „viele Freunde“ eher zum Nachteil sind. Es sind nicht unbedingt echte Freunde. Man wird geliebt (Spr 14,20), aber diese Liebe ist mehr Eigenliebe als Freundesliebe. Aus demselben Grund haben sich alle Freunde, die der „Geringe“ gehabt haben mag, von ihm getrennt – sogar der letzte, „sein Freund“ (beachte die Einzahl!), von dem er noch am ehesten geglaubt hat, sich auf ihn verlassen zu können. Er ist gering, hat wenig zu bieten, und deswegen braucht man ihn nicht. Doch Gott kümmert sich um ihn: „Der aus dem Staub emporhebt den Geringen, aus dem Kot erhöht den Armen“ (Ps 113,7).

► Überlege dir einmal, wie dein (echter) Freundeskreis aussieht.

19,5 „Ein falscher Zeuge wird nicht für schuldlos gehalten werden; und wer Lügen ausspricht, wird nicht entkommen.“ (Spr 19,9)

Der Geringe wird nicht nur gemieden (V. 4), sondern oft auch ungerecht behandelt (Spr 18,5). Insofern fügt sich dieser Vers in den Zusammenhang ein. „Wer Lügen ausspricht als falscher Zeuge“ ist dem Herrn ein Gräuel (Spr 6,19). Deswegen wird er dem Gericht „nicht entkommen“ (vgl. 5. Mo 19,16–19). „Draußen sind die Hunde … und die Hurer und die Mörder und die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und tut“ (Off 22,15).

19,6 „Viele schmeicheln einem Edlen, und alle sind Freunde des Mannes, der Geschenke gibt.“

Der Gedanke des ersten Teils von Vers 4 wird hier erweitert. Nun geht es um Schmeichelei gegenüber einer höhergestellten Person und um den Profit, den man aus einer Verbindung mit ihr schlagen kann.

Müssen wir uns nicht auch fragen, ob wir manchmal einem „angesehenen“ Bruder („Edlen“) mehr Freundlichkeit entgegenbringen als einem – in unseren Augen – geringen? Hoffen wir vielleicht, dadurch unser eigenes Ansehen zu vergrößern? Wenn dies dann noch mit Worten erfolgt, die nicht der Wahrheit entsprechen (V. 5), ist es doppelt verwerflich.

Im zweiten Versteil wird das Motiv der „vielen Freunde“ aus Vers 4 deutlich bezeichnet. Es ist nichts anderes als Habsucht. Sie erhoffen sich durch diese „Freundschaft“ lediglich äußeren Gewinn („Geschenke“).

■ Dem Herr Jesus warf man vor, mit den Zöllnern und Sündern zu essen (Lk 5,30). Er war demütig und suchte nicht die Zustimmung der „Edlen“ des Volkes. Wenn nötig ging Er mit ihnen hart ins Gericht, statt ihnen zu schmeicheln. Dagegen unternahmen sie es, Ihm zu schmeicheln – wodurch Er sich aber nicht beeindrucken ließ (Mt 22,16–18).

19,7 „Alle Brüder des Armen hassen ihn; wie viel mehr entfernen sich von ihm seine Freunde! Er jagt Worten nach, die nichts sind.“

Jetzt wird der zweite Teil des 4. Verses aufgegriffen. Dort ging es um den Geringen, hier um den „Armen“. Seine engsten Verwandten möchten nichts mehr von ihm wissen, wohl weil er Schande auf die Familie bringt. Ob da vielleicht Hochmut im Spiel ist?

Erst recht wenden sich alle seine Freunde von ihm ab, mag er auch noch so um Hilfe bitten (Spr 18,23). Vielleicht haben sie vorher allerlei versprochen. „Du brauchst mich nur zu fragen, dann helfe ich dir.“ „Ich werde dich einmal zum Essen einladen.“ „Ich bete für dich.“ Doch am Ende erwiesen sich alle Versprechungen als „Worte, die nichts sind“. Nichts als Lügen. Vergeblich versucht der Arme, sie daran zu erinnern („jagt … nach“). Die eigentliche Substanz von Freundschaft fehlte: Liebe und Treue.

Unser Herr hat dies schmerzlich erfahren müssen: „Denn nicht ein Feind ist es, der mich höhnt, sonst würde ich es ertragen; … sondern du …, mein Freund und mein Vertrauter“ (Ps 55,13.14).

19,8–12: Diese Verse weisen darauf hin, dass Reichtum und Hoheit Verstand und Einsicht erfordern.

19,8 „Wer Verstand erwirbt, liebt seine Seele; wer auf Verständnis achtet, wird Gutes finden.“

Dem Erwerb von irdischen Gütern, um reich zu werden, wird hier der Erwerb von „Verstand“ gegenübergestellt. Dieser bringt Nutzen für die Seele. Umgekehrt gilt: „Wer Unterweisung verwirft, verachtet seine Seele“ (Spr 15,32). Verstand erwerben können wir nur durch das Lesen der Bibel. Wenn wir sie aufmerksam lesen, werden wir „Gutes finden“ und sagen können: „Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute findet“ (Ps 119,162).

19,9 „Ein falscher Zeuge wird nicht für schuldlos gehalten werden, und wer Lügen ausspricht, wird umkommen.“ (Spr 19,5)

Um zu verstehen, warum hier Vers 5 fast wörtlich wiederholt wird, müssen wir ihn in Zusammenhang mit dem vorigen Vers betrachten.

„Gutes finden“ können wir nur, wenn wir aufrichtig sind. „Wer verkehrten Herzens ist, wird das Gute nicht finden“ (Spr 17,20). Ein Verständiger wird niemals lügen oder falsches Zeugnis ablegen, denn „wer Verleumdung verbreitet, ist ein Tor“ (Spr 10,18).

Selbst in unserer Gesellschaft wird dieses Verhalten geächtet und bestraft. Ein Politiker, der einer Falschaussage überführt wird, muss zurücktreten. Wie viel mehr sollten wir uns vor dem Urteil Gottes fürchten!

19,10 „Nicht geziemt einem Toren Wohlleben; wie viel weniger einem Knecht, über Fürsten zu herrschen!“

Dieser Vers zeigt uns erstens, dass eine im Wohlstand lebende Person Weisheit benötigt. Ein „Tor“ wird mit dem ihm anvertrauten Gut nicht umgehen können. Der Einsichtige aber wird es in Verantwortung vor Gott verwalten. Das gilt auch für den geistlichen Bereich (2. Tim 1,14).

Den zweiten Teil können wir vielleicht mit Sprüche 11,29 erklären: „Der Narr wird ein Knecht dessen, der weisen Herzens ist.“ Der „Knecht“ wäre dann hier mit dem „Toren“ gleichzusetzen. Wie soll so jemand über Fürsten herrschen? Er wird aufgrund seiner fehlenden Einsicht wahrscheinlich ein Tyrann werden. Jeremia hat es erlebt: „Knechte herrschen über uns; da ist niemand, der uns aus ihrer Hand reißt“ (Klgl 5,8). Unter solchen „erzittert die Erde“ (Spr 30,21.22). Das gilt nicht nur in der Politik, sondern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

19,11 „Die Einsicht eines Menschen macht ihn langmütig, und sein Ruhm ist es, Vergehung zu übersehen.“

Indem der Einsichtige langmütig ist (Spr 14,29), ahmt er das Wesen Gottes nach (2. Mo 34,6). Er lässt sich auch nicht provozieren, sondern „übersieht“ jede Vergehung, die seine Person betrifft. Er ist nicht so leicht pikiert. Dieses Verhalten ehrt ihn. Es ist nicht Reichtum, der ihm Freunde und „Ruhm“ einbringt (V. 4.6), sondern Langmut, gepaart mit Gnade.

19,12 „Der Zorn des Königs ist wie das Knurren eines jungen Löwen, aber sein Wohlgefallen wie Tau auf das Gras.“ (Spr 20,2)

Wie bei Sprüche 14,28 ausgeführt, handelt es sich im Buch der Sprüche immer um den gerechten König, der meistens ein Bild von Christus ist. Wenn auch der Einsichtige Vergehungen, die seine Person betreffen, übersieht (V. 11), so werden sie doch vom König (Christus) in gerechtem „Zorn“ geahndet.

Wenn wir jemand Unrecht zugefügt haben, dürfen wir uns also nicht damit beruhigen, dass der Betreffende die Sache nach Vers 11 „nicht so ernst“ genommen hat. Wir stehen vor Gott, der – in seinen Regierungswegen mit uns – keine Sünde übersieht.

Das „Wohlgefallen“ des Königs ist eine himmlische Segnung („Tau“; vgl. Spr 16,15). Wir erlangen es, wenn wir – im Gegensatz zu Vers 9 – „gerechte Lippen“ haben (Spr 16,13; 12,22).

19,13–27: In diesen Versen finden wir erzieherische Appelle, insbesondere im Hinblick auf Faulheit und Mildtätigkeit. Sie werden eingerahmt durch Charakterisierungen abgedrifteter Söhne (V. 13.26.27).

19,13 „Ein törichter Sohn ist Verderben für seinen Vater; und die Zänkereien einer Frau sind eine beständige Traufe.“

Welche Probleme ergeben sich in manch einer Familie! Da gibt es einen törichten Sohn oder eine zänkische Frau (Spr 17,25; 27,15). Beide zerstören die häusliche Harmonie nachhaltig („beständig“). Das Wort „Verderben“ steht im Grundtext in der Mehrzahl, wodurch angedeutet wird, dass dieser Sohn seinem Vater auf vielfältige Weise Sorgen macht. Daher sind die folgenden Ermahnungen gerade für ihn enorm wichtig.

Wahrscheinlich ist die erwähnte Frau die Ehefrau des Vaters. Jedenfalls nimmt sie nicht die Stellung ein, die Gott einer Frau zugeordnet hat (1. Kor 11,3; 1. Tim 2,11.12). Es ist sogar anzunehmen, dass sie dazu beigetragen hat, dass der Sohn des Hauses zu einem törichten Sohn heranwuchs. – Unser Vorbild bleibt nie ohne Wirkung!

19,14 „Haus und Gut sind ein Erbteil der Väter, aber eine einsichtsvolle Frau kommt von dem Herrn.“

Irdischer Segen („Haus und Gut“) vererbt sich von Generation zu Generation, auch auf „törichte Söhne“ (V. 13). Weisheit dagegen kann nicht vererbt werden. Sie kommt von dem Herrn. Wenn der Sohn sich eine einsichtsvolle Frau „von dem Herrn“ zeigen lässt und sie heiratet, wird sein Haus von der Weisheit dieser Frau beseelt sein (Spr 18,22).

19,15 „Faulheit versenkt in tiefen Schlaf, und eine lässige Seele wird hungern.“

Ein Hauptthema dieses Kapitels ist ja die Freigebigkeit gegenüber dem Armen. Doch was ist, wenn der Sohn selbst zu den Armen gehört („hungert“)? Dann muss er sich fragen, ob vielleicht Faulheit die Ursache dazu war. Es ist nicht das erste Mal, dass die Sprüche davor warnen (z. B. Spr 6,6–11).

Faulheit macht auch unaufmerksam für die Bedürfnisse anderer („tiefer Schlaf“) und ist sogar ein unordentlicher Lebenswandel (2. Thes 3,11). Der Ausdruck „lässige Seele“ verdeutlicht, dass diese Einstellung aus dem Herzen kommt. Lässigkeit prägt den gesamten Lebensstil.

► Wir haben eine große Verantwortung im Blick auf die Verwendung unserer Zeit. Auch im geistlichen Leben zeigt es sich, dass eine lässige Seele Hunger leidet.

19,16 „Wer das Gebot bewahrt, bewahrt seine Seele; wer seine Wege verachtet, wird sterben.“

Durch diesen Zwischenappell sollen wir aufgeweckt werden, auf die Belehrungen dieses Abschnitts auch wirklich zu achten. „Deshalb will ich Sorge tragen, euch immer an diese Dinge zu erinnern, obwohl ihr sie wisst, und … euch durch Erinnerung aufzuwecken“ (2. Pet 1,12.13).

In Sprüche 7,2 forderte der Vater seinen Sohn auf: „Bewahre meine Gebote und lebe.“ Wir „bewahren unsere Seele“ vor der Sünde (und damit vor dem Tod), indem wir Gottes Gebote nicht einfach nur zur Kenntnis nehmen, sondern sie in unserem Herzen „bewahren“. Dort stehen sie sozusagen abrufbereit zur Verfügung. Im Einzelnen betrifft das unsere Worte („Mund“; Spr 13,3; 21,23) und unsere Handlungen („Wege“; Spr 16,17).

Wer Gottes Wege „verachtet“, will unabhängig von Gott leben. Das führt ihn ins Verderben. Und wer sogar den Weg verachtet, den Gott für unsere Erlösung bereitet hat, wird den ewigen Tod erleiden.

19,17 „Wer sich des Geringen erbarmt, leiht dem Herrn; und er wird ihm seine Wohltat vergelten.“

Wer sich der Geringen erbarmt, ist ein Nachahmer Christi, von dem in Psalm 72,13 prophetisch gesagt wird: „Er wird sich des Geringen und des Armen erbarmen“. Jeder von uns kann einem Armen begegnen, und es ist ein praktischer Test des Herzens, wie wir damit umgehen.

Dieser Vers sagt in erstaunlicher Präzision die Situation vor dem Tausendjährigen Reich voraus, wenn der Herr Jesus beim Gericht der Lebendigen die Gerechten belohnen wird. Er zählt ihnen auf, was sie alles für Ihn getan haben. Diese sind sich dessen gar nicht bewusst und fragen: „Herr, wann sahen wir dich hungrig und speisten dich, oder durstig und gaben dir zu trinken? Wann aber sahen wir dich als Fremdling und nahmen dich auf, oder nackt und bekleideten dich? Wann aber sahen wir dich krank oder im Gefängnis und kamen zu dir?“ Dann antwortet der Herr: „Wahrlich, ich sage euch, insofern ihr es einem der geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr es mir getan“ (Mt 25,37–40). Er wird es ihnen vergelten, indem sie in das Reich eingehen dürfen.

Auch wenn sich diese Verse nicht wortwörtlich auf uns beziehen, dürfen wir sie doch auch auf uns anwenden und diese Auflistung von Wohltaten aufmerksam durchlesen. Auch wir werden (wenn auch zu einer anderen Zeit) vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, „und dann wird einem jeden sein Lob werden von Gott“ (1. Kor 4,5; vgl. 2. Kor 5,10).

► Bedenke aber die folgenden Grundsätze. Erstens: „Wenn ich alle meine Habe zur Speisung der Armen austeile …, aber nicht Liebe habe, so nützt es mir nichts“ (1. Kor 13,3). Zweitens: „Tut Gutes, und leiht, ohne etwas zurückzuerhoffen, und euer Lohn wird groß sein“ (Lk 6,35).

19,18 „Züchtige deinen Sohn, weil noch Hoffnung da ist; aber trachte nicht danach, ihn zu töten.“

Die Erziehung der Kinder muss rechtzeitig beginnen (Spr 13,24). Solange noch „Hoffnung da ist“, kann der „junge Baum“ gebogen oder veredelt werden, um Frucht zu bringen. Auch wenn es in Sprüche 23,13 heißt: „Wenn du ihn [den Sohn] mit der Rute schlägst, wird er nicht sterben“, muss die Züchtigung doch angemessen sein. Vor allem darf sie nicht in Zorn oder Wut geschehen.

■ Plato soll einmal zu einem Sklaven gesagt haben: „Ich würde dich schlagen, aber ich bin zornig.“

Im Zorn kann man leicht dazu kommen, danach zu trachten, „ihn zu töten“. Wir müssen dabei weniger an den leiblichen Tod denken, sondern eher an die seelischen Folgen. Wir können ein Kind derart „niedermachen“, dass es einen seelischen Schaden davonträgt. „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden“ (Kol 3,21).

► Über ein Fehlverhalten kleiner Kinder sollte man nie lachen. Es ist wichtig, schon auf die ersten Anzeichen von Eigenwillen, Ungehorsam, Jähzorn und anderer Sünden angemessen zu reagieren.

19,19 „Wer jähzornig ist, muss dafür büßen; denn greifst du auch ein, so machst du es nur noch schlimmer.“

Es stimmt nachdenklich, dass sich dieser Vers unmittelbar der Aufforderung anschließt, den Sohn zu züchtigen. Dass (Jäh-)Zorn beim Vater schädlich ist, sahen wir schon. Aber wie steht es mit dem Sohn? Sollte Jähzorn tatsächlich die Reaktion auf eine in Liebe erfolgte Zuchtmaßnahme sein? Prüfen wir unser Herz, ob nicht auch wir manchmal innerlich aufbegehren, wenn Gott uns züchtigend in den Weg tritt!

In Sprüche 14,17 lernten wir, dass der Jähzornige Narrheit begeht. Es ist ihm nur zum Schaden, er wird dafür „büßen“ müssen. Das Schlimme ist, dass er sich derart in seinen Zorn hineinsteigert, dass man ihn nicht mehr bremsen kann. Eingreifen macht es „nur noch schlimmer“. Da ist es am besten, sich schweigend abzuwenden.

Eine derartige Steigerung des Zorns finden wir bei Saul. Er war sehr aufgebracht über das Verhalten Davids und zürnte auch seinem Sohn, weil dieser David in Schutz nahm. Als Jonathan daraufhin seinen Vater beschwichtigen wollte, steigerte sich dessen Zorn derart, dass er beinahe seinen eigenen Sohn mit dem Speer getötet hätte (1. Sam 20,30–33).

19,20 „Höre auf Rat und nimm Unterweisung an, damit du in der Zukunft weise bist.“

Ebenso wie die Züchtigung des Vaters (V. 18) rechtzeitig beginnen muss, soll auch der Sohn bereits in jungen Jahren auf Rat und Unterweisung hören (Spr 1,4) – sofern er „in der Zukunft weise“ sein möchte. Guten Rat und nützliche Unterweisung erhält er nicht nur von den Eltern, sondern insbesondere beim Lesen des Wortes Gottes oder auch in gemeinsamen Bibelstunden. Es ist bekannt, dass man in der Jugend am besten lernen kann. Aber ein junger Mensch ist auch noch stark beeinflussbar – von Gutem wie von Bösem! Daher ist es umgekehrt auch wichtig, Kinder von schlechten Einflüssen fernzuhalten (V. 27).

► Weisheit kommt nicht von heute auf morgen. Du musst sie dir nach und nach aneignen.

19,21 „Viele Gedanken sind im Herzen eines Mannes; aber der Ratschluss des Herrn, er kommt zustande.“

Wie gescheit und vielfältig unsere Gedanken auch sein mögen – sie kommen nur zustande, wenn sie mit dem „Ratschluss des Herrn“ übereinstimmen (vgl. Spr 16,9). Er, der weise und mächtige Gott, sagt: „Der ich von Anfang an das Ende verkünde und von alters her, was noch nicht geschehen ist; der ich spreche: Mein Ratschluss soll zustande kommen, und all mein Wohlgefallen werde ich tun“ (Jes 46,10). In seinen Regierungswegen passt Er zwar seine Handlungsweise unserem Verhalten an, aber letzten Endes wird sein Ratschluss erfüllt. Das ist einerseits beruhigend, andererseits spornt es uns an, unsere Gedanken mit den seinen in Übereinstimmung zu bringen. Täten wir dies, würden wir uns auch nicht so „viele Gedanken“ machen. Sie zeugen ja nur davon, dass unser Denken flatterhaft und unvollkommen ist.

► Übrigens: In seinem Namen beten können wir nur, wenn unsere Wünsche und Gedanken mit seinem Willen übereinstimmen. Und dann wird Er unser Gebet erhören (Joh 14,13)!

19,22 „Die Willigkeit des Menschen macht seine Mildtätigkeit aus, und besser ein Armer als ein lügnerischer Mann.“

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, sagt ein Sprichwort. Wenn überhaupt erst mal die innere Bereitschaft zum Helfen vorhanden ist, wird sich auch das Weitere regeln. Natürlich müssen wir Energie aufwenden, um den Willen auch wirklich in die Tat umzusetzen. Daher mahnt Paulus die Korinther: „Nun aber vollbringt auch das Tun, damit, wie die Bereitschaft zum Wollen, so auch das Vollbringen da sei nach dem, was ihr habt“ (2. Kor 8,11).

Gute Pläne allein helfen niemand. Wenn wir großmütig Hilfe versprechen, aber dann untätig bleiben, haben wir gelogen (Spr 3,28). Jakobus schreibt dazu: „Wenn aber ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und der täglichen Nahrung entbehrt, jemand von euch spricht aber zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht das für den Leib Notwendige – was nützt es?“ (Jak 2,15.16). Dann hat man es besser mit einem „Armen“ zu tun, der nichts geben kann, als mit einem „lügnerischen“ Reichen, der leere Versprechungen abgibt.

■ Die Willigkeit des Herrn Jesus ließ Ihn auf die Erde kommen. Und welch eine Mildtätigkeit übte Er hier aus! Er ging umher, „wohl tuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren“ (Apg 10,38).

19,23 „Die Furcht des Herrn ist zum Leben; und gesättigt verbringt man die Nacht, wird nicht heimgesucht vom Unglück.“

Die „Furcht des Herrn“ bewirkt bleibende Zufriedenheit. Weil man in Übereinstimmung mit Gott lebt, erwartet man alles im Leben von Ihm und bekommt auch alles von Ihm. Daher hat man auch in dunklen Tagen („Nacht“) keinen Mangel. Die Welt dagegen „sättigt“ nur am Tag: Ihre Freuden bringen nur in guten Zeiten eine gewisse Befriedigung. In Not und Trauer kann sie nicht wirklich helfen.

Die Furcht des Herrn gibt uns Sicherheit und nimmt uns die Angst vor zukünftigen Ereignissen. Was Menschen „Unglück“ nennen, ist für uns etwas, was „zum Guten mitwirkt“ (Röm 8,28; vgl. Ps 91,9–11).

■ Die Furcht des Herrn führt einen Menschen zur Neugeburt, „zum Leben“. Und wenn er an Jesus Christus glaubt, besitzt er sogar das ewige Leben (Joh 3,16).

19,24 „Hat der Faule seine Hand in die Schüssel gesteckt, nicht einmal zu seinem Mund bringt er sie zurück.“ (Spr 26,15)

Der Faule kennt keine Furcht des Herrn. Deswegen wird er auch nicht „gesättigt“ (V. 15.23). Er unternimmt zwar ansatzweise den Versuch, Nahrung zu erhalten, indem er „seine Hand in die Schüssel steckt“, doch zum Essen ist er zu faul. Eine sehr drastische Beschreibung für einen Menschen, der alles Mögliche plant, aber nichts ausführt. So bleibt er Zeit seines Lebens erfolglos.

► Wirkliche Nahrung erhalten wir aus Gottes Wort nur, wenn wir uns die Mühe machen, es zu „essen“, es in unser Herz aufzunehmen. Oberflächliches Lesen ist geistige Faulheit!

19,25 „Schlägst du den Spötter, so wird der Einfältige klug; und weist man den Verständigen zurecht, so wird er Erkenntnis verstehen.“ (Spr 21,11)

Es hat keinen Sinn, einen Spötter zu strafen (Spr 9,7.8). Er verachtet nicht nur Menschen, sondern auch Gott. Aufrufe zu Fleiß, Mildtätigkeit und Gottesfurcht lassen ihn kalt. Aber der Einfältige (s. Auslegung zu Spr 1,4) beobachtet, wie es dem Spötter ergeht. Es öffnet ihm die Augen und er „wird klug“. Die Schläge, die der Spötter erhält, dienen also zur Abschreckung. Sie ändern nicht ihn, dafür aber andere.

Ein Verständiger nimmt jede Zurechtweisung an und lernt („versteht“) Erkenntnis, denn er „sucht“ sie (Spr 15,14). Dieser Weg ist vorzüglicher, als lediglich durch abschreckende Beispiele klug zu werden.

19,26 „Wer den Vater zugrunde richtet, die Mutter verjagt, ist ein Sohn, der Schande und Schmach bringt.“

Ist ein Sohn faul (V. 24), kann er den „Vater zugrunde richten“; ist er ein Spötter (V. 25), kann er dadurch seine „Mutter verjagen“ – eine niederschmetternde Charakterisierung des Sohnes! Sie ist einmalig in den Sprüchen. Kann er überhaupt noch „Sohn“ genannt werden? Dieser Vers ist ein Ansporn für Eltern, die Ermahnung des 18. Verses zu beherzigen, damit es gar nicht erst zu solchen Auswüchsen kommt.

► Wir bringen Schande und Schmach auf den Namen unseres Herrn, wenn wir als Gläubige (denn davon ist der Sohn auch ein Bild) die in diesem Abschnitt verurteilten Eigenschaften tragen.

19,27 „Lass ab, mein Sohn, auf Unterweisung zu hören, die abirren lässt von den Worten der Erkenntnis.“

Unsere Kinder stehen zwischen zwei Fronten. In der Schule oder Universität (oder auf der Straße?) werden sie mit unbiblischen Prinzipien und Lehren konfrontiert, die sie „abirren“ lassen. Zu Hause und in der christlichen Gemeinde empfangen sie gute, biblisch fundierte Unterweisung. Wir können sie nur immer wieder warnen und auf den rechten Weg hinweisen – nicht zuletzt durch eigenes vorbildhaftes Verhalten.

Paulus beendet seinen ersten Brief an Timotheus mit der eindringlichen Bitte: „O Timotheus, bewahre das anvertraute Gut, indem du dich von den ungöttlichen, leeren Geschwätzen und Widersprüchen der so genannten Kenntnis wegwendest“ (1. Tim 6,20).

19,28–29: Das Kapitel schließt mit einer Schilderung der Abtrünnigen und ihres Gerichts. Es geht um Belialszeugen, Gottlose, Spötter und Toren.

19,28 „Ein Belialszeuge verspottet das Recht, und der Mund der Gottlosen verschlingt Unheil.“

Ein Belialszeuge stiftet durch seine Worte nur Unheil (Spr 6,12). „Spottend“ setzt er sich über jedes Recht hinweg. Auch das göttliche Gericht existiert für ihn nicht. Der Gottlose stimmt ihm bei und labt sich sozusagen an dem gestifteten Unheil („verschlingt“ es). Er gleicht dem „Mann, der Unrecht trinkt wie Wasser“ (Hiob 15,16).

19,29 „Für die Spötter sind Gerichte bereit, und Schläge für den Rücken der Toren.“

Vielleicht sind wir überrascht, dass bei dieser Gerichtsankündigung nur die Spötter und Toren erwähnt werden. Ist ihre Sünde nicht deutlich harmloser als die der „Belialszeugen“ und „Gottlosen“ (V. 28)? Nein, denn es sind Menschen, die sich in hochmütiger und abfälliger Weise über jegliche Zurechtweisung hinweggesetzt haben. Sie haben – neutestamentlich gesehen – das Angebot der Gnade Gottes bewusst abgewiesen. „Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten!“ (Gal 6,7). Solche empfangen ein schwereres Gericht: „Jener Knecht aber, der den Willen seines Herrn kannte und sich nicht bereitet noch nach seinem Willen getan hat, wird mit vielen Schlägen geschlagen werden“ (Lk 12,47; vgl. Spr 26,3).

■ Jesus empfand den Spott der Menschen besonders tief. Bei der Ankündigung seiner Leiden begann Er mit den Worten „Er wird den Nationen überliefert werden und wird verspottet und geschmäht und angespien werden“ (Lk 18,32). Auch für diese Spötter sind Gerichte bereit.

Kapitel 20

Im Wesentlichen vermittelt uns dieses Kapitel die richtige Sichtweise auf unser persönliches Leben und auf die menschliche Kommunikation. Über allem steht der König, dessen Urteil mehrfach Erwähnung findet.

Eine Einteilung des Kapitels ist nur schwer möglich; hier ein Versuch:

Spr 20,1–13: Der klare Blick auf verschiedene Lebenssituationen
Spr 20,14–20: Lippen der Falschheit und der Erkenntnis
Spr 20,21–30: Beurteilung eigener und fremder Taten

20,1–13: In diesen Versen geht es vor allem um den nüchternen und klaren Blick auf die verschiedenen Situationen des Lebens. Der König überwacht alles und ist bereit zum Gericht.

20,1 „Der Wein ist ein Spötter, starkes Getränk ein Lärmer; und jeder, der davon taumelt, wird nicht weise.“

Der Einfluss von Alkohol oder anderen berauschenden Drogen macht aus einem Menschen einen „Spötter“, der lauthals seine Torheit hinausposaunt. Wir erkennen eine enge Verknüpfung mit dem letzten Vers des vorigen Kapitels. Für ihn sind „Gerichte bereit“.

Gegen „ein wenig Wein“ (1. Tim 5,23) ist nichts zu sagen. Es gibt nichts von Gott Geschaffenes, das nicht seinen wichtigen und guten Platz hat, sofern der Mensch es nicht zur Befriedigung seiner Begierden einsetzt. Übermäßiger Alkoholgenuss trübt die Sinne und macht vor allem blind in Bezug auf den Willen Gottes. Man „wird nicht weise“.

Dass nicht nur „primitive“ Menschen in dieser Gefahr stehen, zeigt folgendes Zitat: „Priester und Prophet wanken von starkem Getränk, sind übermannt vom Wein, taumeln vom starken Getränk; sie wanken beim Gesicht, schwanken beim Rechtsprechen“ (Jes 28,7). Nicht umsonst warnt uns Gott: „Und berauscht euch nicht mit Wein, in dem Ausschweifung ist, sondern werdet mit dem Geist erfüllt“ (Eph 5,18; vgl. Spr 23,30–35; Lk 21,34). Vielen Menschen raubt die Trunksucht ihre Kraft, ihre Gesundheit, ihre Urteilsfähigkeit und ihren Ruf, siehe Noah und Lot (1. Mo 9,20–24; 19,30–36).

Aber selbst wenn wir uns nicht regelrecht betrinken, sondern nur ein wenig „angeheitert“ sind, verlieren wir den klaren Blick für das, was anständig ist. Typische Folgen sind „Schändlichkeit und albernes Geschwätz oder Witzelei, die sich nicht geziemen“ (Eph 5,4).

Dieses Thema der Unnüchternheit durchzieht das ganze Kapitel.

20,2 „Der Schrecken des Königs ist wie das Knurren eines jungen Löwen; wer ihn gegen sich aufbringt, verwirkt sein Leben.“ (Spr 19,12)

Dieser Vers geht weiter als Sprüche 19,12. Dort ging es um den „Zorn“, hier um den „Schrecken“ des Königs. Das bedeutet Gericht. Es ist das Gericht über den Spötter, der den König „gegen sich aufbringt“. Wir würden heute sagen: Es geht um Widerstand gegen die Staatsgewalt.

Hierzu gibt der Römerbrief ernste Belehrungen: „Wer sich der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil über sich bringen. Denn die Regenten sind nicht ein Schrecken für das gute Werk, sondern für das böse. … Wenn du aber Böses verübst, so fürchte dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der das Böse tut“ (Röm 13,2–4).

■ Wenn der Herr Jesus im Tausendjährigen Reich regiert, wird Er „jeden Morgen alle Gottlosen des Landes vertilgen“ (Ps 101,8).

20,3 „Ehre ist es dem Mann, vom Streit abzustehen; wer aber ein Narr ist, stürzt sich hinein.“

Wo der unweise, lärmende Spötter aus Vers 1 auftaucht, entsteht Streit (Spr 22,10). Der „Narr“, der ja ebenso wie dieser „Mangel an Verstand“ hat (Spr 10,21; 14,6), „stürzt sich“ mit seinen Ansichten mitten in das Streitgespräch hinein. Er findet dabei anscheinend seine Befriedigung in der Meinung, er sei klüger als die anderen Narren.

Wenn wir die Lage richtig beurteilen, werden wir schnell feststellen, dass wir hier nichts zu suchen haben. Wir würden uns mit diesen Menschen auf eine Stufe stellen. Stattdessen „ehrt“ es uns, wenn wir einen Bogen um jeden Streit machen oder ihn sogar zu beschwichtigen versuchen (Spr 15,18). Vor allem sollten wir nie selbst einen Streit beginnen. „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten“ (2. Tim 2,24). Jakobus lehrt: „Wo Neid und Streitsucht ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat. Die Weisheit von oben aber ist … friedsam …, unparteiisch“ (Jak 3,16.17). Wenn „der Friede des Christus“ in unseren Herzen regiert (Kol 3,15), stellen wir eine Barriere gegen jeden Streit dar.

20,4 „Wegen des Winters will der Faule nicht pflügen; zur Erntezeit wird er begehren, und nichts ist da.“

Wie dem Trinker fehlt auch dem Faulen der klare Blick für die richtige Einschätzung einer Situation. Seine Trägheit hindert ihn daran, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun – was ja ein Kennzeichen der Weisheit ist. Jeglicher Vorausblick fehlt ihm. Da er keine Vorsorge für die Zukunft getroffen hat, „wird er begehren, und nichts ist da“.

■ Dies erinnert an die fünf törichten Jungfrauen, die kein Öl mitnahmen. Als sie diesen Mangel feststellten, war es bereits zu spät (Mt 25,1–13).

Es ist auch nicht gut, lästige, aber notwendige Aufgaben auf später zu verschieben. Eine faule Ausrede ist schnell gefunden. Auch wenn der Herr uns deutlich einen Dienst aufträgt, sollten wir nicht auf widrige Umstände blicken (vgl. Spr 22,13), sondern Ihm vertrauensvoll Gehorsam leisten.

► Wenn wir wegen jeder „Unpässlichkeit“ (nicht nur „winterliche“ Verhältnisse) den Zusammenkünften der Gläubigen fernbleiben, wird bald „nichts mehr da sein“.

20,5 „Tiefes Wasser ist der Ratschluss im Herzen des Mannes, aber ein verständiger Mann schöpft ihn heraus.“

Der Weise ist nicht oberflächlich, sondern er fasst wohl durchdachte („tiefe“) Pläne. Er hat stets die richtige Sichtweise. So kann er anderen „verständigen Männern“, nicht zuletzt dem „Sohn“, zum großen Nutzen sein. Diese „schöpfen“ aus seiner Erkenntnis. Sie fragen ihn, nehmen seine Worte auf – die ja ebenfalls „tiefe Wasser“ sind (Spr 18,4) –, lesen vielleicht seine Bücher oder beobachten einfach nur sein Wesen.

Timotheus war so ein „verständiger Mann“, der bei Paulus, seinem Vater im Glauben, geschöpft hatte: „Du aber hast genau erkannt meine Lehre, mein Betragen, meinen Vorsatz, meinen Glauben, meine Langmut, meine Liebe, mein Ausharren“ (2. Tim 3,10).

20,6 „Die meisten Menschen rufen ein jeder seine Güte aus; aber einen zuverlässigen Mann, wer wird ihn finden?“

„Eigenlob stinkt“ – doch obwohl dies jeder weiß, wird es doch unaufhörlich praktiziert (Spr 27,2). Prahlerei ist eine Eigenschaft des bösen und stolzen Herzens (Röm 1,30; 2. Tim 3,2). Auch wenn wir vielleicht nicht darüber reden, so sind wir doch oft innerlich von unserer „Güte“ überzeugt. Der Pharisäer in Lukas 18,11.12 „betete bei sich selbst“ und zählte Gott seine „lobenswerten“ Eigenschaften auf.

In der Bergpredigt greift der Herr Jesus dieses Thema auf: „Wenn du nun Wohltätigkeit übst, sollst du nicht vor dir herposaunen lassen, wie die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, damit sie von den Menschen geehrt werden. … Du aber, wenn du Wohltätigkeit übst, so lass deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut“ (Mt 6,2.3).

Gott kennt unsere Herzen. Er weiß, wie es um unsere „Güte“ bestellt ist. Wir selbst haben nur einen verschwommenen Blick dafür und machen uns leicht etwas vor. Aber Er beurteilt uns nicht nach unseren Worten, sondern nach unseren Taten. Er sieht, ob wir „zuverlässig“ sind. Diese Eigenschaft wird – so sagt es Salomo hier – in der Welt kaum gefunden.

Doch – Gott sei Dank! – gibt es auch Gerechte. Menschen, auf die man sich verlassen kann. Das zeigt der folgende Vers.

20,7 „Wer in seiner Lauterkeit gerecht wandelt, glückselig sind seine Kinder nach ihm!“

Ein Ansporn für Eltern – ein Anlass zur Dankbarkeit für Kinder gläubiger Eltern! Bislang stand meistens die Unterweisung der Kinder durch ihre Eltern im Vordergrund. Hier wird mehr auf ihr Vorbild („Wandel“) hingewiesen. Kinder sind gute Beobachter – und gute Nachahmer!

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum diese Kinder „glückselig“ sind. Gott kann ihre Eltern aufgrund ihrer „Lauterkeit“ segnen. Dieser Segen ruht dann auf der ganzen Familie (vgl. 1. Kor 7,14). Solche Kinder haben es leichter, sich zu bekehren und an den Herrn Jesus zu glauben. „Der Gute vererbt auf Kindeskinder“ (Spr 13,22).

Ein Beispiel hierfür sind Zacharias und Elisabeth. Von ihnen sagt Gottes Wort: „Beide aber waren gerecht vor Gott und wandelten untadelig in allen Geboten und Satzungen des Herrn“ (Lk 1,6). Ihr Sohn Johannes war der „glückselige“ Herold des Herrn Jesus.

20,8 „Ein König, der auf dem Thron des Gerichts sitzt, zerstreut alles Böse mit seinen Augen.“

Uns fehlt oft die richtige Sichtweise. Wenn es um eine Beurteilung unserer eigenen Wege geht, sind wir meist sehr nachsichtig, wogegen wir bei anderen oft scharf und kritisch urteilen (V. 10). Doch der „König“, unser Herr Jesus, hat stets das richtige Urteil. „Kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles ist bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben“ (Heb 4,13). Seine Augen sind „wie eine Feuerflamme“ (Off 1,14) und sie „sichten“ das Böse (FußEÜ). Es ist gut, wenn wir uns im täglichen Leben dessen stets bewusst sind.

20,9 „Wer darf sagen: Ich habe mein Herz gereinigt, ich bin rein geworden von meiner Sünde?“

Wer so spricht, hat noch weniger Selbsterkenntnis als der Mann aus Vers 6, der seine guten Taten anpreist. Jakobus beschreibt, wie es in unserer Lebenspraxis aussieht: „Wir alle straucheln oft“ (Jak 3,2). Das wird jeder aufrichtige Mensch bestätigen. Und er wird einsehen, dass er nicht in der Lage ist, sein Herz selbst zu reinigen. Er wird Gott gleichsam bitten: „Entsündige mich mit Ysop, und ich werde rein sein; wasche mich, und ich werde weißer sein als Schnee“ (Ps 51,9).

Wir wissen: Nur „das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde“ (1. Joh 1,7). Darin finden wir die Antwort auf den zweiten Teil der Frage unseres Verses: Wer seine Sünden bekennt und glaubt, dass Jesus Christus für diese Sünden gestorben ist, darf sagen: „Ich bin rein geworden von meiner Sünde“ (vgl. 1. Joh 1,9).

20,10 „Zweierlei Gewichtssteine, zweierlei Epha, sie alle beide sind dem Herrn ein Gräuel.“ (Spr 20,23)

Vordergründig geht es hier um die Praxis, je nach Kunde verschiedene Gewichts- und Hohlmaße zu verwenden. Gott kannte diese Gefahr im Voraus und gebietet deswegen ausdrücklich: „Du sollst nicht zweierlei Gewichtssteine in deinem Beutel haben, einen großen und einen kleinen. Du sollst nicht zweierlei Epha in deinem Haus haben, ein großes und ein kleines“ (5. Mo 25,13–15).

Der Zusammenhang, in dem dieser Vers steht, führt uns allerdings zu einer tiefergehenden Deutung: Wir dürfen eigene Fehler (V. 9) nicht mit anderem Maß messen als die Fehler anderer (V. 11). Das bestätigt auch Sprüche 17,15, wo zwei ähnliche Sünden genannt werden, die „alle beide dem Herrn ein Gräuel“ sind. Dort werden wir aufgefordert, objektiv zu urteilen. Müssen wir uns nicht oft der Parteilichkeit anklagen?

20,11 „Sogar ein Knabe gibt sich durch seine Handlungen zu erkennen, ob sein Tun lauter und ob es aufrichtig ist.“

Wir könnten ergänzen: „… wie viel mehr ein Erwachsener“. Mit Worten kann man zwar einiges verbergen und verschleiern, aber Taten sprechen eine deutliche Sprache. Entsprechend sagt der Herr Jesus: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. … So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte“ (Mt 7,16.17). Und Paulus bestätigt: „Offenbar aber sind die Werke des Fleisches“ (Gal 5,19). Und selbst wenn einiges nicht sofort erkennbar ist, so gilt doch: „Von einigen Menschen sind die Sünden vorher offenbar und gehen voraus zum Gericht, einigen aber folgen sie auch nach. Ebenso sind auch die guten Werke vorher offenbar, und die, die anders sind, können nicht verborgen bleiben“ (1. Tim 5,24.25).

20,12 „Das hörende Ohr und das sehende Auge, der Herr hat sie alle beide gemacht.“

Gott hat uns (neben unserem Tast- und Geruchssinn) „sehende“ Augen und „hörende“ Ohren gegeben, damit wir unsere Umgebung wahrnehmen können. Wir sollen mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen. Nicht um all das Böse in ihr aufzunehmen (Jes 33,15), sondern um zu einer objektiven Einschätzung der Personen (V. 11) und Geschehnisse (V. 4) zu gelangen. Dazu benötigen wir natürlich nicht nur unsere natürlichen, sondern auch unsere geistigen Augen und Ohren.

Darüber hinaus sollen wir aber auch immer bereit sein, das aufzunehmen, was Gott uns zeigt und sagt, damit Er uns nicht wie sein Volk tadeln muss: „Hört doch dies, törichtes Volk ohne Verstand, die Augen haben und nicht sehen, die Ohren haben und nicht hören“ (Jer 5,21).

■ Gott seinerseits „hört“ und „sieht“ alles, was sich in unserem Leben abspielt: „Der das Ohr gepflanzt hat, sollte er nicht hören? Der das Auge gebildet hat, sollte er nicht sehen?“ (Ps 94,9).

20,13 „Liebe nicht den Schlaf, damit du nicht verarmst; tu deine Augen auf, so wirst du satt Brot haben.“

Gott hat uns „sehende Augen“ gegeben (V. 12). Aber wir sind geneigt, sie aus lauter Schläfrigkeit zu verschließen (Spr 6,9–11). Dieser Vers mahnt nicht nur Langschläfer, rechtzeitig an ihre Arbeit zu gehen. Er fordert auch jeden von uns auf, mit einem wachen Blick den Gefahren in dieser Welt auszuweichen, damit wir nicht geistlich „verarmen“. „Deshalb sagt er: Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!“ (Eph 5,14).

20,14–20: Wir müssen lernen, zwischen Worten der Falschheit und solchen der Erkenntnis zu unterscheiden – bei anderen und bei uns selbst. Das ist Voraussetzung für ein klares Urteilsvermögen.

20,14 „,Schlecht, schlecht!’, spricht der Käufer; und wenn er weggeht, dann rühmt er sich.“

So ist unser Herz: Eine Ware schlecht reden, den Preis herunterhandeln, die Ware weit unter Wert erwerben und sich dann noch der eigenen Pfiffigkeit – eigentlich des Betrugs! – „rühmen“. Muss gesagt werden, dass ein solches Verhalten eines Christen unwürdig ist?

► Wir sollten uns bei jedem ausgehandelten „Schnäppchen“ überlegen, ob wir den Kauf mit gutem Gewissen tätigen können.

Hier begegnen wir zwei Arten von Sünde: Zunächst der Hinterlist, gepaart mit Übertreibung, denn oft werden winzige Mängel der Ware aufgebauscht. Das ist eine Form der Falschheit. Zweitens haben wir es mit Übervorteilung zu tun, was letztlich Diebstahl ist.

■ Umgekehrt stehen auch Verkäufer in der Gefahr, ihre Ware über Wert anzupreisen, um höhere Einnahmen zu erzielen. Auch das ist Betrug.

20,15 „Es gibt Gold und Korallen in Menge; aber ein kostbares Gerät sind Lippen der Erkenntnis.“

Im Reich Salomos gab es tatsächlich Gold und edle Materialien „in Menge“ (vgl. 2. Chr 1,15). Aber als weiser Mann wusste er, dass der Wert von „Lippen der Erkenntnis“ weit darüber hinausgeht. In Sprüche 8,10.11 schreibt er: „Nehmt … Erkenntnis lieber als auserlesenes, feines Gold. Denn Weisheit ist besser als Korallen, und alles, was man begehren mag, kommt ihr nicht gleich.“

Stillschweigend ergeht hier die Aufforderung, unsere Worte zu prüfen. Sind sie von Bosheit oder Falschheit geprägt – wovor viele Verse dieses Abschnitts warnen – oder werden sie von der Weisheit, also unserem Herrn Jesus, gesteuert? Das wäre ein „kostbarer Schmuck“ (FußEÜ).

20,16 „Nimm ihm das Kleid, denn er ist für einen anderen Bürge geworden; und der Fremden wegen pfände ihn.“ (= Spr 27,13)

Wie schon erwähnt (Spr 6,1) vertraut man bei einer Bürgschaft auf zukünftige Ereignisse, auf die man keinen Einfluss hat. Der Ausdruck „Nimm ihm das Kleid“ weist darauf hin, dass der Bürge in Gefahr steht, alles zu verlieren. Diese Gefahr ist deswegen besonders groß, weil er für „Fremde“ bürgt, also für nicht vertrauenswürdige Personen (Spr 2,16; 5,3). Er wird gepfändet, d. h. alles, was er vielleicht noch haben mag, gehört ihm nicht mehr.

Hier werden wir also erneut vor leichtfertigen Versprechungen gewarnt. Sie stammen jedenfalls nicht von „Lippen der Erkenntnis“ (V. 15)!

20,17 „Das Brot der Falschheit ist einem Mann süß, aber danach wird sein Mund voll Kies.“

Nun wird die Falschheit (V. 14) wieder ganz allgemein aufgegriffen, jetzt aber mit Angabe ihrer Folgen. Der bildliche Ausdruck „Brot der Falschheit ist süß“ soll andeuten, dass man seinen Genuss darin findet, andere zu täuschen und zu hintergehen (Spr 4,17). Dagegen steht: „Von der Frucht seines Mundes wird ein Mann mit Gutem gesättigt“ (Spr 12,14).

Der Vers „Er hat mit Kies meine Zähne zermalmt, hat mich niedergedrückt in die Asche“ (Klgl 3,16) belehrt uns über die Bedeutung des zweiten Versteils. Zophar drückt es so aus: „Wenn das Böse in seinem Mund süß war …, so ist doch nun seine Speise in seinen Eingeweiden verwandelt; Schlangengalle ist in seinem Innern“ (Hiob 20,12.14). Seine Worte hinterlassen bei ihm einen bitteren Nachgeschmack. Er muss sich ihrer schämen.

20,18 „Pläne kommen durch Beratung zustande, und mit weiser Überlegung führe Krieg.“ (Spr 24,6)

„Pläne scheitern, wo keine Besprechung ist; aber durch viele Ratgeber kommen sie zustande“ (Spr 15,22; vgl. Spr 11,14). Teamwork ist angesagt, auch bei geistlichen Problemlösungen. Es mögen jedoch hunderte von Beratern zugegen sein: Ohne die „Beratung“ des Herrn ist alles vergeblich!

Auf den zweiten Teil wirft Lukas 14,31 Licht: „Welcher König, der auszieht, um sich mit einem anderen König in Krieg einzulassen, setzt sich nicht zuvor hin und beratschlagt, ob er imstande sei, dem mit zehntausend entgegenzutreten, der gegen ihn kommt mit zwanzigtausend?“ Das bedeutet: Wenn wir dem Herrn nachfolgen wollen, müssen wir einerseits die uns entgegenstehenden Mächte richtig einschätzen und andererseits in dem Bewusstsein leben, dass Er trotzdem der Stärkere ist. Das ist eine „weise Überlegung“.

■ Warnende Beispiele von Königen, die ohne göttliche Beratung in den Krieg zogen und vernichtet wurden, sind Ahab, Amazja und Josia.28

20,19 „Wer als Verleumder umhergeht, enthüllt das Geheimnis; und mit dem, der seine Lippen aufsperrt, lass dich nicht ein.“ (Spr 11,13)

Verleumdung ist eine weitere Art der Falschheit. Immer wieder werden wir vor ihr gewarnt. Erkennen können wir sie daran, dass jemand „seine Lippen aufsperrt“, d. h. ein Schwätzer oder eine „Klatschbase“ ist. Bei so einer Person müssen wir sehr vorsichtig sein. Gern sagt sie etwas, was eigentlich hätte geheim bleiben sollen.

► Bevor du dir irgendwelche Informationen über eine Person oder eine Angelegenheit anhörst, frage deinen Gesprächspartner am besten Folgendes:

  • Aus welcher Quelle stammen sie?
  • Bist du zu 100% sicher, dass sie wahr sind?
  • Darfst du sie weitergeben?
  • Sind sie nützlich?

20,20 „Wer seinem Vater oder seiner Mutter flucht, dessen Leuchte wird in tiefster Finsternis erlöschen.“

Als letztes wird in diesem Abschnitt das „Fluchen“ verurteilt, insbesondere wenn es den eigenen Eltern gilt (Spr 30,11). Dies geht weiter als die Missachtung des Gebots: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ (2. Mo 20,12). Es ist die bewusste Verunglimpfung der Eltern oder das Herbeiwünschen von Schande und Unglück über sie. Dem geht eine Verachtung der Eltern voraus, was seinerseits mit Fluch bestraft wird: „Verflucht sei, wer seinen Vater oder seine Mutter verachtet!“ (5. Mo 27,16).

Dieser Mensch missachtet nicht nur die natürlichen Bande, sondern verwirft auch die ihm durch seine Eltern vermittelte Weisheit und damit Gott selbst. Zur Strafe wird er von der „Leuchte“, die ihm durch seine Erziehung vermittelt worden ist, nicht mehr profitieren können: Sie wird „in tiefster Finsternis erlöschen“. „Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß die Finsternis!“ (Mt 6,23).

► Möge niemand von uns auch nur im Entferntesten oder in den Tiefen des Herzens seinem Vater oder seiner Mutter fluchen. Auch nicht nach ihrem Tod und auch nicht, wenn sie ungläubig sind (waren).

20,21–30: Wir erhalten nun ab Vers 22 Unterweisungen über eine gerechte und weise Beurteilung eigener und fremder Taten. Vers 21 kann als Übergangsglied angesehen werden.

20,21 „Ein Erbe, das hastig erlangt wird im Anfang, dessen Ende wird nicht gesegnet sein.“

Wer sein Erbe hastig erlangen will, offenbart dadurch einerseits seine Habsucht, andererseits seine Verachtung von Vater und Mutter. Er kann die beiden nicht schnell genug unter der Erde sehen. Dass eine solche Einstellung nicht zum Segen führen kann, ist offensichtlich.

Mephiboseth verhielt sich hierin vorbildlich. Als David das Erbe Sauls zwischen ihm und Ziba aufteilen wollte, sagte er: „Er mag auch das Ganze nehmen“ (2. Sam 19,31). Diese Gesinnung sollte auch uns prägen, wenn es um die Aufteilung eines Erbes geht.

Es gibt auch Menschen, die schon vor dem Tod ihrer Eltern die Auszahlung des Erbes verlangen. So tat es der Sohn in Lukas 15. Vorzeitig („hastig“) forderte er: „Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt“ (Lk 15,12). Am Ende war sein ganzes Erbe verloren.

20,22 „Sprich nicht: Ich will Böses vergelten. Harre auf den Herrn, so wird er dich retten.“

Die neutestamentliche Version dieser Belehrung lautet: „Rächt nicht euch selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben:,Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr.’“ Der Abschnitt endet mit den Worten: „… überwinde das Böse mit dem Guten“ (Röm 12,19.21; vgl. Spr 24,29). Es ist ein Zeichen von Sanftmut und Demut, wenn wir zu einem Unrecht, das uns zugefügt wird, schweigen. Und wer weiß, ob wir es nicht sogar verdient haben? David sah diese Möglichkeit, als Simei ihm fluchte (2. Sam 16,10), und rächte sich nicht. Er „harrte auf den Herrn“, der ihn auch schließlich rettete.

► Es ist bezeichnend, dass unser Blick hier nicht auf die Vergeltung des Herrn gerichtet wird. Es geht nur um unsere Rettung. Was der Herr mit dem anderen macht, hat uns nicht zu interessieren.

20,23 „Zweierlei Gewichtssteine sind dem Herrn ein Gräuel, und trügerische Waagschalen sind nicht gut.“ (Spr 20,10; 11,1)

Die Wiederholung dieser Aussage ist sicher nicht von ungefähr. Hier steht sie zwischen zwei Versen, die vom Eingreifen Gottes sprechen. Er misst niemals mit zweierlei Maß. Wenn wir das Böse selbst vergelten würden (V. 22), wäre unser Urteil sicher oft zu scharf, wogegen die Beurteilung unserer eigenen Wege zu lasch ausfiele. Dafür fehlt uns das Verständnis (V. 24). Aber Gott hat immer ein „ausgewogenes“ Urteil.

20,24 „Die Schritte des Mannes hängen ab von dem Herrn; und der Mensch, wie sollte er seinen Weg verstehen?“

Wir sollten uns stets der Abhängigkeit vom Herrn bewusst sein. Dabei ist es bezeichnend, dass das hebräische Wort für „Mann“ auch mit „Starker“ übersetzt werden kann. Also selbst dann, wenn wir uns stark fühlen, können wir keinen Schritt ohne Ihn tun. „Von dem Herrn werden die Schritte des Mannes befestigt“ (Ps 37,23). Deshalb ist es erforderlich, immer neu um seine Leitung zu bitten.

► Um gehen zu können, muss man erst vor Gott knien.

Manches, was uns auf unserem Weg begegnet, „verstehen“ wir nicht. Wir müssen bekennen: „Im Meer ist dein Weg, und deine Pfade sind in großen Wassern, und deine Fußstapfen sind nicht bekannt“ (Ps 77,20; vgl. Spr 30,19). Aber wir dürfen Ihm vertrauen, weil wir wissen, dass Er ein Gott ist, „dessen Werke allesamt Wahrheit und dessen Wege Recht sind“ (Dan 4,34).

20,25 „Ein Fallstrick des Menschen ist es, vorschnell zu sprechen:,Geheiligt!’, und nach den Gelübden zu überlegen.“

Bereits in Sprüche 12,18 wurden wir vor unbesonnenen Worten gewarnt. Hier ist es noch ernster, weil ein „Gelübde“ abgelegt wird. Ein solches Versprechen ist verbindlich. Wenn ein Israelit es brach, musste er ein Schuldopfer bringen (4. Mo 30,3; 3. Mo 5,4–6). Ein Gelübde bedarf also einer wohldurchdachten Beurteilung aller Eventualitäten, damit man es unter allen Umständen einhalten kann.

Zu sagen „Geheiligt“ bedeutet, etwas für Gott abzusondern. Wer danach „überlegt“ und ein solches Gelübde zurücknimmt, ergreift erneut Besitz von dem, was er Gott geben wollte. Es ist ihm offenbar doch wichtiger als der Dienst für Gott.

Jephta ist ein bekanntes Beispiel für jemand, der vorschnell „Geheiligt“ sprach. Anstatt demütig seine Verfehlung einzugestehen, meinte er, an das Gelübde gebunden zu sein und verlor dadurch seine einzige Tochter (Ri 11,30–40). Und wie es mit den Juden ausgegangen ist, die sich verfluchten und sagten, „dass sie weder essen noch trinken würden, bis sie Paulus getötet hätten“, wird uns nicht berichtet. Wenn sie bei ihrem Gelübde geblieben sind, dann sind sie alle verhungert (Apg 23,12).

20,26 „Ein weiser König zerstreut die Gottlosen und führt das Dreschrad über sie hin.“

In diesem Kapitel werden uns vier Merkmale des Königs geschildert: Sein Schrecken, seine Gerechtigkeit, seine Weisheit und seine Güte (V. 2.8.26.28). In seiner Gerechtigkeit und Weisheit „zerstreut“ oder „sichtet“ er alle(s) Böse(n). Er beurteilt alles vollkommen. Der Dreschschlitten soll die Spreu vom Korn trennen. Für diese Arbeit braucht man eine umsichtige Hand (Jes 28,26–29). Der „weise König“ besitzt sie.

Prophetisch weist dieser Vers auf den wahren König hin, der bei der Aufrichtung des Tausendjährigen Reichs alle Gottlosen richten und die Gerechten in sein Reich aufnehmen wird.

20,27 „Der Geist des Menschen ist eine Leuchte des Herrn, durchforschend alle Kammern des Leibes.“

Gott hat dem Menschen einen Geist gegeben. Mit diesem Geist sind wir in der Lage, Dinge zu erforschen und zu beurteilen (1. Kor 2,10.11). Nach dem Sündenfall erwachte in diesem Geist das Gewissen. Gott benutzt es nun als eine „Leuchte“, damit wir unser Inneres („Kammern des Leibes“) durchforschen. Dadurch werden unsere Beweggründe und Wünsche offenbar, aber auch begangene Sünden. Wir sind jederzeit dafür verantwortlich, diese „Leuchte des Herrn“ auch zu benutzen.

■ Es gibt noch ein anderes Licht, das „jeden Menschen erleuchtet“. Es ist das „wahrhaftige Licht“, das in Jesus offenbar wurde (Joh 1,4.9).

20,28 „Güte und Wahrheit behüten den König, und durch Güte stützt er seinen Thron.“

Dieser Vers rundet das Bild über den König nach Gottes Gedanken ab (V. 26). Seine Regierung soll ausgewogen sein, wie schon David, schreibt: „Bestelle Güte und Wahrheit, dass sie ihn behüten!“ (Ps 61,8).

Ohne Güte würde sich sein Volk von ihm abwenden. Das sehen wir deutlich bei Salomos Sohn Rehabeam. Er verließ den Rat der Alten und begegnete dem Volk mit Härte (2. Chr 10,13). Als Folge davon wandte sich der größte Teil des Volkes Jerobeam zu.

Ohne Wahrheit würde das Königtum allerdings ebenfalls Schaden nehmen. Der König hat auch für Recht und Ordnung zu sorgen.

■ In vollkommener Weise hat der Herr Jesus, als Er auf die Erde kam, diese untrennbaren Eigenschaften Gottes offenbart: „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“ (Joh 1,17).

► Auch wenn wir keine Könige sind, sollen wir doch auch in dieser Hinsicht Nachahmer Gottes sein. Jede Beurteilung, die wir abzugeben haben, sollte stets in Güte und in Wahrheit erfolgen.

20,29 „Der Schmuck der Jünglinge ist ihre Kraft, und graues Haar die Zierde der Alten.“

Wenn wir diesen Vers beachten, dürfte es keine Generationskonflikte geben. Alte Menschen benötigen die Kraft und den Elan der Jüngeren, und zwar nicht nur in körperlicher, sondern auch in geistiger Hinsicht. Umgekehrt können die Jüngeren von der Weisheit und Erfahrung der Älteren profitieren. Denn „das graue Haar ist eine prächtige Krone: Auf dem Weg der Gerechtigkeit wird sie gefunden“ (Spr 16,31; vgl. Off 1,14). Jedes Lebensalter besitzt also seinen besonderen Wert und Vorzug.

■ Ähnliche Merkmale stellt Johannes heraus, wenn er die geistliche Wachstumsstufe der „Jünglinge“ und die der „Väter“ beschreibt: „Ich habe euch, Väter, geschrieben, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist („Weisheit“). Ich habe euch, Jünglinge, geschrieben, weil ihr stark seid („Kraft“) und … ihr den Bösen überwunden habt“ (1. Joh 2,14). Gerade die „starken“ Jünglinge sollten aber die Worte des Herrn Jesus bedenken: „Außer mir könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5).

► Egal ob du alt oder jung bist: Nimm dankbar die Hilfe der anderen an!

20,30 „Wundstriemen scheuern das Böse weg, und Schläge scheuern die Kammern des Leibes.“

Oft werden wir nur durch schmerzhafte Erfahrungen zur Besinnung gebracht, um Böses in unserem Leben zu erkennen und dann zu lassen. Und je tiefer der Schaden, desto schmerzlicher ist die Korrektur. „Alle Züchtigung aber scheint für die Gegenwart nicht ein Gegenstand der Freude, sondern der Traurigkeit zu sein; danach aber gibt sie die friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübt worden sind“ (Heb 12,11). Die „Kammern des Leibes“ müssen also nicht nur „durchforscht“ (V. 27), sondern auch „gescheuert“, d. h. gereinigt werden.

Kapitel 21

Gott kennt genau das Trachten unserer Herzen. Dies deckt Er in diesem Kapitel auf und zeigt uns seine Antwort darauf. Sie drückt sich in seinen Regierungswegen aus, die Er mit uns geht.

Eine mögliche Einteilung:

Spr 21,1–5: Verschiedene Herzenszustände
Spr 21,6–16: Die Gottlosen und ihr Gericht
Spr 21,17–27: Trachten nach (un-)vergänglichen Werten
Spr 21,28–31: Führung und Rettung des Herrn

21,1–5: Das Kapitel beginnt mit der Feststellung, dass Gott die Herzen kennt und lenkt. Daraufhin werden unterschiedliche Herzenszustände entlarvt.

21,1 „Wasserbächen gleicht das Herz eines Königs in der Hand des Herrn; wohin immer er will, neigt er es.“

Der gerechte König wird in den Sprüchen im Allgemeinen als höchste Autorität beschrieben und ist damit ein Bild von Christus. Das ist in diesem Vers anders. Salomo bekennt hier seine Abhängigkeit von Gott. Er weiß, dass seine Gedanken letztendlich von Gott geleitet werden.

Was für ihn galt, gilt für jede regierende Person, damals wie heute. Das beruhigt uns. So wie Wasser durch Kanäle gelenkt wird, steuert Gott die Herzen der Obrigkeiten. Nichts kann ohne seinen Willen beschlossen und durchgeführt werden.

Deutlich sehen wir dies bei der Kreuzigung Jesu. „Denn in dieser Stadt versammelten sich … sowohl Herodes als auch Pontius Pilatus …, um alles zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt hat, dass es geschehen sollte“ (Apg 4,27.28).

21,2 „Jeder Weg eines Mannes ist gerade in seinen Augen, aber der Herr wägt die Herzen.“ (Spr 16,2)

Wir Menschen neigen dazu, unsere eigenen Wege stets positiv zu beurteilen. Aber das ist Selbstbetrug. Der Herr „wägt“ nicht nur unsere Taten, sondern auch die Herzen. Er nimmt Kenntnis von unseren Beweggründen und weiß auch um die äußeren Einflüsse und Umstände, in denen wir uns befinden. All das wägt Er in seiner Weisheit ab und gelangt zu einer völlig gerechten Beurteilung unserer Herzen (s. Auslegung zu Spr 20,23).

21,3 „Gerechtigkeit und Recht üben ist dem Herrn angenehmer als Opfer.“

Jeder Dienst für Gott muss aus einem Herzen kommen, das mit Ihm in Übereinstimmung ist. Um das zu erreichen, ist uns das Buch der Sprüche gegeben (Spr 1,3). Auch Jakobus lehrt uns: „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt zu erhalten“ (Jak 1,27; vgl. Jes 1,11–17; Mich 6,6–8). Wenn unser tägliches Leben von Ungerechtigkeit und Falschheit gekennzeichnet ist, wird Gott von uns weder Anbetung noch irgendein wohltätiges Werk annehmen.

Weswegen verlor Saul sein Königtum? Er hatte Gott Tiere geopfert, die er eigentlich hätte verbannen sollen. Samuel musste ihm daraufhin vorhalten: „Hat der Herr Gefallen an Brandopfern und Schlachtopfern, wie daran, dass man der Stimme des Herrn gehorcht? Siehe, Gehorchen ist besser als Schlachtopfer, Aufmerken besser als das Fett der Widder“ (1. Sam 15,22).

21,4 „Stolz der Augen und Überheblichkeit des Herzens, die Leuchte der Gottlosen, sind Sünde.“

Hier deckt Gott den Ursprung der in den beiden vorigen Versen genannten Verfehlungen auf: Stolz und Überheblichkeit im Herzen. Die Gottlosen lassen sich durch ihren Hochmut leiten – wie durch eine „Leuchte“. Doch diese Leuchte besitzt kein göttliches Licht (s. Auslegung zu Spr 13,9). Sie meinen, sich auf einem geraden Weg zu befinden, doch führt er in Wirklichkeit von Gott weg. Vielleicht versuchen sie es auf immer neue (FußEÜ), eigenwillige Weise, aber es ist und bleibt ein sündiger Weg.

21,5 „Die Gedanken des Fleißigen führen nur zum Überfluss; und jeder, der hastig ist – es ist nur zum Mangel.“

Der Fleißige ist in seinem Herzen damit beschäftigt, wie er seine Zeit gut ausnutzen kann. Er plant nicht „hastig“, sondern mit Bedacht. Das bringt ihm später mehr ein, als er nötig hat („Überfluss“), und er wird anderen davon abgeben können.

■ Der Apostel Paulus führte seinen Dienst mit Fleiß und Eifer aus, aber er kämpfte „nicht wie einer, der die Luft schlägt“ (1. Kor 9,26).

Dagegen birgt hastiges Eilen die Gefahr von Fehlern; Fehler führen zu Verlust, und Verlust führt schließlich zu „Mangel“ (vgl. Spr 28,20).

► Verwechsle Aktionismus nicht mit Fleiß!

21,6–16: Diese Verse nennen uns verschiedene Kennzeichen der Gottlosen und ihr verdientes Gericht. Es geht um Lüge, Gewalt, Zank, Ungnade und Spott. In den Versen 9–14 werden dabei speziell zwischenmenschliche Probleme angesprochen.

21,6 „Erwerb von Schätzen durch Lügenzunge ist verwehender Dunst; solche suchen den Tod.“

Wer durch Betrug reich geworden ist (Spr 16,8), wird sich nicht lange an seinen „Schätzen“ erfreuen können. Er „sucht“ – wenn auch unbewusst – „den Tod“, denn „der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6,23).

Eine „Lügenzunge“ zur Vergrößerung des Vermögens kann auf unterschiedliche Arten tätig werden: Unlautere Steuererklärung, Verschweigen von Mängeln beim Verkauf einer Ware, geschönter Lebenslauf bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz usw.

21,7 „Die Gewalttätigkeit der Gottlosen rafft sie weg, denn sie weigern sich, Recht zu üben.“

Dieses Prinzip wurde schon in Kapitel 1 erwähnt: „Sie lauern auf ihr eigenes Blut“ (Spr 1,18). Der Ausdruck „sie weigern sich“ deutet darauf hin, dass diesen Menschen das Recht durchaus bekannt ist. Aber sie ignorieren es bewusst. Das erhöht ihre Bosheit und ihr Gericht.

21,8 „Vielgewunden ist der Weg des schuldbeladenen Mannes; der Lautere aber, sein Tun ist gerade.“

Wir kennen das: Wenn wir Schuld auf uns geladen haben, „winden“ wir uns gerne durch faule Ausreden oder gar Lügen aus der Sache heraus, nur um nicht das Gesicht zu verlieren oder um einer Strafe zu entgehen – statt dass wir unsere Schuld offen bekennen! So passiert es, dass wir uns immer tiefer in die Sünde verstricken oder der züchtigenden Hand Gottes auszuweichen versuchen.

■ Jakobs Leben verlief in diesem Sinne „vielgewunden“, nachdem er seinen Bruder Esau um den Segen betrogen hatte.

Ganz anders der Lautere, dessen Weg „gerade“ verläuft. Er gelangt ohne Umwege an das Ziel, das Gott für ihn vorgesehen hat. „Glückselig, die reinen Herzens („lauter“) sind, denn sie werden Gott sehen“ (Mt 5,8).

21,9 „Besser ist es, auf einer Dachecke zu wohnen, als eine zänkische Frau und ein gemeinsames Haus.“ (= Spr 25,24)

Eine zänkische Frau ist auf Dauer nicht zu ertragen, ihre „Zänkereien sind eine beständige Traufe“ (Spr 19,13; vgl. Spr 21,19). Oft geht es nur um Lappalien. Aber es zerstört jeglichen Hausfrieden. Das sollte jeder bedenken, der sich durch eine Heirat lediglich den Vorteil eines „gemeinsamen Hauses“ verschaffen will. Da ist es besser, auf gewisse Bequemlichkeiten zu verzichten und dafür Ruhe und Frieden in der Nähe Gottes zu finden („Dachecke“).

21,10 „Die Seele des Gottlosen verlangt nach dem Bösen: Sein Nächster findet keine Gnade in seinen Augen.“

Die Seele ist die Persönlichkeit des Menschen, der Sitz des Willens. Wenn sie nicht durch Gnade erneuert wurde, steht sie unter der Herrschaft des Teufels. Dann hat sie Freude am Bösen. Solche Menschen „schlafen nicht, wenn sie nichts Böses getan haben“ (Spr 4,16).

Wie sollte es in einem solchen Herzen Gnade und Liebe gegenüber dem „Nächsten“ geben? Sie meinen, selbst keine Gnade nötig zu haben und verweigern sie deswegen auch anderen. Uns aber sagt der Herr Jesus: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36).

► Wenn wir unseren Glaubensgeschwistern keine Gnade erweisen, tragen wir Merkmale eines Gottlosen!

21,11 „Wenn man den Spötter bestraft, so wird der Einfältige weise; und wenn man den Weisen belehrt, so nimmt er Erkenntnis an.“ (Spr 19,25)

Der Einfältige hat selbst keine Urteilsfähigkeit. Aber immerhin kann er durch abschreckende Beispiele erreicht werden. Er sieht die Strafe, die andere (hier: der „Spötter“) erhalten, und wird „weise“. Dann lässt er sich gerne weiter belehren, sucht nach „Erkenntnis“ (Spr 18,15) und nimmt sie bereitwillig an.

Um „Einfältige“ auf diese Weise zu erreichen, berichtet die Bibel von zahlreichen Strafmaßnahmen, die Gott durchführte: Sintflut, Sodom und Gomorra, Rotte Korahs, Israels Gefangenschaft, Ananias und Sapphira usw.29 „Und große Furcht kam … über alle, die dies hörten“ (Apg 5,11). Der aufrichtige Bibelleser wird dadurch in seinem Gewissen getroffen und wird „weise“.

■ Eine sehr umfassende Erfüllung dieses Verses wird es im Tausendjährigen Reich geben. Nachdem die Gerichte über diese Erde („Spötter“) erfolgt sind, heißt es: „Selbst Einfältige werden nicht irregehen“ (Jes 35,8).

21,12 „Ein Gerechter hat acht auf das Haus des Gottlosen, er stürzt die Gottlosen ins Unglück.“

Der Ausdruck „ein Gerechter“ ist einmalig im Buch der Sprüche.30 Offensichtlich weist Salomo hier auf den gerechten Gott hin, der das „Haus des Gottlosen“ genau beobachtet und ihn dann ins „Unglück stürzt“.

Wenn wir diesen Vers auf einen gerechten Menschen anwenden, sehen wir, dass dieser das Treiben gottloser Menschen durchaus zur Kenntnis nimmt. Aber nicht, um es nachzuahmen, sondern um sie zu verurteilen.

21,13 „Wer sein Ohr verstopft vor dem Schrei des Geringen, auch er wird rufen und nicht erhört werden.“

Noch einmal haben wir die Hartherzigkeit des Gottlosen vor uns (V. 10; vgl. Spr 18,23). Wenn das Herz hart ist, dann ist das Ohr taub.

Aber Gott übt Vergeltung (Spr 11,31). Wenn wir unbarmherzig sind, wird auch uns niemand in einer Notlage zu Hilfe kommen. „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, so tut auch ihr ihnen ebenso. … Denn mit demselben Maß, mit dem ihr messt, wird euch wieder zugemessen werden“ (Lk 6,31.38). Und auch Gott wird unsere Gebete in einem solchen Fall nicht erhören (vgl. Spr 15,29).

Der reiche Mann, der kein Ohr für den hungrigen Lazarus hatte, bekam am Ort der Qual keinen einzigen Tropfen Wasser (Lk 16,19–25). „Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat“ (Jak 2,13).

21,14 „Eine Gabe im Verborgenen wendet den Zorn ab, und ein Geschenk im Gewandbausch den heftigen Grimm.“

Hier geht es wieder um ein heimliches Bestechungsgeschenk (Spr 17,8.23). Es wird allerdings nicht gegeben, um das „Recht zu beugen“, sondern um Gnade zu erlangen. Die kluge Abigail brachte David ein solches Geschenk, weil sie sah, dass das Unglück über Nabal, ihren Ehemann, beschlossen war. Es geschah heimlich, denn Nabal durfte davon nichts erfahren (1. Sam 25,17–19). Davids „heftiger Grimm“ wurde „abgewendet“, doch die Strafe Gottes über Nabal war unabwendbar.

■ Gottes Grimm kann man nicht durch Geschenke abwenden. Seinem Zorn entgeht nur, „wer an den Sohn glaubt …; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm“ (Joh 3,36).

21,15 „Dem Gerechten ist es Freude, Recht zu üben; aber denen, die Frevel tun, ein Schrecken.“

Zum Ende dieser Versreihe, die insbesondere die Bosheit und das Los gottloser Menschen zeigt, treffen wir auf eine Gegenüberstellung zwischen dem Gerechten und den Frevlern, die ihre jeweilige Herzenseinstellung offenbart. Das neue Leben bewirkt im Gerechten eine „Freude“ an den Geboten des Herrn. Sie sind für ihn nicht schwer (1. Joh 5,3).

Ganz anders ist es bei den Frevlern. Das sind Menschen, die die Rechte Gottes mit Füßen treten. Für sie ist es „schrecklich“, Recht zu üben. Warum? Weil es ganz und gar ihrem Wesen widerspricht.

► Ist es für dich „schrecklich“, etwas zu tun, was deinem Wesen als Kind Gottes widerspricht?

21,16 „Ein Mensch, der vom Weg der Einsicht abirrt, wird ruhen in der Versammlung der Schatten.“

Niemand sollte meinen, ein Abirren sei bei ihm ausgeschlossen (1. Kor 10,12). Manch einer kannte den „Weg der Einsicht“, hat die „himmlische Gabe geschmeckt“ (Heb 6,4), hielt sich zu den Christen – und ist von diesem Weg „abgeirrt“. Er hat auf „Frau Torheit“ gehört (Spr 9,13–18) und befindet sich jetzt auf dem Weg zu der „Versammlung der Schatten“. Das ist ein Ausdruck für das Totenreich. Dort wird er „ruhen“, weil jede Aktivität im Blick auf die Erde erloschen sein wird.

21,17–27: Viele Menschen trachten nur nach vergänglichen Werten. Das wird in diesen Versen dem Verhalten des Weisen gegenübergestellt.

21,17 „Wer Freude liebt, wird ein Mann des Mangels werden; wer Wein und Öl liebt, wird nicht reich.“

Offensichtlich sind „Wein und Öl“ hier ein Bild von den Freuden des Lebens, die im Übermaß genossen werden. Wer derartige „Freude liebt“, wird Mangel leiden. Wie soll man auch bei solch einem Lebensstil reich werden? Für das eigene Vergnügen werden Zeit und Geld verplempert.

Hier wird Armut als Folge fehlender Enthaltsamkeit gezeigt, wogegen sie an anderen Stellen die Folge von Faulheit ist (z. B. Spr 6,9–11; 10,4). Ein Leben im Luxus kann auch leicht zu geistlicher Armut führen. Man läuft dann Gefahr, sich weniger für himmlische Segnungen zu interessieren.

Jesus erläutert das im Gleichnis vom reichen Bauern. Nachdem dieser seine riesigen Scheunen mit Weizen und Gütern gefüllt hatte, sagte er zufrieden: „Seele, du hast viele Güter daliegen auf viele Jahre; ruhe aus, iss, trink, sei fröhlich.“ Gott aber nahm ihm noch in derselben Nacht das Leben. Er war nicht „reich in Bezug auf Gott“ (Lk 12,19–21).

21,18 „Der Gottlose ist ein Lösegeld für den Gerechten, und der Treulose tritt an die Stelle der Aufrichtigen.“

Die Gerechtigkeit Gottes offenbart sich in seinen Regierungswegen auf der Erde, wo Er den Gerechten schont, aber den Gottlosen straft. In Sprüche 11,8 haben wir einen ähnlichen Gedanken wie hier: „Der Gerechte wird aus der Drangsal befreit, und der Gottlose tritt an seine Stelle.“ Dort tritt also der Gottlose an den Platz des Gerichts, den der Gerechte verlassen durfte. Hier wird es so gesehen, dass der Gerechte den Platz des Gerichts verlassen darf, weil ihn der Gottlose bekommen hat. In diesem Sinn ist der Gottlose ein „Lösegeld“ für den Gerechten.

■ Durch diesen Vers können wir auch Jesaja 43,3.4 besser einordnen: „Ich bin … dein Erretter; ich gebe als dein Lösegeld Ägypten hin, Äthiopien und Seba an deiner statt. Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen und ich dich lieb habe, so werde ich Menschen hingeben an deiner statt und Völkerschaften anstatt deines Lebens.“ Damit das Volk gesegnet werden kann, müssen die Feinde des Volkes gerichtet werden. So sind sie quasi das „Lösegeld“ für das Volk.

Die Gegenüberstellung von „Treulosen“ und „Aufrichtigen“ finden wir auch in Sprüche 11,3.6: Aufrichtige sind unsträflich, wogegen Treulose durch Verkehrtheit und Gier gekennzeichnet sind.

21,19 „Besser ist es, in einem wüsten Land zu wohnen, als eine zänkische Frau und Ärger.“

Dieser Vers geht weiter als Sprüche 21,9. In der Wüste gibt es keinerlei irdische Befriedigung. Aber man kann dort in der Einsamkeit den Frieden Gottes genießen, der dem „Ärger“ gegenübersteht, den man täglich mit der „zänkischen Frau“ hat.

► Trägst du zu einem friedlichen und stressfreien Familienleben bei?

21,20 „Ein kostbarer Schatz und Öl ist in der Wohnung des Weisen, aber ein törichter Mensch verschlingt es.“

Öl wird hier mit einem „kostbaren Schatz“ verbunden. Dazu sagt 5. Mose 28,12: „Der Herr wird dir seinen guten Schatz, den Himmel, öffnen, um den Regen deines Landes zu geben zu seiner Zeit und um alles Werk deiner Hand zu segnen“. Wir haben es hier also mit dem (irdischen) Segen zu tun, den Gott vom Himmel aus gibt. Der Weise weiß diesen Segen zu schätzen und hat ihn sozusagen stets vorrätig („Wohnung“), um auch andere daran teilhaben zu lassen. In Verbindung mit Elia erlangte die Witwe von Zarpat einen solchen Segen: „Das Mehl im Topf ging nicht aus, und das Öl im Krug nahm nicht ab“ (1. Kön 17,16).

Der „törichte Mensch“ aber verdirbt alles, was Gott gibt (V. 17). Er „verschlingt“ es nur zu seinem eigenen Vorteil. Gelegenheiten, um damit Gutes zu tun, lässt er ungenutzt verstreichen.

■ In Jesaja 33,6 steht: „Die Furcht des Herrn wird sein Schatz sein.“ So können wir auch sagen: Die Furcht des Herrn geht Hand in Hand mit der Wirkung des Heiligen Geistes („Öl“). Beides wird bei dem durch Weisheit geleiteten Gläubigen gefunden, wogegen der Tor beides verachtet.

21,21 „Wer der Gerechtigkeit und der Güte nachjagt, wird Leben, Gerechtigkeit und Ehre finden.“

Hier wird die „Wohnung des Weisen“ aus dem vorigen Vers beschrieben. Findet man auch in unserem Haus das Streben („Nachjagen“) nach Gerechtigkeit und Güte (2. Tim 2,22; 1. Thes 5,15)? Das lässt Gott nicht unbelohnt. Der Herr Jesus sagt: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden“ (Mt 6,33).

Er wird uns „Leben“ geben, d. h. ein vom Segen Gottes erfülltes Leben, dann „Gerechtigkeit“, die uns persönlich widerfahren wird, und drittens „Ehre“. Das ist Anerkennung, die wir – insbesondere vonseiten Gottes – erfahren werden.

21,22 „Der Weise ersteigt die Stadt der Helden und stürzt die Festung ihres Vertrauens nieder.“

„Helden“ stehen hier für äußere Kraft und Macht, die ohne Gott ausgeübt wird.31 Die „Festung ihres Vertrauens“ ist ihre eigene Stärke.

Aber „Weisheit ist besser als Waffen“. Diese Aussage illustriert Salomo, indem er von einem armen Mann berichtet, der seine Stadt durch seine Weisheit vor dem starken Feind rettete (Pred 9,18.14.15). Der Herr Jesus ist dieser „arme, weise Mann“. Er hat den Satan besiegt. Er ist „in das Haus des Starken“ eingedrungen und hat seinen Hausrat geraubt, nachdem Er zuvor den Starken gebunden hat (Mt 12,29). Jetzt sind auch wir in der Lage, mit der „Waffenrüstung Gottes“ allen Angriffen des Teufels zu widerstehen (Eph 6,11–17).

21,23 „Wer seinen Mund und seine Zunge bewahrt, bewahrt seine Seele vor Bedrängnissen.“

Weil mit dem Mund wohl am meisten gesündigt wird, kommt Salomo immer wieder darauf zurück. Mund und Zunge „bewahren“ bedeutet nicht, ständig nur zu schweigen, sondern zu überlegen, was man sagt, warum man es sagt, wie man es sagt und wann man es sagt.

Wir müssen Mund und Zunge davor bewahren, Dinge auszusprechen, die nicht zur Erbauung dienen. Wer seinen „Mund“ bewahrt, schweigt, wenn er in einer Sache nichts zu sagen hat. Wer seine „Zunge“ bewahrt, schwätzt nicht herum, sondern konzentriert sich auf das Wesentliche.

Durch unbedachte Worte kommt unsere Seele in „Bedrängnisse“. Wir geraten in Konflikte mit den verunglimpften Personen, man wird uns zur Rechenschaft ziehen, wir müssen etwas zurücknehmen, uns entschuldigen, uns schämen und nicht zuletzt: Wir werden verunreinigt (Mt 15,11) und unser „Gottesdienst ist nichtig“ (Jak 1,26). Hinzu kommt: „Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden werden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts“ (Mt 12,36).

21,24 „Der Übermütige, Stolze – Spötter ist sein Name – handelt mit vermessenem Übermut“

Dieser Vers – so eigenartig er auch zunächst klingt – enthält zwei wichtige Belehrungen. Zunächst lernen wir, dass ein Übermütiger und Stolzer durch Spott gekennzeichnet ist. Seine sich selbst überschätzende und hochmütige Herzenseinstellung tut sich nach außen durch spöttische Bemerkungen kund. Er spottet über alles, was außerhalb seiner irdisch geprägten Vorstellungskraft liegt (2. Pet 3,3–5).

Zweitens sehen wir, dass sich dieser Mensch nicht nur durch seine Worte, sondern auch durch seine Taten offenbart. Er handelt „vermessen“. Er stuft seine eigenen Fähigkeiten als überragend ein, ist ein „Besserwisser“ und arroganter „Bessermacher“. Tragisch ist, dass er sich nicht nur gegenüber Menschen so verhält, sondern oft auch gegenüber Gott. Er schlägt sämtliche Gebote Gottes in den Wind – und auch sein Gnaden-an-Gebot!

Der Assyrer Sanherib passt auf die Beschreibung dieses Verses. Er verhöhnte Gott und die Juden („Spötter“), und meinte, sie mit Leichtigkeit besiegen zu können („Stolzer“). Aber Gott ließ ihm sagen: „Wegen deines Tobens gegen mich und weil dein Übermut in meine Ohren heraufgekommen ist, werde ich meinen Ring in deine Nase legen“ (Jes 37,29).

21,25 „Die Begierde des Faulen tötet ihn, denn seine Hände weigern sich zu arbeiten.“

Obwohl – oder gerade weil – der Faule keine Lust zum Arbeiten hat, ist sein Herz voller Begierden. Denn weil er nicht arbeitet, hat er Zeit, sich mit allem Möglichen zu beschäftigen. Kataloge durchblättern, im Internet surfen, shoppen gehen – überall werden Begehrlichkeiten geweckt. Und weil natürlich das nötige Geld fehlt, nimmt er vielleicht noch einen Kredit auf, einen zweiten, einen dritten – bis er vor dem Nichts steht. Die Begierde nach den irdischen Dingen „tötet ihn“.

► Tote Begierden sind tötende Begierden.

21,26 „Den ganzen Tag begehrt und begehrt man, aber der Gerechte gibt und hält nicht zurück.“

Hier findet Vers 25 seine Fortsetzung. Der Mensch ist leider von Natur aus ein Egoist. Aber uns sagt der Herr Jesus: „Geben ist seliger als Nehmen“ (Apg 20,35), und: „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr [auch nicht als Fauler die Arbeitszeit], sondern arbeite vielmehr …, damit er dem Bedürftigen etwas zu geben habe“ (Eph 4,28).

Gerechte geben von ihrem Vermögen ab, weil sie wissen, dass es ihnen eigentlich gar nicht gehört. Gott hat es ihnen aus Gnade anvertraut. Als Gerechte sind sie daher um gerechten Ausgleich bemüht. Ein solches Verhalten ehrt Gott (Spr 3,9), sofern man es aus reinem Herzen ausübt. Wenn aber nicht, so ist es Gott ein Gräuel, wie der folgende Vers zeigt.

21,27 „Das Opfer der Gottlosen ist ein Gräuel; wie viel mehr, wenn er es in böser Absicht bringt!“ (Spr 15,8)

Diese Aussage geht weit über das in Sprüche 21,3 Beschriebene hinaus: Der Gottlose übt genau das Gegenteil von „Gerechtigkeit und Recht“ aus. Er lebt einfach in den Tag hinein und kümmert sich nicht um Gott. Doch nun will er Gott auf einmal ein Opfer darbringen. Das ist ein Widerspruch in sich, und man fragt sich, warum er das tut (s. Auslegung zu Spr 15,8). Jedenfalls können es nur niedere Beweggründe sein.

Aber wenn er es sogar „in böser Absicht bringt“ – wie niederträchtig ist das! Ein Beispiel dafür finden wir bei der Hure in Kapitel 7. Sie verführte den jungen Mann unter anderem mit den Worten: „Friedensopfer oblagen mir, heute habe ich meine Gelübde bezahlt“ (Spr 7,14).

► Böse Absicht liegt auch vor, wenn wir uns durch ein „Opfer“ lediglich selbst hervortun wollen. Oder wenn wir es nur tun, um jemand anders zu beschämen, oder auch, um eine Gegenleistung zu erhalten.

21,28–31: Die folgenden Verse behandeln die Führung und Rettung durch den Herrn. Wer auf Ihn hört, bleibt bewahrt.

21,28 „Ein Lügenzeuge wird umkommen; ein Mann aber, der hört, darf immer reden.“

Immer wieder verurteilt das Buch der Sprüche den falschen Zeugen (z. B. Spr 19,9). Hier wird er nicht einem Mann gegenübergestellt, der Wahrheit spricht, sondern „der hört“. Dieser Mann bezeugt nur das, was er mit seinen eigenen Ohren gehört hat, und darf deshalb „immer reden“.

Bei diesem „Hören“ müssen aber zwei Dinge beachtet werden. Erstens ist es sehr wichtig, dass man gut zuhört. Wie leicht schleichen sich sonst Ungenauigkeiten ein oder ein wichtiges Detail wird vergessen. Zweitens muss man sicher sein, dass die Informationsquelle ihrerseits zuverlässig ist. Der Herr Jesus mahnte: „Gebt acht, was ihr hört“ (Mk 4,24).

Die 12 Apostel waren solche, die redeten, was sie von Jesus gehört hatten. Johannes schreibt: „Was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir auch euch“ (1. Joh 1,3).

21,29 „Ein gottloser Mann zeigt ein trotziges Gesicht; aber der Aufrichtige, er achtet auf seinen Weg.“

Manchen Menschen stehen ihre Frechheit und ihr Trotz schon „im Gesicht“ geschrieben. In Bezug auf ihr Verhalten lassen sie sich von niemand hereinreden. Sie beharren auf ihrem Standpunkt.

Der Aufrichtige ist anders. Er gibt zu, dass er ohne Gottes Führung völlig hilflos ist, und „achtet“ sorgfältig darauf, den Weg unter seiner Leitung zu gehen. Von Jotham heißt es in 2. Chronika 27,6: „Und Jotham erstarkte; denn er richtete seine Wege vor dem Angesicht des Herrn.“

21,30 „Da ist keine Weisheit und keine Einsicht und kein Rat gegenüber dem Herrn.“

Warum ist das so? „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott“, „denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen“ (1. Kor 3,19; 1,25). Salomo, der weiseste aller Menschen, war sich bewusst, dass menschliche Weisheit im Vergleich mit der Weisheit Gottes nichts ist. Auch Hiob betont: „Bei ihm ist Weisheit und Macht, sein ist Rat und Einsicht“ (Hiob 12,13). Doch wenn wir uns das Buch der Sprüche zu Herzen nehmen, werden wir „Weisheit kennen“, „einsichtsvolle Unterweisung empfangen“ und „weisen Rat erwerben“ (Spr 1,2.3.5).

■ Die menschliche Weisheit kapituliert insbesondere vor dem „Wort vom Kreuz“. Es ist „denen, die verloren gehen, Torheit“ (1. Kor 1,18). Ja, es übersteigt tatsächlich unseren Verstand, dass ein in Schwachheit gekreuzigter Jesus die Grundlage gelegt hat zur Abschaffung der Sünde und zur Rettung vieler Milliarden Menschen! „O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes!“ (Röm 11,33).

Dieser Vers scheint aber noch etwas anderes anzudeuten. Mit seiner vermeintlichen Weisheit und seinen Plänen („Rat“) erdreistet sich der Mensch sogar, „gegenüber“ Gott aufzutreten. Er bringt sich vor Ihm in Position und stellt dem Schöpfungsbericht seine Evolutionslehre gegenüber, erfindet „Beweise“ gegen die Auferstehung Jesu usw. Aber Gott urteilt: „Sie taumeln und schwanken wie ein Betrunkener, und zunichte wird all ihre Weisheit“ (Ps 107,27).

21,31 „Das Pferd wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber die Rettung ist des Herrn.“

Das Pferd ist ein Bild von Kraft und Macht. Doch ohne den Herrn können weder das Pferd noch sein Reiter etwas ausrichten. „Wehe denen …, die sich auf Pferde stützen und ihr Vertrauen auf Wagen setzen, weil es viele sind, und auf Reiter, weil sie zahlreich sind; und die nicht auf den Heiligen Israels schauen und nicht nach dem Herrn fragen“ (Jes 31,1; vgl. Ps 20,8; 33,17). Zwar sollen wir nicht untätig sein und dürfen durchaus das „Pferd rüsten“, aber niemals ohne Gebet und dem Bewusstsein der Abhängigkeit vom Herrn „in den Kampf“ ziehen.

Kapitel 22,1–16

In diesem letzten Abschnitt der „Sprüche Salomos“ geht es noch einmal um arm und reich. Es wird aber gezeigt, dass die soziale Stellung im Vergleich zu persönlichen Eigenschaften unwesentlich ist. Des Weiteren lernen wir etwas über die Einflüsse, denen wir unterliegen.

Spr 22,1–5: Gegenüberstellung von Charakter und sozialer Stellung
Spr 22,6–16: Gute und schlechte Einflussnahme

22,1–5: Reichtum wird hier weiterhin positiv gesehen, sein Nutzen wird aber relativiert. In Gottes Augen unterscheidet sich arm und reich nicht. Wichtiger sind Tugenden wie Klugheit, Demut, Aufrichtigkeit und Güte.

22,1 „Ein guter Name ist vorzüglicher als großer Reichtum, Anmut besser als Silber und Gold.“

In der Bibel spricht der „Name“ von dem, was eine Person ist und welche Eigenschaften, welchen Charakter sie hat. Ein guter Name steht einfach höher als alles Materielle, auch wenn Reichtum durchaus ein Segen Gottes ist (V. 4). Dasselbe gilt für „Anmut“ oder liebenswürdiges Benehmen. Was nützt uns „Silber und Gold“, wenn sich unsere Umgebung voller Verachtung von uns abwendet (z. B. wegen unseres Geizes; Spr 28,27)?

► Melanchthon (1497–1560) hat gesagt: „Ein gutes Gewissen brauche ich im Blick auf Gott, einen guten Namen um der Menschen willen.“

22,2 „Reiche und Arme begegnen sich: Der Herr hat sie alle gemacht.“ (Spr 29,13)

Als Gott den Reichen und den Armen im Mutterleib bildete, waren sie beide gleich: nackt und hilflos. Und im Tod begegnen sie sich wieder: nackt und hilflos (Hiob 31,15; Pred 2,16). Aber auch während ihres Lebens ist der Unterschied gering: Die Sonne scheint auf Reiche und Arme, beide müssen essen, beide brauchen ihren Schlaf, beide sind Sünder und beide haben eine unsterbliche Seele. Wenn sie sich begegnen, sollten sich beide dessen bewusst sein.

Aber warum lässt Gott viele seiner Kinder in ärmlichen Verhältnissen leben? Dafür kann es verschiedene Gründe geben:

  • Reichtum kann ein Hindernis sein, Gott in Hingabe zu dienen. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Mt 6,24)32.
  • Mit Geld kann man seinen Eigenwillen realisieren.
  • Ein Armer ist leichter geneigt, in allem auf Gott zu vertrauen.
  • Der Arme erfährt in besonderem Maß Gottes Güte: „Er wird sich des Geringen und des Armen erbarmen“ (Ps 72,13).
  • Gott gibt dadurch den Wohlhabenderen Gelegenheit, ihre Liebe zu dem Herrn Jesus und zu armen Glaubensgeschwistern zu beweisen.

► Wir sollten Arme und Reiche niemals unterschiedlich behandeln (Jak 2,1–4). In der Versammlung Gottes hat die soziale Stellung keinerlei Bedeutung (Gal 3,28).

22,3 „Der Kluge sieht das Unglück und verbirgt sich; die Einfältigen aber gehen weiter und erleiden Strafe.“ (= Spr 27,12)

„Die Weisheit des Klugen ist, auf seinen Weg zu achten“ (Spr 14,8). Durch seine Umsicht und Besonnenheit sieht der Kluge drohende Gefahren rechtzeitig. Das sollte auch uns kennzeichnen. „Seid nüchtern, wacht; euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“ (1. Pet 5,8). „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt“ (Mk 14,38). Die Welt umgibt uns mit zahlreichen Versuchungen. Kennen wir unsere „Schwachstellen“, wo wir besonders angreifbar sind? Dann sollten wir uns rechtzeitig „verbergen“.

Die „Einfältigen“ haben leider noch nicht auf den Appell der Weisheit geachtet: „Lernt Klugheit, ihr Einfältigen!“ (Spr 8,5). Ihnen fehlt das Unterscheidungsvermögen für den richtigen Weg. Sie folgen einfach wie unvernünftige Tiere ihrem Instinkt und „erleiden Strafe“.

Es fällt auf, dass beim Klugen die Einzahl, bei den Einfältigen aber die Mehrzahl verwendet wird. Ob dies auf das tatsächliche Mehrheitsverhältnis zwischen Einfältigen und Klugen hinweisen soll? Jesus sagt, dass „viele“ auf dem breiten Weg ins Verderben gehen und nur „wenige“ den schmalen Weg finden (Mt 7,13.14).

Menschen, die dem Evangelium glauben, sind „klug“ und verbergen sich hinter dem Blut Jesu Christi vor dem kommenden Zorn. Alle anderen gehen in ihrer Einfalt unbekümmert weiter ins Verderben.

Hier noch zwei biblische Beispiele kluger Voraussicht. In beiden Fällen ist es Glaube, der das Unglück voraussieht. Noah sah, durch Gott gewarnt, das Unglück der Flut voraus und „verbarg“ sich in der Arche. Die Erstgeborenen in Israel glaubten ebenfalls der göttlichen Warnung und „verbargen“ sich hinter den mit Blut bestrichenen Türen in ihren Häusern vor dem Schwert Gottes (2. Mo 12,22.23.28).

22,4 „Die Folge der Demut und der Furcht des Herrn ist Reichtum und Ehre und Leben.“

Dieser Grundsatz wird in der Welt auf den Kopf gestellt. Dort meint man, dass man zur Erlangung von Reichtum, Ehre und „Leben“ seine Ellenbogen gebrauchen muss. Und dass man auch hin und wieder „fünf gerade sein lassen“ sollte.

Demut und Furcht des Herrn sehen anders aus. Gott verheißt, dass diesen Tugenden gesicherter Reichtum, wirkliche Ehre und lohnenswertes Leben folgt (Spr 8,18; 3,16). Für wiedergeborene Christen sind dies nicht in erster Linie irdische, sondern vielmehr geistliche Segnungen.

22,5 „Dornen, Schlingen sind auf dem Weg des Verkehrten; wer seine Seele bewahrt, hält sich von ihnen fern.“

Die in Vers 3 erteilte Belehrung wird hier mit anderen Worten wiederholt. „Dornen“ sind ein Bild für schmerzhafte Probleme. „Schlingen“ bringen einen zu Fall, ohne dass man sich selbst aus dieser Situation befreien könnte. Beiden Gefahren setzten sich die Israeliten aus, als sie sich mit den sündigen Ureinwohnern des Landes Kanaan vermischten: „Sie werden euch zur Schlinge werden … und zu Dornen in euren Augen, bis ihr umkommt aus diesem guten Land“ (Jos 23,13).

„Seine Seele bewahrt“ man, indem man Gottes Wort beachtet und danach lebt (Spr 19,16; 16,17). Dann hält man sich von dem „Dickicht“ der Gottlosigkeit fern (Jes 9,17).

22,6–16: Jeder von uns steht mehr oder weniger unter dem Einfluss seiner Mitmenschen. In diesen Versen wird im Wesentlichen gute bzw. schlechte Einflussnahme aufgedeckt.

22,6 „Erziehe den Knaben seinem Weg entsprechend; er wird nicht davon weichen, auch wenn er alt wird.“

Sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften bilden sich bereits in der Kindheit aus. Ein Sprichwort sagt: „Jung gelernt, alt getan.“ Daher ist eine sorgfältige Erziehung unerlässlich und muss unbedingt unter Beachtung der Natur des Kindes erfolgen: „seinem Weg entsprechend“.

Jedes Kind hat andere Fähigkeiten, andere Neigungen und andere Schwächen. Weise Eltern erkennen das und berücksichtigen es bei der Erziehung. Es kann sein, dass ein Kind mehr Zucht braucht als ein anderes. Ein zaghaftes, schüchternes Kind kann man nicht mit denselben Aufgaben betrauen wie ein keckes, selbstbewusstes; dieses muss dafür öfter mal „gedeckelt“ werden. Ein krankes Kind ist anders zu behandeln als ein gesundes, und ein intelligentes anders als ein weniger begabtes. Um bei alledem gerecht zu bleiben, muss uns Gott zu Hilfe kommen.

Es gibt nicht viele Beispiele im Alten Testament, die diesen Vers bestätigen. Im Gegenteil: Bei vielen Lebensbeschreibungen finden wir im Alter ein Abweichen von dem guten Weg. Sogar bei Salomo, dem Verfasser dieses Verses. Lag es an der Erziehung? Oder an den äußeren Umständen? Auf jeden Fall war die sündige Natur tätig. Positive Beispiele sind aber Mose und Samuel. Sie erhielten offenbar eine gute Erziehung in frühester Kindheit und waren bis ins hohe Alter treu.33

22,7 „Der Reiche herrscht über den Armen, und der Borgende ist ein Knecht des Leihenden.“

Dieses Prinzip ist typisch für die menschliche Gesellschaft. Man empfindet es als normal, als angemessen und gerecht. Doch Gott hatte etwas anderes geboten: „Du sollst nicht bedrücken den bedürftigen und armen Tagelöhner von deinen Brüdern oder von deinen Fremden“ (5. Mo 24,14). Auch Jakobus verurteilt diese Praxis: „Ihr aber habt den Armen verachtet. Unterdrücken euch nicht die Reichen, und ziehen nicht sie euch vor die Gerichte?“ (Jak 2,6). Diese Reichen haben ihren Reichtum sicher weder aus Demut noch aus Gottesfurcht erhalten (V. 4).

Nach Gottes Gedanken soll der Fleißige über den Faulen und der Einsichtige über den Schändlichen herrschen (Spr 12,24; 17,2). Es kommt also auf nicht-materielle Qualitäten an.

■ Auf der anderen Seite gilt: Wer sich z. B. durch fahrlässige Kreditaufnahme abhängig macht, wird die Folgen tragen müssen.

22,8 „Wer Unrecht sät, wird Unheil ernten, und die Rute seines Zorns wird ein Ende nehmen.“

Dies können wir mit dem vorigen Vers in Verbindung bringen. Der herrschende Einfluss, den der Reiche über den Armen ausübt, ist nicht gerecht, denn vor Gott sind beide gleich (V. 2). Daher wird Gott „Unheil“ über ihn bringen. Jede Saat bringt Frucht nach ihrer Art hervor. „Die Unheil pflügen und Mühsal säen, ernten es“ (Hiob 4,8; vgl. Gal 6,7). „Denn Wind säen sie, und Sturm ernten sie“ (Hos 8,7).

Die Bedrängnis, in die der Ungerechte den Armen (oder andere Mitmenschen) durch die „Rute seines Zorns“ gebracht hat, wird dann aufhören. So haben die Israeliten aufgeatmet, als sie den zornwütigen Pharao mit seiner Heeresmacht tot im Schilfmeer hinter sich ließen.

22,9 „Wer gütigen Auges ist, der wird gesegnet werden; denn er gibt dem Geringen von seinem Brot.“

Es ist nicht der Begüterte, sondern der Gütige, der dem Geringen Brot gibt. Er mag reich oder selbst ebenfalls arm sein – darauf kommt es nicht an. Sein „Auge“ hat einen Blick für die Bedürfnisse um sich her, und er entzieht sich nicht der Not. Er hilft auch, ohne dass der Arme ihn bittet (Spr 18,23). Das entspricht der Weise Gottes: „Ehe sie rufen, werde ich antworten; während sie noch reden, werde ich hören“ (Jes 65,24). Diese Haltung ist vorbildlich. Darauf ruht Segen. „Denn Gott ist nicht ungerecht, euer Werk zu vergessen …, da ihr den Heiligen gedient habt und dient“ (Heb 6,10). „Wer dem Armen gibt, wird keinen Mangel haben; wer aber seine Augen verhüllt, wird mit Flüchen überhäuft“ (Spr 28,27).

► Welcher Art sind unsere Augen? Sind sie gütig? Haben sie einen Blick für die – materielle oder geistliche – Armut um uns her?

22,10 „Treibe den Spötter fort, so geht der Zank hinaus, und Streit und Schande hören auf.“

Spötter lassen sich nicht zurechtweisen (Spr 15,12; 9,7.8). Würden wir es versuchen, gäbe es nur Streitgespräche und endlose Diskussionen. Auch müssten wir uns schändliche und gotteslästerliche Worte anhören. Daher sollen wir sie „forttreiben“, uns von ihnen abwenden, bevor sie uns weiter negativ beeinflussen.

Abraham handelte entsprechend mit seinem Sohn Ismael, als er ihn (zusammen mit dessen Mutter Hagar) hinaustrieb, weil er spottete (1. Mo 21,9–14; Gal 4,29.30). Der „Zank“ in Abrahams Haus hörte auf.

► Sollte in deinem Herzen einmal Spott über eine Person aufkommen, dann bedenke: Jesus hat nie über jemand gespottet. Er wies die Menschen zurecht oder zürnte über sie – aber verspottet hat Er sie nicht.34

22,11 „Wer Reinheit des Herzens liebt, wessen Lippen Anmut sind, dessen Freund ist der König.“

Hier treffen wir auf einen Mann, dessen Wesen ganz anders als das des Spötters ist (V. 10). Aus einem „reinen Herzen“ spricht er „anmutige“ Worte. Das sind freundliche, ansprechende Worte voller Harmonie und Gnade35. Das wird nicht unbeachtet bleiben. Selbst in den höchsten Kreisen findet dieser Mensch Wohlwollen und bekommt den König zum „Freund“.

22,12 „Die Augen des Herrn behüten die Erkenntnis, und er vereitelt die Worte des Treulosen.“

Gottes Auge wacht darüber, dass Erkenntnis nicht verloren geht. Wie tut Er das? Durch sein Wort und durch den Heiligen Geist, mit dessen Hilfe göttliche Erkenntnis aus der Bibel geschöpft und ins Herz aufgenommen wird. Und dann erfüllt sich Sprüche 10,14: „Die Weisen bewahren Erkenntnis auf“. Außerdem sorgt Gott dafür, dass die Wahrheit dann auch unverfälscht weitergegeben und verteidigt wird. So „behütet“ Er die Erkenntnis.

■ Nach der Entrückung der Gläubigen entzieht Gott den hier noch lebenden Menschen jegliche Erkenntnis. Er „sendet ihnen eine wirksame Kraft des Irrwahns, dass sie der Lüge glauben“ (2. Thes 2,11).

Die Ideen und Prognosen eines „Treulosen“ aber „vereitelt“ Er. Auf solche Menschen kann man sich nicht verlassen, und Gott sorgt zusätzlich dafür, dass ihre Worte nicht eintreffen. Beispiele hierfür sind Haman und Bileam (Est 9,24.25; 5. Mo 23,5). Das tut Er zu unseren Gunsten: „Fasst einen Plan, und er soll vereitelt werden; redet ein Wort, und es soll nicht zustande kommen; denn Gott ist mit uns“ (Jes 8,10).

22,13 „Der Faule spricht: Ein Löwe ist draußen; ich könnte mitten auf den Straßen ermordet werden!“ (Spr 26,13)

Der Faule sieht „draußen“ überall Gefahren – nur nicht „drinnen“, in seinem eigenen Herzen. In Sprüche 20,4 waren es die äußeren Umstände („Winter“), die ihn von der Arbeit abhielten, hier die Angst vor einem Unglück oder einem feindseligen Angriff. Meist handelt es sich noch nicht einmal um eine reale Gefahr. Und wenn doch – kann Gott nicht „des Löwen Rachen verschließen“ (Heb 11,33)?

► Wenn sich uns eine Aufgabe anbietet, sollten wir genau prüfen, aus welchen Beweggründen heraus wir geneigt sind, sie abzulehnen. Haben wir berechtigte Gründe – oder ist es nur Trägheit oder Angst?

22,14 „Der Mund fremder Frauen ist eine tiefe Grube; wem der Herr zürnt, der fällt hinein.“

In dem ersten großen Teil dieses Buches hatte Salomo immer wieder vor der „fremden Frau“ gewarnt (z. B. Spr 5,3–14; 7,10–26). Im zweiten Teil, der mit Kapitel 10 beginnt und jetzt sein Ende findet, ist dies der einzige Spruch zu diesem Thema. Offenbar will Salomo es uns noch einmal eindringlich ins Gedächtnis rufen, bevor er nun seine Belehrungen zum Abschluss bringt.36 Er spricht aus eigener Erfahrung: „Und ich fand, was bitterer ist als der Tod: Die Frau, die Netzen gleicht und deren Herz Fangarme, deren Hände Fesseln sind. Wer Gott wohlgefällig ist, wird ihr entkommen“ (Pred 7,26).

Bereits in den erwähnten Stellen wurde deutlich, dass Frauen nicht nur durch äußere Reize, sondern auch durch ihre Worte verführerisch wirken können. Daher sollten sich (junge) Männer vor jeder leichtfertigen Kontaktaufnahme (z. B. in sozialen Medien) mit einer (jungen) Frau hüten. Aus einer „tiefen Grube“ kann man sich ohne fremde Hilfe nicht befreien!

„Wem der Herr zürnt“, weil er sämtliche Ermahnungen unbeachtet ließ oder sogar bereits verhärtet ist, findet keine Bewahrung. „Wenn sie aber nicht hören, so rennen sie ins Geschoss und verscheiden ohne Erkenntnis“ (Hiob 36,12).

22,15 „Narrheit ist gekettet an das Herz des Knaben; die Rute der Zucht wird sie davon entfernen.“

„Narrheit“ ist Unkenntnis über Gott und seinen Willen. Sie kennzeichnet ein Kind von Jugend an und muss durch Zucht ausgetrieben werden. „Rute und Zucht geben Weisheit“ (Spr 29,15). Wird ein Kind dagegen sich selbst überlassen, bleibt es an die Narrheit „gekettet“.

Dieser Vers ist eine Ermahnung an Eltern, ihre Kinder durch korrigierende Zuchtmaßnahmen von der „Narrheit“ zu befreien. „Du schlägst ihn mit der Rute, und du errettest seine Seele vom Scheol“ (Spr 23,14; vgl. Spr 13,24). So können sie Einfluss darauf nehmen, dass ihre Kinder sich frühzeitig zu dem Herrn Jesus bekehren und ein Gott wohlgefälliges Leben führen.

22,16 „Wer den Geringen bedrückt, bereichert ihn; wer dem Reichen gibt, es ist nur zum Mangel.“

„Not macht erfinderisch.“ „Wohlleben macht arm.“ Diese beiden Sprichwörter treffen in etwa den Sinn dieses Verses. Wer „bedrückt“ wird, entfaltet seine ganze Energie, um sein Elend zu überwinden. Und wer als Reicher zusätzlich unterstützt wird, sieht keinerlei Notwendigkeit, sich noch anzustrengen. Er gewöhnt sich an ein „Lotterleben“ und verarmt schließlich. – Wir dürfen diesen Vers natürlich nicht als Aufforderung verstehen, den Geringen zu bedrücken, damit er reicher wird.

Darüber hinaus gibt es hier auch eine geistliche Anwendung: Bedrückung „bereichert“ uns innerlich. „Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Prüfungen fallt …, damit ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt“ (Jak 1,2.4). Dagegen werden wir unabhängig und träge, wenn alles „glatt“ läuft. Unser Glaubensleben verkümmert, wir leiden „Mangel“. So passierte es dem Volk Israel: „Da wurde Jeschurun [Israel] fett und schlug aus; du wurdest fett, dick, feist! Und er verließ Gott, der ihn gemacht hatte, und verachtete den Felsen seiner Rettung“ (5. Mo 32,15).

Ist das nicht ein beachtenswerter Abschluss der „Sprüche Salomos“? Dieser Vers fasst in beispielhafter Weise die große Belehrung dieses Buches zusammen, die wir in Sprüche 8,11 finden: „Weisheit ist besser als Korallen.“ Irdisches Wohlleben behindert geistliches Wachstum.

Fußnoten

  • 1 Er enthält 375 Verse, und der hebr. Zahlenwert des Namens Salomo ist ebenfalls 375.
  • 2 Außer Spr 19,7, der drei Teile hat.
  • 3 Israel (Ps 107,9); Ruth (Rt 2,18); Elia (1. Kön 17,4–6); Speisung der 5000 (Mt 14,20).
  • 4 Siehe Stichwortverzeichnis, Thema „Armut – Reichtum“.
  • 5 Z. B. Spr 10,4; 12,27; 21,5; 2. Mo 20,9; 2. Tim 2,6; 2. Pet 1,5.
  • 6 Saul: 1. Sam 31,3.4; Ahitophel: 2. Sam 17,23; Absalom: 2. Sam 18,9–14; Judas: Mt 27,3–5.
  • 7 Siehe Einleitung: Die äußere Form der Sprüche.
  • 8 Zur Erläuterung des Begriffs „Baum des Lebens“ siehe die dortigen Ausführungen.
  • 9 Spr 3,11 (dort wurden diese Begriffe ausführlich erläutert); Spr 5,12; 10,17; 13,18; 15,5.32.
  • 10 Vers 4, der nichts mit unseren Worten, sondern mit Fleiß zu tun hat, steht wohl (nur) deshalb an dieser Stelle.
  • 11 Ein Erbe oder Bankzinsen zählen also nicht dazu.
  • 12 Siehe auch Jakob und Laban in 1. Mose 31,9; sowie Hiob 27,16.17.
  • 13 Das hebr. Wort für „Schuld“ kann auch mit „Schuldopfer“ übersetzt werden.
  • 14 FußEÜ; Menge übersetzt jedoch: „… ein besonnener Mensch aber bleibt ruhig.“
  • 15 Noah: 1. Mo 7,1; Abraham: 1. Mo 18,19; Josua: Jos 24,15b; Kornelius: Apg 10,2; 11,14.
  • 16 Eine Ausnahme bildet Sprüche 30,22, wo es um einen Knecht geht, der König wird.
  • 17 Dass sich Weisheit auch durch Worte kundtut (Spr 10,13), bleibt hier außen vor.
  • 18 Positive Beispiele: Jojada (2. Chr 23,16.17), Hiskia (2. Chr 31,1); negative Beispiele (wovon es leider viele gibt): Jerobeam (2. Kön 17,21), Joram (2. Chr 21,11), Manasse (2. Kön 21,9).
  • 19 Brandopfer, Speisopfer und Dank-Friedensopfer (3. Mo 1–3).
  • 20 Im Wesentlichen Sünd- und Schuldoper (3. Mo 4–5).
  • 21 Hebr. Abaddon, eig. „Untergang“ oder „Verlorensein“; Hölle.
  • 22 Bileam: 2. Pet 2,15; Achan: Jos 7,20.21; Gehasi: 2. Kön 5,20.
  • 23 Vgl. Kapitel 8,13, wo auch der Begriff „Stolz“ erläutert wird.
  • 24 Das sollte jeden, der sein ergrautes Haar färbt, nachdenklich stimmen.
  • 25 2. Mo 34,6; 4. Mo 14,18; Neh 9,17; Ps 86,15; 103,8; 145,8; Joel 2,13; Jona 4,2; Nah 1,3.
  • 26 Vgl. auch 2. Mo 23,8; Jes 1,23; 5,23; Jer 22,17; Hes 13,19.
  • 27 Engel: Jes 14,12–15; Nebukadnezar: Dan 4; Ussija: 2. Chr 26,16–21; Goliath: 1. Sam 17; Belsazar: Dan 5; Herodes: Apg 12,21–23.
  • 28 Ahab: 1. Kön 22; Amazja: 2. Kön 14,8–14; Josia: 2. Chr 35,20–25.
  • 29 Sintflut: 1. Mo 7; Sodom u. Gomorra: 1. Mo 19; Rotte Korahs: 4. Mo 16; Israels Gefangenschaft: 2. Chr 36,5–21; Ananias u. Sapphira: Apg 5,1–11.
  • 30 Menge übersetzt: „Es ist ein Gerechter da“; F. E. Schlachter: „Der Gerechte [Gott]“.
  • 31 Dagegen sind z. B. die Helden Davids positiv zu sehen, denn sie setzten sich ganz für ihn ein (2. Sam 23,8–39).
  • 32 „Mammon“ ist aramäisch und bedeutet: Irdisches Eigentum, Reichtum.
  • 33 Mose: 2. Mo 2,7–10; 4. Mo 12,7; Samuel: 1. Sam 1,22–24; 7,15–17.
  • 34 Der in Spr 1,26 und Spr 3,34 erwähnte Spott Gottes hat eine andere Bedeutung.
  • 35 Das hebr. Wort für „Anmut“ wird sonst meistens mit „Gnade“ übersetzt.
  • 36 Ab Sprüche 22,17 ist Salomo nicht mehr „aktiver“ Schreiber; die weiteren Sprüche von ihm wurden erst lange nach seinem Tod zusammengetragen (Spr 25–29).
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