Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

VIII. Die letzten Schritte vor den abschließenden Leiden

Ausgehend von der Heilung der beiden Blinden bis hin zu der letzten großen Rede des Herrn in Matthäus 24 und 25 finden wir die letzten Schritte und Reden des Herrn Jesus. Danach schildert uns der Evangelist die abschließenden Leiden, die direkt mit dem Kreuz von Golgatha in Verbindung stehen. Letztlich beginnt mit diesen Geschehnissen die Leidenswoche.

Vor dem „Wehe-Kapitel“ (23), das aus Sicht unseres Evangelisten diese letzten Schritte des Herrn abschließt, finden wir 12 Abschnitte, die einerseits einen prophetischen Charakter tragen und künftige Ereignisse vorschatten, und andererseits die abschließenden Unterhaltungen des Herrn mit seinen großen Widersachern zeigen.

  1. Ein letztes Wunder, ein letzter Appell an das ganze Volk (20,29–34)
  2. Der öffentliche Einzug des Messias in Jerusalem – in Sanftmut (21,1–11)
  3. Die zweite Tempelreinigung – verbunden mit der Heilung von Kranken (21,12–17)
  4. Das einzige Gerichtszeichen des Herrn: der Feigenbaum (Israel) verdorrt (21,18–22)
  5. Die Autorität des Herrn wird herausgefordert und erweist sich (21,23–27)
  6. Gleichnis 1: Zwei Söhne – Versagen unter der Verantwortung des Gesetzes (21,28–32)
  7. Gleichnis 2: Der Weinberg (Israel) wird anderen (Nationen) übergeben (21,33–46)
  8. Gleichnis 3: Die Hochzeit des Königssohnes (Israel lehnt ab – Gnade für die Nationen (22,1–14)
  9. Frage 1 der Pharisäer (Steuerfrage): die Rechte des Kaisers, die Rechte Gottes (22,15–22)
  10. Frage 2 der Sadduzäer: Auferstehung (22,23–33)
  11. Frage 3 des Gesetzeslehrers: das große Gebot (22,34–40)
  12. Gegenfrage des Herrn: Sohn Davids und zugleich Herr Davids (22,41–46)

Verse 29–34: Ein letztes Wunder als Appell an das ganze Volk (K. 20)

„Und als sie aus Jericho hinausgingen, folgte ihm eine große Volksmenge. Und siehe, als zwei Blinde, die am Weg saßen, hörten, dass Jesus vorübergehe, schrien sie und sagten: Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids! Die Volksmenge aber fuhr sie an, dass sie schweigen sollten. Sie aber schrien noch mehr und sagten: Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids! Und Jesus blieb stehen und rief sie und sprach: Was wollt ihr, dass ich euch tun soll? Sie sagen zu ihm: Herr, dass unsere Augen aufgetan werden! Jesus aber, innerlich bewegt, rührte ihre Augen an; und sogleich wurden sie wieder sehend und folgten ihm nach“ (Verse 29–34).

In allen drei synoptischen Evangelien beginnt die letzte Wegstrecke des Herrn vor den Leiden, die direkt mit dem Kreuz und der Verurteilung des Herrn verbunden werden, mit der Blindenheilung am Rande Jerichos. Dieser Abschnitt stellt quasi ein Vorwort dar zu der letzten, sozusagen formalen, Präsentation des Herrn als König in Jerusalem (Kapitel 21,1 ff.). Es geht nicht mehr um die Frage, ob Er als Messias angenommen würde. Denn seine Verwerfung ist schon seit dem Ende von Kapitel 12 vollkommen offensichtlich. Auch jetzt würde man Ihn letztlich wieder ablehnen. Aber es soll deutlich gemacht werden, dass die Ungerechtigkeit des Menschen ein volles Maß erreichen würde. So konnte der Ratschluss Gottes erfüllt werden.

Was für eine Szene kommt vor uns: Die Sehenden lehnen ihren eigenen Messias aufgrund der Blindheit und Härte ihrer Herzen ab, während Heiden Ihn als den König der Juden, in Bethlehem geboren, anerkennen. Aber dann gibt es doch inmitten des Volkes Israel noch solche, die sich als arme Blinde erkennen. Und sie bekennen Jesus hörbar durch Glauben als den wahren König. So sorgt der Geist Gottes dafür, dass ein mächtiges Zeugnis über Jesus zum letzten Mal in der Öffentlichkeit ausgesprochen wird. Er ist der wahre Erbe des Thrones.

Die verschiedenen Evangelien

Es ist in diesem Zusammenhang interessant, warum in Matthäus (und den beiden anderen synoptischen Evangelien) kein Bericht von der Auferweckung des Lazarus zu finden ist. Die Antwort ist einfach: Dieses Wunder zeigt uns nicht Christus als den Messias oder Diener oder Sohn des Menschen, sondern als Sohn Gottes, der Leben schenkt und die Toten auferweckt. Das ist eine wichtige Belehrung, die der Herr in Johannes 5,21–27 und nur in dem vierten Evangelium gibt. Im Unterschied dazu trägt die Totenauferweckung der Tochter des Jairus messianische Züge.

Versuchen wir zunächst, den Weg Jesu nachzuvollziehen. Der Herr Jesus war auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem. Zunächst lief er durch das Gebiet Peräas (östlich des Jordan, vgl. Mt 19,1). Vermutlich gingen sie die normale Route nach Jerusalem. Jericho liegt rund 8 Kilometer nördlich vom Toten Meer und vier Kilometer westlich vom Jordan. Jericho gilt als die tiefstgelegene Stadt der Welt. Sie liegt 250 Meter unter dem Meeresspiegel.

In den Evangelien wird uns kein weiterer Besuch Jesu in dieser Stadt berichtet. Vermutlich ist Er aber auf seinen Wegen von Galiläa nach Jerusalem und umgekehrt mehrere Male durch Jericho hindurchgekommen, weil dies die normale Route von Nord nach Süd und umgekehrt gewesen ist. Das neutestamentliche Jericho stand etwas südlich von dem alttestamentlichen Jericho. Es war eine schöne Stadt, die von Herodes dem Großen erbaut und durch seinen Sohn Archelaus (vgl. Mt 2,22) weiter verschönert worden war.

Matthäus spricht an dieser Stelle von zwei Betroffenen, während Markus und Lukas jeweils nur einen Blinden nennen. Markus nennt seinen Namen: Bartimäus (Mk 10,46). Wie in Kapitel 8,28 und 9,27 nennt Matthäus bei Gelegenheiten, wo Markus und Lukas nur von einem Menschen sprechen, zwei Personen. Wir haben gesehen, dass man dies vor dem Hintergrund verstehen kann, dass sich Matthäus an Juden(-Christen) wendet. Und im Judentum wurden stets mindestens zwei Zeugen für eine Sache gefordert. Hier geht es um zwei Zeugen der Macht und Gnade Gottes, die sich ein letztes Mal zugunsten des Volkes Israel in der Person des angekündigten Messias offenbaren sollte. Man kann annehmen, dass einer der beiden Blinden – Bartimäus – der aktivere und Sprecher der beiden war. Auf diesen beziehen sich Lukas und Markus.

Das aber ist nicht die einzige Schwierigkeit in diesem Abschnitt, wenn man die Berichte der drei synoptischen Evangelisten miteinander vergleicht. Lukas spricht davon, dass der Herr Jesus auf seinem Weg nach Jericho auf diesen Blinden stieß (vgl. Lk 18,35). Von Matthäus wissen wir, dass der Herr die Blinden heilte, als Er aus Jericho hinausging (vgl. auch Mk 10,46).

Es gibt verschiedene Versuche, diese unterschiedlichen Beschreibungen miteinander in Einklang zu bringen. Manche Ausleger vermuten, dass der Herr einen der beiden auf dem Hinweg, den anderen auf dem Rückweg heilte. Das erscheint nicht sehr wahrscheinlich. Die Worte, die uns in den drei Evangelien aus dem Mund des/der Blinden berichtet werden, gleichen sich zu sehr, als dass man von unterschiedlichen Heilungen (insgesamt drei Blinden) sprechen könnte. Dazu sind Markus und Lukas, die jeweils von einem Blinden sprechen, einfach zu ähnlich.

Jericho

Andere sprechen davon, dass der Herr die Blinden auf seinem Weg nach Jericho traf (Lk 18). Als Er dann auf dem Rückweg aus Jericho in Richtung Jerusalem ging, ließen sich die zwei die Chance nicht mehr nehmen, von Jesus geheilt zu werden, so diese Auffassung. Tatsächlich ist der Herr Jesus nach Lukas 19,1–27 durch Jericho gezogen und hat dort auch verweilt, als Er Zachäus begegnete. Das ist eine mögliche Erklärung für die Unterschiede.

Andere sprechen davon, dass es zur Zeit Jesu sozusagen zwei Jerichos gab, eine Alt- und eine Neustadt. Die Neustadt wäre dann die von Herodes aufgebaute Stadt gewesen. Während der Herr also aus dem einen „Jericho“ hinausging (Mt, Mk), näherte Er sich dem anderen Jericho (Lk). Die Schwierigkeit dieser Auslegung besteht darin, dass sich die Berichte der drei Evangelisten so sehr ähneln, dass es seltsam wäre, wenn Jericho auf einmal nicht mehr dasselbe Jericho, sondern einen anderen Teil von Jericho meinen sollte, obwohl dasselbe Wort verwendet wird.

Jemand hat geschrieben: Es gibt tatsächlich eine Lösung, denn auch diese Verse sind inspiriert und ohne Widerspruch. Wir selbst können diese Lösung nur noch nicht finden. William Kelly gibt in seiner Auslegung des Lukasevangeliums nützliche Hinweise, warum der dritte Evangelist in Kapitel 18,35b-43 eine Einschaltung gibt, auch wenn die Ereignisse sich erst nach der Begebenheit mit Zachäus (Lk 19,1 ff.) ereigneten. Dort heißt es auch ausdrücklich wieder: „Und er kam hinein ...“: „Wir wissen, dass Lukas wie auch Matthäus aus seiner Sicht nicht immer in der zeitlichen Reihenfolge berichtet, um das moralische Bild einer Wahrheit deutlich wiederzugeben. Ich habe kaum Zweifel, dass Lukas die Heilung des Blinden eher berichtet als das Verlassen der Stadt, weil der Herr sich für Jericho die wunderbare Berufung des Zachäus aufbewahrt hatte mit dem Ziel, diese Schilderung der Gnade, die für sein erstes Kommen charakteristisch ist, neben die Frage und das Gleichnis vom Reich Gottes zu stellen, das sein zweites Kommen illustriert. Denn unmittelbar anschließend finden wir, wie Er die Gedanken der Jünger korrigieren muss, das Reich Gottes stehe unmittelbar bevor, denn Er war auf dem Weg hinauf nach Jerusalem.“ Kelly verweist darauf, dass die Worte im Griechischen nicht so verstanden werden müssen, dass es um ein aktives sich nähern des Eingangs von Jericho geht. Diese Konstruktion kann nachweislich einfach bedeuten, dass diese Begebenheit „in der Nähe Jerichos“ stattfand.

Noch ein Wort zu einer anderen, ähnlichen Begebenheit. In Kapitel 9,27–31 finden wir eine sehr ähnliche Heilung des Herrn. Auch dort sind es zwei Menschen, die blind waren und vom Retter geheilt wurden. Dennoch handelt es sich um zwei ganz verschiedene Begebenheiten, die auch zwei sehr unterschiedliche Botschaften transportieren. In Kapitel 9 lesen wir vom zehnten Zeichen, das der Herr Jesus (nach Matthäus) getan hat und das Ihn als Messias auswies und verherrlichte. Sein Volk war blind, als Er zu diesem kam. Dort ging dieses Zeichen der Aussendung der 12 Jünger voraus, ihrem Dienst vor allem in Galiläa. In unserem Kapitel dagegen finden wir den Abschluss seines Wirkens in Israel und zugleich den Beginn der abschließenden Leiden Christi.

Das blinde Volk – sehende Übriggebliebene

Jetzt in Kapitel 20 müssen wir erkennen, dass dieses Volk noch immer blind war, obwohl der Herr Jesus zu ihm gekommen war, um es zu heilen und sehend zu machen. Aber das Volk wollte nicht, wollte seinen König nicht annehmen. So erhält es einen letzten Appell im Guten. Das aber offenbart zum wiederholten Mal, dass es zwar inmitten dieses Volkes einige wenige gab, die man als Übriggebliebene bezeichnen kann, die auf den Messias Gottes warteten und sein Wirken annahmen, dass Ihn aber die große Masse ablehnte. Man versuchte sogar zu verhindern, dass Er zum Wohl derer wirken konnte, die Ihn von Herzen aufnahmen.

Es ist bezeichnend, dass dieser letzte Appell des Herrn an sein ganzes Volk von Jericho ausging. Jericho war die Stadt, wo Josua die Einnahme des Landes Israel begann – Christus begann hier seinen letzten Leidensweg. Es ist die Stadt, die Josua verfluchen musste (vgl. Jos 6,26). In 1. Könige 16,34 lesen wir, dass es tatsächlich einen Israeliten gab, der die verfluchte Stadt gegen das Gebot Josuas wieder aufbaute – auf Kosten zweier seiner Kinder. Dieser Fluch lag bis jetzt auf Jericho.

Aber der Herr war gekommen, um aus dem Fluch, der inzwischen ein Fluch Gottes über sein Volk Israel geworden war (vgl. 5. Mo 28,45), einen Segen für sein Volk zu machen. Dazu war es nötig, dass Er aus der Fluch-Stadt kommend selbst zum Fluch am Rande der Stadt Jerusalem werden würde: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“ (Gal 3,13). Das war der einzige Weg, um aus dem Fluch über Israel einen Segen zu machen. Dieser Segen ist die Grundlage für die zukünftige Wiederherstellung des Volkes Israel.

Aber wir sehen im Herrn Jesus hier nicht einfach den Messias, der das Gesetz tat und sich sogar unter das Gesetz stellte. Nein, Er ist hier auch zugleich der Herr, Jahwe, der als Gesetzgeber über dem Gesetz steht. Aus diesem Grund kann Er Menschen sogar in der Stadt des Fluches segnen.

Dem Herrn folgt eine große Volksmenge nach. Noch immer folgen sie dem, der so viele Wunder getan hat. Das ist es – leider das allein – was sie anzieht. Das wird aus Folgeversen sehr deutlich. Denn in was für einer abstoßenden Weise reagieren sie, als zwei hilfsbedürftige Menschen nach dem Herrn Jesus rufen.

Den beiden Blinden reicht es zu hören, dass Jesus vorübergeht. Sofort schreien sie, um sich in der Volksmenge Gehör zu verschaffen: „Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!“ Im Gegensatz zu der kananäischen Frau (vgl. Mt 15,22) können sie zurecht vom Herrn Jesus als Sohn Davids sprechen. Jericho lag innerhalb von Israel – und diese beiden Männer waren offensichtlich Juden.

Im Gegensatz zu der Volksmenge sind sich diese beiden Männer bewusst, dass sie Hilfe nötig haben. Sie wissen, dass sie zu den Kranken gehören. Und sie erkennen in Jesus nicht nur einen Wunderheiler, sondern den von Gott gesandten Messias, der einen Anspruch auf den Thron Davids besaß. So rufen sie Ihn in dieser Eigenschaft um Hilfe, um Erbarmen. Sie kennen ihre Not und wissen, dass es eine Frage der Liebe und Barmherzigkeit ist, die Ihn dazu bringen würde, sie zu heilen.

Der Hass des Volkes – der Glaube der Übriggebliebenen

Die Volksmenge kann das Geschrei der beiden Männer nicht mehr hören. Wir können das menschlich nachvollziehen. Der Herr Jesus befand sich vielleicht mitten in einer großen Volksmenge, so dass die beiden Männer über einen längeren Zeitraum laut schreien mussten, bis Jesus wirklich in ihrer direkten Nähe war. Dieses Schreien war für die Menschen eine echte Belästigung. Aber warum ließen sie diesen beiden Männern keine Gasse zum Herrn zu? Es wäre für sie ein Leichtes gewesen, dieses Schreien dadurch zu beenden, dass sie die beiden zu Jesus führten.

So erkennen wir, dass diese ablehnende Haltung für das Volk symptomatisch war, zugleich auch symbolisch für den Widerstand des Volkes Israel stand, ja für dessen Hass gegen Christus und seine Nachfolger. Wir erinnern uns an Jesaja 66,5: „Hört das Wort des Herrn, die ihr zittert vor seinem Wort! Es sagen eure Brüder, die euch hassen, die euch verstoßen um meines Namens willen: Der Herr erzeige sich herrlich, dass wir eure Freude sehen mögen! Aber sie werden beschämt werden“ Diesen Hass mussten auch die beiden Blinden erleben. Wir hören zwar an dieser Stelle nichts von Spott, der an einem herrlichen Eingreifen des Herrn zweifelt. Aber die „Brüder“ der beiden Blinden taten nichts dafür, dass der Herr auf sie aufmerksam wurde. Das aber brachte die verzweifelten Männer nicht zum Schweigen.

Auch heute erleben wir, dass die große Masse der christlichen Bekenner den eigentlichen Bedürfnissen der Menschen vollkommen gleichgültig gegenübersteht. Diese Christen, bekennen sich zwar äußerlich zu Gott und dem Herrn Jesus, wie das Volk Israel damals. In Wirklichkeit aber lehnen sie Ihn ab. Diese Gleichgültigkeit führt jedoch oft dazu, dass diese falschen Bekenner jede Anstrengung zu verhindern suchen, dass der Herr an den Herzen von Menschen zu deren innerer Umkehr wirken kann. Bedürfnisse werden mit einem „sozialen Evangelium“ beantwortet, das nicht in der Schrift zu finden ist. So werden Menschenseelen in die Irre geführt und vom Herrn Jesus weggedrängt. Wie gut, wenn es dann doch einige wenige gibt, die zum Herrn Jesus führen.

Wie auch die künftigen Übriggebliebenen sich von dem Hass ihrer ungläubigen Landsleute nicht daran hindern lassen werden, den Messias um Hilfe und Rettung anzurufen, überwinden auch diese beiden Männer die ablehnende Haltung des Volkes. Sie schreien nur umso lauter zum Herrn Jesus, interessanterweise exakt mit denselben Worten wie vorher. Sie berufen sich einfach auf das Erbarmen des Sohnes Davids.

Dieser Ausdruck besagt deutlich mehr als nur, dass der Herr Jesus ein Nachkomme Davids ist (vgl. Jer 23,5; Mt 21,9). Er war der wahre König Israels. Zunächst einmal war Salomo der Sohn Davids. Und Salomo steht als Person vorbildlich für den König Israels. Das ist insofern von Bedeutung, als es ja zur Zeit des Herrn einen König in Israel gab, aber einen falschen, edomitischen. Diese beiden Männer erkannten aber in Christus den wahren König – im Unterschied zu den Juden im Allgemeinen, die auf diesen Titel nicht gekommen waren (vgl. Mt 16,14.15). Ebenso werden in Zukunft die Übriggebliebenen den Herrn Jesus nicht nur als ihren Retter, sondern auch als ihren Messias erwarten.

Der Herr Jesus wusste längst, wer am Ausgang Jerichos auf Ihn wartete. Aber Er wollte den Wunsch dieser Männer hören und gewissermaßen herausfordern. So bleibt Er stehen und ruft sie: „Was wollt ihr, dass ich euch tun soll?“ Wusste Er das nicht längst? Natürlich! Dennoch möchte Er es von ihnen selbst hören und ihr Gewissen in Tätigkeit bringen. Der schlichte Glaube dieser beiden Männer ist bewundernswert: „Herr, dass unsere Augen aufgetan werden!“ Sie reden nicht um die Sache herum, sie nennen schlicht ihr Bedürfnis. Und sie wenden sich an denjenigen, der ihnen wirklich helfen kann. Wir können uns darauf verlassen, eine Antwort zu erhalten, wenn wir uns im schlichten Glauben an den einen wahren Retter wenden.

Innerlich bewegt – das Anrühren der Übriggebliebenen

Vers 34 in diesem Evangelium ist eine Besonderheit. Nur Matthäus berichtet davon, dass der Herr Jesus innerlich bewegt war und ihre Augen angerührt hat. Nur vom Herrn Jesus wird dieses Wort überhaupt berichtet – insgesamt zwölfmal in den Evangelien.1 Hier wird noch einmal die Weissagung Jesajas erfüllt, dass der Herr Jesus die Krankheiten auf sich genommen und getragen hat (vgl. Mt 8,17). Er hat nicht einfach geheilt, ohne sich mit der Krankheit zu beschäftigen und sie auf sich zu nehmen, sich mit ihr einszumachen. Er war innerlich bewegt, wenn Er den Zustand seines Volkes sah, der bildhaft durch diese beiden Männer sichtbar wurde.

Zum Heilen rührt Er die Augen der beiden Männer an. Das bestätigt, dass diese beiden Männer symbolisch für das Volks Israel stehen. Wenn es um die Heilung Israels geht, berührt der Herr sein Volk mit den Händen (vgl. Mt 8,3). Zu Thomas spricht der Herr Jesus von einem „materiellen“ Sehen (vgl. Joh 20,29). Nationen heilt der Herr oftmals mit Worten, ohne zu berühren oder zu dem Kranken hinzugehen (vgl. Mt 8,13). Bei ihnen kommt es auf Glauben an. Das ist besonders heute während seiner Abwesenheit wahr.

Der Herr Jesus rührt die Augen an. Und sogleich wurden die Männer wieder sehend. Noch einmal, ein letztes Mal, finden wir hier auf der Erde die Erfüllung der Verheißungen des Alten Testaments, die sich auf den Messias Gottes beziehen (vgl. Jes 35,5.6; 29,18; 42,7.16). Bis heute noch muss das Volk auf das nächste Wunder warten.

Es wird kommen, wenn der Herr Jesus wieder auf diese Erde zurückkommt. Dann wird – wie diese beiden Blinden – ein Überrest des Volkes auf Ihn warten. Die große Masse wird Ihn ablehnen. Aber die wenigen, die auf Ihn warten und in Ihm den König Israels sehen, den Sohn Davids, werden von Ihm geheilt werden. Und sie werden, wie diese beiden Sehenden, Ihm nachfolgen. Es wird ein Volk sein, das in der Finsternis wandelt (vgl. Jes 8,239,1). Aber es wird von seiner Blindheit geheilt werden.

Wir dürfen heute geistlich Blinde zum Herrn Jesus führen, der sie retten möchte, während die große Masse der Christenheit mit Christus nichts zu tun haben möchte. Er freut sich über jeden einzelnen Blinden, dem Er Licht über sein eigenes Leben, über Gott, über Christus und das Heil schenken kann.

Es ist im Übrigen interessant, dass wir vor dem Auftreten und Kommen des Herrn keinen Hinweis darauf haben, dass Blinde geheilt worden sind. Die jüdischen Rabbiner sind sogar der Auffassung, dass dies grundsätzlich dem Messias vorbehalten ist. Sie beziehen sich auf den zitierten Vers in Jesaja 35,6. Wir wissen nicht, ob es tatsächlich nie jemanden gab, den Gott dazu benutzte, einen Blinden sehend zu machen. Auf jeden Fall erkennen wir, dass der Geist Gottes die Kraft und Fähigkeit, Blinde sehend zu machen, direkt mit dem Messias verbindet. Es ist der Segen, der mit seinem Kommen verbunden bleiben wird.

Aus Hebräer 6,5 wissen wir, dass dieser Segen zu den Zeichen und Wundern der künftigen Welt gehört, die Kennzeichen des 1.000-jährigen Friedensreichs sind. Dann werden seine Knechte dieses Werk fortsetzen, wie es am Ende des Markusevangeliums gesagt wird. Aus der Apostelgeschichte wissen wir, dass diese Zeichen in der ersten Zeit des Christentums gewissermaßen vorweggenommen wurden. Aber sie haben nach 1. Korinther 13 und Hebräer 2 sehr schnell aufgehört und werden erst wieder mit dem zweiten, machtvollen Kommen des Herrn in Erscheinung treten.

Verse 1–11: Der Öffentliche Einzug des Messias in Jerusalem – in Sanftmut (K. 21)

Wir kommen jetzt zu der beeindruckenden Szene, wo sich der Herr Jesus als Messias nach Jerusalem begibt. Sie steht am Anfang mehrerer Begebenheiten, die in diesem Kapitel geschildert werden, die von der großen Autorität des Herrn Jesus zeugen. Er besaß Gewalt sowohl in Worten als auch in Taten. Das wird in diesen Versen noch einmal herausgehoben.

Während die Heilung der beiden Blinden vermutlich in der letzten Woche vor der Hinrichtung des Herrn stattfand, kommen wir jetzt zu der Woche, in der Jesus gekreuzigt wurde. Wenn man die einzelnen Tage zurückrechnet, kommt man in Kapitel 21,1 (und den Vergleichsabschnitten in den drei anderen Evangelien) zu dem Sonntag. An diesem Tag präsentierte sich der Herr Jesus zum letzten Mal öffentlich dem ganzen Volk. Zuvor hat Maria nach Johannes 12 ihrem Herrn die Füße gesalbt. Das ist wohl eine der wenigen (vermutlich zwei) Gelegenheiten, bei denen Markus von der zeitlichen Ordnung abweicht. Nachdem unserem Herrn also ganz im Verborgenen Anbetung gebracht wurde – sicher ein Hinweis auf die Anbetung, die dem Herrn heute vonseiten seiner Versammlung gebracht wird – kommt die öffentliche Huldigung, die dem Herrn Jesus in Zukunft in aller Öffentlichkeit gebracht werden wird, wenn Er als König in Jerusalem einziehen wird.

Es ist auffallend, dass diese Begebenheit des Einzugs in Jerusalem von allen vier Evangelisten erzählt wird. Während wir bislang nur ein einziges Wunder (das der Speisung der 5.000) in allen vier Evangelien gefunden haben, kommen wir jetzt zu den Ereignissen, die direkt mit den letzten Tagen und Leiden des Herrn Jesus in Verbindung stehen. Manches davon steht in allen Evangelien. Das zeigt die Bedeutung, die darin liegt.

Man fragt sich, warum das schon bei dieser Präsentation in Jerusalem, der Hauptstadt Israels, der Fall ist. Wir finden hier einen bewegenden Anlass für das Kommen des Herrn Jesus. Wir denken als Christen natürlich zunächst daran, dass Gott in der Person des Herrn Jesus Mensch geworden ist, um am Kreuz zu sterben und uns Menschen zu versöhnen. So wahr das ist, gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Gründe für sein Kommen! Eines ist, dass Er als Messias zu seinem Volk gekommen ist, um es in das Königreich Gottes einzuführen. Und genau diese Einführung finden wir in diesen Versen. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als ob das Volk seinen Messias annehmen würde.

So herrlich dieser Abschnitt aber auch ist, weil viele Menschen den Herrn Jesus mit freundlichen, ja begeisterten Worten empfingen, so deutlich zeigt diese Begebenheit aber zugleich, dass die Ablehnung des Herrn endgültig war. Wenn selbst diejenigen, die dem Herrn hier begeistert gegenüberstanden, nicht einmal wussten, wer Er war: der König Israels ist, so gab es keine Hoffnung mehr für das Volk und die Errichtung des Königreichs in Macht und Herrlichkeit.

Verse 1–5: Eine weitere Erfüllung alttestamentlicher Prophetie

„Und als sie sich Jerusalem näherten und nach Bethphage kamen, an den Ölberg, da sandte Jesus zwei Jünger und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf euch gegenüber; und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir. Und wenn jemand etwas zu euch sagt, so sollt ihr sprechen: Der Herr benötigt sie, und sogleich wird er sie senden. Dies aber ist geschehen, damit erfüllt würde, was durch den Propheten geredet ist, der spricht: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und auf einer Eselin reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen des Lasttiers“ (Verse 1–5).

Näher und näher kommt der Augenblick endgültiger Leiden für Jesus. Er und seine Jünger näherten sich Jerusalem. Noch ein letzter öffentlicher Appell seiner Liebe stand bevor. Kurze Zeit später würde Christus gerade über diese Stadt weinen müssen (vgl. Lk 19,41). Auch sein siebenfaches Wehe würde Er über diese Stadt und ihrer Führer ausrufen müssen (Mt 23). Jetzt aber kam Er noch ein letztes Mal voller Liebe und Hinwendung in seine geliebte Stadt.

Interessanterweise wird in diesem Zusammenhang auch Bethphage erwähnt. Diesen Ort kennen wir nur aus dieser Begebenheit. Die drei synoptischen Evangelien erwähnen ihn, während Johannes nicht von Bethphage spricht. Das mag daran liegen, dass sowohl Matthäus als auch Markus und Lukas in der Folge von dem Feigenbaum sprechen, während Johannes diese Pflanze nur im ersten Kapitel erwähnt. Zur Bedeutung der Feige kommen wir später. Bethphage bedeutet übersetzt: Haus der kleinen, frühreifen Feigen. Jerusalem wiederum bedeutet „Gründung des Friedens“ und ist die „Stadt des großen Königs“ (Mt 5,35).

Ein dritter Ort wird erwähnt: der Ölberg. Auf diesem Berg wird der Herr Jesus kurze Zeit später seine große prophetische Rede halten (24,3). Aus Sacharja 14,4 wissen wir zudem, dass der Herr Jesus, wenn Er auf diese Erde zurückkommen wird, mit seinen Füßen auf dem Ölberg stehen wird. Insofern geben uns die drei genannten Orte einen schönen Blick auf die Zukunft. Das alles gibt einen Hinweis auf den gläubigen Überrest Israels (vgl. Hld 6,12; Ps 110,3), der den Herrn Jesus als Messias sehnlichst erwarten wird.

Dann werden die Übriggebliebenen des Volkes Israel, die sich zu dem Messias Gottes bekehren werden, zu einem gerechten Volk geworden sein, das wirklich Frucht für Gott hervorbringt (Feigen). Auch dazu kommt der König auf den Ölberg (abgesehen von der Ausübung des Gerichtes), um seinem Volk und seiner Stadt (Jerusalem) eine herrliche Zukunft zu bereiten.

Jesus sendet zwei seiner Jünger – wieder sehen wir den Charakter des Zeugnisses – in das gegenüberliegende Dorf. Es wird nicht mit Namen genannt. Vielleicht handelt es sich um Bethanien. Dort sollten die beiden Jünger, deren Name keiner der Evangelisten nennt, eine Eselin und ein Fohlen bei ihr finden, die angebunden waren. Die Jünger sollten beiden Tiere losbinden und zum Herrn Jesus bringen. Menschlich gesprochen handelte es sich um Diebstahl. Aber die Jünger sollten auf eine etwaige Frage antworten: „Der Herr benötigt sie.“ Das würde den Eigentümer dazu bringen, dem Herrn die Tiere bereitwillig zu geben. Denn es kam derjenige, der das Recht an diesen Tieren hatte. „Diesem öffnet der Türhüter“, lesen wir in Johannes 10,3. Denn hier war derjenige, den Gott gesandt hatte und dem der Geist Gottes alle Türen öffnete, damit Er das Werk Gottes erfüllen konnte.

Praktische Lehren für das Glaubensleben

Aus diesen Versen lernen wir für unser praktisches Glaubensleben:

  1. Dem Herrn Jesus gehört alles! Er ist der Schöpfer, der alles geschaffen hat. Er ist der ewige Gott, der alles weiß, auch, wo sich diese Tiere in welchem Zustand befinden. Und Ihm gehören letztlich auch diese Tiere. Asaph drückt das einmal so aus: „Denn mein ist alles Getier des Waldes, das Vieh auf tausend Bergen. Ich kenne alle Vögel der Berge, und das Wild des Feldes ist mir bekannt“ (Ps 50,10.11). Johannes hat zudem einmal vom Herrn Jesus gesagt: „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben“ (Joh 3,35). Darüber hinaus gehören Ihm nicht nur alle Dinge, sie stehen auch zu seinen Diensten: „Denn alle Dinge [eig. das Ganze] dienen dir“ (Ps 119,91). Die Frage ist, ob wir uns bewusst sind, dass auch wir und alle Dinge, die uns gehören, Ihm gehören und in seinen Dienst gestellt werden?
  2. Der Herr Jesus kann zu jeder Zeit zu jedem von uns kommen und sagen (lassen): „Der Herr benötigt sie.“ Egal, ob es um unser Fahrrad, unser Auto, unsere Zeit, unser Geld, unser Haus, oder worum es auch immer gehen mag: Sind wir wie dieser Eigentümer des Esels bereit, alles „sogleich“ dem Herrn Jesus zu senden?
Die Weissagung dieser Szenen

Der Evangelist zeigt dann, dass dies alles nicht einfach eine Begebenheit war, die sich damals abspielte. „Dies aber ist geschehen, damit erfüllt würde, was durch den Propheten geredet ist, der spricht: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und auf einer Eselin reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen des Lasttiers.“ Rund 500 Jahre zuvor hatte Sacharja diese Begebenheit angekündigt. Er gehörte zu den letzten Schreibern des Alten Testaments. Wie wir gesehen haben, bestand zwischen den letzten Schreibern des Alten Testaments und dem Kommen des Herrn Jesus eine Zeit von 400 Jahren Schweigen (siehe in der Einleitung die geschichtliche Einordnung des Matthäusevangeliums). Und genau jetzt erfüllte sich diese Weissagung Sacharjas, was durch die Ausdrucksweise des Evangelisten deutlich wird: „damit erfüllt würde“ (vgl. die Erklärungen zu Matthäus 1,22: „damit erfüllt würde“ zeigt, dass sich die Weissagung hier erfüllt hat).

Die Weissagung Sacharjas ist von großem Interesse. In den ersten acht Versen von Kapitel 9 finden wir das Gericht des Herrn über die Nachbarstaaten Israels. Es geht um eine Prophetie, die heute noch nicht erfüllt ist. Sie wird ihre Erfüllung finden, wenn der Herr Jesus aus dem Himmel kommen wird (Off 19) und Gericht an den Feinden Israels üben wird (vgl. auch Sach 14,3 ff.).

In dieser Verbindung ruft der Prophet den Juden zu: „Frohlocke laut, Tochter Zion; jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König wird zu dir kommen: Gerecht und ein Retter ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin. Und ich werde die Streitwagen aus Ephraim und die Pferde aus Jerusalem ausrotten, und der Kriegsbogen wird ausgerottet werden. Und er wird Frieden reden zu den Nationen; und seine Herrschaft wird sein von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde“ (Sach 9,9.10).

Das erste Kommen Christi und sein zweites Kommen

Das Besondere an der Weissagung Sacharjas ist, dass sie sowohl das erste Kommen Christi (Vers 9) als auch das zweite Kommen (Vers 10) umfasst. Im Alten Testament war die Zeit der Gnade und der Versammlung nicht offenbart, die zwischen dem ersten und zweiten Kommen des Herrn stehen sollte. Daher verbindet der Prophet die beiden Kommen miteinander. Denn Gott hat nicht vorausgesetzt (obwohl Er es wusste), dass das Volk Israel seinen König nicht annehmen würde.

Das erste Kommen zeigt den König in Sanftmut und Demut, das zweite jedoch in Macht und Kraft. Für das erste Kommen hat Er einen Esel gewählt, für das zweite wird Er auf einem Schlachtross sitzen (vgl. Off 19,11). Dann wird Er nach Sacharja 9 auch das ungläubige und ungöttliche Volk Israel besiegen und dadurch die treuen Übriggebliebenen befreien, die auf Ihn, den Messias, gewartet haben.

Zunächst aber ist der Herr Jesus in Sanftmut gekommen. Er wollte keinen Krieg – dann hätte Er alle richten und verdammen müssen, die auf der Erde lebten, auch sein eigenes Volk und sogar die Jünger, die ebenfalls Sünder waren. Aber das war nicht der Zweck seines ersten Kommens. Er wollte sein Volk retten (Mt 1,21). Daher diese Botschaft an die „Tochter Zion“. Das ist niemand anderes als sein Volk Israel. Zion, nach 2. Samuel 5,7 ein Begriff für Jerusalem, steht besonders mit Gnade in Verbindung (vgl. z.B. Jes 30,19; Ps 9,15; 14,7; 51,20). Gnade war auch der Charakter des ersten Kommens des Herrn (vgl. Joh 1,17), der seinem Volk eine Gunsterweisung Gottes war.

In dieser Weise aber hatte das Volk der Juden seinen König offensichtlich nicht erwartet. Bis zum Ende haben sogar die Jünger darauf gehofft, dass der Herr sein Königreich in Macht und Herrlichkeit aufrichten würde (vgl. Apg 1,6). Aber Er hatte von seinem Vater einen anderen Auftrag erhalten und dies seinen Jüngern auch immer wieder weitergegeben.

Eselin und Fohlen – eine vorbildliche Bedeutung

Eine Besonderheit in dem Bericht von Matthäus muss noch erwähnt werden. Nur er spricht davon, dass die Jünger nicht nur ein Tier finden würden, sondern eine Eselin und ein Fohlen. Zwar zitiert auch Johannes den Propheten Sacharja; aber dort wird nur das Eselsfohlen erwähnt.

Wir haben verschiedentlich gesehen, dass Matthäus der Evangelist der verschiedenen Epochen (Haushaltungen) des Handelns Gottes ist. In Verbindung mit diesem prophetischen Text von Sacharja dürfen wir daher, wenn Matthäus anders zitiert als die anderen Evangelisten, eine entsprechende Botschaft erwarten. Der Esel war ein unreines Tier (vgl. die Anforderungen an reine Tiere in 3. Mo 11). Es ist ein Bild für das ungläubige Israel, das den Herrn Jesus damals ablehnte, wie wir vielfach gesehen haben, und das Ihn auch in künftigen Tagen ablehnen wird, wenn Er als Messias zu seinem Volk zurückkommen wird. Daher ritt der Messias auch nicht auf diesem Esel, sondern auf dem Fohlen, einem Jungen des Lasttiers, auf dem nach Lukas 19,30 noch nie ein Mensch gesessen hatte. Es war noch unter keinem Joch gewesen. Dieses junge Tier ist ein Bild von den treuen Übriggebliebenen, die damals den Herrn Jesus erwarteten, und ebenfalls von denen, die in der künftigen Drangsalszeit auf ihren Christus warten werden. Der Herr verbindet sich also ausdrücklich mit ihnen.

Vielleicht kommt die Frage auf, inwiefern ein unreines Tier für ein reines Volk stehen kann. Die Antwort dazu finden wir in 2. Mose 13,13. Denn das Erstgeborene des Esels konnte durch ein Lamm gelöst werden (und damit war es für den Israeliten verwendbar). Der Tod des Herrn Jesus wird bewirken, dass das Junge der Unreinen – des unreinen Volkes Israel – gelöst und damit brauchbar für Gott werden wird. Wenn aber der Esel nicht gelöst wurde, musste ihm das Genick gebrochen werden (vgl. auch 2. Mo 34,20). Das ist der Zustand des Volkes Israel. Es lehnt Jesus als Messias und Retter ab. Daher ist ihm damals – bildlich gesprochen – das Genick gebrochen worden. Und dem abtrünnigen Volk, das den Antichristen als König annehmen wird, steht dasselbe „Schicksal“ bevor.

Letztlich ist der Esel auch ein Symbol für jeden Menschen. Denn es gibt keinen Menschen, der nicht einen Löser, einen Erretter nötig hätte. Jeder Mensch ist unrein und durch Eigenwillen geprägt, so dass man ihm sozusagen das Genick brechen muss. Gott sei Dank – es gibt für jeden Menschen Hoffnung, „wenn auch der Mensch als ein Wildeselsfohlen geboren wird“ (Hiob 11,12). Denn es gibt das Lamm, das gestorben ist. Wer bereit ist, diesen Löser für sich anzunehmen, bekommt nicht selbst „das Genick“ gebrochen. Stellvertretend für ihn ist ein anderer gestorben!

Das Eselsfohlen

Es bleibt dennoch die Frage offen, warum gerade ein Eselsfohlen von Gott gewählt wurde. Folgende Gründe kann man anführen:

  1. Es stellt die Erfüllung der zuvor geschriebenen Weissagung dar (Sach 9,9).
  2. Es ist im Vergleich zum Esel ein wunderbares Bild von den treuen Übriggebliebenen des Volkes Israel. Wie gesagt, weil es noch kein Joch getragen hat.
  3. Es zeugt mehr als viele andere Tiere von Demut. Christus kam nicht auf einem Schlacht- und Kriegsross, wie viele ihren König sicher erwartet hätten, sondern auf einem kleinen und jungen Esel in die Stadt geritten. Wir sind immer wieder neu beeindruckt von der Gesinnung dessen, von dem wir in den vergangenen Kapiteln so viele Wunder gelesen haben. Wenn es um seine eigene Wahl ging, wollte Er in einer armen Familie aufwachsen und auf einem Eselsfohlen in die Stadt reiten. Das ist dem menschlichen Denken sehr fremd. Aber Christus wollte nicht in königlichem Stolz sondern in der Gesinnung des Dieners kommen.
  4. Dieses Tier ist ein echtes Unterscheidungskriterium. Immer dann, wenn Menschen auf einem Esel geritten sind, findet das eine besondere Erwähnung (vgl. z.B. Ri 5,10; 10,4; 12,14).
  5. Dieses Tier redet von Frieden, im Unterschied zum Streitross, das von Krieg spricht. Auch im Leben des Herrn Jesus (vgl. Off 19,11).
  6. Kam der Herr Jesus nicht, um sein Volk zu erlösen? So musste Er sich mit dem unreinen Zustand seines Volkes und des Menschen überhaupt einsmachen, um Rettung bringen zu können. Genau das tat Er, als Er am Kreuz von Golgatha die Sünden seines Volkes und die Sünden des Menschen auf sich nahm und für diese das Gericht Gottes über sich ergehen ließ (vgl. 2. Kor 5,21).
  7. Ein Esel, auf dem noch nie jemand gesessen hat, ist nicht als Reittier zu empfehlen. Der Esel an sich ist schon ein störrisches Tier, und wenn er noch nie zum Reiten gebraucht worden ist, erst recht. Ein Fohlen wehrt sich sogar bis zur Erschöpfung mit allen Kräften gegen das ungewohnte Tragen einer Last oder eines Reiters. Die Autorität, mit der der Herr hier über das Eselsfohlen gebietet, zeigt uns etwas von seiner königlichen Würde.

Auch wenn wir diesen Ritt auf dem Eselsfohlen besonders mit dem ersten Kommen des Herrn in Verbindung bringen, ist nicht ausgeschlossen, dass Er auch beim zweiten Mal auf einem Eselsfohlen in die Stadt reiten wird. Sacharja 9 könnte darauf hindeuten. Auch der Segen Jakobs für Juda scheint in diese Richtung zu deuten: „Er bindet an den Weinstock sein Eselsfohlen und an die Edelrebe das Junge seiner Eselin; er wäscht im Wein sein Kleid und im Blut der Trauben sein Gewand“ (1. Mo 49,11).

Auch hier finden wir Freude und Gnade (Weinstock, Edelrebe) verbunden mit Gericht und Krieg (Wein und Blut). Juda ist der Königsstamm, aus dem der Messias gekommen ist. Er bringt Freude – aber zuvor wird Er Gericht üben an den Ungläubigen seines Volkes und an den gottlosen Heiden. Insofern könnte man Offenbarung 19 und die erste Phase seines gerichtlichen Kommens mit einem Schlachtross verbinden, die darauf folgende Phase seines zweiten Kommens für sein irdisches Volk (Sach 14) wird wieder mit einem Eselsfüllen verknüpft.

Verse 6–11: Der Einzug in Jerusalem

Als aber die Jünger hingegangen waren und getan hatten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte, führten sie die Eselin und das Fohlen herbei und legten die Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Und eine sehr große Volksmenge breitete ihre Kleider auf dem Weg aus; andere aber hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Volksmengen aber, die vor ihm hergingen und die nachfolgten, riefen und sagten: Hosanna dem Sohn Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe! Und als er in Jerusalem einzog, kam die ganze Stadt in Bewegung und sprach: Wer ist dieser? Die Volksmengen aber sagten: Dieser ist der Prophet, Jesus, der von Nazareth in Galiläa“ (Verse 1–11).

Damit kommen wir zu dem eigentlichen Einzug des Herrn in Jerusalem. Bislang haben wir von den Vorbereitungen gelesen. Jetzt gehen die Jünger hin und erleben, dass alles genauso war, wie ihr Meister es vorausgesagt hatte.

Wir lesen aber, dass die Jünger mehr tun, als ihnen aufgetragen wurde. Sie legen Kleider auf die Esel. Der Herr Jesus nimmt diese Gunsterweisung der Jünger an und setzt sich auf das Fohlen. Aber nicht nur die Jünger sind tätig. Auch eine Volksmenge wird aktiv. Der Geist Gottes spricht an dieser Stelle sogar von einer „sehr großen“ Volksmenge. Das ist ein seltener Ausdruck. In diesem Augenblick waren außerordentlich viele Menschen in Jerusalem, weil das große Passahfest anstand.

Hinzu kommt, dass Johannes uns mitteilt, dass diese Menschenmassen mitbekommen hatten, dass der Herr Jesus Lazarus auferweckt hatte (vgl. Joh 12,9.11). Daher wollten sie diesen Wundermann gerne noch einmal von Nahem erleben. Vermutlich wurden viele durch Sensationslust angetrieben, sich in die Nähe des Herrn Jesus zu bewegen. Dennoch gab es einen momentanen Impuls in diesen Menschen, ebenfalls ihre Kleider auf dem Weg auszubreiten und sogar Palmzweige abzuhauen und auf den Weg zu streuen. Dadurch wird hier das Passahfest mit dem Laubhüttenfest verbunden, bei dem nach 3. Mose 23,40 Hütten aus Palmzweigen gemacht wurden. Diese Verbindung wird auch durch das Zitieren von Psalm 118 unterstützt, der in den Sabbat, also die Ruhe, des 1.000-jährigen Reiches einführt. Tatsächlich wird der Ausdruck „Hosanna“ von den Juden auch heute noch beim Laubhüttenfest verwendet. Und der 118. Psalm wurde nach der jüdischen Tradition gesungen, wenn das Volk aus Jerusalem herauskam, um die Pilger, die sich nach Jerusalem aufgemacht hatten, in der Stadt zu begrüßen.

Das Passah ist ein Hinweis auf den Tod des Herrn Jesus, das Laubhüttenfest auf den Segen des 1.000-jährigen Friedensreichs. Eigentlich war der Herr Jesus gekommen, um seinem Volk diesen Frieden zu schenken. Aber sie lehnten Ihn als ihren Herrn ab – daher war jetzt allein die Zeit für seinen Tod, sein Erlösungswerk, gekommen. Die Zeit des Segens und des Friedens musste auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Wir erkennen dann im weiteren Verlauf des Kapitels, dass sich hier ein „demütiges Geschöpf“ – ein Eselsfüllen, das noch gar kein Joch kannte – seinem Schöpfer mehr unterwarf als die Menschen ihrem König, die zu retten Er gekommen war.

Hosanna dem Sohn Davids

Diese Verse schildern einen gewissen inneren Widerspruch. Denn die Menschenmassen rufen Jesus zu: „Hosanna dem Sohn Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe!“ Was sagen sie mit diesen Worten eigentlich aus?

  1. Jesus ist wirklich der Messias, der im Alten Testament angekündigt worden ist. Er ist derjenige, der im Namen des Herrn aus dem Himmel gekommen ist. Damit legt diese sehr große Volksmenge ein großartiges Bekenntnis von seiner messianischen Herrlichkeit ab!
  2. Wir finden damit eine gewisse Vor-Erfüllung des Psalms 118. Dieser Psalm wurde zum Schluss jeder Passahfeier gesungen. Auch der Herr hat diesen Psalm vermutlich als eines der Loblieder gesungen – den Schluss also im Hinblick auf seine zukünftige Regentschaft – bevor Er nach Gethsemane gegangen ist (26,30).
  3. Es handelt sich „nur“ um eine Teilerfüllung. Denn zunächst muss Psalm 118,27 in Erfüllung gehen, bevor der Herr mit diesem Segen für sein Volk kommen kann (Verse 25.26). Der Herr Jesus sagt später selbst, dass die volle Erfüllung dieser Worte noch verschoben werden muss (vgl. 23,39). So werden die treuen Übriggebliebenen dem Messias zurufen und ein brennendes Verlangen nach Befreiung ausdrücken, nachdem sie unter der satanischen Macht des Antichristen gelitten haben. Und dann werden die Worte aus dem Hohenlied, an die man sich hier unwillkürlich erinnert, in Erfüllung gehen: „Unbewusst setzte mich meine Seele auf den Prachtwagen meines willigen Volkes“ (Hhl 6,12).
  4. „Hosanna dem Sohn Davids!“ Hosanna ist ein hebräischer Ausdruck und bedeutet „Rette doch“, „Hilf doch“. Es handelt sich also eigentlich um ein Gebet, eine Rettungsbitte, die vom Volk ausgesprochen wurde und wird. Damit sagen diese Juden: Wahre Rettung gibt es nur durch den Sohn Davids, durch den Herrn Jesus. Auch wenn später die Volksmengen stattdessen schreien werden: „Er werde gekreuzigt“ (vgl. 27,22.23) – und sollten das wirklich nur andere Menschen und Volksmengen sein als diejenigen, die wir hier vor uns haben? – so bezeugen diese Menschen doch hier, dass wahre Rettung ausschließlich durch den wahren König, den Herrn Jesus möglich ist. Trifft sich das „Rette doch“ nicht mit dem „Kreuzige ihn“ – ohne die Verantwortung für den zweiten Ruf von den Juden zu nehmen – dadurch, dass Rettung nur durch das Kreuz möglich war?
    Der in Psalm 118 zu findende Rettungsruf „Rette doch“ hat sich wohl im Laufe der Zeit zu einem Lobesspruch entwickelt. So bedeutet „Hosanna“ hier nichts anderes als „Rettung dem Sohn Davids“, das heißt, Rettung gibt es nur durch Ihn. Wir wissen nicht, ob das einfach nur ein Impuls war, der über die Volksmengen gekommen ist und sie diesen Lobpreis aussprechen ließ. Hätten sie diese Worte doch nur ernst genommen und sie nicht nur aus einem momentanen Drang heraus gesagt!
  5. Diese Rettung sei Ihm auch in der Höhe gebracht. So rufen diese Menschen letztlich die Engel dazu auf, in ihren Lobgesang einzustimmen und vor dem König der Könige und Herr der Herren niederzufallen. Bei der Geburt des Herrn wurde von den Engeln gesagt: „Herrlichkeit Gott in der Höhe und Friede auf der Erde, an den Menschen ein Wohlgefallen“ (Lk 2,14). Jetzt, kurz vor dem Tod des Herrn wird noch einmal deutlich, dass Rettung nur von oben kommen konnte.
Jerusalem ist in Bewegung

Als der Herr dann auf diesem Fohlen in Jerusalem einzog, kam die ganze Stadt in Bewegung. Das war nichts Neues für Jerusalem. Denn schon Salomo war es ähnlich ergangen (vgl. 1. Kön 1,38–40): „Und Zadok, der Priester, und Nathan, der Prophet, und Benaja, der Sohn Jojadas, und die Keretiter und die Peletiter zogen hinab und ließen Salomo auf der Mauleselin des Königs David reiten, und sie führten ihn nach Gihon. Und Zadok, der Priester, nahm das Ölhorn aus dem Zelt und salbte Salomo; und sie stießen in die Posaune, und alles Volk sprach: Es lebe der König Salomo! Und alles Volk zog hinauf hinter ihm her; und das Volk blies auf Flöten, und sie freuten sich mit großer Freude, so dass die Erde von ihrem Geschrei barst.“ So auch jetzt. Mehr als 33 Jahre zuvor war die Stadt schon einmal in Bewegung gewesen, als die Weisen aus dem Osten gekommen waren. Damals war es Bestürzung gewesen angesichts des Messias, der Herodes seine Macht hätte streitig machen können.

So stellt sich auch jetzt die Frage, wie groß der Glaube wirklich war? Die Antwort auf die Frage der Menschen: „Wer ist dieser?“ zeigt die Realität, die glaubensmäßig vorhanden war: „Die Volksmengen aber sagten: Dieser ist der Prophet, Jesus, der von Nazareth in Galiläa.“ Sie sind nicht in der Lage, von Christus als dem Sohn Davids, dem Messias, zu sprechen, obwohl sie Ihn gerade noch so genannt hatten. Scheuten sie sich vor den Pharisäern? Fehlte der Glaube? Immerhin sagen sie, dass Er der Prophet ist. Jeder Jude bezog das sofort auf den Ausspruch von Mose: „Einen Propheten aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, gleich mir, wird der Herr, dein Gott, dir erwecken; auf ihn sollt ihr hören“ (5. Mo 18,15).

Aber war das wirklich alles, was man von Jesus sagen konnte? Und was ist von dem Zusatz zu halten: „der von Nazareth in Galiläa“? War das nicht ein Hinweis auf die Verachtung des Herrn, wenn von Ihm als dem Nazaräer gesprochen wurde (2,23)? Letztlich haben wir es also erneut mit dem Unglauben des Volkes zu tun. Der Herr Jesus nimmt das so hin. Er wusste zu jeder Zeit, inwiefern die Menschen wirklich aufrichtig waren. Hier erkannte Er sofort, dass es einen Begeisterungsimpuls gab, der nicht lange anhalten würde. Bei den Führern des Volkes war nicht einmal dieser kurzzeitige Impuls vorhanden, wie die nächsten Verse zeigen werden.

Verse 12–17: Die zweite Tempelreinigung – verbunden mit der Heilung von Kranken

„Und Jesus trat in den Tempel ein und trieb alle hinaus, die im Tempel verkauften und kauften; und die Tische der Wechsler und die Sitze der Taubenverkäufer stieß er um. Und er spricht zu ihnen: Es steht geschrieben: ‚Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden.‘; ihr aber macht es zu einer Räuberhöhle. Und es kamen Blinde und Lahme im Tempel zu ihm, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosanna dem Sohn Davids!, wurden sie unwillig und sprachen zu ihm: Hörst du, was diese sagen? Jesus aber spricht zu ihnen: Ja, habt ihr nie gelesen: ‚Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet.‘? Und er verließ sie und ging zur Stadt hinaus nach Bethanien und übernachtete dort“ (Verse 12–17).

Im Anschluss an diese Aufnahme in Jerusalem berichtet Matthäus von der sogenannten Tempelreinigung. Tatsächlich handelt es sich um die zweite Reinigung des Tempels. Nur Johannes schildert die erste (vgl. Joh 2,13–17). Auch sie stand in Verbindung mit einer Passahfeier, vermutlich der ersten während der Dienstzeit unseres Herrn. Nach jener Handlung des Herrn lesen wir, dass die Juden den Herrn skeptisch befragen (Verse 18–22). Genau so werden sie es auch diesmal tun (Verse 23–27).

Warum schildert Johannes die erste Tempelreinigung, während die zweite nur von den drei synoptischen Evangelisten vorgestellt wird? Die Antwort liegt vielleicht darin, dass Johannes von Anfang seines Evangeliums an zeigt, dass der Herr Jesus der Verworfene ist. Symbolisch wird dies durch die Verwerfung Gottes gezeigt, wie sie in der traurigen Behandlung seines Tempels sichtbar wird. Die drei anderen Evangelien dagegen sprechen von der (zweiten) Tempelreinigung relativ am Schluss des Lebens des Herrn, weil dort gewissermaßen abschließend jedem verdeutlicht werden soll, dass Gott und sein Messias abgelehnt werden.

In diesen Versen erkennen wir, dass der König im Begriff steht, alles seiner Beurteilung zu unterwerfen. Er ist der Richter. Dennoch verlässt Er dabei seine Stellung der Demut und des Zeugnisses für seinen Gott nicht. Zugleich aber tritt Er als der Messias Gottes in ganzer Autorität auf – und alles muss sich seinem Handeln unterordnen.

Natürlich haben diese Verse auch eine wichtige vorbildliche Bedeutung. Nachdem der Herr Jesus in künftigen Tagen als König in seine Stadt einziehen wird – anerkannt von seinem Volk –, wird Er als erstes das Haus Gottes, den Tempel reinigen. Hier haben die furchtbarsten Dinge stattgefunden. Der Antichrist wird nämlich ein Götzenbild des Römischen Herrschers im Tempel aufstellen (Off 13,14 ff.), das jeder anbeten muss. So muss der Herr als eine der ersten Handlungen den Tempel des Antichristen abreißen. Denn wie könnte der Herr in einen Tempel eingehen, in dem „der Gräuel der Verwüstung“ gestanden hat, wie Daniel und Matthäus ihn nennen. Dadurch ist der Tempel Gottes vollkommen verunreinigt worden. Alles muss gereinigt werden, damit die Herrlichkeit Gottes wieder erstrahlen kann.

Warum treibt der Herr die Händler aus dem Tempel?

Man mag fragen, warum der Herr Jesus die Verkäufer und Käufer aus dem Tempel heraustreiben musste. Wir wissen, dass es der Eifer um das Haus Gottes war, der Ihn antrieb (Ps 69,10; Joh 2,17). Wie konnte Er dulden, dass Menschen die Ehre Gottes mit ihrer Gewinnsucht besudelten. Besonders im Vordergrund steht hier jedoch seine königliche Autorität.

Aber hatte Gott nicht selbst in seiner Barmherzigkeit den Israeliten schon in der Wüste gesagt: „Und wenn der Weg zu weit für dich ist, dass du es nicht hinbringen kannst, weil der Ort fern von dir ist, den der Herr, dein Gott, erwählen wird, um seinen Namen dahin zu setzen, wenn der Herr, dein Gott, dich segnet, so sollst du es für Geld geben; und binde das Geld in deine Hand zusammen und geh an den Ort, den der Herr, dein Gott, erwählen wird. Und gib das Geld für alles, was deine Seele begehrt, für Rinder und für Kleinvieh und für Wein und für starkes Getränk und für alles, was deine Seele wünscht; und iss dort vor dem Herrn, deinem Gott, und freue dich, du und dein Haus.“ (5. Mo 14,24–26)? Taten also die Käufer und Verkäufer nicht etwas Rechtes hier?

  1. Eine erste Antwort finden wir in Johannes 2. Dort hören wir den Herrn Jesus sagen: „Macht nicht das Haus meines Vaters zu einem Kaufhaus!“ (Joh 2,16). Matthäus spricht nicht vom Haus des Vaters. Das ist das Thema von Johannes. Aber er spricht vom Haus Gottes. Gott hatte in seiner Gnade zwar zugesagt, dass die Israeliten, die nicht in Jerusalem wohnten, Opfertiere in dieser Stadt kaufen konnten. Nie jedoch war es seine Absicht gewesen, dass diese Tiere im Haus Gottes, direkt im Tempelbereich, zum Verkauf stehen sollten. Man muss hier an den Vorhof des Tempels denken, vielleicht sogar an den für die Heiden. Die Juden hatten vergessen, dass dieses Haus Gottes der Ort war, an dem Gott selbst wohnte. Dort sollten keine Verkaufsgeschäfte, durfte kein Handel stattfinden. Dafür gab es ausreichend Möglichkeiten innerhalb der Stadt.
  2. Damit zusammen hängt, was der Herr Jesus weiterhin über dieses Haus sagt: „Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden.“ Der Tempel sollte durch Gebet charakterisiert werden – nicht durch Handel. Inzwischen war genau das Umgekehrte eingetreten. Von Gebet war keine Rede mehr, sondern nur noch von Handel.
    Es fällt auf, dass der Herr Jesus die Weissagung von Jesaja (56,7) in verkürzter Form wiedergibt. Jesaja hatte davon gesprochen, dass der Tempel sogar das Bethaus für alle Völker sein sollte. Dieser Aspekt des Hauses Gottes für die ganze Welt ist nicht das Thema des Herrn in Matthäus 21. Ihm geht es um den Charakter des Hauses – es sollte ein Bethaus sein!2
  3. Darüber hinaus spricht Jesus von einer „Räuberhöhle“. Wir müssen also annehmen, dass die Verkäufer auf betrügerische Weise die Notwendigkeit der von weither gereisten Israeliten ausnutzten, Opfertiere kaufen zu müssen. Dadurch wurden offenbar weit überhöhte Preise verlangt. Aus einem Akt der Barmherzigkeit Gottes wurde ein Akt der Gewinnsucht.

Übrigens finden wir diesen Ausdruck „Räuber“ noch zweimal wieder in diesem Evangelium. Im Garten Gethsemane sagt der Herr zu den Menschen, die Ihn gefangen nehmen: „Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber, mit Schwertern und Stöcken, um mich zu fangen?“ (Mt 26,55). Und dann in Kapitel 27,44: „Auf dieselbe Weise aber schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.“ Diese beiden Verse geben uns einen gewissen Hinweis darauf, wie furchtbar die Schändung des Tempels in den Augen Gottes gewesen sein muss.

Verunreinigung des Hauses Gottes

Wenn man sich die Geschichte des Tempels anschaut, wird man auch schon früher einen Fall der Schändung feststellen. In Nehemia 13,4–9 war es sogar der Hohepriester, der seinem Verwandten Tobija, einem ammonitischen, heidnischen und damit unreinen Knecht, eine Wohnung im Tempel eingerichtet hatte.

Auch in geistlichem Sinn wird es in der Zukunft noch einmal so sein. Die Versammlung des lebendigen Gottes ist heute das Haus Gottes. Aber was die Verantwortung der Kirche auf der Erde betrifft, hat sie vollständig versagt. Nach dem Sendschreiben an Laodizea wird die Versammlung, gesehen als Zeugnis hier auf der Erde, sogar einmal aus dem Mund des Herrn ausgespien werden. Warum? Weil sie den Tempel Gottes verdorben hat (vgl. 1. Kor 3,17) und zu einer Handelsorganisation geworden sein wird (vgl. Off 17,16.17; 18,11–19). Gottseligkeit ist für die Versammlung dann zu einem Mittel zum Gewinn geworden (vgl. 1. Tim 6,5).

Insofern sprechen diese Verse, die ein vernichtendes Zeugnis über den geistlichen Zustand im Volk der Juden zur Zeit Jesu ablegen, zugleich in sehr ernster Weise zu uns. Man kann Gottseligkeit zu einem Mittel des Gewinns machen. Man kann den Tempel Gottes nicht nur entwerten, sondern sogar, was die Verantwortung des Menschen betrifft, verderben. Man kann das Haus Gottes dafür benutzen, die eigene Ehre zu pflegen. Das Tragische: Man merkt es vielleicht selbst nicht einmal. So wie sich die Juden zur Zeit Jesus dessen nicht bewusst waren, waren auch die Juden zur Zeit Jeremias sehr von sich überzeugt. Doch musste ihnen der Prophet entgegenhalten – und auf diese Worte bezieht sich der Herr ja in unserer Begebenheit:

„Dann [als Lügner, Diebe, Mörder, Ehebrecher und Götzendiener] kommt ihr und tretet vor mein Angesicht in diesem Haus, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: ‚Wir sind errettet!‘ [vgl. das Hosanna des vorigen Abschnitts], damit ihr alle diese Gräuel verübt. Ist denn dieses Haus, das nach meinem Namen genannt ist, eine Räuberhöhle geworden in euren Augen? Ich selbst, siehe, ich habe es gesehen, spricht der Herr“ (Jer 7,10.11). Dadurch bekommen die Worte des Herrn auch noch eine weitere Bedeutung. Er nimmt das Sündigen im Blick auf Gewinnsucht und Ungehorsam gegenüber Gottes Wort zum Anlass, den Juden ihren inneren, moralischen Zustand zu offenbaren. In Wirklichkeit waren sie nicht die frommen Juden, wie sie es äußerlich vorgaben, sondern Räuber, die durch Lüge, Diebstahl, Mord, Ehebruch und Götzendienst gekennzeichnet waren. Was für ein Urteil Gottes über sein eigenes Volk!

Verurteilung und Gnade

Dieser wahre Zustand wird auch noch dadurch unterstrichen, dass dann Blinde und Lahme im Tempel zu Jesus kamen. Hatte Gott nicht Aaron sagen lassen, wenn auch in direktem Bezug zu den Priestern: „Jemand von deinen Nachkommen bei ihren Geschlechtern, an dem ein Gebrechen ist, soll nicht herzutreten, um das Brot seines Gottes darzubringen; denn jedermann, an dem ein Gebrechen ist, soll nicht herzutreten, es sei ein blinder Mann oder ein Lahmer ...“ (3. Mo 18,21). Wie kam es, dass jetzt auf einmal diese Menschen kamen, um Gott Opfer zu bringen? Oder waren sie nur hier, um Almosen einzusammeln?

Der Herr jedoch behandelt diese Menschen anders als die Händler im Tempel und die Führer des Volkes. Denn Er war gekommen, um denen Barmherzigkeit zu bringen, die eines Arztes bedurften (vgl. Mt 9,12). Den Selbstgerechten konnte der Herr keine Hilfe bringen. Er musste sie verurteilen. Wer sich aber seines Elends bewusst war und den Herrn um Hilfe bat, bekam immer eine segensreiche Antworten. Nur Matthäus berichtet von diesem Wunderhandeln des Herrn. Und dieser Vers passt so wunderbar zu dem Messias, von dem wir aus dem Propheten Jesaja so manches Mal die Weissagungen über sein messianisches Heilen gelesen haben (vgl. z.B. Jes 35,5.6).

Wir sehen hier übrigens auch, wie sich unser Herr von David, der in mancher Hinsicht ein Vorbild auf Ihn war, unterschied. Diesem waren die Blinden und Lahmen aufgrund einer persönlich erfahrenen Verspottung verhasst (vgl. 2. Sam 5,6–8), auch wenn er andererseits Mephiboseth in Erfüllung seines Schwurs an Saul in Gnade aufgenommen hat. Hier haben wir es mit einem noch viel Größeren zu tun, der sich auch dieser verachteten Menschen von Herzen annahm.

Sie waren blind und lahm. Das sind zwei Charakterzüge des natürlichen Menschen, aber auch des Volkes Israel. Sie waren nicht in der Lage, Gott und seine Herrlichkeit sowie die seines Messias zu sehen und zu erkennen. Anerkennen wollten sie Ihn ohnehin nicht. Zudem waren sie unfähig, einen gottgemäßen Lebenswandel zu führen. Aber Gott sei Dank – sein Sohn zeigt trotzdem einen Weg der Abhilfe auf. Er tut das bis heute für denjenigen, der zu Ihm kommt, um sich die Augen öffnen und die Perspektive eines Lebens mit Gott geben zu lassen.

Zwei Reaktionen auf das Wirken des Herrn

Das Wirken des Herrn blieb nicht ohne Wirkung! Wie immer gab es zwei Möglichkeiten der Reaktion. Beide finden wir hier. Es gab die Kinder, die das Wundertun des Herrn gesehen hatten und Ihm lobsangen. Und es gab die Führer des Volkes, die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die aufgrund des Lobgesangs der Kinder unwillig wurden und dem Herrn diese Ehre nicht gönnten. Sie dachten: „Wie kann dieser Mann zulassen, dass ihn Kinder als König verehren, wo wir ihn nicht als solchen akzeptieren können!“ Letztlich wissen wir, dass sie die Werke, welche die göttliche Herkunft Jesu offenbarten (vgl. Joh 5,36), einfach nicht annehmen wollten. Es war keine Frage des Erkennens, sondern des Willens.

Die Kinder riefen voller Freude das, was die Volksmenge zuvor ebenfalls gesagt hatte: „Hosanna dem Sohn Davids!“ Sie werden nicht viel verstanden haben. Aber sie merkten instinktiv, dass hier der Messias vor ihnen stand, dessen Wundertun von seiner Herrlichkeit zeugte. Damit erfüllten sie, was David in Psalm 8 schon gesagt hatte: „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du Macht gegründet um deiner Bedränger willen, um den Feind und den Rachgierigen zum Schweigen zu bringen“ (Ps 8,3). Der Herr zitiert nur den ersten Teil dieses Verses, weil die volle Erfüllung erst zu Beginn des 1.000-jährigen Friedensreichs sein wird, wenn die Feinde endgültig zum Verstummen gebracht werden. Aber schon hier konnten die Führer des Volkes keine Antwort auf diese Erwiderung des Herrn geben.

Es ist ein bewegender Gedanke, dass sich der Herr angesichts der Feindschaft seines Volkes auf die Kinder und Säuglinge berufen muss. Jesus spricht von den Unmündigen und zielt damit sicher auch auf die Heiden ab, die immer wieder als seine Zeugen in diesem Evangelium hervortreten. Aber auch die kleinen Kinder, die noch nicht in der Lage waren, in einer Disputation mit den Schriftgelehrten zu bestehen, zeugten von der messianischen Herrlichkeit Jesu. An ihnen konnte Er sich erfreuen! Im Lukasevangelium lesen wir, was der Herr noch hinzufügt: „Ich sage euch, wenn diese [Kinder] schweigen, so werden die Steine schreien“ (Lk 19,49).

Wie viele der kleinen Kinder, die heute durch Abtreibung ermordet werden, bevor sie überhaupt geboren worden sind, werden das Lob der Ewigkeit ausmachen. Der Herr Jesus zitiert hier aus der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments. Denn die Macht, von welcher der Psalmist eigentlich spricht, wird es erst in der Zukunft geben. Das Lob aber wurde dem Herrn durch die Kinder damals schon geschenkt.

Der Hass der Hohenpriester und Schriftgelehrten wurde dadurch nicht geringer. Schon früher haben wir gesehen, dass es schon traurig ist, von Hohenpriestern in der Mehrzahl zu lesen (vgl. die Auslegung zu Matthäus 2,3). Noch schlimmer ist, dass diejenigen, welche die Stellvertreter Gottes auf der Erde waren, dessen Feinde und damit die Feinde seines Sohnes waren. Sie wollten die Kinder zum Schweigen bringen, müssen aber selbst schweigen vor dem, welcher der Herr der Herren und König der Könige ist.

Allerdings wollte der Herr angesichts dieses Widerstands nicht in Jerusalem bleiben, sondern ging zur Stadt hinaus, um in Bethanien zu übernachten. In Jerusalem gab es für Ihn genauso wenig Raum wie damals bei seiner Geburt in Bethlehem. Die Nacht, die Er jetzt außerhalb von Jerusalem zubrachte, würde geistlicherweise sehr schnell über das Volk der Juden herein brechen. Der Herr verließ die Juden. Diese geographische Aussage besaß eine tiefe geistliche Bedeutung und war mit einem großen Ernst für die Juden verbunden. Der Herr sagte sich von ihnen los. Er kehrte nicht nur der geliebten Stadt, sondern auch dem geliebten Volk den Rücken zu.

Wie gut, dass es Bethanien gab. Dort fand der Herr eine Familie, die Ihn aufnahm und Ihm eine ermunternde Gemeinschaft schenkte. Das aber wird in diesem Evangelium nicht weiter thematisiert, wie wir auch in Kapitel 26 sehen werden. Daher finden wir hier nur die Erwähnung dieses Ortes. Als Messias hatte Er noch Aufgaben zu erfüllen, die im weiteren Verlauf erwähnt werden.

Verse 18–22: Das einzige Gerichtszeichen des Herrn: der Feigenbaum (Israel) verdorrt

„Frühmorgens aber, als er in die Stadt zurückkehrte, hungerte ihn. Und als er einen Feigenbaum am Weg sah, ging er auf ihn zu und fand nichts daran als nur Blätter. Und er spricht zu ihm: Nie mehr komme Frucht von dir in Ewigkeit! Und sogleich verdorrte der Feigenbaum. Und als die Jünger es sahen, verwunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum sogleich verdorrt! Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, werdet ihr nicht allein das mit dem Feigenbaum Geschehene tun, sondern selbst wenn ihr zu diesem Berg sagt: Werde aufgehoben und ins Meer geworfen!, so wird es geschehen. Und alles, was irgend ihr im Gebet glaubend erbittet, werdet ihr empfangen“ (Verse 18–22).

Wir kommen mit diesen Versen zu einer absoluten Ausnahme im Leben unseres Herrn. Denn hier handelt es sich um das einzige Wunder, das nicht von Gnade und Liebe gekennzeichnet ist, sondern von Gericht. Zwar lesen wir nicht direkt, dass der Herr Jesus den Feigenbaum verfluchte. Doch Markus 11,21 berichtet uns die Worte von Petrus: „Rabbi, siehe, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.“

So passt diese Begebenheit genau zu der vorhergehenden Tempelreinigung. Beides sind verurteilende Handlungen. Es ist erneut ein ausreichendes Zeugnis über das Urteil des Herrn, was sein eigenes irdisches Volk Israel betrifft. Vermutlich aus diesem Grund unterscheidet Matthäus auch nicht, wie es Markus tut, dass der Herr den Feigenbaum bereits am Dienstag3 verflucht hat, also am selben Tag, an dem auch der Tempel von Ihm gereinigt wurde. Am folgenden Tag, am Mittwoch, sind die Jünger dann wieder an diesem Feigenbaum vorbeigekommen und mussten erkennen, dass er wirklich verdorrt war. Matthäus fasst diese beiden Begebenheiten zusammen, weil es ihm unter der Leitung des Geistes Gottes nicht um die Abläufe, sondern um die Sache an sich geht. Wenn es dagegen wie bei Markus um den Dienst und um das Zeugnis geht, passt dazu ein genauer, minutiöser Bericht.

Diese Unterschiede zwischen Matthäus und Markus bestätigen noch einmal die göttliche Inspiration der Bibel. Der Augenzeuge der Ereignisse – Matthäus – weicht von der eigentlichen Reihenfolge ab und fasst zwei Begebenheiten unter einem Gesichtspunkt zusammen. Derjenige, der nicht dabei war – Markus –, behält die chronologische Reihenfolge bei und zeigt, dass der Herr Jesus mit seinen Jüngern zweimal an diesem Feigenbaum vorbeigegangen ist: einmal vor der Tempelreinigung, einmal danach.

Eingeleitet wird dieser Abschnitt damit, dass der Herr Jesus, als er frühmorgens nach Jerusalem ging, Hunger hatte. Es besteht kein Zweifel, dass hier der physische Hunger gemeint ist. Denn der Herr wollte gerne von dem Feigenbaum Früchte essen. Er, der Reiche, war um der Menschen willen arm geworden! Aber die ganze Symbolik dieser Abschnitte macht offenkundig, dass der Herr auch ein Verlangen nach Frucht in seinem irdischen Volk hatte. Er suchte Frucht, wie der letzte Abschnitt des Kapitels noch deutlich zeigen wird, fand aber keine. Denn sein Volk hatte sich von Gott und seinem Messias abgewandt.

Nur äußerlicher Schein, aber keine Wirklichkeit

Als der Herr Jesus nun den Feigenbaum sah, dessen grüne Belaubung Früchte vermuten ließ, ging Er auf ihn zu, um von diesen Früchten zu essen. Natürlich wusste Er längst im Voraus, dass es an diesem Feigenbaum keine Feigen geben würde. Denn Er war Gottes Sohn. Aber hier in Matthäus steht Er als Mensch vor uns, der wirklich ein Interesse an den Früchten des Baumes hatte und daher zu diesem hinging. Aber Er fand nichts daran als nur Blätter.

Der Herr ist entrüstet darüber, dass dieser Baum äußerlich sozusagen vorgab, Früchte zu tragen, in Wirklichkeit aber nicht eine einzige Frucht vorweisen konnte. Daher sagte Er: „Nie mehr komme Frucht von dir in Ewigkeit!“ Das mag uns ein sehr hartes Urteil und eine extreme Konsequenz zu sein. Wir verstehen sie besser vor dem Hintergrund der Symbolik, die mit dieser Handlung verbunden ist.

Die Wirkung der Worte des Herrn ist sofort sichtbar. „Sogleich verdorrte der Feigenbaum.“ Das hätten selbst die Jünger nicht erwartet, so dass sie sich darüber verwundern. Kannten sie ihren Meister immer noch nicht, dass sie sich darüber wundern, dass das, was Er befohlen hat, sofort geschieht? Der Herr erklärt seinen Jüngern die eigentliche Bedeutung seiner Handlung nicht. Er gibt ihnen aber in den Versen 21 und 22 eine wichtige Schlussfolgerung mit.

Zunächst ist es jedoch angebracht, das Zeichen zu verstehen, das der Herr Jesus hier gewirkt hat. Natürlich offenbart Er sich hier als der Schöpfer, der sogar in der Lage ist, einer Pflanze mit Erfolg zu befehlen. Das aber ist nicht der eigentliche Sinn des Wunders.

Aus dem Markusevangelium wissen wir, dass es nicht die Zeit der Feigen war. Gemeint ist die Erntezeit. Vielleicht denkt jemand: Wie konnte der Herr dann Früchte erwarten? Die Antwort liegt darin, dass die Früchte ja vor der Erntezeit reifen müssen. Und wenn Blätter vorhanden sind, so sind diese normalerweise beim Feigenbaum ein untrügliches Zeichen dafür, dass auch Früchte vorhanden sind, die sich in einem Reifeprozess befinden. Dadurch, dass (noch) keine Erntezeit war, wird deutlich, dass diese Früchte nicht schon abgeerntet sein konnten. Da sich jedoch keine Früchte vorfanden, war bewiesen, dass der Baum gar keine hervorgebracht hatte. Das ist der Vergleich, den der Herr Jesus bei dieser Begebenheit mit dem Zustand seines Volkes zieht.

Der Feigenbaum – ein Symbol für das Volk der Juden

Ich möchte zunächst kurz zeigen, dass es hier dem Herrn bei dieser Begebenheit um das Volk Israel geht. Der Feigenbaum ist nämlich ein Symbol für das Volk, besonders für das Südreich, also die Juden. In Richter 9 benutzt Jotham, der Sohn Gideons, in seinem Gleichnis den Olivenbaum, den Feigenbaum und den Weinstock zur Illustration. Wie wir später sehen werden, ist der Weinstock nach Jesaja 5 ein bekanntes Bild für Israel. Der Olivenbaum wird später von Paulus in Römer 11 ebenfalls als Symbol für das Volk Israel verwendet. So ist auch der Feigenbaum ein Bild dieses Volkes.

In Matthäus 24,32–34 wird der Feigenbaum eindeutig als ein Symbol für das Volk der Juden verwendet, dort das Zwei-Stämmereich. Auch in Lukas 13,6–9 finden wir den Feigenbaum, wo er ebenfalls für die Juden steht. Dort wird sogar noch die weitere Gunsterweisung Gottes erwähnt. Auch nach dem Tod des Herrn sollte ein Appell an die Juden gerichtet werden. Diesem Abschnitt verdanken wir zudem den Hinweis, mit was für einer Zuwendung dieses Volk gesegnet wurde. Um den Baum herum wurde fachmännisch Dünger untergegraben. Gott hat jedes Mittel angewandt, um sein Volk zur Buße und zum Fruchttragen zu bringen. Aber nichts hat geholfen: Der Baum war und blieb unfruchtbar.

Manche alttestamentlichen Weissagungen beziehen sich darauf, dass der Feigenbaum Israel fruchtlos für Gott war. Sogar von vorhandenen Blättern ist die Rede, ohne dass Früchte hervorgebracht wurden (vgl. Jer 8,13; 29,17; Hos 9,10). Damit werden auch weitere Weissagungen Gottes bestätigt, die Er schon an Mose gegeben hat (vgl. 5. Mo 28,15–68; besonders die Verse 64.65). All diese Stellen geben uns die Berechtigung, auch bei dieser Begebenheit im Feigenbaum ein Bild des Volkes Israel zu sehen.

Das unfruchtbare Israel

Äußerlich gab dieses Volk im Bild des blättrigen Feigenbaums vor, Frucht zu tragen. Es waren Blätter da. Das äußere System des Gottesdienstes, der Festzeiten usw. war vorhanden. Alles war äußerlich darauf eingerichtet, dass der Messias kommen konnte. In Wirklichkeit aber war keine Frucht vorhanden. Man lehnte den Messias und damit auch Gott ab. Diese Ablehnung war keine spontane Handlung, sondern beabsichtigt, wie der letzte Abschnitt des Kapitels noch einmal zeigt.

Aber sein eigenes Volk hat wiederholt und nachhaltig gezeigt, dass es weder Gott noch seinen Messias akzeptieren will. Darauf reagiert der Herr, indem Er es dem Fluch Gottes aussetzt. Das mag hart erscheinen. Doch wie immer hat der Herr nicht ohne Warnungen gehandelt. Sein eigenes Leben war eine ständige Warnung an das Volk. Schon das Kommen von Johannes dem Täufer war ein Beweis, dass Gott sein Volk zur Umkehr bringen wollte. Aber die höchste Form der Ermahnung und Warnung war Christus selbst. Doch das Volk wollte weder Ihn noch seine Botschaft.

Israel tat die ganze Zeit, als ob es Frucht für Gott hervorbringe. Ihre Führer besaßen sogar die Dreistigkeit, dem Herrn vorzuwerfen, Er halte das Gesetz nicht. In ihrer Unverschämtheit fügten sie hinzu, er dulde, dass auch seine Jünger entsprechend ungesetzlich handelten. Es ist Gott aber zuwider, wenn Menschen sich ein heuchlerisches Bekenntnis zulegen. Weil das Volk in seinem Inneren vollkommen anders dachte, als sein Bekenntnis nach außen war, musste der Herr dieses äußerst weitereichende Urteil aussprechen: „Nie mehr komme Frucht von dir in Ewigkeit!“

Gott musste sein untreues Volk als Folge ihrer Bosheit und der Verwerfung des Herrn Jesus zur Seite stellen. Matthäus spricht nicht buchstäblich von einem Fluch. Aber inhaltlich entspricht das, was der Herr tat, einem solchen. Das war nötig, weil das Volk so weit ging, dass sie durch den Tod des Herrn sicherstellen wollten, dass nicht die ganze Nation umkommt (vgl. Joh 11,50). Das erste geschah. Aber das, was sie vermeiden wollten, traf dennoch ein, und zwar in einer Weise, wie es der Hohepriester sich nicht vorgestellt hatte. Obwohl der Herr Jesus auch für sein Volk starb, musste dieses aufgrund seiner Gottlosigkeit und der Ablehnung seines eigenen Messias‘ unter den Fluch kommen.

Es könnte hier zu Recht die Frage aufkommen, ob denn das Volk Israel insgesamt wirklich „in Ewigkeit“ fruchtlos vor Gott stehen wird. Die Antwort ist eindeutig: Nein! Denn Gott wird in der Zukunft nach Römer 11,25.26 und manchen anderen Stellen aus dem Alten Testament ein gläubiges Volk auf der Erde antreffen. Der Apostel Paulus hilft uns aber mit einem wichtige Vers: „Denn wenn ihre [Israels] Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anderes sein als Leben aus den Toten?“ (Röm 11,15). Es gibt Hoffnung, weil Gott sein Volk aus den Toten auferwecken wird. Denn Er wird in der Zukunft einen gläubigen Überrest erwecken, der in diesem Sinn ein ganz neues Volk Israel für Gott entstehen lässt. Aber für das ungläubige Israel damaliger und zukünftiger Tage gibt es keine Hoffnung. Sie werden als ein abtrünniges Volk unter einem christus- und gottlosen Antichristen leben. Für sie gibt es keine Hoffnung!

Und sie werden – um die prophetische Seite dieser Abschnitte noch einmal aufzugreifen – vom Herrn gerichtet werden. Er wird zunächst erscheinen (Sach 14,4). Dann wird Er in seine Stadt, die Stadt des großen Königs, eintreten und den Tempel reinigen. Das wird mit Gericht verbunden sein. Denn der Herr Jesus wird sein Königreich nur mit denjenigen beginnen, die Ihn wirklich als Messias erwarten werden. Diese Gläubigen werden keine gemeinsame Sache mit dem Antichristen gemacht haben (vgl. Joh 3,5; Jes 59,21; 60,21). Alle anderen werden durch den in unserem Abschnitt genannten Fluch im Gericht verurteilt werden.

Israel taucht im Völkermeer unter

Auf das Erstaunen der Jünger der Jünger über den verdorrten Feigenbaum schließt der Herr Jesus Belehrungen über den Glauben an. Sie würden dann, wenn sie mit Glauben beteten, ohne zu zweifeln (vgl. Jak 1,6–8), Gewaltiges erleben. Wenn die Jünger Glauben hätten, würden sie nicht nur den Feigenbaum verdorren lassen, sondern auch „zu diesem Berg“ sagen, dass er aufgehoben und ins Meer geworfen würde. Und es würde geschehen. Ähnliches hatte der Herr bereits in Matthäus 17,20 gesagt. Wenn es dort einfach um das Überwinden von Schwierigkeiten geht, spricht der Herr Jesus an dieser Stelle direkt von der jüdischen Nation, die, wie oben beschrieben, unter den Fluch kommen wird..

Es wäre Glaube notwendig, um das Handeln Gottes mit seinem Volk Israel zu erkennen. Denn es war nicht im Vorhinein erkennbar, was Gott tun würde. Gott würde den Berg Israel, das ist ein Hinweis auf das politische System Israels, verrücken und ins Völkermeer werfen (vgl. Röm 11,11 ff.). Der Berg ist nicht nur ein Hinweis auf ein Volk, das unter Verantwortung steht. Er bezieht sich wohl auf das ganze Staatswesen, das aufgelöst werden sollte. Der Feigenbaum weist im Unterschied zu dem Berg auf Israel in seiner Verantwortung hin, für Gott Frucht zu bringen. Noch vor dem Tod aller Apostel versank und verschwand Israels nationales Staatswesen vollständig. Kaiser Titus nahm Jerusalem ein. Er verkaufte und zerstreute das Volk bis an die Enden der Erde.

Menschlich gesprochen ist es unmöglich, dass ein Berg verrückt oder ins Wasser geworfen wird, wenn man einmal von den Eisbergen absieht. Aber hier sollte es so geschehen. Wir sehen das heute erfüllt. Denn viele Juden sind in vielen heidnischen Ländern untergegangen. Und auch Römer 11,11–15 bestätigt diesen Sachverhalt.

Die Jünger selbst taten sich sehr schwer damit, diese Veränderung in den Haushaltungen Gottes zu akzeptieren. Selbst in den ersten Jahren des Christentums sehen wir immer wieder, wie sie an dem jüdischen System hingen (vgl. Apg 15 und 21; Gal 2). Es war wirklich Glaube nötig, um zu erkennen und zu akzeptieren, dass das Volk Israel in das heidnische Völkermeer geworfen würde. Wir können heute leichter erkennen, dass zum Beispiel bereits Jona, der in das Meer geworfen wurde, ein Bild davon ist. Aber es ist auch für uns nachvollziehbar, dass ein großer Glaube dazugehört. Man muss sich nur bewusst machen, was für eine Stabilität ein Baum und noch mehr ein Berg verkörpern. So fest stand das Volk Israel eigentlich auf der Erde, bis es seinen Messias verwarf und an das Kreuz brachte.

Eigentlich war bereits der Kreuzestod Jesu der Augenblick, an dem das Volk der Juden in dem Völkermeer unterging. Deutlich wurde es allerdings erst mit Beginn der Versammlung (Apg 2) und der damit verbundenen Beiseitesetzung Israels. Ein weiteres sichtbares Zeichen war dann die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70.

Wir wollen den Ernst dieser Worte aber auch an uns Christen nicht vorbeigehen lassen. Aus Römer 11 wissen wir, dass das christliche Zeugnis ebenfalls ein Ende haben wird. Aber wenn Gott sein irdisches Volk letztlich erfolglos gepflegt hat und dann unter einen Fluch bringen musste, wie groß wird dann das Gericht an der viel bevorrechtigteren Christenheit sein! Sie lehnen ihren Herrn und Retter in noch stärkerem Maß ab, als dies bei dem Volk Israel der Fall gewesen ist. Auch dieser „Berg“ wird einmal verrückt werden und versinken – allerdings dann endgültig! Es reicht eben nicht, äußere Zeichen vorzuweisen. Die Form der Gottseligkeit wird von Gott nicht anerkannt, wenn es keine wahre Frucht gibt. Es kommt darauf an, das im Inneren wirklich Gottseligkeit vorhanden ist!

Verse 23–27: Die Autorität des Herrn wird herausgefordert und erweist sich

„Und als er in den Tempel kam, traten, als er lehrte, die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und sprachen: In welchem Recht tust du diese Dinge, und wer hat dir dieses Recht gegeben? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch ein Wort fragen, und wenn ihr es mir sagt, so werde auch ich euch sagen, in welchem Recht ich diese Dinge tue: Die Taufe des Johannes, woher war sie, vom Himmel oder von Menschen? Sie aber überlegten bei sich selbst und sprachen: Wenn wir sagen: Vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt? Wenn wir aber sagen: Von Menschen – wir fürchten die Volksmenge, denn alle halten Johannes für einen Propheten. Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen es nicht. Da sagte auch er zu ihnen: So sage auch ich euch nicht, in welchem Recht ich diese Dinge tue“ (Verse 23–27).

Wir kommen jetzt zu einer Reihe von Unterweisungen, die vermutlich alle im Tempelareal stattgefunden haben. Erst in Kapitel 24 lesen wir, dass der Herr Jesus wieder aus dem Tempel herausgegangen ist. Das wird auch von Markus so bestätigt. Daher können wir annehmen, dass die folgenden Belehrungen alle am Mittwoch vor dem Kreuzestod Jesu stattgefunden haben, und dass sie allesamt sozusagen Tempelbelehrungen waren. Es sind die letzten öffentlichen Belehrungen des Messias. Zugleich kündigt Er das Gericht über einzelne Gruppen des Volkes an, die sich gegen Ihn gestellt hatten.

Die erste Belehrung behandelt die Frage: Wer steht hier eigentlich vor den Juden, was für eine Autorität ist Ihm zu eigen? Anlass hierfür ist die Empörung der Führer darüber, dass der Herr den Tempel von den Händlern und Tieren gereinigt hatte. Ihre Meinung war: Was bildet sich dieser Rabbi ein, hier aufräumen zu wollen? In was für einem Recht tritt Er eigentlich auf? Mit dieser Frage kommen sie zu dem Herrn. Sie wird von Menschen gestellt, die ihre eigene Autorität offenbar für unangreifbar halten. Die Frage ist zweigeteilt:

Zwei herausfordernde Fragen der Hohenpriester

  1. Was für ein Recht findet hier eigentlich Anwendung, dass Jesus so auftreten kann?
  2. Wer hat dieses Recht an Jesus übertragen, dass gerade Er so auftreten darf?

Diese Fragen sind uns auch heute nicht fremd. Wir hören viele, die dem Herrn Jesus das Recht absprechen, für andere sterben zu können. Sie mögen in Ihm zwar einen guten Menschen sehen. Aber sie lehnen ab, dass Er der Sohn Gottes usw. ist. Wenn wir uns in die Lage des Herrn hineinversetzen, soweit wir das können, was hätten wir geantwortet?

Der Herr hätte eigentlich gar keine Antwort geben müssen. Hatte Er, wie Matthäus das in diesem Evangelium berichtet, nicht auf vielfältige Weise durch seine Werke bewiesen, wer Er ist (vgl. Joh 5,36)? Wir haben in den Kapiteln 8 -12 und dann noch einmal in den Kapiteln 14 und 15 insgesamt 21 Wunder erlebt. Gibt das nicht ausreichend Autorität?

Zeugnisse über die Autorität des Herrn

Die erste Frage hätten sie sich schnell selbst beantworten können. Hatten nicht auch die Volksmengen längst bezeugen müssen: „Da erstaunten die Volksmengen sehr über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ (Mt 7,29)? Nicht nur das, es gab auch ausreichend Zeugen, welche die Vollmacht und Autorität des Herrn Jesus längst bezeugt hatten.

Herausragend ist hier sicher das Zeugnis von Johannes dem Täufer zu nennen. Dieser hatte schon zu Beginn seines Dienstes gesagt: „Ich bin nicht der Christus ... Ich zwar taufe mit Wasser; mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt, der nach mir Kommende, dessen ich nicht würdig bin, ihm den Riemen seiner Sandale zu lösen. Dies geschah in Bethanien, jenseits des Jordan, wo Johannes taufte“ (Joh 1,20–28). Diese beeindruckenden Worte über den Herrn fielen also ganz in der Nähe von Jerusalem, wo der Herr sich jetzt wieder befand.

Kurze Zeit später sagt Johannes: „Und ich kannte ihn nicht; aber der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, der sprach zu mir: Auf wen du den Geist herniederfahren und auf ihm bleiben siehst, dieser ist es, der mit Heiligem Geist tauft. Und habe gesehen und habe bezeugt, dass dieser der Sohn Gottes ist“ (Joh 1,33.34). Reichte dieses Zeugnis nicht aus, dass hier der Sohn Gottes vor den Hohenpriestern stand?

Die zweite Frage, nämlich wer dem Herrn das Recht zu diesem Auftreten gegeben hat, hatte der Herr Jesus längst beantwortet. Johannes der Täufer hatte über den Herrn Jesus gesagt: „Ein Mensch kann gar nichts empfangen, wenn es ihm nicht aus dem Himmel gegeben ist ... Der von oben kommt, ist über allen, der von der Erde ist, ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, ist über allen; was er gesehen und gehört hat, dieses bezeugt er; und sein Zeugnis nimmt niemand an“ (Joh 3,27.31.32). Genauso war es! Die Hohenpriester waren es, die von der Erde waren und nur auf das Irdische sannen. Das Zeugnis des Himmlischen wollten sie nicht akzeptieren!

Man fragt sich, was die eigentliche Motivation hinter ihrer Frage war. Die Schrift offenbart uns dies nicht direkt. Aber aus anderen Stellen wissen wir: „Sie liebten die Ehre bei den Menschen mehr als die Ehre bei Gott“ (Joh 12,43). Und hier sahen sie ihre Ehre bedroht. Da war jemand, der ihnen bei den Volksmengen den Rang abgelaufen hatte. Die Menschen hörten nämlich mehr auf Jesus als auf die Hohenpriester. Das neideten sie Ihm. Aus Eifersucht wollten sie daher verhindern, dass Er weiter in solcher Autorität auftrat. Sie versuchten, seine Autorität in Misskredit zu bringen, indem sie ihn herausforderten. Er sollte erst einmal nachweisen können, wer Ihm das Recht für dieses Auftreten gab.

Sie selbst wollten gerne Kopf der Nation sein. Israel sollte das Haupt der Nationen sein und sie selbst das Haupt von Israel. So würden sie Macht und Autorität über alles besitzen. So maßten sie sich an, alles und jeden richten zu dürfen. Sogar den Messias, der ihr Schöpfer war. Was für ein Irrtum, der sie motivierte!

Der Herr lässt sich nicht auf einen intellektuellen Schlagabtausch ein. Er wäre diesen Menschen, wie so oft bewiesen, zweifellos weit überlegen gewesen. Aber jetzt war es zu spät, seine Machtvollkommenheit noch ein weiteres Mal beweisen zu wollen. Ein solches Vorgehen wäre nutzlos gewesen, weil die Ablehnung vonseiten der Führer des Volkes bereits zur Reife gekommen war. Sie hatten Ihn immer wieder abgelehnt und sogar bezichtigt, in der Kraft Satans zu wirken. Jetzt würde kein weiteres Zeichen oder keine weitere Beweisführung diese Menschen umstimmen können. Sie waren verstockt und wollten den Messias Gottes nicht annehmen.

Ein unbeantwortete Gegenfrage Jesu

Daher antwortet der Herr Jesus mit einer Gegenfrage, die sich an das Gewissen dieser Führer richtet. Diese Frage des Herrn steht in direkter Verbindung mit der Frage der Hohenpriester. Denn der Dienst von Johannes dem Täufer – dafür steht die Taufe, die der Herr erwähnt – war direkt mit dem Dienst des Herrn verbunden. Johannes war sein Vorläufer. Die angeführten Verse zeigen, dass gerade Johannes es war, der deutlich bezeugte, dass der Herr aus dem Himmel gekommen war und der Sohn Gottes ist. Wenn nun die Taufe und der Dienst von Johannes himmlischer Natur waren, musste das auch auf den Dienst und die Autorität des Herrn zutreffen. Wenn aber Johannes von Menschen her taufte, würde das entsprechende Auswirkungen auf die Beurteilung des Dienstes des Herrn haben.

Den Hohenpriestern und Ältesten ist die Tragweite dieser Frage sehr bewusst. Wenn sie zugaben, dass Johannes vom Himmel her zeugte, stünde das im Widerspruch zu ihrem eigenen Handeln. Denn sie waren nicht bereit, sich dem Dienst von Johannes zu beugen. Sie wären also vollkommen unglaubwürdig. Zudem würden sie dann bestätigen, dass auch der Dienst Jesu ein himmlischer war. Wenn sie jedoch sagten, dass sein Dienst von Menschen angeregt worden war, hätten sie die Volksmenge gegen sich. Denn bei ihnen stand Johannes in großem Ansehen. Damit würden sie die Volksmenge, die sie im Kampf gegen Jesus so nötig hatten, gegen sich aufbringen.

Daher entscheiden sie sich zu antworten: „Wir wissen es nicht.“ Sie wissen ganz genau, dass sie den Herrn damit belügen. Aber das war ihnen weniger schlimm als der Verlust an Ansehen bei den Volksmengen, den sie auf sich gezogen hätten, wenn sie anders geantwortet hätten.

Die Antwort des Herrn auf diese Lüge ist sehr knapp: „So sage auch ich euch nicht, in welchem Recht ich diese Dinge tue.“ Im Gegensatz zu Ihnen lügt Er nicht und sagt nicht: „Ich weiß es nicht.“ Wenn der Mensch untreu wird, bleibt Er treu!

Aber Er wusste, dass es keinen Sinn ergab, noch weitere Beweise seiner Autorität zu erbringen. Wenn sie nicht glauben wollten – und das war offensichtlich –, hätten auch weitere Erklärungen und Begründungen nichts bewirkt. Damit zeigt der Herr aber zugleich seine gewaltige Autorität. Diese Führer des Volkes Gottes besaßen (eine menschliche) Autorität über das Volk Israel. Aber es gab einen, der ihnen weit überlegen war. Sie wollten seine Autorität um jeden Preis leugnen. Er ließ sich jedoch nicht auf ein Wortgefecht mit ihnen ein. Doch jedes Wort, das Er redete, traf ihr Gewissen.

Das werden auch die folgenden Abschnitte zeigen. Zunächst erzählt der Herr Jesus drei Gleichnisse, die erneut das Gewissen der jüdischen Führer treffen mussten. Dann beantwortet Er auf göttlich große Weise drei Fragen, die Ihm von seinen Feinden gestellt werden. Schließlich stellt Er ihnen selbst eine Frage, auf die sie keine Antwort wissen. In sieben Abschnitten wird somit abschließend noch einmal deutlich, wer hier vor den Führern des Volkes Israel steht: der Messias Gottes.

Verse 28–32: Gleichnis 1: Zwei Söhne – Versagen unter Gesetz

„Was meint ihr aber? Ein Mensch hatte zwei Kinder; und er trat hin zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh heute hin, arbeite im Weinberg. Er aber antwortete und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. Und er trat hin zu dem zweiten und sprach ebenso. Der aber antwortete und sprach: Ich gehe, Herr, und ging nicht. Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der Erste. Jesus spricht zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes. Denn Johannes kam zu euch auf dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; die Zöllner aber und die Huren glaubten ihm; euch aber, als ihr es saht, reute es auch danach nicht, so dass ihr ihm geglaubt hättet“ (Verse 28–32).

In den nun folgenden drei Gleichnissen (Kapitel 21,28–22,14) lernen wir etwas über das Verhalten und Wesen der Führer des irdischen Volkes Gottes. Der Geist Gottes belehrt uns aber auch über das regierende Handeln Gottes:

  • mit den Menschen im Allgemeinen,
  • mit seinem Volk im Besonderen und
  • speziell mit den Führern dieses Volkes.

Diese Leiter des Volkes beweisen, dass sie keine wirkliche Befugnis als Leiter des Volkes haben. Sie disqualifizieren sich durch ihre Worte und Handlungen. Allerdings lernen wir auch, dass die Führer letztlich nur ein Spiegel des gesamten Volkes sind. In ihrer Bosheit und in ihrem Hass übertrifft diese geistliche Elite das Ausmaß der Sünde des Volkes. Aber vom Grundsatz her handelt es sich um dieselben Sünden, die Gott auch seinem Volk insgesamt zur Last legen muss.

Das Grundgerüst des ersten Gleichnisses, das übrigens nur Matthäus berichtet, ist – wie immer bei Gleichnissen – recht einfach. Ein Mann, dem ein Weinberg gehört, hat zwei Söhne. Beiden gibt er jeweils denselben Auftragen: „Geh heute hin, arbeite im Weinberg.“ Die Antwort der beiden Söhne unterscheidet sich voneinander. Während der erste sagt, er gehe nicht, sagt der zweite, er gehe. Tatsächlich aber geht er dann doch nicht, wogegen den ersten sein Ungehorsam reut und er doch im Weinberg arbeitet.

Hohepriester und Pharisäer – Zöllner und Prostituierte

Der Herr Jesus spricht zu den Hohenpriestern und Schriftgelehrten. Auf seine Frage, wer den Willen des Vaters getan hat, kommt „natürlich“ von diesen, seinen Feinden, die richtige Antwort. Daraufhin erklärt der Herr Jesus, dass der erste Sohn symbolisch für die Zöllner und Huren steht. Sie „gehen euch voran in das Reich Gottes“. Er scheut sich nicht, diesen Führern des Volkes Israel deutlich zu zeigen, dass sie im Unterschied zu den Zöllnern und Hurern nicht den Willen Gottes tun. Für die Führer Israels war daher im Gegensatz zu den Zöllnern kein Platz im Reich Gottes, wenn sie ihre Haltung und ihre Handlungen nicht abänderten.

Die Zöllner und Prostituierten waren – wie der erste Sohn – auf einem falschen Weg. Sie gehorchten Gott nicht, sondern taten, was irgend sie wollten. Trotzdem spricht der Herr hier auch im Blick auf sie von einem „Vater“, der ihnen Befehle erteilt. Denn Gott ist nicht nur im christlichen Sinn Vater der Gläubigen. Er ist nach Epheser 4,6 der Vater aller Menschen, das heißt ihr Ursprung. Denn Er ist ihr Schöpfer. So hat Er es in diesem Sinn mit gehorsamen und ungehorsamen, mit gläubigen und ungläubigen Kindern zu tun. Die Zöllner waren ungehorsam. Als aber Johannes zu ihnen kam und den Weg der Gerechtigkeit vorstellte: Buße tun, umkehren, sich taufen lassen, den Messias Gottes aufnehmen, da haben sie das getan (vgl. Lk 3,12). Matthäus und Zachäus (Lk 19,1–10) sind die bekanntesten Beispiele dafür.

Diese Zöllner und Sünder glichen dem verlorenen Sohn in Lukas 15, der von seinem sündigen Weg umkehrte und zu Gott zurück fand. Immer wieder kümmerte sich der Herr um solche Menschen, weil sie erkannten, dass sie einen Retter und Errettung brauchten (vgl. Mt 9,11; 11,19; Lk 15,1).

Der zweite Sohn dagegen ist ein Bild von den Pharisäern und den Hohen des Volkes. Sie haben ebenfalls die Botschaft Gottes durch Johannes den Täufer gehört. „Euch aber, als ihr es saht [die Botschaft von Johannes und den Weg der Gerechtigkeit], reute es auch danach nicht, so dass ihr ihm geglaubt hättet.“ Sie sagten zwar von sich, dass sie den Willen Gottes tun wollten. Von Gehorsam aber war keine Spur zu finden. Sie hatten äußerlich Blätter wie der verfluchte Feigenbaum, aber von Frucht war nichts zu sehen. Sie wollten dem Volk vorgeben, wie es zu leben hatte. Sie selbst jedoch taten nicht das, was Gott von ihnen erwartete.

Damit glichen sie dem älteren Sohn in der Begebenheit vom verlorenen Sohn in Lukas 15,29. Während unser Gleichnis die Verantwortung unter dem Gesetz zeigt, betont Lukas in Verbindung mit dem „verlorenen Sohn“ die Annahme der Gnade des Evangeliums. Das aber nimmt der zweite Sohn – in beiden Gleichnissen – nicht an. Von ihm und damit von den Juden kann man sagen: „Sie geben vor, Gott zu kennen, aber in den Werken verleugnen sie ihn und sind abscheulich und ungehorsam und zu jedem guten Werk unbewährt“ (Tit 1,16). Sie geben vor, Leben zu haben und sind bei lebendigem Leib tot. Das ist Gottes Urteil über sie.

Ihr Richterspruch, wie er in Vers 31 und in Vers 41 wiedergegeben wird, zeugt davon, dass sie die Dinge theoretisch beurteilen konnten. Nur sich selbst sahen sie in einem ganz falschen Licht. Daher muss der Herr Jesus ihnen diese – für sie harte – Wahrheit über ihren eigenen Zustand vorstellen.

Das Volk Israel – die Nationen

Ab Kapitel 23,1 spricht der Herr Jesus ein Urteil über die Führer des Volkes Israel aus. Diese stehen stellvertretend für das gesamte Volk, denn dieses hat sich hinter seinen Führern versammelt, manchmal auch versteckt. Die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten sich auf den Stuhl Moses gesetzt, der das Volk vor Gott vertrat. Sie nun wollten die Rolle des einen großen Führers in Israel übernehmen. Damit machte sich das ganze Volk Israel eins. Wie die Führer selbst hatte das Volk dreimal gesagt: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun und gehorchen“ (2. Mo 24,7). In Wirklichkeit waren sie jedoch ungehorsam. Auf diese Weise wurden sie sogar zum Anlass dafür, dass der Name Gottes unter den Nationen gelästert wurde (vgl. Röm 2,24).

So finden wir in den Führern das Versagen des ganzen Volkes unter Gesetz vorgebildet. Sie kannten das Gesetz, wollten es aber nicht tun. Die Zöllner und Prostituierten dagegen sind ein Bild der Nationen. Diese wollten von Gott nichts wissen. Dann aber kamen sie durch die Botschaft des Herrn dazu, zu Gott zu rufen: „O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!“ Sie erkannten, dass der Herr Jesus und die Schriften Gottes einen Weg zur Errettung wiesen (vgl. 2. Tim 3,15). Diesen Weg wählten etliche von ihnen. Die Juden dagegen bildeten sich etwas auf ihre Stellung ein (vgl. Lk 18,9–14), auch auf ihr Gesetz, das sie aber nicht taten. So gingen sie verloren.

Verse 33–46: Gleichnis 2: Der Weinberg (Israel) wird anderen (Nationen) übergeben

Diese Schlussfolgerung zieht der Herr dann aber erst in dem nächsten Gleichnis. Auch hier ist von einem Weinberg die Rede ist – einem bekannten Symbol für das Volk Israel insgesamt. Jesaja spricht ausdrücklich davon, dass dieser Weinberg ein Symbol für das Haus Israel ist:

„Nun will ich singen von meinem Geliebten, ein Lied meines Lieben von seinem Weinberg: Mein Geliebter hatte einen Weinberg auf einem fruchtbaren Hügel. Und er grub ihn um und säuberte ihn von Steinen und bepflanzte ihn mit Edelreben; und er baute einen Turm in seine Mitte und hieb auch eine Kelter darin aus; und er erwartete, dass er Trauben brächte, aber er brachte schlechte Beeren. ... Was war noch an meinem Weinberg zu tun, das ich nicht an ihm getan habe? Warum habe ich erwartet, dass er Trauben brächte, und er brachte schlechte Beeren? Nun, so will ich euch denn kundtun, was ich meinem Weinberg tun will: seinen Zaun wegnehmen, dass er abgeweidet wird, seine Mauer niederreißen, dass er zertreten wird. Und ich werde ihn zugrunde richten; er soll weder beschnitten noch behackt werden, und Dornen und Disteln sollen in ihm aufschießen; und ich will den Wolken gebieten, dass sie keinen Regen auf ihn fallen lassen. Denn der Weinberg des Herrn der Heerscharen ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Pflanzung seines Ergötzens; und er wartete auf Recht, und siehe da: Blutvergießen, auf Gerechtigkeit, und siehe da: Wehgeschrei“ (Jes 5,1–7).

Das Volk Israel ist wie ein Weinberg für Gott gewesen. Er hat alles getan, um sein Volk fruchtbar zu machen. Aber das Volk hat nur schlechte Früchte hervorgebracht, so dass Gott an ihm Gericht üben musste. Genau das finden wir schon im Alten Testament prophezeit. Auch in Verbindung mit dem Feigenbaum hatte der Herr ja schon die Fruchtlosigkeit Israels offengelegt.

Selbst von einem Wegnehmen des Zauns ist bei Jesaja die Rede. Das hat sich erfüllt, als die Nationen unter Nebukadnezar (Babel) das Land überfluteten. Aber aus Epheser 2 wissen wir, dass dieser Zaun auch eine geistliche Bedeutung hat. Gott würde die „Zwischenwand der Umzäunung“, also die Trennung Israels von den Nationen, aufheben. Heute ist dieser Zaun weggenommen worden, so dass die Versammlung Gottes nicht aus Juden und Heiden getrennt voneinander besteht. Sie leben auch nicht nebeneinander in der Versammlung. Diejenigen, die zur Versammlung gehören, weil sie Jesus als Retter angenommen haben, wurden aus den Juden und aus den Heiden genommen. Sie sind keine bekehrten Juden oder bekehrte Heiden, sondern etwas ganz Neues: ein einheitlicher Organismus.

Auch Psalm 80,9–17 und Jeremia 2,21.22 greifen dieses wichtige Thema des Weinstocks auf. Immer wieder wird deutlich, dass der Weinstock für das Volk Israel steht. Im Unterschied zum ersten Gleichnis geht es dem Herrn jetzt allerdings nicht so sehr um das Versagen Israels unter Gesetz. Im Mittelpunkt steht mehr die Frage, wie das Volk Israel und besonders die Führer Judas mit dem Messias Gottes umgegangen sind. Gott hatte Ihn zu seinem Volk gesandt. Und was haben sie mit Ihm gemacht?

Aus Psalm 104 wissen wir, dass Wein ein Bild der Freude ist, die den Menschen erfreut (Ps 104,15). Richter 9,13 ergänzt, dass es Freude für Gott und Menschen ist. Gott suchte Frucht, nämlich Freude an seinem irdischen Volk Israel. Aber aus Jesaja 5 und anderen Stellen wissen wir, dass Er diese vergeblich suchte. Das wird hier bestätigt.

Verse 33–36: Das Volk Israel bis zum Kommen Jesu

„Hört ein anderes Gleichnis: Es war ein Hausherr, der einen Weinberg pflanzte und einen Zaun darum setzte und eine Kelter darin grub und einen Turm baute; und er verpachtete ihn an Weingärtner und reiste außer Landes. Als aber die Zeit der Früchte nahte, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, seine Früchte in Empfang zu nehmen. Und die Weingärtner nahmen seine Knechte, einen schlugen sie, einen anderen töteten sie, einen anderen steinigten sie. Wiederum sandte er andere Knechte, mehr als die Ersten; und sie taten ihnen ebenso. Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie untereinander: Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbe in Besitz nehmen! Und sie nahmen ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt, was wird er jenen Weingärtnern tun? Sie sagen zu ihm: Er wird jene Übeltäter auf schlimme Weise umbringen, und den Weinberg wird er an andere Weingärtner verpachten, die ihm die Früchte abliefern werden zu ihrer Zeit „ (Verse 33–41).

Die Geschichte, die dem Gleichnis zugrunde liegt, ist wieder sehr einfach. Ein Hausherr pflanzte mit aller Sorgfalt einen Weinberg und verpachtete ihn an Weingärtner. Er selbst reiste ins Ausland. Als dann die Erntezeit war, sandte er Knechte, um die Ernte zu bekommen. Seine Diener wurden aber von den Weingärtnern geschlagen oder getötet. Ebenso geschah es auch weiteren Knechten, die er schickte. Zum Schluss sendet Er dann seinen Sohn, weil er davon ausgehen muss, dass sie sich vor ihm scheuen. Aber das tun sie nicht, sondern töten auch ihn in dem Gedanken, dass sie dann den Weinberg für sich behalten können, weil es keinen Erben mehr gab. Doch der Herr des Weinbergs kommt daraufhin und bringt diese bösen Weingärtner um.

Aus Vers 45 wissen wir, dass die Pharisäer und Hohenpriester erkannten, dass der Herr Jesus dieses Gleichnis auf sie bezogen hat. Genau genommen nicht nur das mittlere, sondern auch das erste dieser Dreierserie. Das erklärt sogleich, in welche Richtung wir bei der Auslegung dieses Gleichnisses denken müssen.

Gott hatte Israel, seinen Weinstock, selbst gebildet. Es sollte seinen Ruhm erzählen (vgl. Jes 43,21). In Psalm 80 und Jesaja 5 haben wir gesehen, dass Gott einen Zaun bzw. eine Mauer um das Volk gebaut hat. So hat Er sein Volk abgegrenzt von anderen Völkern. Er hat ihm das Gesetz gegeben und es aus der Mitte der heidnischen Völker ausgewählt. Auf diese Weise wollte Er sie vor den schweren Sünden, die im Heidentum üblich waren, bewahren. Denn nur so konnten sie Frucht für Ihn bringen.

Unser Gleichnis zeigt auch, was für eine Energie der Hausherr – ein Bild von Gott – in seinen Weinberg gesteckt hat. Gott hat sich seinem Volk in einer Liebe zugewandt, die beispiellos ist. Er hat seinem Volk nicht nur ein Gesetz gegeben. Er hat mit Mose und später Josua Führer geschenkt, die in besonderer Weise fähig waren, dieses Volk zum Fruchttragen zu bringen. Das mag die Bedeutung davon sein, dass der Hausherr eine Kelter grub. Denn natürlich war es sein Ziel, Frucht von dem Weinberg zu erhalten. Gott wollte an seinem irdischen Volk Freude haben. Wein und Most erfreuen Gott und Menschen (vgl. Ri 9,13). Das war der Zweck, das Ziel des Weinstocks Israel.

Zugleich baute Gott einen Turm. Denn Er wollte sein Volk bewahren und beschützen. Er selbst gab ihnen Propheten und Diener, um sie auf einem bewahrten Weg zu führen, damit sie sich nicht von Gott entfernten. Zunächst aber bewahrte Er selbst sie, indem Er durch die Feuer- und Wolkensäule in ihrer Mitte wohnte, auch durch seine Herrlichkeit, welche die Stiftshütte erfüllte.

Die Distanzierung vonseiten Gottes

Dann aber kam der Augenblick, wo der Herr seinen Weinberg verpachtete und außer Landes reiste. Dies ist eine der Stellen, wo man bei Gleichnissen aufpassen muss, nicht zu falschen Schlüssen zu kommen. Hat Gott sein Volk schon im Alten Testament verlassen? In gewisser Weise ist das so, als seine Herrlichkeit nach Hesekiel 811 den Tempel und Jerusalem verließ. Das aber ist hier nicht gemeint. Das Verreisen soll einfach andeuten, dass Gott nicht auf der Erde ist (ohne dass damit gesagt würde, dass Er es vorher war). Er ist der Gott des Himmels, der im Himmel wohnt.

Dennoch spricht aus diesem Reisen ins Ausland eine bestimmte Distanz zu dem Volk. Dasselbe gilt für die Tatsache, dass der Herr nicht selbst zu seinem Weinberg reiste, als Erntezeit war, was man von einem Herrn eigentlich erwarten würde. Wodurch kam diese Distanz zustande? 5. Mose 31,16–18 gibt uns eine Erklärung dafür: „Und der Herr sprach zu Mose: Siehe, du wirst dich zu deinen Vätern legen; und dieses Volk wird sich aufmachen und den fremden Göttern des Landes nachhuren, in dessen Mitte es kommt; und es wird mich verlassen und meinen Bund brechen, den ich mit ihnen geschlossen habe. Und mein Zorn wird an jenem Tag gegen es entbrennen, und ich werde sie verlassen und mein Angesicht vor ihnen verbergen ... Und es wird an jenem Tag sagen: Haben nicht darum diese Übel mich getroffen, weil mein Gott nicht in meiner Mitte ist? Ich aber, ich werde an jenem Tag mein Angesicht ganz verbergen wegen all des Bösen, das es getan hat, weil es sich anderen Göttern zugewandt hat.“

Der Götzendienst und der Hochmut des Volkes haben dazu geführt, dass Gott eine gewisse Distanz zu seinem Volk einführen musste. Wir haben gesehen, dass Er nach dem Propheten Maleachi sogar 400 Jahre lang schwieg. Erst danach begann Gott wieder, zu seinem Volk zu sprechen: Johannes der Täufer wurde von Ihm erweckt.

Gott sendet seine Propheten und Knechte zu seinem Volk

Trotz der Distanzierung gab Gott sein Volk nicht auf. Er suchte bei ihm Frucht. Aus diesem Grund sandte Er seine Knechte in den Weinberg. Dazu gehörten die gottesfürchtigen Könige wie David (vgl. 1. Kön 11,36), die dem Volk die Satzungen Gottes lehren sollten. Auch die Propheten wie Jesaja waren solche Knechte (vgl. Jes 20,3), die das Volk zum Gesetz Gottes und damit zu Gott selbst wieder zurückbringen sollten. Gerade Stellen wie Jesaja 5 und Jeremia 2 zeigen die Zuwendung Gottes durch seine Knechte, die Er seinem Volk geschickt hat.

In 2. Chronika 36,15.16 lesen wir dazu sehr eindrücklich: „Und der Herr, der Gott ihrer Väter, sandte zu ihnen durch seine Boten, früh sich aufmachend und sendend; denn er erbarmte sich seines Volkes und seiner Wohnung. Aber sie verspotteten die Boten Gottes und verachteten seine Worte und verhöhnten seine Propheten, bis der Grimm des Herrn gegen sein Volk stieg, dass keine Heilung mehr war.“

Genau das ist die Botschaft von Vers 35 in Matthäus 21. Das Volk Israel und besonders seine Führer lehnten die Propheten ab. Selbst gläubige Könige wie Joas machten mit, als es darum ging, die Propheten Gottes zu töten (vgl. 2. Chr 24,21). Stephanus spricht ebenfalls davon in seiner großen Rede: „Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben die getötet, welche die Ankunft des Gerechten zuvor verkündigten, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid, die ihr das Gesetz durch Anordnung von Engeln empfangen und nicht beachtet habt“ (Apg 7,52.53).

Gott war mit dieser Behandlung seiner Knechte nicht am Ende. Er sandte weitere Knechte, sogar mehr als die ersten. So groß war die Liebe Gottes zu seinem irdischen Volk, dass Er seine Zuwendung nicht beim ersten Hass vonseiten seines Volkes enden ließ. Wir sehen aber an dieser Behandlung der Knechte, dass es nicht so sehr eine Frage nach der Fähigkeit des Fruchtbringens war. Es war der Hass des Volkes Gottes gegenüber, der jede Frucht am Weinstock zerstörte und damit den Weinstock für Gott unbrauchbar machte. Dennoch ließ Gott nicht nach und sandte immer wieder neue Propheten zu seinem Volk. Bis zu Maleachi und, wenn man so will, Johannes dem Täufer. Aber sie alle wurden abgelehnt und zum großen Teil ermordet.

Verse 37–41: Das Volk und seine Führer verwerfen den Sohn Gottes

„Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie untereinander: Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbe in Besitz nehmen! Und sie nahmen ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt, was wird er jenen Weingärtnern tun? Sie sagen zu ihm: Er wird jene Übeltäter auf schlimme Weise umbringen, und den Weinberg wird er an andere Weingärtner verpachten, die ihm die Früchte abliefern werden zu ihrer Zeit“ (Verse 37–41).

Noch immer ist Gott mit seinen Bemühungen nicht am Ende. Gott hatte noch ein Mittel, das Ihm übrigblieb. Es war gewissermaßen unvorstellbar, dass die Weingärtner den Sohn des Hausherrn abweisen würden. „Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen“. Natürlich wusste Gott längst im Vorhinein, wie das Volk Israel darauf reagieren würde, wenn Er seinen eingeborenen Sohn auf diese Erde senden würde. Das ist aber nicht der Punkt hier. Es war – selbst aus menschlicher Sicht – einfach undenkbar, dass die Knechte sich auch noch gegen den Sohn des Hauses erheben würden.

Was für eine Gnade Gottes! Er hatte schon vielfältig und auf vielerlei Weise zu seinem Volk gesprochen. Trotz dessen Feindschaft redete Er am Ende der Tage auch noch im (als) Sohn zu seinem Volk. Gott ist Mensch geworden, um das Herz seines Volkes zu erreichen. Bildhaft sehen wir das auch vorgeschattet in Joseph, der von seinem Vater Jakob zu seinen Brüdern gesandt wurde (vgl. 1. Mo 37,13.14).

Wer ist der Sohn des Hausherrn?

Jetzt kam nicht nur ein Knecht, jetzt kam der Erbe selbst, der Sohn. Matthäus schildert nicht die besondere Beziehung zwischen dem Sohn und dem Vater. Das bleibt Markus und Lukas vorbehalten. Matthäus zeigt uns allerdings besonders den Wechsel der Haushaltungen (Epochen). Dafür genügt es zu wissen, dass am Ende des Handelns Gottes mit seinem Volk der Sohn selbst gesandt wurde.

Wer war der Sohn? „Denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 6,38). „Jesus nun rief im Tempel, lehrte und sprach: Ihr kennt mich und wisst auch, woher ich bin; und ich bin nicht von mir selbst aus gekommen, sondern der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, den ihr nicht kennt. Ich kenne ihn, weil ich von ihm bin und er mich gesandt hat“ (Joh 7,28.29). Auch das Gleichnis macht deutlich, dass die Juden genau wussten, wen sie vor sich hatten: den Sohn, den Erben!

Was haben sie mit dem Sohn Gottes, dem Messias Israels getan! Sie dachten, dass sie durch die Ermordung des Sohnes zu den Eigentümern des Weinbergs würden. Was für ein Irrtum, wie sich herausstellen würde. Aber sie nahmen den Erben, sie nahmen den Sohn, den Herrn Jesus, und warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten Ihn. Tatsächlich haben sie Ihn außerhalb der Tore der Stadt umgebracht: „Jesus, den Nazaräer, einen Mann, von Gott vor euch bestätigt durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte tat, wie ihr selbst wisst – diesen hingegeben nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht“ (Apg 2,22.23).

Der Herr Jesus musste in Bezug auf die Führer des Volkes einmal sagen: „Wenn ich nicht gekommen wäre und zu ihnen geredet hätte, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie keinen Vorwand für ihre Sünde. Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater. Wenn ich nicht die Werke unter ihnen getan hätte, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie gesehen und doch gehasst sowohl mich als auch meinen Vater“ (Joh 15,22–24).

Das Gericht an den Führern und an dem Volk

Von der größten Sünde, dass die Juden den Herrn Jesus getötet haben, weissagt nicht nur das Alte Testament. Paulus schreibt dazu: „Die Juden, die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns durch Verfolgung weggetrieben haben und Gott nicht gefallen“ (1. Thes 2,15). Auch in der Apostelgeschichte finden wir wiederholt Hinweise darauf, dass die Juden den Herrn Jesus ermordet haben.

Aber auch das Gericht an den Juden, wie es von den Pharisäern und Hohenpriestern sozusagen selbst beantragt wird, ist in Erfüllung gegangen. Israel ist als Zeuge Gottes auf der Erde abgelöst worden. Wer ist an ihre Stelle getreten? Wir kommen später darauf zurück. Gott wird einmal ein Volk erwecken aus Israel, das wie aus dem Tod neu erstehen wird. Sie werden Gott Frucht bringen.

Nach Römer 11,17 kann man aber auch daran denken, dass ein wilder Ölbaum an die Stelle des natürlichen eingepfropft worden ist. Wie wir schon in den Kapiteln 15 und 16 gesehen haben, deutet der Herr Jesus dort den Wechsel der Haushaltungen Gottes an. Bereits in Kapitel 13 hatte Er sich symbolisch von dem Haus Israel weggewandt, um sich dem See der Nationen zuzuwenden. Auch das Reden in anderen Sprachen, beginnend in der ersten Rede von Petrus nach dem Kommen des Heiligen Geistes auf die Erde (vgl. Apg 2,11), ist ein Hinweis darauf. Paulus führt das später noch weiter aus. Er verweist auf Jesaja 28,11.12, wo man liest, dass die Sprachen ein Zeichen des Gerichts Gottes an seinem Volk sind. Dieses Kapitel wird uns im weiteren Verlauf unserer Begebenheit noch näher beschäftigen, wenn es um den verworfenen Stein geht.

Es bleibt eine wichtige Frage für uns, die wir zu dem wilden Ölbaum (den Nationen) gehören, der in den natürlichen eingepfropft worden ist: Bringen wir wirklich die Frucht, die der Hausherr jetzt von den anderen Weingärtnern – von uns – erwarten kann? Gerade Römer 11 zeigt, dass das Ende der eingepfropften Ölbaumzweige nicht besser ist als das „Schicksal“ der ursprünglichen Zweige. Es liegt auch eine Tragik darin, dass man – wie diese Führer des Volkes – die Situation zwar sehr klar beurteilen kann. Wenn man aber dann nicht in der Lage ist zu erkennen, dass man den eigenen Zustand beschreibt, hilft das letztlich nichts.

Verse 42–46: Der verworfene Eckstein – der Stein des Anstoßes

„Jesus spricht zu ihnen: Habt ihr nie in den Schriften gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden. Von dem Herrn her ist er dies geworden, und er ist wunderbar in unseren Augen.“? Deswegen sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch weggenommen und einer Nation gegeben werden, die dessen Früchte bringen wird. Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf wen irgend er aber fällt, den wird er zermalmen. Und als die Hohenpriester und die Pharisäer seine Gleichnisse gehört hatten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. Und als sie ihn zu greifen suchten, fürchteten sie die Volksmengen, denn sie hielten ihn für einen Propheten“ (Verse 42 -46).

Jesus nimmt die richtige Antwort der Hohenpriester und Schriftgelehrten zum Anlass, um sie auf die Schriften hinzuweisen. Das tut Er hier nicht das erste Mal (12,3.5; 19,4; 21,16; 22,31) – also hier bereits zum fünften Mal. Aber es kommt nicht nur darauf an, etwas zu kennen, zu wissen. Man muss es auch beachten (vgl. Mt 24,15) und praktisch verwirklichen wollen. Genau das fehlte den Pharisäern.

Der Herr wechselt hier das Bild, nicht aber das Thema. Von dem Bild des Weinbergs geht Er zu dem eines Hauses über. Während im Gleichnis des Weinbergs der Sohn verworfen war, geht es jetzt um einen verworfenen Stein. Der Inhalt von Vers 42 macht dabei sehr klar, dass es nicht, wie manche angenommen haben, um einen materiellen Stein geht. Der Stein ist – wie der Weinberg – ein Bild, ein Gleichnis. Insofern schließt der Herr in dieser einen Geschichte gleich zwei Gleichnisse ein.

Der Stein

Der Stein ist ein Symbol, das im Alten Testament häufiger vorkommt. Psalm 118 ist eine dieser Stellen – daraus zitiert der Herr hier. Das ist insofern auffallend, als schon bei dem Einzug des Herrn in Jerusalem dieser Psalm zitiert worden ist (Mt 21,6; Ps 118,26). Jetzt aber verweist der Herr auf Verse, die unmittelbar vor diesem Hosanna-Zitat stehen. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Von dem Herrn ist dies geschehen; wunderbar ist es in unseren Augen“ (Ps 118,22.23). In Vers 21 spricht der Psalmist von der Rettung durch Gott. Diese wird dann in Vers 22 durch den Stein erklärt, der zum Eckstein geworden ist. Aber bereits der Psalmist weist darauf hin, dass genau dieser Stein von den Bauleuten verworfen worden ist.

Wir erkennen daraus, dass die Bauleute hier und die Weingärtner im Weinberg ein Hinweis auf dieselbe Gruppe von Menschen sind. Sie wollten den Herrn nicht, der nicht nur der Erbe, sondern auch gewissermaßen der Stein Gottes war. In Gottes Augen ist dieser Stein kostbar, wie Petrus uns in seinem ersten Brief deutlich macht (1. Pet 2,4). Aber auch in den Augen der künftigen Übriggebliebenen, von denen der Psalm 118 spricht, ist dieser Stein wunderbar. Und wir dürfen heute hinzufügen: Auch wir durften in unseren Herzen erkennen, wie wunderbar dieser Stein, diese Person, ist.

Schon Jakob hatte in seiner Weissagung über Joseph von diesem Stein gesprochen: „Gelenkig sind die Arme seiner Hände durch die Hände des Mächtigen Jakobs. Von dort ist der Hirte, der Stein Israels“ (1. Mo 49,24). Jakob redet von jemand, der größer ist als Joseph. Es ist derjenige, der selbst der Mächtige ist, der ewige Gott, der aber als Hirte auf diese Erde kommen würde. Und damit wird diese Person zu dem Stein, auf dem alle Verheißungen ruhen: unerschütterlich und unzerbrechlich.

Dieser Stein wird in Zion gegründet, in den Boden als Fundament gelegt. Es ist ein bewährter Stein, ein kostbarer Eckstein, an dem sich der gesamte Bau ausrichtet. Er ist aufs festeste gegründet, wie Jesaja sagt (Jes 28,16). Wer glaubt und auf Ihn vertraut, wird nicht ängstlich eilen. So verbindet sich auch hier das Hosanna des ersten Abschnitts mit diesem Stein.

Das Gericht: Das Reich wird den Juden entrissen

Die Juden konnten und wollten mit diesem Stein nichts anfangen. Sie haben Ihn einerseits achtlos, andererseits aber doch bedacht zur Seite geworfen. Durch diese bewusste Ablehnung des Herrn würden sie, wie es in Vers 44 heißt, auf diesen Stein fallen und zerschmettert werden. Sie sind tatsächlich zuschanden geworden. So wurde ihnen das Reich Gottes weggenommen, wie der Herr hier sagt. Christus kam zu ihnen, um sein Reich mit ihnen und zu ihrem Segen aufzurichten. Dadurch, dass sie nicht nur das Königreich, sondern zudem den König verwarfen, wurde ihnen auch das Reich entrissen.

Wer tritt an ihre Stelle? „Eine Nation“ (Vers 43). Man kann bei der Deutung von Vers 43 in zwei verschiedene Richtungen denken. „Eine Nation, die dessen Früchte bringen wird“: Das kann sich auf die künftige Nation Israel beziehen. Das sind die übriggebliebenen Treuen, die den Herrn erwarten und wirklich Frucht für Gott hervorbringen werden.

Tatsächlich wird Gott nach der Entrückung der Gläubigen des Alten und des Neuen Testaments wieder eine Beziehung mit seinem irdischen Volk Israel beginnen. Er wird ihnen zurufen: „Stehe auf, leuchte! Denn dein Licht ist gekommen, und die Herrlichkeit des Herrn ist über dir aufgegangen ... Und dein Volk, sie alle werden Gerechte sein, werden das Land besitzen auf ewig“ (Jes 60,1–21). Es ist ein Volk, das erst noch geboren werden muss (Ps 22,31.32). Es wird eine neue Geburt eines Volkes sein, das aus dem Tod von Neuem entstehen wird.

Naheliegend aber ist auch, in Vers 43 an die heidnischen Nationen zu denken. Von ihnen ist im Alten Testament und auch im Matthäusevangelium immer wieder die Rede. Ausleger weisen darauf hin, dass die Versammlung nicht „Nation“ genannt wird. Sie kann also in ihrer himmlischen Stellung und als Organismus nicht gemeint sein.

Aber der Geist Gottes weist uns im Matthäusevangelium häufiger ganz allgemein auf die Nationen hin, aus denen ein Glaube hervorstrahlte, den Gott eigentlich von seinem irdischen Volk erwarten konnte (vgl. Mt 8,5 ff.; 15,21 ff.). So traten an die Stelle Israels die Nationen.

Interessanterweise benutzt der Herr Jesus an dieser Stelle ausnahmsweise wieder den Ausdruck „Reich Gottes“. Das kann man gut verstehen. Denn das „Reich der Himmel“ konnte damals nicht beginnen, weil man den Herrn verworfen hatte, und so konnte es ihnen auch nicht „weggenommen“ werden. Das „moralische“ Reich, das Reich Gottes, war dagegen durch die Gegenwart des Herrn gegenwärtig. Und dieses Königreich würde nicht bleiben können. Die Verwerfung des Königs führte dazu, dass es weggenommen würde.

Manche Stellen im Alten Testament kündigten das an. Eine wichtige erste Andeutung finden wir in 5. Mose 32,21: „Sie haben mich zur Eifersucht gereizt durch Nicht-Götter, haben mich erbittert durch ihre Nichtigkeiten; so will auch ich sie zur Eifersucht reizen durch ein Nicht-Volk, durch eine törichte Nation will ich sie erbittern.“ Auch Jesaja spricht mehrfach davon: „Siehe, du wirst eine Nation herbeirufen, die du nicht kanntest; und eine Nation, die dich nicht kannte, wird dir zulaufen, um des Herrn willen, deines Gottes, und wegen des Heiligen Israels; denn er hat dich herrlich gemacht“ (Jes 55,5; vgl. auch Jes 65,1; 66,8).

Die Nationen und das Reich

Tatsächlich hat der Herr Jesus als der Auferstandene und Verherrlichte bei den Nationen eine reiche Ernte einfahren können. Daher verwundert es nicht, dass der Heilige Geist im Neuen Testament diesen Vers aus Psalm 118 aufgreift und weiter anwendet. Er tut das in 1. Petrus 2,4–8. Dort spricht er von dem Haus Gottes. Er zeigt uns, welchen Wert Christus, der Stein hat. Er ist die Grundlage des Glaubens für die Gläubigen, die zusammen das Haus Gottes bilden. An diesem Stein des Anstoßes stoßen sich auch heute noch viele Menschen. Für sie ist er eine Torheit (vgl. 1. Kor 1,23). Für Gott und die Seinen dagegen ist er die Grundlage des Hauses Gottes.

Paulus führt das weiter aus. Er zeigt, dass der Herr Jesus der Eckstein der Versammlung ist, gesehen als das Haus Gottes (vgl. Eph 2,20). Darüber hinaus stellt er diesen Stein des Glaubens den Werken eigener Gerechtigkeit im Judentum gegenüber. Der Apostel zeigt, dass nur auf der Grundlage dieses „Glaubenssteins“ Rettung möglich ist (vgl. Röm 9,32.33). Denn das Vertrauen auf die eigene Gerechtigkeit führt zum Verwerfen des Steins, das ist Christus.

Wir müssen jedoch leider feststellen, dass dieser Glaube und das vom Herrn angekündigte Fruchtbringen unter den Nationen nicht von großer Dauer waren. Wer die Christenheit heute ansieht, stellt fest, dass der Zustand heute eher noch schlechter ist als der des Volkes Israel zur Zeit des Herrn. So wird nach Römer 11 auch den Christen das Zeugnis Gottes wieder weggenommen werden. Und dann werden die Übriggebliebenen aus dem Volk der Juden erweckt werden, die den Herrn als Eckstein und Schlussstein des Hauses Gottes annehmen werden.

In dieser Zeit wird dann auch der zweite Teil von Vers 44 in Erfüllung gehen: „Auf wen irgend er [der Stein] aber fällt, den wird er zermalmen.“ Während der erste Teil auf die damalige Zeit zutraf, beschreibt der zweite Teil das Gericht beim zweiten Kommen des Herrn. Im ersten Fall ist der Stein auf der Erde, wie Christus damals als der Erniedrigte auf der Erde lebte. Man konnte über ihn stolpern und auf ihn fallen. Im zweiten Fall kommt der Stein von oben. So wird der Herr Jesus bei seinem zweiten Kommen als der Erhöhte aus dem Himmel auf dieser Erde erscheinen wie ein Blitz, unerwartet wie ein Dieb. Wer diesen Stein nicht erwartet, wird von ihm zermalmt werden.

„Den Herrn der Heerscharen, den sollt ihr heiligen; und er sei eure Furcht, und er sei euer Schrecken. Und er wird zum Heiligtum sein, aber zum Stein des Anstoßes und zum Fels des Strauchelns den beiden Häusern Israels, zur Schlinge und zum Fallstrick den Bewohnern von Jerusalem. Und viele unter ihnen werden straucheln und fallen und werden zerschmettert und verstrickt und gefangen werden“ (Jes 8,13–15). Hier geht es um die ungläubigen Juden. Sie werden die gläubigen Juden unter der Führung des Antichristen und des römischen Kaisers in der sogenannten 70. Jahrwoche Daniels verfolgen (vgl. Dan 9,26.27). Aber durch das Kommen des Messias werden sie gerichtet und zerschmettert werden.

Das ist auch eine Anspielung auf das große Gesicht von Nebukadnezar. Dort schlägt ein Stein das Standbild und zermalmt es. „Und der Stein ... wurde zu einem großen Berg und füllte die ganze Erde“ (vgl. Dan 2,34.35). Es ist ein Stein, der sich ohne Hände losriss, ein Hinweis auf die Allmacht dieses Steins, des Sohnes des Menschen, Jesus Christus.

Die Konsequenz: An Christus kommt niemand vorbei!

So zeigen uns diese Verse erneut, dass am Herrn Jesus Christus keiner vorbeikommt. Entweder nimmt man Ihn im Glauben an, so dass Er der Retter wird. Oder man verwirft Ihn. Dann kommt der Augenblick, wo Er als der Stein alle Ungläubigen zerschmettern wird. Das bedeutet nicht Vernichtung und Auflösung, sondern ewiges Gericht. Durch das Evangelium fragt Gott jeden Menschen: „Was hast du mit meinem Sohn gemacht?“ Darauf muss jeder eine Antwort geben!

Am Schluss dieses Abschnitts lesen wir noch, dass die Hohenpriester und die Pharisäer erkannten, dass Jesus von ihnen gesprochen hatte. Das bedeutet nicht, dass sie den tieferen Sinn des Gleichnisses verstanden hätten. Aber ihnen wurde doch deutlich, dass es um sie selbst ging. Dieses Bewusstsein führte jedoch nicht zu Buße. Im Gegenteil! Sie wollten sich an dem Herrn der Herrlichkeit vergreifen. Aber die Stunde des Herrn war noch nicht gekommen, dass Er ans Kreuz gehen sollte. Denn zuvor musste noch das Passah beginnen.

So führte es Gott, dass die Führer des Volkes auf die Volksmengen sahen, die Christus für einen Propheten hielten. Menschenfurcht war eines der Kennzeichen der Hohenpriester und Pharisäer, da sie in den Augen der Mengen groß angesehen sein wollten. Daher verzichteten sie zunächst darauf, den Herrn umzubringen. Ihre Stunde und die Gewalt der Finsternis rückten aber immer näher.

Verse 1–14: Gleichnis 3 – Die Hochzeit des Königssohnes: Gnade und Gericht (K. 22)

In den ersten vierzehn Versen des 22. Kapitels kommt das dritte Gleichnis. Wir haben bereits gesehen, dass die drei hier zusammengestellten Erzählungen zusammengehören. Der erste Vers, „Und Jesus hob an und redete wieder in Gleichnissen zu ihnen“, lässt nicht darauf schließen, dass der Herr diese Worte unmittelbar im Anschluss an das Gleichnis vom Weinberg erzählt hat. Wie wir schon früher mehrfach gesehen haben, ist das für Matthäus nicht wesentlich. Auf jeden Fall passt dieses Gleichnis zu den beiden vorher genannten über die beiden Kinder eines Menschen und über den Herrn des Weinbergs.

Das erste Gleichnis sprach von der Vergangenheit Israels unter Gesetz. Das Volk hatte versagt und war nicht bereit, Gott zu gehorchen. Im zweiten Gleichnis hatten wir die Verwerfung des Sohnes Gottes vor uns, als Er als Messias zu seinem Volk kam. Das war zur Zeit des Herrn die Gegenwart. Das dritte Gleichnis nimmt diesen Faden auf, spricht aber in großen Teilen von der Zukunft aus damaliger Sicht. Selbst für uns ist die Erfüllung dieser Weissagung teilweise zukünftig. Das aber war auch bei dem vorherigen Gleichnis der Fall, wenn es um den Stein geht.

Ein wichtiger Unterschied zu dem vorhergehenden besteht darin, dass wir es jetzt erneut mit einem Gleichnis des „Reiches der Himmel“ zu tun haben. Es ist das neunte dieser Art (nach den sechs Gleichnissen in Kapitel 13 sowie den entsprechenden in den Kapiteln 18 und 20). Es geht also um den Bereich der Autorität des Herrn in der Zeit, die nach seiner Verwerfung am Kreuz beginnt. Sie findet ihr Ende mit seinem Wiederkommen als König. Jesus zeigt nun in diesem Gleichnis, dass Menschen genau dann unter die Rechtshoheit des Himmels kommen, wenn sie die Einladung des Evangeliums der Gnade annehmen.

Vor der detaillierteren Betrachtung dieses Gleichnisses möchte ich noch zwei Vorbemerkungen machen:

  1. Ein Vergleich mit Lukas 14,16–24 zeigt, dass es ein zweites, sehr ähnliches Gleichnis gibt. Ob es sich um dasselbe handelt, ist nicht so leicht zu entscheiden, aber auch nicht von Bedeutung. In Lukas 14 geht es um einen Menschen, der ein Gastmahl macht und dazu einlädt. Dort werden die Gründe für die Absagen der Eingeladenen sehr ausführlich dargestellt. Das passt zu der Charakterisierung des Sohnes des Menschen und der Menschen überhaupt. Dort werden die Gnade und Liebe betont, die Gott für die Verachteten und Armen in Israel (Verse 21.22) sowie unter den Nationen hat (Vers 23). Matthäus ist in diesem Punkt deutlich kürzer und stellt erneut den Wechsel der Haushaltungen, des Handelns Gottes, in den Mittelpunkt seiner Berichterstattung. Matthäus handelt zudem wie ein Geschichtsschreiber. Er zeichnet die verschiedenen Epochen der Evangeliumsverkündigung sehr genau nach. Zudem spricht nur er von dem Mann, der ohne Hochzeitskleid in den Raum gekommen ist.
  2. Im Gleichnis des Hausherrn und seines Weinbergs (Kapitel 21) sehen wir gewissermaßen Gott auf der Suche nach Frucht bei seinem Volk: Das Volks Israel wurde sozusagen unter Verantwortung gestellt. In unserem Gleichnis dagegen wird alles in Gnade geschenkt und zur Verfügung gestellt. Gott sucht nicht mehr – Er gibt in freier Gnade. Er bietet den Menschen in gnädiger Weise Freude, Ruhe und Segen an, jedem, der das gerne annehmen möchte.

Es war vollkommen erwiesen, dass Gott dem Menschen nicht vertrauen konnte. Denn der Mensch im Allgemeinen und speziell das Volk Israel hatten vollständig versagt. Jetzt stellt Gott eine neue Frage: Würde das Volk dem Gott aller Gnade, der alles schenkt, vertrauen? Auf diese Frage gibt unser Gleichnis eine niederschmetternde Antwort, die bis heute Gültigkeit hat.

Verse 1–10: Drei Einladungen, die Gnade Gottes anzunehmen

„Und Jesus hob an und redete wieder in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Das Reich der Himmel ist einem König gleich geworden, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Geladenen zur Hochzeit zu rufen; und sie wollten nicht kommen. Wiederum sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Geladenen: Siehe, mein Mahl habe ich bereitet, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit. Sie aber kümmerten sich nicht darum und gingen hin, der eine auf seinen Acker, der andere an seinen Handel. Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, misshandelten und töteten sie. Der König aber wurde zornig und sandte seine Heere aus, brachte jene Mörder um und setzte ihre Stadt in Brand. Dann sagt er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Geladenen waren nicht würdig; so geht nun hin auf die Kreuzwege der Landstraßen, und so viele irgend ihr findet, ladet zur Hochzeit. Und jene Knechte gingen hinaus auf die Landstraßen und brachten alle zusammen, die sie fanden, sowohl Böse als Gute. Und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen“ (Verse 1–10).

Ein zweites Mal erzählt der Herr Jesus ein Gleichnis von einem König. Dieses Mal aber ist dieser nicht Herr eines Weinbergs, sondern jemand, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtet. Der Herr ist – wie im zweiten Gleichnis – ein Bild von Gott, dem Vater. Er möchte seinem Sohn die Hochzeit ausrichten. Ihm geht es um die Ehre und das Glück seines Sohnes. Nicht die Gäste stehen im Mittelpunkt seines Interesses, so gewaltig die Gnade auch sein mag, die ihnen geschenkt wird, sondern der Sohn. Er ist der Mittelpunkt des Ratschlusses Gottes. Und Gott möchte durch die Aufrichtung des Königreichs seinen Sohn verherrlichen. Das ist sein erklärtes Ziel.

Bei der Hochzeit brauchen wir nicht an die Beziehung des Herrn Jesus zu seiner irdischen Braut Israel zu denken. Noch weniger geht es um seine himmlische Braut, die Versammlung. Das ist nicht Thema dieses Gleichnisses. Denn von einer Braut lesen wir im ganzen Gleichnis nichts – wohl aber von den Gästen.

Der Vater möchte seinem Sohn, dem Herrn Jesus, eine wunderbare Hochzeit bereiten. Dazu sendet Er seine Knechte aus, die den Auftrag haben, die Geladenen zur Hochzeit zu rufen. Wer sind diese Geladenen? Es handelt sich ohne Frage um die Juden in Israel zur Zeit des Herrn Jesus, denn es waren die Einzigen, die in einer direkten Beziehung zu Gott standen. Sie warteten auf den Messias. Insofern schließt dieses Gleichnis direkt an das vorhergehende an. Es geht hier nicht um die Vergangenheit Israels (aus Sicht des Herrn damals). Er spricht von solchen, die lebten, während Er hier auf der Erde war.

Sofort erkennen wir, wie sich die Gedanken Gottes von denen der Menschen deutlich unterscheiden. Die Juden damals wollten den Tod Jesu. Das haben wir im Gleichnis des Weinbergs gelernt. Gott jedoch lädt genau diese Menschen ein, um Hochzeit mit seinem Sohn zu feiern. Sie waren nicht bereit, die Gott zustehende Frucht zu bringen. Ob sie wohl bereit wären, einfach die Freude und den Segen des Hochzeitsfestes anzunehmen, das sie nichts kostete?

Wir finden die Aussendung der Knechte (Jünger) in Kapitel 10 unseres Evangeliums. In Vers 7 lesen wir dort den Auftrag des Herrn an seine Jünger: „Geht aber hin, und predigt und sprecht: Das Reich der Himmel ist nahegekommen.“ Ähnlich hatte Gott auch Johannes den Täufer ausgesandt, die Juden zur Umkehr aufzurufen (vgl. Mt 3,2). Deshalb war der Herr Jesus gekommen, „Gott in Christus, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend“ (2. Kor 5,19). Der Herr wollte sein Volk nicht verurteilen und verwerfen, sondern versöhnen! Deswegen war Er gekommen.

Die Reaktion des Volkes auf dieses Werben wird am Ende des dritten Verses unsers Kapitels deutlich: „Sie wollten nicht kommen.“ Johannes drückt das so aus: „Er kam in das Seine, doch die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). Der Herr Jesus muss einmal sagen: „Ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt“ (Joh 5,40). Er stellt in diesem Gleichnis nicht vor, dass die Juden Ihn ermorden und ans Kreuz bringen würden. Das ist nicht Gegenstand dieses Gleichnisses, weil Er dies unmittelbar zuvor im zweiten Gleichnis deutlich behandelt hatte.

Gottes Gnade lässt sich nicht zum Schweigen bringen: das zweite Angebot

Es stellt sich allerdings die Frage: Wie würde Gott auf die Ablehnung seiner Einladung antworten? Im Gleichnis des Weinbergs haben wir gesehen, dass seine Reaktion auf die Ermordung seines Sohnes war, den Weingärtnern den Weinberg wegzunehmen und sie zu bestrafen. Hier aber lesen wir etwas Erstaunliches: „Wiederum sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Geladenen: Siehe, mein Mahl habe ich bereitet, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit.“

Das muss uns beeindrucken. Wenn es um die Verantwortung des Menschen geht, muss Gott die Auflehnung bestrafen. Wenn es aber um die Ablehnung seines Gnadenangebots geht, finden wir zunächst keine Bestrafung, sondern eine Erneuerung seines Angebots. Er sendet einfach neue Knechte aus, und zwar zu der gleichen Gruppe von Menschen. Von diesem barmherzigen Charakter Gottes hatte auch schon Elihu gesprochen: „Siehe, das alles tut Gott zwei-, dreimal mit dem Mann, um seine Seele abzuwenden von der Grube, dass sie erleuchtet werde vom Licht der Lebendigen“ (Hiob 33,29.30).

Es fällt im Unterschied zu Lukas 14 auf, dass mehrere Knechte eingesetzt werden. In Lukas 14 ist der Knecht ein Bild des Heiligen Geistes, der in vollkommener Weise Menschen zum Herrn Jesus und zu Gott einlädt. Hier benutzt Gott Menschen, vor allem Evangelisten, um die Menschen einzuladen und ihnen das Angebot der Gnade vorzustellen. Jeden von uns möchte der Herr dazu heute benutzen.

Wie weiter oben erwähnt, wird Matthäus hier gewissermaßen zu einem Geschichtsschreiber dieses prophetischen Wortes. Denn wann hat Gott andere Knechte ausgesandt, wieder zu seinem Volk, zu denselben, die seinen Sohn bereits abgelehnt und verworfen hatten? Immer noch ist von „den Geladenen“ die Rede! Die Antwort ist: Nachdem der Herr Jesus gestorben, auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist. Da hat Er, wie wir in Apostelgeschichte 2 und den darauffolgenden Kapiteln lesen, ein neues Gnadenangebot an die Juden verkünden lassen. Trotz der Ablehnung der ersten Einladung sendet Gott denselben Empfängern noch eine zweite Einladung der Gnade. Sie ist nicht für Heiden, sondern allein für Juden bestimmt und richtet sich nur an die Juden in Jerusalem.

Zwar spricht das Gleichnis nicht vom Tod des Herrn, es fügt aber in Vers 4 hinzu, dass das Mahl bereitet ist, ja dass alles bereit ist. Genau das ist der Hinweis darauf, dass das Kreuz von Golgatha und das Werk des Herrn alles gut gemacht hat. Damit ist die Grundlage gelegt worden für den neuen Bund, den Gott nach Jeremia 31,31 mit seinem Volk Israel schließen wird. Auf dieser Basis gab es eine neue Chance für das Volk. Alles war bereitet, nichts wurde gefordert. Denn das Angebot der Gnade Gottes ist ein Geschenk, das Er dem Menschen machen möchte. Wir haben einen gebenden König.

Das ist einer der Gründe dafür, dass wir in der ersten Zeit des Christentums die Predigt der Apostel speziell an die Juden finden. Man denke beispielsweise an Apostelgeschichte 3,19–21. Dort predigt Petrus zu den anwesenden Juden: „So tut nun Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn und er den euch zuvor bestimmten Christus Jesus sende, den freilich der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.“

Wenn die Juden Jesus als Retter angenommen hätten, hätte Gott den Herrn Jesus zu seinem Volk gesandt, wie es im Alten Testament angekündigt worden ist. Und nach der großen Drangsalszeit wird das in Zukunft auch geschehen. Dann wären die Zeiten der Wiederherstellung und der Erquickung sofort für das Volk Israel angebrochen. Aber was müssen wir feststellen? Das Volk Israel ist immer noch nicht bereit, der Einladung Gottes zu folgen. Nur vergleichsweise wenige folgten der Einladung. Die große Masse will den Herrn Jesus immer noch nicht als König akzeptieren. Seinem Hochzeitsmahl wollten sie nicht beiwohnen.

Die Antwort der Juden auf die zweite Einladung

Wie sah die Reaktion der Juden auf die Verkündigung des Evangeliums der Gnade im Wesentlichen aus? Jakobus wurde umgebracht (vgl. Apg 12). Petrus, Johannes und Paulus wurden gefangen genommen und vermutlich alle ermordet. Ein gewisser Höhepunkt war die Steinigung von Stephanus. Denn gerade dieser Mann Gottes stellte dem Volk noch ein letztes Mal die Botschaft Gottes vor, um sie zu Gott zu bekehren. Er spricht vom Herrn Jesus, den er zur Rechten Gottes stehen sieht. Aber diesen Zeugen des Herrn und seinen Meister will das Volk nicht. Damit verwirft es auf endgültige Weise seinen Messias. So verhallt auch diese Botschaft Gottes – der dringende Appell an sein Volk: Kommt zur Hochzeit! Es gibt kein freudiges Ja.

Im Gleichnis selbst finden wir zwei verschiedene Reaktionen auf die neue Einladung. Entweder missachtete man die Einladung. Oder man ging noch weiter, indem man die Knechte des Herrn misshandelte. Eine positive Antwort allerdings finden wir nicht: die Annahme der Einladung. Das heißt nicht, dass wir in Apostelgeschichte nicht lesen würden, dass es doch eine Reihe von Menschen gegeben hat, die sich bekehrt haben. Aber einerseits haben sie es nicht getan, um weiter Juden zu bleiben (sondern sie wurden Christen). Damit nahmen sie Jesus nicht einfach als Messias an, sondern als Retter der Welt. Andererseits hat die große Masse des Volkes der Juden den Herrn Jesus weiter abgelehnt.

1. In Vers 5 lesen wir von drei Gründen vonseiten der Geladenen, nicht zu kommen.

  • Sie kümmerten sich nicht um die Einladung: Das ist Gleichgültigkeit gegenüber Jesus Christus, eine Haltung, die damals wie auch heute weit verbreitet ist. Man ist tolerant, will sich aber nicht für den Herrn Jesus entscheiden. Jeder mag glauben, was er will. Man selbst aber will sich nicht binden. Denn das würde bedeuten, sich als Sünder und verloren anerkennen zu müssen, was vielen Menschen zu weit geht.
  • Sie gingen auf ihren Acker: Die eigene Arbeit und die eigenen Werke waren wichtiger als die Einladung Gottes. Wer nur seine eigenen Ziele verfolgt, wird im Leben keinen Platz für den Herrn Jesus haben.
  • Sie gingen an ihren eigenen Handel: Wenn der Beruf und der Reichtum wichtiger sind als der Herr Jesus, wird man das Ziel nicht erreichen und verloren gehen. Wir denken hier auch an Juda, der nach der Verwerfung (dem „Mord“) seines Bruders Joseph keinen Skrupel hatte, großen Handel zu betreiben (1. Mo 38).

Vers 5 zeigt uns also die Missachtung (vgl. Heb 2,3) und die Verachtung des Herrn.

2. In Vers 6 finden wir jedoch noch eine andere Handlungsweise. Diese entspricht dem Verhalten der Weingärtner im vorigen Gleichnis. Denn auch in dieser Begebenheit ermorden die geladenen Gäste die einladenden Knechte, nachdem sie diese gegriffen und misshandelt haben. Hier geht es nicht darum, was die Juden mit dem Herrn Jesus gemacht haben. Hier steht im Vordergrund, was sie im Anschluss an die Himmelfahrt des Herrn mit seinen Knechten gemacht haben, mit den Aposteln.
Das sind die Morde an Stephanus und seinen Brüdern. Damit sagten diese Mörder nichts anderes als (immer noch): „Wir wollen nicht, dass dieser [Königssohn] über uns herrsche“ (Lk 19,14). Diese Morde standen in der Tradition der Väter, worauf Stephanus letztlich hinwies: „Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben die getötet, welche die Ankunft des Gerechten zuvor verkündigen, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid“ (Apg 7,52). Da stand der Mord an Stephanus unmittelbar bevor, der eine Fortsetzung dieser Bosheiten und Gewalttaten der Väter darstellte.
So finden wir an dieser Stelle nicht nur die missachtende Gleichgültigkeit, sondern sogar direkte Opposition und Gewalttat, ja Hass, wovon auch Paulus in 1. Thessalonicher 2,14–16 spricht.

Auf die Gleichgültigkeit seines Volkes geht Gott nicht ein. Aber den Mord an seinen Knechten lässt Er nicht ungesühnt. „Der König aber wurde zornig und sandte seine Heere aus, brachte jene Mörder um und setzte ihre Stadt in Brand.“ Jeder Jude hätte spätestens im Jahr 70 nach Christus erschrocken sein müssen, als diese gleichnishafte Andeutung buchstäblich in Erfüllung ging. Gott hatte noch etliche Jahre Geduld. Dann aber kam der Zeitpunkt, wo unter dem römischen Kaiser Titus Jerusalem zerstört und der Tempel verbrannt wurde. Ein großer Brand setzte hinter diese Hauptstadt der Juden für lange Zeit einen Schlusspunkt.

Die dritte Einladung der Gnade – an die ganze Welt

Ist mit diesem zeitlichen und nationalen Gericht Gottes an seinem irdischen Volk die Gnade erschöpft? Nein, wir können dankbar sagen: „Wo aber die Sünde überströmend geworden ist, ist die Gnade noch überreichlicher geworden“ (Röm 5,20). Zwar kann Gott seinem irdischen Volk (zunächst) nicht mehr in Gnade begegnen. Aber Er hat einen anderen Weg gewählt, der sogar jedem Juden weiterhin die Gnade anbietet. Nach der Ablehnung des Messias durch die Weingärtner und die Verwerfung der Gnade Gottes durch die geladenen Juden wendet sich Gott allen Nationen zu: „Durch ihren Fall [der Juden] ist den Nationen das Heil geworden“ (Röm 11,11), schreibt der Apostel Paulus.

Den Juden wurde von Paulus und Barnabas einmal gesagt: „Zu euch musste notwendigerweise das Wort Gottes zuerst geredet werden; weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht für würdig erachtet, siehe, so wenden wir uns zu den Nationen. Denn so hat uns der Herr geboten: ‚Ich habe dich zum Licht der Nationen gesetzt, damit du zum Heil seiest bis an das Ende der Erde.‘“ (Apg 13,46.47). Genauso finden wir es durch dieses Gleichnis vorhergesagt. Denn Gott war es seinem Sohn schuldig, der sich selbst in den Tod hingegeben hat, kein Hochzeitsfest ohne Gäste auszurichten. Wenn die Juden nicht wollten, würde Er andere finden, und zwar noch viel mehr, die gerne zum Hochzeitsfest kommen würden.

Zunächst einmal stellt der König fest, dass die Geladenen offensichtlich nicht würdig waren für die Hochzeit. Er hätte dieses Hochzeitsfest gerne mit ihnen zu Ehren seines Sohnes gefeiert. Aber sie hatten bewiesen, dass sie nicht passend waren für diesen herrlichen Sohn. Man fragt sich: Wer aber ist überhaupt passend?

Die Antwort gibt der nächste Vers: „So geht nun hin auf die Kreuzwege der Landstraßen, und so viele irgend ihr findet, ladet zur Hochzeit. Und jene Knechte gingen hinaus auf die Landstraßen und brachten alle zusammen, die sie fanden, sowohl Böse als Gute. Und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen.“ Würdig sind also jetzt alle, die kommen wollen, die bereit sind zu kommen. Das erstaunt auf den ersten Blick. Denn wenn die Geladenen, die Gott ausdrücklich für seinen Sohn ausgesucht hatte, nicht würdig waren, wer sollte es dann sein? Die Aufforderung des Königs zeigt, dass gerade diejenigen würdig sind, die gerne zur Hochzeit seines Sohnes kommen wollen. Würde ist also keine Frage der Herkunft, sondern es handelt sich um eine Frage der Bereitschaft, mit dem Sohn zu feiern.

Die Herkunft kann moralisch und hinsichtlich der Gesellschaft gut oder schlecht sein. Denn die Knechte fanden sowohl Böse als auch Gute. So gibt es jetzt keine Unterscheidung der Menschen mehr. Das Evangelium ist für „jeden Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen“ (Röm 1,16). Es ist wichtig, dass wir verstehen, dass es hier nicht um die Versammlung geht. Der Herr spricht vom Bereich bekennenden Christentums, in dem es „Bekenner und Besitzer“ gibt, wie ein Ausleger schreibt. Solche, die nur ein äußerliches Bekenntnis haben, und solche, die wirkliches Leben aus Gottes besitzen, deren Bekenntnis also wahr ist.

Der Herr spricht davon, dass nach der Weigerung der Juden, ihren Messias anzunehmen, jeder von Gott eingeladen wird, die herrliche Gnade anzunehmen. Das sind gottesfürchtige Menschen wie Lydia und Kornelius genauso wie Bettler, Gefängniswärter (in Philippi), entlaufene Sklaven (Onesimus), usw. „Wer will, nehme das Wasser des Lebens umsonst“ (Off 22,17).

Auch wir, die wir aus den Nationen stammen, durften zu den Bösen gehören, die kein Bürgerrecht hatten und fern von Gott standen (vgl. Eph 2,12). Das sagte Paulus auch den Korinthern: Etliche von ihnen waren moralisch sogar sehr tiefstehende Menschen gewesen (vgl. 1. Kor 6,11). Gott aber hatte sie gerufen und angenommen – wie auch edle Menschen. Wenn der Herr jemand als Evangelisten aussendet, dann lädt dieser ein, ohne das Publikum irgendwie auszuwählen. Jeder Ort ist gut genug, um Menschen die Gnade Gottes anzubieten. Wählen muss in gewisser Weise der Sünder – Gott aber nimmt jeden an! So hat auch der Herr gehandelt, nachdem Er, wie wir in Matthäus 12 gelesen haben, von seinem Volk verworfen worden war: „Der Sämann ging aus, um zu säen.“ Er ist einfach weggegangen vom jüdischen Feld und hat die Saat auf das gesamte Feld der Welt geworfen. Sein Angebot gilt bis heute jedem Menschen, der kommen will. Auch heute noch wird diese Einladung göttlicher Gnade verkündigt!

Damit endet der erste Teil dieses Gleichnisses. Denn der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen. Wie herrlich! Der König ist zu seinem Ziel gekommen. Gott hat zu Ehren seines Sohnes viele Menschen ansprechen und anziehen können. Aber im Unterschied zu Lukas 14 geht das Gleichnis hier noch weiter. Denn es handelt sich um ein Gleichnis des Königreiches der Himmel. Dazu hat der Herr noch eine weitere wichtige Belehrung weiterzugeben.

Verse 11–14: Das persönliche Gericht an dem Menschen ohne Hochzeitskleid

„Als aber der König hereinkam, um sich die Gäste anzusehen, sah er dort einen Menschen, der nicht mit einem Hochzeitskleid bekleidet war. Und er spricht zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen, da du kein Hochzeitskleid anhast? Er aber verstummte. Da sprach der König zu den Dienern: Bindet ihm Füße und Hände und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein. Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte“ (Verse 11–14).

Um diese Verse richtig zu verstehen, müssen wir – wie gesagt – bedenken, dass es sich bei dem Gleichnis um das Reich der Himmel handelt. Das heißt, es geht um den Bereich, in dem man die Autorität von Christus, dem heute im Himmel weilenden Herrn, anerkennt. Dabei wird nicht von vornherein die Frage geklärt, ob derjenige, der seinen Platz im Reich der Himmel einnimmt, auch innerlich ein bekehrter Mann ist. Das haben wir in Kapitel 13 bereits gelernt. Es kann sich also um wahre Jünger handeln, die sich äußerlich und innerlich auf die Seite des Herrn Jesus stellen. Es ist aber auch möglich, dass es ein falscher Jünger ist, der zwar äußerlich Christ ist, innerlich aber nie eine Bekehrung erlebt hat. In das Königreich der Himmel kann sich also Unechtes einschleichen. Genau das wird in den Versen 11 bis 14 deutlich. Und weil es sich um ein Gleichnis vom Königreich der Himmel handelt, finden wir hier auch das Gericht über diejenigen, die sich im Reich befinden.

Der Herr spricht von dem feierlichen Augenblick, zu dem der König auf das Hochzeitsfest kommt, um die Gäste seines Sohnes, des Bräutigams, zu begrüßen. Damals war es im Orient Sitte, dass der Einladende den Gästen ein Hochzeitskleid schenkte. Das war besonders dann wichtig, wenn – wie in diesem Fall – die Gäste arm oder reich sein konnten. Wir haben gesehen, dass der König ein Hochzeitsfest zu Ehren seines Sohnes ausrichtete. Da war es selbstverständlich, dass die Gäste in Übereinstimmung mit der Herrlichkeit des Königs und seines Sohnes bekleidet waren.

Jetzt kommt der König in den Saal hinein. Sofort erblickt er einen Menschen, der nicht mit dem Hochzeitskleid bekleidet war. Das Kleid, das dieser trägt, mag noch so großartig sein – es ist nicht das Kleid des Königs. Es handelt sich nicht um das Geschenk, dass der König jedem Gast zu Ehren seines Sohnes gemacht hat.

Vielleicht denkt der eine oder andere: Was ist denn so schlimm daran? Die Antwort ist: Der König hatte eingeladen, der König wollte seinen Sohn ehren, der König hatte dazu jedem ein Geschenk gemacht. Der König hatte also das Recht zu bestimmen. Das aber hatte dieser Gast nicht anerkennen wollen. Vielleicht war er beim Eintritt von einem Knecht angesprochen worden: „Hier ist das Hochzeitskleid!“ „Nein, das brauche ich nicht, ich habe selbst ein wunderbares Kleid angezogen, extra für diesen Tag gekauft. Das wird den König und seinen Sohn sicherlich viel mehr erfreuen können.“ „Nein, wir haben den Auftrag, jedem ein Hochzeitskleid zu geben. Jedem!“ „Das mag sein. Aber für mich ist mein eigenes viel passender!“ So mag er sich vorbeigeschlängelt haben – vielleicht mit großer Selbstzufriedenheit, dass er nicht wie die anderen von der Gunst des Königs abhängig war.

Das Hochzeitskleid

Die Bedeutung dieses Gleichnisses liegt auf der Hand. Dieser Mensch ist ein Bild von Christen, die meinen, Gott in eigener Gerechtigkeit gefallen zu können. „Gott wird zufrieden sein mit mir. Ich habe niemanden ermordet und ein vergleichsweise soziales Leben der Nächstenliebe geführt!“ Diese Menschen vergessen, dass nicht sie und ihre Gedanken der Maßstab dafür sind, ob Gott zufriedengestellt ist. Der Mensch muss sich nach Gott richten. Was Gott will, hat Er uns in seinem Wort mitgeteilt: Wenn Christus verherrlicht werden soll, muss alles seiner Herrlichkeit entsprechen. Paulus schreibt das an die Philipper: „Indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist – die Gerechtigkeit aus Gott durch den Glauben“ (Phil 3,9). Nur so konnte er Christus gewinnen, indem er die eigenen Vorzüge für Dreck und Verlust achtete (Vers 8).

Menschliche Gerechtigkeit reicht vor Gott nicht aus. Das musste auch Paulus lernen. Anfangs dachte er noch, sein eigener Eifer für Gott wäre das, was Gott von ihm verlangte. Erst durch das Licht, mit dem Christus in sein Leben getreten war, erkannte er, dass er mit seiner eigenen Gerechtigkeit nicht vor Gott bestehen konnte. Gott schenkt uns seine Gerechtigkeit – göttliche Gerechtigkeit. So groß ist sein Geschenk. Aber mit weniger ist Er nicht zufrieden, weniger reicht nicht aus, um in der Ewigkeit bei dem Herrn Jesus zu sein. Und darum geht es hier! Anders ausgedrückt: Nur für den, der „in Christus Jesus ist“, gibt es jetzt keine Verdammnis mehr (Röm 8,1). Wir müssen den Herrn Jesus Christus angezogen haben (Gal 3,27), um an dem Hochzeitsfest teilnehmen zu können. Diese Feier hat in dem Gleichnis kein Ende – wie auch die Glückseligkeit bei Christus nie enden wird!

Jedem Christen, der noch meint, dass Gott schon irgendwie mit ihm zufrieden sein wird, kann man nur zurufen: „Es ist in keinem anderen das Heil, denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in dem wir errettet werden müssen“ (Apg 4,12). Nur im Herrn Jesus gibt es das Hochzeitskleid, die Kleider des Heils und den Mantel der Gerechtigkeit (Jes 61,10). Wer den Herrn Jesus nicht ganz persönlich als Retter annimmt, verwirft die Gerechtigkeit Gottes (vgl. Röm 10,3) und geht verloren. Wer Ihm aber glaubt, bekommt das beste Gewand, das Gott hat, wie es im Gleichnis des verlorenen Sohnes heißt (vgl. Lk 15,22).

Die Diener hatten nicht beim Einladen darauf gesehen, was die Menschen für Kleider trugen. Denn Hochzeitskleider werden nicht auf der Straße, sondern im Hochzeitssaal getragen. In der Einladung stand auch nicht, dass die Gäste ihr bestes Kleid tragen sollten. Das passende Kleid würde ihnen geschenkt werden. Genau das ist die Botschaft des Evangeliums. Gott sucht nicht nach Menschen, die für Gott passend sind – die gibt es nämlich nicht. Die gute Botschaft wird genau deshalb verkündigt, weil alles ruiniert, verdorben und schuldig ist. Der Eingeladene hat dem König nichts zu bieten – alles kommt von diesem.

Wer mit eigenen Vorstellungen und eigener Gerechtigkeit kommt, wird die Hochzeit nicht erleben! Am Ende ist es egal, ob man in elendem oder in selbstgerechtem Zustand war. Entscheidend ist, ob man das Hochzeitkleid, ob man „Christus“ trägt! An Christus – an diesem Hochzeitskleid, das letztlich Christus darstellt, der uns die Gerechtigkeit Gottes durch sein Werk auf Golgatha geschenkt hat, kommt niemand vorbei. Entweder man hat Ihn angezogen und ewiges Leben, oder man geht ewig verloren.

So muss dieser Mensch – ob Mann oder Frau, wird hier offengelassen – die feierliche Frage des Königs anhören: „Freund, wie bist du hier hereingekommen, da du kein Hochzeitskleid anhast?“ Es handelt sich nicht um einen intimen Freund des Königs. Es ist ein Ausdruck, den nur Matthäus verwendet und der vom Herrn Jesus kurze Zeit später für Judas verwendet wird: „Freund, wozu bist du gekommen!“ (Mt 26,50; vgl. auch Mt 20,13). Auch Judas ging verloren. Freund heißt hier einfach Genosse (mein Lieber), also ein guter Bekannter, den man mit einer gewissen Zuwendung bedenkt.

Dieser Mensch findet keine Antwort. Heute mag man in einem Gespräch noch hören: „Ich werde mich schon vor Gott zu verteidigen wissen.“ Wenn es dann aber zu diesem Gericht kommen wird, wird man kein Wort mehr von den Menschen hören. Vor dem großen weißen Thron und Christus auf dem Thron, vor dessen Angesicht Erde und Himmel entfliehen werden, gibt es kein einziges Widerwort! Er wird richten, verurteilen und in den Feuersee werfen. „Dies ist der zweite Tod“ (Off 20,14). Es geht um ein Gericht mit ewigen Auswirkungen.

Das persönliche Gericht: die äußerste Finsternis

Es handelt sich jetzt im Unterschied zu Vers 7, wo ein nationales Gericht am Volk der Juden gezeigt wird, um ein ganz persönliches Gericht. Deshalb ist auch nur von einem Menschen hier die Rede. Tatsächlich wird es um viele Menschen gehen. Denn es gibt viele Christen, die nur dem Namen nach mit Jesus Christus zu tun haben (wollen). Die Belehrung des Gleichnisses ist also nicht, dass es nur einen falschen Bekenner und viele wahre gibt. Dieser eine Mann steht für die ganze Masse derer, die sich Christen nennen, mit dem gestorbenen und verherrlichten Christus aber nichts zu tun haben wollen!

Das Gericht in diesem Gleichnis ist scharf und endgültig. Die Füße und Hände des Menschen werden gebunden – er kann sich nicht mehr bewegen und seinen eigenen Willen tun. Dann wird er in die äußerste Finsternis hinausgeworfen, wo das Weinen und Zähneknirschen ist. In diesem Vers lernen wir über dieses endgültige Gericht, das nach Offenbarung 20 und anderen Stellen der Feuersee, die Hölle sein wird:

  1. Es gibt keine Vernichtung, denn die Menschen werden weiter existieren. Es ist von keinem Verbrennen, sondern von Qualen die Rede.
  2. In der Ewigkeit gibt es für die Verlorenen keine Bewegungsfreiheit mehr. Sie sind gebunden an Händen und Füßen. Auch wenn wir natürlich nicht wissen, wie es in der Hölle aussehen wird, deutete der Herr damit an: Diese Verlorenen werden nicht mehr umhergehen können und nicht mehr das tun können, was sie wollen. Sie werden eine ewige Unveränderbarkeit erleben, keine Abwechslung.
  3. Er wird „hinaus“ geworfen: Es gibt wirklich ein drinnen und draußen. Es gibt einen Bereich, wo Gott ist und sein Christus, und wo Er nicht ist. Draußen ist, wo Gott nie wieder hinblicken wird.
  4. Die Hölle ist Finsternis. Hier gibt es nichts mehr zu sehen, zu erkennen. Es gibt kein Wissen mehr über Gott, keine Beziehung mit irgendjemand, kein Licht. Es muss ein ewiges Stieren in ein nicht zu erfassendes Dunkel sein. Finsternis bedeutet auch, dass man mit niemandem mehr Kontakt haben kann. Man sieht niemanden mehr, man fühlt niemanden.
  5. Es ist die äußerste Finsternis. Man ist vollkommen allein. Die größtmögliche Einsamkeit, die man heute für eine kurze Zeit erleben mag, ist kein Vergleich zu der ewigen Einsamkeit, die dieser Mensch erleben wird. Finsternis in diesem höchsten Maß ist auch ein Ausdruck davon, dass man keine Gemeinschaft hat, nicht einmal Kenntnis von einem anderen Wesen. Jeder ist mit seiner Strafe, mit seinem Schicksal vollkommen, ewig allein.
  6. Weinen: Das erinnert an Esau, der sein trauriges Schicksal sah, aber keinen Weg zur Buße fand. Diese Menschen werden ewig wissen, dass sie an ihrem Elend selbst schuld sind. Aber sie werden es nicht ändern können. Sie werden ewig trauern, aber die Trauer nicht in Freude verändern können. Sie können nicht einmal die Trauer als solche abstellen. Sie wird sich eher noch steigern.
  7. Zähneknirschen: Es muss eine ewige Angst mit diesem Schicksal verbunden sein. Sie wissen, dass es keine Besserung geben kann, so sehr sie darauf hoffen. Und das wird ihre Angst vor dieser fortdauernden Strafe erhalten und stetig steigern. Es ist eine ewige Angst – das kann man sich heute nicht vorstellen! Die Angst vor dem nächsten Augenblick erhöht das Leiden, die Angst, die durch das Knirschen der Zähne unterstrichen wird. Es gibt keine Möglichkeit, diese Angst anders als durch Zähneknirschen und Weinen zu äußern.

Wie gut, dass man dieser Angst heute noch entfliehen kann, indem man den Herrn Jesus als Retter annimmt. Aber dazu muss man bereit sein, die eigene Gerechtigkeit abzulegen und zu dem Herrn Jesus zu kommen. Einen anderen Weg gibt es nicht.

Es ist im Übrigen auffallend, dass die Diener in Vers 13 andere sind als diejenigen, von denen wir in den vorherigen Versen lesen. Die Knechte, welche die Einladungen aussprechen, sind durch ihr Abhängigkeitsverhältnis vom König gekennzeichnet. Die Diener in Vers 13 werden dort so wegen der besonderen Aufgabe genannt, die sie ausführen müssen: Gericht üben. Aus den Gleichnissen in Matthäus 13 können wir schließen, dass es Engel sein werden. Gott sei Dank – eine solch furchtbare Aufgabe muss kein erlöster Christ ausführen.

Viele Berufene – wenig Auserwählte

Den vierzehnten Vers kennen wir schon – in einem anderen Sinn – aus Kapitel 20,16: „Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte.“ In Kapitel 20 bezieht er sich auf die Berufung zum Dienst und auf Belohnung. Man muss schon in den Dienst des Herrn berufen werden und kann nicht meinen, in eigenem Auftrag tätig sein zu können. Hier dagegen bezieht sich der Herr auf die Auserwählung zur Herrlichkeit, zur Errettung.

Viele sind Berufene. Das haben die verschiedenen Einladungen zur Hochzeit deutlich gemacht. Immer wieder wurden Menschen gerufen und berufen, um zur Hochzeit zu kommen: die Geladenen (man könnte auch übersetzen: die zur Hochzeit „Gerufenen“, „Berufenen“) in den Versen 3.4.9. In Vers 9 hören wir noch einmal von solchen, die zur Hochzeit eingeladen (gerufen, berufen) worden sind.

Man kann also sogar sagen, dass heute in gewisser Hinsicht alle Menschen Berufene sind.4 Das Gleichnis zeigt ja, dass die Knechte Gottes hingingen „und alle zusammenbrachten, die sie fanden5, sowohl Böse als Gute“ (Vers 10). Denn Gott ruft jeden Menschen, bietet jedem Menschen das Evangelium an. Und das sind nicht wenige, sondern viele. Die Frage ist, ob sie diesem Ruf auch Folge leisten. Denn nur dann sind sie auch „Auserwählte“. Sie haben sich bekehrt und Christus angezogen. Sie haben nicht nur äußerlich den Namen „Christ“ angenommen, sondern Christus ist ihr Leben geworden.

Durch diesen kurzen Satz bewahrt der Herr uns auch vor der Illusion, es ginge sozusagen nur „einer“ verloren. Nein, leider verweigern viele diesem Ruf Gottes die Antwort: „Ich bin verloren und nehme Jesus Christus als Retter für mich und meine Sünden an.“

Niemand kann sich entschuldigen, indem er sagt: „Ich bin ja nicht auserwählt worden.“ Das ist nämlich überhaupt nicht der Gedanke hier. Auserwählt ist jeder, der nicht nur der Einladung Gottes gefolgt ist, sondern auch das Hochzeitskleid angenommen hat. Gott bietet die Gnade jedem an (viele Berufene). Aber leider nehmen nur wenige diese Gnade an.

Es ist wahr, dass Gott Menschen auserwählt hat, sogar vor Grundlegung der Welt (vgl. Eph 1,4). Aber mit dieser Frage muss sich ein Mensch nicht beschäftigen. Denn er steht allein vor der Frage: Habe ich die Einladung der Gnade Gottes und damit den Herrn Jesus als meinen Retter angenommen? Wer das tut, erkennt, dass Gott ihn sogar vor Grundlegung der Welt auserwählt hat. So „früh“ hat Gott an uns schon gedacht. Auch das ist nichts als Gnade!

Verse 15–22: Frage 1 der Pharisäer: die Rechte des Kaisers, die Rechte Gottes

„Dann gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in seiner Rede in eine Falle locken könnten. Und sie senden ihre Jünger mit den Herodianern zu ihm und sagen: Lehrer, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und den Weg Gottes in Wahrheit lehrst und dich um niemand kümmerst, denn du siehst nicht auf die Person der Menschen; sage uns nun, was meinst du: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben oder nicht? Da aber Jesus ihre Bosheit erkannte, sprach er: Was versucht ihr mich, ihr Heuchler? Zeigt mir die Steuermünze. Sie aber reichten ihm einen Denar. Und er spricht zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? Sie sagen zu ihm: des Kaisers. Da spricht er zu ihnen: Gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Und als sie das hörten, verwunderten sie sich und ließen ihn und gingen weg“ (Verse 15–22).

Der Herr Jesus hatte den Hohenpriestern und Ältesten, den Pharisäern und auch den Jüngern drei Gleichnisse erzählt. Darin stellte Er ihnen die Haltung der Juden und zugleich die Wege Gottes mit seinem Volk und mit den Nationen vor. Nun finden wir drei Fragen, die Ihm von seinen großen Feinden gestellt werden. Im Anschluss daran stellt Er selbst den Pharisäern eine Frage, die sie jedoch nicht beantworten können. Damit ist das Maß der Bosheit der Führer des Volkes zu einem weiteren Gipfelpunkt gekommen. Der Messias beantwortet es, indem Er ein siebenfaches Wehe über sein Volk und dessen Führer ausspricht (Kapitel 23).

Eine Gruppe nach der anderen erscheint, um Christus am Ende seiner Dienstzeit zu versuchen und zu Fall zu bringen: die Pharisäer, die Herodianer und die Sadduzäer. Zu Beginn seines Dienstes kam Satan mit drei großen Versuchungen. Der Herr antwortet ihm in Vollkommenheit, so dass dieser von Ihm weichen muss. Dasselbe erleben nun diese drei Gruppen, die sich gegen den Herrn auflehnen.

Zuerst lesen wir von den Absichten der Pharisäer. Sie überlegen, wie sie den Herrn Jesus in eine Falle locken können (vgl. Ps 2,2). Noch immer haben sie nicht erfasst, dass Er ihre List bisher immer durchschaut hat und sie jedes Mal beschämt weggehen mussten. Sie haben nie gelernt: „Denn die Weisheit dieser Welt [in der sie gefangen waren] ist Torheit bei Gott; denn es steht geschrieben: ‚Der die Weisen fängt in ihrer List‘“ (1. Kor 3,19). Auf sie traf zu, was Eliphas einmal sagte: „Was reißt dein Herz dich hin, und was zwinkern deine Augen, dass du gegen Gott dein Schnauben kehrst und Reden hervorkommen lässt aus deinem Mund?“ (Hiob 15,13). Noch immer ist der Mensch in seiner eigenen Bosheit zu Fall gekommen – so auch jetzt die Pharisäer.

Dass sie sich in größter Verzweiflung befinden, zeigt sich darin, dass sie mit ihren Feinden, den Herodianern, zum Herrn Jesus kommen. Beide Gruppen waren einander feind. Die Pharisäer bildeten die hohe geistliche Kaste, die Herodianer dagegen die niedrige weltliche Höflingspartei. Aber so, wie später Pilatus und Herodes in ihrer Feindschaft gegen Christus zu Freunden werden, verbinden sich diese beiden Gruppen hier. Genau genommen kommen aber die Hauptpharisäer nicht selbst. Sie wollen sich nämlich öffentlich keine Blöße geben und zusammen mit den Herodianern erscheinen. Daher senden sie nur ihre Jünger. Diese sollen beweisen, dass sie würdige Nachfolger der richtigen theologischen Klasse in Israel sind.

Warum befeindeten sich die Pharisäer und die Herodianer? Die Herodianer waren Juden, die mit den von den Römern eingesetzten Herrschern sympathisierten. Für strenge Juden waren sie Staatsfeinde, weil kein Jude sich von einer fremden Macht beherrschen lassen wollte. Die Pharisäer verachteten die Herodianer daher. Sie waren die strengen Juden, die sich von niemandem etwas sagen lassen wollten, indem sie auf das Gesetz verwiesen und sich allein Gott verantwortlich fühlten. Da sie strenger als alle anderen Juden waren, meinten sie, die rechtmäßigen Vertreter Gottes in Israel zu sein. So nahmen sie letztlich in Anspruch, allein sich selbst und nicht Gott Rechenschaft schuldig zu sein. Daher waren sie auch nicht bereit, sich der fremden politischen Macht unterzuordnen und zogen so ihrerseits den Hass der Herodianer auf sich.

Jetzt aber kommen sie gemeinsam zum Herrn Jesus. Ihre Worte sind schmeichlerisch, um ihre wahren Beweggründe zu verbergen: „Lehrer, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und den Weg Gottes in Wahrheit lehrst und dich um niemand kümmerst, denn du siehst nicht auf die Person der Menschen.“ So heuchlerisch ihre Einleitungsrede ist, so wahr bleibt sie in ihrer Aussage. Jesus war wirklich der Lehrer Gottes für sein Volk. Er war der Wahrhaftige, der das war, was Er auch sagte (Joh 8,25). Damit stand Er in direktem Gegensatz zu den Pharisäern, die etwas anderes sagten, als was sie dachten, und die noch anders handelten. Gott ist wahrhaftig, und so war auch der Herr Jesus (vgl. Röm 3,4).

Der Herr lehrte den Weg Gottes in Vollkommenheit. Er ließ sich nicht davon beirren, dass die Menschen böse über Ihn dachten – Er war ja gekommen, um sogar am Kreuz von Golgatha für Sünder zu sterben! Er lebte in dieser Hinsicht nicht vor Menschen, sondern vor dem Angesicht Gottes. Und so war Er in seiner Rede und in seinem Urteil unbestechlich.

Tatsächlich war es ein Kennzeichen des Lebens und Handelns des Herrn, „nicht auf die Person der Menschen“ zu sehen. Das ist schon ein Kennzeichen des vollkommen gerechten Urteils Gottes (Röm 2,11) und sollte auch das Handeln des Volkes Israel prägen. Nach 3. Mose 19,15 hatte Gott sein Volk angewiesen: „Du sollst nicht die Person des Geringen ansehen und nicht die Person des Großen ehren; in Gerechtigkeit sollst du deinen Nächsten richten.“ Dieses Gebot Gottes erfüllte der Sohn Gottes als Mensch in vollkommenem Gehorsam Gott gegenüber. Im Grunde genommen sind die heuchlerischen Worte der Pharisäer daher eine wunderbare Anerkenntnis der Vollkommenheit des Lebens Jesu.

Später wendet der Halbbruder des Herrn, Jakobus, diesen Grundsatz auf uns Christen an. In Jakobus widmet er sieben Verse diesem Thema (Jak 2,1–7). Denn auch wir Christen stehen in Gefahr, dem Reichen und Geehrten mehr Zuwendung sowie Ehre zu geben als dem Armen und Unscheinbaren. So spricht dieses Urteil der Pharisäer auch in unser Leben hinein.

Die Fangfrage der Pharisäer und Herodianer

Nach dieser Einleitung stellen die Pharisäer und Herodianer ihre Fangfrage: „Was meinst du: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben oder nicht?“ Wie kamen sie zu dieser Frage? Sie hatten vor, den Herrn in seiner Rede in eine Falle zu locken. Sie hofften, dass er eine der beiden folgenden Antworten wählen würde:

  1. Ja, es ist erlaubt.
    Dann würden zwar die Herodianer jubeln und glauben, sie hätten einen Sieg über die Pharisäer errungen. Denn diese lehnten jede Steuer einer fremden Macht ab. Aber zugleich würden dann die Pharisäer verbreiten können, dass Er jedenfalls nicht der Messias sei. Denn dieser war aus ihrer Sicht derjenige, der sie vom Joch der Römer befreien würde. Als Erlöser sollte Er sie in das von Gott angekündigte Friedensreich unter der Herrschaft Gottes hineinbringen. Dass der Herr jetzt nicht gekommen war, in Macht zu regieren, sondern in Sanftmut und Demut das Erlösungswerk zu vollbringen, stand ja außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.
  2. Nein, das ist nicht erlaubt.
    Dann hätten die Pharisäer gejubelt und geglaubt, sie hätten einen Sieg über die Herodianer errungen. Zugleich aber hätten die Herodianer verbreitet, dass Jesus einer dieser Aufständigen war, die sich gegen die Herrschaft der Römer auflehnten. Judas, der Gallier, war ein solcher, wie man in der Apostelgeschichte lesen kann (vgl. Apg 5,29).

Die Pharisäer hatten nicht begriffen, warum sie unter der Herrschaft einer fremden Nation waren. Gerade sie, die sich der Kenntnis der alttestamentlichen Schriften so rühmten, hätten erkennen müssen, dass es sich um ein Gericht Gottes handelte. Unter Nehemia hatte das Volk immerhin zugegeben, dass es wegen der eigenen Sünden unter dem Joch der Fremdherrschaft stand (vgl. Neh 9,36.37). Hesekiel hatte zudem vor dem Beginn der babylonischen Herrschaft über Jerusalem angekündigt, dass der „Adler“ – dort ein Symbol für Babel – Macht über Israel bekommen würde (vgl. Hes 17,6).

Fremdherrschaft

Schon zur Zeit Moses hatte Gott seinem Volk vorhergesagt, dass es unter eine Fremdherrschaft kommen würde, wenn es dem Gesetz ungehorsam werden würde: „Der Herr wird aus der Ferne, vom Ende der Erde her, eine Nation gegen dich herbeiführen, so wie der Adler fliegt, eine Nation, deren Sprache du nicht verstehst; eine Nation harten Angesichts, welche die Person des Greises nicht ansieht und des Knaben sich nicht erbarmt“ (5. Mo 28,49.50). Solche Ankündigungen – in diesem Fall im Blick auf die Besetzung Israels durch das Römische Reich – gibt es zuhauf im Alten Testament.

Warum also war das Volk unter die Fremdherrschaft gekommen? Weil es sich Gott nicht in Gehorsam unterworfen hatte, sondern seine Autorität abgelehnt hatte. Und jetzt standen sie im Begriff, dasselbe mit dem König Gottes zu tun und damit Gott ein weiteres Mal abzulehnen. Insofern hätten sich die Pharisäer mehr mit dem Bekennen der eigenen Sünden, die zu dieser Fremdherrschaft geführt hat, als mit solchen Fangfragen beschäftigen sollen.

Die Pharisäer und Herodianer fühlten sich sicher: Auf diese raffinierte Frage würde der Herr keine geeignete Antwort finden. Sie hatten immer noch nicht erfasst, wer vor ihnen stand. Der Herr dagegen erkannte ihre Bosheit. Er wusste, was in dem Menschen war (Joh 2,25). Er wusste alles und hatte nicht nötig, befragt zu werden (vgl. Joh 16,30). Auch ohne seine Antworten hätten die Juden wissen müssen, wen sie vor sich hatten. Sie wollten es nicht wahrhaben.

Der Herr Jesus erkannte die Bosheit dieser Menschen nicht nur, Er sagt es ihnen auch. Er nennt sie nämlich Heuchler. Dass diese Menschen dem Herrn schmeichelten, ist offenkundig. Aber zugleich heuchelten sie. Denn ihre einleitenden, schmeichelhaften Worte stellten insofern Heuchelei dar, als sie vorgaben, die genannten guten Eigenschaften und Worte des Herrn anzuerkennen. In Wirklichkeit lehnten sie aber Ihn und seine Worte ab.

Schon früher haben wir gesehen, dass Er gerade die Pharisäer immer wieder als Heuchler bezeichnete. Sie sollten wissen, dass Er sie durchschaute und wusste, dass sie nur gekommen waren, um Ihn zu versuchen.

Wir dürfen annehmen, dass sie nicht begriffen, warum der Herr zu ihnen sagte: „Zeigt mir die Steuermünze.“ Auch als Er sie weiterfragte, wessen Bild und Aufschrift auf dem Denar war, konnten sie noch nicht erkennen, worauf Er hinauswollte. Daher antworteten sie, geradezu naiv: „Des Kaisers.“ Sie wussten nicht, dass Er sie durch seine Worte direkt in die Gegenwart Gottes stellen wollte, um noch einmal ihr Gewissen in Tätigkeit zu bringen.

Die Antwort des Herrn

„Gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Mit dieser Schlussfolgerung war keiner der Zuhörer glücklich. Denn ein weiteres Mal hat der Herr sie in ihre Schranken menschlicher Überlegungen, die vor Gott keinen Bestand haben, verwiesen. Sie erkannten das sofort. Aber was sagte der Herr eigentlich mit diesen Worten?

  1. Sie sollten dem Kaiser das geben, was diesem zusteht. Damit entlässt der Herr sie, besonders die Pharisäer, nicht aus ihrer Verantwortung vor dem römischen Herrn. Er sagt nicht, dass sie ihr Leben auf den Kaiser ausrichten sollten, wie es die Herodianer sicherlich gerne hören wollten. Aber Er zeigt ihnen, dass sie dessen Herrschaft anerkennen sollten. Denn sie mussten die Folgen der Sünden ihrer Väter bereitwillig tragen. Aus diesem Joch entließ Er sie nicht. Denn die Voraussetzung dafür war, dass sie – gerade die Pharisäer – ihre Schuld bekannten und den Herrn Jesus und damit Gott als ihren Herrn und Richter anerkannten.
    Übrigens gilt diese Aufforderung auch uns. Auch wenn wir Himmelsbürger sind und nicht zu dieser Welt gehören, lesen wir in Römer 13, Titus 3,1 und an mehreren Stellen im 1. Petrusbrief, dass wir uns den Obrigkeiten unterordnen sollen. Sie tragen das Schwert nicht umsonst!
  2. Sie sollten aber auch Gott das geben, was Gott gebührte. Und was war das? Sicher nicht das, was die Herodianer darunter verstanden. Sie wollten mit dem Gott Israels gar nichts zu tun haben. Und die Pharisäer? Sie dachten, dass Gott mit ihnen zufrieden sein musste. Dabei lehnten sie den Gesalbten Gottes, der gerade vor ihnen stand, mit aller Macht ab. Lehnten sie damit nicht den wahren Gott sozusagen noch mehr ab, als sie den Kaiser ohnehin schon verwarfen?
    Nein, der Herr Jesus zeigt ihnen: Sie würden gerade dadurch, dass sie sich in Demut dem Römischen Kaiser unterordneten, auch Gott das geben, was Ihm zustand. Denn damit würden sie zugeben, dass sie zu Recht unter dieser Fremdherrschaft standen. Darüber hinaus aber sollten sie sich Gott unterordnen und seine Gebote halten, ohne dem Gesetz eigene Anordnungen hinzuzufügen. Gott hat Rechte in seinem Königreich. Diese Ansprüche mussten von den Juden nicht nur anerkannt werden. Sie hatten auch in Übereinstimmung mit diesen zu handeln.
    Enthalten diese Worte nicht auch eine wichtige Belehrung für uns? Wessen Bild tragen wir? Sollen wir nicht nach 1. Petrus 2,9 die Tugenden Gottes in unserem Leben widerstrahlen? So können wir Gott das geben, was Ihm zusteht: indem wir sein Wesen, das Licht und Liebe ist, in unserem Leben durchscheinen lassen.
    Man kann aber auch noch an einen zweiten Aspekt denken. Gott das zu geben, was Gottes ist, bezieht sich auch auf das (Zurück-)Geben irdischer Dinge, die Er uns anvertraut. Denn diese materiellen Dinge, die wir beim Kommen des Herrn oder mit unserem Tod ohnehin wieder „zurückgeben“ müssen, gehören Ihm. Sie sind uns nicht geschenkt als Eigentum, sondern anvertraut (vgl. Lk 16,11). Der Schreiber des Hebräerbriefs ermahnt uns daher, des Wohltuns und Mitteilens nicht zu vergessen (Heb 13,16). Der Apostel Paulus erinnert uns mehrfach ans Geben (unter anderem widmet er zwei ganze „Kapitel“ diesem Thema: 2. Kor 8.9). David hat das gut verstanden: „Denn wer bin ich, und was ist mein Volk, dass wir vermögen, auf solche Weise freigebig zu sein? Denn von dir kommt alles, und aus deiner Hand haben wir dir gegeben“ (1. Chr 29,14).

Es ist übrigens interessant, dass der Herr Jesus für „geben“ (Vers 21) ein anderes Wort verwendet als die Versucher in Vers 17. Er spricht von „zurückgeben“. Es war den Juden nicht freigestellt, dem Kaiser etwas zu geben. Es handelte sich nicht um ein Geschenk, sondern um etwas, worauf der Kaiser einen Anspruch hatte. Gott hat jedoch ebenso Ansprüche. Und diesen soll der Mensch sogar an erster Stelle genügen. Dazu waren weder die Pharisäer noch die Herodianer bereit. Sie verwunderten sich über die Antwort des Herrn, mit der sie nicht gerechnet hatten, und gingen weg. Sie haben keine Antwort für den Meister übrig. Nichts von dem, was sie sich ausgerechnet hatten, haben sie erreicht. Aber sie sind nicht bereit, das zuzugeben. Sie wollen seinen Worten ohnehin nicht Folge leisten. Ihre eigene Ehre ist ihnen wichtiger als die Gottes. So werden sie in Kürze ihr Gerichtsurteil hören, ja erleben müssen.

Verse 23–33: Frage 2 der Sadduzäer: Auferstehung

„An jenem Tag kamen Sadduzäer zu ihm, die sagen, es gebe keine Auferstehung; und sie fragten ihn und sprachen: Lehrer, Mose hat gesagt: Wenn jemand stirbt und keine Kinder hat, soll sein Bruder seine Frau heiraten und soll seinem Bruder Nachkommen erwecken. Es waren aber bei uns sieben Brüder. Und der Erste verheiratete sich und starb; und weil er keine Nachkommenschaft hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder. Ebenso auch der Zweite und der Dritte, bis auf den Siebten. Zuletzt aber von allen starb die Frau. In der Auferstehung nun, welchem von den sieben wird sie zur Frau sein? Denn alle haben sie gehabt. Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irrt, indem ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes; denn in der Auferstehung heiraten sie nicht noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie Engel Gottes im Himmel. Was aber die Auferstehung der Toten betrifft – habt ihr nicht gelesen, was zu euch geredet ist von Gott, der spricht: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“? Er ist nicht der Gott der Toten, sondern der Lebenden. Und als die Volksmengen es hörten, erstaunten sie über seine Lehre“ (Verse 23–33).

Nachdem die Pharisäer und Herodianer in ihrem Versuch, Jesus zu Fall zu bringen, kläglich gescheitert sind, kommt die nächste Gruppe der Feinde des Herrn. Auch sie wollen Ihn versuchen: Dieses Mal handelt es sich um die Sadduzäer. Sicher hatten sie gehört, dass die Pharisäer nicht erfolgreich waren. So hofften sie, anstelle der Pharisäer die Führungsrolle in Israel einnehmen zu können.

Matthäus berichtet einleitend, dass es sich bei diesen Menschen um solche handelt, die nicht an die Auferstehung glauben. Aus Apostelgeschichte 23,8 wissen wir, dass sie auch Engel und überhaupt Geisteswesen ablehnten. Damit sind sie der Prototyp von Rationalisten; man könnte auch sagen, von modernen Bibelkritikern, die nur das glauben, was sie empirisch überprüfen können. Das Alte Testament spricht an vielen Stellen sowohl von der Auferstehung als auch von Engeln als auch von Geisteswesen. Aber das ließen diese Menschen nicht gelten.

Sie kommen nun zum Herrn Jesus und reden Ihn mit demselben Titel an wie die Pharisäer zuvor: Lehrer. Wir wissen nicht, ob das ironisch gemeint war oder ob sie einfach den Titel wählten, den auch andere dem Herrn Jesus gegeben hatten. Sie gehen in dem Beispiel, das sie dem Herrn Jesus vorstellen, auf die sogenannte Leviratsehe ein, von der man in 5. Mose 25,5–10 lesen kann. Dabei reden sie so, als ob sich dieser Fall tatsächlich in dieser Weise zugetragen hätte. Doch ist die Geschichte derart undenkbar, dass sie sich allein schon dadurch in ihrer Bosheit entlarven. Wann hat es je eine Frau gegeben, die Witwe wurde und aufgrund der Leviratsehe dasselbe siebenmal erlebte. Bereits die Tatsache, dass es sieben Brüder gab, die dann auch noch unverheiratet blieben, bis sie diese Frau heiraten konnten, ist abstrus. Der Fall war ganz offensichtlich konstruiert. Sie wollten sich über die biblische Lehre der Auferstehung geradezu lustig machen! Vor allem ist zu bedenken, dass dieses von Gott gegebene Gesetz weit davon entfernt war, in jenen Tagen in dieser Weise angewendet zu werden. Denn die Ausleger dieses Gebotes, jüdische Rabbiner, hatten eine ganze Reihe von Beschränkungen angebracht.

Der Herr Jesus lässt das Beispiel dennoch stehen und antwortet tatsächlich auf ihre provokative Frage: „In der Auferstehung nun, welchem von den sieben wird sie zur Frau sein? Denn alle haben sie gehabt.“ Möglicherweise wollten die Sadduzäer durch das Beispiel den Gedanken vermitteln, dass die Auferstehung genauso unsinnig ist wie das Beispiel, das sie anführten. Wenn es eine Auferstehung geben mochte, dann in ihren Augen nur, um wieder in vergleichbaren Verhältnissen auf der Erde zu leben wie zuvor.

Die Unkenntnis der Sadduzäer

Der Herr Jesus muss ihnen zeigen, dass sie weit von Gott entfernt waren: „Ihr irrt, indem ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes.“ Bevor Er überhaupt auf ihre Frage eingeht, weist Er sie also auf ihren Unglauben hin. Sie kannten die Schriften nicht. Vielleicht dachten sie von sich, dass sie keine schlechte Kenntnis des Alten Testaments besaßen. Dabei akzeptierten sie nur die 5 Bücher Mose, wie man bei dem sogenannten Kirchenvater Hieronymus nachlesen kann. Sie kannten die Schriften deshalb nicht, weil sie nicht bereit waren, diese als Autorität über sich anzuerkennen. Wer meint, er könne entscheiden, welcher Teil der Heiligen Schrift glaubwürdig und anzunehmen ist, kann die Schriften nicht kennen. Sonst würde er sie alle akzeptieren.

Durch diese Weigerung fehlte den Sadduzäern zudem die Kenntnis der Kraft Gottes. Diese Kraft tritt ganz besonders in der Auferstehung hervor, wie Paulus uns in Epheser 1,19.20 belehrt. Die Kraft Gottes wirkte aber auch in dem Herrn Jesus während seines Lebens auf der Erde. Sie stand zugleich denen zur Verfügung, die sich auf die Seite Gottes und seines Messias stellten. Die Sadduzäer gehörten nicht dazu. Wenn sie im Unglauben blieben, würden sie die Kraft der Auferstehung nie erleben!

Der Meister sagt den Sadduzäern, dass es in der Auferstehung kein Heiraten und Verheiraten gibt, wie in unserem Leben hier auf der Erde. Aus Markus 12,25 wissen wir, dass der Herr Jesus dabei nur von der ersten Auferstehung spricht. Dort geht es sogar um die Auferstehung „aus den Toten“, etwas, was im Alten Testament vollkommen unbekannt war. Von Paulus erfahren wir, dass die Auferstehung in eine ganz neue Schöpfung einführt, die mit der ersten Schöpfung nichts gemein haben wird (vgl. 2. Kor 5,17).

Soweit gehen die Erklärungen des Herrn hier noch nicht. Aber Er zeigt, dass die Sadduzäer, die alles auf ihr schmales Verständnis begrenzen wollten, völlig falsch lagen. Die Auferstandenen sind „wie Engel Gottes im Himmel“, ergänzt der Herr Jesus noch. Nicht, dass die Auferstandenen Engel sind. Wir werden dort keine dienstbaren Geister sein wie die Engel (vgl. Heb 1,14). Aber Engel sind Geisteswesen, die kein Geschlecht (männlich, weiblich) haben. Der Herr geht hier nicht auf die vielen Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zwischen Menschen und Engeln ein. Er weist nur daraufhin, dass in dem Punkt der Ehelosigkeit die auferstandenen Menschen den Engeln gleichen. Denn die Ehe ist dem Menschen für diese Erde gegeben – nicht für den Himmel. In der Auferstehung werden wir diesen Engeln also in Bezug auf die Natur ihres Wesens gleich sein. Das Geschlecht spielt hier keine Rolle mehr.

Die Bedeutung der ersten Auferstehung

Damit ist der Herr jedoch noch nicht am Ende seiner Belehrung. Der Lehrer hat noch etwas Wichtiges über die Auferstehung zu sagen, welche die Sadduzäer ja verneinten. Wir staunen, dass der Herr dazu nicht die sehr klaren Aussagen in den Propheten wählt: zum Beispiel Daniel 12,13 oder Jesaja 26,19 (vgl. auch Hes 37,3; Hiob 14,12). Stattdessen neigt Er sich zu diesen ungläubigen Sadduzäern herab, indem Er ihnen einen Beweis aus dem Teil des Wortes Gottes liefert, den sie akzeptierten.

Die Vorgehensweise des Herrn ist für uns beispielgebend. Denn wer von uns würde per se bereit sein, selbst bewusst atheistischen Menschen entgegenzukommen? Der Herr tut es und zitiert aus 2. Mose 3,6 Worte, auf die wohl keiner von uns gekommen wäre. Selbst die Pharisäer werden durch dieses Vorgehen des Herrn in Erstaunen gebracht (vgl. Vers 34). Ihnen war bisher nicht gelungen, was der Herr Jesus hier vollbrachte: den Unglauben der Sadduzäer ad absurdum zu führen. Der Herr Jesus zeigt hierbei den einzigen Weg auf, der den Menschen überhaupt vor einem rationalistischen Stützen auf den Verstand bewahren kann: der Glaube an die Schriften.

Gott hatte gesagt: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ War Gott ein Gott der Toten? Natürlich nicht! Das hätten die Sadduzäer auch sofort verneint. So sagt der Herr Jesus: „Er ist nicht der Gott der Toten, sondern der Lebenden.“ Abraham war vor rund 200 Jahren gestorben, als Gott so zu Mose sprach. Aber Gott sagte nicht: „Ich war der Gott Abrahams“, sondern „ich bin der Gott Abrahams“. Durch diese Worte wird klar, dass Abraham noch „leben“ musste. Da er aber gestorben war, musste es folglich eine Auferstehung geben. Wie hätte man sonst noch von „Leben“ sprechen können? Denn Abraham war in dem Moment, als der Herr sprach, tatsächlich nicht in einem „Zustand der Vollständigkeit“. Geist, Körper und Seele waren voneinander getrennt. Daher stand noch etwas aus – seine Auferstehung. Wie sie vollzogen werden wird, erläutert der Herr hier nicht. Das bleibt Paulus vorbehalten, es in 1. Korinther 15 und in 1. Thessalonicher 4 auszuführen. Aber wer wollte Gott entgegentreten mit dem Gedanken, Er sei ein Gott der Toten?

Es gibt noch einen weiteren Punkt. Denn Gott hatte Abraham viele Verheißungen gegeben, die noch nicht erfüllt waren. Sollen sich diese nicht auch für Abraham erfüllen (vgl. Heb 11,39.40)? Entweder war Gott nicht gewissenhaft bei der Erfüllung seiner Verheißungen, oder Gott musste Abraham, Isaak und Jakob auferwecken. Sie lebten also noch. Denn Gott wird alle Verheißungen erfüllen, und Abraham, Isaak und Jakob werden genau das erleben: in Auferstehung! Wollen die Sadduzäer Gott insofern zu einem Lügner stempeln? Es ist wahr, dass sich das Volk Israel damals in einem Zustand der Entwürdigung und der Knechtschaft befand (und auch heute ist es nicht anders). Davon waren die Sadduzäer ein beredtes Zeugnis. Aber Gott und seine gegebenen Verheißungen änderten sich dadurch nicht. Die Tatsache, dass die Geister Abrahams, Isaaks und Jakobs im Paradies waren, verbürgte, dass sie am Ende auch mit auferweckten Körpern im Reich Gottes sein würden.

Abgesehen davon wissen wir, dass auch Abraham selbst an die Auferstehung glaubte: „Er glaubte dem Gott, der die Toten lebendig macht und das Nichtseiende ruft, wie wenn es da wäre“ (Röm 4,17). In Hebräer 11,19 lesen wir: „Wobei er [Abraham] urteilte, dass Gott auch aus den Toten aufzuerwecken vermag“ (vgl. auch Heb 11,13.16).

Für uns Christen ist es ebenfalls von Bedeutung, die fundamentale Wichtigkeit der Auferstehung zu erfassen! Ohne Auferstehung „sind wir die elendesten von allen Menschen“, schreibt Paulus an die Korinther (1. Kor 15,19; vgl. auch die Verse 13.14.17). Die Auferstehung gehört damit zur Grundwahrheit des Neuen Testaments. Christus ist unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden (Röm 4,25). Ohne Auferstehung gibt es keine Zukunft für den Menschen. Deshalb sind der Rationalismus und dieser Unglaube, der damals in den Sadduzäern war und heute vielen Theologen zu eigen ist, so zerstörerisch für das Glaubensleben. Aus diesem Grund können wir nicht dankbar genug sein für diese Erwiderung des Herrn. Sie hilft auch uns für unseren Glauben und für entsprechende Gespräche.

Die Volksmengen erkannten, dass eine gewaltige Botschaft in diesen Worten Jesu steckte. Wir brauchen nicht zu glauben, dass sie die Tragweite und den Inhalt der Worte des Herrn wirklich verstanden haben. Aber sie erkannten, dass Er die so redegewandten Sadduzäer damit zum Schweigen bringen konnte. Nach den Pharisäern und Herodianern müssen auch sie vor dem Herrn weichen. Wir lesen hier nichts davon, dass sich die Sadduzäer dadurch hätten überzeugen lassen. Hinweise in der Apostelgeschichte zeigen, dass sie auf ihrem bösen, falschen Weg verharrt haben (vgl. Apg 23,8). Aber für alle Zuhörer war offensichtlich, dass der Herr die Wahrheit sprach, nicht die Sadduzäer.

Verse 34–40: Frage 3 des Gesetzeslehrers: das große Gebot

„Als aber die Pharisäer hörten, dass er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, versammelten sie sich miteinander. Und einer von ihnen, ein Gesetzgelehrter, fragte, um ihn zu versuchen: Lehrer, welches ist das große Gebot in dem Gesetz? Er aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.“ Dieses ist das große und erste Gebot. Das Zweite aber, ihm Gleiche, ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Verse 34–40).

Nicht nur die Volksmengen, auch die Pharisäer wurden hellhörig, dass Jesus das gelang, was sie über Jahre nicht geschafft hatten: die Sadduzäer zum Schweigen zu bringen. Sie freuten sich ganz sicher über den Misserfolg ihrer Gegner und vergaßen dabei, dass es ihnen nicht besser ergangen war. Aber statt zum Herrn Jesus zu gehen und sich Ihm zu unterwerfen, versammeln sie sich erneut, um miteinander hinter seinem Rücken zu beraten. Sie haben immer noch nicht gelernt, dass Er längst alles im Voraus weiß.

Einer von ihnen kommt daraufhin wieder zum Herrn, um Ihn ein weiteres Mal zu versuchen. Wir müssen davon ausgehen, dass er auch früher schon zu den Versuchern gehört hat. Zumindest gehörte er zu den Anstiftern der ersten Frage, die wir in unserem Kapitel gelesen haben. So stellt sich dieser Mann als Repräsentant des sich weiter gegen Christus und Gott auflehnenden Volkes dar. Aus dem Markusevangelium wissen wir, dass dieser Gesetzgelehrte dem Herrn durchaus wohlgesonnen war (vgl. Mk 12,32). Dennoch war es seine Absicht, den Herrn zu versuchen, zu prüfen. So steht er in unserem Evangelium in einer Linie mit seinen vorherigen Befragern des Herrn. Wer sich nicht zum Herrn Jesus bekennt und hält, gesellt sich letztlich zu seinen Feinden.

Die Frage lautete: „Lehrer, welches ist das große Gebot in dem Gesetz?“ Insgesamt haben die Rabbiner 613 Einzelgebote gezählt – welches davon war nun das große, das wesentliche, das entscheidende Gebot? Die Versuchung bestand nun darin, den Herrn Jesus in eine offenbar unter den Pharisäern laufende Diskussion zu verwickeln, welches Gebot größer als andere ist. Natürlich gab es hier Kontroversen und unterschiedliche Auffassungen. Wenn sich der Herr darauf eingelassen hätte, wären die anderen, nicht so „großen Gebote“ entwertet worden. Denn die Juden wollten sozusagen Pluspunkte sammeln durch das Halten der großen Gebote. Andere waren ihnen nicht so wichtig. Sie haben nicht verstanden, dass jedes einzelne Wort Gottes von großer Bedeutung ist.

Zugleich vergaßen sie, was Jakobus in seinem Brief schreibt: „Denn wer irgend das ganze Gesetz hält, aber in einem strauchelt, ist aller Gebote schuldig geworden“ (Jak 2,10). Vor Gott gab es keine Gebote, die man vor anderen zu halten hatte. Er hatte in dem Gesetz die Mindestanforderungen Gottes an den Menschen aufgeschrieben – dazu mussten alle Gebote gehalten werden. Auch wenn Jesus gekommen war, um Gnade und Wahrheit zu bringen, schwächte Er doch nie die Bedeutung des Gesetzes ab – so auch hier nicht.

Um den Kontroversen der Juden zu entgehen, zitiert der Herr nicht, wie dieser Gesetzgelehrte sicher erwartete, aus 2. Mose 20 bzw. 5. Mose 5. Dort findet man die zehn Grundgebote, die Gott genannt hatte. Der Herr bezieht sich stattdessen aber auf die Gebote aus 5. Mose 6,5 und 3. Mose 19,18, die eine Art Zusammenfassung des gesamten Gesetzes waren. Schon auf die Frage des Jünglings in Matthäus 19,18 hatte der Herr Ähnliches getan. Denn Gott ging es nicht in erster Linie um das äußere Halten bestimmter Vorschriften. Das Ziel der Gebote war letztlich die innere Gesinnung des Volkes Israel, die sich in ihren äußeren Handlungen zeigen sollte. Es ging Gott darum, dass der Mensch mit seinem ganzen Inneren Gott liebte und auch seinen Nächsten.

Der große Inhalt des Gesetzes

So lässt der Herr nicht zu, dass Unterschiede gemacht werden. Noch einmal beweist Er, dass diese jüdischen Führer sehr irrten und die Schriften nicht wirklich kannten (Vers 29). Natürlich kommt Gott an erster Stelle. Nicht von ungefähr waren die ersten vier der zehn Gebote in 2. Mose 20 Gott zugewandt. Dafür aber gab es 6 (und nicht nur 4) Gebote, welche die Beziehungen der Menschen untereinander regelten. So sagt der Herr auch hier: „Das Zweite aber, ihm [dem großen und ersten Gebot] Gleiche ist: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘“

Wer Gott liebt, wird auch seinen Nächsten lieben. Und wer seinen Nächsten liebt, kann dies nur deshalb, weil Liebe zu Gott, dem Schöpfer aller Menschen, vorhanden ist. Somit zeigt der Herr, dass der besondere Wert dieser Gebote nicht in der äußeren Einhaltung, sondern im Beweggrund beim Handeln liegt. Es geht dem Herrn um die Liebe zu Gott und dem Nächsten. Damit zeigte der Herr das wahre Wesen des Gesetzes auf. Er hatte dies schon in der Bergpredigt (Mt 5,17–48) deutlich getan.

„An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“, schließt der Herr seine Unterredung mit diesem Mann ab. Mit anderen Worten: Diese beiden Gebote sind die Summe des gesamten Gesetzes Gottes. Das verdeutlicht der Apostel Paulus in Römer 13,8–10. Dort nennt er einige Gebote (Vers 9) und zeigt dann, dass „die Liebe die Summe des Gesetzes ist“. Mit anderen Worten: Wenn das Leben eines Menschen durch Liebe geprägt ist, erfüllt er die Rechtsforderung des Gesetzes. Und genau diese beiden Gebote der Liebe nennt unser Herr hier.

Wenn Paulus die Liebe die „Summe“ (Fülle, Erfüllung) des Gesetzes nennt, ist das mehr als eine göttliche Zusammenfassung der Gebote. Der Herr nennt nämlich an dieser Stelle nicht „das große Gebot“ und macht damit Abstufungen im Gesetz, wie die Pharisäer den Herrn in eine Falle locken wollten. Er nennt die Summe und berücksichtigt damit sozusagen alle Gebote gleichzeitig. Denn bei einer „Summe“ hat jeder Summand eine gleichgroße Bedeutung. So sind alle Gebote groß und wichtig. Zusammen offenbaren sie, dass Gott ein Leben in Liebe forderte – und diese nennt der Herr.

Übrigens: Auch die Propheten hatten immer versucht, aus Liebe zu Gott und ihrem Nächsten das Volk zur Beobachtung des Gesetzes zurückzuführen. In gleicher Weise handelt der Herr Jesus an dieser Stelle.

Was hat das für eine Bedeutung für uns Christen?

Man könnte fragen, was wir Christen mit diesem Abschnitt zu tun haben. Wir wissen nach Römer 10,4, dass Christus das Ende des Gesetzes ist. Der Christ ist durch das Gesetz dem Gesetz gestorben (Gal 2,19). Haben uns dann diese Punkte nichts zu sagen? Aus Römer 8,4 lernen wir, dass der Gläubige die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt. Das tut er nicht, indem er sich unter das Gesetz stellt. Durch den Besitz des ewigen Lebens und durch die Innewohnung des Heiligen Geistes aber tut der Christ viel mehr, als nur die Mindestforderungen Gottes zu erfüllen. Er lebt sein Leben zur echten Freude Gottes.

Es ist interessant, dass Paulus gerade im Römerbrief, in dem er gezeigt hat, dass der Christ nicht unter Gesetz steht, im 13. Kapitel das Gesetz zitiert. Dabei greift er genau den Punkt des Herrn an dieser Stelle auf, nämlich Gott und den Nächsten zu lieben (Röm 13,8–10). Er tut dies und unterstreicht damit den soeben aus Römer 8 zitierten Vers. Denn die Menschen, die unter Gesetz standen, waren gar nicht in der Lage, dieses Gebot zu erfüllen. Wir Christen aber sind durch das neue Leben in der Lage, viel mehr als das zu tun. Nicht indem wir diese Gebote zu tun versuchen und uns unter das Gesetz als Lebensregel stellen, sondern indem wir dem neuen Leben in uns Platz geben und den Heiligen Geist wirken lassen.

Es braucht uns daher nicht zu wundern, dass wir an verschiedenen Stellen im Neuen Testament letztlich vergleichbare Gedanken finden wie im Gesetz. Allerdings gehen sie immer weiter, weil wir es nicht mit einer Mindestanforderung an den Menschen zu tun haben, sondern mit dem Ausfluss des göttlichen Lebens. Das ist immer mehr als das, was wir im Alten Testament finden. Wir lesen beispielsweise von der Aufforderung, Gott und unsere Brüder zu lieben. Johannes tut das in seinem Brief mehrere Male (1. Joh 3,14.16.17). Und später schreibt er: „Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren; und jeder, der den liebt, der geboren hat, liebt auch den, der aus ihm geboren ist. Hieran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten“ (1. Joh 5,1.2).

Wie ist uns in diesem allen der Herr Jesus selbst das große Vorbild. Adam rebellierte gegen Gott, Kain hasste seinen Bruder und erschlug ihn (1. Joh 3,12). Im Gegensatz zu diesen ersten Menschen kam der Herr Jesus aus Liebe zu seinem Gott und aus Liebe zu uns auf diese Erde. Er diente Gott von Anfang an bis zum Ende am Kreuz von Golgatha. Er starb dort nicht nur für seine Brüder und Freunde, sondern sogar für seine Feinde. So gewaltig war und ist seine Liebe zu uns!

Damit hat der Herr auch die Pharisäer zum Schweigen gebracht. Das Einzige, was sie jetzt noch tun können, ist den Herrn der Herrlichkeit ans Kreuz zu bringen. Es gibt nur noch einen, der die Autorität und das Recht hat zu reden: Christus. Und so dreht Er jetzt zum Abschluss dieser Unterredungen gewissermaßen den Spieß um und stellt den Pharisäern, als sie versammelt waren eine letzte Frage.

Verse 41–46: Gegenfrage des Herrn: Sohn Davids und zugleich Herr Davids

„Als aber die Pharisäer versammelt waren, fragte sie Jesus und sprach: Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie sagen zu ihm: Davids. Er spricht zu ihnen: Wie nennt David ihn denn im Geist Herr, wenn er sagt: ‚Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege unter deine Füße.‘? Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er sein Sohn? Und niemand konnte ihm ein Wort antworten, noch wagte jemand von dem Tag an, ihn ferner zu befragen“ (Verse 41–46).

Die Juden waren mit Christus schon zu Ende gekommen, Er aber noch nicht mit ihnen. Sie waren solche Führer wie Jannes und Jambres, die Mose widerstanden hatten. Ihre Verantwortung aber war noch größer. Denn sie widerstanden dem Christus Gottes und der Wahrheit (2. Tim 3,8). Daher möchte der Herr ihnen noch eine letzte Belehrung mit auf den Weg geben.

Im vorigen Abschnitt hatte Er sie darüber belehrt, dass „Gott lieben“ und „den Nächsten lieben“ die Summe des Gesetzes ist. Damit ist es gewissermaßen das „A und O“ eines Gott wohlgefälligen Lebens. Nun zeigt Er, dass derjenige, der vor ihnen stand, sowohl Jahwe als auch König, sowohl Gott als auch Mensch ist. Somit hatten sie die Pflicht, Ihn nach dem Gesetz in doppelter Hinsicht zu lieben: als Gott und auch als Nächsten.

Es ist jetzt also eine Botschaft, die mit der Herrlichkeit des Herrn zu tun hat. Diese sahen sie nicht. Sie wollten sie auch nicht anerkennen. Daher war dieser Glanz für sie mit Gericht verbunden. So reißt Er ihnen gewissermaßen ihre heuchlerische, heilige Maske ab, um dann in Kapitel 23 das Wehe und Gericht deutlich auszusprechen. Sie gehörten zu diesen bösen Hirten und Führern, von denen Sacharja geweissagt hatte (vgl. Sach 11,5.8).

Der Herr fragt sie: „Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er?“ Christus, das ist die griechische Übersetzung für Messias. Diese Menschen hatten noch nie anerkannt, dass der Herr Jesus dieser Christus war. So fragt der Herr auch ganz neutral, was sie von dem Christus des Alten Testaments dachten. Er bezieht das nicht ausdrücklich auf sich. Und diese Menschen wussten Bescheid. Ihnen war nicht unbekannt, dass der Messias der Sohn Davids sein musste, denn nur dadurch hatte er ein Anrecht auf den Königsthron.

Sohn und Herr

Nun aber kommt die entscheidende Frage des Herrn: „Wie nennt David ihn denn im Geist Herr, wenn er sagt: ‚Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege unter deine Füße.‘? Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er sein Sohn?“ Kann es das geben: Ist es möglich, zugleich Sohn und Herr zu sein?

Ja, das war möglich, aber einmalig, göttlich, und damit wahr. Denn die Vereinigung des Sohnes Davids mit dem Herrn bedeutete, dass der König selbst Herr, das heißt Jahwe, sein musste. Wir wissen: Das traf nur auf den Einen zu, auf den Herrn Jesus. Das ist für den Leser dieses Evangeliums nichts Neues. Von Anfang an wird der Herr nicht nur als Sohn Davids, sondern auch als Sohn Abrahams gesehen. Bereits im ersten Kapitel heißt es dann auch: „Dies alles geschah aber, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, der spricht: ‚Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen‘, was übersetzt ist: Gott mit uns“ (Mt 1,22.23). Der Herr Jesus war nicht nur Sohn Davids und Christus, sondern zugleich der Herr, Gott mit uns. Denn der angekündigte König für Israel sollte der „Sohn Gottes“ sein (Ps 2,7). Das konnte aber damals (und heute) nur jemand erkennen, der die Worte und Taten des Herrn als göttlich anerkannte und an Ihn glaubte. Die Pharisäer waren dazu nicht bereit und haben den wahren Wert dieser Worte Christi daher nicht verstehen können.

Der Psalm 110 ist ein besonderer Psalm. Zusammen mit Psalm 22, der ebenfalls von David gedichtet worden ist, enthält er nicht die Erfahrungen von David, sondern reine Prophetie. Daher sagt der Herr Jesus auch von David, dass er „im Geist“ den Sohn Davids Herr nennt. Er selbst konnte das nicht wissen, denn er kannte den wahren König nicht. Aber inspiriert durch den Geist Gottes konnte er von Ihm als von dem Herrn sprechen.

Wenn man den ersten Vers von Psalm 110 durchliest, wird man feststellen, dass dort zwei verschiedene Wörter für „Herr“ verwendet werden. „Der Herr [Jahwe, Jehova, der Gott des Volkes Israel] sprach zu meinem Herrn (adonai, der Herr)“. So wird hier ein Gespräch der Gottheit wiedergegeben, an dem wir teilhaben dürfen. Derjenige, der sich gegenüber Mose als der „ich bin“ offenbart hat, spricht zum Herrn Davids, der diesem Anweisungen geben konnte. Und was ist die Verheißung, die Er Ihm gibt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße!“

Wenn man bedenkt, dass dieser „Herr“ soeben vor den Pharisäern stand, wie konnte Ihm dann gesagt werden: „Setze dich zu meiner Rechten“? Ohne sie konkret auszusprechen, weist der Herr damit auf seine Verwerfung vonseiten der Juden hin, die Ihn in den Tod bringen würde. Er würde aber aus diesem auferstehen und in den Himmel auffahren. Bis zum öffentlichen Beginn seines Reiches würde Gott Ihm, der selbst Herr ist, einen Ehrenplatz zu seiner Rechten geben. Das Königreich selbst geht mit der Unterwerfung der Feinde, ja der Herrschaft über alle Dinge, einher. Danach würden die Feinde des Herrn zu seinem Fußschemel gemacht. Das sind im Vorbild diese Pharisäer, die sich Jesus immer wieder mit Bosheit und später mit Gewalttaten in den Weg gestellt haben. Und auf dieses Geschlecht von Feinden würde Christus seine Füße stellen. Das war damals noch ferne Zukunft. Nahe bevor aber stand jetzt, dass der Herr Jesus diesen Platz zur Rechten Gottes einnehmen würde. Zuvor aber musste Er noch in den Tod gehen.

Was für einen Ehrenplatz wird Gott seinem Christus schenken. Und was für einen Platz der Unterwerfung werden seine Feinde einnehmen müssen! Hätten das die Pharisäer verstanden, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt (vgl. 1. Kor 2,8). Aber ein rein verstandesmäßiges Wissen reicht zu dieser Einsicht nicht aus. Sie hätten sich dem Herrn auch bereitwillig unterwerfen müssen. Dazu aber waren sie nicht bereit.

König und Gott in einer Person

Wir finden also in diesen Versen die Herrlichkeit des Herrn als Sohn Davids und als Emmanuel miteinander verbunden. Das sehen wir nicht nur in diesem Abschnitt und in Kapitel 1. Immer wieder verbindet der Geist Gottes diese beiden Seiten der Person Christi. In Kapitel 2,3–6 wird durch das Zitat aus Micha 5 ebenfalls die Herrlichkeit des Königs mit der des HERRN verbunden. Schon in Jesaja 61,1.2 spricht der Geist Gottes von dieser Beziehung: „Der Geist des Herrn, Herrn, ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat [König], den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat ... auszurufen das Jahr des Wohlgefallens des Herrn [Emmanuel] und den Tag der Rache unseres Gottes und zu trösten alle Trauernden.“

Das Buch der Offenbarung schließt gewissermaßen mit diesem Blick auf den Herrn Jesus: „Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der glänzende Morgenstern“ (Off 22,16). Denn der Herr ist die Wurzel (Herr) und das Geschlecht (Sohn) Davids. Er hat das Anrecht auf den Thron als Nachkomme Davids, aber Er besitzt dieses Recht vor allem, weil Er der Schöpfer und Herr Davids ist. Wir können in dieses Geheimnis nicht eindringen. Dass der Herr Jesus Gott und Mensch in einer Person ist, wird in Ewigkeit für uns unbegreiflich bleiben. Wir beten Ihn aber für diese Herrlichkeit seiner Person in großer Dankbarkeit an!

Die Botschaft an die Pharisäer

Nun muss man erkennen, dass keiner der Zuhörer geschweige denn die Pharisäer diese Gedanken so verstehen konnten. Wir können das nach vollbrachtem Werk Jesu und durch den Besitz des Heiligen Geistes im Glauben annehmen und erfassen. Das aber war damals unmöglich, erst recht für den Unglauben. Was der Herr den Pharisäern vorstellt, ist die Aussage Davids, dass Christus als Sohn und Nachkomme Davids zugleich sein Herr ist. Er muss also zu Lebzeiten Davids längst gelebt haben und muss daher zwangsläufig Gott selbst sein. Das konnten sie annehmen und sich daher vor dem Herrn beugen. Sie wollten das nicht, und damit gingen sie verloren und verharrten auf ihrem Weg der Sünde und der Rebellion.

Christus wendet sich von den Führern Israels ab

Hiermit enden die Unterredungen des Herrn mit den Führern Israels. Sie haben ein weiteres Mal offenbart, wie schlimm der Zustand in Israel sein muss, wenn schon die Führer derart unbeugsam vor Jesus standen. Wer die Worte des Herrn annahm, sah klar wie das Sonnenlicht. Alle anderen waren und blieben in der Finsternis der Unkenntnis und der Ferne von Gott. Übrigens hängt auch für uns Christen alles von dem Anerkennen seiner Person und seiner Stellung ab. Wer Ihn als gestorbenen und verherrlichten Herrn annimmt, ist im Licht. Wer Ihn in dieser Herrlichkeit ablehnt, bleibt in der Finsternis. Seine Stellung als verherrlichter Mensch zur Rechten Gottes ist zugleich der Angelpunkt unserer christlichen Position.

Markus betont bereits im Anschluss an die Frage des Schriftgelehrten, dass die Pharisäer und überhaupt niemand mehr auch nur wagten, den Herrn Jesus zu befragen. Dort stellt die Frage des Herrn über Davids Sohn und Herrn eine Art Anhang dar. Matthäus wiederum zeigt nicht nur diese Reaktion, sondern auch, dass damit offenbar geworden war, dass niemand Ihm ein Wort antworten konnte. Einzigartig in seiner Vollkommenheit bleibt der Herr hier als der Letzte stehen (vgl. Hiob 19,25). Jetzt bleibt nur noch übrig:

  • das Aussprechen des Gerichts über die Führer in Israel (Kapitel 23),
  • die prophetische Rede über die gesamte Zukunftszeit (Kapitel 24.25),
  • bevor dann in Kapitel 26 die letzten 48 Stunden im Leben des Herrn beginnen sollten.

Die Führer des Volkes ziehen es vor, in Unwissenheit und auch in ihrem Hass gegen Jesus zu verharren. Mit diesem Hass würden sie den Herrn der Herren an das Kreuz bringen. Daher finden wir hier auch keine Antwort von ihnen auf die Frage und die Ausführungen des Herrn. Sie schweigen. Buße suchen wir vergeblich. Das nächste Mal werden sie ihren Mund öffnen, um zu rufen: „Kreuzige ihn!“

Besondere Kennzeichen in Kapitel 20,29–22,46

In den zwölf Abschnitten, die uns ab Kapitel 20,29 beschäftigt haben und welche die letzten öffentlichen Handlungen des Herrn vor dem Kreuz zeigen, finden wir in jedem Abschnitt drei besondere Kennzeichen:

  1. Wir erkennen Charakterzüge der treuen Übriggebliebenen. Durch diese Merkmale wird auch der zukünftige Überrest der Juden vor dem Kommen des Messias wieder gekennzeichnet sein.
  2. Wir lesen von Kennzeichen der ungläubigen Masse des Volkes, das sich gegen Christus auflehnt.
  3. Schließlich sehen wir auch jeweils einen wunderbaren Aspekt der Herrlichkeit des Herrn.

Diese Kennzeichen möchte ich nun abschließend aufzählen.

Kennzeichen der treuen Übriggebliebenen in Israel

  1. K. 20,29–34: Eigene Blindheit anerkennen und sehend werden wollen.
  2. K. 21,1–11: Den König annehmen und daher Christus annehmen.
  3. K. 21,12–17: Sich heilen lassen und dem König lobsingen.
  4. K. 21,18 22: Glauben haben.
  5. K. 21,23–27: Die Autorität des Königs anerkennen.
  6. K. 21,28–32: Sich vom Ungehorsam bekehren.
  7. K. 21,33–46: Frucht für Gott bringen.
  8. K. 22,1–14: Einladung zum Hochzeitsfest des Herrn annehmen.
  9. K. 22,15–22: Sich unter Gottes Urteil beugen und Gott seine Rechte geben.
  10. K. 22,23–33: Auf die Erfüllung der Verheißungen Gottes warten.
  11. K. 22,34–40: Das Gesetz Gottes ernst nehmen.
  12. K. 22,41–46: An der Seite des Sohnes Davids und Sohnes des Menschen stehen.

Kennzeichen des ungläubigen Volkes Israel

  1. K. 20,29–34: Meinen, trotz geistlicher Blindheit zu sehen.
  2. K. 21,1–11: Den König Israels nicht kennen.
  3. K. 21,12–17: Dem König das Lob verwehren.
  4. K. 21,18 22: Fruchtlos für Gott.
  5. K. 21,23–27: Die Autorität des Königs ablehnen.
  6. K. 21,28–32: Vorgeben, dem Gesetz zu gehorchen, es aber nicht tun.
  7. K. 21,33–46: Den König ermorden und keine Frucht bringen.
  8. K. 22,1–14: Gleichgültigkeit gegenüber dem König und seinem Sohn.
  9. K. 22,15–22: Weder Gott noch der Obrigkeit das ihnen Zustehende geben.
  10. K. 22,23–33: Rationalistisch und bibelkritisch.
  11. K. 22,34–40: Gesetzlos.
  12. K. 22,41–46: Feinde Gottes.

Die Herrlichkeit Jesu, des Königs in Israel

  1. K. 20,29–34: Christus, der Sohn Davids, der innerlich bewegt ist.
  2. K. 21,1–11: Christus, der sanftmütige König
  3. K. 21,12–17: Christus, der König-Priester, der die Heiligkeit Gottes auf der Erde vertritt.
  4. K. 21,18 22: Christus, der Herr Israels und Schöpfer.
  5. K. 21,23–27: Christus, der Himmlische.
  6. K. 21,28–32: Christus, der Herr des Volkes Israel (Weinberg).
  7. K. 21,33–46: Christus, der Sohn Gottes, der Stein, der Eckstein.
  8. K. 22,1–14: Christus, der Sohn Gottes, der Bräutigam.
  9. K. 22,15–22: Christus, der wahrhaftige und unbestechliche Lehrer.
  10. K. 22,23–33: Christus, der lebendig machende Gott.
  11. K. 22,34–40: Christus, der Gesetzgeber.
  12. K. 22,41–46: Christus, der verherrlichte Sohn des Menschen.

Fußnoten

  • 1 Matthäus spricht fünfmal davon: Kapitel 9,36; 14,14; 15,32; 18,27; 20,34.
  • 2 Jesaja 56 zeigt im Übrigen deutlich, dass der Herr vor seinem zweiten Kommen eine Art „Tempelreinigung“ vornehmen wird. Damit der Segen des 1.000-jährigen Friedensreichs kommen kann, muss der Tempel, die Stadt und das Volk gereinigt werden. Wir wissen, dass der Antichrist nicht nur das Bild des Kaisers im Tempel stationieren wird, sondern sich sogar selbst in diesen setzen wird (vgl. 2. Thes 2,4). So wird dieser antichristliche Tempel vom Herrn gereinigt werden müssen – das heißt, zerstört werden. Aber auch die Stadt, das Land und das Volk werden gereinigt werden. Das Mittel der Reinigung wird Gericht sein.
  • 3 Am Sonntag wurde der Herr von Maria gesalbt (Joh 12,1 ff.). Am darauffolgenden Tag, dem Montag, ging der Herr nach Jerusalem, auf dem Eselsfüllen reitend (Joh 12,12 ...). Am Dienstag verfluchte Er dann den Feigenbaum, reinigte den Tempel und kam am Mittwoch mit den Jüngern zurück, wo Petrus davon spricht, dass der Herr den Baum verflucht hatte.
  • 4 Dem Herrn Jesus geht es an dieser Stelle im Blick auf die Berufenen nicht um die Frage, ob „viele“ oder „alle“ berufen worden sind. Er zeigt, dass diejenigen, die berufen werden, eine große Anzahl sind. Es sind sogar alle Menschen, die aufgerufen werden umzukehren. Im Gegensatz zu denen, die berufen werden, sind die wahrhaft Auserwählten aber nur wenige. Wir wissen, dass nur wenige dem Ruf Gottes folgen und umkehren.
  • 5 Dieses „alle“ im Bibeltext sind natürlich nicht „alle“ im absoluten Sinn, sondern umfasst alle, die sie fanden. Aber er wird eben niemand ausgeschlossen – alle sind „eingeladen“.
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